The First Artists – in Search oft the World´s Oldest Art. Michel Lorblanchet und Paul Bahn

„The First Artists” stellt die frühesten Artefakte der Menschheit vor und beschäftigt sich mit der Frage, wie alt diese frühen Zeugnisse sind. Das meiste ist verloren: Körperbemalung und Federschmuck erhalten sich nicht. Was bleibt, sind Bearbeitungen von extrem haltbaren Materialien wie Stein oder manchmal Knochen.

Wie alt ist die älteste Kunst?

Vor 3 Mio. Jahren sammelten Hominiden ungewöhnlich aussehende Steine und Fossilien. Rote Ocker-Farbe – durch Erhitzen entstanden – wurde zum Malen bereits vor mindestens 300.000, vielleicht sogar 400.000 Jahren verwendet. Die Verwendung von Pigmenten – auch schwarzem Mangan-Dioxid – trat stärker vor 70.000 und 40.000 Jahren auf. Steinwerkzeuge entstanden bereits vor 2,7 Mio. Jahren. Handäxte, die vor ca. 500.000 Jahren entstanden, zeigen deutlich, dass neben dem Verwendungszweck ästhetische Kriterien für das Werkzeug eine Rolle spielten. Figurative Darstellungen sowohl auf Landmarken wie in transportabler Form lassen sich seit der Zeit vor 35.000 bis 40.000 Jahren belegen. Das ist lange her…

„Current research may soon confirm that, before modern humans, Neanderthals were the first artist-painters on walls, through a few modest productions: dots, hand stencils and peckings.”

Ganz und gar verblüfft hat es mich, dass die ganz frühen Höhlenmalereien dadurch entstanden, dass Farbe mit dem Mund auf die Wandflächen gesprüht wurde.

Kratzspuren von Bären oder Finger-Malerei?

Die Autoren gehen in ihrem Buch chronologisch vor, zeigen und besprechen typische Beispiele von Artefakten. Besonders gut gefällt mir die Gegenüberstellung von Beispielen, die für mein laienhaftes Auge völlig gleich aussehen, von denen dann jedoch eines tatsächlich von Menschen gemacht und ein anderes zum Beispiel durch Bären verursacht wurde.

Pochen auf wissenschaftliche, archäologische Methode

Das Buch von Lorblanchet und Bahn zeichnet sich dadurch aus, ein gründliches, nachdenkliches Buch zu sein, in welchem Argumente, Hinweise und Belege unterschieden und jeweils klar benannt werden. Die spontane, zündende Idee, der alles andere weichen muss, ist nicht die Sache der Autoren. Dies macht ihr Buch manchmal etwas trocken, hin und wieder schwer zu lesen. Aber das, was sie sagen, hat Hand und Fuß. Ihr Buch gibt den Forschungsstand zu prähistorischer Kunst weltweit wieder. Zusätzlich bieten sie ein gut belegtes Plädoyer, immer und bei jeder Gelegenheit die Werke systematisch zu untersuchen, damit überhaupt eine Basis für das Verständnis früher Kunst vorhanden ist.

Nicht alles ist Kult

Ganz besonders ist Lorblanchet und Bahn das emotionale, einfühlende Verständnis mancher Wissenschaftler ein Graus, die lieber überall die Beweise für kultisches Handeln der frühen Menschen sehen wollen, als eine methodisch angemessene, wissenschaftliche Bestandsaufnahme von Funden zu machen. An mehreren Bespielen zeigen die Autoren in „The First Artists“, dass vermeintliche geometrische Kratzspuren auf Knochen der natürlichen Zersetzung des Materials geschuldet oder scheinbar gemalte Figuren nur die Folge von Geschiebe im Gestein sind…

Und irgendwie gelingt es den Autoren, so ganz ohne wahrnehmbare Bosheit einfach nüchtern Fazit der Belege zu ziehen. Beeindruckend.

Außerdem interessant sind

  • Der Film „Die Höhle der vergessenen Träume“ von Werner Herzog über die Malereien in der Höhle von Chauvet
  • „The Mind in the Cave“ von David Lewis-Williams
  • “Visions from the Past – The Archaeology of Australian Aboriginal Art” von M. J. Morwood mit vielen schönen Fotos

Beau death. Peter Lovesey

Noch recht frisch vom Druck – erschienen Ende 2017 – ist der neueste Krimi von Peter Lovesey, von dem wir schon einen früheren in diesem Blog besprochen haben. Wie alle seiner Reihe mit dem Polizei-Detektiv Peter Diamond spielt auch dieser in Bath. Alle wichtigen Sehenswürdigkeiten dürfen vorkommen. Vielleicht hilft’s dem Tourismus, vielleicht auch dem Autoren.

Sprachlich ist Lovesey ja überhaupt nicht mein Fall. Besser als Ann Cleeves, natürlich, aber schon deutlich unprätentiös, fokussiert auf Worte, die mit ein oder zwei Silben auskommen, umgangssprachlich, wenig Nebensätze, ein deutlicher Hang zum Offensichtlichen.

Trotzdem – ich lese ihn immer wieder, da seine Plots wirklich ausgezeichnet konstruiert und gekonnt umgesetzt sind. Dies gilt auch, vielleicht sogar ganz besonders für „Beau death“, der darüber hinaus auch noch eine gut verdauliche Auffrischung in Geschichte der Stadt Bath mitliefert, da Beau Nash, Chef alles Eleganten im Bath des 18. Jahrhunderts, nicht nur als Namensgeber dieses Krimis mitspielt. Ein anderer Rezensent schreibt: „The plot is one of Lovesey’s cleverest, and the book is full of his trademark wry humor.“

Die Aufmachung Nashs sollte man sich übrigens merken. Dann hat man zumindest am Anfang des Buchs einen Vorsprung.

Gut gefällt mir auch, dass man als Leser/in entsprechend der alten Krimi-Tradition alle Chancen hat, auf den Täter/die Täterin zu kommen. Alle Hinweise werden geteilt, nichts wird verheimlicht, man ist immer auf Augenhöhe. Es gibt noch nicht einmal viele Verdächtige. Trotzdem lag ich daneben….

Also: Sehr guter Plot, flott zu lesen, nicht brutal (wie ich vergessen hatte zu erwähnen), spannend, mit (für mich) überraschendem Ende – eine klare Empfehlung.

Vielleicht sollten wir Lovesey doch gelegentlich bei unseren empfohlenen unbekannten Krimi-Autoren ergänzen.

Aeneis. Vergil

Vergil!

Gefürchtet in Latein-Leistungskursen. Ein Star der Weltliteratur. Einflussreich überall in der westlichen Literatur, man denke nur an Vergil als Führer in Dantes Inferno. Die Bedeutung war so groß, dass Vergil es sogar zum Apotheker in Wales brachte. Wie es dazu kam, später in diesem Beitrag.

Zur Erinnerung:
Publius Vergilius Maro lebte von 70 – 19 vor unserer Zeitrechnung. Er war der staatstragende Dichter an sich unter Augustus. Bekannt ist er durch drei Werke: Die Georgica befassen sich mit Landwirtschaft. Die Eklogen sind bukolische Gedichte. In der Aeneis, seinem mit Abstand längsten Werk, schafft Vergil den Gründungsmythos Roms und wird Chefpropagandist von Augustus.

Für heute geeignet?
Sein Landwirtschaftswerk ist schon ein wenig sperrig. Aber die Aeneis ist spannend. Sie ist voller Abenteuer (Flucht aus dem brennenden Troja, Stürme, Schiffsbrüche!), Krieg (in Troja, in Italien…), Liebesgeschichten (Dido und Aeneas!). Sogar die Götter sind involviert (Juno ist gegen Aeneas).

Und das alles auf sprachlich hohem Niveau. Vergil wurde ja nicht als Propagandist berühmt, sondern als wirklich ausgezeichneter Schriftsteller!

Allerdings: Auf Hexameter muss man sich schon einlassen – der Sprachfluss im Deutschen ist nicht Prosa, sondern ein nervenzerrüttendes Ram-tata Ram-tata, egal ob das zur normalen Betonung der Worte passt oder nicht….
Im lateinischen Original ist das besser, hier wurden die Worte auch im Hexameter auf den Silben betont, die man auch beim normalen Sprechen betont hat. Der Hexameter richtet sich nach der Länge der Silben (Lang-kurzkurz….), nicht nach ihrer Betonung. Gelesen ergibt das eine wunderbare Spannung und einen beeindruckenden Rhythmus, der einen in den Bann ziehen kann, statt einen reif für eine Psychotherapie zu machen.

Ein Beispiel gleich vom Anfang, wo in Kürze dargestellt wird, worum es eigentlich geht:
„Arma virumque cano, Troiae qui primus ab oris
Italiam fato profugus Laviniaque venit
Litora, multum ille et terris iactatus et alto
Vi superum saevae memorem Iunonis ob iram,
Multa quoque et bello passus, dum conderet urbem
Inferretque deos Latio, genus unde Latinum
Albanique patres atque altae moenia Romae.

Auf deutsch, ohne Hexameter und Ram-tata:
Die Kämpfe und den Mann besinge ich, der als erster von Troja, durchs Schicksal ein Flüchtling, nach Italien kam und zur Küste Laviniums, viel über Lande geworfen und die hohe See durch die Gewalt der Götter wegen des nachtragenden Zorns der wütenden Iuno, viel auch im Krieg erleidend, bis er die Stadt (= Rom) gründete und die Götter nach Latium brachte, woher das latinische Geschlecht und die Väter Albas und die Mauern des hochragenden Roms (stammte).“

Zunächst einmal der Anspruch Vergils, der gleichzeitig auf Ilias („die Kämpfe“) und Odyssee („den Mann“, „Flüchtling“, „erleidend“) anspielt: Vergil als verdoppelter Homer. Dann der Inhalt: Es geht um eine noch nicht benannte Person, die als Kriegsflüchtling nach Italien kommt, um dort Rom zu gründen, zwischendrin alle möglichen Verwirrungen zu Lande und zu Wasser, auch erneut Krieg. Und das alles religiös aufgeladen: Die Götterwelt, vor allem Iuno, ist gegen ihn, aber es ihm vorbestimmt, Rom zu gründen und die eigenen Götter, die Götter Troias und seiner Ahnen, in Latium und Rom neu heimisch zu machen.
Alles kunstvoll verwoben in nur sieben Hexameter.  Nicht schlecht als Anfang.

Erklärt aber nicht, wie Vergil zum Apotheker wurde.

Da eine von Vergils Eklogen schon im ersten oder zweiten Jahrhundert so gedeutet wurde, als habe er Christi Geburt vorhergesagt, wurden ihm auch passend magische Qualitäten zugesprochen. Ab dem 12. Jahrhundert wurde er in einigen Gegenden sogar weniger als Dichter, sondern hauptsächlich als Zauberer und Wahrsager rezipiert. Diese Tradition schwappte auch nach Wales. Dort heißt Vergil in einer von zwei Varianten „Fferyll“: „Roedd Publius Vergilius Maro, Fyrsil neu Fferyll yn Gymraeg“. Diese walisische Version seines Namens wurde erst ein Synonym für Zauberer/Magier/Wunderheiler allgemein und dann als „fferyllydd“ das heutige Wort für „Apotheker“. Quod erat demonstrandum!

Und welche Übersetzung der Aeneis bietet sich an?
Prosaübersetzungen sind mir nicht bekannt, also in deutschen Hexametern. Und dann am Besten die klassische Übertragung von Johann Heinrich Voß, auch wenn oder weil diese von um 1800 stammt (Goethe fand die Übersetzungen von Voß toll). Vielleicht etwas freier übersetzt als neuere Versuche, aber sprachlich erheblich beeindruckender und dadurch dichter am Original.

Oder natürlich im Original: Andere haben sich vor ein paar Hundert Jahren auch schon die Mühe gemacht!

Gedichte. Li Bai

Alte chinesische lyrische Dichtung steht in einem sehr guten Ruf. So ähnlich wie alte chinesische Tuchzeichnungen. Nur lesen tut sie kaum einer. Genauso wie die Tuschzeichnungen in den Museen, die sie haben, eher ein Schattendasein fristen. Hochkultur eben. Oder besser: Zu-Hoch-Kultur.

Höher als Li Bai wird’s dabei kaum. Er gehört in eine Blütezeit der alten chinesischen Dichtung, die Tang-Dynastie, wurde geboren 701, starb 762. Neben seinem Kollegen und Zeitgenossen Du Fu war Li Bai eindeutig der Star der Szene. Wie viele seiner nachgeborenen Dichterkollegen gilt er als dem Alkohol sehr zugeneigt (irgendwoher muss die Inspiration ja kommen); auch ihm wird angedichtet, dass er, eben ein Genie, seine Gedichte innerhalb kürzester Zeit ohne Korrekturen zu Papier brachte. Bemerkenswert auch: Von Li Bai gibt es noch Originalhandschriftliches. Bei Betrachtung seiner Kalligraphie kann etwas an den Alkoholgerüchten dran sein…

Chinesische Dichtung geht eigentlich nur in chinesisch. Die Sprache ist extrem verkürzt, voller Anspielungen und voller Interpretationsspielraum.  Fast jede Übersetzung beseitigt notwendigerweise dieses Offene, Schwingende, Unbestimmte, da so etwas in den meisten anderen Sprachen, gerade im präzisen Deutschen, kaum geht.

Andererseits werden die Übertragungsschwierigkeiten auch gerne ins Mythisch-Heroische überhöht. Ein Beispiel hierfür, und zugleich ein Beispiel-Gedicht von Li Bai, findet sich in der deutschsprachigen Wikipedia. Es ist eine sehr typische vierzeilige Strophe (und gehört damit zum Typ Jueju für diejenigen, die es genau wissen wollen) mit Reimen zwischen den Zeilen 1, 2 und 4.

Das Gedicht heißt „yesi“, zu deutsch etwa „Nachtgedanken“:
„床前明月光
疑是地上霜
舉頭望明月
低頭思故“

In der Umschrift kann man die Reime gut erkennen:
„chuáng qián míng yuè guāng
yǐ shì dì shàng shuāng
jǔ toú wàng míng yuè
dī toú sī gù xiāng

Kryptisch wird es bei der sogenannten Übertragung, die völlig unsinnig den Eindruck vermittelt, als hätte Li Bai frei von jeglicher Syntax geschrieben:
„Bett – vor – hell – Mond – Strahl
zweifeln – ist – Erde – auf – Frost
heben – Kopf – blicken – hell – Mond
senken – Kopf – denken – alt – Heimat.“

Tatsächlich würde eine wörtliche Übersetzung etwa lauten:
Vor dem Bett heller Mondstrahl
So als wäre auf dem Boden Reif
Ich hebe den Kopf und sehe den hellen Mond
Ich senke den Kopf und denke an die Heimat.

Gut ist der Wikipedia-Beitrag, weil man auch sieht, wie lässig viele Übersetzer mit dem Original umgehen, z.B. der in Wikipedia zitierte Vincenz Hundhausen:
„Vor meinem Bette spielt ein weißes Licht.
Ist es der Morgen schon? Ich weiß es nicht.
Und wie ich zweifelnd hebe mein Gesicht,
seh’ ich den Mond, der durch die Wolken bricht.
Da muß ich mich zurück aufs Lager senken
und heimatlos an meine Heimat denken.“

Bei der Rückübersetzung ins Chinesische müsste man schon ein Genie sein, um wieder ein Gedicht wie das von Li Bai zu bekommen. Zeigt: Chinesische Dichtung ist besser als so mancher ihrer Nachdichter….
Und vor Mißbrauch ist man ja wirklich fast nirgends sicher, siehe die Li Bai Cocktail Hours von 18 bis 20 Uhr:

Wer sich trotzdem traut, findet auf unserer China-Seite den einen oder anderen Literatur-Tipp zu chinesischer Dichtung. Fast alles von Li Bai wurde von Erwin Ritter von Zach im frühen 20. Jahrhundert (gut) übersetzt. Es lohnt sich mehr als ein Cocktail.

Die Reise nach Indien. E.M. Forster

Edward Morgan Forster ist zwischenzeitlich eher durch die Verfilmungen seiner Romane als durch diese selbst bekannt. Den schwelgerisch-schwülstigen Filmen von James Ivory sei Dank.

Wie meistens jedoch sind die Bücher besser, falls es sich nicht um Verschreibungen gleichnamiger Filme handelt. Das Buch „A passage to India“, 1924 erschienen, gewinnt um Längen: Der Film kam erst 1984, 60 Jahre später, in die Kinos. Und bevor ich diesem Film unrecht tue: Er ist von David Lean gedreht worden, nicht James Ivory, und das macht einen Unterschied.

Forster (1879 – 1970), ist eine durchaus schillernde Persönlichkeit, zeitweise Mitglied des Bloomsbury Circle, homosexuell, intellektuell, später Honorary Fellow am King’s College in Cambridge, immer wieder einer der Favoriten für den Literaturnobelpreis. Vieles, worüber er schrieb, kannte er aus eigener Anschauung. So war er – wichtig für diesen Roman – zweimal selbst in Indien, das zweite Mal als Privatsekretär des Maharajah von Dewas.

„A passage to India“ nimmt sich Zeit. Kein Buch sich überschlagender Handlung. Statt dessen ein Buch des Beobachtens, Zuhörens, Nachdenkens, Wirken-Lassens. Forster verwendet Sorgfalt und Subtilität auf die Beschreibung der Menschen und ihrer Beziehungen zueinander. Man erfährt viel über das Innenleben der handelnden Personen.

Vor allem ist „A passage to India“ natürlich ein Buch über den britischen Kolonialismus in Indien. Die Personen des Romans werden alle dadurch einsortiert, wie sie zum jeweils anderen Land stehen und wie sie über den real existierenden Kolonialismus denken. Fast alle Facetten werden dabei abgedeckt, so gibt es zum Beispiel jeweils bei Briten und Indern die Naiven, die Arrangierten, die Opportunisten, die Zyniker, die Von-Außen-Beobachtenden.
Für mich macht dies, neben dem unauffälligen Humor Forsters, einen wesentlichen Teil des Reizes dieses Romans aus.

Eine typische Passage, es spricht Ronny Heaslop, ein junger Amtsrichter in Indien, zu seiner Mutter und seiner Verlobten:
„‚There’s no point in all this. Here we are, and we’re going to stop, and the country’s got to put up with us (…). Oh, look here,‘ he broke out, rather pathetically, ‚what do you and Adela want me to do? Go against my class, against all the people I respect and admire out here? Lose such power as I have for doing good in this country because my behaviour isn’t pleasant? You neither of you understand what work is, or you’d never talk such eyewash. (…) I am out here to work, mind, to hold this wretched country by force. I’m not a missionary or a Labour Member, or a vague sentimental sympathetic literary man. I’m just a servant of the Government; it’s the profession you wanted me to choose myself, and that’s that. We’re not pleasant in India, and we don’t intend to be pleasant. We’ve something more important to do.'“

Ein Kritiker hat einmal über Forster geschrieben:
„E. M. Forster is for me the only living novelist who can be read again and again and who, after each reading, gives me what few writers can give us after our first days of novel-reading, the sensation of having learned something.“

Klingt wie eine Empfehlung.

The remains of the day. Kazuo Ishiguro

Ab und zu lesen wir von diesem Blog dann sogar dieselben Bücher. Im vorherigen Beitrag war es noch dieselbe Autorin, aber ein anderes Buch. Jetzt wieder der identische Titel. Und wieder ist Kazuo Ishiguro an der Reihe mit seinem bekanntesten Werk „The remains of the day“.

Dem positiven Fazit meiner Vor-Besprecherin kann ich mich anschließen. Ein wirklich und richtig gutes Buch, rundherum zu empfehlen. Überaus lesbar, wirklich nicht seicht, für jeden zugänglich.

Allerdings lässt mich der Roman sehr bedrückt zurück. Mr Stevens, der Butler und Ich-Erzähler, hat letztlich sich selbst, seine eigene Person, seine Seele, sein Leben aufgegeben zugunsten einer Rolle, eines Jobs, seiner Profession als Butler. Absichtlich, da seiner Meinung nach nur der ein ausgezeichneter Butler sein kann, der ganz diese Rolle lebt.

Das ist sogar noch radikaler, als ein Mönchsgelübde abzulegen. Und das ist weit verbreitet in der heutigen Leistungsgesellschaft, in der dem Beruf häufig unbedingter Vorrang vor dem Privatleben eingeräumt wird/werden soll.

Für Stevens heißt das, dass er keine sozialen Beziehungen hat, dass er nur über die sehr gepflegte, aber doch formalisierte Butlersprache verfügt. Seinen Vater zum Beispiel spricht er in der dritten Person Singular an. Als dieser im Obergeschoss im Sterben liegt, hat er keine Zeit für ihn – die Pflicht geht vor, es sind gerade Gäste da. Der entzündete Zeh eines Gasts hat Vorrang vor dem tödlichen Schlaganfall des eigenen Vaters.

Ganz funktioniert das nicht mit dem Aufgeben der eigenen Person. Stevens stehen dann doch die Tränen in den Augen. Aber es ist ein Triumph seines Butler-Seins, dass er dem nicht nachgibt, dass er Haltung bewahrt, sich sonst nichts anmerken lässt.

An den wenigen Tagen der bis dahin einzigen Reise seines Lebens, die den zeitlichen Horizont der Romanhandlung bilden, kommt er ernsthaft ins Grübeln. Er fasst sogar den Vorsatz, sich zu ändern, mehr Humor und menschliche Wärme zu zeigen.

Aber dann geht’s doch schief, menschliche Wärme und Humor werden zu Funktionen der Butler-Profession, die berufliche Rolle gewinnt über sein Leben, über das, was von seinem Leben übrig ist:
„It occurs to me, furthermore, that bantering is hardly an unreasonable duty for an employer to expect a professional to perform. I have of course already devoted much time to developing my bantering skills, but it is possible I have never previously approached the task with the commitment I might have done. Perhaps, then, when I return to Darlington Hall (…) I will begin practising with renewed effort. I should hope, then, that by the time of my employer’s return, I shall be in a position to pleasantly surprise him.“

Humor als Pflicht. Nicht komisch mehr, tragisch.

Snowdon: the biography. Anne de Courcy

Dieses ist das zweite Buch von de Courcy, das wir in diesem Blog besprechen. Das erste, „The fishing fleet„, kam sehr positiv weg. Das zweite, über den britischen Fotografen, Jetsetter und Prinzessinnen-Gatten Lord Snowdon, früher geschrieben, hat es nicht so gut.

Positive Nachricht: Spätere Bücher von de Courcy sind besser als frühere – da hat sich die Autorin positiv entwickelt.

Snowdon
Lord Snowdon (*1930, †2017), oder auch: Antony Armstrong-Jones, first Earl of Snowdon und später Baron Armstrong-Jones of Nymans war ein bahnbrechender britischer Fotograf, ein versierter Designer, setzte sich insbesondere in den späteren Jahrzehnten seines Lebens sehr für ein besseres Leben von behinderten Menschen ein, förderte als Provost des Royal College of Arts die bildende Kunst, hatte immer großes Interesse an Frauen, war mit allen Größen des britisch-amerikanischen Jetsets bekannt, lebte gerne mal ohne Bad und Zentralheizung, aber auch mal mit allen Extras und Personal, und war mit Princess Margaret, der Schwester von Königin Elizabeth II., bis zur Scheidung verheiratet. Er war sehr mit sich beschäftigt und auf sich fokussiert, tat sich mit dauerhaften engen Beziehungen schwer, setzte sich selbstlos für andere Menschen ein, war – wenn er wollte – Charme in Person.

Was immer er tat, tat er mit voller Überzeugung, voller Energie, vollem Risiko und oft vollem Erfolg.

Einen guten Überblick über die verschiedenen widersprüchlichen Facetten dieses Menschen gibt auch ein Nachruf des BBC.

Die Biographie
Fast immer ein schlechtes Zeichen, wenn Biographie mit einem bestimmten Artikel zu „DIE Biographie“ verbunden wird.
Noch gefährlicher: Wenn in den Acknowledgments ein Satz auftaucht wie „It only remains to add not only my admiration but also my affection“ für die Person, über die geschrieben wird….
… und wenn diese Person noch lebt.

Positiv:
Snowdon ist nicht nur Licht oder nur Schatten in dieser Biographie, sondern eine realistische Kombination aus beidem. Wie der Guardian in seiner wirklich guten Rezension des Buchs schrieb: „(…) it is impossible here to convey the combination of high society and low morals, of frightfully good tase and awful cheese that de Courcy has managed to dish up.“
Auch schreibt de Courcy durchaus lebhaft und wählt die geschilderten Anekdoten und Zitate recht geschickt aus. Beispiel: Snowdon und Prinzessin beim Sonnenbaden auf reflektierender Folie, um möglichst gleichmäßig zu bräunen – Snowdon, der für seine Ehe-Prinzessin eine Liste findbar liegen lässt „things I hate about you“.

Anstrengend dagegen:
Die Biographie bleibt sehr an der Oberfläche, im Anekdotischen. Es gibt letztlich keine Passage, die ähnlich geschrieben nicht auch in eine einschlägige Gesellschafts-Zeitschrift gepasst hätte. Typisch hierfür die gelegentlichen Fußnoten wie „Nephew of the Prime Minister Sir Alec Douglas-Home (later the 14th Earl of Home) and his brother the playwright William Douglas-Home“ mit ihrem Fokus auf Einträge in Burkes Peerage.
Über mehr als 300 Seiten kann das ermüden, wenn man nicht sowieso Abos solcher Zeitschriften hat und sie immer von vorne bis hinten liest (wobei die Zeitschriften ja meist mehr auf Bilder fokussieren….).

In Summe: Wer sich für eine Fallstudie von Eitelkeit interessiert, liegt hier in jeder Hinsicht richtig.

 

 

Wer war Ingeborg Bachmann? Ina Hartwig

Diese Biografie zur berühmten Dichterin und Roman-Autorin ist eine in Bruchstücken. So auch der Untertitel.

Was leistet diese Biografie?

Ausgehend von einem ikonografischen Foto der Bachmann richtet Ina Hartwig ihre Aufmerksamkeit auf verschiedene Aspekte des Lebens von Ingeborg Bachmann explizit ohne Anspruch auf Vollständigkeit oder Konsistenz. Fotos aus unterschiedlichen Jahren bereichern und pointieren die gewählte biografische Form: da gibt es das Mädchen, die Diva, die Dame von Welt, die Scheue, die Selbstbewusste, die Kranke. Bachmann gehört nicht zu meinen erklärten Lieblingsautorinnen, dennoch habe ich diese Biografie außerordentlich genossen.

Biografische Phasen

Hartwig wählt zum Beispiel die Gerüchte um den Tod Bachmanns als historischen Anker, ebenso ihre Liebesgeschichte mit Paul Celan und ihr Leben als Stipendiatin im Berlin der 1960er Jahre:

  • Krieg am Sterbebett
  • Der Mann mit dem Mohn
  • Berlin, Germany

Themen

Politisches Engagement sowie eine Reise in den Orient und das Thema „Vater“ nutzt Hartwig für weitere Schlaglichter auf Ingeborg Bachmann in den Kapiteln

  • Körperwerk der Politik
  • Orgie und Heilung
  • Guter Vater, böser Vater

„Ingeborg Bachmann gilt als weltentrückte „Schmerzensfrau“ der deutschsprachigen Literatur. Auf solches Raunen verlässt sich Ina Hartwig nicht. In ihrer neuen Biografie über die Schriftstellerin wird sie erfrischend konkret – ihr Buch ist ein anekdotenreiches Zeitpanorama. „Wer war Ingeborg Bachmann?“ – mit diesem bodenständigen, äußerst unaufgeregten Titel gibt die Biografin Ina Hartwig die Richtung an: Fern von allem Pathos zeichnet die Publizistin und Kritikerin die Lebensstationen der österreichischen Dichterin nach. Und dieser Blick tut gut bei einer Autorin, bei der es die Mythenbildung leicht hatte: Bachmanns kometenhafter Aufstieg in den Fünfzigerjahren, ihre glamourösen Auftritte, ihre Beziehungen zu Paul Celan und Max Frisch und ihr rätselhafter Tod 1973 waren jahrzehntelang die Grundlage für immer neue Projektionen.“ (Quelle Deutschlandfunk Kultur)

Erinnerungen von Zeitzeugen

Hartwig leistet sich bruchstückhaftes Erzählen, sie nimmt sich selbst interpretatorisch zurück. Das gelingt und ist interessant, da sie Erinnerungen von Zeitzeugen verwendet, deren hohe Subjektivität sie bewusst einsetzt, um so das widerspruchsvolle Bild von „der Bachmann“ zu entwickeln:

  • Ein Kritiker
  • Gespräche mit Zeitzeugen

Methodisch ähnlich, jedoch als Biografie einer Gruppe junger Frauen geht Lyndall Gordon in „Shared Lives“ vor.

Chinesische Tapeten in Großbritannien und Irland. Emile de Bruijn

Chinesische Tapeten, als ob es sonst nichts gäbe, womit man sich beschäftigen könnte!

Tapeten: eine chinesische Erfindung
Dabei haben fast alle Menschen in Deutschland Tapeten in ihren vier Wänden. Und kaum einer weiß, dass zu den vielen Dingen, die ursprünglich in China erfunden worden sind, auch die Tapete gehört, erstmals wohl während der Han-Dynastie um Christi Geburt, ab dem 4. Jahrhundert auch und zunehmend in Papierform.

Gestalterisch geprägt wurden diese chinesischen Tapeten von der traditionellen chinesischen Malerei. Damit waren sie auch eher ein Gegenstand der Kunst und weniger des Designs oder schlicht der Innendekoration. Die Motive: Florales mit Vögeln und Insekten oder Landschaften oder Genreszenen oder Kombinationen hiervon.

Chinesische Tapeten: ein Exportschlager in Europa
Der Export chinesischer Produkte insgesamt nach Europa gewann im 16. Jahrhundert an Bedeutung. Tapeten im heutigen Sinn wurden ab der Mitte des 18. Jahrhunderts in diesem Geschäft wichtig. Die Glanzphase dauerte dann bis in das frühe 19. Jahrhundert. Wichtig dabei: chinesische Tapeten hatten immer viel mit Handarbeit zu tun. Zwar wurden im 18. Jahrhundert auch Holzschnittdrucke verwendet, aber diese wurden von Hand ausgemalt. Anschließend war die Mehrzahl der Tapeten komplett handgemalt, meistens gemalt nach Mustern, die vielfältig variiert und kombiniert wurden.

Damit erklärt sich auch, dass solche Tapeten keine Massenprodukte waren. Sie kosteten im 18. Jahrhundert etwa siebenmal so viel wie europäische Tapeten. Für eine einzige Tapetenbahn hätte ein Pfarrer etwa einen Monat arbeiten müssen.

Chinesische Tapeten: Ein Spätzünder am Kunstmarkt und in der Forschung
Obwohl relativ viele alte chinesische Tapeten in Europa erhalten sind, waren sie lange Zeit ein Mauerblümchen am Kunstmarkt und in der Forschung. Richtig erschlossen wurde es dann in den 1980er Jahren von einer Deutschen, Friederike Wappenschmidt, von der auch das Standardwerk „Chinesische Tapeten für Europa: Vom Rollbild zur Bildtapete“ stammt.

Das Buch von de Bruijn
Das in englischer Sprache als „Chinese Wallpaper in Britain and Ireland“ 2017 erschienene Buch von de Bruijn könnte dem Thema viel neuen und verdienten Schwung nicht nur auf den britischen Inseln verleihen. Die Illustrationen sind zahlreich, durchgängig in Farbe, von ausgezeichneter Qualität (außer wo Tapeten nur durch Schwarzweiß-Fotos überliefert sind). Der Text ist sehr zugänglich geschrieben. Der Autor kennt sich aus. Und – ein nicht sehr häufiges Glück – er bringt den historischen, sozialen, kulturellen, handwerklichen Kontext mit ein, sowohl in Europa als auch in China. Ein wirklicher Genuss, rundherum.

Muss man also den europäischen Kontinent verlassen, um sich alte chinesische Tapeten im Original anzuschauen?
Muss man nicht. Auch in Deutschland gibt es gut erhaltene, hochwertige Beispiele. In und bei Berlin in Schloss Charlottenburg, Schloss Rheinsberg; Wörlitz ist vertreten; München durch Schloss Nymphenburg mit der Amalien- und Badenburg; in Hessen die Hallenburg in Schlitz und Schloss Hohhaus in Lauterbach; Baden-Württemberg hat Schloss Schwetzingen; Franken Veitshöchheim, Werneck und Bayreuth. Die Liste lässt sich noch eine Weile fortsetzen. Am vollständigsten für Deutschland findet man sie im genannten Buch von Wappenschmidt.

Und für die eigenen vier Wände?
Wenn man das nötige Kleingeld hat, kann man sich auch weiterhin handgemalte chinesische Tapeten gönnen. Firmen wie de Gournay und Fromental lassen weiterhin in China arbeiten. Und für den etwas budget-orientierteren Menschen finden sich auch bei anderen Tapeten- oder sogar Fliesenherstellern immer wieder Designs, die mehr oder weniger gelungen von den Originalen des 18. und 19. Jahrhunderts inspiriert sind.

Sollte sich jetzt jemand noch mehr für China interessieren: In diesem Blog gibt es hierfür sogar eine Extraseite!

Der Maler der fließenden Welt. Kazuo Ishiguro

Ich mag Roman-Autoren, die erste Sätze schreiben können. Kazuo Ishiguro in seinem zweiten Roman, „An Artist of the Floating World“, gehört ganz deutlich dazu:
„If on a sunny day you climb the steep path leading up from the little wooden bridge still referred to around here as ‚the bridge of hesitation‘, you will not have to walk far before the roof of my house becomes visible between the tops of two gingko trees.“

Vorsichtig, eventuell, Zögern – Vergangenheit, Tradition, Kontinuität und Veränderung – steiler Weg, Brücke – Ich-Erzähler, wir und die anderen – Asien – Dinge, die erst nach und nach sichtbar werden. Viele, eigentlich alle Akzente werden gesetzt, die kennzeichnend und wesentlich sind für den gesamten Roman.

Der Guardian zählt diesen Roman zu den 100 besten in englischer Sprache, bevor Ishiguro den Literatur-Nobelpreis bekommt, damals im Jahr 2015, Platz 94. Die anderen, bekannteren Bücher von Ishiguro tauchen auf der Liste nicht auf. Also der beste Roman von ihm?

Beurteilen kann ich das nicht, da dies der erste Roman ist, den ich von Ishiguro gelesen habe. Meine Kollegin in diesem Blog fand einen anderen, „The remains of the day„, ebenfalls ausgezeichnet. Vielleicht ist er aber tatsächlich besonders:

  • dieser englische Autor mit japanischem Hintergrund schreibt über Japan
  • sein exquisiter und sparsamer Stil erinnert an die ebenfalls exquisite Sparsamkeit japanischer Kunst, ohne dadurch nicht mehr ausgezeichnet Englisch zu sein.

Der Inhalt

Passabel, aber zugleich viel zu platt und zu konkret zusammengefasst im deutschen Klappentext: „In den dreißiger Jahren hat der Maler Masuji Ono seine Kunst in den Dienst der japanischen Expansionspolitik gestellt. Jetzt, nach dem Krieg, ist sein damaliger Hurrapatriotismus anrüchig geworden, und als seine Tochter heiraten will, wird seine politische Vergangenheit zur Belastung für die Familie. Seine Lebensbeichte offenbart ein heilloses Geflecht von Schuld und Irrtum und ist ein Läuterungsprozess, nach dem er nicht mehr derselbe sein wird wie zuvor.“

Das Buch ist wirklich viel, viel besser, als diese Inhaltsangabe vermuten lassen würde.

Was mich besonders beeindruckt

Die phänomenale Konsistenz zwischen dem Charakter des Ich-Erzählers und der Sprache, in der er erzählt. Die Fähigkeit, auch schreckliche Ereignisse deutlich werden zu lassen, ohne dabei konkret und plakativ zu werden. Der vignettenhafte Blick auf nur wenige Personen in einem kurzen Zeitfenster, der ein ganzes Land und eine ganze Epoche erscheinen lässt.

Und was bedrückt

Eine wirkliche Auseinandersetzung mit der Vergangenheit schafft keine einzige der Personen im Buch, egal auf welcher Seite sie standen, egal aus welcher Generation. Am besten gelingt dies vielleicht noch dem Ich-Erzähler, aber auch er kommt nur bis zu dem etwas vagen Satz:
„Our nation, it seems, whatever mistakes it may have made in the past, has now another chance to make a better go of things. One can only wish these young people well.“

Und die jüngste Generation, vertreten durch den Enkel des Ich-Erzählers, begeistert sich zwar für amerikanische Rollenmuster wie Cowboys und Popeye. Chauvinismus und eine Neigung zu Traditionen aus der Vorkriegszeit sind aber bei diesem Kind, das noch keine 10 Jahre alt ist, bereits angelegt und entwickeln sich.

Erstaunlich

Ein solches wirklich großartiges Buch wie dieses bekommt man als Taschenbuch für unter 10 €. Dafür kann man nicht ins Kino gehen.