The remains of the day. Kazuo Ishiguro

Ab und zu lesen wir von diesem Blog dann sogar dieselben Bücher. Im vorherigen Beitrag war es noch dieselbe Autorin, aber ein anderes Buch. Jetzt wieder der identische Titel. Und wieder ist Kazuo Ishiguro an der Reihe mit seinem bekanntesten Werk „The remains of the day“.

Dem positiven Fazit meiner Vor-Besprecherin kann ich mich anschließen. Ein wirklich und richtig gutes Buch, rundherum zu empfehlen. Überaus lesbar, wirklich nicht seicht, für jeden zugänglich.

Allerdings lässt mich der Roman sehr bedrückt zurück. Mr Stevens, der Butler und Ich-Erzähler, hat letztlich sich selbst, seine eigene Person, seine Seele, sein Leben aufgegeben zugunsten einer Rolle, eines Jobs, seiner Profession als Butler. Absichtlich, da seiner Meinung nach nur der ein ausgezeichneter Butler sein kann, der ganz diese Rolle lebt.

Das ist sogar noch radikaler, als ein Mönchsgelübde abzulegen. Und das ist weit verbreitet in der heutigen Leistungsgesellschaft, in der dem Beruf häufig unbedingter Vorrang vor dem Privatleben eingeräumt wird/werden soll.

Für Stevens heißt das, dass er keine sozialen Beziehungen hat, dass er nur über die sehr gepflegte, aber doch formalisierte Butlersprache verfügt. Seinen Vater zum Beispiel spricht er in der dritten Person Singular an. Als dieser im Obergeschoss im Sterben liegt, hat er keine Zeit für ihn – die Pflicht geht vor, es sind gerade Gäste da. Der entzündete Zeh eines Gasts hat Vorrang vor dem tödlichen Schlaganfall des eigenen Vaters.

Ganz funktioniert das nicht mit dem Aufgeben der eigenen Person. Stevens stehen dann doch die Tränen in den Augen. Aber es ist ein Triumph seines Butler-Seins, dass er dem nicht nachgibt, dass er Haltung bewahrt, sich sonst nichts anmerken lässt.

An den wenigen Tagen der bis dahin einzigen Reise seines Lebens, die den zeitlichen Horizont der Romanhandlung bilden, kommt er ernsthaft ins Grübeln. Er fasst sogar den Vorsatz, sich zu ändern, mehr Humor und menschliche Wärme zu zeigen.

Aber dann geht’s doch schief, menschliche Wärme und Humor werden zu Funktionen der Butler-Profession, die berufliche Rolle gewinnt über sein Leben, über das, was von seinem Leben übrig ist:
„It occurs to me, furthermore, that bantering is hardly an unreasonable duty for an employer to expect a professional to perform. I have of course already devoted much time to developing my bantering skills, but it is possible I have never previously approached the task with the commitment I might have done. Perhaps, then, when I return to Darlington Hall (…) I will begin practising with renewed effort. I should hope, then, that by the time of my employer’s return, I shall be in a position to pleasantly surprise him.“

Humor als Pflicht. Nicht komisch mehr, tragisch.

Snowdon: the biography. Anne de Courcy

Dieses ist das zweite Buch von de Courcy, das wir in diesem Blog besprechen. Das erste, „The fishing fleet„, kam sehr positiv weg. Das zweite, über den britischen Fotografen, Jetsetter und Prinzessinnen-Gatten Lord Snowdon, früher geschrieben, hat es nicht so gut.

Positive Nachricht: Spätere Bücher von de Courcy sind besser als frühere – da hat sich die Autorin positiv entwickelt.

Snowdon
Lord Snowdon (*1930, †2017), oder auch: Antony Armstrong-Jones, first Earl of Snowdon und später Baron Armstrong-Jones of Nymans war ein bahnbrechender britischer Fotograf, ein versierter Designer, setzte sich insbesondere in den späteren Jahrzehnten seines Lebens sehr für ein besseres Leben von behinderten Menschen ein, förderte als Provost des Royal College of Arts die bildende Kunst, hatte immer großes Interesse an Frauen, war mit allen Größen des britisch-amerikanischen Jetsets bekannt, lebte gerne mal ohne Bad und Zentralheizung, aber auch mal mit allen Extras und Personal, und war mit Princess Margaret, der Schwester von Königin Elizabeth II., bis zur Scheidung verheiratet. Er war sehr mit sich beschäftigt und auf sich fokussiert, tat sich mit dauerhaften engen Beziehungen schwer, setzte sich selbstlos für andere Menschen ein, war – wenn er wollte – Charme in Person.

Was immer er tat, tat er mit voller Überzeugung, voller Energie, vollem Risiko und oft vollem Erfolg.

Einen guten Überblick über die verschiedenen widersprüchlichen Facetten dieses Menschen gibt auch ein Nachruf des BBC.

Die Biographie
Fast immer ein schlechtes Zeichen, wenn Biographie mit einem bestimmten Artikel zu „DIE Biographie“ verbunden wird.
Noch gefährlicher: Wenn in den Acknowledgments ein Satz auftaucht wie „It only remains to add not only my admiration but also my affection“ für die Person, über die geschrieben wird….
… und wenn diese Person noch lebt.

Positiv:
Snowdon ist nicht nur Licht oder nur Schatten in dieser Biographie, sondern eine realistische Kombination aus beidem. Wie der Guardian in seiner wirklich guten Rezension des Buchs schrieb: „(…) it is impossible here to convey the combination of high society and low morals, of frightfully good tase and awful cheese that de Courcy has managed to dish up.“
Auch schreibt de Courcy durchaus lebhaft und wählt die geschilderten Anekdoten und Zitate recht geschickt aus. Beispiel: Snowdon und Prinzessin beim Sonnenbaden auf reflektierender Folie, um möglichst gleichmäßig zu bräunen – Snowdon, der für seine Ehe-Prinzessin eine Liste findbar liegen lässt „things I hate about you“.

Anstrengend dagegen:
Die Biographie bleibt sehr an der Oberfläche, im Anekdotischen. Es gibt letztlich keine Passage, die ähnlich geschrieben nicht auch in eine einschlägige Gesellschafts-Zeitschrift gepasst hätte. Typisch hierfür die gelegentlichen Fußnoten wie „Nephew of the Prime Minister Sir Alec Douglas-Home (later the 14th Earl of Home) and his brother the playwright William Douglas-Home“ mit ihrem Fokus auf Einträge in Burkes Peerage.
Über mehr als 300 Seiten kann das ermüden, wenn man nicht sowieso Abos solcher Zeitschriften hat und sie immer von vorne bis hinten liest (wobei die Zeitschriften ja meist mehr auf Bilder fokussieren….).

In Summe: Wer sich für eine Fallstudie von Eitelkeit interessiert, liegt hier in jeder Hinsicht richtig.

 

 

Wer war Ingeborg Bachmann? Ina Hartwig

Diese Biografie zur berühmten Dichterin und Roman-Autorin ist eine in Bruchstücken. So auch der Untertitel.

Was leistet diese Biografie?

Ausgehend von einem ikonografischen Foto der Bachmann richtet Ina Hartwig ihre Aufmerksamkeit auf verschiedene Aspekte des Lebens von Ingeborg Bachmann explizit ohne Anspruch auf Vollständigkeit oder Konsistenz. Fotos aus unterschiedlichen Jahren bereichern und pointieren die gewählte biografische Form: da gibt es das Mädchen, die Diva, die Dame von Welt, die Scheue, die Selbstbewusste, die Kranke. Bachmann gehört nicht zu meinen erklärten Lieblingsautorinnen, dennoch habe ich diese Biografie außerordentlich genossen.

Biografische Phasen

Hartwig wählt zum Beispiel die Gerüchte um den Tod Bachmanns als historischen Anker, ebenso ihre Liebesgeschichte mit Paul Celan und ihr Leben als Stipendiatin im Berlin der 1960er Jahre:

  • Krieg am Sterbebett
  • Der Mann mit dem Mohn
  • Berlin, Germany

Themen

Politisches Engagement sowie eine Reise in den Orient und das Thema „Vater“ nutzt Hartwig für weitere Schlaglichter auf Ingeborg Bachmann in den Kapiteln

  • Körperwerk der Politik
  • Orgie und Heilung
  • Guter Vater, böser Vater

„Ingeborg Bachmann gilt als weltentrückte „Schmerzensfrau“ der deutschsprachigen Literatur. Auf solches Raunen verlässt sich Ina Hartwig nicht. In ihrer neuen Biografie über die Schriftstellerin wird sie erfrischend konkret – ihr Buch ist ein anekdotenreiches Zeitpanorama. „Wer war Ingeborg Bachmann?“ – mit diesem bodenständigen, äußerst unaufgeregten Titel gibt die Biografin Ina Hartwig die Richtung an: Fern von allem Pathos zeichnet die Publizistin und Kritikerin die Lebensstationen der österreichischen Dichterin nach. Und dieser Blick tut gut bei einer Autorin, bei der es die Mythenbildung leicht hatte: Bachmanns kometenhafter Aufstieg in den Fünfzigerjahren, ihre glamourösen Auftritte, ihre Beziehungen zu Paul Celan und Max Frisch und ihr rätselhafter Tod 1973 waren jahrzehntelang die Grundlage für immer neue Projektionen.“ (Quelle Deutschlandfunk Kultur)

Erinnerungen von Zeitzeugen

Hartwig leistet sich bruchstückhaftes Erzählen, sie nimmt sich selbst interpretatorisch zurück. Das gelingt und ist interessant, da sie Erinnerungen von Zeitzeugen verwendet, deren hohe Subjektivität sie bewusst einsetzt, um so das widerspruchsvolle Bild von „der Bachmann“ zu entwickeln:

  • Ein Kritiker
  • Gespräche mit Zeitzeugen

Methodisch ähnlich, jedoch als Biografie einer Gruppe junger Frauen geht Lyndall Gordon in „Shared Lives“ vor.

Chinesische Tapeten in Großbritannien und Irland. Emile de Bruijn

Chinesische Tapeten, als ob es sonst nichts gäbe, womit man sich beschäftigen könnte!

Tapeten: eine chinesische Erfindung
Dabei haben fast alle Menschen in Deutschland Tapeten in ihren vier Wänden. Und kaum einer weiß, dass zu den vielen Dingen, die ursprünglich in China erfunden worden sind, auch die Tapete gehört, erstmals wohl während der Han-Dynastie um Christi Geburt, ab dem 4. Jahrhundert auch und zunehmend in Papierform.

Gestalterisch geprägt wurden diese chinesischen Tapeten von der traditionellen chinesischen Malerei. Damit waren sie auch eher ein Gegenstand der Kunst und weniger des Designs oder schlicht der Innendekoration. Die Motive: Florales mit Vögeln und Insekten oder Landschaften oder Genreszenen oder Kombinationen hiervon.

Chinesische Tapeten: ein Exportschlager in Europa
Der Export chinesischer Produkte insgesamt nach Europa gewann im 16. Jahrhundert an Bedeutung. Tapeten im heutigen Sinn wurden ab der Mitte des 18. Jahrhunderts in diesem Geschäft wichtig. Die Glanzphase dauerte dann bis in das frühe 19. Jahrhundert. Wichtig dabei: chinesische Tapeten hatten immer viel mit Handarbeit zu tun. Zwar wurden im 18. Jahrhundert auch Holzschnittdrucke verwendet, aber diese wurden von Hand ausgemalt. Anschließend war die Mehrzahl der Tapeten komplett handgemalt, meistens gemalt nach Mustern, die vielfältig variiert und kombiniert wurden.

Damit erklärt sich auch, dass solche Tapeten keine Massenprodukte waren. Sie kosteten im 18. Jahrhundert etwa siebenmal so viel wie europäische Tapeten. Für eine einzige Tapetenbahn hätte ein Pfarrer etwa einen Monat arbeiten müssen.

Chinesische Tapeten: Ein Spätzünder am Kunstmarkt und in der Forschung
Obwohl relativ viele alte chinesische Tapeten in Europa erhalten sind, waren sie lange Zeit ein Mauerblümchen am Kunstmarkt und in der Forschung. Richtig erschlossen wurde es dann in den 1980er Jahren von einer Deutschen, Friederike Wappenschmidt, von der auch das Standardwerk „Chinesische Tapeten für Europa: Vom Rollbild zur Bildtapete“ stammt.

Das Buch von de Bruijn
Das in englischer Sprache als „Chinese Wallpaper in Britain and Ireland“ 2017 erschienene Buch von de Bruijn könnte dem Thema viel neuen und verdienten Schwung nicht nur auf den britischen Inseln verleihen. Die Illustrationen sind zahlreich, durchgängig in Farbe, von ausgezeichneter Qualität (außer wo Tapeten nur durch Schwarzweiß-Fotos überliefert sind). Der Text ist sehr zugänglich geschrieben. Der Autor kennt sich aus. Und – ein nicht sehr häufiges Glück – er bringt den historischen, sozialen, kulturellen, handwerklichen Kontext mit ein, sowohl in Europa als auch in China. Ein wirklicher Genuss, rundherum.

Muss man also den europäischen Kontinent verlassen, um sich alte chinesische Tapeten im Original anzuschauen?
Muss man nicht. Auch in Deutschland gibt es gut erhaltene, hochwertige Beispiele. In und bei Berlin in Schloss Charlottenburg, Schloss Rheinsberg; Wörlitz ist vertreten; München durch Schloss Nymphenburg mit der Amalien- und Badenburg; in Hessen die Hallenburg in Schlitz und Schloss Hohhaus in Lauterbach; Baden-Württemberg hat Schloss Schwetzingen; Franken Veitshöchheim, Werneck und Bayreuth. Die Liste lässt sich noch eine Weile fortsetzen. Am vollständigsten für Deutschland findet man sie im genannten Buch von Wappenschmidt.

Und für die eigenen vier Wände?
Wenn man das nötige Kleingeld hat, kann man sich auch weiterhin handgemalte chinesische Tapeten gönnen. Firmen wie de Gournay und Fromental lassen weiterhin in China arbeiten. Und für den etwas budget-orientierteren Menschen finden sich auch bei anderen Tapeten- oder sogar Fliesenherstellern immer wieder Designs, die mehr oder weniger gelungen von den Originalen des 18. und 19. Jahrhunderts inspiriert sind.

Sollte sich jetzt jemand noch mehr für China interessieren: In diesem Blog gibt es hierfür sogar eine Extraseite!

Der Maler der fließenden Welt. Kazuo Ishiguro

Ich mag Roman-Autoren, die erste Sätze schreiben können. Kazuo Ishiguro in seinem zweiten Roman, „An Artist of the Floating World“, gehört ganz deutlich dazu:
„If on a sunny day you climb the steep path leading up from the little wooden bridge still referred to around here as ‚the bridge of hesitation‘, you will not have to walk far before the roof of my house becomes visible between the tops of two gingko trees.“

Vorsichtig, eventuell, Zögern – Vergangenheit, Tradition, Kontinuität und Veränderung – steiler Weg, Brücke – Ich-Erzähler, wir und die anderen – Asien – Dinge, die erst nach und nach sichtbar werden. Viele, eigentlich alle Akzente werden gesetzt, die kennzeichnend und wesentlich sind für den gesamten Roman.

Der Guardian zählt diesen Roman zu den 100 besten in englischer Sprache, bevor Ishiguro den Literatur-Nobelpreis bekommt, damals im Jahr 2015, Platz 94. Die anderen, bekannteren Bücher von Ishiguro tauchen auf der Liste nicht auf. Also der beste Roman von ihm?

Beurteilen kann ich das nicht, da dies der erste Roman ist, den ich von Ishiguro gelesen habe. Meine Kollegin in diesem Blog fand einen anderen, „The remains of the day„, ebenfalls ausgezeichnet. Vielleicht ist er aber tatsächlich besonders:

  • dieser englische Autor mit japanischem Hintergrund schreibt über Japan
  • sein exquisiter und sparsamer Stil erinnert an die ebenfalls exquisite Sparsamkeit japanischer Kunst, ohne dadurch nicht mehr ausgezeichnet Englisch zu sein.

Der Inhalt

Passabel, aber zugleich viel zu platt und zu konkret zusammengefasst im deutschen Klappentext: „In den dreißiger Jahren hat der Maler Masuji Ono seine Kunst in den Dienst der japanischen Expansionspolitik gestellt. Jetzt, nach dem Krieg, ist sein damaliger Hurrapatriotismus anrüchig geworden, und als seine Tochter heiraten will, wird seine politische Vergangenheit zur Belastung für die Familie. Seine Lebensbeichte offenbart ein heilloses Geflecht von Schuld und Irrtum und ist ein Läuterungsprozess, nach dem er nicht mehr derselbe sein wird wie zuvor.“

Das Buch ist wirklich viel, viel besser, als diese Inhaltsangabe vermuten lassen würde.

Was mich besonders beeindruckt

Die phänomenale Konsistenz zwischen dem Charakter des Ich-Erzählers und der Sprache, in der er erzählt. Die Fähigkeit, auch schreckliche Ereignisse deutlich werden zu lassen, ohne dabei konkret und plakativ zu werden. Der vignettenhafte Blick auf nur wenige Personen in einem kurzen Zeitfenster, der ein ganzes Land und eine ganze Epoche erscheinen lässt.

Und was bedrückt

Eine wirkliche Auseinandersetzung mit der Vergangenheit schafft keine einzige der Personen im Buch, egal auf welcher Seite sie standen, egal aus welcher Generation. Am besten gelingt dies vielleicht noch dem Ich-Erzähler, aber auch er kommt nur bis zu dem etwas vagen Satz:
„Our nation, it seems, whatever mistakes it may have made in the past, has now another chance to make a better go of things. One can only wish these young people well.“

Und die jüngste Generation, vertreten durch den Enkel des Ich-Erzählers, begeistert sich zwar für amerikanische Rollenmuster wie Cowboys und Popeye. Chauvinismus und eine Neigung zu Traditionen aus der Vorkriegszeit sind aber bei diesem Kind, das noch keine 10 Jahre alt ist, bereits angelegt und entwickeln sich.

Erstaunlich

Ein solches wirklich großartiges Buch wie dieses bekommt man als Taschenbuch für unter 10 €. Dafür kann man nicht ins Kino gehen.

Gaudy night. Dorothy L. Sayers

Ein Novum in diesem Blog, passend zum Beginn eines neuen Jahres: Das erste Mal, dass wir ein Buch das zweite Mal besprechen. „Gaudy night“ von Dorothy L. Sayers ist allerdings auch ein Roman – oder vielleicht doch nur ein Krimi? -, der diese Aufmerksamkeit rechtfertigt.

Vorweg
Ich bin bestimmt kein eingefleischter Fan von Sayers. In der Tendenz finde ich

  • ihre Romane zu lang für den Plot
  • die Autorin zu sehr darauf erpicht, deutlich zu machen, wie gebildet sie ist
  • und die Zitate, die sie gerne an den Kapitelanfang stellt, irgendwie erstaunlich ungeeignet.

Alles trifft auch auf „Gaudy night“ zu.

Aber dennoch
… ertappe ich mich dann doch immer wieder dabei, einen dieser Romane zu lesen. Mir gefällt schon, dass die Autorin sehr gut mit Sprache umgehen kann und dies offenkundig genießt. Auch sind ihre Charaktere erfreulich mehrschichtig, tiefgründig, vieldimensional. Zusätzlich geht Sayers so emanzipiert mit allen traditionellen Krimi-Rezepten um, dass sie ganz neue Perspektiven für diese damals (und heute) als un-literarisch verrufene Gattung auftut.

Vor allem unterstellt Sayers ihren Leserinnen und Lesern, dass sie mit komplexer Sprache, komplexen Gesprächen und Überlegungen, komplexer Handlung und komplexen Personen umgehen wollen und können. Sayers unterstellt eine intelligente und aufgeklärte Leserschaft. Und das schmeichelt einem dann ja doch ein wenig, wenn man sich ins erste Kapitel stürzt.

Und „Gaudy night“ an sich?
Ein Krimi ist dieser Roman wirklich nur am Rande und zwischendurch. Viel eher handelt es sich um eine Liebesgeschichte. Oder alternativ ein differenziertes, nuanciertes Werk darüber, ob akademische Bildung und ein akademischer Beruf etwas für Frauen sind.

Darin enthalten auch Dichtung, genau in der Mitte des Romans ein kurzes Sonett:
„Here, then, at home, by no more storms distrest,
Folding laborious hands we sit, wings furled;
Here in close perfume lies the rose-leaf curled,
Here the sun stands and knows not east nor west,
Here no tide runs; we have come, last and best,
From the wide zone through dizzying circles hurled,
To that still centre where the spinning world
Sleeps on its axis, to the heart of rest.“

Und Abhandlungen, zum Beispiel über die männliche Hemdbrust traditionellen Stils:
„‚Hard-boiled or soft-boiled?‘
‚Hard, I think.‘
This question had no reference to Dr. Threep’s politics or economics, but only to his shirt-front. Harriet and the Dean had begun to collect shirt-fronts. Miss Chilperic’s ‚young man‘ had started the collection. He was extremely tall and thin and rather hollow-chested; by way of emphasising this latter defect, he always wore a soft pleated dress-shirt, which made him look (…) like the scooped-out rind of a melon. By way of contrast, there had been an eminent and ample professor of chemistry (…) who had turned up in a front of extreme rigidity, which stood out before him like the chest of a pouter pigeon (…). A third variety of shirt fairly common among the learned was that which escaped from the centre stud and gaped in the middle; and one never-to-be-forgotten happy day a popular poet had arrived (…) whereby, at every gesticulation (and he had used a great many) his waistcoat had leapt in the air allowing a line of shirt, adorned with a little tab, to peep out, rabbit-like, over the waistline of the confining trouser. On this occasion, Harriet and the Dean had disgraced themselves badly.“

Insgesamt
… sollte man dieses Buch tatsächlich gelesen haben, und sei’s in Übersetzung.

The Affair of the Bloodstained Egg Cosy. James Anderson

Klassischer englischer Detektiv-Roman in 20er-Jahre-Setting und ganz klar eine Country-House-Mystery: „It always gave Jane a kind of thrill to tip the guard and loftily instruct him to have the train stopped at Alderly Halt. It seemed so delightfully feudal and anachronistic.”

Worum geht es?

Ein Diamant-Halsband wird gestohlen, aus zwei Pistolen werden vier und die Leiche landet im Teich. Gäste sind Mitglieder der Aristokratie, Undercover-Spione, eine umwerfend schöne Baronin, ein Juwelendieb und ein texanischer Multimillionär samt Frau. Als Inspektor Wilkens den Landsitz erreicht, um den Mord aufzuklären, verströmt er keinen Optimismus: „Don´t expect me to solve anything.“

James Anderson hat seine Detektiv-Geschichten seit 1975 veröffentlicht. Neben „The Affair of the Bloodstained Egg Cosy“ gibt es mit gleichem Setting in Alderly, Sitz von Lord and Countess of Burford, noch diese beiden Krimis, die ebenso erfreulich sind:

  • „The Affair of the Mutilated Mink“
  • “The Affair of the 39 Cufflinks”

“But Lavinia, I don´t want people staying here”, said the Earl. (…) “This is quite different. These people are family, not spies and jewel thieves and blackmailers and film stars. And when one occupies an historic house such as Alderly, one cannot shut its doors because of a few unfortunate incidents.”

Perfektes 20er-Jahre-Setting

Anderson verwendet ganz offensichtlich als Inspiration und Vorlage für seine Detektiv-Geschichten die Romane von Agatha Christie. Sprachlich wie inhaltlich habe ich den Eindruck, als würde er fast Christies „The Secret of Chimneys“ zitieren. Auf diese Weise wirken die Geschichten von Anderson sehr authentisch. Sie sind gut gemacht. Auf der negativen Seite steht eine etwas konstruierte Wirkung: Charaktere und Details der Plots machen schon den Eindruck, als seien sie nach einem bestimmten Schema geschrieben worden.

Für alle Fans des klassischen englischen Detektiv-Romans in der Form der Wochenend-Landsitz-Geschichte kann ich diese Krimis wärmstens empfehlen:

  • Agatha Christie „The Secret of Chimneys“
  • Agatha Christie “After the Funeral”
  • Ngaio Marsh “A Man lay Dead”
  • Ngaio Marsh “Tied up in Tinsel”

Unsere Empfehlungen zu den besten Krimis sind hier und alle Krimis, die wir bereits besprochen haben finden sich hier…

Meine Bücher des Jahres 2017

Andere Medien machen das ja auch: Listen erstellen zum Ende eines Jahres. Das lässt sich auf Halde produzieren, so dass man an und zwischen den Feiertagen nicht arbeiten muss oder zumindest nicht in Stress gerät.

Diese Liste ist anders. Sie lag nicht auf Halde, sondern wird jetzt in diesem Moment gerade frisch produziert. Außerdem ist sie kurz.

Meine Bücher des Jahres 2017 also.

Mit Abstand an der Spitze ein echter Außenseiter:

  • Der „Tractatus theologico-politicus“ von Baruch Spinoza.
    Auch im Rückblick mehrerer Monate bin ich immer noch beeindruckt von der Intelligenz, Unbestechlichkeit und dem Mut des Autoren. Finden seine Thesen höchst bemerkenswert und zum großen Teil sehr relevant für die heutige Zeit. Und bin fasziniert von der Klarheit seiner Sprache und Argumentation.
    Ergänzend hierzu – als Starter oder Abrunder – das Buch über dieses Buch von Nadler über „A book forged in hell
  • The most perfect thing: inside (and outside) a bird’s egg“ von Tim Birkhead
    Mein Sachbuch des Jahres. Viel Erstaunliches und Wissenswertes über etwas völlig Alltägliches: Das Vogel-Ei. Flott geschrieben von einem Experten.
  • Death of an avid reader“ von Frances Brody
    Meine Krimi-Entdeckung des Jahres. Zwar sind die neuesten ihrer Bücher nicht mehr ganz so gut – wahrscheinlich ist der Zeitdruck zu groß? – aber spannend, intelligent geschrieben, klassischer-Krimi-formatiert sind sie alle. Und im Unterschied zu vielen anderen thematisiert diese Autorin, ohne damit zu einer Problem-Schriftstellerin zu werden, auch die traumatisierten Folgen eines Weltkriegs.
  • The caravanersvon Elizabeth von Arnim
    Ein echter Klassiker, wirklich allerbeste Unterhaltungsliteratur mit tiefen Einsichten über den deutschen männlichen Charakter.
  • One crimson thread von Mícheál Ó Siadhail
    Jetzt muss ich etwas schummeln, denn diesen Gedichtband habe ich bereits 2016 gelesen. Ich finde aber, dass er auch für 2017 seine Spitzenposition auf meiner Liste verdient. Sehr berührend. Großartig geschrieben.

Die Autoren im Überblick:


Ein frohes neues Bücherjahr!

NEU: Jane Austen – die besten Bücher über sie

Neu in Buch-und-Sofa

Unter „Die besten Bücher…“, unserer Zusammenstellung von guten Büchern zu bestimmten Themen, gibt es nun auch Empfehlungen von Büchern über Jane Austen.

Jane Austen and Representations of Regency England

Hat Jane Austen nur romantische Liebesgeschichten geschrieben?

Hat sie nicht. Der Wert des Geldes, die Rolle von Krieg, die Wahlmöglichkeiten von Frauen und vieles andere mehr sind ebenfalls ihre Themen. Kluge und nachdenkliche Bücher zu ihrem Werk zeigen, wie komplex, professionell, humorvoll, wie boshaft die Autorin schreib.

War Jane Austen eine weltfremde Dame der höheren Gesellschaft?

War sie nicht. Das Image der zurückgezogenen, feinen, bescheidenen, religiösen und ganz in der weiblichen Rolle aufgehenden Frau war eines, an dem nach Austens Tod ihre Verwandten heftig gefeilt haben.

Weshalb heute noch Jane Austen lesen?

Aus formalen wie aus historischen Gründen. Und aus reinem Vergnügen. Ihre Texte sind von außerordentlicher Qualität, sie hat Erzähl-Methoden erfunden, die wir heute für selbstverständlich halten. Ihre Texte spiegeln eine interessante historische Phase. Jane Austen lesen macht Spaß.

Unsere Buch-Besprechungen zu Jane Austen gibt es hier…

Im Gehen. Ilse Helbich

Der kleine Gedicht-Band ist Ilse Helbichs erster und wird wohl ihr letzter bleiben.

Im Gehen: Gedichte

Die Autorin wurde 1923 in Wien geboren. Im Alter von 80 Jahren veröffentlichte sie ihren ersten Roman. „Im Gehen“ ist ein kleines Buch über das Fortgehen, über das Aus-dem-Leben-Gehen, ein paar Blicke über die Schulter sind kostbaren Erinnerungen gewidmet.

„Wenn ich jetzt in einem Schubkarren säße und

einer schöbe mich den dämmrigen Weg entlang.

Rollen und Rütteln

und Wiegen.

Blätter streicheln die Wange.

Ich möchte gerne wissen, wer

mich schweigend dahin fährt,

aber ich wende den Kopf nicht.

Er ist ja da.

Mein schwieriges Gehen.“

Die Gedichte wirken erstaunlich modern. Hin und wieder scheint ein Wort wie ein Stock in die Speichen geworfen zu sein: Es knirscht dann für mein Gefühl im Gedicht.

„Man kennt Ilse Helbich als kluge, unsentimentale Chronistin des hohen Lebensalters, als die Autorin präziser und gleichwohl poetischer Erinnerungen, unabhängig und unerschrocken das Leben dort dokumentierend, »wo sich ein Jenseits ins Dasein mogelt« (Susanne Mayer, Die Zeit). Sie hat aber auch, Mitte der 70er Jahre beginnend, immer wieder Gedichte geschrieben – aus denen sie nun erstmals eine Auswahl an die Öffentlichkeit bringt. Es sind »frühe Gedichte« (1975 bis Mitte der 80er Jahre) und solche, die in den letzten zwanzig Jahren entstanden sind und also ihr aktives Schriftstellerinnen-Leben begleitet haben“. (Quelle Dorschl Literaturverlag)

Vor einiger Zeit habe ich „Das Haus“ von Helbich gelesen und diesen autobiografisch gefärbten Text sehr genossen: klug, aber nicht altersweise.

„Es ist gesagt, was zu sagen war. Das Andere, das jetzt ist, entzieht sich den Worten.“ So endet „Im Gehen“.

Weitere Bücher zu Alter, Moder für nicht mehr junge Damen und über Sterben und Tod empfehlen wir bei Buch-und-Sofa in unserer Rubrik „Älter werden“.