Big sister, little sister, red sister. Jung Chang

Gerade vor wenigen Tagen habe ich ein schon ein Buch von Jung Chang besprochen, ihre Biographie über die chinesische Kaiserinwitwe Cixi. Als ich damit fertig war, sah ich, dass gerade ein neues Buch von Chang erschienen ist. Die Mehrfachbiographie zur Übergangszeit zwischen Qing-Dynastie und kommunistischer Regierung in China hat drei Schwestern der Familie Song, die Song-Schwestern, zum Thema.

Song Ailing, die älteste der Song-Schwestern, wurde zu einer der reichsten Frauen Chinas. Song Qingling, die mittlere Schwester (im Buchtitel die rote Schwester, da Kommunistin), heiratete Sun Yatsen und wurde später unter Mao Vizepräsidentin Chinas. Song Meiling, die jüngste, heiratete Chiang Kaishek und wurde dadurch ebenfalls zu einer First Lady in China. Alle kamen also groß heraus – und alle standen politisch weit voneinander entfernt.

Eingewoben in diese Dreier-Biographie der Song-Schwestern sind noch zwei weitere: über Sun Yatsen und über Chiang Kaishek. Mao wäre wahrscheinlich noch dazu gekommen, aber über den hat Chang gemeinsam mit ihrem Ehemann schon eine separate Biographie geschrieben. Der Gatte der ältesten Schwester dagegen bot offensichtlich nicht genügend Stoff, um ihm deutlich mehr Aufmerksamkeit zu widmen.

Auch in diesem Buch gelingt es Chang, ihre Leser (und Leserinnen) zu fesseln. Sie schreibt unverändert flott, spannend und einfach. Der Gefahr, sich in den Wirren der Zeit und in den sehr unterschiedlichen Charakteren zu verheddern und den Überblick zu verlieren, entgeht sie souverän: Das Buch ist sehr gut und geschickt strukturiert.

Wie schon in der Biographie über Cixi war ich erstaunt, wie wenig ich tatsächlich über diese Zeit wusste und wie stark meine Meinungen durch Meinungsmache (nicht nur seitens Chinas) beeinflusst waren. Allein schon dafür, hier etliches gerade oder zumindest in ein anderes Licht zu rücken, gebührt Chang viel Dank.

Trotz all dieser positiven Aspekte war ich beim Lesen immer wieder etwas genervt und unzufrieden.

  • Mich hat gestört, dass Chang mit mehr als einem Hauch von Selbstzufriedenheit immer wieder auf ihre eigene Biographie über Mao verweist.
  • Und ich hatte den Eindruck, dass Chang gelegentlich einem Hang zu Klischees erliegt, dass sie eine Neigung dazu hat, ihre Hauptpersonen zu stilisieren. Ich bin mir zum Beispiel sicher, dass sie Sun Yatsen nicht schätzt – aber weiß nicht, ob er wirklich so ausschließlich egoistisch und opportunistisch war, wie sie ihn darstellt. Auch ist mir nicht klar, ob Chang die Meinung hat, Frauen sind nur als Mütter glücklich, und so den Kummer der Kinderlosigkeit in die mittlere und jüngste Schwester hineininterpretiert – oder ob dieser Kummer tatsächlich durch Quellen belegbar ist. Jedenfalls zwischenmenschelt es in diesem Buch überraschend häufig.
  • Außerdem erzählt Chang so, als ob es praktisch keine Zweifel gäbe. So, wie sie es erzählt, muss es gewesen sein. Für sie ist die Quellenlage immer eindeutig. Und das stimmt einen ein wenig skeptisch.

Dennoch, in Summe einen lohnendes und spannendes Buch. Aber vielleicht sollte man auch noch einen anderen Autoren zum Vergleich lesen.

Kaiserinwitwe Cixi. Jung Chang

Dieses Buch über Cixi, die letzte Herrscherin Chinas vor dem Ende des Kaiserreichs und dem Beginn des Kommunismus, habe ich mit großer Überraschung und viel Vergnügen gelesen.

Meine Erwartung war bereits recht hoch. Hatte ich doch früher schon ein anderes Buch der Autorin, „Wilde Schwäne, Die Frauen meiner Familie“, gelesen, ebenfalls eine Biographie, jedoch in diesem Fall über ihre eigene Familie. Damals fand ich, dass Jung Chang sehr informativ, einfühlsam und flott schreibt, und mir vorgenommen, bei Gelegenheit ein weiteres ihrer Bücher zu lesen.

Das Buch über Cixi, erschienen in englischer Sprache im Jahr 2013 (die deutsche Übersetzung folgte bereits 2014), beschäftigt sich mit einer Frau, die für mich bisher eher negativ besetzt war, die – wie ich dachte  und andernorts gelesen hatte – viel mit dem Scheitern zu tun hatte: Unter ihr ging es richtig bergab mit dem chinesischen Kaiserreich, intrigant, brutal und rücksichtslos, der Tradition verhaftet, eine Feindin jeglicher Modernisierung. Ein echtes Anti-Vorbild. Auch der aktuelle Wikipedia-Beitrag über die Qing-Dynastie widerspricht hier nicht….
Diese Sperrigkeit wurde vielleicht noch verstärkt, da Cixi auf praktisch keinem ihrer Fotos lächelt, und durch ihren Namen, bei dem man in Deutschland nicht so genau weiß, ob „Zicksi“ (?) oder „Kicksi“ (?)  ein schlechter Scherz sein soll oder ernst gemeint ist. Man redet mal besser nicht über sie, bevor man den Namen eventuell falsch ausspricht.

Nach dem Lesen dieses Buchs ist mein Bild Cixis deutlich anders. Nicht erfahren habe ich darin, dass die richtige Aussprache ihres Namens eine andere ist: 慈禧 spricht sich „zöchi“ aus, die erste Silbe mit der Stimme nach oben, die zweite erst tief, dann nach oben gezogen. Klingt ganz interessant. Die beiden Silben ihres Namens bedeuten „barmherzig, freundlich“ und „Glück“ – das wiederum steht auch im Buch.

Sehr überrascht war ich davon, dass Cixi – geboren 1835, gestorben 1908 – tatsächlich sehr viel dafür getan hat, China zu modernisieren. Sie hat vorangetrieben, dass Elektrizität, die Eisenbahn, Telegraphen und andere Erfindungen nach China kamen. Einige der unerfreulichsten körperlichen Strafen wurden von ihr abgeschafft und auch das Binden der Füße bei Frauen beendet. Sie war politisch sehr gewieft, obwohl sie als Frau de iure nicht regieren durfte. Meinungs- und Pressefreiheit wurden von ihr unterstützt und gefördert. Sogar die Umwandlung des Kaiserreichs in eine konstitutionelle Monarchie mit recht weitgehendem Wahlrecht hat sie auf den Weg gebracht – allerdings kam dann ihr Tod und anschließend die chinesische Republik dazwischen.
Eine Heilige war sie damit trotzdem nicht. Sie beging eine Reihe von fatalen Fehlern während des Boxeraufstands. Auch hat sie schon das eine oder andere Leben auf der Gewissen. Sicherlich aber viel weniger, als sonst damals bei Kaisers üblich (auch zum Beispiel bei deutschen Kaisers, die in China nicht gerade zur Imagepflege unterwegs waren….).

Eine sehr beeindruckende und auch sehr faszinierende Persönlichkeit also. Leider teilte sie lange das Schicksal vieler einflußreicher Frauen. Bereits zu Lebzeiten wollte man ihr viel Übles nachsagen, nicht nur in China. Und für die Chefs der chinesischen Republik und anschließend der heutigen Volksrepublik China musste sie als Feindbild herhalten und wurde nach Kräften schlecht gemacht.

Jung Chang hat sich die Mühe gemacht, umfangreiche Quellenforschung zu betreiben und dieses Bild gerade zu rücken. Das ist ihr gelungen, auch wenn  einige andere Forscher (weniger: Forscherinnen) ihren Schlussfolgerungen widersprechen. Und außerdem hat sie eine sehr vielschichtige, spannende und faszinierende Biographie über eine der einflußreichsten Persönlichkeiten Chinas geschrieben.

Wer mehr über China lesen möchte, kann auch hier schauen.

Abraham trifft Ibrahîm: Streifzüge durch Bibel und Koran, Sibylle Lewitscharoff und Najem Wali

Um es vorweg zu nehmen: Dass ich dieses Buch gelesen habe, war ein Fehler meinerseits.

Eigentlich war ich auf der Suche nach vielversprechenden Neuerscheinungen. Dafür war ich in ein Buchgeschäft gegangen. Und richtig: Es gab eine eigene Auslage mit Neuerscheinungen! Ich habe mich in Ruhe umgeschaut, in diverse Bücher hineingelesen. Meine Wahl: Abraham und Ibrahîm.

Warum gerade dieses Buch? Von Sibylle Lewitscharoff hatte ich zwar noch nichts gelesen, aber Gutes gehört. Immerhin hat sie 2013 den Büchnerpreis erhalten. Außerdem – dachte ich – schadet es bestimmt nicht, etwas mehr über den Koran zu wissen. Mitreden kann man zwar immer. Aber das fundiert zu tun, schien mir der überlegene Ansatz. Auch war der Einband nicht abschreckend, sondern machte einen gebildeten Eindruck. Genau das Richtige für mich.

Zwischenzeitlich habe ich das Buch gelesen und weiß, was ich falsch gemacht habe. Nach der Titelseite gibt es ja immer die Seite mit dem Kleingedruckten. Dort hätte ich sehen können, wann das Buch das erste Mal mit einem fröhlichen Schrei das Licht der Buchläden gesehen hat. 2018 steht da. Sogar im Frühjahr. Neuerscheinung also natürlich schon, aber nicht des Jahres 2019, dumm gelaufen…. Zumindest kann man dem Buchladen, in dem ich es gekauft habe, nicht nachsagen, allzu schnell den neuesten Trends hinterher zu hecheln und die Neuauflagen-Auslage zu aktualisieren. Hoffentlich lagen Abraham und Ibrahîm da nicht noch, weil sie keiner kaufen wollte….

Soviel zu meinem Geständnis.

Jetzt zum Buch. Und das ist tatsächlich ganz interessant.

Worum es nicht geht?
Eine allumfassende Darstellung von Koran und Bibel. Oder um eine theologisch tiefkompetente Analyse.

Statt dessen:
Ein Vergleich der Darstellung gemeinsamer Personen in diesen beiden heiligen Schriften, insgesamt neun. Und zwar: Eva/Hawwâ – Abraham/Ibrahîm – Moses/Mûsa – Lot/Lût – Hiob/Ayyûb – Jona/Yûnus – König Salomo/Sailamân – Maria/Maryam – Der Teufel/Schaitan oder Iblîs.

Offensichtlich und vielleicht überraschend nicht dabei: Jesus/Îsa bin Maryam.

Najem Wali, ein in Deutschland lebender irakischer Schriftsteller, stellt den Koranpart jeweils sehr sorgfältig und nah am Text vor. Er geht – vielleicht zurecht – davon aus, dass die Leserinnen und Leser mit dem Koran weniger vertraut sind. Auch arbeitet er jeweils die Unterschiede zur Bibel, die ja einige Jahrhunderte älter ist als der Koran, am sorgfältigsten heraus. Wali ist auch verantwortlich für die Einleitung, die allein schon lesenswert ist, weil sie auf angenehm klare und undogmatische Art und Weise grundlegende Kenntnisse zum Koran vermittelt. Man könnte sagen, Wali stellt den Koran vor.

Sibylle Lewitscharoff macht das anders. Sie setzt eine gewisse Bibelkenntnis voraus und schreibt viel freier, viel essayistischer, viel literarischer. Man könnte sagen, Lewitscharoff stellt ihre Schreibkunst anhand biblischer Themen vor.

Das macht das Buch abwechslungsreich und gut lesbar.

Zwei Beispiele. Von Wali aus der Einleitung:

„Dem Koran zufolge gab es, von Âdam bis Muhammad, insgesamt fünfundzwanzig Propheten (arabisch: Anbîya, Singular: Nabi). Manche von ihnen werden auch als Rasûl (‚Gesandter‘) betitelt (…). Folgen wir der Argumentation, dass ein Prophet bei einer bestimmten Gruppe von Menschen eine göttliche Mission erfüllt, während die Aufgabe der Gesandten weiter reicht – er soll die gesamte Menschheit zur Umkehr bewegen -, kommen wir auf fünf Gesandte. (…) Jeder Gesandte ist also zugleich auch Prophet, umgekehrt gilt dies jedoch nicht.“

Von Lewitscharoff aus Abraham:

„Was für eine Koinzidenz – man höre und staune! Als im Winter des Jahres 1841 Sören Kierkegaard ‚Furcht und Zittern‘ schrieb, hatte er einige schlaflose Nächte. Genauer gesagt waren es von brüchigem Schlaf durhsetzte Nächte, in deren Löchern Unruhe, Schweißausbrüche, Verzweiflung, Kopfschmerz (auch Magendrücken) sich meldeten und ihn im Bett von der einen auf die andere Seite warfen. Schier endlos ging das hin und wieder her, von rechts nach links, von links nach rechts.“

Ich denke, der Unterschied in der Schreib- und Herangehensweise wird klar.

Noch einige Worte zu den Unterschieden zwischen Koran und Bibel. Viele Geschichten in der Bibel haben einen ausgeprägten Sinn für ungelöste Konflikte. Diese werden im Koran oft aufgelöst: Gott hatte nie den Plan, dass Abraham seinen Sohn opfert. Hiob verzweifelt nicht an Gott , sondern ist vorbildlich geduldig. Maria hatte nie einen Ehemann. Jesus ist nicht am Kreuz gestorben.

Um all dies zu erfahren, gibt es zwei Möglichkeiten: (noch einmal?) die Bibel und (erstmals?) den Koran lesen – oder dieses Buch.

Wie gesagt:
Es ist zugänglich, weil lesbar. Und lesenswert, weil wissenswert.

Das unvollendete Bildnis. Agatha Christie

Der deutsche Titel ist wieder so na ja. Im englischen Original von 1942 heißt dieser Krimi von Agatha Christie „Five little pigs“. Er bezieht sich auf einen Kinderabzählreim, bei dem die Fußzehen durchgezählt werden:
„This little piggy went to market.
This little piggy stayed at home.
This little piggy has roast beef,
This little piggy had none.
And this little piggy cried „Wee! Wee! Wee!“ all the way home.“

Damit ist klar, dass es – neben dem Detektiv, in diesem Buch Hercule Poirot – fünf Hauptpersonen gibt, pro Schweinchen eine.

„Five little pigs“ ist formal ausgesprochen eigenwillig. Es wird dauernd dasselbe erzählt: Der Mord an dem Maler Amyas Crale mit allem, was davor und unmittelbar danach passierte. Jede Hauptperson schildert Poirot zunächst mündlich, dann auch schriftlich die eigenen Erinnerungen und Eindrücke. Macht schon 10mal dasselbe. Außerdem erzählen noch mehrere am Prozess gegen die Ehefrau von Crale beteiligte Personen – sie wurde verurteilt – ihre Interpretation. Damit ist mehr als ein Dutzend voll. Und ganz zum Schluss kommt noch die Erzählung von Poirot mit der Auflösung.

Ein Patentrezept für Langeweile also – und doch ist dieser Krimi ganz ausgesprochen fesselnd.

  • Die Psychologie aller handelnden Personen wird subtil ausgeleuchtet – vielleicht finden sich in diesem Krimi die best-gezeichneten Charaktere von Agatha Christie.
  • Und da immer dasselbe erzählt wird, mit feinen Unterschieden, kann man aufs beste nach Hinweisen suchen, wer der Mörder sein könnte. Poirot weiß zu jedem Zeitpunkt genau dasselbe wie die Leser. Es wird nicht geschummelt.

Der Krimi ist also exzellent. Dasselbe gilt übrigens für die bisher einzige Verfilmung mit David Suchet als Poirot, die sich erfreulich eng an die Vorlage hält.

Agatha Christie gehört in diesem Blog zu den meist-rezensierten Krimi-Autorinnen und -Autoren. Über die Suchfunktion kommt man gut zu ihren anderen Krimis. Aber auch über diesen Link findet man mehr.

Das Land, wo die Zitronen blühen. Helena Attlee

Das Land, wo die Zitronen blühen – ein Goethe-Zitat als Titel. Aber dennoch: Dieses Buch gibt es nur in englischer Sprache. So heißt es also „The land where lemons grow“, geschrieben von Helena Attlee, erschienen 2014.
Früchte, Blüten und Blätter der Orange (Citrus ×sinensis)

Das ideale Buch für die vergangenen Tage in Deutschland mit Temperaturen um die 40°C. Ein Zitronensorbet dazu – oder auch nur eisgekühltes Wasser mit Zitronen- und Orangenscheiben darin – dann noch ein Liegestuhl im Schatten – schon kann’s losgehen.
Zitrusvielfalt – Zitruseinheit – Zitrustage

Helena Attlee ist im englischsprachigen Raum als Spezialistin für Gärten bekannt. Gärten in der Provence, in Japan, in England, in Wales: Hierzu gibt es jeweils ein einschlägiges Buch. Und natürlich auch über Gärten in Italien in gleich mehreren verschiedenen Büchern.
LITERARY FESTIVAL: Helena Attlee - Northcote | Luxury Hotel and ...

„Das Land, wo die Zitronen blühen“ fällt dabei etwas aus dem Rahmen. Zwar geht es natürlich auch um Gärten, denn dort wachsen die entsprechenden Zitrusbäume. Viel mehr geht es aber um Botanik, Kulturgeschichte, Olfaktorik. Außerdem ums Reisen in Italien. Und ganz besonders um Küche. Abgerundet mit etwas Geschichte: politisch, medizinisch, kriminologisch, sprachlich. Einem Hauch Literatur. Und einer Prise Autobiographie.
Citron | Leonardi, Vincenzo | V&A Search the Collections

Alles aufs angenehmste durchmischt. Kein Aspekt wird zuviel (ganz sicher nicht zu viel: die Illustrationen – keine einzige!!!! bei diesem Thema!!!! das gleichen wir in diesem Blog mal schnell aus!!!!!). Die Autorin gönnt sich den Luxus, eine klare Struktur zu haben und ihr nicht zu folgen. Ein Buch also erfrischend ohne jede Pedanterie. Eher spielerisch. Jedenfalls genießend. Immer mit dem Duft von Zitrusblüten.
Bergamot - MasterLin

Jetzt weiß ich, was es mit Bergamotte auf sich hat. Mir ist vertraut, wie ein Campari Orange richtig auf italienisch heißt und warum dieses Getränk einen doppelten Bezug zu Zitrusfrüchten hat. Ich könnte (theoretisch) Zitronat herstellen. Ich weiß Bescheid über die Ursprünge der Mafia auf Sizilien. Ich kenne mich mit Chinotto aus. Ich kann erklären, warum welche Zitrusfrucht für das jüdische Sukkothfest verwendet wird und welche Konsequenzen das für ihre Ernte hat. Mir ist bekannt, wo die besten handgemachten Zitrusmarmeladen hergestellt werden. Ich kann erklären, warum die Äpfel der Hesperiden gar keine Äpfel waren. Und mir ist nicht verborgen, dass all die vielen Zitruspflanzen nicht aus Europa stammen, sondern aus Asien.
Chinotto Sparkling Soda Bottles by Niasca Portofino (pack of 4 ...

Ein anregendes Buch also, mit Vergnügen zu lesen. Und danach: ab nach Italien!
wo die Zitronen blühen? - Goethe | werbung | Reiseposter, Italien ...

H wie Habicht. Helen MacDonald

Die Bestseller und der Blogger

Die Verlage tun einiges, um dieses Buch – „H wie Habicht“ von Helen Macdonald – ramschig zu machen. Die englische Ausgabe prahlt mit „Costa Book of the Year“ auf dem Cover (Costa ist eine britische Coffee-To-Go-Kette). Die deutsche hält da mit: „Spiegel-Bestseller“, werden wir informiert. Für Leser wie mich, bei denen Bestsellerlisten ein skeptisches Lächeln im Gesicht auslösen, ist das natürlich nichts.
Falconer and Author Helen Macdonald on Dialogue - YouTube

Gekauft und gelesen habe ich es aber dann doch, allerdings erst, als es nicht mehr auf den Bestsellerlisten war (und obendrein gebraucht – reduziert das finanzielle Risiko, ein Buch gekauft zu haben, das mir dann wie erwartet nicht gefällt…). Gereizt hat mich das Thema: Mensch schafft sich einen Habicht an, richtet ihn zur Jagd ab und lernt sich dadurch selber besser kennen. Und die Kombination mit dem Bestsellertum: Wie kann so etwas in den Mainstream gelangen?

Helen Macdonald: Schreiberin von Naturthemen

Helen Macdonald, Jahrgang 1970, ist Wissenschaftshistorikerin an der Universität Cambridge und schreibt offensichtlich gerne über Naturthemen, insbesondere Greifvögel. Vor ihrem Habichtbuch, erschienen 2014, hat sie bereits eines über Falken geschrieben.
Helen Macdonald on What Falconry Can Teach Us About Our ...

„H wie Habicht“ ist, wie ich finde, ein sehr seltsames und äußerst bemerkenswertes Buch.

Autobiographie und Biographie und Kulturgeschichte und Ornithologie und….

  • Es ist ganz offensichtlich autobiographisch: Es geht um die Autorin selbst in dem Jahr nach dem Tod ihres Vaters, der eine große Rolle in ihrem Leben gespielt hat. Zusätzlich ist es auch fremd-biographisch: In diese Autobiographie eingewoben ist die Lebengeschichte von T.H. White, der heute am meisten  durch seine Bücher über die Artussage bekannt ist, ebenfalls einen Habicht abrichtete und darüber auch ein Buch geschrieben hat, welches Macdonald schon in jungen Jahren erstmalig las. White wird von Macdonald als psychisch schwer angeschlagen, fast pathologisch geschildert, eine weitere Parallele zu ihrer eigenen Verfassung nach dem Tod ihres Vaters. Beide werden außerdem  grundsätzlich als Menschen beschrieben, die eher für sich sind, keine Herdentiere.
  • Ornithologisch ist das Buch: Man erfährt viel über Habichte. Und kulturgeschichtlich , denn man lernt auch eine Menge über Falknerei in der Geschichte und in verschiedenen Kulturkreisen.

Die Autorin und der Habicht: eine gelungene Koexistenz

  • Das Buch kommt mit wenig aus. Zwei Hauptpersonen: Macdonald und White. Jeweils dazu: ein Habicht. Andere Menschen tauchen auf, aber immer nur vorübergehend, unwesentlich, Statisten. Auch der Plot ist einfachst: Vater gestorben – jungen Habicht gekauft und abgerichtet – gemeinsame Jagderlebnisse – vorübergehende Abgabe des Habichts zur Mauser.
  • Macdonald entgeht jeglicher Gefahr, den Habicht zu vermenschlichen. Ja, er (genauer: sie, mit Namen Mabel) ist ihr Gegenüber, ihre Partnerin in diesem Buch. Aber der Habicht ist eine Persönlichkeit für sich, definitiv kein Mensch, ganz anders, ganz Habicht. Diesen Greifvogel für sich zu lassen, ihn nicht zu vereinnahmen, ist vielleicht die größte Leistung von Macdonald in diesem Buch.

Schwebende Intensität

  • Getragen wird alles durch die Intensität, mit der Macdonald schreibt. Alles ist sehr real, unmittelbar. Man sieht den Habicht quasi vor sich, spürt sein Gewicht, seine Kraft, sieht seine Augen, seinen Schnabel, seine Klauen. Ebenso real sind erstaunlicherweise die Gedanken von Macdonald, ihre Gefühle, ihr Verhältnis zum Habicht, ihr Nachdenken über sich, das Leben, die Umwelt, ihren Vater.
  • So real dies alles ist, so schwebend, so atmosphärisch bleibt es gleichzeitig. Alles ist wie in einem Morgennebel im Herbst im Fenland um Cambridge, wenn man mit sich und seinem Habicht allein ist, es riecht nach Holzfeuer und feuchtem Laub.

Ach so, fast vergessen, Empfehlung natürlich. Ist doch klar. Sonst hätte das Buch doch nicht den Samuel-Johnson-Preis gewonnen.

How to Train Your Raptor | The New Yorker

Verlobung in Luzern. Elizabeth von Arnim

„The pastor’s wife“, also: Die Frau Pastor, heißt dieser Roman von Elizabeth von Arnim eigentlich, erschienen 1914. Elizabeth von Arnim ist keine Unbekannte in diesem Blog. Bereits besprochen haben wir: „All the dogs of my life“, „In the mountains“, „The caravaners“, „Love“, „Introduction to Sally“, „The solitary summer“. Auch bei unserer Liste der Bücher des Jahres 2017 war sie mit den Caravaners dabei.
August | 2018 | The Captive Reader

Alle Bücher von Arnims kommen unscheinbar daher. Es passiert nicht viel, auch nicht auf 300 Seiten. Das Personal ist sehr überschaubar, selten mehr, fast immer weniger als eine Handvoll Hauptfiguren. Eher Kammerspiel also als Roman. Große Kunst, die Aufmerksamkeit und Spannung mit so wenig so durchgehend aufrecht zu halten.
April Read: Elizabeth von Arnim | Virago Modern Classics ...

„The pastor’s wife“ ist da keine Ausnahme. Der Inhalt aus der Zusammenfassung der deutschen Übersetzung:
„Empörung im Haus des Bischofs – die wohlbehütete Tochter hat sich verlobt! Mit einem deutschen Pastor! Und dieser erscheint unvermittelt, um seine Verlobte in ihr zukünftiges Zuhause in Kökensee im fernen Ostpreußen zu bringen. Doch die Freuden des Ehelebens werden bald getrübt. Der Pastor spricht seiner jungen Frau von der heiligen Mutterpflicht, er, der es ansonsten mit seinem göttlichen Auftrag nicht sonderlich genau nimmt. Durch die sonntäglichen Predigten fühlt er sich bloß gestört in seiner eigentlichen Arbeit, der Entwicklung neuer Düngemittel. Und Ingeborg – eher wie ein Blatt im Wind wird sie durch ihr eigenes Leben geweht und stößt immer wieder an die harten Mauern der Konvention.“

Elizabeth von Arnim ist immer heiter, ironisch, boshaft. Sie erweckt oft den oberflächlichen Eindruck von heiler Welt und Süßlichkeit, bietet aber das genaue Gegenteil: Glück geht nur trotzdem. Man muss es sich erkämpfen. Die Welt hilft einem zwar nicht, jedenfalls nicht die menschliche. Aber irgendwie geht es doch?

In dieser Hinsicht ist „The pastor’s wife“ graduell verschieden: Der Grundton ist anders. Bitterkeit. Kombiniert mit Auswegloskeit, mit Vergeblichkeit, mit Verzweiflung. Es weht ein kalter Wind in Ostpreußen.
Die Hauptperson, Ingeborg, ist zwar wie bei von Arnim üblich irgendwie unverdrossen, findet immer wieder zum Positiven zurück, trägt viel Heiterkeit und Stärke in sich.
Aber das muss sie auch.
Schreckliche Schwangerschaften, noch schlimmere Geburten. In steter Folge. Niemand, wirklich keiner hilft ihr in diesem Roman. Schon gar nicht die Männer, die so sind, wie sie sind. Auch nicht die Frauen, die das patriarchalische Modell klassisch verstärken. Nicht einmal ihre Kinder, auf die doch sonst in von Arnimschen Romanen Verlass ist. Sogar eine Reise nach Italien, die doch sonst so sicher für Licht und Heiterkeit und Hoffnung sorgt, auch sie hilft nicht. Nichts und niemand, weit und breit.

Und ob die Unverdrossenheit der Heldin das düstere Happy End übersteht?
The Pastor's Wife – Elizabeth von Arnim | The Captive Reader

Alles zerfällt. Chinua Achebe

„Things fall apart“, der erste Roman von Chinua Achebe, erschien 1958. Mit mehr als 60 Jahren Verspätung habe ich ihn jetzt endlich auch gelesen.
On Things Fall Apart and Things Falling Apart: Simon van Schalkwyk ...

Albert Chinualumogu Achebe, *1930 in Nigeria, † 2013 in den USA, gilt als einer der Väter der modernen afrikanischen Literatur – woran auch immer man das festmacht. Jedenfalls war er sehr erfolgreich als Schriftsteller und wurde in mehr als 50 Sprachen übersetzt. Eine Übersetzung ins Englische war dabei nicht erforderlich, da Chinua Achebe bereits auf Englisch schrieb.
Vielleicht hat das dabei geholfen, einer dieser Väter zu werden (Literaturen haben übrigens eigentlich immer nur Väter, sind also ein biologisches Phänomen – oder kennt jemand z.B. eine der Mütter der modernen afrikanischen Literatur?), denn sonst hätte man ihn im Westen eventuell gar nicht oder erst viel später kennengelernt.
Chinua Achebe | The Dorothy & Lillian Gish Prize

Wikipedia fasst „Things fall apart“ zusammen: „Darin erzählt Achebe die Geschichte der nigerianischen Igbo in den 1890er Jahren. Der Bildungsroman schildert in realistischer Erzählweise im ersten Teil Wirtschaft, Kultur, Traditionen, Religion und Geschlechterverhältnisse einer Dorfgemeinschaft. In einem zweiten und dritten Teil werden die Auswirkungen der neuen christlichen und kolonialistischen Einflüsse auf das Dorfleben dargestellt.“

Das klingt ordentlich trocken. Eher wie eine akademische, anthropologische Abhandlung. Oder wie das Werk, das der britische District Commissioner als Krönung seines administrativen Lebenswerks zu schreiben gedenkt, sein Arbeitstitel: „The Pacification of the Primitive Tribes of the Lower Niger“.
„One must be firm in cutting out details.“

Ruhig und unaufgeregt, sachlich und ohne offensichtliche Wertungen, einfach und unprätentiös schreibt Chinua Achebe. Er läßt seinen Lesern Zeit nachzudenken. Sie können zu eigenen Einschätzungen und Wertungen kommen. Zugleich weiß man bereits nach der ersten Seite, dass man das Buch auf jeden Fall zu Ende lesen wird.

Vor der Ankunft der Missionare und Kolonialherren wird das Dorf als  Gemeinschaft geschildert. Es gibt Zusammenhalt, Solidarität, verbindliche gemeinsame Regeln. Wahrlich nicht alles ist einfach – Zwillinge zum Beispiel werden getötet, da sie als unheilvoll gelten -, aber es ist eine tatsächlich funktionierende, gemeinsam getragene Gemeinschaft.
Origin of Igbo tribe in Nigeria ▷ Legit.ng

Diese Basis wird von den christlichen Missionaren und Kolonisatoren untergraben. Der traditionellen Gemeinschaft gelingt es nicht, erfolgreich Widerstand zu leisten. Sie wird letztlich durch ihre eigenen Mechanismen zerstört. Es ist Sache der Götter, sich gegen eine andere, neue Religion zu wehren. Sobald die ersten Dorfbewohner zum Christentum übergetreten sind, kann man die Christen nicht mehr angreifen: Man kämpft nicht gegen Mitglieder der eigenen Familie. Und außerdem bietet die koloniale Zeit mehr Möglichkeiten, zu Wohlstand zu kommen – und Eigennutz war noch immer der Feind von Gemeinschaft.
Igbo People Language, Culture, Tribe, Religion, Women, Food, Masks

Die Hauptfigur des Romans, Okonkwo, der größte Krieger seines Dorfs, wohlhabend und sehr anerkannt in seiner Gemeinschaft, möchte die Kolonisatoren vernichten oder vertreiben, zur Not allein. Er sieht, dass sie die Gemeinschaft und alles, was ihm wichtig ist, zerstören. Als es darauf ankommt, macht sein Dorf aber nicht mit. Und gegen oder ohne seine Gemeinschaft  kann und möchte er dann doch nicht. Okonkwo kämpft nicht, er erhängt sich. Wie seine Gemeinschaft im übertragenen Sinne auch.

Erstaunliche Ironie dabei: Nur die Fremden können ihn abhängen und bestatten – seine Dorfgemeinschaft lässt ihn, der sie retten wollte, auch hier allein. Man braucht die Soldaten des District Commissioners. „It is against our custom. (…) It is an abomination for a man to take his own life. It is an offence against the Earth, and a man who commits it will not be buried by his clansmen. His body is evil, and only strangers may touch it. That is why we ask your people to bring him down, because you are strangers.“

Ein seltsames, fremdes Buch über uns.

Galileo: watcher of the skies. David Wootton

Galileo Galilei: Inquisition, der schiefe Turm von Pisa, vor Newton der Gigant der Naturwissenschaften. Ein tolles Thema.
Die Anfänge der Festigkeitslehre bei Galilei › momentum › Historie

David Wootton: wie es heißt, einer der großen Intellektuellen unserer Zeit, äußerst bewandert in der Geschichte der Naturwissenschaften vom 16. bis 18. Jahrhundert. Eine tolle Kombination.

Leider jedoch schreibt Wootton anscheinend abwechselnd wirklich ausgezeichnete und dann eher mäßige Bücher. Wenn man das weiß, kann man entsprechend auswählen und jedes zweite seiner Bücher weglassen. Wusste ich aber nicht…

Und daher war mein Leseglück mit Wootton recht unbeständig.
„The invention of science: an new history of the scientific revolution“, erschienen 2016, fand ich sehr gut, anregend und überzeugend.  „Power, pleasure and profit: insatiable appetites from Machiavelli to Madison“ dagegen, Erscheinungsjahr 2018, wirkte etwas patchwork-artig aus Vorlesungen zusammengenäht, wenn auch mit wirklich guten einzelnen Highlights. Dann „Bad medicine: doctors doing harm since Hippocrates“, erschienen 2006, wieder in der Genuß-Kategorie.

Woottons Biographie über Galileo Galilei erschien 2010. Das konnte – rückblickend, in Kenntnis der Reihe – natürlich nichts werden.

So war es dann auch. Der Fairness halber muss ich aber auch wieder eingestehen, dass ich das Buch nicht ganz gelesen habe. Vielleicht wäre es noch besser geworden. Allerdings habe ich deutlich mehr als ein Drittel geschafft, also für die mathematisch Bewanderten unter uns (und andere interessieren sich ja wahrscheinlich nicht für Galileo): fast 50%.
Lunar Archives: Galileo's Sidereus Nuncius 3rd Edition

Mein Fazit bis dahin: Kenntnisreich, belesen auf der Habenseite. Besserwisserisch (ich hab’s zuerst entdeckt!), detailverliebt und linienlos, uninspiriert und langweilig beim Soll. Ich bin mit großem Interesse an Galileo gestartet, aber bereits vor seinem Prozess mit der Inquisition etwas schläfrig ausgestiegen.

Schade, denn Galileo war bestimmt eine faszinierende Persönlichkeit. Aber kein Grund zu verzweifeln: Denn wer mehr über ihn wissen möchte, ist bei Wikipedia ganz gut aufgehoben – dort wird Woottons Biographie übrigens nicht erwähnt, auch nicht in der englischen Version. Das hätte mich warnen können….
Galileo's Leaning Tower of Pisa experiment Pisa International ...

A short history of brexit: from brentry to backstop. Kevin O’Rourke

Geschrieben und kommentiert wird viel über den Brexit. Zählt er doch neben der Wahl Donald Trumps zu den überraschendsten und einschneidendsten Ereignissen der letzten Jahre. Und genauso wie bei Trump ist das Ende offen. Zwar kann man auf den Ausgang wetten, rechnen sollte man aber damit, die Wette nicht zu gewinnen.

Die aktuelle Diskussionskultur: eher Meinungsmache

Vieles, was man hört oder liest über den Brexit, bewegt sich auf dem Niveau von Klischees und Parolen. Es wird gewertet, nicht gewürdigt. Brexit in der deutschen Presse geht kaum noch als Einzelbegriff. Statt dessen vermarktet man ihn nur noch komplett im stimmungsmachenden Set als Brexit-Chaos. Britische Politiker sind Witzfiguren, Karikaturen; das britische Parlament ebenfalls eine Lachnummer. Wenn schon das Referendum damals von Populismus und Demagogie geprägt war, danach wurde es nicht besser, auch nicht bei uns.

Seriosität und saubere Analyse ist dagegen das Mittel der Wahl. Wie bei Tacitus, „sine ira et studio“: ohne Tendenziosität, möglichst sachlich und objektiv.

O’Rourke: seriöser Wissenschaftler

Genau das bietet Kevin O’Rourke. Kevin Hjortshøj O’Rourke (nicht erfunden!), Jahrgang 1963, ist Ökonom, Mathematiker, Historiker mit irischem Vater, dänischer Mutter und einem europäischem Lebenslauf. Als Professor und Fellow am All Souls College in Oxford sowie Mitglied der irischen und britischen Akademie der Wissenschaften hat er das Seine getan, um als anerkannter Wissenschaftler ernst genommen zu werden.

Das Buch: viel Aufklärung

Dieses Buch über den Brexit ist in jeder Weise empfehlenswert – sehr gerne schließe ich mich den Rezensenten zum Beispiel der Irish Times oder des Guardian an (habe ich die Rezensionen in deutschen Medien übersehen or don’t we read English hier?).

Einige Aspekte, die mir besonders aufgefallen sind

  • Ich fand frappierend, wie unterschiedlich die Briten und Kontinentaleuropäer der Opfer des ersten Weltkriegs nach 100 Jahren gedenken. In einem Memorandum an David Cameron heißt es: “we must ensure that our commemoration does not give any support to the myth that European integration was the result of the two World Wars”. Édouard Philippe, der französische Premierminister, tat genau das Gegenteil und betonte “a Europe that reminds us of the eternal values that unite us, and the disasters we mourn”. Auch tendieren die Briten dazu, nur ihrer eigenen Toten zu gedenken (die roten Mohnblüten am Revers) – auf dem Kontinent gedenkt man häufiger aller Toten der Weltkriege, gleich welcher Nationalität.
  • Unter den Gründen, die zum Brexit-Votum geführt haben, erwähnt O’Rourke neben anderen als zentral und entscheidend:
    • das Unbehagen Großbritanniens mit ausgeprägten supranationalen Strukturen wie einem EU-Parlament, EU-Kommission ….  (der Commonwealth hat so etwas praktisch nicht; Freihandelsabkommen brauchen das nicht)
    • die Austeritätspolitik der britischen Regierung – für die die EU nichts kann
    • die Einwanderung aus Nicht-EU-Ländern – für die ebenfalls nur die britische Regierung verantwortlich war und ist
    • die Entscheidung von Boris Johnson, sich für den Brexit zu engagieren: O’Rourke vermutet, dass ohne Johnson die Remain-Befürworter gewonnen hätten (mehr über Johnson in diesem Blog über seine Bücher zu London und Rom).
  • Und außerdem macht O’Rourke sehr sehr deutlich, dass viele verantwortliche Politiker zentrale Details zu Freihandelszonen, Zollunion, Mehrwertsteuer – warum auch immer – offensichtlich nicht in ihre Politik integrieren. Sonst hätte es nicht passieren können, dass die Roten Linien von Theresa May in Kombination ein Ding der Unmöglichkeit sind Es gilt, ein Trilemma zu lösen mit den Elementen: 1. Keine harte Grenze in Irland – 2. keine regulatorischen Unterschiede zwischen Nordirland und Britannien – 3. Großbritannien verläßt Single Market und Zollunion
    • 1. und 2. bedeutet: Großbritannien bleibt in Single Market und Zollunion
    • 2. und 3. bedeutet: Es gibt eine harte Grenze in Irland
    • 1. und  3. bedeutet: Freihandelsvertrag zwischen Britannien und EU; Nordirland weiter in Zollunion und Single Market; Grenzkontrollen in den Häfen Nordirlands.
    • 1. und 2. und 3. bedeutet: eine leere Menge.

Die europäische Union: gar nicht schlecht

Bemerkenswert in der Darstellung O’Rourkes ist dabei sicherlich auch, dass bei allem, was in der Europäischen Union immer wieder einmal nicht so gut klappt, diese EU im gesamten Brexit-Prozess anscheinend ausgesprochen gut sortiert und strategisch, klar und transparent, fair und solidarisch aufgetreten ist.

Also lesen!

All das und noch viel mehr wird einem klar, wenn man O’Rourkes Buch liest oder dessen Fortsetzung, die bestimmt kommt, sobald man weiß, wie es ausgegangen ist.