Die Bücherschmuggler von Timbuktu. Charlie English

Reißerischer Einband

Bücher, Schmuggler, Timbuktu. Im Untertitel außerdem alle weiteren wichtigen Inhaltsstoffe für das junge oder jung-gebliebene, jedenfalls abenteuerlustige Leserherz: „Von der Suche nach der sagenumwobenen Stadt und der Rettung ihres Schatzes.“
Dann noch als Cover: das Foto eines Wüstenbewohners mit Manuskriptstapel und alter Truhe (wahrscheinlich auch so eine Schatzkiste…).
Mali: Islamisten zerstören Unesco-Weltkulturerbe in Timbuktu ...

Zwei Erzählstränge

Charlie English, ehemals Redakteur beim englischen Guardian, verwebt zwei Stränge zu seinem orientalischen Wunderteppich: die Geschichte der Entdeckung Timbuktus durch Europäer und die Rettung alter Manuskripte nach der Eroberung Timbuktus durch Islamisten im Jahr 2012.

Verwoben ist dabei richtig: Auf ein Kapitel Manuskriptrettung folgt jeweils eines zur Entdeckungsgeschichte, gefolgt erneut von Manuskriptrettung gefolgt von….
Beyond Timbuktu - The British Library

Dieses Verfahren kam den beiden Übersetzern, Henning Dedekind und Heike Schlatterer offensichtlich entgegen. Soweit ich es nachvollziehen kann, hat jeder einen Strang übernommen.

Gut gewählter Buchinhalt

Der Inhalt des Buchs ist gut gewählt. Der Name Timbuktu zieht immer noch  – die Entdeckungsgeschichte hat viele, nicht nur ruhmreiche Etappen mit Briten, Franzosen, Deutschen – die Eroberung und Besetzung Timbuktus durch die islamistischen Dschihadisten ist hinreichend gruselig.
Die Manuskripte binden dabei alles zusammen. Sie sind die unermesslichen Reichtümer, die die Entdecker in der Wissenschaftsmetropole Timbuktu statt Gold fanden. Sie wurden durch die Dschihadisten gefährdet und zum Teil verbrannt, während der Großteil in Sicherheit gebracht werden konnte.
Die Manuskripte sind auch für sich allein von großer Bedeutung, denn sie sind unter anderem der Beweis dafür, dass es auch in Afrika eine Schriftkultur  und eine Geschichte gab. Beides wurde diesem Kontinent von den kolonialistischen Imperialisten Westeuropas immer in Abrede gestellt und so argumentiert, dass Afrika zivilisatorisch ganz und gar unterentwickelt sei.
The fight to save the ancient texts of Timbuktu | Ancient Origins

Leider nicht so toll geschrieben

Das Buch enttäuscht aber dann doch, trotz all der guten Zutaten. Wie so oft liegt es daran, dass man nicht mit der nötigen Liebe gekocht hat. Köche gibt es drei: Den Autoren und die beiden Übersetzer. Vielleicht natürlich zusätzlich noch die Verlage (Harper Collins für die Originalausgabe, Hoffmann und Campe für die deutsche Übersetzung).

Charlie English schreibt wie ein Journalist, der sich mit dem deutlich längeren Format eines ganzen Buchs schwer tut. Alles wird zum Scoop, passend wie unpassend. Auf Spannungsbögen verzichtet er konsequent. Charaktere zu beschreiben, heißt bei ihm, Äußerlichkeiten aufzuzählen. Nicht zuletzt: Er scheint erstaunlicherweise eigentlich wenig Interesse an den Manuskripten zu haben. Für ihn hätte man sie daher wohl nicht retten müssen….

Die Übersetzer ihrerseits waren wohl in Eile oder haben sich nicht die Mühe gemacht, noch einmal über ihren Text zu gehen. Vieles liest sich wie direkt aus einer Simultanübersetzung abgetippt. Das potenziert die genannten Schwächen von English leider zusätzlich.

So fremd wie Timbuktu mutet daher das Lob des Guardian an: „Ein Meisterwerk des investigativen Journalismus. Ein kluges, fesselndes Buch.“

Dennoch….

Dennoch, zum nervenkitzel-freien Schmökern ist das Buch geeignet und man lernt etwas über die Geschichte Afrikas.
Historic books smuggled out during the siege of Timbuktu are on ...

Das Haus meiner Eltern hat viele Räume. Ursula Ott

Die Babyboomer sind zwischenzeitlich in ihren 50er Jahren angekommen. Ihre Eltern haben die 70 oder 80 überschritten. Wie und wo wohnen die Eltern am besten, damit sie möglichst lange möglichst selbstbestimmt und gerne leben? Und falls ein Umzug der Eltern ansteht: Was macht man mit dem Haus oder der Wohnung? Und mit all dem, was noch darin ist? Inklusive all der Erinnerungen? Wie geht man mit dem Älterwerden um?
Ursula Ott: Das Haus meiner Eltern hat viele Räume. btb Verlag ...

Ursula Ott, Chefredakteurin von Chrismon, nimmt sich eines wichtigen, wenn auch keines angenehmen Themas an. Sie tut dies – wie wahrscheinlich die meisten ihrer Altersgenossen – aus gegebenem Anlass. Auch bei ihren Eltern stand eine Änderung an. Da gibt es dann irgendwann keine Alternative. Handeln ist gefragt. In vielen Fällen längst überfällig. Unangenehmen Themen geht man eben lieber aus dem Weg. Die Kinder wollen nicht ran an die Sache. Und die Eltern auch nicht.

Ott schreibt niederschwellig, das ist gut. Das Buch liest sich sehr flott und anekdotisch. Tipps kommen unauffällig im Text daher. Dadurch fehlt der gehobene Ratgeberzeigefinger. Auch das hilft.

Einige wichtige Erkenntnisse für mich:

  • Ein Umzug im Alter ist dann besonders gut, wenn man ihn noch selber gestalten kann, wenn man noch fit genug ist, um sich neu einzuleben, neu anzufangen.
  • Trennungen brauchen Zeit und Geduld. Die Auflösung eines Hauses oder einer Wohnung sollte nicht maximal effizient durchgezogen werden. Schauen, nachdenken, erinnern, all das ist wichtig, für die Eltern, für die Kinder, für die Enkel.  Außerdem trennt sich jeder anscheinend anders. Es hilft also nicht, sich selbst als Maßstab für die anderen zu nehmen.

Sehr willkommen das ABC der Dinge im Anhang, das ruhig noch ausführlicher hätte ausfallen können. Wohin mit all dem, das keiner mitnehmen möchte oder kann? Hier bietet Ott eine Reihe von Adressen und Tipps, damit all das Überflüssige, aber mit Erinnerung Behaftete doch noch in etlichen Fällen eine gute Verwendung finden kann.

Also alles prima in diesem Buch?
Im großen und ganzen schon eine Empfehlung. Allerdings hätte Ott für mich gerne weniger magazin-ig schreiben können. Etwas mehr Sachbuch, etwas weniger Essay, damit noch mehr Betroffene mit den schwierigen Situationen besser klar kommen und mehr daraus machen können.

Mehr zum Älterwerden übrigens natürlich auch in diesem Blog auf einer eigenen Seite!

Älter werden ist unvermeidbar - Erwachsen werden ist optional ...

The masters. Charles Percy Snow

Für wen „The Masters“ nichts ist

Für Freundinnen und Freunde handlungsstrotzender Literatur ist „The Masters“ von Charles Percy Snow völlig ungeeignet. Auch Anhänger einer ausgewogenen Quotenregelung für die Besetzung der Hauptpersonen in Romanen werden nicht begeistert sein.

In einem College in Cambridge liegt der bisherige College-Chef – die heißen in Cambridge in der Regel Master – im Sterben. Vor diesem Hintergrund beschäftigen sich die Dozenten des Colleges – die Fellows – mit der anstehenden Nachfolge. Zum Ende des Romans ist der bisherige Master gestorben und sein Nachfolger gewählt.
Der Roman spielt noch vor dem zweiten Weltkrieg. Damals waren an den meisten Colleges alle Fellows männlich. Frauen kommen nur als Anhang vor, denn immerhin durften Fellows und Master heiraten.
Trinity College - Cambridge Colleges

Ein Meisterwerk der Psychologie

„The Masters“ gehört in die Spitzenkategorie des psychologischen Romans: Er beschäftigt sich mit dem Streben des Menschen – oder zumindest des Mannes – nach Anerkennung, Einfluss und Macht und leuchtet dabei aus, wie dieses Streben in einer überschaubaren Gemeinschaft funktioniert und was es mit dieser Gemeinschaft macht.

Die insgesamt 13 Fellows des Colleges sind sehr unterschiedlich. Noch sehr jung, schon jenseits der 80. Verheiratet mit Kindern, Junggesellen. Natur- und Geisteswissenschaftler. Akademisch distinguiert oder unbeschriebene Blätter. Sozialkompetent und in Gemeinschaft weniger versiert. Voller Ambitionen, uneitel…. Entsprechend unterschiedlich agieren sie auch für sich und miteinander.
Eine Gemeinsamkeit haben sie dabei, die wahrscheinlich für Colleges sehr typisch ist: Sie sind es gewöhnt, als Individuen ziemlich frei und unabhängig zu sein. Alle sind sie letztlich Primadonnen (womit die Quote dann doch ausgeglichen ist: 100% Männer – 100% Primadonnen….).
Diese Charaktere treffen in einer Stress-Situation aufeinander und müssen zum Wohl des Colleges zu einer Lösung kommen.

Am dichtesten an die Atmosphäre des Buches kommt übrigens der Film „Die 12 Geschworenen“ von 1957. Allerdings gibt es am College deutlich mehr und besser zu essen und zu trinken.

Der Autor: Wissenschaftler und Schriftsteller

C.P. Snow, oder korrekt: Charles Percy Snow, Baron Snow (oder auch: The Right Honourable, The Lord Snow, C.B.E.; in Großbritannien wird der Mensch ja zum Teil noch an seinem Titel erkannt), *1905, 1980, war vieles parallel. Erstens war er Physiker und Forscher (mit immerhin 20 Ehrendoktortiteln!). Am Christ’s College in Cambridge war er selbst Fellow (und wusste daher, wovon er in diesem Roman schrieb). Zweitens Manager in einem Unternehmen. Drittens Parlamentarischer Staatssekretär. Viertens wurde er auch noch adelig und durfte im House of Lords sitzen.

In Großbritannien ist dieses Wandern zwischen den Welten nicht unüblich. Es sorgt für viel Lebenserfahrung und Dreidimensionalität: und flach war Snow wirklich nicht.
Lord Snow (C.P. Snow) | International Center of Photography

Derweil in Deutschland

… wieder die Übersetzer und Verlage erbarmungslos zuschlagen. „The Masters“ gibt es auch in Übersetzung, damals von 1952, ein Jahr nach Erscheinen des englischen Originals. Der Titel „Die Lehrer“. Gut gezielt und doch am Ziel vorbei. Man sollte einen Preis für besonders mißlungene und irreführende Titel von ins Deutschen übersetzten Büchern stiften.

Da gäbe es viel Wettbewerb.

The seabird’s cry: The lives and loves of puffins, gannets and other ocean voyagers. Adam Nicolson

„for an albatross to travel a thousand miles in its chosen wind is no more work than the effort made by a man watching cricket in a deckchair for a summer afternoon.“

Der erste Eindruck

Der Einband ist natürlich ein Hingucker. Ein Papageitaucher, Sympathieträger schlechthin in der Kategorie der Seevögel, schaut den Leser-in-spe an, groß und in Farbe. Was für ein Schnabel, was für Füße.
Dazu passend die verkaufsfördernden Zitate. Die Financial Times übernimmt den Schnabel-Part: „Extraordinary … nothing less than a masterpiece.“ Für die Füße der Observer: „A gorgeous book, a poetic, soaring exploration … Generous and beautifully composed.“
Aus dem Leben der Papageitaucher | Entdecken Sie Algarve

Auch grottenschlechte Bücher haben euphorische Zitate. Nicht alle jedoch haben einen Papageitaucher auf dem Cover. Hier kann man unbedenklich seiner Sympathie folgen.
Zumal Adam Nicolson – wie ich finde zurecht – den Ruf genießt, ausgezeichnete Bücher zu einer erstaunlichen Bandbreite an Themen zu schreiben. In diesem Blog schon besprochen sein Buch über Homer. Ebenfalls erwähnen möchte ich z.B. sein beeindruckendes und berührendes Buch über den englischen Landadel über die Jahrhunderte am Beispiel ausgewählter Familien – „The gentry: stories of the English“.
Six Questions For Adam Nicolson — The Island Review

Der Inhalt

Nicolson schreibt elf Kapitel. Zehn davon widmen sich je einer Art der Seevögel. Der freundliche Papageitaucher vom Einband ist mit dabei, ebenso zum Beispiel Albatross, Sturmvogel, Möwe und Kormoran. Das letzte Kapitel greift den Buchtitel „The seabird’s cry“ wieder auf.

In den Kapiteln lernt man die Seevögel mit ihren ganz spezifischen Eigenschaften und Angewohnheiten, ihrem Lebensraum und ihrer Geschichte kennen. Der Daily Telegraph bemerkt passend: „he nails their personalities perfectly“.
Royal albatros/toroa: New Zealand sea and shore birds

Das Besondere

Drei Punkte möchte ich besonders hervorheben.

  • Nicolson macht immer wieder überzeugend deutlich, dass Seevögel intelligent sind – sicherlich auf eine andere Art und Weise intelligent als der Mensch, aber unzweifelhaft intelligent. Sie sind keine rein instinkt-getriebenen Automata, sondern Lebewesen, die offensichtlich Entscheidungen treffen und auch über erkennbare Individualität verfügen.
  • Nicolson verwebt in seinen Kapiteln naturwissenschaftliche Erkenntnisse, eigene Beobachtungen und Erfahrungen, historische Darstellungen, kulturwissenschaftliche Anmerkungen und auch Dichtung auf unauffällige, leichtgängige Weise zu sehr atmosphärischen, nuancenreichen, vieldimensionalen Porträts.
  • Schwarz-weiß malt Nicolson nicht. Weder ist die Natur, hier: die Seevögel,  wirklich immer nett, schön, paradiesisch: Manche Küken sterben vor Hunger oder werden von ihren Geschwistern getötet. Das liest man nicht gerne.
    Noch sind die Menschen immer nur naturzerstörerische Finsterlinge (wenn das auch sicherlich überwiegend zutrifft…). Natur- und Artenschutzbemühungen werden erwähnt. Allerdings ebenfalls die leichtfertige und beiläufige Grausamkeit, die einige ornithologische Experimente billigend in Kauf nehmen.
    In einem Fall werden Natur und Mensch sogar kombiniert. Einem Mann, der einen verletzten Vogel retten möchte, zerstört dieser Vogel ein Auge.

Die Hochachtung

Was nach jedem Kapitel bleibt, ist Staunen und Hochachtung. Für Seevögel, die an der Ostküste Nordamerikas ausgesetzt zu ihrem Nest in England zurückfinden, die mehr als 100 Meter tief tauchen, die enge Bindungen zu ihren meist lebenslangen Partnern aufbauen, die jahrelang lernen, bevor sie Küken in die Welt setzen.

Und Freude darüber, dass jemand ihnen ein so gelungenes, erfreuliches Buch widmet.

Eine Odyssee: Mein Vater, ein Epos und ich. Daniel Mendelsohn

Der Blog-Autor wundert sich

Das muss mir mal jemand erklären. Warum heißt das Buch auf Englisch: „An Odyssey: A father, a son and an epic“ und auf Deutsch: „Eine Odyssee: Mein Vater, ein Epos und ich“? Braucht es bei uns diesen Ich-Bezug? Ist es sonst für deutschsprachige Leser zu abstrakt? Oder rechnet man sonst hierzulande mit Verdrossenheit, wenn sich herausstellt, dass das Buch sehr autobiographisch ist, dies aber nicht gleich im Buchtitel deutlich wird? Der Siedler-Verlag, in dem das Buch erschienen ist, war da auch schon einmal anspruchsvoller. Sic transit gloria mundi.
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Und wenn wir schon bei Erklärungsbedarf sind: Warum findet sich dieses Buch auf der Bestenliste ausgerechnet in der Kategorie Sachbuch in der „Zeit“? Haben die das Buch nicht gelesen oder überlesen, dass es vor allem belletristisch oder alternativ biographisch ist? Vielleicht haben die Juroren der Bestenliste sich aber auch davon inspirieren lassen, dass das Buch schon einige, wenn auch weniger renommierte Preise in den USA bekommen hat: Best Book of the Year des National Public Radio, des Library Journal, von Newsday und von den Kirkus Reviews.
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Der Autor als bedeutendster Intellektueller

Daniel Mendelsohn, Jahrgang 1960, ist US-amerikanischer Staatsbürger, Professor für Klassische Philologie an einer mäßig bekannten Universität und gehört, wie der Klappentext einen wissen lassen möchte, „zu den bedeutendsten Intellektuellen in den USA“. Gut, das gelesen zu haben, damit die Messlatte richtig justiert ist. Dem Autoren tut der Siedler-Verlag damit keinen Gefallen.

Die Odyssee von Homer…

… ist Weltliteratur schlechthin. Neben der Ilias das klassische National-Epos der Griechen seit fast 3000 Jahren. Ein Höhepunkt der Dichtung gleich am Anfang der europäischen Literaturgeschichte. Kirke, Kalypso und Kyklopen.

Dickes Lob für Mendelsohn: Man erfährt viel über dieses Werk, seinen Autoren (oder waren es mehrere?), seine Sprache, seinen Aufbau, seine Erzähltechnik, seinen Inhalt, seine Überlieferungsgeschichte. Gut aufbereitet, nicht seicht, so dass man vielleicht sogar Lust bekommt, die Odyssee einmal (oder wieder?) zu lesen. Prima.

Wichtig für das Buch von Mendelsohn: In der Odyssee geht es unter anderem stark um Väter und Söhne: Laertes, dessen Sohn Odysseus, dessen Sohn Telemachos. Odysseus und Telemachos haben einander seit 20 Jahren nicht gesehen. Wahrscheinlich hat Telemachos keine eigene Erinnerung an seinen Vater. Und macht sich in der Odyssee auf die Suche.
The Cyclops Polyphemos and Odysseus from Sperlonga

Die Odyssee von Daniel Mendelsohn

Daniel Mendelsohn hat ebenfalls einen Vater (und zwei Großväter, die auch eine, wenn auch nachgelagerte, Rolle spielen). Sein Vater war immer verschlossen, abweisend, zurückhaltend mit Gefühlen. Ein Mathematiker. Mendelsohn möchte seinen Vater kennenlernen – und dieser wiederum vielleicht seinen Sohn – bevor es zu spät ist und der Tod dies unmöglich macht. Deshalb nimmt der Vater an einem Seminar seines Sohns teil, und sie fahren anschließend gemeinsam in Urlaub. Beides wird in diesem Buch beschrieben. Man erfährt viel über Mendelsohn und seine Familie. Der eine oder andere mag auch Lust bekommen, diese Familie näher kennenzulernen, oder fühlt sich an seine eigene Familie erinnert. Auch wäre so eine Reise im Mittelmeer gar nicht schlecht bei dem aktuellen Wetter.
A Father And Son Go On Their Last 'Odyssey' Together : NPR

Die Kombination aus beiden Odysseen…

… ist natürlich der Clou des Buchs. Das eben erwähnte Seminar befasst sich mit der Odyssee. Die gemeinsame Reise ist eine Kreuzfahrt im Mittelmeer zu den Schauplätzen der Odyssee. Daniel M. ist Telemachos, sein Vater Jay M. Odysseus. Beide Odysseen werden recht kunstvoll miteinander verwoben, gelegentlich vielleicht einen Hauch offensichtlich. Aber deutlich besser als im amerikanischen Fernsehen.

Ergibt ein Buch….

… das man gut lesen kann. Es ist unterhaltsam. Man erfährt etwas über Homers Odyssee. Ein nicht zu niederschwelliger Einstieg in die Weltliteratur. Eher etwas für Leser als Leserinnen, denn Frauen – wie auch in der Odyssee – spielen nun einmal nicht die Hauptrolle hier.

Und übrigens

Wer sich für die Odyssee interessiert, kann alternativ oder additiv auch das Buch über Homers Werke von Adam Nicolson „The mighty dead: why Homer matters“ lesen, besprochen ebenfalls in diesem Blog. Ein ausgezeichnetes Buch.

Footsteps in the Forest. Sandra Knapp

Footsteps in the forest erzählt die Geschichte des unbekannten Entdeckers der Evolutionstheorie auf seiner ersten Reise, die ihn nach Südamerika führte.

Alfred Russel Wallace (1823-1913) schrieb im Fieberwahn seine Erkenntnisse auf, schickte aus Indonesien einen Brief mit diesem Inhalt an Darwin nach England, der daraufhin den Schreck seines Lebens bekam: Da stand doch tatsächlich all das, was er sich seit Jahren nicht traute, aufs Papier zu bringen!! Das war der Anstoß, für die „Entstehung der Arten durch natürliche Selektion“. Also ohne Wallace vielleicht nicht dieses berühmte Buch Darwins.

Der andere Entdecker der Evolutionstheorie im Pech

Wallace ist ein interessante Figur: talentiert, ein self-made man, der nicht aus der gebildeten englischen Oberschicht kam, der sich sein Geld verdienen musste, ein hervorragender Sammler und Präparator von Tieren, der oft Pech im Leben hatte. Nicht nur, weil Darwin für zwei Jahrhunderte den Ruhm für die Evolutionstheorie bekam. Und er nicht.

Reise ins Amazonas-Becken

Der Untertitel erklärt, worum es im Buch geht „Alfred Russel Wallace in the Amazon“: In seinen noch jungen Jahren ging Wallace nach Südamerika mit dem Ziel, dort Vögel zu fangen, auszustopfen und diese dann in England wieder zu verkaufen. Er drang in vier Jahren weit ins Inland vor, fertigte Karten des Rio Negro und des Amazonas an, studierte Fische und Palmenarten. Als er 1852 zurück nach England fuhr, ging mit dem Schiff, das ihn selbst transportierte, auch seine Sammlung unter. Er behielt sein Leben und einen kleinen Metallkoffer, mit ein paar Zeichnungen…

Verriss – ab in die Mülltonne

Wallace scheint nicht nur ein tapferer Mann, nicht nur ein interessanter, sondern auch noch ein netter gewesen zu sein.

Von all dem zeigt das Buch: nichts.

Das beste dieses Buchs – neben seinem Protagonisten – ist sein Einband. Der Rest ist einfach langweilig. Geschrieben hat es eine Spezialistin für Pflanzen am Natural History Museum in London. Diese reiht Auszüge aus Wallace´ Tagebuch aneinander. Ihre Überleitungen sind in der Regel so: „As he went further and further up the Rio Negro and then the Rio Vaupés, he discovered more and more to fascinate him.“ Da möchte man doch fast antworten: is that so?

Das hat aber Alfred Russel Wallace nicht geholfen. Dem Buch auch nicht.

Definitiv keine Empfehlung.

Hamlet. William Shakespeare

Auch nicht gerade eine Neuerscheinung, Hamlet, von William Shakespeare…. Statt dessen eines der bekanntesten Stücke von einem der bekanntesten Dramatiker der Weltliteratur, das häufiger aufgeführt und interpretiert wurde als (fast?) alle anderen.
William Shakespeare – Wikipedia

Shakespeare und ich

Selber hatte ich Hamlet bisher noch nicht gelesen, an der Schule wurde er nicht behandelt, im Theater nicht aufgeführt, als ich hätte hingehen können. Nicht einmal gereizt hatte er mich, da ich gegenüber den meisten Bestsellern eine ausgeprägte Grundskepsis zu haben scheine. Ausgelöst wurde meine Neugier dann von einer biographisch ausgerichteten Dokumentationsserie der BBC „In search of Shakespeare“ von Michael Wood – die im übrigen tatsächlich ganz ausgezeichnet ist.
Doing Something about 'Hamlet' - Blogging Shakespeare

Der Plot und die Stärken des Stücks

Vorweg gesagt: Den Plot finde ich nicht besonders überzeugend. Da sind die Griechen, besonders Sophokles, besser. Daß in der letzten Szene praktisch alle Hauptdarsteller tot darniedersinken, na ja. Der Wahnsinn Hamlets? Nicht besonders gut motiviert. Die Tötung von Polonius? Passt nicht zum Charakter Hamlets.

Trotzdem bin ich froh, das Stück gelesen zu haben.

Zwei Gründe hierfür:

  • die Figur Hamlets, einer der ersten Melancholiker der Bühnengeschichte, ein Held, der nicht gerne handelt, ein Denker und Grübler, der nicht klar kommt mit dem, was das Leben ihm so einbrockt. So zögerlich, dass das Gespenst seines Vaters ihn sogar noch ein zweites Mal drängen muss, ihn endlich zu rächen.
  • die Sprache Shakespeares. Zwar gibt es etliche Passagen, für die mein Englisch nicht gut genug ist (und bei denen mir, zugegeben, auch die Übersetzung von Schlegel nicht hilft, dem es anscheinend ähnlich ging). Deutlich überwiegen aber die Reden und Sätze, die so subtil auf den Punkt formuliert sind – so überraschend mit Metaphern operieren – die das Leben so in seiner Unverständlichkeit erscheinen lassen – die man sich so unbedingt merken möchte -, dass man nur sprachlos zurück bleibt.

Nicht zuletzt: Wer die Fatalität, das zutiefst Unzivilisierte von Rache und Ehrenmorden vorher noch nicht wahrgenommen hat, dürfte nach Hamlet davon geheilt sein.

The rest is silence.
Hamlet | George Eastman Museum

Am Anfang war kein Mond. Thomas de Padova

Der Untertitel beschreibt, worum es in diesem Buch von Thomas de Padova geht:
„40 Science-Storys, wie unser Sonnensystem entstand und das Leben auf die Erde kam“.
Der Weg von der Erde zum Mond wird immer weiter - WELT

Eigentlich würde ich ein Buch mit dem Begriff „Science-Storys“ eher nicht in die Hand nehmen. Dieser Fall ist eine Ausnahme. Es ist mir empfohlen worden. Außerdem habe ich schon ein anderes Buch von de Padova gelesen (auch in diesem Blog besprochen!) und gut gefunden.

Ich bin froh, der Empfehlung gefolgt zu sein. Man lernt viel in diesem Buch. Durch die Aufteilung der Inhalte in 40 Kapitel von jeweils ca. 5 Seiten Länge sind die Häppchen auch für Wenig- oder Langsam-Leser sehr leicht verdaubar. Der unterhaltsame, erzählfreudige, unprätentiöse Schreibstil von de Padova hilft zusätzlich. Und die Fotos, die jeweils am Anfang der Kapitel stehen, machen ohnehin neugierig und Lust aufs Lesen.

Beeindruckt haben mich zum Beispiel Kapitel 18. Weihnachten auf dem Eis und 19. Ein Stein für Weise. In ihnen geht es um Stein ALH84001. Gefunden wurde er in der Antarktis kurz nach Weihnachten 1984. Optisch macht er nicht viel her.  Seine Geschichte aber schon, denn es handelt sich um einen sehr besonderen Meteoriten.

  • Alter: ca. 4,5 Milliarden Jahre.
  • Herkunft: Mars.
  • Reisebeschreibung: vor ca. 15 Millionen Jahre durch einen Meteoriteneinschlag vom Mars abgesprengt, dann ca. 13.000 Jahre unterwegs bis zur Landung im äußersten Süden der Erde.
    The ALH 84001 Meteorite

Die diversen Marsroboter haben noch nichts vergleichbar Altes direkt auf dem Mars entdeckt. Obendrein enthält ALH84001 einige Bestandteile, die vielleicht auf Leben auf dem Mars hindeuten. Und vorher hatte keiner gedacht, dass ein Brocken vom Mars überhaupt seinen Weg über die etwa 60 Millionen Kilometer bis zur Erde finden könnte….

Beschrieben wird dies durch de Padova in einer Mischung aus Reisebericht und Wissenschaftskrimi mit den großen Augen eines neugierigen Menschen. Das macht viel Spaß.

„Am Anfang war kein Mond“ gibt es schon seit 2004. Damit ist es im Vergleich zu diesem 4,5 Milliarden Jahre alten Stein vom Mars immer noch tagaktuell. Es gibt viel in ihm zu entdecken.

Speedy Death. Gladys Mitchell

Mit Gladys Mitchell möchte ich heute eine zu Unrecht vergessene Krimi-Autorin besprechen. Aufmerksam wurde ich in einem alten Krimi-Exemplar auf den Titel „The Twenty-Third Man“ und die Beschreibung, dass plötzlich in einer Höhle voller Mumien eine zusätzliche Gestalt zu finden war…

Bildergebnis für Speedy Death. Gladys Mitchell

Mittlerweile habe ich von Mitchell außerdem „Speedy Death“, „Murder in the Snow“, „Spotted Hemlock“ und „Dead Men´s Morris“ gelesen. Gladys Michell ist eine Empfehlung wert.

Die Detektivin ist akademisch gebildet, intelligent, alt und hässlich

Mit „Speedy Death“ erschien 1929 Mitchells erster Krimi. Hierin sowie in allen folgenden 66 ist die Detektivin Mrs. Beatrice Adela Lestrange Bradley, eine Psychotherapeutin und –analytikerin, schwer intelligent so wie Hercule Poirot, außerdem alt und hässlich. Weiterhin war sie dreimal verheiratet und ist vermögend. Ihr Äußeres ähnelt einem Reptil, lächelnd wird sie zum grinsenden Alligator. Fast zeitgleich zu Agatha Christies Miss Marple hat Mrs. Lestrange Bradley doch ein ganz anderes Format…

Bildergebnis für gladys Mitchell

Dialog treibt die Geschichte voran

In Mitchells Detektiv-Geschichten sind beschreibende Passagen Mangelware. Was thematisiert wird, transportiert sich in den Gesprächen der Figuren. Auf zwei frei herausgegriffenen Buchseiten, sind dies die einzigen deskriptiven Bestandteile des Textes:

  • said Laura suddenly
  • said Laura, easily
  • asked Carey, who was visiting his aunt. Laura looked through him
  • Laura glanced down her suit
  • said Laura airily
  • retorted Laura
  • demanded Laura, looking haughty
  • said the secretary. A little taken aback, Laura remarked that she hoped so

Dies führt zu einer ungewohnten Art zu lesen, da die Aufmerksamkeit immer gespannt dem Gespräch der Personen lauschen muss. Sehr interessant konstruiert, finde ich.

Bildergebnis für Speedy Death. Gladys Mitchell

Gladys Mitchell schrieb jedes Jahr einen Krimi

Gladys Mitchell war eine englische Autorin, die auch unter den Pseudonymen Stephen Hockaby und Malcolm Torrie schreib. Sie wurde 1901 geboren und starb 1983. Nach dem Studium der Geschichte in London arbeitete sie als Lehrerin. Mitchell beschäftigte sich mit dem Werk von Siegmund Freud und interessierte sich für Hexerei. Mehr in Wikipedia (Englisch).

…und hier noch ein Audio über Gladys Mitchell und „Speedy Death“ .

Der Hals der Giraffe: Bildungsroman. Judith Schalansky

Da mir das neueste Buch von Judith Schalansky sehr gut gefallen hatte – gerade in diesem Blog besprochen! -, habe ich gleich noch ein zweites gelesen. „Der Hals der Giraffe: Bildungsroman“.
Der Hals der Giraffe by Judith Schalansky

Hals der Giraffe?
Stimmt, kommt an einer Stelle im Buch vor, Haken dran.

Bildung?
Ja, immerhin spielt das Buch im Wesentlichen in einer Schule, also einer Bildunganstalt, auch Haken dran.

Roman?
Hier komme ich ins Grübeln, also erst einmal kein Haken.
Der Hals der Giraffe" von Judith Schalansky - Bakterie müsste man ...

Warum ich grübele, verrate ich gleich. Worum es in dem Buch geht, verrät der Klappentext: „Anpassung im Leben ist alles, weiß Inge Lohmark. Schließlich unterrichtet sie seit mehr als dreißig Jahren Biologie. In einer Stadt im hinteren Vorpommern. Dass ihre Schule in vier Jahren geschlossen werden soll, ist nicht zu ändern – die Stadt schrumpft, es fehlt an Kindern. Aber noch vertreibt Inge Lohmark, Lehrerin vom alten Schlag, mit ihrem Starrsinn alles Störende. Als sie schließlich Gefühle für eine Schülerin entwickelt und ihr Weltbild ins Wanken gerät, versucht sie in immer absonderlicheren Einfällen zu retten, was nicht mehr zu retten ist.“

Also meine Grübelei. Selber hätte ich die Bezeichnung Roman nicht gewählt. Eher handelt es sich um eine etwas lang gewordene Erzählung oder Kurzgeschichte (über 200 Seiten). Oder um eine Novelle, immerhin gibt es ein oder zwei Kandidaten für die wundersame Begebenheit. Aber für einen Roman ist das Buch etwas wenig-dimensional, etwas zu geradlinig, etwas unkomplex. Dasselbe gilt übrigens für die Charaktere, inklusive der Person, aus deren Perspektive und mit deren Gedanken alles erzählt wird, Inge Lohmark, die Lehrerin.

Gut ist das Buch schon, egal ob Roman oder nicht. Das Urteil „bester Roman des Jahres“ allerdings, das 2011 im Deutschlandfunk verkündet wurde, vermag ich nicht zu teilen. Im Unterschied zum „Verzeichnis einiger Verluste“ ist es vielleicht noch früh-hellenistisch. Schalansky zeigt, was sie als Schriftstellerin technisch kann und was sie als Mensch alles weiß. Aber das alles wirkt noch etwas unausbildet und ungelenk, noch nicht recht fertig und abgerundet, wie gewollt, aber noch nicht ganz gekonnt, kurz: noch staksig wie eine Giraffe. Auch die eingestreuten Illustrationen haben noch keine Bedeutung, außer einfach Illustration zu sein. Man kann das Buch nicht nach dem Verlustverzeichnis lesen, ohne zu denken: Ah, darauf hat sich die Autorin vorbereitet, so sollte das werden. Und ist ein wenig enttäuscht von der Giraffe.

Also: Erst die Giraffe lesen, dann die Verluste hinnehmen!