Rote Laterne. Su Tong

Bei den Worten „Rote Laterne“ fliegen bei manchen Verlagen offenbar einige Sicherungen heraus: Die typischen Buch-Cover signalisieren durch Auswahl der Fotos und Nicht-Auswahl von Textilien eingeschränkte Jugendfreiheit. Vielleicht erhöht das die Verkaufszahlen. Der Kurzgeschichte von Su Tong jedoch tut das keinen Gefallen.

Filmliebhaber erinnern sich bestimmt an den gleichnamigen Film des chinesischen Regisseurs Zhang Yimou, der 1991 unter anderem bei den Filmfestspielen in Venedig Furore machte. Man kann diesen Film mit seiner eindringlichen Strenge und seiner einschnürenden Klaustrophobie nur schwer vergessen: griechische Tragödie mit chinesischen Vorzeichen.

Die Kurzgeschichte von Su Tong, erschienen 1990, ist die Vorlage zum Film, also quasi das Original. Ihr Titel eigentlich auf chinesisch: 妻妾成群, qīqiè chéngqún, auf deutsch vielleicht: „Ein Schwarm Frauen und Konkubinen“. Ihr Inhalt: In einem traditionell konfuzianisch geprägten Haushalt in den 1930er Jahren machen sich insbesondere die vier Frauen des Hausherrn das Leben wechselseitig so sauer wie möglich mit Gefahr für Leib und Leben aller Beteiligten. Eine Kurzgeschichte wie geschaffen fürs Kino mit kurzen Szenen, kleinen Blicken, knappen Dialogen, Dunkel im Hintergrund, Schlaglicht vorn. Die Luft wird nach und nach abgeschnürt, alles wird immer klarer, kälter und schlimmer. Wenn man einen Vergleich unter den großen griechischen Tragikern sucht: am ehesten Aischylos, so archaisch. Aber: kein Gott, nirgends.

Su Tong, der Autor, ist noch erstaunlich jung. Geboren 1963, eigentlicher Name Tong Zhonggui, ein hoch gehandelter Star der chinesischen Literaturszene, immerhin auch schon einmal nominiert für den Man Booker International Prize.

Lesenswert also, aber nichts für schwache Nerven. Und die Bucheinbände? Grob irreführend, wie so oft. Trotzdem lesen, sogar in deutscher Übersetzung (erschienen natürlich nach dem Film, der auch in Deutschland erfolgreich genug war, um dies Wagnis einzugehen).

Poseidon’s steed: the story of seahorses, from myth to reality. Helen Scales

Faszinierende Tiere, Seepferdchen. Sehr beliebt heutzutage, fast wie Einhörner. Vielleicht sind sie sogar die besseren Einhörner, denn es gibt sie ja wirklich. So unglaublich einem das auch vorkommt, wenn man tatsächlich ein lebendes Seepferdchen sieht.

Seepferdchen gehören in die Familie der Syngnathidae, auf deutsch: Seenadeln. Sie zählen zu den Fischen – auch wenn man das einem Seepferd, abgesehen von seinen winzigen Flossen, nicht gleich ansieht. Ihr absolutes Alleinstellungsmerkmal unter allen Tieren: Bei Seepferdchen übernehmen die Herren Schwangerschaft und Geburt. Die Taxonomen unter den Naturwissenschaftlern tun sich mit ihnen schwer und können sich nicht einigen, wie viele Arten es eigentlich gibt. Einige sagen ca. 40, andere um die 80 oder mehr.
Hippocampus hystrix (Spiny seahorse).jpg

Helen Scales, deren Buch „Spirals in time“ wir in diesem Blog auch schon besprochen haben, befasst sich aber nicht nur mit den naturwissenschaftlichen Aspekten der Seepferdchen. Alles mit dem Schlagwort „Seepferdchen“ wird behandelt: Mythologie und Sagen, Medizingeschichte, Schmuck, Populärkultur… Diese Breite ist eine Stärke von Scales, bekommt man so doch einen wirklich guten und interessanten Überblick und erfährt viel über die übergreifenden Zusammenhänge. Ein weiteres Plus von Scales: Sie schreibt so, dass man ihre Bücher gerne liest: Persönlich, flott, gute Metaphern, gekonnte Übergänge.

Nicht so gut gefallen mir zwei andere Aspekte, die mit ihren Stärken einhergehen. Dadurch, dass sie so viele unterschiedliche Aspekte behandelt, kommt sie gelegentlich deutlich in die Randgewässer des eigentlichen Themas. Seepferdchen spielen eine Rolle in der traditionellen chinesischen Medizin – das nimmt Scales zum Anlass, einen Überblick über die gesamte chinesische Medizin zu geben. Auch hat Scales eine leichte Neigung, all ihre Seepferdchen-Fundstücke  in ihr Buch einzubauen – eine vollständige Liste aller Trickfilme, in denen sie auftauchen, ist aber vielleicht doch kein Muss; weniger wäre an der einen oder anderen Stelle vielleicht mehr.

Diese Kleinigkeiten ändern aber nichts daran, dass ein Zitat auf dem Buchrücken schon zutrifft: „This seems to be just about the perfect book: small, delicate, elegant, charming, unusual, fascinating, and uniquely memorable – a classic of its kind. In fact, now I come to think of it, Poseidon’s Steed is, itself, a sort of seahorse of the book world.“

Der deutsche Buchmarkt hat Scales leider noch nicht entdeckt. In Deutschland gibt es weder wild in der Natur vorkommende Seepferdchen noch eine Übersetzung dieses erfreulichen Buchs. Dabei ist allein schon die Website von Helen Scales einen Besuch wert.

Ida. Katharina Adler

“Ida” von Katherina Adler ist in diesem Herbst herausgekommen. In dieser Roman-Biografie geht es um eine junge Frau, die Sigmund Freud „um die Befriedigung (brachte), sie weit gründlicher von ihrem Leiden zu befreien.“

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Gut lesbar plus gewichtiger Kontext

Der Roman verbindet eine schön lesbare Geschichte mit gewichtigen Themen. In der Familiengeschichte der Hauptfigur gibt es Ehebruch und versuchten Kindesmissbrauch. Ida wehrt sich dagegen, dass Freud all ihre Beschwerden auf sexuelle Wunschträume zurückführt. Der Roman folgt von seiner Hauptfigur durch ihr Leben, gibt immer wieder Rückblenden. Spannend bleibt er durch den inneren Monolog Idas, der sie als oft unliebenswürdige, im Alter bittere Frau zeigt.

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Historische Fakten

Der Roman basiert auf historischen Fakten. Das jüdische Mädchen Ida, Patientin „Dora“, wurde von ihrem Vater zur Behandlung verschiedener Beschwerden zu Sigmund Freud gebracht. Dieser diagnostizierte eine „kleine Hysterie“. Freud verwendete mit Sprechkur und Traumdeutung neue Behandlungsmethoden. Sie brach eigenständig nach drei Monaten ihre Behandlung ab. Die Autorin Katharina Adler ist die Urenkelin von Ida Adler.

Ida war Patientin Sigmund Freuds

Ida war laut Freuds Akten eine widerspenstige Patientin. Im Roman „Ida“ wird dies ebenso erzählt. Das interessante Kunststück der Autorin besteht darin, uns als Leser und Leserin mit der Perspektive Idas allein zu lassen. Wir erfahren nicht, ob es für Ida besser gewesen wäre, sich behandeln zu lassen, oder ob die entscheidende Erfahrung in Idas Leben genau dies eine war: die Behandlung abzubrechen. Der Erzähler weiß nicht mehr als Ida und wir Lesenden auch nicht.

Bildergebnis für Ida. Katharina Adler

Diagnose Hysterie

Die Diagnose Hysterie war im ausgehenden 19, Jahrhundert nicht ungewöhnlich für junge Frauen. Freud hatte zusammen mit Josef Breuer 1895 „Studien über Hysterie“ als Aufsatzsammlung veröffentlicht. Er entwickelte auf dieser Basis ein Konzept, das unbewusste Prozesse als hysterische Vorgänge definierte. Er meinte, der größte Teil neurotischer Erkrankungen sei auf sexuelle Erfahrungen zurückzuführen. Traditionell wurde in der Medizin die Hysterie als vielfältige Sammlung unterschiedlichster Beschwerden verstanden, die keine organische Grundlage haben. Problematisch ist der Begriff „Hysterie“, da er geschlechtsspezifisch verwendet wurde: Die Hysterie wurde als körperliche und psychische Störung verstanden, die von einer Erkrankung der Gebärmutter ausging.

Insgesamt ist „Ida“ ein gut lesbarer Roman, der seine gewichtigen Themen mit leichter Hand streift. Mehr zum Hintergrund…

All the Dogs of My Life. Elisabeth von Arnim

“All the Dogs of My Life” ist eine Art Autobiografie einer Frau, die nicht Elisabeth hieß. Als das Buch erschien, wurde statt eines Namens „By the author of Elisabeth and her German Garden“ angegeben.

All the Dogs of My Life

„I would like, to begin with, to say that though parents, husbands, children, lovers and friends are all very well, they are not dogs. (…) Once (dogs) love, they love steadily, unchangingly, till their last breath. That is how I like to be loved. Therefore I will write of dogs. ”

Lebensstationen anhand von 14 Hunden

Das Buch, erschienen 1936 , erzählt die Lebensgeschichte der Erzählerin anhand der Hunde, die sie auf ihrem Lebensweg begleiteten. Den ersten Hund erhielt sie im Alter von fünf Jahren vom Verlobten ihrer älteren Schwester, musste ihn jedoch bald wieder abgeben. Die letzten Hunde umgaben sie in ihrem amerikanischen Exil vor Ausbruch des 2. Weltkriegs.

„In the afternoons, having come back to the house much more slowly than we left it, Cornelia (eine Dackel-Dame) and I drove out. We took the air in an open basketwork carriage with scarlet wheels, known as the Viersitzer and drawn by a pair of roughcoated, stout horses who looked, I thought, very like carthorses. It was driven by the ancient family coachman, and in winter he was dressed like a penwiper.”

Heiter bis ernst

Hunde begleiteten die Erzählerin durch die Jugend, durch zwei schwierige Ehen, durch einen Weltkrieg und die Vorboten eines zweiten, in unterschiedliche Länder und durch die Anforderungen des Alters. Von den 14 Hunden ihres Lebens waren fast alle freundlich, einige intelligent, viele charmant, ein paar dumm und einer aggressiv.

„There was no doubt about it: she did snuggle, and she was the first of my dogs to do so. Great Danes, in the nature of things, can´t snuggle, and all the others – except Bijou, who does not count, had been grown up. Of couse I was enchanted.”

Diese Hunde stehen im Fokus, so werden schmerzliche, persönliche Erfahrungen der Erzählerin relativiert. Das Buch ist im Tenor äußerst vergnüglich, jedoch nicht spaßig. Schwierige Lebensentscheidungen und der Tod sind ebenfalls Themen des Buchs. Diese werden nicht überzuckert, nur aus einer anderen Perspektive erzählt.

Nicht „Elisabeth“: Gräfin und Countess

Elisabeth von Arnim ist eine britische Schriftstellerin, die 1866 als Mary Annette Beauchamp in Australien geboren wurde. Sie war eine der erfolgreichsten Autorinnen ihrer Zeit. Durch ihre erste Ehe wurde sie zur Gräfin von Arnim-Schlagenthin, durch die zweite zur Countess Russell. „Elisabeth“ wurde durch den Bestseller „Elisabeth and her German Garden“ zu ihrem adoptierten Vornamen. Sie starb 1941 in Charleston, USA. Sehr empfehlenswert ist die schon etwas ältere Biografie von Karen Usborne „Elisabeth – The Author of Elisabeth and her German Garden“.

Von Arnims Bücher sind heute noch amüsant und gut lesbar. Sie alle sind ins Deutsche übersetzt.

 

The loves of the artists: art and passion in the Renaissance. Jonathan Jones

Gebraucht habe ich dieses Buch gekauft. Es hat offensichtlich alles, was  den Verkauf fördert. Vor allem: unbekleidete Frau auf dem Cover. Außerdem: die Schlagworte „Liebe“, „Künstler“, „Leidenschaft“, „Renaissance“. Erschienen 2013 wurde es direkt im Juni von der Bücherei in Islington gekauft. Ausgeliehen einmal, im März 2014, dann nie wieder, kürzlich ausgemustert und jetzt verramscht. Da hat man es als Buch heutzutage anscheinend nicht leicht, jedenfalls wenn es um Kunst geht, in Islington, dort in der Bücherei.

Der Autor
Jonathan Jones ist der amtierende Kunstkritiker des englischen Guardian, damit durchaus eine Institution des britischen Kunst- und Kulturbetriebs. Aufmerksam auf ihn wurde ich durch die BBC-Serie „Private life of a masterpiece„, in der er durch seine nüchtern-begeisterten, einsichtsvollen und oft überraschenden Kommentare zu bekannten und berühmten Kunstwerken auffiel. Mein Eindruck: Jones schaut sich Kunstwerke sehr, sehr gründlich an, traut sich, sich seine eigene Meinung zu bilden und diese dann auch noch pointiert zu äußern.

Dieser Eindruck passt auch fürs Buch.

Worum geht’s?
Genau um das, was der Buch- und Untertitel verraten – um Künstler, ihre Kunst und ihre (Liebes-)Leidenschaften, vor allem während der Renaissance, wobei Jones großzügig den frühen Barock noch gelten lässt. Pro Kapitel ein Künstler und sein Umfeld, im Fokus dabei eines der relevanten Kunstwerke (nicht nur Gemälde, auch gelegentlich Skulptur oder auch Architektur). Das Gewebe panoramisch mit vielen Anekdoten, viel Einblicken in die Kultur und Zivilisation von Zeit und Ort, biographischen Skizzen, genauem Betrachten der Kunst. Kunstgeschichte also par excellence.

Und mein Eindruck?
Erfreulich, dass Jones nicht nur Italien berücksichtigt, sondern auch nördlichere Breitengrade. Bemerkenswert, dass neben all den üblichen künstlernden Männern doch auch eine Künstlerin, Artemisia Gentileschi, vorkommt.

Man lernt viel und mit viel Vergnügen. Vielleicht schaut man auch anschließend anders auf diese Kunst oder generell auf Kunstwerke, traut sich stärker, selbst zu interpretieren, abseits der normalen, sattsam bekannten Sprachblasen zur Kunst der Renaissance.

Mäkeln kann man natürlich auch: Simon & Schuster hat eindeutig an den Illustrationen gespart. Dusselig von denen bei einem Buch über Kunst. Und für alle, denen das wichtig ist: Komplett jugendfrei ist das Buch natürlich nicht – vielleicht stand es in Islington auch im Giftschrank und keine/r hat’s gefunden?

Der Isenheimer Altar. Pantxika Béguerie-De Paepe und Magali Haas

Publikationen von Museen sind mir meistens ein Graus. In den Museen, die sich als Touristenmagnet sehen, sind sie inhaltlich oft so flach und nichtssagend für das profanum volgus gemacht, dass man sich beim Lesen bildungsbürgerlich beleidigt fühlt. In Museen, die sich nicht dem Mammon, sondern der Kunst und Wissenschaft verschrieben haben, sind sie oft so verquast und selbstverliebt geschrieben, dass man intellektuelle Magenverstimmung bekommt. So oder so geht es einem nicht gut. Jetzt aber „Der Isenheimer Altar: Das Meisterwerk im Musée Unterlinden“, eine Museumspublikation, selbst gekauft, also selbst schuld…?

Bevor ich mich zum Buch äußere, vielleicht ein paar Worte zum Isenheimer Altar und Matthias Grünewald, dem verantwortlichen Künstler.

Der Isenheimer Altar entstand wohl zwischen 1512 und 1516 für das Antoniterkloster in Isenheim im Ober-Elsass. Es handelt sich um einen Flügelaltar (das heißt: einige seiner Tafeln sind auf- und zuklappbar). Durch das jeweilige Auf- und Zuklappen verfügt dieser Altar über insgesamt drei sogenannte Wandelbilder – ein sehr großes Bildprogramm mit Geburt, Kreuzigung, Grablegung, Auferstehung Christi und diversen Heiligendarstellungen insbesondere des heiligen Antonius.

Wichtig für das Bildprogramm: Die Antoniter beschäftigten sich vor allem mit der Krankenpflege und waren spezialisiert auf das sogenannte Antoniusfeuer, eine Erkrankung, die durch den Verzehr von pilzbefallenem Getreide ausgelöst wird, kaum behandelbar war und u.a. zu Nekrosen führte. Eine der beeindruckendsten und verstörendsten Darstellungen des Altars zeigt einen gekreuzigten Christus, der deutliche Symptome dieses Antoniusfeuers zeigt.

Gemalt wurde der Altar von Mathis Gothart Nithart, genannt Grünewald, der um 1480 in Würzburg oder Aschaffenburg geboren wurde und um 1530 in Halle an der Saale starb.

Die Darstellungen auf dem Altar sind allesamt ganz großes Kino und zählen für mich zum Besten, was die Renaissance-Malerei zu bieten hat. Alleine dieser Altar lohnt eine Reise nach Colmar ins dortige Museum.

Jetzt aber zum Buch:
Auch hierfür volle Punktzahl für viele und qualitative ausgezeichnete Abbildungen und für lesbaren, inhaltlich gelungenen Text, der einem einen deutlich besseren Zugang und ein besseres Verständnis der Darstellungen Grünewalds ermöglicht. Obendrein nicht teuer und auf deutsch.

Hawkwood: diabolical Englishman. Frances Stonor Saunders

Vermutlich gäbe es bei der Quizfrage, wer denn Hawkwood sei, nicht sehr viele Gewinner. Viele ratlose Gesichter, und auch der Einsatz eines Jokers würde wohl nicht helfen.

Dabei haben viele bereits ein Bild von ihm gesehen, fast alle, die bereits einmal in Florenz im Dom waren. Übersehen haben kann man es auch eigentlich nicht mit seinen mehr als 7 x 4 Quadratmetern!

John Hawkwood, * um 1320, † 1394, war ein englischer Söldnerführer, der vor allem in Italien aktiv war. Da sich Italiener mit der Aussprache seines Namens schwer taten – ‚H‘ und ‚W‘ sind traditionell keine Stärken -, lief er dort unter dem Namen Giovanni Acuto oder latinisiert Ioannes Acutus (siehe auch die Inschrift auf dem Fresko oben).

Hawkwood war während seiner Zeit so erfolgreich und berühmt oder vielleicht eher berüchtigt, dass er letztlich für alle auf ihn folgenden Söldnerführer Italiens (Jobbezeichnung: Condottiere) stilbildend wurde.  Grundlogik: Es geht nie um die Sache, sondern immer um den eigenen Vorteil; immer loyal, bis ein anderer mehr bietet. Dabei scheint Hawkwood trotz der geographischen Ferne immer seine Loyalität gegenüber dem englischen Königshaus gewahrt zu haben.

Soweit verstanden, aber andererseits: Was geht mich ein Söldnerführer des 14. Jahrhunderts in Italien an?

  • Dramatisch viel natürlich nicht, man lebt auch ohne Kenntnis Hawkwoods nicht schlecht.
  • Wenn man jedoch zum Beispiel gern nach Italien in die Toskana reist, erklärt einem die Geschichte Hawkwoods, warum Florenz, Siena, Lucca, Pisa als Städte so sind, wie sie sind, so eigenständig, wehrhaft, monolithisch, gegeneinander.
  • Man erfährt nebenbei viel über die traditionelle Zurückhaltung, die es zwischen England und Frankreich gibt, denn man befindet sich mitten im Hundertjährigen Krieg.
  • Kirchengeschichtlich kommt man ebenfalls weiter, denn die Päpste waren in diesem Krieg auch fleißig beteiligt. Obendrein lernt man über das Exil der Päpste in Avignon und das abendländische Schisma in der katholischen Kirche mit jeweils mehr als einem (immer moralisch zweifelhaften) Papst pro Zeiteinheit.
  • Außerdem, wenn man einmal das Söldnerprinzip verstanden hat, kann man auch die Risiken und Nebenwirkungen verstehen, die damit auch in heutiger Zeit verbunden sind, wenn Staaten Söldner für die etwas schmutzigeren Dinge des Kriegslebens einsetzen, um es dann selber nicht gewesen zu sein.

Und das Buch von Frances Stonor Saunders?

  • Ist ausgesprochen flott geschrieben. Man legt es nicht leicht aus der Hand!
  • Verwebt äußerst gelungen Biographie Hawkwoods mit der Geschichte seiner Zeit und der Kulturgeschichte des späten Mittelalters.
  • Ist alles andere als trocken, sondern bietet Mittelalter in Reinkultur, inkl. der Dinge, die nicht gut riechen. Stonor Saunders zeigt – zurecht – wirklich keine falsche Zurückhaltung.

Und was hat mich besonders beeindruckt?

  • Die Beschreibung Katharinas von Siena, die einen deutlichen Gegenakzent zur katholischen Hagiographie setzt. Hier ist Stonor Saunders Kapitel „Under-Eating“ besonders eindringlich:
    „Having conquered her disgust by ‚drinking from the cancer‘ of a woman she was nursing, Catherine drank the pus from the open sores of those to whom she ministered. The self-flagellation continued, and, as she denied herself food, this healthy young woman became attenuated and wasted.“
  • Ihre Bemerkungen zu dem Bild im Dom von Florenz, das übrigens Paolo Uccello gemalt hat: Mir war nicht aufgefallen, dass das Gesicht Hawkwoods auf diesem Fresko ganz eingefallen ist und leichenhaft wirkt. Dies stellt Stonor Saunders in den Zusammenhang des Transi, einer besonderen Form der Grabplastik, bei der der Körper des Verstorbenen zweimal dargestellt wird, einmal bereits im Stadium der Verwesung. Außerdem weist sie darauf hin, dass Hawkwood auf seinem weißen Pferd in seiner hellen Rüstung sehr an den fahlen Reiter auf dem fahlen Pferd in der Apokalypse erinnert. Was natürlich sehr zu seinem Söldner-Dasein passt….

Also: ein bereichernder, anregendes, sehr gut lesbares Buch von einer sehr intelligenten, gebildeten und vor allem unerschrockenen Autorin. Lesen!

Hühner-Gegacker. Hrsg. von Simone Schiffner-Backhaus

Hühner-Eier und Strom haben etwas gemeinsam: Viele wissen nicht (und/oder es ist ihnen auch egal), wie und wann sie produziert werden. Im einen Fall brauche ich nur in den Supermarkt gehen und kann einladen, so viele Eier ich mag. Im anderen kommt das Gebrauchte einfach aus der Steckdose und fertig.

Bücher über Energie, Energiewende, Umwelt gibt es viele. Nicht alle sind charmant. Bücher über Hühner sind seltener. Und sie sind in der Regel sehr nett.

Hühner-Gegacker, die neueste Erscheinung (Oktober 2018!) im Hühnersegment des deutschsprachigen Buchhandels, ist ebenfalls sehr nett. Und sehr anders.

Mehr als ein Dutzend Hühnerfreunde und Autoren haben sich zusammengetan, um dieses Buch entstehen zu lassen. Die Autoren sind querbeet: von 8 bis über 80 Jahre alte, von Hobby- bis Sachbuchautor und Vogelexperte. Von einer der Autorinnen, Katrina van Grouw, hat dieser Blog bereits zwei Bücher, erschienen in der Princeton University Press, ziemlich positiv besprochen. Ebenso bunt gemischt die Beiträge: wahre Geschichten, erfundene Märchen, ornithologische und historische Artikel, Gedichte. Die zum Teil exzellenten Illustrationen passen in diese Reihe. Allem merkt man an, dass es Spaß gemacht hat. Fast so bunt und abwechslungsreich wie die Vielfalt der Hühnerrassen. Gar nicht einfach, es in diesem Blog einer Kategorie zuzuordnen!

Sehr gut zum Lesen zwischendurch, ebenso zum Verschenken oder nur zum Durchblättern.

Mal schauen, ob es ein Bestseller in diesem Bücherherbst wird. Das wäre eine – durchaus verdiente – Überraschung.

Whisky für drei alte Damen oder Wer geht den hier am Stock? Minna Lindgren

Whisky für drei alte Damen oder Wer geht den hier am Stock? von Minna Lindgren

Whisky für drei alte Damen oder Wer geht hier am Stock?: Roman (Die Abendhain Romane, Band 2)

Der Titel ist einfach dämlich; der Untertitel auch. Die Übersetzung aus dem Finnischen offenbar auch.

Gibt es dennoch Gründe, das Buch zu lesen? Ja, die gibt es.

Gründe das Buch zu lesen

Es gibt mehrere Gründe, „Whisky für drei alte Damen“ zu lesen:

  1. Das Buch ist ein Senioren-Roman
  2. Es ist ohne Kitsch
  3. Es behandelt all die relevanten Themen des hohen Alters.

Themen des Buchs

Thematisiert werden einerseits organisatorische Fragen wie zum Beispiel, welche Möbel kommen mit ins Betreute Wohnen, ist der mitgenommene Schmuck sicher, wie kommt man vom Wohnheim in die Innenstadt, wer kommt zu Besuch, wo nimmt man Nahrung zu sich, wie können Tagesabläufe im hohen Alter aussehen.

Andererseits kommen auch die schwierigen Themen des Alters vor, und dies in nicht versüßter Form: Da gibt es die alte Dame, die ihren Mann darin unterstützen möchte, zu sterben. Vergesslichkeiten, Demenz und Krankheiten nehmen den Protagonisten die Spielräume. Fehlende Kraft, sich anzuziehen, aber auch Lust und Liebe im Alter kommen vor. Und auch, dass es keinen Grund mehr gibt, vormittags keinen Rotwein zu trinken.

Die Handlung von „Whisky für drei alte Damen“

Drei Damen und der im Altersheim angeheiratete Ehemann, Ex-Botschafter, fliehen aus ihrem Wohnheim, während dort umfangreich modernisiert wird. Sie ziehen gemeinsam in eine Wohnung und leben nun in einer WG.

„Hier sitzen wir ganz entspannt, umgeben von Toilettenbrillen. Zum Glück können die nicht noch erzählen, was sie alles gesehen haben. Ich denke, ich kann meine Brille erkennen. Bei mir war nämlich mal der Deckel zerbrochen, und ich habe einen neuen gekauft, nachdem die Heimleiterin mir erklärt hatte, dass ich einen schriftliche Bericht verfassen und einen Antrag an die Stiftung Pflege und Liebe für Senioren stellen müsse. Da ich keine Lust hatte, auf dieses Almosen zu warten, habe ich mir diesen lustigen, bunten ausgesucht.“

Es ist eine leichte Lektüre, ja. Aber nicht doof, wie der Titel suggeriert.

 

Bilderbuch der Wüste – Maria Reiche und die Bodenzeichnungen von Nasca. Dietrich Schulze und Viola Zetzsche

Die Biografie ist lesenswert, da die Person Maria Reiche so interessant ist. Der Erzählstil ist sehr konventionell, chronologischer Bericht, wenig zeitgenössischer Kontext.

Von Dresden nach Peru

„Maria Reiche nutzte für ihre Arbeit die Morgenstunden kurz nach Sonnenaufgang. Licht und Schatten der schräg einfallenden Sonnenstrahlen zeichneten scharfe Konturen auf den Boden, die in den Mittagsstunden in hell gleißendem Grau verschwammen – für die Augen unangenehm und äußerst ermüdend.“

Reiche wurde 1903 in Dresden geboren, starb 1998 in Peru. Sie war akademisch ausgebildet und hatte ein großes Talent für Mathematik und Geometrie. Sie kam aus einer angesehenen bürgerlichen Familie. Den Sinn ihres Lebens hatte Maria Reiche gefunden, nachdem sie aus Deutschland fortgegangen war, in Peru heimisch wurde und ihr Leben der Erforschung sowie dem Erhalt der Nasca-Figuren mit Leidenschaft widmete. Hierfür nahm sie lebenslange Armut in Kauf.

Figuren in der Wüste

Brief an die Schwester vom Mai 1971 Maria Reiche: „ Ich habe nun den endgültigen Beweis für den Schlüssel zu Entzifferung der Pampa. Bei zwei Figuren habe ich die Maßeinheit, den Fuß, bis auf 2 Dezimale bestimmen können. (…) Für jede Figur muss ich die Maßeinheit erst feststellen, da sie von einer zur anderen variiert, aber dieselbe ist in einer Figur. (…) Die Bedeutung der ganzen Sache liegt darin, dass man mit einem Fuß einen Tag darstellte und so lange Kalenderzyklen in Form von Figuren aufgezeichnet hat.“

Artefakte der Nasca – keine Landebahnen Außerirdischer

Die „Bilder“ in der Wüste, eine Art Geoglyphen sind Artefakte der Nasca. Diese Bevölkerungsgruppe hat in der Wüste Perus auf über 250 Quadratkilometern riesige Figuren entwickelt. Sie sind nur aus der Höhe erkennbar und bestehen aus riesigen Pflanzen und Tierfiguren, Netzwerken von Linien und geometrischen Formen. Auf der Basis von Grabbeigaben der Umgebung werden die Figuren auf die Zeit von 800 v. Chr. bis 600 n. Chr. datiert.

Reiche hat deren Zerstörung verhindert; heute sind sie UNESCO-Weltkulturerbe.