Ida. Katharina Adler

“Ida” von Katherina Adler ist in diesem Herbst herausgekommen. In dieser Roman-Biografie geht es um eine junge Frau, die Sigmund Freud „um die Befriedigung (brachte), sie weit gründlicher von ihrem Leiden zu befreien.“

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Gut lesbar plus gewichtiger Kontext

Der Roman verbindet eine schön lesbare Geschichte mit gewichtigen Themen. In der Familiengeschichte der Hauptfigur gibt es Ehebruch und versuchten Kindesmissbrauch. Ida wehrt sich dagegen, dass Freud all ihre Beschwerden auf sexuelle Wunschträume zurückführt. Der Roman folgt von seiner Hauptfigur durch ihr Leben, gibt immer wieder Rückblenden. Spannend bleibt er durch den inneren Monolog Idas, der sie als oft unliebenswürdige, im Alter bittere Frau zeigt.

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Historische Fakten

Der Roman basiert auf historischen Fakten. Das jüdische Mädchen Ida, Patientin „Dora“, wurde von ihrem Vater zur Behandlung verschiedener Beschwerden zu Sigmund Freud gebracht. Dieser diagnostizierte eine „kleine Hysterie“. Freud verwendete mit Sprechkur und Traumdeutung neue Behandlungsmethoden. Sie brach eigenständig nach drei Monaten ihre Behandlung ab. Die Autorin Katharina Adler ist die Urenkelin von Ida Adler.

Ida war Patientin Sigmund Freuds

Ida war laut Freuds Akten eine widerspenstige Patientin. Im Roman „Ida“ wird dies ebenso erzählt. Das interessante Kunststück der Autorin besteht darin, uns als Leser und Leserin mit der Perspektive Idas allein zu lassen. Wir erfahren nicht, ob es für Ida besser gewesen wäre, sich behandeln zu lassen, oder ob die entscheidende Erfahrung in Idas Leben genau dies eine war: die Behandlung abzubrechen. Der Erzähler weiß nicht mehr als Ida und wir Lesenden auch nicht.

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Diagnose Hysterie

Die Diagnose Hysterie war im ausgehenden 19, Jahrhundert nicht ungewöhnlich für junge Frauen. Freud hatte zusammen mit Josef Breuer 1895 „Studien über Hysterie“ als Aufsatzsammlung veröffentlicht. Er entwickelte auf dieser Basis ein Konzept, das unbewusste Prozesse als hysterische Vorgänge definierte. Er meinte, der größte Teil neurotischer Erkrankungen sei auf sexuelle Erfahrungen zurückzuführen. Traditionell wurde in der Medizin die Hysterie als vielfältige Sammlung unterschiedlichster Beschwerden verstanden, die keine organische Grundlage haben. Problematisch ist der Begriff „Hysterie“, da er geschlechtsspezifisch verwendet wurde: Die Hysterie wurde als körperliche und psychische Störung verstanden, die von einer Erkrankung der Gebärmutter ausging.

Insgesamt ist „Ida“ ein gut lesbarer Roman, der seine gewichtigen Themen mit leichter Hand streift. Mehr zum Hintergrund…

Naked emperors: Criticisms of English contemporary art. Brian Sewell

Balsam für die geschundenen Nerven und Minderwertigkeitskomplexe all derer, die mit zeitgenössischer Kunst wenig anfangen können und oft von Kunstverständigen und Künstlern als Ignoranten und Banausen apostrophiert werden. Biestig für die zeitgenössischen Künstler und ihre Förderer, die sich von einem kompetenten und eloquenten Kritiker konfrontiert sehen. Für alle gemeinsam aber ein Buch, das hält, was es verspricht: Kritische Äußerungen über die englische zeitgenössische Kunst.

Wie das Foto erkennen lässt, war der 2015 verstorbene Sewell jemand, dem man durchaus selbst-ironische Tendenzen unterstellen kann. Kunst hingegen nahm er sehr ernst. Und das nahm man ihm übel. 1994 hielten es 35 (!) Protagonisten der zeitgenössischen Kunst für an der Zeit, ihm in einem offenen Brief an den „Evening Standard“ (für den Sewell als Kunstkritiker tätig war) vorzuwerfen: „homophobia“, „misogyny“, „demagogy“, „hypocrisy“, „artistic prejudice“, „formulaic insults“ und „predictable scurrility“.

Offensichtlich wurde Sewell als Kritiker sehr ernst genommen, ein verstecktes Kompliment immerhin. Mit einigen der Vorwürfe hatten die Kritiker des Kritikers auch bestimmt recht. Entkräftet haben sie seine Kritik an ihrer Kunst und ihrem Kunstverständnis damit allerdings nicht. Eingeschüchtert haben sie Sewell bestimmt nicht, denn der kritisierte emsig und jetzt noch vielbeachteter weiter.

Ein Ergebnis ist die Zusammenstellung von Artikeln Brian Sewells, die alle im „London Evening Standard“ erschienen sind. Sie sind allesamt auf hohem sprachlichen und auch intellektuellem Niveau auf den Punkt geschrieben, voll wunderbarer Formulierungen, erfrischend boshaft und keinesfalls anbetend Heiligen-verehrend.

Nein, die englische moderne Kunst hat wirklich keinen Fan an Brian Sewell. Dafür aber hat er gute Gründe, die er immer wieder beredt (und ziemlich unwidersprochen) darlegt.

Zu seinen kritischen Argumenten über zeitgenössische Künstler gehört vor allem, dass viele von ihnen letztlich nichts anderes tun, als immer wieder das umgedrehte Urinal von Marcel Duchamps von vor über einhundert Jahren zu kopieren, mit dem dieser damals seine Zeitgenossen provozieren wollte. Auch kritisiert er die Ideenarmut vieler Künstler, die über Jahrzehnte nicht mehr als eine einzige Idee zu variieren scheinen. Und er bedauert, dass echte handwerkliche Kunstfertigkeit nichts mehr gilt.

Den Förderern dieser Kunst wirft er Selbstbereicherung und Volksverdummung vor. In England (und sicherlich nicht nur dort) schiebt sich anscheinend eine recht kleine Clique von Museumsdirektoren und Kuratoren, gemeinnützigen Institutionen, Galeristen, Sammlern und Künstlern wechselseitig die monetären Schneebälle zu.

Dabei findet er nicht alles uniform schlecht, sondern differenziert und nuanciert. Tracy Emin, Damien Hirst, die Chapman Brothers und Lucian Freud zum Beispiel werden jeweils sehr anders von ihm beurteilt. Auch die großen Promotoren der englischen modernen Kunst, die Werbegröße Charles Saatchi und der Tate-Chef Nicholas Serota, werden nicht nur kritisiert, sondern auch in Teilaspekten positiv gewürdigt.

Sewell zu zitieren ist nicht leicht: Die Auswahl ist zu schwierig wegen der Fülle prägnanter Zitate. Zu einer Retrospektive englischer Kunst der Jahre 1965-1975 in der Whitechapel Gallery schreibt er im Jahr 2000:
„In revisiting this pretentious and dull trivia, the Whitechapel Gallery reminds us how arid it all was to both eye and intellect, and how utterly familiar it is, partly because the work of those contributing artists who are still alive has changed so little in the passage of a generation, and partly because so much of what they did has been done again and again by student imitators imitating imitations. It is all very well to argue that art must be disassociated from the skills of art, but to disassociate so far that the skills become disreputable, their exercise clear proof that the practitioner is not an artist, results in visual mayhem (…).“

Oder in einem Artikel von 1999:
„For twenty years I have locked horns with successive chairmen, panjandrums, secretaries and Councillors of the Arts Council, probing their Byzantine methods of selection and appointment, their often outrageous exploitation of appointment for professional advantage, and their buddy-boy and back-scratching patronage and subsidy, and with every poke and prod the stink of corruption has oozed froms this long-standing midden.“

Eine beeindruckende Sammlung knackig-kompetenter Kritiken. Nur das Cover ist völlig unvorteilhaft fad.
Naked Emperors: Criticisms of English Contemporary Art

Gut getroffen und fair – glaube ich – ist sein Nachruf im Guardian.