Enid Blyton: A biography. Barbara Stoney

Wer seit den 60er Jahren des vergangenen Jahrhunderts aufgewachsen ist und in seiner Kindheit oder Jugend Bücher gelesen hat, kennt Enid Blyton. Was für eine Erfolgsgeschichte, wenn man bedenkt, wie sehr sich die Welt seit damals verändert hat: Enid Blyton ist geblieben, fast zeitlos, letztlich klassisch, die Essenz von Kinder- und Jugendbüchern.

Fünf Freunde, die Abenteuer-Serie, Hanni und Nanni, Die schwarze Sieben – alles von Enid Blyton. Mehr als 750 Bücher und noch viel mehr Kurzgeschichten, über 600 Millionen verkaufte Bücher weltweit, in über 40 Sprachen.

Lohnt sich eine Biographie über eine Person, die ja allein wegen des Umfangs ihres Werks kaum Zeit gehabt haben kann, um anderes zu tun als zu schreiben?

Barbara Stoney hat sich jedenfalls ans Werk gemacht. 1974 erschien die Biographie, die von Enid Blytons Nachkommen in den Rang einer „offiziellen“ Biographie gehievt wurde. Immer wieder neu aufgelegt bekommt sie regelmäßig bessere Rezensionen als andere biographische Werke über Blyton wie „Looking for Enid: The mysterious and inventive life of Enid Blyton“ von Duncan McLaren oder Paula Whitesides „Enid Blyton: Biography of the author behind Noddy, The Famous Five, and The secret seven“.

 

Herausgekommen ist ein seltsames Buch.

Das Leben von Enid Blyton lässt sich tatsächlich recht schnell erzählen. Geboren 1897 als älteste von drei Geschwistern – der für sie und ihre Interessen verständnisvolle Vater verließ die Familie, als sie 13 war – die Mutter ihr immer fern; Enid brach den Kontakt mit 19 ab – Ausbildung zur Kindergärtnerin und Vorschullehrerin – erste Heirat 1924 mit zwei Kindern – Scheidung und erneute Heirat 1942 – Alzheimer-Erkrankung in der 60er Jahren – Tod 1968. So gut wie nie im Ausland. Begrenzte Kontakte in die Gesellschaft. Aber sehr sehr viele Kontakte mit Kindern und Jugendlichen. Und immer hat sie geschrieben, handschriftlich, später auf einer Schreibmaschine, zu geregelten Zeiten, fast jeden Tag. Und hat bei den Kindern und Jugendlichen gefragt, wie sie ihre Texte finden. Und so wurden ihre Bücher, Geschichten, Gedichte für ihre Zielgruppe immer besser.

Das erklärt natürlich nicht, warum ich die Biographie „seltsam“ finde. Seltsam deshalb, weil Stoney rein deskriptiv bleibt. Sie erzählt rein chronologisch. Sie benennt die Fakten und die Quellen. Sie beschönigt nichts. Aber sie reflektiert auch nirgends, ordnet nichts ein in den größeren Kontext der Gesellschaft und Kultur, in der Blyton lebte. Damit bleibt Blyton aber leider auch eigentümlich ungewürdigt, etwas farblos, etwas flach.

Und das ist für eine Autorin, die auch Mädchen in der damaligen Zeit aktive, selbstbestimmte Rollen gegönnt hat (George/Georgina in den fünf Freunden, Dina in der Abenteuer-Reihe!) doch ein Verlust. Da hätte sie eine anspruchsvollerer Biographin verdient gehabt.

Auch heute ist sie übrigens aktuell wie nie. Ihre letzte Neuerscheinung:
„Five on Brexit Island“, erschienen 2016, geschrieben allerdings von Bruno Vincent für Erwachsene.

Shared Lives – Growing up in 50s Cape Town. Lyndall Gordon

Ein Buch über Südafrika, über junge Frauen, über Möglichkeiten zu leben und über den Umgang mit Erinnerung… „Shared Lives – Growing up in 50s Cape Town“ von Lyndall Gordon ist ein  Buch zwischen Geplauder und Tragik.

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Worum geht es in „Shared Lives“?

Es geht um die Geschichte einer Gruppe junger Mädchen, die im Kapstadt der 50er Jahre aufwuchsen. Und im Hintergrund wie eine Kulisse, vor der sich das Leben der jungen Frauen abspielt, steht die Apartheitspolitik und stehen die Werte der jüdischen Gemeinde in Kapstadt.

Lyndall Gordon fragt sich und ihre Protagonistinnen, wie es für diese jungen Frauen wohl möglich sein kann, eigene Entscheidungen für das eigene Leben zu treffen, wenn andere – die weiße Gesellschaftsschicht, die jüdische Gemeinde, die eigenen Eltern , die Schulkameradinnen – nachdrücklich darauf bestehen, bereits zu wissen, wie diese Entscheidungen getroffen werden müssen. Früh heiraten ist eine dieser scheinbar selbstverständlichen bereits getroffenen Lebensentscheidungen.

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Wie erzält Lyndall Gordon dies?

Die Autorin verwendet eigene Erinnerungen, persönliche Tagebuchaufzeichnungen, Briefe der Freundinnen, Berichte von Ehemännern, Freunden, Dienstmädchen, Tanten, Müttern. Mit Hilfe dieser Bausteine erzählt sie chronologisch und kommt zum Ende des Buchs im Heute an.

Die so erzielte Erzählweise nutzt viele Perspektiven, führt handelnde Personen oft nur mit wenigen Charakterisierungen ein.

„As late as 1965, to become aware of the persistence of a life of one´s own was to be spoilt. This was the judgement of Uncle Louis in his deck-chair at Muizenberg. Uncle Louis said how much I had let myself go. A wife should not lose interest in her appearance.“

Diese Erzählweise spiegelt außerdem die zweite inhaltliche Frage Gordons: wie kann ein Mensch beschrieben werden, wie seine/ihre Motive, wie ist eine „wahre“ biografische Annäherung möglich? Und was bleibt von einem faszinierenden Menschen nach dem Tod? Woran kann die Erinnerung sich halten, womit festhalten, was diesen Menschen ausgemacht hat?

„We paused to look through the mist at the slow-moving river. I thought: I´ve become a listener to women and am learning something about their lives.“

Gordon, die Expertin für Biografien

Ihre hochkomplexen Methoden, sich dem Leben berühmter Schriftstellerinnen und Schriftsteller anzunähern, verwendet die Autorin nun für das Leben der Freundinnen und die eigene Erinnerung. Diesmal geht es nicht um Viginia Woolf oder Henry James, deren Biografien Gordon einige Berühmtheit gebracht haben. In „Shared Lives“ stehen erwachsen werdende Frauen aus Südafrika im Zentrum sowie deren Versuche, selbst bestimmte oder wenigstens erfüllte Lebenswege zu gehen.

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Zitat aus Wikipedia: Born in Cape Town, Lyndall Gordon was an undergraduate at the University of Cape Town, then a doctoral student at Columbia University in New York City. Gordon is the author of Eliot’s Early Years (1977), which won the British Academy’s Rose Mary Crawshay Prize;[3] Virginia Woolf: A Writer’s Life (1984), which won the James Tait Black Memorial Prize; Charlotte Brontë: A Passionate Life (1994), winner of the Cheltenham Prize for Literature; and Vindication: A Life of Mary Wollstonecraft, shortlisted for the BBC Four Samuel Johnson Prize. Her most recent publication is Lives Like Loaded Guns: Emily Dickinson and her Family’s Feuds (2010), which has overturned the established assumptions about the poet’s life.

Zu Südafrika haben wir auch ein Buch über Kap-holländische Häuser besprochen sowie eines über die Kolonial-Geschichte Südafrikas.

Murder in the afternoon. Frances Brody

Nachdem ich mich kritisch geäußert habe über die Krimis von Jacqueline Winspear, braucht es positive Abwechslung. Da kommt die Krimiserie von Frances Brody mit der Detektivin Kate Shackleton gerade recht.

Die Literary Review bemerkt: „Kate Shackleton joins Jacqueline Winspear’s Maisie Dobbs in a subgroup of young, female amateur detectives matured by their wartime experiences. They make excellent heroines.“

Damit sind die Gemeinsamkeiten aber auch erschöpfend behandelt. Denn Frances Brody ist die deutlich bessere Krimi-Autorin. Bei ihr haben die Charaktere mehr Tiefe, entsteht echte Spannung. Ihr Schreibstil ist lebhafter, facettenreicher, amüsanter. Man merkt, dass sie auch als  Bühnenautorin erfolgreich ist. Zwischenzeitlich hat sie in der Krimi-Reihe mit Kate Shackleton neun Romane veröffentlicht. Murder in the afternoon, erschienen 2011, ist die Nummer 3.

Der Start der nicht unkomplizierten Handlung wird auf der Rückseite des Einbands gut aufbereitet: „Young Harriet and her brother Austin have always been scared of the quarry where their stone mason father works. So when they find him dead on the cold ground, they scarper quick smart and look for some help. When help arrives, however, the quarry is deserted and there is no sign of the body. Were the children mistaken? Is their father not dead? (…) It seems like another unusual situation requiring the expertise of Kate Shackleton. But for Kate this is one case where surprising family ties make it her most dangerous – and delicate – yet…..“

Mit Zitaten am Anfang des Romans arbeitet Brody übrigens genauso gerne wie Winspear. Ihre passen aber noch viel besser zu dem, was dann folgt:
„Saturday
12 MAY, 1923
Great Applewick

Solomon Grundy,
Born on a Monday,
Christened on Tuesday,
Married on Wednesday,
Took ill on Thursday,
Grew worse on Friday,
Died on Saturday,
Buried on Sunday.
That was the end of Solomon Grundy.

Old rhyme.“

Eine  erfreuliche Entdeckung.

Leaving everything most loved. Jacqueline Winspear

Die Autorin, Jacqueline Winspear, Britin mit Wohnsitz in den USA, hochgelobt. Der Krimi, 2013 erschienen, spielt im England der 1930er Jahre. Die Detektivin, Maisie Dobbs, gefeiert als „a revelation“. Das Delikt, Mord an zwei Inderinnen in London, bietet das Potenzial, farbenfroh zu werden.

Da kann ja nicht mehr viel schiefgehen.

Neu-klassisch startet Winspear mit Zitaten, eines von Dante, eines von Kipling. Das dritte, von Beryl Markham, schafft gleich etwas Atmosphäre: „I have learnt that if you must leave a place that you have lived in and loved and where all your yesteryears are buried deep, leave it any way except a slow way, leave it the fastest way you can.“

Dann eine kurze Szene, eine Inderin geht an einem Geschäft vorbei in einer Gegend, wo normalerweise keine Inder zu finden sind. Die Engländer, die sie sehen, runzeln die Stirn.

Anschließend ist die Inderin tot, erschossen, aufgefunden treibend in einem Kanal von einer Gruppe spielender Kinder.

Gar nicht schlecht gemacht, Interesse wird geweckt, Spannung aufgebaut, ein Netz für einen guten Plot gewebt. Die historischen Details für die 30er Jahre sind da, nicht zu viele, nicht zu aufdringlich. Kein Kostümschinken.

Bemerkenswert, dass Winspear Versehrtheit zeigt. Viele der Charaktere leiden unter dem vergangenen ersten Weltkrieg. Einige sind psychisch angeschlagen, viele auch körperlich mit Narben, fehlenden Gliedmaßen, humpelnd. Vielleicht abgeschaut bei der australischen Phryne Fisher-Serie, vielleicht natürlich aber auch selbst erfunden.

Andererseits entsteht – bei mir – keine rechte Begeisterung, die Spannung flacht schnell ab, das Interesse an den Charakteren erlahmt, die Lösung ist nicht mehr lang erwartet. Vieles wirkt zu lang, besonders der Schluss, wo über Seiten hinweg auch der letzte lose Faden noch verwebt und verknotet wird.

Etliches ist mir auch zu platt psychologisierend; vor Allem in den Partien, in denen die Detektivin ihr kleines Team führt. Da wird das kleine Einmaleins der klassischen Führung à l‘ Anglaise lang ausgebreitet: Alle Entscheidungen beim Chef, die aber verständnisvoll darüber nachdenkt, was gerade in ihren Mitarbeitern vorgeht.

Vielleicht auch ein Faktor, dass Winspear zu viele Erzählhaltungen im Wechsel einnimmt, insbesondere den allwissenden Erzähler, der bis in die Seelen schaut, aber auch Ich-Erzählung, die allerdings seltsam in der dritten Person abgewickelt wird.

Ein verhaltenes „Kann man lesen“, mehr wird’s bei mir nicht. Und das Buch an Oxfam weitergegeben. Was irgendwie auch schade ist, denn da wäre mehr drin gewesen.

Martin Luther: Rebell in einer Zeit des Umbruchs. Heinz Schilling

Wie zwischenzeitlich fast jeder in Deutschland mitbekommen hat, feiert die Reformation in diesem Jahr einen runden Geburtstag, und zwar Nummer 500.

Diejenigen, die nicht in Thüringen wohnen und an denen dies bisher vorüberging, haben Ende Oktober die Chance, es auch noch zu merken: Auch in den anderen Bundesländern ist der Reformationstag dieses Mal gesetzlicher Feiertag. Über Martin Luther zu sprechen, ist also aktuell.

Das Buch, das ich heute bespreche, ist dagegen nicht mehr ganz taufrisch. Seine erste Auflage hat es bereits 2012 erlebt. Der Autor ist damit unverdächtig, aus dem Jubiläum Kapital schlagen zu wollen. Vielversprechend.

Gute Sachbücher kann man oft an der Anzahl der Auflagen erkennen. Vier bis zum Jubeljahr. Und die Jubel-Sonderausgabe 2017 auch schon in zweiter Auflage. Aktueller Amazon-Bestseller-Rang: Platz 5049. Sehr achtsam.

Der Autor Heinz Schilling ist ein Fachmann, Historiker mit kirchengeschichtlichen Interessen, zuletzt Professor an der Humboldt-Universität in Berlin. Ein Autor also, der weiß, wovon er schreibt. Sehr schön.

Das Drumherum des Buchs räumt also summa summarum die volle Punktzahl ab.

Und das Buch selbst?

644 Seiten. Die Schrift – Martin Luther profitierte ja von der neuen Möglichkeiten des Buchdrucks – in Schriftart und –größe gut lesbar.

Gut lesbar ist auch der Stil, den Schilling verwendet. Seine Sätze haben eine vernünftige, handhabbare Länge. Fremdworte kommen natürlich vor, aber er kommt auch ohne aus. Schilling muss nicht beweisen, dass er ein toller Wissenschaftler ist. Er möchte anscheinend lieber verstanden werden.

Das legt den Verdacht nahe, Schilling könnte vielleicht gerne die Dinge vereinfachen. Tut er aber nicht. Im Gegenteil, es ist Schilling offensichtlich ein großes Vergnügen, Sachverhalte in ihrer Vielschichtigkeit und Komplexität zu betrachten und nuanciert verständlich zu machen. Große Historiker-Kunst, die er sehr gut beherrscht. Dies fand im Übrigen auch die FAZ in ihrer Rezension von 2012: „(…) der Autor zeigt, wie komplex damals das Feld der unterschiedlichen Kraftvektoren war, der Überlagerungen und überraschenden Verstärkungen, der konkurrierenden Persönlichkeiten, der Strukturen und religiösen Mentalitäten, die dann letztlich zu einem historischen Umbruch namens Reformation geführt haben.“

Damit ist es geradezu selbstverständlich, dass Schilling nicht nur Luthers Biographie, sondern auch seine Epoche beschreibt, politisch, kulturell, religionsgeschichtlich. Auch der Person Luthers gönnt er ihre Vielschichtigkeit, ihre Brüche.

Und da wird zum Beispiel sehr schnell deutlich, wie verwurzelt in der spätmittelalterlichen Kirche  Luther gewesen ist. Ein Zitat:

„Wie seine Zeitgenossen war er davon überzeugt, dass sich das ewige Seelenheil durch aktive Leistungen des Menschen gewinnen ließe – durch gute Werke oder strenge, wie man meinte, gottgefällige Lebensweise in gebet, Buße, Selbstgeißelung. Mit seinem Eintritt ins Kloster vertraute auch er sich dieser verbreiteten Leistungsfrömmigkeit an. Indem er als Mönch wie kaum ein zweiter Leistung auf Leistung häufte und dennoch seines Heils nicht gewiss werden konnte, legte er selbst den Boden für jenen weltgeschichtlichen Paradigmenwechsel in der Anthropologie der Frömmigkeit, die von der mittelalterlichen Leistungs- zur Gnadenfrömmigkeit des neuzeitlichen Protestantismus führte.“

Und weiter: „… so war der Reformator Martin Luther zu Beginn seines religiösen Lebens nicht Kritiker, sondern besonders pflichtbewusstes Glied der spätmittelalterlichen Kirche. Ihre Leistungsfrömmigkeit und Heiligenverehrung war ihm ebenso wenig Stein des Anstoßes wie das Papsttum und die weit verästelte Hierarchie, über die der römische Pontifex in einem monarchistischen Absolutismus herrschte. Im Gegenteil, sein Problem war, dass er die vielen Leistungsangebote dieser Kirche besonders ernst nahm und daher umso tiefer verzweifelte, wenn sie ihm nicht die existentiell verlangte Errettung brachten und allenfalls wie Trostpflästerchen wirkten.“

Bemerkenswert, wie Schilling auch diplomatischen Finessen ins rechte Licht rückt. Vielleicht hat sich der eine oder andere gefragt, warum Luther trotz der Reichs-Acht, unter der er durch das Wormser Edikt stand – er war damit ja vogelfrei, quasi zum Abschuss freigegeben – nach seinem Aufenthalt auf der Wartburg in Sachsen so munter aktiv sein konnte.

Dazu Schilling: „Es ist sehr wahrscheinlich, dass es zwischen der Habsburgerregierung und Kursachsen eine geheime oder doch stillschweigende Übereinkunft gab, das Äußerste zu verhindern. Jedenfalls wurde das Edikt dem sächsischen Kurfürsten nie offiziell zugestellt und besaß demzufolge in seinen Territorien keine Reichskraft.“

Und dann ist da noch die Sache mit den Namen. Ich wusste zum Beispiel nicht, dass Luther das Wort „lutherisch“ nicht mochte, da er nicht zu einer Art Heiligem werden wollte. Schilling: „Seine Haltung ist emphatisch universell: ‚Ich bin und will kein Meister sein. Ich habe mit der Gemeinde die einzige, allgemeine Lehre Christi, der allein unser Meister ist.‘ Das war auch eine Abwehr gegen die bereits von Eck aufgebrachte abwertende Charakterisierung der evangelischen Bewegung als „lutherisch“, so wie die verwandte Vorgängerbewegung in Böhmen als „hussitisch“ deklassiert worden war. Die Vertreter der evangelischen Kirchen sind dem Reformator gefolgt und haben stets die Selbstbezeichnung als „Lutheraner“ abgelehnt – bis im Zuge der Konfessionalisierung in der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts die in der Konkordienformel 1577 geeinte Orthodoxie sich stolz „lutherisch“ nannte, um damit den Besitz der nunmehr gesicherten reinen Lehre des Reformators anzuzeigen.“

Und ich hatte nicht gewusst, dass Luther sich erst seit 1512 oder 1517 „Luther“ nannte. Vorher unterschrieb er immer als Martin Luder. Wobei ich vermute, dass sich an der Aussprache des Nachnamens im Kursächsischen dadurch nichts änderte.

Heißt alles in allem?

  • Wer sich so ein dickes Buch zutraut,
  • Wer sich für Luther und die Zeit der Reformation interessiert
  • Nicht nur einfache Scherenschnitt-Meinungen schätzt
  • Und gut schreibende Autoren mag

… liegt mit diesem Buch richtig.

Renaissance: beste kurze Bücher für den Italien-Urlaub

Jedes Jahr lockt es Horden von Touristen in die Toskana. In Florenz sind etliche Sehenswürdigkeiten nur noch durch im Voraus gebuchte Tickets zu besichtigen. Immer wieder frage ich mich, was diese vielen Touristen denn eigentlich dort suchen und ob sie es wohl finden.

„Die Renaissance“ von Peter Burke

Das ist das intelligenteste Buch, dessen Autor zu Sätzen fähig ist, die man in den beiden anderen Büchern niemals finden würde. Zum Beispiel: „Fest steht, dass die Renaissance die Bewegung einer Minderheit gewesen ist. Es war eine städtische und keine ländliche Bewegung, und die Lobreden auf das Landleben entflossen den Federn von Leuten, die ihr Hauptdomizil in der Stadt (…) aufgeschlagen hatten.“ Auf 107 Seiten erklärt Burke, was wir auf wissenschaftlich fundierter Basis heute unter Renaissance verstehen können. Er tut dies unterhaltsam und sehr verständlich. Ein großer Vorteil dieser Darstellung ist es, sämtliche Kunstgattungen zu berücksichtigen und deren wichtigste Werke auch in Abbildungen zu zeigen. Die Kapitel des kleinen Büchleins heißen:

  • Der Mythos der Renaissance
  • Italien: Die Wiederbelebung und Erneuerung der Antike
  • Die Renaissance im Ausland oder: Vom Nutzen und Nachteil Italiens
  • Auflösung der Renaissance
  • Schluß

„The Key to Renaissance Art“ von Josè Fernández Arenas; Bateman/Search Press Pocket Guide

Dieses Taschenbuch ist ein klassischer, bildreicher Kurzführer zu einer Epoche. Hier finden sich alle üblichen Klischees zur Renaissance. Das Buch ist dennoch sehr hilfreich und empfehlenswert, wenn man sich schnell und unkompliziert dem Thema überhaupt erst einmal nähern möchte: Das wichtigste Basiswissen wird gut vermittelt, die wichtigsten Kunstwerke werden vorgestellt und nach 75 Seiten hat man einen ersten guten Überblick gewonnen.

„Architecture of the Renaissance from Brunelleschi to Palladio“ von Bertrand Jestanz; New Horizons

Dieses Buch ist eine prima Ergänzung zu den beiden vorher vorgestellten Büchern. Es ist reichbebildert mit tollen Fotos, zeigt Bauten, Pläne und Modelle. Es enthält ergänzend zu den Bildern knappe, erläuternde Texte. Auch Reisende, die nicht unbedingt leidenschaftlich an Archtektur interessiert sind, können an der Darstellungsweise Vergnügen haben. Der Kern des Buchs umfasst 124 Seiten, danach folgt ein Anhang mit Abschriften der wichtigsten zeitgenössischen Dokumente. Die Kapitel heißen:

  • The Return to Antiquity
  • New Principles
  • New Language
  • New Building Types
  • A New Discipline
  • A New Profession
  • Documents

Außerdem enthält das Buch eine Chronologie sowie weitere Literatur-Empfehlungen.

…und was tun, wenn man gar keine Zeit oder Neigung hat, sich auf das Thema Renaissance einzulassen? Ganz einfach: Aus Peter Burkes „Die Renaissance“ die ersten 50 Seiten lesen. Das reicht. Erst einmal.

Other Minds – The Octopus and the Evolution of Intelligent Life. Peter Godfrey-Smith

Würden Sie gerne einen intelligenten Alien treffen? Auch wenn Sie nicht tauchen, hier bietet sich die Möglichkeit!

Intelligente Aliens

Tintenfische klettern aus einem Aquarium heraus und flüchten. Sie klettern in ein anderes Aquarium, wenn dort etwas Leckeres zu haben ist. Sie finden heraus, wie der Wasserabfluss zu verstopfen und das Labor zu überschwemmen ist… Tintenfische sind sehr intelligent. Sie verfügen über ein hochentwickeltes Nervensystem mit ungewöhnlich vielen Nervenzellen, ein scharfsehendes Auge. Aber, sie haben keine Knochen, kaum etwas Festes in ihrem Körper, so dass sie beinahe jede Form annehmen können; ihr Gehirn und ihre Arme teilen sich Wahrnehmungen und Entscheidungen. Ja, ihre Arme treffen einen Teil der Entscheidungen allein: „What if intelligent life on earth evolved not once, but twice? The octopus is the closest we will come to meeting an intelligent Alien.“

  • Bildergebnis für Oher Minds - The Octopus and the Evolution of Intelligent Life. Peter Godfrey-Smith

    Inhalt von „Other Minds“

600 Millionen Jahre liegt der letzte gemeinsame Vorfahre von Menschen und Tintenfischen in der Vergangenheit. Tintenfische gehören zu den Mollusken. Und dennoch sind sie anders. „Other Minds“ thematisiert Evolutionsgeschichte und Neurologie, Psychologie und Intelligenz-Forschung. Das Buch geht dabei den Fragen nach:

  • But what kind of intelligence do cephalopods possess?
  • How did the octopus, a solitary creature with little social life, become so smart?
  • What does self-awareness mean?
  • Do they express themselfes by colour?
  • Why do they die after only 2-4 years?

Der Autor: Professor für Philosophie

Peter Godfrey-Smith berichtet über seine Leidenschaft zu Tintenfischen sehr persönlich. Er beschreibt seine Faszination, seine Erfahrungen mit diesen Wesen und wirft dabei immer wieder grundsätzliche Fragen in sehr verständlicher Weise auf. Vielleicht kein Wunder, wenn man Professor für Philosophie in New York und Professor für Geschichte und Philosophie in Sydney ist. Sowie ein passionierter Taucher.

Filme über Tintenfische

Zwei Filme bieten wunderbares Filmmaterial über Tintenfische und Kraken:

Der eine, „The Octopus Show“ von National Geographic, ist trotz seiner tollen Bilder unerträglich, da er zum einen die große Intelligenz von Oktopoden nicht einmal thematisiert, zum anderen den amerikanischen Mann in seiner Form als Entdecker und Beherrscher der Welt in den Mittelpunkt stellt.

Der andere Film ist „The Octopus´s Garden – The private World of the Chameleon of the Sea“ von Animal Nation. Ruhig, interessantes Filmmaterial und viel Information. Aufhänger ist die Geschichte eines weiblichen Tintenfisches, dessen Leben von Anfang bis Ende erzählt wird.

The Grantchester mysteries: Sidney Chambers and the forgiveness of sins. James Runcie

Die Verfilmungen sollen gut sein. Zumindest die Bilder von Grantchester, einem ausgesprochen pittoresken Dorf in der Nähe von Cambridge, werden gelobt. Die deutsch-synchronisierte Fassung dieser Grantchester Mysteries wird bestimmt nicht lange auf sich warten lassen, sind englische Krimi-Verfilmungen in Deutschland doch sehr beliebt.

James Runcie ist der Sohn des ehemaligen Erzbischofs von Canterbury. Das qualifiziert ihn zweifellos für einen Detektiv, der ein Canon der anglikanischen Kirche ist. Er wurde in Cambridge geboren. Da kann man dann auch kundig über Grantchester schreiben.

Dennoch, die Vorlage für die Filme ist – um nicht lange darum herum zu reden – ziemlich mies. Platt, langweilig, eintönig, wie in Eile und ohne Liebe geschrieben. Eher eine Skizze als ein Roman. Oder ein erster Versuch. Zumindest die paar Dutzend Seiten, die ich geschafft habe, bis ich mir ein anderes Buch gegriffen habe, sind so.
Vielleicht versteckt sich daher subtile Kritik hinter einem Satz einer Grantchester-Filmkritik im Guardian:
„Runcie spoke to the Observer in the kitchen of the village hall among left-over snacks and warm white wine.“

Wer so vernichtend sich äußert wie ich, sollte wenigstens einen Beleg anbringen. Hier ist er:
„The cello music stopped.
Keating knocked on the door and opened it without waiting for a reply. (…) Once they had explained themselves, Sophie Madara said: ‚I wondered when someone would come. It’s been a Long time.‘
‚You were reported as missing.‘
‚But I Wasn’t.‘
‚Nobody knew where you were.‘
‚I knew where I was. So did my parents. I have made no secret. Where is my husband?'“

Einzig gute Nachricht aus Perspektive dieses Bloggers: Cricket kommt wieder vor!

Persuasion. Jane Austen

Romantische Liebesgeschichten vergangener Zeiten von Jane Austen? Ich habe eine Ausgabe von 1944 mit Illustrationen von John Austen, deren süßliche Eleganz kaum übertroffen werden kann. Der Eindruck passt also, oder? Wer diese Illustrationen sieht oder Austens Romane nur in Form ihrer Verfilmungen kennt, liegt in der Bewertung von „Persuasion“ schwer daneben…

„Persuasion“, also Überzeugung, Überredung

Wer überzeugt oder lässt sich überzeugen, wovon? Oder doch überreden? – „Persuasion“ gehört zu meinen Lieblingsromanen. Oft gelesen, immer wieder genossen. Die Vielfältigkeit der Facetten ist einer der Gründe für mein Vergnügen: Liebesgeschichte, Mystery Novel, Sittengemälde, Charakter-Analyse. Jane Austens Roman erschien 1818, 14 Jahre vor Goethes Tod. Eines seiner erstaunlichen Merkmale ist seine Modernität.

Die Erzählweise in „Persuasion“

Austen hat in ihren Romanen, lange bevor es eine Bezeichnung dafür gab, einen inneren Monolog für ihre Figuren erfunden: teils Gedankenstrom, teils indirekte Rede, werden durch dieses Stilmerkmal die Figuren lebendig, wirken „echt“. In einer weiteren, extremen Fortführung dieses Stilelements nutzt Austen dieses, um Zeit zu raffen und parallel mehrere Stimmen auf einmal zu Wort kommen zu lassen: „(…) when a knock at the door suspended everything. ‚A knock at the door – and so late! It was ten o´clock. Could it be Mr. Elliot? They knew he was to dine in Lansdown Crescent. It was possible that he might stop in his way home to ask them how they did. They could think of nothing else. Mrs. Clay decidedly thought it Mr. Elliot´s knock.““

Mit spitzer Zunge

Mit ganz wenigen Worten ist Austen in der Lage, ihre Figuren zu skizzieren. Und dabei ist sie deutlich, sehr deutlich: „Mr. Shepherd, a civil, cautious lawyer, who, whatever might be his hold or his views on Sir Walter, would rather have the disagreeable prompted by anybody else“ oder „Lady Russell (…) was a woman rather of sound than of quick abilities“. Auch die Versatzstücke, die Austen ihren Figuren als biografischen Hintergrund gibt, lassen immer tief blicken, selbst wenn sie heute nicht mehr einfach verständlich sind. So hat der eitle, verschwenderische Sir Walter Elliot zum Beispiel in Bath ein prächtiges, teures Haus in Camden Place gemietet. Zeitgenossen Austens wußen genau, dass diese Häuser auf instabilem Grund gebaut waren, der tatsächlich nachgab. Die Ortsangabe ermöglicht die präzise soziale Verortung von Sir Walter UND einen Blick auf seinen Charakter. Für diejenigen, die mehr hierzu wissen möchten, ist „A Charming Place – Bath in the Life and Novels of Jane Austen“ von Maggie Lane eine Empfehlung.

Die Liebesgeschichte und – die Geschichte voller Geheimnisse

Ja, ein wichtiges Thema besteht in den unterschiedlichen Spielarten des Sich-Verliebens, der Liebe und der Ehe. Ganz ähnlich wie in Goethes „Wahlverwandtschaften“ spielt Austen durch, wie Frauen und Männer zusammen kommen können, voneinander angezogen sind und miteinander leben. Die detektivische Neugier dagegen wird geweckt, indem es neben eindeutigen Figuren andere gibt, deren Motivationen nicht ganz klar sind. Eine Fülle kleiner Anzeichen weist immer wieder einmal darauf hin, läßt Leser und Leserinnen jedoch im Dunkel.  Die Figuren sind oft nicht, was sie scheinen, geben vor, was sie nicht sind. Sie überreden einander. Die Haupfiguren Anne Elliot und Captain Wentworth jedoch überzeugen sich im Lauf des Buchs von ihren eigenen Gefühlen und einander von deren Ernsthaftigkeit.

Vielleicht ist es auch diese hoffnungsvolle Botschaft, fast tröstlich, die der Roman ausdrückt: Auch wenn die Zeit uns lehrt, getroffene Entscheidungen bitter zu bereuen, auch dann kann etwas passieren, das eine neue Wende zum Glück einleitet. Also: „Persuasion“ ist doch romantisch.

Persuasion Poster

Es gibt zwei gute Verfilmungen von „Persuasion“: Die Verfilmung von 1995 mit Amanda Root und Ciarán Hinds in den Hauptrollen sowie den Film von 2007 mit Sally Hawkins, Alice Krige und Anthony Head. Allerdings gelingt es beiden Filmen nicht, auf überzeugende Weise herauszuarbeiten, worin Anne Elliots Entwicklung liegt: Sie hat als sehr junge Frau auf den Rat einer Ersatz-Mutter gehört, weil sie es für ihre Pflicht hielt, nicht nur den eigenen Vorlieben zu folgen, da für ein gemeinsames Leben kein entsprechendes Vermögen zur Verfügung stand. Sobald die Versorgung gesichert ist, sieht sie keine Gründe mehr dagegen, den Mann ihrer Wahl zu heiraten, und ist bereit, auch Widerstände zu überwinden.

Death of an avid reader. Frances Brody

Das sind doch mal positive Überraschungen! Eine (relativ) neue Krimiautorin: Frances Brody – eine überzeugende Privatdetektivin: Kate Shackleton – geschrieben wie ein klassischer englischer Krimi – ohne den ewigen Psycho-Sex-Gewalt-Kram, den viele heutige Krimis anscheinend brauchen.

Frances Brody verlegt ihren Krimi in die zwanziger Jahre, macht daraus aber keine große Sache.
Sie kommt weitgehend aus, ohne historische Versatzstücke zu nennen, die das 20er Jahre Flair erzeugen sollen. Sie schreibt ausgesprochen flott. Offensichtlich macht es ihr großen Spaß zu erzählen, Spannung und Sympathie zu erzeugen, ihre Leser zu unterhalten. Der Plot (Mord in einer öffentlichen Bibliothek) ist gut gestrickt, nachvollziehbar und nur an wenigen Stellen von glücklichen Zufällen bestimmt. Erfreulich auch, dass die Polizei nicht dumm und dusselig sein muß, damit der Detektiv glänzt. Gute Dialoge, gute Beschreibungen von Stimmungen, Räumen, Personen. Überhaupt sind ihre Charaktere erfreulich abgerundet und eindrucksvoll.

Frances Brody startet mit einem Zitat von Richard Brinsley Sheridan:
„A circulating library in a town is as an evergreen tree of diabolical knowledge“.

Dann folgt ein Zeitungsartikel:
„In a momentous discovery, the Leeds Library on Commercial Street has added the finest of jewels to ist crown. Founded in 1768, this venerable Institution already houses Selby’s ornithology, rare and magnificent coloured plates of birds; the works of St Thomas Aquinas; an enviable collection of Reformation and Civil War pamphlets and two hundred and one volumes of the Encyclopédia Méthodique….“

Darauf ein Brief:
„22 October, 1925
Cavendish Square
London
Dear Mrs Shackleton
On a matter of delicacy, I pray you will meet me on Tuesday next. Knowing you are a member of the Cavendish Square Ladies‘ Club, I suggest we meet there.
Yours sincerely
Jane Coulton.“

Und damit ist die Szene gesetzt und der gesamte Plot vorbereitet.

Die Daily Mail vermerkt zu Frances Brody: „Has that indefinable talent of the born storyteller.“ Recht hat sie.