Ich, Kaiser von China. Jonathan D. Spence

„Emperor of China: Self-Portrait of K’ang-hsi“ – in der deutschen Übersetzung von 1985 einfach nur „Ich, Kaiser von China“ – ist ein bemerkenswertes Buch.
Die Geschichte von Kaiser Kangxi

Kangxi (so die Schreibweise des Namens dieses Kaisers in der etwas geläufigeren Pinyin-Variante), * 1654, † 1722, war der zweite Kaiser der mandschurischen Qing-Dynastie Chinas, ein Zeitgenosse Ludwigs XIV. also. So lange wie er hat kein anderer Kaiser vor ihm regiert, er schaffte sage und schreibe 61 Jahre. Sogar heute noch gilt er in China als einer der vorbildlichsten Regierungschefs der chinesischen Geschichte. Er vergrößerte das Kaiserreich, sorgte für ein relativ friedliches Miteinander zwischen den Manchu und den Chinesen, war moralisch anscheinend ziemlich integer und kümmerte sich sehr um Kultur und Wissenschaft.
KANXI (ruled 1662–1722) | Facts and Details

Von Kangxi gibt es noch ziemlich viele Originaltexte, unter anderem Gedichte, Briefe und auch ein sogenanntes Abschiedsedikt, das er selbst einige Jahre vor seinem Tod verfasst und kommuniziert hat. Er ist damit einer der wenigen chinesischen Kaiser, von dessen Charakter und Ansichten man sich ein recht unmittelbares Bild machen kann.

Dies nutzt der anglo-amerikanische Sinologe Jonathan Spence, um quasi eine Autobiographie Kangxis zu schreiben. In den meisten Kapiteln setzt er Fragmente von Originaltexten des Kaisers zu verschiedenen Themen zusammen, z.B. „In motion“, „Ruling“, „Thinking“, „Growing old“. Im letzten Kapitel wird das Abschiedsedikt vollständig widergegeben. Alles ist also von Kangxi, redigiert von Spence. Hier das Edikt im handschriftlichen Original (wobei ich gleich auf den Beitrag in diesem Blog zu chinesischer Kalligraphie und die Seite zu China insgesamt hinweisen möchte, wo die hier besprochene Kangxi-Biographie auch schon von uns empfohlen wurde – ich habe sie jetzt zum zweiten Mal gelesen….)

Das Buch bringt einem diesen faszinierenden Menschen recht nah. Man lernt ihn mit seinen Selbstzweifeln kennen; wie er sich mit seiner zunehmenden Gebrechlichkeit auseinandersetzt; mit den Schwierigkeiten seiner Nachfolgeregelung; seinen Gedanken zu Erziehung, Ernährung, Medizin, Familie. Passend zur Zeit – der Übergang vom 17. zum 18. Jahrhundert – könnte man ihn durchaus als Kaiser der Aufklärung verstehen. Das Buch ist sehr poetisch, fast schön. Ein Rezensent hat geschrieben: „A masterpiece: it lifts scholarship to a level of beauty.“ Das würde ich so unterschreiben.
Qing Dynastie: Als Kaiser Kangxi China dem Westen öffnete - WELT

Als Zitat ein Gedicht von Kangxi:
„How many now are left
Of my old court lecturers?
I can only grieve as the decays of age
Reach ruler and minister.
Once I had great ambitions –
But they’ve grown so weak;
Being disillusioned by everything,
I don’t bother to seek the truth.
Shrinking back I look for simple answers,
But everything seems blurred.
Complexities bring me to a halt,
Exhausting my energies.
For years past, now,
I’ve neglected my poetry
And, shamed as I grope for apt phrases,
Find dust on my writing brush.“

Und vielleicht die letzten Zeilen seines Abschiedsedikts:
„I’ve revealed my entrails and shown my guts, there’s nothing left within me to reveal.
I will say no more.“

Sweets – A History of Temptation. Tim Richardson

“Sweets – A History of Temptation” von Tim Richardson ist die Geschichte der Leidenschaft für Süßigkeiten. Der Autor zeichnet die historische Entwicklung aller wesentlichen süßen Sünden nach, bietet die Übersicht regionaler Spezialitäten der Welt und beschreibt seine eigenen Eskapaden auf der Suche nach den besten Leckereien der Welt.

Sweets: A History Of Temptation

 

„You don´t exactly eat a sweet. A sweet is not food. You put it into your mouth and it kind of happens to you. Indeed, the sweetie is eating you, through the good offices of a marauding tribe of dental caries. And a sweet can also have its revenge by radically altering your appearance – turning your mouth black or red or green or yellow, just in time for that job interview or first date.”

Süße Meilensteine der Geschichte

Die Hauptkapitel von „Sweets“ behandeln die Rolle von Süßem in verschiedenen historischen Phasen. Wie Kakao von Europäern in Südamerika gekostet wurde und dann zur lukrativen Handelsware mutierte. Oder erklärt die biochemischen Grundlagen von Süßigkeiten in „Heart of Sweetness“. Oder beschreibt in einem anderen Kapitel wie Zucker in Europa lange Zeit als medizinisch wirksam verstanden und angewendet wurde. Diese Kapitel bringen die Entwicklung der Süßwaren-Industrie ebenso auf den Punkt wie die Veränderung gesellschaftlicher Haltungen gegenüber Süßem in „Bad Candy“.

Nine stories behind the great British sweets of your childhood ...

Die besten Süßigkeiten der Welt

Zwischenkapitel sind einzelnen Süßigkeiten gewidmet. In ihnen mischt Richardson Beschreibungen zu Konsistenz mit historischen sowie gesellschaftlichen Details. Sie sind diesen Genüssen gewidmet: Turkish Delights, Lakritz, Bonbons, Marzipan, Baklava, Marshmellows, Manna und Kaugummi. Aus dem Kapitel „What is it about chocolate?“:

„Chocolate is not like any other sweet. Most confectionery buoys up the spirit and makes us smile: its sweetness is innocent, and our pleasure is, too. With chocolate, however, it is only to easy to form a complicated emotional attachment. This unlikely-looking brown substance, which tastes so wonderful, can excite high emotion and lasting dependency.”

Sweet shop favourite born in Lancashire - Lancashire Evening Post

Ungenossene Genüsse: The Himalayan Gobstopper

In einer atemlosen Kurzzsammenfassung erklärt der Autor am Ende des Buchs die weltweit besten Süßigkeiten in allen Ländern bzw. Regionen. Dies ist der mühsamste Teil des Buchs und liest sich streckenweise wie eine aneinander Reihung von Lexikon-Einträgen. Als Leserin war ich erleichtert, dass Tim Richardson einige Süßigkeiten nicht gekostet und somit nicht recherchiert und beschrieben hat…

Chinesische Kalligraphie. Ouyang Zhongshi

Ein Buch wie ein Türstopper. Ein Thema wie eine herunterrauschende Jalousie. Chinesische Kalligraphie. Als ob man sonst nichts zu tun oder zu lesen hätte.
Chinese Calligraphy (The Culture & Civilization of China ...

Gekauft und gelesen (!) habe ich es trotzdem – und bin ganz zufrieden damit.

Früher, wenn ich in einem Museum für ostasiatische Kunst mit chinesischer Kalligraphie konfrontiert war, kam ich nicht über ein „gefällt mir“ oder „gefällt mir nicht“ hinaus. Das ist natürlich auch eine Art der Auseinandersetzung. Andererseits aber ziemlich flach, wenn man bedenkt, dass Kalligraphie gemeinsam mit Tuschezeichnung ganz oben in der Rangfolge traditioneller chinesischer Kunst steht, und zwar seit mehr als zweitausend Jahren.

Chinesische Kalligraphie
Schrift und Kultur gehören in China zueinander. Und vielleicht lässt sich chinesische Kultur ohne Verständnis der Schrift daher nicht recht nachvollziehen. Eine ganze Reihe chinesischer Kaiser hielten es für gut und richtig, nicht nur besonders gute Kalligraphien zu sammeln, sondern auch selbst diese Kunst zu beherrschen. Mao setzte diese Reihe dann in einer anderen Regierungsform fort, dito Deng, vermutlich auch Xi Jinping. Dieses Beispiel hier ist vom Song-Kaiser Huizong (* 1082, † 1132):
Emperor Huizong: Chinese Calligrapher

Die Handschrift einiger besonders früher Kalligraphen ist dadurch erhalten, dass man sie später mühe- und kunstvoll auf Steinstelen übertrug, von denen dann noch später ein Abklatsch auf Papier genommen wurde, der zum Glück erhalten blieb. Zum Vergleich: Von antiken römischen oder griechischen Autoren haben wir nichts (also: gar nichts) in deren Handschrift. Kalligraphie wurde fast durchgehend, über alle Dynastien der chinesischen Geschichte praktiziert, gesammelt, wertgeschätzt, kopiert, weiterentwickelt.
Zwei Beispiele, zunächst vom vielleicht wichtigsten Kalligraphen überhaupt, Wang Xizhi (* 307, † 365):
Culture insider: 10 famous works by Chinese master calligraphers[1 ...

… und dies von einem anderen, fast so wichtigen, Zhao Mengfu (* 1254 ,† 1322), mit einer seiner Tuschzeichnungen:
Zhao Mengfu - Wikipedia

Das Buch
Verstanden, Kalligraphie in China ist etwas Besonderes. Aber hilft einem das Buch dabei, mit ihr etwas anfangen zu können?

Durchaus. Wobei ich empfehlen würde, es in anderer Reihenfolge zu lesen, als es gedruckt wurde. Erst Kapitel 1 über „The evolution and artistry of Chinese characters„, dann Nr. 9 „An overview of ancient calligraphic theories“, danach Nr. 10 „Chinese calligraphy meets the west“. Die anderen Kapitel vielleicht durchblättern und all das lesen, woran man hängen bleibt – die sind chronologisch sortiert mit einer Fülle historischer Informationen und bedeutender Kalligraphen und guter Illustrationen.

Das Kapitel 9 ist wirklich sehr gelungen und macht die Verschnörkelungen der chinesischen Theorien tatsächlich recht gut verständlich und nachvollziehbar. Das habe ich noch in keinem anderen Buch so gefunden.

Und wie geht’s dem Leser danach in einem Museum für ostasiatische Kunst? Er (oder sie) erkennt einige Namen von Kalligraphen wieder, kann die verschiedenen Schriftarten unterscheiden, kann selbst einzelne Kalligraphien Epochen zuordnen und – vor allem – begründen, warum ihm/ihr etwas gefällt oder auch nicht. Das ist, finde ich, eine ganze Menge mehr als vorher.

Und als Türstopper funktioniert das Buch ja sowieso.

Nebenbei bemerkt: Wer über China insgesamt mehr erfahren möchte, findet in diesem Blog eine Extraseite mit vielen Literaturtipps.

Echnaton: Ägyptens falscher Prophet. Nicholas Reeves

Ägypten ist bisher in unserem Blog – soweit ich mich erinnere – eher kurz gekommen. Geschrieben haben wir nur über Obelisken und die Hieroglyphen. Für eine Hochkultur wie das alte Ägypten ist das deutlich unter Wert. Zur Abhilfe daher jetzt ein sehr gutes Buch über Echnaton, einen der bekannteren ägyptischen Pharaonen.
Echnaton |

Echnaton
Echnaton gehört ins ägyptische sogenannte Neue Reich. Er regierte im 14. Jahrhundert v.u.Z., als vor fast 3.500 Jahren. Wenn man das Buch von Reeves gelesen hat, ist man erstaunt, wie viel man nach so langer Zeit über ihn, seine Familie, sein Leben, sein Umfeld heute noch hat und weiß. Seine Mumie, sein Sarkophag, wörtliche Zitate, unzählige Porträtbüsten, Statuen, Reliefs, die Grundmauern seines Palasts, Briefe, wörtliche Zitate…. Die Namen seiner Familie, seines Arztes, seiner Regierungsmitglieder, seines Hofbildhauers….. Alles noch da.

Echnaton ist nicht sein einziger Name. Zunächst regierte er als Amenophis IV. (auch geschrieben Amenhotep IV.), änderte dann aber seinen Namen in Echnaton, als er eine Revolution im politischen und religiösen Machtgefüge Ägyptens startete. Vorher war Amun-Re ein zentraler Gott unter vielen anderen Göttern (Amun ist der erste Bestandteil in Amenophis und Amenhotep). Echnaton hat all diese Götter gestrichen und an ihre Stelle ausschließlich Aton, die Sonne, gesetzt (Aton ist der letzte Bestandteil in Echnaton).

Als ägyptischer Pharao hat man natürlich Anspruch auf viele Namen (so wie auch chinesische Kaiser). Es gibt den Thronnamen, einen Goldnamen, einen Nebti-Name, einen Horusnamen…. Und bei Echnaton dann natürlich alles doppelt, vor und nach seiner Umbenennung.

All diejenigen, die von Echnaton noch nichts gehört hatten, haben vielleicht von seiner Frau Nofretete gehört (Porträtbüste in Berlin!) oder auch von seinem Sohn Tutanchamun (sensationeller Grabfund im Tal der Könige!).
Standfigur der Nofretete (Berlin 21263) – Wikipedia

Nicholas Reeves
… ist einer der schreib- und öffentlichkeitsfreudigsten aktuellen Ägyptologen.
Mysterious 'hidden chamber' in King Tutankhamun's tomb could be ...
Der eine oder andere hat seinen Namen vielleicht in der letzten Zeit gehört, als es das Gerücht gab, hinter der Grabkammer von Tutanchamun gäbe es noch eine weitere, ungeöffnete Kammer. Reeves schreibt mit viel Wissen ausgesprochen zugänglich und spannend. Gelegentlich macht er vielleicht etwas mehr aus den vorhandenen Fakten, als diese tatsächlich hergeben (siehe die zusätzliche Grabkammer, die es wohl doch nicht gibt) – aber dadurch wird’s mehr gelesen und fasziniert mehr.

Das Buch
… bietet gleich drei extrem spannende und facettenreiche Biographien: über Echnaton selbst, über die neue Sonnen-Religion und über die von Echnaton als Regierungssitz und zentraler Kultort neu gegründete Stadt Amarna. Alle drei wurden nicht sehr alt und nahmen kein gutes Ende. Nebenbei erfährt und lernt man viel über Politik, Kultur und Zivilisation des alten Ägypten, inkl. alles dessen, was auch die Regenbogenpresse so über Königs schreiben. Wobei das Buch nie seicht wird, aber immer lesbar bleibt.

Erfreulicherweise ist es auch in deutsch erschienen und gut im Buchhandel zu erhalten.
Secret Tut chamber? Egypt calls experts to examine evidence ...

 

 

 

Rote Laterne. Su Tong

Bei den Worten „Rote Laterne“ fliegen bei manchen Verlagen offenbar einige Sicherungen heraus: Die typischen Buch-Cover signalisieren durch Auswahl der Fotos und Nicht-Auswahl von Textilien eingeschränkte Jugendfreiheit. Vielleicht erhöht das die Verkaufszahlen. Der Kurzgeschichte von Su Tong jedoch tut das keinen Gefallen.

Filmliebhaber erinnern sich bestimmt an den gleichnamigen Film des chinesischen Regisseurs Zhang Yimou, der 1991 unter anderem bei den Filmfestspielen in Venedig Furore machte. Man kann diesen Film mit seiner eindringlichen Strenge und seiner einschnürenden Klaustrophobie nur schwer vergessen: griechische Tragödie mit chinesischen Vorzeichen.

Die Kurzgeschichte von Su Tong, erschienen 1990, ist die Vorlage zum Film, also quasi das Original. Ihr Titel eigentlich auf chinesisch: 妻妾成群, qīqiè chéngqún, auf deutsch vielleicht: „Ein Schwarm Frauen und Konkubinen“. Ihr Inhalt: In einem traditionell konfuzianisch geprägten Haushalt in den 1930er Jahren machen sich insbesondere die vier Frauen des Hausherrn das Leben wechselseitig so sauer wie möglich mit Gefahr für Leib und Leben aller Beteiligten. Eine Kurzgeschichte wie geschaffen fürs Kino mit kurzen Szenen, kleinen Blicken, knappen Dialogen, Dunkel im Hintergrund, Schlaglicht vorn. Die Luft wird nach und nach abgeschnürt, alles wird immer klarer, kälter und schlimmer. Wenn man einen Vergleich unter den großen griechischen Tragikern sucht: am ehesten Aischylos, so archaisch. Aber: kein Gott, nirgends.

Su Tong, der Autor, ist noch erstaunlich jung. Geboren 1963, eigentlicher Name Tong Zhonggui, ein hoch gehandelter Star der chinesischen Literaturszene, immerhin auch schon einmal nominiert für den Man Booker International Prize.

Lesenswert also, aber nichts für schwache Nerven. Und die Bucheinbände? Grob irreführend, wie so oft. Trotzdem lesen, sogar in deutscher Übersetzung (erschienen natürlich nach dem Film, der auch in Deutschland erfolgreich genug war, um dies Wagnis einzugehen).

Poseidon’s steed: the story of seahorses, from myth to reality. Helen Scales

Faszinierende Tiere, Seepferdchen. Sehr beliebt heutzutage, fast wie Einhörner. Vielleicht sind sie sogar die besseren Einhörner, denn es gibt sie ja wirklich. So unglaublich einem das auch vorkommt, wenn man tatsächlich ein lebendes Seepferdchen sieht.

Seepferdchen gehören in die Familie der Syngnathidae, auf deutsch: Seenadeln. Sie zählen zu den Fischen – auch wenn man das einem Seepferd, abgesehen von seinen winzigen Flossen, nicht gleich ansieht. Ihr absolutes Alleinstellungsmerkmal unter allen Tieren: Bei Seepferdchen übernehmen die Herren Schwangerschaft und Geburt. Die Taxonomen unter den Naturwissenschaftlern tun sich mit ihnen schwer und können sich nicht einigen, wie viele Arten es eigentlich gibt. Einige sagen ca. 40, andere um die 80 oder mehr.
Hippocampus hystrix (Spiny seahorse).jpg

Helen Scales, deren Buch „Spirals in time“ wir in diesem Blog auch schon besprochen haben, befasst sich aber nicht nur mit den naturwissenschaftlichen Aspekten der Seepferdchen. Alles mit dem Schlagwort „Seepferdchen“ wird behandelt: Mythologie und Sagen, Medizingeschichte, Schmuck, Populärkultur… Diese Breite ist eine Stärke von Scales, bekommt man so doch einen wirklich guten und interessanten Überblick und erfährt viel über die übergreifenden Zusammenhänge. Ein weiteres Plus von Scales: Sie schreibt so, dass man ihre Bücher gerne liest: Persönlich, flott, gute Metaphern, gekonnte Übergänge.

Nicht so gut gefallen mir zwei andere Aspekte, die mit ihren Stärken einhergehen. Dadurch, dass sie so viele unterschiedliche Aspekte behandelt, kommt sie gelegentlich deutlich in die Randgewässer des eigentlichen Themas. Seepferdchen spielen eine Rolle in der traditionellen chinesischen Medizin – das nimmt Scales zum Anlass, einen Überblick über die gesamte chinesische Medizin zu geben. Auch hat Scales eine leichte Neigung, all ihre Seepferdchen-Fundstücke  in ihr Buch einzubauen – eine vollständige Liste aller Trickfilme, in denen sie auftauchen, ist aber vielleicht doch kein Muss; weniger wäre an der einen oder anderen Stelle vielleicht mehr.

Diese Kleinigkeiten ändern aber nichts daran, dass ein Zitat auf dem Buchrücken schon zutrifft: „This seems to be just about the perfect book: small, delicate, elegant, charming, unusual, fascinating, and uniquely memorable – a classic of its kind. In fact, now I come to think of it, Poseidon’s Steed is, itself, a sort of seahorse of the book world.“

Der deutsche Buchmarkt hat Scales leider noch nicht entdeckt. In Deutschland gibt es weder wild in der Natur vorkommende Seepferdchen noch eine Übersetzung dieses erfreulichen Buchs. Dabei ist allein schon die Website von Helen Scales einen Besuch wert.

Ida. Katharina Adler

“Ida” von Katherina Adler ist in diesem Herbst herausgekommen. In dieser Roman-Biografie geht es um eine junge Frau, die Sigmund Freud „um die Befriedigung (brachte), sie weit gründlicher von ihrem Leiden zu befreien.“

Bildergebnis für Ida. Katharina Adler

Gut lesbar plus gewichtiger Kontext

Der Roman verbindet eine schön lesbare Geschichte mit gewichtigen Themen. In der Familiengeschichte der Hauptfigur gibt es Ehebruch und versuchten Kindesmissbrauch. Ida wehrt sich dagegen, dass Freud all ihre Beschwerden auf sexuelle Wunschträume zurückführt. Der Roman folgt von seiner Hauptfigur durch ihr Leben, gibt immer wieder Rückblenden. Spannend bleibt er durch den inneren Monolog Idas, der sie als oft unliebenswürdige, im Alter bittere Frau zeigt.

Bildergebnis für Ida. Katharina Adler

Historische Fakten

Der Roman basiert auf historischen Fakten. Das jüdische Mädchen Ida, Patientin „Dora“, wurde von ihrem Vater zur Behandlung verschiedener Beschwerden zu Sigmund Freud gebracht. Dieser diagnostizierte eine „kleine Hysterie“. Freud verwendete mit Sprechkur und Traumdeutung neue Behandlungsmethoden. Sie brach eigenständig nach drei Monaten ihre Behandlung ab. Die Autorin Katharina Adler ist die Urenkelin von Ida Adler.

Ida war Patientin Sigmund Freuds

Ida war laut Freuds Akten eine widerspenstige Patientin. Im Roman „Ida“ wird dies ebenso erzählt. Das interessante Kunststück der Autorin besteht darin, uns als Leser und Leserin mit der Perspektive Idas allein zu lassen. Wir erfahren nicht, ob es für Ida besser gewesen wäre, sich behandeln zu lassen, oder ob die entscheidende Erfahrung in Idas Leben genau dies eine war: die Behandlung abzubrechen. Der Erzähler weiß nicht mehr als Ida und wir Lesenden auch nicht.

Bildergebnis für Ida. Katharina Adler

Diagnose Hysterie

Die Diagnose Hysterie war im ausgehenden 19, Jahrhundert nicht ungewöhnlich für junge Frauen. Freud hatte zusammen mit Josef Breuer 1895 „Studien über Hysterie“ als Aufsatzsammlung veröffentlicht. Er entwickelte auf dieser Basis ein Konzept, das unbewusste Prozesse als hysterische Vorgänge definierte. Er meinte, der größte Teil neurotischer Erkrankungen sei auf sexuelle Erfahrungen zurückzuführen. Traditionell wurde in der Medizin die Hysterie als vielfältige Sammlung unterschiedlichster Beschwerden verstanden, die keine organische Grundlage haben. Problematisch ist der Begriff „Hysterie“, da er geschlechtsspezifisch verwendet wurde: Die Hysterie wurde als körperliche und psychische Störung verstanden, die von einer Erkrankung der Gebärmutter ausging.

Insgesamt ist „Ida“ ein gut lesbarer Roman, der seine gewichtigen Themen mit leichter Hand streift. Mehr zum Hintergrund…

All the Dogs of My Life. Elisabeth von Arnim

“All the Dogs of My Life” ist eine Art Autobiografie einer Frau, die nicht Elisabeth hieß. Als das Buch erschien, wurde statt eines Namens „By the author of Elisabeth and her German Garden“ angegeben.

All the Dogs of My Life

„I would like, to begin with, to say that though parents, husbands, children, lovers and friends are all very well, they are not dogs. (…) Once (dogs) love, they love steadily, unchangingly, till their last breath. That is how I like to be loved. Therefore I will write of dogs. ”

Lebensstationen anhand von 14 Hunden

Das Buch, erschienen 1936 , erzählt die Lebensgeschichte der Erzählerin anhand der Hunde, die sie auf ihrem Lebensweg begleiteten. Den ersten Hund erhielt sie im Alter von fünf Jahren vom Verlobten ihrer älteren Schwester, musste ihn jedoch bald wieder abgeben. Die letzten Hunde umgaben sie in ihrem amerikanischen Exil vor Ausbruch des 2. Weltkriegs.

„In the afternoons, having come back to the house much more slowly than we left it, Cornelia (eine Dackel-Dame) and I drove out. We took the air in an open basketwork carriage with scarlet wheels, known as the Viersitzer and drawn by a pair of roughcoated, stout horses who looked, I thought, very like carthorses. It was driven by the ancient family coachman, and in winter he was dressed like a penwiper.”

Heiter bis ernst

Hunde begleiteten die Erzählerin durch die Jugend, durch zwei schwierige Ehen, durch einen Weltkrieg und die Vorboten eines zweiten, in unterschiedliche Länder und durch die Anforderungen des Alters. Von den 14 Hunden ihres Lebens waren fast alle freundlich, einige intelligent, viele charmant, ein paar dumm und einer aggressiv.

„There was no doubt about it: she did snuggle, and she was the first of my dogs to do so. Great Danes, in the nature of things, can´t snuggle, and all the others – except Bijou, who does not count, had been grown up. Of couse I was enchanted.”

Diese Hunde stehen im Fokus, so werden schmerzliche, persönliche Erfahrungen der Erzählerin relativiert. Das Buch ist im Tenor äußerst vergnüglich, jedoch nicht spaßig. Schwierige Lebensentscheidungen und der Tod sind ebenfalls Themen des Buchs. Diese werden nicht überzuckert, nur aus einer anderen Perspektive erzählt.

Nicht „Elisabeth“: Gräfin und Countess

Elisabeth von Arnim ist eine britische Schriftstellerin, die 1866 als Mary Annette Beauchamp in Australien geboren wurde. Sie war eine der erfolgreichsten Autorinnen ihrer Zeit. Durch ihre erste Ehe wurde sie zur Gräfin von Arnim-Schlagenthin, durch die zweite zur Countess Russell. „Elisabeth“ wurde durch den Bestseller „Elisabeth and her German Garden“ zu ihrem adoptierten Vornamen. Sie starb 1941 in Charleston, USA. Sehr empfehlenswert ist die schon etwas ältere Biografie von Karen Usborne „Elisabeth – The Author of Elisabeth and her German Garden“.

Von Arnims Bücher sind heute noch amüsant und gut lesbar. Sie alle sind ins Deutsche übersetzt.

 

The loves of the artists: art and passion in the Renaissance. Jonathan Jones

Gebraucht habe ich dieses Buch gekauft. Es hat offensichtlich alles, was  den Verkauf fördert. Vor allem: unbekleidete Frau auf dem Cover. Außerdem: die Schlagworte „Liebe“, „Künstler“, „Leidenschaft“, „Renaissance“. Erschienen 2013 wurde es direkt im Juni von der Bücherei in Islington gekauft. Ausgeliehen einmal, im März 2014, dann nie wieder, kürzlich ausgemustert und jetzt verramscht. Da hat man es als Buch heutzutage anscheinend nicht leicht, jedenfalls wenn es um Kunst geht, in Islington, dort in der Bücherei.

Der Autor
Jonathan Jones ist der amtierende Kunstkritiker des englischen Guardian, damit durchaus eine Institution des britischen Kunst- und Kulturbetriebs. Aufmerksam auf ihn wurde ich durch die BBC-Serie „Private life of a masterpiece„, in der er durch seine nüchtern-begeisterten, einsichtsvollen und oft überraschenden Kommentare zu bekannten und berühmten Kunstwerken auffiel. Mein Eindruck: Jones schaut sich Kunstwerke sehr, sehr gründlich an, traut sich, sich seine eigene Meinung zu bilden und diese dann auch noch pointiert zu äußern.

Dieser Eindruck passt auch fürs Buch.

Worum geht’s?
Genau um das, was der Buch- und Untertitel verraten – um Künstler, ihre Kunst und ihre (Liebes-)Leidenschaften, vor allem während der Renaissance, wobei Jones großzügig den frühen Barock noch gelten lässt. Pro Kapitel ein Künstler und sein Umfeld, im Fokus dabei eines der relevanten Kunstwerke (nicht nur Gemälde, auch gelegentlich Skulptur oder auch Architektur). Das Gewebe panoramisch mit vielen Anekdoten, viel Einblicken in die Kultur und Zivilisation von Zeit und Ort, biographischen Skizzen, genauem Betrachten der Kunst. Kunstgeschichte also par excellence.

Und mein Eindruck?
Erfreulich, dass Jones nicht nur Italien berücksichtigt, sondern auch nördlichere Breitengrade. Bemerkenswert, dass neben all den üblichen künstlernden Männern doch auch eine Künstlerin, Artemisia Gentileschi, vorkommt.

Man lernt viel und mit viel Vergnügen. Vielleicht schaut man auch anschließend anders auf diese Kunst oder generell auf Kunstwerke, traut sich stärker, selbst zu interpretieren, abseits der normalen, sattsam bekannten Sprachblasen zur Kunst der Renaissance.

Mäkeln kann man natürlich auch: Simon & Schuster hat eindeutig an den Illustrationen gespart. Dusselig von denen bei einem Buch über Kunst. Und für alle, denen das wichtig ist: Komplett jugendfrei ist das Buch natürlich nicht – vielleicht stand es in Islington auch im Giftschrank und keine/r hat’s gefunden?

Der Isenheimer Altar. Pantxika Béguerie-De Paepe und Magali Haas

Publikationen von Museen sind mir meistens ein Graus. In den Museen, die sich als Touristenmagnet sehen, sind sie inhaltlich oft so flach und nichtssagend für das profanum volgus gemacht, dass man sich beim Lesen bildungsbürgerlich beleidigt fühlt. In Museen, die sich nicht dem Mammon, sondern der Kunst und Wissenschaft verschrieben haben, sind sie oft so verquast und selbstverliebt geschrieben, dass man intellektuelle Magenverstimmung bekommt. So oder so geht es einem nicht gut. Jetzt aber „Der Isenheimer Altar: Das Meisterwerk im Musée Unterlinden“, eine Museumspublikation, selbst gekauft, also selbst schuld…?

Bevor ich mich zum Buch äußere, vielleicht ein paar Worte zum Isenheimer Altar und Matthias Grünewald, dem verantwortlichen Künstler.

Der Isenheimer Altar entstand wohl zwischen 1512 und 1516 für das Antoniterkloster in Isenheim im Ober-Elsass. Es handelt sich um einen Flügelaltar (das heißt: einige seiner Tafeln sind auf- und zuklappbar). Durch das jeweilige Auf- und Zuklappen verfügt dieser Altar über insgesamt drei sogenannte Wandelbilder – ein sehr großes Bildprogramm mit Geburt, Kreuzigung, Grablegung, Auferstehung Christi und diversen Heiligendarstellungen insbesondere des heiligen Antonius.

Wichtig für das Bildprogramm: Die Antoniter beschäftigten sich vor allem mit der Krankenpflege und waren spezialisiert auf das sogenannte Antoniusfeuer, eine Erkrankung, die durch den Verzehr von pilzbefallenem Getreide ausgelöst wird, kaum behandelbar war und u.a. zu Nekrosen führte. Eine der beeindruckendsten und verstörendsten Darstellungen des Altars zeigt einen gekreuzigten Christus, der deutliche Symptome dieses Antoniusfeuers zeigt.

Gemalt wurde der Altar von Mathis Gothart Nithart, genannt Grünewald, der um 1480 in Würzburg oder Aschaffenburg geboren wurde und um 1530 in Halle an der Saale starb.

Die Darstellungen auf dem Altar sind allesamt ganz großes Kino und zählen für mich zum Besten, was die Renaissance-Malerei zu bieten hat. Alleine dieser Altar lohnt eine Reise nach Colmar ins dortige Museum.

Jetzt aber zum Buch:
Auch hierfür volle Punktzahl für viele und qualitative ausgezeichnete Abbildungen und für lesbaren, inhaltlich gelungenen Text, der einem einen deutlich besseren Zugang und ein besseres Verständnis der Darstellungen Grünewalds ermöglicht. Obendrein nicht teuer und auf deutsch.