Whisky für drei alte Damen oder Wer geht den hier am Stock? Minna Lindgren

Whisky für drei alte Damen oder Wer geht den hier am Stock? von Minna Lindgren

Whisky für drei alte Damen oder Wer geht hier am Stock?: Roman (Die Abendhain Romane, Band 2)

Der Titel ist einfach dämlich; der Untertitel auch. Die Übersetzung aus dem Finnischen offenbar auch.

Gibt es dennoch Gründe, das Buch zu lesen? Ja, die gibt es.

Gründe das Buch zu lesen

Es gibt mehrere Gründe, „Whisky für drei alte Damen“ zu lesen:

  1. Das Buch ist ein Senioren-Roman
  2. Es ist ohne Kitsch
  3. Es behandelt all die relevanten Themen des hohen Alters.

Themen des Buchs

Thematisiert werden einerseits organisatorische Fragen wie zum Beispiel, welche Möbel kommen mit ins Betreute Wohnen, ist der mitgenommene Schmuck sicher, wie kommt man vom Wohnheim in die Innenstadt, wer kommt zu Besuch, wo nimmt man Nahrung zu sich, wie können Tagesabläufe im hohen Alter aussehen.

Andererseits kommen auch die schwierigen Themen des Alters vor, und dies in nicht versüßter Form: Da gibt es die alte Dame, die ihren Mann darin unterstützen möchte, zu sterben. Vergesslichkeiten, Demenz und Krankheiten nehmen den Protagonisten die Spielräume. Fehlende Kraft, sich anzuziehen, aber auch Lust und Liebe im Alter kommen vor. Und auch, dass es keinen Grund mehr gibt, vormittags keinen Rotwein zu trinken.

Die Handlung von „Whisky für drei alte Damen“

Drei Damen und der im Altersheim angeheiratete Ehemann, Ex-Botschafter, fliehen aus ihrem Wohnheim, während dort umfangreich modernisiert wird. Sie ziehen gemeinsam in eine Wohnung und leben nun in einer WG.

„Hier sitzen wir ganz entspannt, umgeben von Toilettenbrillen. Zum Glück können die nicht noch erzählen, was sie alles gesehen haben. Ich denke, ich kann meine Brille erkennen. Bei mir war nämlich mal der Deckel zerbrochen, und ich habe einen neuen gekauft, nachdem die Heimleiterin mir erklärt hatte, dass ich einen schriftliche Bericht verfassen und einen Antrag an die Stiftung Pflege und Liebe für Senioren stellen müsse. Da ich keine Lust hatte, auf dieses Almosen zu warten, habe ich mir diesen lustigen, bunten ausgesucht.“

Es ist eine leichte Lektüre, ja. Aber nicht doof, wie der Titel suggeriert.

 

Bilderbuch der Wüste – Maria Reiche und die Bodenzeichnungen von Nasca. Dietrich Schulze und Viola Zetzsche

Die Biografie ist lesenswert, da die Person Maria Reiche so interessant ist. Der Erzählstil ist sehr konventionell, chronologischer Bericht, wenig zeitgenössischer Kontext.

Von Dresden nach Peru

„Maria Reiche nutzte für ihre Arbeit die Morgenstunden kurz nach Sonnenaufgang. Licht und Schatten der schräg einfallenden Sonnenstrahlen zeichneten scharfe Konturen auf den Boden, die in den Mittagsstunden in hell gleißendem Grau verschwammen – für die Augen unangenehm und äußerst ermüdend.“

Reiche wurde 1903 in Dresden geboren, starb 1998 in Peru. Sie war akademisch ausgebildet und hatte ein großes Talent für Mathematik und Geometrie. Sie kam aus einer angesehenen bürgerlichen Familie. Den Sinn ihres Lebens hatte Maria Reiche gefunden, nachdem sie aus Deutschland fortgegangen war, in Peru heimisch wurde und ihr Leben der Erforschung sowie dem Erhalt der Nasca-Figuren mit Leidenschaft widmete. Hierfür nahm sie lebenslange Armut in Kauf.

Figuren in der Wüste

Brief an die Schwester vom Mai 1971 Maria Reiche: „ Ich habe nun den endgültigen Beweis für den Schlüssel zu Entzifferung der Pampa. Bei zwei Figuren habe ich die Maßeinheit, den Fuß, bis auf 2 Dezimale bestimmen können. (…) Für jede Figur muss ich die Maßeinheit erst feststellen, da sie von einer zur anderen variiert, aber dieselbe ist in einer Figur. (…) Die Bedeutung der ganzen Sache liegt darin, dass man mit einem Fuß einen Tag darstellte und so lange Kalenderzyklen in Form von Figuren aufgezeichnet hat.“

Artefakte der Nasca – keine Landebahnen Außerirdischer

Die „Bilder“ in der Wüste, eine Art Geoglyphen sind Artefakte der Nasca. Diese Bevölkerungsgruppe hat in der Wüste Perus auf über 250 Quadratkilometern riesige Figuren entwickelt. Sie sind nur aus der Höhe erkennbar und bestehen aus riesigen Pflanzen und Tierfiguren, Netzwerken von Linien und geometrischen Formen. Auf der Basis von Grabbeigaben der Umgebung werden die Figuren auf die Zeit von 800 v. Chr. bis 600 n. Chr. datiert.

Reiche hat deren Zerstörung verhindert; heute sind sie UNESCO-Weltkulturerbe.

The Lady in the Van. Alan Bennett

„The Lady in the Van“ von Alan Bennett ist die Geschichte über eine obdachlose Frau, die mehrere Jahre auf dem Grundstück Bennetts in ihrem schrottreifen Auto lebte. Sie beruht auf wahren Begebenheiten, und der schmale Band besteht aus Auszügen des Tagebuchs von Alan Bennett.

The Lady in the Van

Miss Shepherd, die dickköpfige, exzentrische Obdachlose ist hierbei alles andere als eine freundliche Mitbewohnerin. Dennoch lebte sie nach der initialen Einladung Bennetts 15 Jahre lang bis zu ihrem Tod auf seinem Grundstück in London.

The Lady in the Van: A BBC Radio 4 adaptation

Wunderbar ist der lakonische Erzählstil; alles hat hierin Platz: die Wut über die Mitbewohnerin, das Mitleid mit ihr, das Amüsement. Distanz und Nähe. Letztlich der immerwährende Versuch, Antworten auf die Frage zu finden, welche Haltung gegenüber einem obdachlosen Menschen angemessen ist. Alle Antwortversuche beinhalten dabei implizit auch die Frage nach der Angemessenheit der Kriterien. Kleidung, Ordnungsliebe, Sauberkeit, Freundlichkeit, Unterhaltungswert… welche ziehen wir heran? Und welche Meßskala?

The Lady in the Van

„June 1977. On this day of the Jubilee, Miss S. has stuck a paper Union Jack in the cracked back-window of the van. It is the only one in the Crescent. Yesterday she was wearing a headscarf and pinned across the front of it a blue Spontex sponge fastened at each side with a large safety pin, the sponge meant to form some kind of peak against the (very watery) sun. It looked like a favour worn by a medieval knight, or a fillet to ward off evil spirits. Still, it was better than last week’s effort, an Afrika Korps cap from Lawrence Corner: Miss Shepherd – Desert Fox.”

The Lady in the Van. Movie Tie-In: And Other Stories

Das Buch wurde 1989 veröffentlicht, dann für die Bühne umgeschrieben und 1999 als Theater-Stück uraufgeführt. Theaterstück wie die Film-Adaption zeig(t)en die sensationelle Maggie Smith in der Rolle von Miss Shepherd.

The Landscape of Ideas. Patrick Nuttgens

“The Landscape of Ideas” von Patick Nuttgens ist ein Buch über den “Sinn” der wichtigsten Architektur-Stile.

Landscape of Ideas

Um es vorneweg zu sagen: das Buch ist alt. Erschienen 1972. Und gleich noch etwas: ich habe drei Anläufe gebraucht, dieses Buch bis zum Ende zu lesen. Obwohl es nur 109 Seiten besitzt und voll schöner Illustrationen ist. Wer nun jedoch meint, es sei ein schlechtes Buch, liegt falsch.

Der Ansatz ist mutig

In kurzen Kapiteln von 10 bis 20 Seiten Länge bringt Nuttgens auf den Punkt, welchen Grund, welche Ideale, welche Bedeutung die wichtigsten Architektur-Stile Europas haben. Das ist ein Ansatz, der für einen platten Taschenbuch-Ratgeber passen würde; im Sinne von „Was Sie über die Renaissance wissen sollten“. Aber platt ist der Autor ganz und gar nicht. Deshalb packt er in 10 Seiten so viele Ideen hinein, dass man den Impuls verspürt, nach jedem Absatz erst einmal gründlich zu denken. Keine schlechte Leistung! Die Sprache des Autors allerdings leistet ihren ganz eigenen Beitrag zu mangelnder Verständlichkeit…

„Essentially there were two contrasts – the contrast of enclosure and open space, and the contrast of natural and manmade. We can now go on to see how they can be seized upon and exploited to make a deliberately sacred landscape. It can be created by the manipulation of such inevitable contrasts (…). One such was very deliberate: the contrast of light and dark. (…) The environment created by the Greeks of the Hellenic period can be said to express an idea; (…) because, they developed an eye for combinations of landscape features as expressive of particular holiness. They went further. They placed in that landscape temples and subsidiary buildings so as to complement, or sometimes contradict, the “meaning that was felt in the land”.”

Inhalt

Die Kapitel thematisieren die Zeit von der Prähistorie bis in die 1960er Jahre. Die Kapitel hierzu befassen sich mit

  • Prähistorie: The functional environment
  • Griechische Antike: The landscape oft the gods
  • Gothik: The metaphysics of light
  • Renaissance und Barock: Calculated nature
  • England um 1900: The common or garden city
  • 1960er Jahre: The man in the clover leaf

Ausblick auf die Zukunft aus Perspektive der 1960er

Das Buch ist heute noch lesenswert, da es kluge, intellektuell anspruchsvolle Ideen formuliert und weiterhin Hypothesen zur künftigen Entwicklung enthält, die sich im Rückblick vielleicht als weise erwiesen haben. Interessant ist der Nachruft zu Nuttgens im Telgraph.

„Here then is a world which is man-made, dominated by technology and made possible by power. It is characterized by movement and flow, by the need for technical information and a know-how recognized by society, by conformity to the patterns that that society demands. The person dependent upon or subject to all these forces is urban or technopolitan man, herded into privacy and isolation, hopelessly dwarfed by the huge scale that technology requires. He is the man in the clover leaf (Kleeblatt-Autobahn-Kreuz) and he contrasts with the man in the fig leaf, the man living in nature and simplicity with God around the corner.”

Buddenbrooks. Thomas Mann

Ein Buch wie geschaffen für die Ferienzeit, denn es ist viel zu dick, um, ohne den Faden zu verlieren, immer mal wieder zwischendurch weiterzulesen: die „Buddenbrooks“, wozu der Fischer-Verlag anmerkt: „Das Werk, das Thomas Mann berühmt machte und ihm den Nobelpreis einbrachte.“ Allein der Eintrag bei Wikipedia zieht sich endlos dahin….

Vor Jahren habe ich dieses Buch schon einmal gelesen und hatte es – wie viele andere Romane von Thomas Mann auch – positiv in Erinnerung. Und gute Bücher kann man ja bekanntlich nicht oft genug lesen.

Allerdings fürchte ich, dass ich zu einem dritten Mal keine Lust mehr haben werde. Woraus sich schließen lässt, dass ich den Roman doch nicht so gut finde?!

Letztlich schon.

Von vielem bin ich weiterhin beeindruckt: Thomas Mann kann toll mit der deutschen Sprache umgehen; sein Hang zu Humor, Ironie, Karikatur macht ihn immer wieder erfreulich; seine Anlehnungen an die „epitheta ornantes“ Homers, um das epische Gepräge des Romans zu verstärken; sein Porträt der Lebenswelt des kaufmännischen Geldadels im hanseatischen Norddeutschland des 19. Jahrhunderts beeindruckt und verstört. Und viele weitere Aspekte mehr.

Andererseits…. Thomas Mann ist schon ein ordentlicher – neudeutsch – Show-Off: Schaut mal, wie toll ich schreiben kann! Unter den griechischen Schriftstellern der Antike würde ihn das für die zweite Sophistik qualifizieren, die allgemein heute nicht so geschätzt wird (siehe Plutarch, Lukian….). Die große Zeit war viel früher, damals bevor Alexander der Große den Hellenismus einleitete. Und die Charaktere der Hauptpersonen wie die Geschwister Antonie, Christian und Thomas Buddenbrook, die immerhin auf über 600 Seiten vorkommen, bleiben eigentümlich scherenschnittig, wenig-dimensional. Vielleicht ist das natürlich getrieben durch die normierenden Anforderungen ihres Standes, ihres Status in Lübeck, allerdings hat Thomas Mann auch viel Fleiß auf die Charakterisierung und das Herausarbeiten von verschrobenen Eigenschaften, eigentümlichem Aussehen und idiosynkratischer Ausdrucksweise verwendet.

Genug, ich war dann doch froh, die letzte Seite erreicht zu haben und sagen zu können: Ich hab’s noch mal geschafft.

Perikles. Plutarch

Offenbar habe ich gerade wieder eine Phase, in der ich sehr gerne Texte antiker Autoren lese. Nach Lukian, über den ich kürzlich geschrieben habe, ist heute Plutarch an der Reihe: ein absoluter Top-Autor der damaligen Zeit wie auch der frühen Neuzeit.

Was könnte man über Plutarch wissen wollen?

  • Natürlich seine Lebensdaten:
    Geboren ca. 45 unserer Zeitrechnung, gestorben ca. 125 – er ist also sehr alt geworden für damalige Verhältnisse, was für eine robuste Gesundheit und/oder einen umsichtigen Lebenswandel spricht.
  • Ausbildung und Beruf?
    Er hat Philosophie studiert. War einmal Leiter der Baupolizei und des öffentlichen Bauwesens in seinem Geburtsort in Griechenland, danach Priester am Apoll-Tempel in Delphi, Leiter einer Philosophie-Schule, Schriftsteller. Gelebt hat er nicht nur in Griechenland, sondern auch in Rom.
  • Welche Werke hat er geschrieben?
    Abgesehen von einer ganzen Reihe moral-philosophischer Werke, die man natürlich auch lesen könnte, basiert sein ausgezeichneter Ruf auf seinen Biographien, insbesondere auf die insgesamt 23 Paare von Parallelbiographien, in denen er jeweils einen Griechen seiner besten Entsprechung unter den Römern gegenüberstellt. Das ergibt dann Paarungen wie Theseus und Romulus, Demosthenes und Cicero oder auch Perikles und Fabius Maximus (letztgenannte ist die, die ich gerade gelesen habe).

(Das Leben des Romulus in den Parallelbiographien. Handschrift Oxford, Bodleian Library, MS. Canonici Greek 93, fol. 13r, geschrieben im Jahr 1362)

  • Was macht diese Biographien aus?
    Auch wenn sie die biographische Literatur insgesamt sehr  stark geprägt haben, sind die Lebensbeschreibungen anders gedacht und anders gemacht als die meisten der heutigen Zeit. Es geht Plutarch nicht um eine chronologische Abfolge, nicht um eine vollständige Beschreibung aller wichtigen Ereignisse und Erfahrungen der behandelten Person. Ihm geht es um den Charakter, die Persönlichkeit. Er möchte durch positive (wie negative) Beispiele dazu anregen, sich positiv, nützlich für die Gemeinschaft, vorbildlich zu verhalten.
    Seine Biographien sind auch heute sehr gut lesbar, voller Anekdoten und Zitate, sehr anschaulich und anregend. Er ist – anders als zum Beispiel Sueton – kein Klatschautor, sondern recht seriös um verlässliche Quellen bemüht. Spannend ist Plutarch nicht, spröde aber auch nicht. Vielmehr sind seine Werke ein sehr humanes Zeugnis eines überaus humanen Menschen.
  • Wie komme ich dazu, ihn als Top-Autoren zu bezeichnen?
    Fast kein anderer antiker Autor hat ab dem 15. Jahrhundert so viele Ausgaben erlebt wie Plutarch. Im 17. und 18. Jahrhundert war er mit Abstand der meistgelesene antike Autor überhaupt. Shakespeare, Montaigne, Schiller und viele andere haben sehr stark auf ihn zurückgegriffen.

(Plutarch, De virtute et vitio 100B-101B in einer für Kardinal Bessarion 1455 angefertigten Handschrift. Venedig, Biblioteca Nazionale Marciana, Gr. 248, fol. 5r)

Und der Perikles?
Diese Biographie ist allein schon faszinierend wegen ihrer Beschreibung der Baugeschichte und der Architektur der Akropolis in Athen, die während der Regierung Perikles‘ und auf seine Idee hin gebaut wurde. Außerdem ist Perikles (Hochzeit der antiken Demokratie! Peloponnesischer Krieg! Griechische Klassik!) als Person sehr beeindruckend.
Nicht zuletzt bietet Plutarch in diesem Werk Trost für alle diejenigen, die zwar ein Musikinstrument spielen, aber nicht besonders gut – denn für wirklich „große“ Menschen ist es unwürdig, seine Zeit mit Musik-Machen zu vertrödeln:
„Deshalb war es eine schöne Formulierung von Antisthenes, als er hörte, dass Ismenias ein virtuoser Flötist sei: ‚Aber ein wertloser Mensch, denn sonst wäre er kein so virtuoser Flötist.‘ Und Philipp (der Große) sagte einmal zu seinem Sohn (= Alexander der Große), der bei einem Gelage sehr gefällig und technisch versiert in die Saiten griff, ‚ Schämst du dich nicht, so schön zu zupfen?'“ (meine Übersetzung)

Da Plutarch auch im Ruf steht, ausgezeichnetes attisches Griechisch geschrieben zu haben, das Ganze im Original:
„διὸ καλῶς μὲν Ἀντισθένης ἀκούσας ὅτι σπουδαῖός ἐστιν αὐλητὴς Ἰσμηνίας, ‚ἀλλ‘ ἄνθρωπος,‘ ἔφη, ‚μοχθηρός: οὐ γὰρ ἂν οὕτω σπουδαῖος ἦν αὐλητής:‘ ὁ δὲ Φίλιππος πρὸς τὸν υἱὸν ἐπιτερπῶς ἔν τινι πότῳ ψήλαντα καὶ τεχνικῶς εἶπεν: ‚οὐκ αἰσχύνῃ καλῶς οὕτω ψάλλων;'“

Vivienne Westwood. Vivienne Westwood & Ian Kelly

“Vivienne Westwood” ist eine klassische Biografie, die nachzeichnet, wie Vivienne Westwood zu einer der berühmtesten und berüchtigtsten Mode-Designerinnen der Welt wurde. Eigentlich wollte ich das Buch, als es vor vier Jahren erschien, nicht kaufen, weil mir der Preis zu hoch erschien. Eigentlich hatte ich gedacht, dass dies wieder einmal eine jener unerträglichen Ergüsse über eine bekannte Person sein würde. Billig gemacht, flach, vom bekannten Namen zehrend. War alles falsch…

Vivienne Westwood - Vivienne Westwood, Ian Kelly

Das Buch ist gut gemacht, inhaltlich interessant, da es die Hauptakteurin sowie die Modeszene der vergangenen Jahrzehnte darstellt. Kurzweilig lesbar ist es auch. Deshalb bin ich froh, es mit vier Jahren Verspätung nun doch gekauft zu haben.

Die Miterfinderin von Punk

Punk im London der 1970er Jahre entstand durch die Kombination von Kleidung und Musik. Das Zusammenwirken schuf Punk. Und Westwood war DIE Designerin des Punk. Die verschiedenen Namen ihres Ladens in der King’s Road 430 bringen auf den Punkt, worum es ging:

  • Let It Rock
  • Too Fast to Live, Too Young to Die
  • SEX
  • Seditionaries

“”Fashion is alive”, says Vivienne, “because it has to relate to the limited; the limits that are the human body”. (…) But clothes and fashion, even at their angriest and most polemic, were always bound to loop back to pleasure and to sensuality: as Vivienne says, no one enjoys looking crap or looking at crap. The shocking in fashion had to be shocking and attractive to be worn.”

Die Aktivistin

Für mich war es spannend zu erfahren, dass Westwood sich heute mit über 70 Jahren für den Erhalt der Arktis und der Umwelt einsetzt. Zu diesem Zweck verwendet sie große Summen ihres Unternehmenserfolgs, nutzt aber auch das Engagement berühmter Models für ihre Kampagnen. Diesem Thema widmet sich das letzte Buchkapitel.

„Vivienne cares a lot about the planet, but she cares a lot about human rights as well (…) She’s looking to the future.” So Shami Chakrabarti von Liberty.

Biografie und Autobiografie in einem

Das Buch kombiniert biografische und autobiografische Textpassagen: Ian Kelly beschreibt und fasst Wesentliches zusammen, dazwischen kommen Statements von Westwood. Gespickt sind die insgesamt fast 450 Seiten mit vielen Abbildungen und Kommentaren von Freunden sowie Kollegen aus der Modebranche. Ein schönes Buch. Auch für diejenigen, die tot umfallen würden, sollten sie – zwangsweise – zu einem gesellschaftlichen Anlass in einem Vivien Westwood Outfit gehen…

Verlorene Sprachen: Das Geheimnis der unentzifferten Schriften der Welt. Andrew Robinson

Detektivgeschichte – Geduldsproben – Abenteuer – etwas für Tüftler – Eldorado der Sprachwissenschaft – Entdeckung fremder Welten. Vieles geht einem durch den Kopf, wenn man an die Entzifferung unbekannter Schriften und verlorener Sprachen denkt.

Andrew Robinsons Buch über Champollion und die Entzifferung der Hieroglyphen hatte ich schon früher besprochen: vor allem eine klassische Biographie, aber auch mit Wissenswertem zu den Hieroglyphen und der Technik ihrer Entzifferung.

Dieses Buch ist umgedreht: vor allem zu den Schriften sowie zur Technik und Geschichte ihrer Entzifferung mit einigen Informationen zu ihren Entzifferern. Es geht um Sprachen, Schriften und Decodierung. Hochfaszinierend, aber im einzelnen schon gelegentlich auch hoch-fachsimpelnd.

Unbedingt lesenswert ist die Einleitung von Robinson, die lesbar einen sehr guten Überblick bietet und die Begeisterung für das Geheimnisvolle unbekannter Schriften weckt. Auch werden die Grundbegriffe der Struktur von Sprachen und Schriften gut verständlich dargestellt. Ein kurzes Zitat:
„Writing is among the greatest inventions in human history, perhaps the greatest invention, since it made history possible. Yet it is a skill most writers take for granted. (…) Few of us have any clear recollection of how we learnt to write.
A page of text in a foreign script such as Arabic or Japanese, totally incomprehensible to us, reminds us forcibly of the nature of our achievement. An extinct script, such as Egyptian hieroglyphs or one of the undeciphered scripts in this book, may strike us as little short of miraculous.“

Anschließend gibt es zwei große Blöcke in diesem Buch.

Im ersten Teil werden drei erfolgreiche Entzifferungen dargestellt: die ägyptischen Hieroglyphen (v.a. durch Champollion entziffert), das minoische Linear B (Michael Ventris) und die Schrift der Maya (Yuri Knorozov). Auch nach dem Lesen ist es mir immer noch quasi unbegreiflich, wie es gelingen konnte, die Maya-Schrift tatsächlich zu entziffern….

Der zweite Teil zeigt, dass es noch einiges zu tun gibt, wenn man seinen Namen der Nachwelt hinterlassen möchte. Meroitisch, Etruskisch, Linear A, Proto-Elamitisch, Rongorongo und einige weitere harren noch der Lösung. Nach Meinung von Robinson wird das in den meisten Fällen allerdings auch ewig so bleiben. Es sei denn, es gelingt einem, das Gegenteil zu beweisen! Entscheidend für den Erfolg nach Ventris:
„Prerequisites are that the material should be large enough for the analysts to yield usable results, and (in the case of an unreadable script without bilinguals or identifiable proper names) that the concealed language should be related to one which we already know.“

Erstaunlich, aber logisch die drei Kategorien der unentzifferten Beispiele. Einige Schriften sind tatsächlich entziffert, sie lassen sich lesen – aber man versteht die Sprache nicht. Hierzu gehört z.B. Etruskisch.
Dann gibt es Schriften, bei denen man glaubt zu wissen, welche Sprache abgebildet ist – aber man kann sie nicht lesen. Hierzu gehört z.B. Rongorongo, die Schrift der Osterinsel.
Und schließlich gibt es noch die aktuell ganz hoffnungslosen Fälle – Schrift nicht lesbar, keine Ahnung, welche Sprache. Hierzu gehört die Schrift auf der sogenannten Phaistos-Scheibe aus Kreta.

Ein tolles Buch, sehr lehrreich, viel Sport für die kleinen grauen Zellen, aber sicher nichts für die ganz heißen Tage im Sommer. Ach so, das Buch gibt’s nur auf Englisch. Ein wenig entziffern muss man also schon.

Das Lebensende des Peregrinos. Lukian

Lukian ist ein klarer Kandidat für die Kategorie „einflussreicher Unbekannter“. Entsprechend nicken bestimmt weniger Leser weise-wissend mit dem Kopf, wenn sie den Titel „Das Lebensende des Peregrinos“ hören als etwa bei Thomas Manns Buddenbrooks.

Dabei war das alles einmal ganz anders.

Alles, was man über Lukians Leben weiß, weiß man aus seinen Werken. Geboren wurde er anscheinend um 125 unserer Zeitrechnung in Samosata am Oberlauf des Euphrat im Südosten der heutigen Türkei.  Damals gehörte diese Stadt zur römischen Provinz Syrien. Von ihren Ruinen ist nichts mehr zu sehen, da sie vom Atatürk-Stausee zwischenzeitlich überflutet wurde… Er reiste sehr viel und hielt sich unter anderem in Gallien, Italien, Griechenland und Ägypten auf. Beruflich gehörte er in die damals (wie heute) nicht ungewöhnliche Gruppe von Professoren ohne festen Lehrsitz, die auch parallel oder abwechselnd als Schriftsteller tätig sind. Gestorben ist er wohl um 180, man weiß aber nicht, wann genau und wo.

Zwei Zeiten waren wunderbar für das Nachleben Lukians: die Renaissance und die Klassik.

Während der Renaissance war er mit seinen mehr als 70 erhaltenen (eher kürzeren) griechischen Werken eindeutig Star und Liebling der Humanisten. Es gab zum Beispiel mehr lateinische Übersetzungen von ihm als von Platon. Die Textausgaben seit dem späten 15. Jahrhundert sind entsprechend zahlreich und aufwendig gemacht. Erasmus von Rotterdam war ein Fan, Shakespeares „Timon von Athen“ basiert auf ihm, Thomas Mores „Utopia“ gäbe es vielleicht nicht ohne ihn. Auch Botticelli hat verschiedene seiner Gemälde nach ihm gemalt.
In der Klassik gehörte er ebenfalls zum Standard-Kanon antiker Autoren und wurde beispielsweise von Wieland vollständig übersetzt. Goethes „Zauberlehrling“ hat sich ursprünglich Lukian ausgedacht.

Lukian hat gleich mehrere literarische Gattungen erfunden oder auf den Weg gebracht: Er ist mit seinen „Wahren Geschichten“ einer der Erfinder des Romans, mit dem „Ikaromenipp“ hat er die Science Fiction gegründet. Satirisch-pikareske Literatur wie die von Cervantes, Swift, Sterne, Rabelais… sind ohne ihn als Inspiration kaum vorstellbar. Überhaupt ist das Hauptmerkmal in seinen Werken seine grundsätzlich ironisch-sarkastische Grundhaltung gegenüber allem und jedem (inklusive seiner selbst). Nicht von ihm durch den Kakao gezogen worden zu sein, war ein deutliches Zeichen dafür, nicht wichtig zu sein.

Und was ist jetzt mit dem „Lebensende des Peregrinos“ oder im Original „Περὶ τῆς Περεγρίνου τελευτῆς“?

Der „Pereginos“ ist aus zwei Gründen besonders empfehlenswert. Er ist durchaus typisch für den satirischen Schreibstil von Lukian. Man kann mit ihm gut und kurz testen, ob man gerne Lukian liest.
Und er ist ausgesprochen interessant, weil er die erste Darstellung des frühen Christentums aus der Feder eines Nicht-Christen beinhaltet.  Jesus ist darin ein Sophist. Peregrinos hat einige der Bücher des Christentums selbst geschrieben. Und die Christen lassen sich bestens über den Tisch ziehen.

Wer „Das Leben des Brian“ von Monty Python schätzt, ist auch bei Lukian richtig.

Outsiders – Five women writers who changed the world. Lyndall Gordon

In “Outsiders” von Lyndall Gordon geht es um fünf englischsprachige Autorinnen aus zwei Jahrhunderten, die alle auf höchst individuelle Weise dazu kamen, sich zu äußern. Eine Stimme finden, öffentlich zu sprechen, raus aus dem Privaten: darum geht es.

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Zunächst war ich skeptisch, ob wohl derart unterschiedliche Autorinnen genügend Gemeinsamkeiten haben würden, die ihre Zusammenschau in einem Buch rechtfertigen würde. Die Autorinnen, die Gordon sich vornimmt, sind:

  • Mary Shelley
  • Emily Bronte
  • George Eliot
  • Olive Schreiner
  • Virginia Woolf.

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Raus aus der Privatsphäre

Erstaunlicherweise funktioniert diese Zusammenstellung tatsächlich: Alle fünf Frauen sind unter Rahmenbedingungen aufgewachsen, die es unwahrscheinlich machten, dass diese Mädchen einen anderen Weg gehen würden, als Ehefrauen und Mütter zu werden, die als private Personen ihr Leben verbringen würden. Dass sie in die Öffentlichkeit gehen würden mit Themen, deren Wichtigkeit für sie eigene Gedanken, eine Ausdrucksform für diese, Engagement mit sich bringen würde, war die große Leistung, die die Lebensentwürfe dieser fünf Frauen verbindet.

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„As writers, they made the outsider identity their own and wrote their novels of genius. They came, they saw and left us changed.”

Eine eigene Stimme finden

Die Wohlanständigkeit einer Frau war über die Jahrhunderte wesentlich für ihre Sicherheit innerhalb des gesellschaftlichen Kontexts. Jede der fünf Autorinnen verlor ihren guten Ruf. „Outsiders“ skizziert die unterschiedlichen Wege, wie dies geschah und zu welchem Zweck. Hierbei zeigt Gordon die damit verbundenen Belastungen ebenso auf wie die sich eröffnenden Perspektiven. Auf ihre jeweils ganz unterschiedliche Art, thematisieren sie alle häusliche und System-bedingte Gewalt und sprechen sich vehement gegen diese aus.

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Die Öffentlichkeit ansprechen

Gordon begleitet die Autorinnen dabei, wie sie in den Rollen von Prodigy (Mary Shelley),Visionary (Emily Bronte), Outlaw (Georg Eliot), Orator (Olive Schreiner) und Explorer (Virginia Woolf) ihre Botschaften an die Öffentlichkeit brachten.

„Outsiders“ besteht aus fünf Kapiteln, je eines zu den fünf Autorinnen. Davor leitet ein Vorwort in das Buch ein, einNachwort fasst Lyndall Gordons Analysen unter der Überschrift „The Outsiders Society“ zusammen.

„We have long known the greatness of these five as individual writers, but here we have looked at them collectively. (…) These outsiders do not make terms with our violent world; they do not advance themselves by imitation of the empowered. (…) these voices say no to arms and patriotism. “For”, the outsider will say, “in fact, as a woman, I have no country. As a woman I want no country. As a woman my country is the whole world.””

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Ich kann das Buch allen Interessierten an englischer Literatur sehr empfehlen. Weitere Bücher von Lyndall Gordon, die wir in Buch-und-Sofa bereits besprochen haben.