Big sister, little sister, red sister. Jung Chang

Gerade vor wenigen Tagen habe ich ein schon ein Buch von Jung Chang besprochen, ihre Biographie über die chinesische Kaiserinwitwe Cixi. Als ich damit fertig war, sah ich, dass gerade ein neues Buch von Chang erschienen ist. Die Mehrfachbiographie zur Übergangszeit zwischen Qing-Dynastie und kommunistischer Regierung in China hat drei Schwestern der Familie Song, die Song-Schwestern, zum Thema.

Song Ailing, die älteste der Song-Schwestern, wurde zu einer der reichsten Frauen Chinas. Song Qingling, die mittlere Schwester (im Buchtitel die rote Schwester, da Kommunistin), heiratete Sun Yatsen und wurde später unter Mao Vizepräsidentin Chinas. Song Meiling, die jüngste, heiratete Chiang Kaishek und wurde dadurch ebenfalls zu einer First Lady in China. Alle kamen also groß heraus – und alle standen politisch weit voneinander entfernt.

Eingewoben in diese Dreier-Biographie der Song-Schwestern sind noch zwei weitere: über Sun Yatsen und über Chiang Kaishek. Mao wäre wahrscheinlich noch dazu gekommen, aber über den hat Chang gemeinsam mit ihrem Ehemann schon eine separate Biographie geschrieben. Der Gatte der ältesten Schwester dagegen bot offensichtlich nicht genügend Stoff, um ihm deutlich mehr Aufmerksamkeit zu widmen.

Auch in diesem Buch gelingt es Chang, ihre Leser (und Leserinnen) zu fesseln. Sie schreibt unverändert flott, spannend und einfach. Der Gefahr, sich in den Wirren der Zeit und in den sehr unterschiedlichen Charakteren zu verheddern und den Überblick zu verlieren, entgeht sie souverän: Das Buch ist sehr gut und geschickt strukturiert.

Wie schon in der Biographie über Cixi war ich erstaunt, wie wenig ich tatsächlich über diese Zeit wusste und wie stark meine Meinungen durch Meinungsmache (nicht nur seitens Chinas) beeinflusst waren. Allein schon dafür, hier etliches gerade oder zumindest in ein anderes Licht zu rücken, gebührt Chang viel Dank.

Trotz all dieser positiven Aspekte war ich beim Lesen immer wieder etwas genervt und unzufrieden.

  • Mich hat gestört, dass Chang mit mehr als einem Hauch von Selbstzufriedenheit immer wieder auf ihre eigene Biographie über Mao verweist.
  • Und ich hatte den Eindruck, dass Chang gelegentlich einem Hang zu Klischees erliegt, dass sie eine Neigung dazu hat, ihre Hauptpersonen zu stilisieren. Ich bin mir zum Beispiel sicher, dass sie Sun Yatsen nicht schätzt – aber weiß nicht, ob er wirklich so ausschließlich egoistisch und opportunistisch war, wie sie ihn darstellt. Auch ist mir nicht klar, ob Chang die Meinung hat, Frauen sind nur als Mütter glücklich, und so den Kummer der Kinderlosigkeit in die mittlere und jüngste Schwester hineininterpretiert – oder ob dieser Kummer tatsächlich durch Quellen belegbar ist. Jedenfalls zwischenmenschelt es in diesem Buch überraschend häufig.
  • Außerdem erzählt Chang so, als ob es praktisch keine Zweifel gäbe. So, wie sie es erzählt, muss es gewesen sein. Für sie ist die Quellenlage immer eindeutig. Und das stimmt einen ein wenig skeptisch.

Dennoch, in Summe einen lohnendes und spannendes Buch. Aber vielleicht sollte man auch noch einen anderen Autoren zum Vergleich lesen.

Kaiserinwitwe Cixi. Jung Chang

Dieses Buch über Cixi, die letzte Herrscherin Chinas vor dem Ende des Kaiserreichs und dem Beginn des Kommunismus, habe ich mit großer Überraschung und viel Vergnügen gelesen.

Meine Erwartung war bereits recht hoch. Hatte ich doch früher schon ein anderes Buch der Autorin, „Wilde Schwäne, Die Frauen meiner Familie“, gelesen, ebenfalls eine Biographie, jedoch in diesem Fall über ihre eigene Familie. Damals fand ich, dass Jung Chang sehr informativ, einfühlsam und flott schreibt, und mir vorgenommen, bei Gelegenheit ein weiteres ihrer Bücher zu lesen.

Das Buch über Cixi, erschienen in englischer Sprache im Jahr 2013 (die deutsche Übersetzung folgte bereits 2014), beschäftigt sich mit einer Frau, die für mich bisher eher negativ besetzt war, die – wie ich dachte  und andernorts gelesen hatte – viel mit dem Scheitern zu tun hatte: Unter ihr ging es richtig bergab mit dem chinesischen Kaiserreich, intrigant, brutal und rücksichtslos, der Tradition verhaftet, eine Feindin jeglicher Modernisierung. Ein echtes Anti-Vorbild. Auch der aktuelle Wikipedia-Beitrag über die Qing-Dynastie widerspricht hier nicht….
Diese Sperrigkeit wurde vielleicht noch verstärkt, da Cixi auf praktisch keinem ihrer Fotos lächelt, und durch ihren Namen, bei dem man in Deutschland nicht so genau weiß, ob „Zicksi“ (?) oder „Kicksi“ (?)  ein schlechter Scherz sein soll oder ernst gemeint ist. Man redet mal besser nicht über sie, bevor man den Namen eventuell falsch ausspricht.

Nach dem Lesen dieses Buchs ist mein Bild Cixis deutlich anders. Nicht erfahren habe ich darin, dass die richtige Aussprache ihres Namens eine andere ist: 慈禧 spricht sich „zöchi“ aus, die erste Silbe mit der Stimme nach oben, die zweite erst tief, dann nach oben gezogen. Klingt ganz interessant. Die beiden Silben ihres Namens bedeuten „barmherzig, freundlich“ und „Glück“ – das wiederum steht auch im Buch.

Sehr überrascht war ich davon, dass Cixi – geboren 1835, gestorben 1908 – tatsächlich sehr viel dafür getan hat, China zu modernisieren. Sie hat vorangetrieben, dass Elektrizität, die Eisenbahn, Telegraphen und andere Erfindungen nach China kamen. Einige der unerfreulichsten körperlichen Strafen wurden von ihr abgeschafft und auch das Binden der Füße bei Frauen beendet. Sie war politisch sehr gewieft, obwohl sie als Frau de iure nicht regieren durfte. Meinungs- und Pressefreiheit wurden von ihr unterstützt und gefördert. Sogar die Umwandlung des Kaiserreichs in eine konstitutionelle Monarchie mit recht weitgehendem Wahlrecht hat sie auf den Weg gebracht – allerdings kam dann ihr Tod und anschließend die chinesische Republik dazwischen.
Eine Heilige war sie damit trotzdem nicht. Sie beging eine Reihe von fatalen Fehlern während des Boxeraufstands. Auch hat sie schon das eine oder andere Leben auf der Gewissen. Sicherlich aber viel weniger, als sonst damals bei Kaisers üblich (auch zum Beispiel bei deutschen Kaisers, die in China nicht gerade zur Imagepflege unterwegs waren….).

Eine sehr beeindruckende und auch sehr faszinierende Persönlichkeit also. Leider teilte sie lange das Schicksal vieler einflußreicher Frauen. Bereits zu Lebzeiten wollte man ihr viel Übles nachsagen, nicht nur in China. Und für die Chefs der chinesischen Republik und anschließend der heutigen Volksrepublik China musste sie als Feindbild herhalten und wurde nach Kräften schlecht gemacht.

Jung Chang hat sich die Mühe gemacht, umfangreiche Quellenforschung zu betreiben und dieses Bild gerade zu rücken. Das ist ihr gelungen, auch wenn  einige andere Forscher (weniger: Forscherinnen) ihren Schlussfolgerungen widersprechen. Und außerdem hat sie eine sehr vielschichtige, spannende und faszinierende Biographie über eine der einflußreichsten Persönlichkeiten Chinas geschrieben.

Wer mehr über China lesen möchte, kann auch hier schauen.

Abraham trifft Ibrahîm: Streifzüge durch Bibel und Koran, Sibylle Lewitscharoff und Najem Wali

Um es vorweg zu nehmen: Dass ich dieses Buch gelesen habe, war ein Fehler meinerseits.

Eigentlich war ich auf der Suche nach vielversprechenden Neuerscheinungen. Dafür war ich in ein Buchgeschäft gegangen. Und richtig: Es gab eine eigene Auslage mit Neuerscheinungen! Ich habe mich in Ruhe umgeschaut, in diverse Bücher hineingelesen. Meine Wahl: Abraham und Ibrahîm.

Warum gerade dieses Buch? Von Sibylle Lewitscharoff hatte ich zwar noch nichts gelesen, aber Gutes gehört. Immerhin hat sie 2013 den Büchnerpreis erhalten. Außerdem – dachte ich – schadet es bestimmt nicht, etwas mehr über den Koran zu wissen. Mitreden kann man zwar immer. Aber das fundiert zu tun, schien mir der überlegene Ansatz. Auch war der Einband nicht abschreckend, sondern machte einen gebildeten Eindruck. Genau das Richtige für mich.

Zwischenzeitlich habe ich das Buch gelesen und weiß, was ich falsch gemacht habe. Nach der Titelseite gibt es ja immer die Seite mit dem Kleingedruckten. Dort hätte ich sehen können, wann das Buch das erste Mal mit einem fröhlichen Schrei das Licht der Buchläden gesehen hat. 2018 steht da. Sogar im Frühjahr. Neuerscheinung also natürlich schon, aber nicht des Jahres 2019, dumm gelaufen…. Zumindest kann man dem Buchladen, in dem ich es gekauft habe, nicht nachsagen, allzu schnell den neuesten Trends hinterher zu hecheln und die Neuauflagen-Auslage zu aktualisieren. Hoffentlich lagen Abraham und Ibrahîm da nicht noch, weil sie keiner kaufen wollte….

Soviel zu meinem Geständnis.

Jetzt zum Buch. Und das ist tatsächlich ganz interessant.

Worum es nicht geht?
Eine allumfassende Darstellung von Koran und Bibel. Oder um eine theologisch tiefkompetente Analyse.

Statt dessen:
Ein Vergleich der Darstellung gemeinsamer Personen in diesen beiden heiligen Schriften, insgesamt neun. Und zwar: Eva/Hawwâ – Abraham/Ibrahîm – Moses/Mûsa – Lot/Lût – Hiob/Ayyûb – Jona/Yûnus – König Salomo/Sailamân – Maria/Maryam – Der Teufel/Schaitan oder Iblîs.

Offensichtlich und vielleicht überraschend nicht dabei: Jesus/Îsa bin Maryam.

Najem Wali, ein in Deutschland lebender irakischer Schriftsteller, stellt den Koranpart jeweils sehr sorgfältig und nah am Text vor. Er geht – vielleicht zurecht – davon aus, dass die Leserinnen und Leser mit dem Koran weniger vertraut sind. Auch arbeitet er jeweils die Unterschiede zur Bibel, die ja einige Jahrhunderte älter ist als der Koran, am sorgfältigsten heraus. Wali ist auch verantwortlich für die Einleitung, die allein schon lesenswert ist, weil sie auf angenehm klare und undogmatische Art und Weise grundlegende Kenntnisse zum Koran vermittelt. Man könnte sagen, Wali stellt den Koran vor.

Sibylle Lewitscharoff macht das anders. Sie setzt eine gewisse Bibelkenntnis voraus und schreibt viel freier, viel essayistischer, viel literarischer. Man könnte sagen, Lewitscharoff stellt ihre Schreibkunst anhand biblischer Themen vor.

Das macht das Buch abwechslungsreich und gut lesbar.

Zwei Beispiele. Von Wali aus der Einleitung:

„Dem Koran zufolge gab es, von Âdam bis Muhammad, insgesamt fünfundzwanzig Propheten (arabisch: Anbîya, Singular: Nabi). Manche von ihnen werden auch als Rasûl (‚Gesandter‘) betitelt (…). Folgen wir der Argumentation, dass ein Prophet bei einer bestimmten Gruppe von Menschen eine göttliche Mission erfüllt, während die Aufgabe der Gesandten weiter reicht – er soll die gesamte Menschheit zur Umkehr bewegen -, kommen wir auf fünf Gesandte. (…) Jeder Gesandte ist also zugleich auch Prophet, umgekehrt gilt dies jedoch nicht.“

Von Lewitscharoff aus Abraham:

„Was für eine Koinzidenz – man höre und staune! Als im Winter des Jahres 1841 Sören Kierkegaard ‚Furcht und Zittern‘ schrieb, hatte er einige schlaflose Nächte. Genauer gesagt waren es von brüchigem Schlaf durhsetzte Nächte, in deren Löchern Unruhe, Schweißausbrüche, Verzweiflung, Kopfschmerz (auch Magendrücken) sich meldeten und ihn im Bett von der einen auf die andere Seite warfen. Schier endlos ging das hin und wieder her, von rechts nach links, von links nach rechts.“

Ich denke, der Unterschied in der Schreib- und Herangehensweise wird klar.

Noch einige Worte zu den Unterschieden zwischen Koran und Bibel. Viele Geschichten in der Bibel haben einen ausgeprägten Sinn für ungelöste Konflikte. Diese werden im Koran oft aufgelöst: Gott hatte nie den Plan, dass Abraham seinen Sohn opfert. Hiob verzweifelt nicht an Gott , sondern ist vorbildlich geduldig. Maria hatte nie einen Ehemann. Jesus ist nicht am Kreuz gestorben.

Um all dies zu erfahren, gibt es zwei Möglichkeiten: (noch einmal?) die Bibel und (erstmals?) den Koran lesen – oder dieses Buch.

Wie gesagt:
Es ist zugänglich, weil lesbar. Und lesenswert, weil wissenswert.

Das unvollendete Bildnis. Agatha Christie

Der deutsche Titel ist wieder so na ja. Im englischen Original von 1942 heißt dieser Krimi von Agatha Christie „Five little pigs“. Er bezieht sich auf einen Kinderabzählreim, bei dem die Fußzehen durchgezählt werden:
„This little piggy went to market.
This little piggy stayed at home.
This little piggy has roast beef,
This little piggy had none.
And this little piggy cried „Wee! Wee! Wee!“ all the way home.“

Damit ist klar, dass es – neben dem Detektiv, in diesem Buch Hercule Poirot – fünf Hauptpersonen gibt, pro Schweinchen eine.

„Five little pigs“ ist formal ausgesprochen eigenwillig. Es wird dauernd dasselbe erzählt: Der Mord an dem Maler Amyas Crale mit allem, was davor und unmittelbar danach passierte. Jede Hauptperson schildert Poirot zunächst mündlich, dann auch schriftlich die eigenen Erinnerungen und Eindrücke. Macht schon 10mal dasselbe. Außerdem erzählen noch mehrere am Prozess gegen die Ehefrau von Crale beteiligte Personen – sie wurde verurteilt – ihre Interpretation. Damit ist mehr als ein Dutzend voll. Und ganz zum Schluss kommt noch die Erzählung von Poirot mit der Auflösung.

Ein Patentrezept für Langeweile also – und doch ist dieser Krimi ganz ausgesprochen fesselnd.

  • Die Psychologie aller handelnden Personen wird subtil ausgeleuchtet – vielleicht finden sich in diesem Krimi die best-gezeichneten Charaktere von Agatha Christie.
  • Und da immer dasselbe erzählt wird, mit feinen Unterschieden, kann man aufs beste nach Hinweisen suchen, wer der Mörder sein könnte. Poirot weiß zu jedem Zeitpunkt genau dasselbe wie die Leser. Es wird nicht geschummelt.

Der Krimi ist also exzellent. Dasselbe gilt übrigens für die bisher einzige Verfilmung mit David Suchet als Poirot, die sich erfreulich eng an die Vorlage hält.

Agatha Christie gehört in diesem Blog zu den meist-rezensierten Krimi-Autorinnen und -Autoren. Über die Suchfunktion kommt man gut zu ihren anderen Krimis. Aber auch über diesen Link findet man mehr.

The World my Wilderness. Rose Macaulay

„The World my Wilderness“ von Rose Macaulay ist ein Roman, der eine Welt beschreibt, der die zivilisatorischen Werte verloren gegangen sind. Die Handlung spielt in der unmittelbaren Nachkriegszeit, Schauplätze sind Südfrankreich und London.

Protagonisten sind zwei halbwüchsige Kinder, die sich in Frankreich der Widerstandsbewegung gegen die deutschen Besatzer angenähert haben. Sie erleben eine abenteuerliche Welt, Alltag als Abenteuer, voller Gewalt, die jeden immer treffen kann. Diese Welt ist für sie der einzige Standard, den sie für ihr Leben kennen. Als beide Kinder zu unterschiedlichen Familien nach London kommen, interpretieren sie die zerbombten Teile der Stadt als jene Wildnis, die sie aus dem Partisanen-Kampf kennen. Ganz selbstverständlich sehen sie „London“ durch die Brille ihrer Erfahrungen. Lüge, Betrug, Diebstahl, Folter und Mord sind den Kindern nicht fremd.

Was tut der Zerfall von Wertmaßstäben, von zivilisatorischen Spielregeln mit den Menschen? Dieser Frage geht der Roman bei der Darstellung der Jugendlichen nach. Eine weitere Möglichkeit, Spielregeln innerhalb der Zivilgesellschaft zu brechen, statt außerhalb ihrer, zeigt die Figur der Mutter des Mädchens: Sie bricht die Ehe, verliert hohe Geldsummen im Spiel und „entdeckt“ ganz nebenbei alte Provencalische Lieder, die sie dann herausgibt…

Ich mag diesen Roman von Rose Macaulay, da er ruhig und unaufgeregt erzählt wird. Er ist voller starker, gut gezeichneter Figuren. Erzählerisch wechselt die Perspektive: Mal sprechen die Kinder, mal erzählt die Autorin aus der Perspektive der Mutter oder der des Vaters oder der Stiefmutter. Das Geschehen ist hin und wieder dramatisch, seine Darstellung wirkt jedoch nie platt. Das Drama entfaltet sich unterschwellig, da das Wichtigste meist nicht ausgesprochen wird.

Ein sehr guter, schön zu lesender Roman, der eine seltsame Aktualität zu haben scheint, obwohl er Anfang der 1950er Jahre erschien.

Landscape and Memory. Simon Schama

„Landscape and Memory“ von Simon Schama ist ein fürchterlich gebildetes Buch, voller Geschichten, erzählt wie Märchen aus Tausend–und–einer-Nacht.

Es ist ein verrücktes Buch: assoziativ, über alle Disziplinen springend, vom Hölzchen aufs Stöckchen, faszinierend, spannend, bildend.

Bildergebnis für Landscape and Memory. Simon Schama

„Natur“ denken ist immer schon Kultur

Wir können Natur nicht unabhängig von unseren kulturgeprägten Augen wahrnehmen, das zeigt Schama in „Landscape and Memory“. Schama stellt in seinem Buch Zusammenhänge her zwischen Landschaften, deren Historie und menschlichen Ambitionen. Beschreibt, wie Landschaften Geschichten hervorrufen, wie aus Erinnerungen Landschaften werden, wie die Landschaft die menschlichen Erlebnisse in sich trägt, wie die Landschaft aufgeladen wird mit den Begegnungen der Menschen, die in ihr stattfanden. Die New York Times kommentierte das Erscheinen von „Landscape and Memory“ 1995 so:

„In his eye-opening new book, „Landscape and Memory,“ Simon Schama journeys through „the garden of the Western landscape imagination“ while exploring the topography of cultural identity. A transplanted Englishman now rooted in American soil, Mr. Schama lives with his wife and their two children 20 miles north of New York in a house overlooking the Hudson River. Having grown up in London, he also has an affinity for cities. (…) „Landscape and Memory“ began, he said, with a desire to probe „the painful relationship between German history and ecology,“ the fact that the Nazi regime could have been so conscientious about protecting the forest primeval.“

Bildergebnis für Landscape and Memory. Simon Schama

Ich habe das Buch zum zweiten Mal gelesen. Hierfür habe ich viele Wochen benötigt, immer wieder lange Pausen dazwischen. Und ja, ich habe es genossen.

Wald, Berge, Wasser als Protagonisten von “Landscape and Memory”

Simon Schama schreibt in diesem Buch, wie ein großartiger Erzähler Geschichten zu erzählen weiß, um seine Zuhörer in den Bann zu ziehen. Das Buch wie eine Geschichte aus Tausend-und-einer-Nacht. Unterhaltsam, spannend, nie gedachte Bezüge werden nachgezogen, nicht gewusste, abwegige, doch interessante Details ausgebreitet. In großen erzählerischen sowie historischen Bögen lässt Schama seine Leserinnen und Leser eintauchen in die übergreifenden Themen Wald, Berge, Wasser. Im letzten Kapitel bringt er alle drei Themenbereiche zusammen am Beispiel der britischen Landschaftsgärten und ihrer Herrenhäuser.

Nach Lesen dieses wunderbaren und gewaltigen Buchs hat man verstanden, warum die Päpste Obelisken aus dem alten Ägypten in Rom errichten ließen. Oder warum Fürsten sich um die Wasserversorgung kümmerten. Oder warum es den Mount Rushmore gibt, aber nur vier Männer im Stein, keine einzige Frau.

Sir Simon Schama, geboren 1945 in London, ist ein britischer Historiker. Er stammt aus einer Familie osteuropäischer jüdischer Immigranten. Er studierte Geschichte in Cambridge und war dort am Christ College von 1966 bis 1976 Fellow.

Zu guter Letzt eignet sich „Landscape and Memory“ aufgrund seines Gewichts auch als Wurfgeschoß gegen Einbrecher. Das Buch ist gewaltig und gewichtig, es hat 580 engbedruckte Seiten. Unbedingt eine Empfehlung. In deutscher Übersetzung lautet der Titel „Der Traum von der Wildnis“.

Der Traum von der Wildnis

Alexander McQueen – Savage Beauty. Andrew Bolton

Alexander McQueen Savage Beauty herausgegeben von Andrew Bolton ist der Ausstellungskatalog zur gleichnamigen Ausstellung von 2011, eröffnet weniger als ein und ein halbes Jahr nach McQueens Freitod. Diese Ausstellung war die zur damaligen Zeit meistbesuchte Mode-Ausstellung des New Yorker Metropolitan Museums. Kurator der Ausstellung, Andrew Bolton, gelang es, sich durch „Savage Beauty“ einen internationalen Namen als Mode-Kurator zu machen.

Mode als Kunst

Der Ausstellungskatalog thematisiert die Frage, wodurch Mode eine Berechtigung erhalten kann,  als „Kunst“ zu gelten.

Dementsprechend ordnen die Texte Kollektionen McQueens in den Kontext der Kunstgeschichte ein: Sie beleuchten die Quellen und die ästhetische Wirkung. Hierdurch arbeiten sie den Schönheitsbegriff McQueen heraus. Alle Texte von „Savage Beauty“ sind anspruchsvoll und sehr lesenswert. Herausragend sind hierbei das Vorwort von Andrew Bolton und die Einführung von Susannah Frankel. Beide Texte gehören zum intelletuell Anspruchsvollsten, was ich über McQueen bisher gelesen habe. Eine gute Ergänzung stellt das Interview von Tim Blanks mit Sarah Burton dar. Burton beschreibt hierin detailliert die Arbeitsweise McQueens, für deren Umsetzung sie mit verantwortlich war.

„The concept of the Sublime underlies the premise of the exhibition „Alexander McQueen Savge Beauty“, which explores McQueen´s profound engagement with Romanticism. For McQueen, the Sublime provided a connection between Romanticism and Postmodernism, principally expressed through the spectacle of his runway presentations and their aspirations to a heightened, unrestrained emotionalism“, so Bolton.

Keine Models sondern Puppen

Alle Fotos zeigen Designer-Stücke auf Puppen. Diese Darstellungsform wirkt zunächst verfremdend. Andererseits steht nicht das Spektakel einer Kollektion im Vordergrund; nichts lenkt mehr ab vom designten Kleidungsstück. Auf diese Weise werden die auch subtilen Varianten mehrere schwarzer Kleidungsstücke besser wahrnehmnbar und können in ihren Details gewürdigt werden. Ein kluges und anspruchsvolles Buch.

Weiter Bücher zu Alexander McQueen

 

Alexander McQueen Evolution. Katherine Gleason

„Alexander McQueen Evolution“ von Katherine Gleason ist ein großformatiger, wertig aufgemachter Band zu Alexander McQueen. Jede Kollektion wird darin beschrieben, wobei „beschrieben“ schon das passende Wort ist. Texte sind deskriptiv, erzählen, was passiert ist, welche Menschen sich wo gedrängt haben und welche einflussreiche Person was über die Kollektion gesagt hat.

Alexander McQueen: Evolution

Das Wichtigste zu den Kollektionen kurz und knapp

Auf der Rückseite des Umschlags stehen chronologisch aufgelistet alle Shows mit Titel und Datum. Dies ist auch die Gliederung des Inhalts. Pro Show drei bis sechs Seiten. Im Text dann immer: Preise oder andere biografische Eckpunkte, Art der Location, Inspirationsquellen von McQueen für die Show, Musik und Bühnendeko, Kleidungsstücke, Reaktionen des Publikum, Reaktionen der Modepresse.

Bildergebnis für „Alexander McQueen Evolution“ von Katherine Gleason

Fand ich auch interessant, aber auf Dauer ermüdend, da das Stickmuster immer gleich blieb. Am anregendsten sind aus meiner Sicht die vielen ausgezeichneten Fotos, die nicht identisch sind mit den Bilder aus „Alexander McQueen“.

Bildergebnis für „Alexander McQueen Evolution“ von Katherine Gleason

Fazit: „Alexander McQueen Evolution“ ist ein gutes Nachschlagewerk auf die Schnelle und ein gutes Blätter-Buch.

Weitere Bücher zum Thema

Alexander McQueen

Modeindustrie Galliano und McQueen

Thema Mode

Das Land, wo die Zitronen blühen. Helena Attlee

Das Land, wo die Zitronen blühen – ein Goethe-Zitat als Titel. Aber dennoch: Dieses Buch gibt es nur in englischer Sprache. So heißt es also „The land where lemons grow“, geschrieben von Helena Attlee, erschienen 2014.
Früchte, Blüten und Blätter der Orange (Citrus ×sinensis)

Das ideale Buch für die vergangenen Tage in Deutschland mit Temperaturen um die 40°C. Ein Zitronensorbet dazu – oder auch nur eisgekühltes Wasser mit Zitronen- und Orangenscheiben darin – dann noch ein Liegestuhl im Schatten – schon kann’s losgehen.
Zitrusvielfalt – Zitruseinheit – Zitrustage

Helena Attlee ist im englischsprachigen Raum als Spezialistin für Gärten bekannt. Gärten in der Provence, in Japan, in England, in Wales: Hierzu gibt es jeweils ein einschlägiges Buch. Und natürlich auch über Gärten in Italien in gleich mehreren verschiedenen Büchern.
LITERARY FESTIVAL: Helena Attlee - Northcote | Luxury Hotel and ...

„Das Land, wo die Zitronen blühen“ fällt dabei etwas aus dem Rahmen. Zwar geht es natürlich auch um Gärten, denn dort wachsen die entsprechenden Zitrusbäume. Viel mehr geht es aber um Botanik, Kulturgeschichte, Olfaktorik. Außerdem ums Reisen in Italien. Und ganz besonders um Küche. Abgerundet mit etwas Geschichte: politisch, medizinisch, kriminologisch, sprachlich. Einem Hauch Literatur. Und einer Prise Autobiographie.
Citron | Leonardi, Vincenzo | V&A Search the Collections

Alles aufs angenehmste durchmischt. Kein Aspekt wird zuviel (ganz sicher nicht zu viel: die Illustrationen – keine einzige!!!! bei diesem Thema!!!! das gleichen wir in diesem Blog mal schnell aus!!!!!). Die Autorin gönnt sich den Luxus, eine klare Struktur zu haben und ihr nicht zu folgen. Ein Buch also erfrischend ohne jede Pedanterie. Eher spielerisch. Jedenfalls genießend. Immer mit dem Duft von Zitrusblüten.
Bergamot - MasterLin

Jetzt weiß ich, was es mit Bergamotte auf sich hat. Mir ist vertraut, wie ein Campari Orange richtig auf italienisch heißt und warum dieses Getränk einen doppelten Bezug zu Zitrusfrüchten hat. Ich könnte (theoretisch) Zitronat herstellen. Ich weiß Bescheid über die Ursprünge der Mafia auf Sizilien. Ich kenne mich mit Chinotto aus. Ich kann erklären, warum welche Zitrusfrucht für das jüdische Sukkothfest verwendet wird und welche Konsequenzen das für ihre Ernte hat. Mir ist bekannt, wo die besten handgemachten Zitrusmarmeladen hergestellt werden. Ich kann erklären, warum die Äpfel der Hesperiden gar keine Äpfel waren. Und mir ist nicht verborgen, dass all die vielen Zitruspflanzen nicht aus Europa stammen, sondern aus Asien.
Chinotto Sparkling Soda Bottles by Niasca Portofino (pack of 4 ...

Ein anregendes Buch also, mit Vergnügen zu lesen. Und danach: ab nach Italien!
wo die Zitronen blühen? - Goethe | werbung | Reiseposter, Italien ...

H wie Habicht. Helen MacDonald

Die Bestseller und der Blogger

Die Verlage tun einiges, um dieses Buch – „H wie Habicht“ von Helen Macdonald – ramschig zu machen. Die englische Ausgabe prahlt mit „Costa Book of the Year“ auf dem Cover (Costa ist eine britische Coffee-To-Go-Kette). Die deutsche hält da mit: „Spiegel-Bestseller“, werden wir informiert. Für Leser wie mich, bei denen Bestsellerlisten ein skeptisches Lächeln im Gesicht auslösen, ist das natürlich nichts.
Falconer and Author Helen Macdonald on Dialogue - YouTube

Gekauft und gelesen habe ich es aber dann doch, allerdings erst, als es nicht mehr auf den Bestsellerlisten war (und obendrein gebraucht – reduziert das finanzielle Risiko, ein Buch gekauft zu haben, das mir dann wie erwartet nicht gefällt…). Gereizt hat mich das Thema: Mensch schafft sich einen Habicht an, richtet ihn zur Jagd ab und lernt sich dadurch selber besser kennen. Und die Kombination mit dem Bestsellertum: Wie kann so etwas in den Mainstream gelangen?

Helen Macdonald: Schreiberin von Naturthemen

Helen Macdonald, Jahrgang 1970, ist Wissenschaftshistorikerin an der Universität Cambridge und schreibt offensichtlich gerne über Naturthemen, insbesondere Greifvögel. Vor ihrem Habichtbuch, erschienen 2014, hat sie bereits eines über Falken geschrieben.
Helen Macdonald on What Falconry Can Teach Us About Our ...

„H wie Habicht“ ist, wie ich finde, ein sehr seltsames und äußerst bemerkenswertes Buch.

Autobiographie und Biographie und Kulturgeschichte und Ornithologie und….

  • Es ist ganz offensichtlich autobiographisch: Es geht um die Autorin selbst in dem Jahr nach dem Tod ihres Vaters, der eine große Rolle in ihrem Leben gespielt hat. Zusätzlich ist es auch fremd-biographisch: In diese Autobiographie eingewoben ist die Lebengeschichte von T.H. White, der heute am meisten  durch seine Bücher über die Artussage bekannt ist, ebenfalls einen Habicht abrichtete und darüber auch ein Buch geschrieben hat, welches Macdonald schon in jungen Jahren erstmalig las. White wird von Macdonald als psychisch schwer angeschlagen, fast pathologisch geschildert, eine weitere Parallele zu ihrer eigenen Verfassung nach dem Tod ihres Vaters. Beide werden außerdem  grundsätzlich als Menschen beschrieben, die eher für sich sind, keine Herdentiere.
  • Ornithologisch ist das Buch: Man erfährt viel über Habichte. Und kulturgeschichtlich , denn man lernt auch eine Menge über Falknerei in der Geschichte und in verschiedenen Kulturkreisen.

Die Autorin und der Habicht: eine gelungene Koexistenz

  • Das Buch kommt mit wenig aus. Zwei Hauptpersonen: Macdonald und White. Jeweils dazu: ein Habicht. Andere Menschen tauchen auf, aber immer nur vorübergehend, unwesentlich, Statisten. Auch der Plot ist einfachst: Vater gestorben – jungen Habicht gekauft und abgerichtet – gemeinsame Jagderlebnisse – vorübergehende Abgabe des Habichts zur Mauser.
  • Macdonald entgeht jeglicher Gefahr, den Habicht zu vermenschlichen. Ja, er (genauer: sie, mit Namen Mabel) ist ihr Gegenüber, ihre Partnerin in diesem Buch. Aber der Habicht ist eine Persönlichkeit für sich, definitiv kein Mensch, ganz anders, ganz Habicht. Diesen Greifvogel für sich zu lassen, ihn nicht zu vereinnahmen, ist vielleicht die größte Leistung von Macdonald in diesem Buch.

Schwebende Intensität

  • Getragen wird alles durch die Intensität, mit der Macdonald schreibt. Alles ist sehr real, unmittelbar. Man sieht den Habicht quasi vor sich, spürt sein Gewicht, seine Kraft, sieht seine Augen, seinen Schnabel, seine Klauen. Ebenso real sind erstaunlicherweise die Gedanken von Macdonald, ihre Gefühle, ihr Verhältnis zum Habicht, ihr Nachdenken über sich, das Leben, die Umwelt, ihren Vater.
  • So real dies alles ist, so schwebend, so atmosphärisch bleibt es gleichzeitig. Alles ist wie in einem Morgennebel im Herbst im Fenland um Cambridge, wenn man mit sich und seinem Habicht allein ist, es riecht nach Holzfeuer und feuchtem Laub.

Ach so, fast vergessen, Empfehlung natürlich. Ist doch klar. Sonst hätte das Buch doch nicht den Samuel-Johnson-Preis gewonnen.

How to Train Your Raptor | The New Yorker