Nonna. Thomas de Padova

Thomas de Padova war Eingeweihten bisher nur als Wissenschaftsjournalist beim Tagesspiegel und Verfasser lesbar geschriebener Sachbücher insbesondere über astronomische und andere naturwissenschaftliche Themen bekannt.

Jetzt hat er den Sprung in die Literatur und ins Autobiographische gewagt. Auch hier gelingt ihm das Schwimmen aufs Beste.

Der Klappentext verrät über den Inhalt von „Nonna“:
„Jeden Sommer verbrachte Thomas de Padova in einem Dorf am Meer in Apulien, Geburtsort seines Vaters, Großvaters und Urgroßvaters – drei Männer, die irgendwann aus Italien aufbrachen in die Welt. Seine Großmutter blieb. Jahr für Jahr erwartet sie ihn, still auf einem Stuhl sitzend, im Dunkel ihres Zimmers: eine alte, schwarz gekleidete Frau, die ohne Kühlschrank lebt. Warum hat der Großvater seine Frau immer behandelt, als existierte sie nicht? Was hat die beiden vor mehr als einem halben Jahrhundert aneinandergebunden?“

Mich hat das Buch sehr an das 1945 erschienene, ebenfalls autobiographische  Werk „Christus kam nur bis Eboli“ von Carlo Levi erinnert. Beide Bücher leben vom Kontrast zwischen einerseits dem eher Großstädtischen, Weltläufigen, Modernen, aus dem der Erzähler kommt, und dem Ländlich-Dörflichen, Provinziellen und Archaischem auf der anderen, in das er reist/reisen muss. In beiden Fällen wird weder das eine noch das andere als überlegen dargestellt. Der jeweilige Erzähler versucht das für ihn andere und Fremde zu begreifen und zu verstehen, ohne es sich aneignen zu wollen – höchstens vielleicht als Teil der eigenen Geschichte. Gemeinsam ist beiden Büchern auch die sehr ruhige, unprätentiöse Schreibweise, die den Leser in den Bann ziehen kann und die vielleicht auch gut zu dem Ländlich-Archaischen der Umgebung passt.

Eine Empfehlung meinerseits, besonders für sehr warme Sommertage wie in Apulien.

Der begrabene Riese. Kazuo Ishiguro

Und dann überrascht Kazuo Ishiguro doch wieder. Gerade hatte ich gedacht, ich wüsste jetzt, wie und worüber er schreibt. Dann kam mir „The buried giant“ in die Hände, erschienen 2015.

Ein Roman aus der Frühzeit Britanniens. Ort und Zeit der Handlung: Irgendwo im Grenzgebiet zwischen den Sachsen und den keltischen Vor-Einwohnern. Die Römer sind schon eine ganze Weile wieder außer Landes, aber ihre Ruinen gibt es noch. König Artus  ist vor nicht allzu langer Zeit gestorben. Die Wikinger betreiben ihr Plünderungsgeschäft.

Ein Roman wie von Walter Scott. Ivanhoe ist gedanklich nie weit weg, wenn einem der Ritter Winstan begegnet. Oder ein Roman wie  die keltischen Originale der Artussage aus Wales und Cornwall. Gawain, der Neffe von Artus, lebt noch und ist als sehr alter Ritter auf seinem sehr alten Pferd aktiv: Seine Aufgabe ist noch nicht erledigt – da kann man nicht einfach so sterben oder in Ruhestand gehen. Auch gibt es einen leibhaftigen Drachen. Und Feenwesen, mit denen nicht gut Kirschen zu essen ist. Sogar Riesen. Oder ein Roman wie von Tolkien also, Fantasy oder wie immer das heißt.

Je länger man liest, desto klarer aber wird dann doch: Es ist ein typischer Roman von Ishiguro, nur verkleidet. Sparsame Sprache, überschaubares Personal, überlegter Aufbau von Sätzen, Kapiteln und Buch. Vor allem: Die Lieblingskonflikte von Ishiguro. Was tut „Pflicht“ mit den Menschen? Kann es funktionierende Beziehungen zwischen Menschen wirklich geben? Wie geht man mit den Sünden der Vergangenheit in der Gegenwart um? Kann der Mensch aus seiner Haut oder gehören Krieg, Konflikt, Verstricklung und Sünde zu seinem ureigenen Wesen?

„The buried giant“ kommt so dicht an ein happy end wie sonst noch kein anderer Roman von Ishiguro, einem sehr alten Ehepaar sei Dank. Aber wie immer bleibt es in der Schwebe, verschwindet die Melancholie nicht, kann es für das Paar noch anders kommen. Vor allem ist schon sicher, dass für die Menschen insgesamt in der nächsten historischen Etappe wieder Krieg ansteht. Denn Frieden gibt es nur durch Zauber oder durch ein Wunder, wenn die Erinnerung ausgeblendet wird und man vergißt, wofür man doch eigentlich Wieder-Schlecht-Machung braucht. Und Wunder gibt es ja bekanntlich nicht so oft. Vielleicht sogar nur im Märchen.

Der Guardian, den ich ja oft zitiere, schrieb: „Focusing on one single reading of its story of mists and monsters, swords and sorcery, reduces it to mere parable; it is much more than that. It is a profound examination of memory and guilt, of the way we recall past trauma en masse. It is also an extraordinarily atmospheric and compulsively readable tale, to be devoured in a single gulp. The Buried Giant is Game of Thrones with a conscience, The Sword in the Stone for the age of the trauma industry, a beautiful, heartbreaking book about the duty to remember and the urge to forget.“

Die Ungetrösteten. Kazuo Ishiguro

Ja liest denn der jetzt nur noch Ishiguro….?

Natürlich nicht und bald kommt auch wieder ein Beitrag über etwas anderes. Aber die Bücher von Ishiguro sind eben schon ziemlich gut und das Lesen guter Bücher macht mehr Spaß. Und ich lese ja doch eher zum Vergnügen.

Bei „The unconsoled“ kommt man aber schon ins Grübeln, wie groß das Vergnügen eigentlich ist. Das zieht sich alles ganz ordentlich lang hin auf immerhin 534 Seiten in der englischen Taschenbuchausgabe. Es passiert einiges, aber letztlich immer dasselbe. Hätte Ishiguro das nicht auch mit weniger Worten/Sätzen/Seiten hinbekommen können?

Die Rezensenten schwanken ebenfalls in ihrer Meinung. Von Verriss bis Meisterwerk ist alles dabei. Vielleicht am diplomatischsten der New Yorker: „A work of great interest and originality (…).“ Oder der Guardian: „The Unconsoled is a difficult, perplexing and uniquely challenging book.“

Der Klappentext: „Der berühmte Pianist Ryder ist auf Konzertreise. Bei seiner Ankunft im Hotel möchte er sich am liebsten sofort zurückziehen, wird aber vom Hotelpagen in Beschlag genommen, der ihn um einen ungewöhnlich persönlichen Gefallen bittet. Ryder sagt zu und macht daraufhin eine ganze Reihe sonderbarer Bekanntschaften, die ihn in tiefe Verwirrung stürzen, lauter Ungetröstete, die sich von dem Künstler Hilfe oder gar Erlösung erhoffen. Ryder versucht, auf jeden Einzelnen einzugehen und merkt zu spät, dass er sich dabei selbst immer mehr abhanden kommt.“

Geschrieben wie eine Traumdarstellung, kein Albtraum, aber auch kein wirklich erfreulicher Traum. Viel vom Ausweglosen, Ausgelieferten wie bei Franz Kafka. Viel Rätselhaftes, Amüsantes, Seltsames wie bei Lewis Carroll.

Wie in anderen Romanen von Ishiguro klappt es wieder nicht mit den Beziehungen zwischen den Menschen, schon gar nicht bei der Hauptperson. Immer kommt etwas Wichtiges, Pflichtiges dazwischen, so dass „das gute Leben“ leider ausfällt. Ein komplettes Desaster, aber das Dasein geht weiter, auch in diesem Buch, siehe den Schlussabsatz:
„I filled my coffee cup almost to the brim. Then, holding it carefully in one hand, my generously laden plate in the other, I began making my way back to my seat.“ Dabei befindet sich die Hauptperson Ryder in einer Tram, die immer im Kreis herum fährt, und eigentlich muss er dringend zum Flughafen, die Pflicht (der nächste Konzertauftritt) ruft. Aber vielleicht doch ein Hoffnungsschimmer: Ryder nimmt sich die Zeit für ein ausführliches und leckeres Frühstück!

Damals in Nagasaki. Kazuo Ishiguro

Dies ist ja nun wirklich nicht mehr der erste Beitrag in diesem Blog zu einem Buch von Kazuo Ishiguro. Deshalb fasse ich mich bei „A pale view of hills“ jetzt deutlich kürzer.

Worum geht’s?
Der deutsche Klappentext ist irreführend, den zitiere ich nicht. Von einer anderen Website statt dessen:
„Etsuko is an aging Japanese woman living alone in rural England. She has her younger daughter Niki to stay for a few days, shortly after the suicide of her elder daughter Keiko. There is an emotional distance between the two, which only seems to grow as Etsuko retreats into her memories, specifically the months when she was living in Nagasaki with her first husband shortly after the end of World War 2. During this time she was pregnant with Keiko and forging an unusual friendship with her neighbour Sachiko. The friendship was initiated by Etsuko as a result of her concern for Sachiko’s daughter Mariko: Sachiko seems somewhat absent-minded about her care, and it transpires that she was once a wealthy woman who has been reduced to destitution. As Etsuko retreats further into her memories of this time, it becomes increasingly clear that she may not be an entirely reliable narrator, and the truth might be something she is even capable of navigating any more.

Zu empfehlen?
Na klar.

Was macht diesen Roman besonders?
Es ist Ishiguros erster Roman, wirkt aber nicht wie ein Anfängerwerk, sondern von Anfang an gekonnt.

Er ist mysteriöser, da vieles, was man beim Lesen meint, irgendwann doch einmal erfahren zu müssen, einfach nicht erzählt wird. Da muss man sich dann seinen eigenen Reim darauf machen oder versuchen, die Offenheit, die durch diese Ellipsen entsteht, auszuhalten und zu genießen.

Er beschäftigt sich ausgesprochen stark und eindrücklich mit dem Scheitern von Kommunikation, von Beziehungen. Die handelnden Personen sprechen durchaus viel zueinander, aber fast immer sprechen sie aneinander vorbei, können oder wollen nicht aufeinander eingehen, sich nicht auf die Wünsche und Bedürfnisse des anderen einstellen. Im gesamten Roman gibt es keine zwei Personen mit einer guten, funktionierenden Beziehung zueinander, trotz Verwandtschaft, trotz Freundschaft, trotz Liebe, trotz Ehe. In weiten Teilen des Romans fühlte ich mich an Samuel Beckett erinnert.

Und die Gewalt, die zwischendrin immer wieder überraschend, unvermittelt, beiläufig, erschreckend aufblitzt. „Keiko, unlike Niki, was pure Japanese, and more than one newspaper was quick to pick up on this fact. The English are fond of their idea that our race has an instinct for suicide, as if further explanations were unnecessary; for that was all they reported, that she was Japanese and that she had hung herself in her room.“

Was könnte man noch lesen?
Eine ausgesprochene interessante Interpretation des Romans in einem anderen Blog, Copper Lantern Book Reviews.

Als wir Waisen waren. Kazuo Ishiguro

Dass dieser Roman von Kazuo Ishiguro besser und spannender ist als ein Roman von John le Carré, habe ich selbst getestet und in meinem vorherigen Beitrag schon geschrieben. Allerdings hatte ich da gerade erst begonnen, „When we were orphans“ zu lesen, und wusste noch nicht, wie relevant der Vergleich tatsächlich sein würde.

Wenn Ishiguro je einen Krimi geschrieben hat, dann dieses Buch. Und da internationale Politik mit ihren teils unschönen Verflechtungen eine wesentliche Rolle spielt, ist eine strukturelle Ähnlichkeit zu Spionageromanen nicht von der Hand zu weisen.

Der Vergleich mit le Carré ist also statthaft. Ishiguro gewinnt um Längen.

Der Inhalt, wie häufig bei mir direkt übernommen vom deutschen Klappentext, um nicht zu viel, schon gar nicht alles zu verraten:
„England in den Dreißigerjahren: Ganz London schwärmt von Christopher Banks und seinen Erfolgen. Es gibt nur einen Fall, den der Meisterdetektiv bisher nicht aufklären konnte: Das mysteriöse Verschwinden seiner Eltern in Shanghai, der Stadt seiner Kindheit. Beide waren in den Opiumhandel verstrickt: der Vater als Profiteur, die Mutter als erklärte Gegnerin. Als die Erinnerungen an die Zeit, als er Waise wurde, Banks immer häufiger quälen, beschließt er, sich auf den Weg nach Shanghai zu machen, um endlich das größte Rätsel seines Lebens zu lösen.“

Wie immer bei Ishiguro: ein sprachliches und strukturelles Kunstwerk von beeindruckender Zugänglichkeit und Einfachheit. Wieder verwendet er einen Ich-Erzähler, der Rechenschaft ablegt und sich penibel um Wahrheit, Ehrlichkeit, Offenheit bemüht, auch wenn er dabei wirklich nicht immer gut aussieht.

Wieder werden auch Hauptmotive bereits im ersten Absatz vorbereitet:
„(…) I took great pleasure in my own company.“
Der Ich-Erzähler,  Christopher Banks, eine Waise, ist und bleibt allein. Wie schon der Butler in „The remains of the day“ hat er eine Aufgabe, eine Mission, eine Pflicht, da muss das eigene Leben und das eigene Glück halt zurücktreten. Im vorletzten Absatz des Romans heißt es: „There is nothing for it but to try and see through our missions to the end, as best we can, for until we do so, we will be permitted no calm.“

Und später: „(…), pausing once in a while to admire how here in England (…) creepers and ivy are to be found clinging to the front of fine houses.“
Die feine Fassade Englands, während es China mit Opium überschwemmte – die distinguierte Abgehobenheit und Unbeteiligtheit im Internationalen Viertel Shanghais, während darum herum der Krieg zwischen Japan und China, zwischen Kommunisten und Nationalisten tobt: Bigotterie, verbrecherisch, arrogant, für Banks sogar ekelerregend.

Der beste Roman von Ishiguro ist dies allerdings aus meiner Sicht nicht. Es gibt da eine kleine Reihe von Implausibilitäten im Plot, die er sich sonst nicht leistet. Und eine Szene, in der Banks unter Bombenhagel und Maschinengewehrgefeuer durch zerstörte Häuser klettert, auf der Suche nach seinen Eltern, die er in einem bestimmten Haus gefangen glaubt. Irgendwie zu schnell, zu aufmerksamkeits-heischend für den sonst so zurückhaltenden Stil von Ishiguro. Etwas zu sehr gewollt, etwas zu konstruiert, etwas zu viel Handlung.

Interessanterweise sahen das viele Rezensenten aus unterschiedlichen Gründen wohl ähnlich, wenn man sich einen Überblick der Rezensionen anschaut. Ausgezeichnet übrigens die Rezension aus dem Jahr 2000 von Susanne Mayer in der Wochenzeitung Die Zeit:
„Dies ist das große Thema aller Bücher Ishiguros. Es sind psychologische Studien über Menschen in kontrollierter Verzweiflung. Aber auf einer philosophischen Ebene fragen sie wieder und wieder, was es denn bedeute, wenn alle Tugenden, Ehrlichkeit, Hingabe, Pflichtgefühl, uns nur in die Irre führten. Immer geht es auch um die Frage der Schuld. Um die Frage, ob jemand, der schuldlos schuldig wurde, vor sich und den Augen der Welt zu retten ist.“
Und weiter:
„Am Ende wird beinahe nichts wieder gut. Darauf ist man gefasst, in all diesen Büchern bleiben wir gefangen unter der Schädeldecke des Helden, durch die von der Welt nur ein Rauschen dringt. Christopher, so scheint es, hat sich vorgenommen, noch einmal zu versuchen, es mit dieser Welt aufzunehmen. Aber es ist keine Aussicht, die das Gefühl von Herbstlichkeit vertreibt, mit dem man das Buch beiseite legt.“

Ein blendender Spion. John le Carré

Die Vorgeschichte war ideal: Ein heißer, etwas schwüler Tag in Windhoek. Ein Gewitter lag in der Luft, aber wahrscheinlich nicht für heute. Eine alte Brauerei, ein halb verlassener Parkplatz, ein paar undurchsichtige Typen, die neben ihren Autos auf irgendetwas warten. Verstreute deutsche Touristen auf der Suche nach ihrem nächsten Windhoek Lager. Der Blick fällt auf eine Buchhandlung, „die beste Buchhandlung in Namibia“. Die alte Frau darin schaut melancholisch, nicht viel los, wer liest schon Bücher in Windhoek. Auf dem Stapel mit der Nummer 75 ganz oben wie dort für mich hingelegt dieses Buch: „Ein blendender Spion“.

Aber so wie auch in Windhoek nicht alles toll ist, sind nicht alle Bücher von le Carré wirklich gut. „A perfect spy“ gehört aus meiner Sicht in die eher mäßige Kategorie. Damit stehe ich allerdings anscheinend allein. The Sunday Times bemerkt: „Without doubt his masterpiece (…) Universally acknowledged as a perfect work of fiction.“ Oder Philip Roth: „The best English novel since the war.“ Die Los Angeles Times: „Le Carré’s best book, one of the enduring peaks of imaginative literature in our time.“ Alles zitiert auf der Rückseite des englischen Taschenbuchs. Fühlt man sich richtig schlecht, wenn man’s selber anscheinend nicht mitbekommt, wie toll das Buch ist, dass man gerade zu lesen versucht…

Andererseits: Vielleicht wäre es ja noch toll geworden, als ich auf Seite 197 aufgegeben habe (so lange habe ich durchgehalten, obwohl ich immer gegen die aufkommende Müdigkeit und Langeweile kämpfen musste!) . Nur noch 500 Seiten und du hast es geschafft! Nein, wirklich nicht mehr. Ich lese lieber etwas anderes („When we were orphans“ von Ishiguro, spannend, überzeugend, berührend ab Seite 1, mehr dazu demnächst in diesem Blog).

Warum geht es in dem Buch?
Der deutsche Klappentext verrät: „Magnus Pym, Angehöriger der britischen Botschaft in Wien und dort für Geheimaufträge zuständig, ist spurlos verschwunden. Seine Frau, sein Vorgesetzter und die Londoner Geheimdienststellen werden zunehmend unruhig. Und auch andernorts beginnt man, sich Sorgen zu machen.“
Ausführlicher die Inhaltsangabe in Wikipedia.

Warum gehört es für mich nicht zu den Gipfelereignissen der Nachkriegsbelletristik?
Weil bei mir keinerlei Spannung aufkommt, die Personen nicht interessant genug werden, ich kein Interesse am weiteren Verlauf des Plots gewinne, zu offensichtlich Sex & Crime eingesetzt werden, anscheinend nicht mit Sorgfalt geschrieben wurde, sondern eher viel (700 Seiten, siehe oben!). Und da helfen auch nicht die mitunter sehr gelungenen einzelnen Formulierungen, die treffenden Vignetten zum britischen (und amerikanischen) Establishment. Auch nicht, dass ich einen anderen Roman von le Carré in diesem Blog empfohlen habe.

Das Buch geht ab zu Oxfam, damit sich jemand anderes daran erproben kann, ob er beim Lesen von Deckel bis Deckel kommt. Man kann natürlich auch den Film anschauen, spart das Lesen.

 

Samuel Johnson: A life. David Nokes

Der unbekannte Berühmte (neudeutsch: „hidden champion“, oder so ähnlich)
Samuel Johnson ist in Deutschland eher weniger bekannt. Dabei ist er, wie Wikipedia bemerkt, nach William Shakespeare der meistzitierte englische Autor überhaupt.

Schaut man in die deutschen Bücherverzeichnisse, so finden sich zwei Einträge. Von Johnson selbst: „Reisen nach den westlichen Inseln bei Schottland“, passend zur Schottland-Reise-Begeisterung der Deutschen und zu Mendelssohn Bartholdy (3. Symphonie: Die Schottische; Hebriden-Ouvertüre). Und die Biographie über Johnson von James Boswell. Ansonsten Fehlanzeige.

Woran liegt’s?
Vielleicht daran, dass Johnson sich aufs Englische an sich konzentriert hat. Neben seinem erwähnten Werk über die Schottlandreise ist er (in Großbritannien) berühmt für sein Wörterbuch des Englischen und für seine Kurzbiographien über englische Dichter. Das muss einen, wenn man nicht gerade Anglistik zu seinem Fach gemacht hat, nicht hinter dem Ofen vorholen. Und seine Essays für diverse Zeitschriften wie den „Rambler“ oder „Gentleman’s Magazine“ schaffen das dann auch nicht.
Auch reisend hat er nicht viel mit dem europäischen Kontinent zu schaffen gehabt. Nach Frankreich ist er einmal gekommen und war nicht begeistert.

Warum sollte sich das jetzt ändern?
Nein, auch ich finde, man muss das Wörterbuch nicht haben oder gar lesen. Auch lege ich mich nicht für seine Kurzbiographien ins Zeug.

Andererseits ist Johnson nicht zu unrecht vor allem durch Biographien über ihn, wie die von Boswell (siehe oben), berühmt. Und da ist er beeindruckend vielschichtig, selbst-reflektiert, voller Komplexe, völlig unheroisch menschlich, erfrischend exzentrisch, zitierfähig pointiert. Wichtig dabei: Nicht, was er getan hat, zeichnet ihn aus (und er war eher faul; sein Leben nicht sehr ereignisreich), sondern das, was er gedacht und gesagt hat. Ein intellektueller Normalmensch, ein Mensch der Rationalität, der mit seinem Unterbewussten, seinen Gewohnheiten, seinen sozialen Schwächen Probleme hatte und nicht recht klar kam. Jedes Jahr mindestens zweimal (Silvester und Ostern) nahm er sich vor, früh aufzustehen, nicht zu trödeln und ein anständiger Mensch zu werden. Gebracht hat das nichts. Fand er auch.

Und die Biographie von Nokes?
Ist gut, lesenswert, aktuell, da veröffentlicht in 2009. Sehr sensibel für die Nuancen von Johnsons Charakter, nicht zu detailverliebt, genügend zeitgeschichtlicher Hintergrund, eher flott geschrieben, sicherlich nicht reißerisch oder klatschsüchtig. Also sehr anders als Boswell. Und damit eine gute Ergänzung oder eine gute Alternative.
Nokes, der auch im Jahr 2009 starb (sehr lesenswerter Nachruf im Guardian!), war ein sehr einflussreicher Anglist: „his interest in people, in verse forms, in literary friendships and the influence of human forces demonstrated critical tact that was sensitive to historical conditions, in part because he refused to follow fashion. The clarity of his own prose accommodated touches of wit and elegance, but his foremost concern, in his biographies and his numerous lucid reviews, was to do justice to his subject, without egotism.“

David Nokes

Beispiele für den zitierfähigen Johnson?
Johnson war kein Freund der Sklaverei (er hinterließ auch einen Großteil seines Vermögens einem ehemaligen Sklaven) und auch sonst kein Fan von Hierarchien oder Macht insgesamt. Ein sehr britisch-ironisches Zitat von Johnson:
„(…) as we have not only animals for food, but choose some for our diversion, the same privilege may be allowed to some beings above us, who may deceive, torment, or destroy us for the ends only of their own pleasure or utility…. Some of them, perhaps, are virtuosi, and delight in the operations of an asthma, as a human philosopher in the effects of an air pump. To swell a man with a tympany is as good a sport as to blow a frog.“

Oder eine Passage über die sogenannten metaphysischen Dichter, zu denen Dichter wie Donne oder Cowley gezählt wurden:
„The metaphysical poets were men of learning, and to shew their learning was their whole endeavour; but, unluckily resolving to shew it in rhyme, instead of writing poetry, they wrote verses, and very often such verses as stood the trial of the finger better than of the ear; for the modulation was so imperfect, that they were only found to be verses by counting the syllables.
(…) Their thoughts are often new, bat seldom natural; they are not obvious, but neither are they just; and the reader, far from wondering that he missed them, wonders more frequently by what perverseness of industry they were ever found (…) The most heterogeneous ideas are yoked by violence together; nature and art are ransacked for illustrations, comparisons, and allusions; their learning instructs, and their subtility surprises; but the reader commonly thinks his improvement dearly bought, and, though he sometimes admires, is seldom pleased.“

Womit deutlich wird, dass es kein Lebensziel von Johnson war, möglichst viele Freunde zu haben, sondern zu sagen, was er denkt.

Beau death. Peter Lovesey

Noch recht frisch vom Druck – erschienen Ende 2017 – ist der neueste Krimi von Peter Lovesey, von dem wir schon einen früheren in diesem Blog besprochen haben. Wie alle seiner Reihe mit dem Polizei-Detektiv Peter Diamond spielt auch dieser in Bath. Alle wichtigen Sehenswürdigkeiten dürfen vorkommen. Vielleicht hilft’s dem Tourismus, vielleicht auch dem Autoren.

Sprachlich ist Lovesey ja überhaupt nicht mein Fall. Besser als Ann Cleeves, natürlich, aber schon deutlich unprätentiös, fokussiert auf Worte, die mit ein oder zwei Silben auskommen, umgangssprachlich, wenig Nebensätze, ein deutlicher Hang zum Offensichtlichen.

Trotzdem – ich lese ihn immer wieder, da seine Plots wirklich ausgezeichnet konstruiert und gekonnt umgesetzt sind. Dies gilt auch, vielleicht sogar ganz besonders für „Beau death“, der darüber hinaus auch noch eine gut verdauliche Auffrischung in Geschichte der Stadt Bath mitliefert, da Beau Nash, Chef alles Eleganten im Bath des 18. Jahrhunderts, nicht nur als Namensgeber dieses Krimis mitspielt. Ein anderer Rezensent schreibt: „The plot is one of Lovesey’s cleverest, and the book is full of his trademark wry humor.“

Die Aufmachung Nashs sollte man sich übrigens merken. Dann hat man zumindest am Anfang des Buchs einen Vorsprung.

Gut gefällt mir auch, dass man als Leser/in entsprechend der alten Krimi-Tradition alle Chancen hat, auf den Täter/die Täterin zu kommen. Alle Hinweise werden geteilt, nichts wird verheimlicht, man ist immer auf Augenhöhe. Es gibt noch nicht einmal viele Verdächtige. Trotzdem lag ich daneben….

Also: Sehr guter Plot, flott zu lesen, nicht brutal (wie ich vergessen hatte zu erwähnen), spannend, mit (für mich) überraschendem Ende – eine klare Empfehlung.

Vielleicht sollten wir Lovesey doch gelegentlich bei unseren empfohlenen unbekannten Krimi-Autoren ergänzen.

Aeneis. Vergil

Vergil!

Gefürchtet in Latein-Leistungskursen. Ein Star der Weltliteratur. Einflussreich überall in der westlichen Literatur, man denke nur an Vergil als Führer in Dantes Inferno. Die Bedeutung war so groß, dass Vergil es sogar zum Apotheker in Wales brachte. Wie es dazu kam, später in diesem Beitrag.

Zur Erinnerung:
Publius Vergilius Maro lebte von 70 – 19 vor unserer Zeitrechnung. Er war der staatstragende Dichter an sich unter Augustus. Bekannt ist er durch drei Werke: Die Georgica befassen sich mit Landwirtschaft. Die Eklogen sind bukolische Gedichte. In der Aeneis, seinem mit Abstand längsten Werk, schafft Vergil den Gründungsmythos Roms und wird Chefpropagandist von Augustus.

Für heute geeignet?
Sein Landwirtschaftswerk ist schon ein wenig sperrig. Aber die Aeneis ist spannend. Sie ist voller Abenteuer (Flucht aus dem brennenden Troja, Stürme, Schiffsbrüche!), Krieg (in Troja, in Italien…), Liebesgeschichten (Dido und Aeneas!). Sogar die Götter sind involviert (Juno ist gegen Aeneas).

Und das alles auf sprachlich hohem Niveau. Vergil wurde ja nicht als Propagandist berühmt, sondern als wirklich ausgezeichneter Schriftsteller!

Allerdings: Auf Hexameter muss man sich schon einlassen – der Sprachfluss im Deutschen ist nicht Prosa, sondern ein nervenzerrüttendes Ram-tata Ram-tata, egal ob das zur normalen Betonung der Worte passt oder nicht….
Im lateinischen Original ist das besser, hier wurden die Worte auch im Hexameter auf den Silben betont, die man auch beim normalen Sprechen betont hat. Der Hexameter richtet sich nach der Länge der Silben (Lang-kurzkurz….), nicht nach ihrer Betonung. Gelesen ergibt das eine wunderbare Spannung und einen beeindruckenden Rhythmus, der einen in den Bann ziehen kann, statt einen reif für eine Psychotherapie zu machen.

Ein Beispiel gleich vom Anfang, wo in Kürze dargestellt wird, worum es eigentlich geht:
„Arma virumque cano, Troiae qui primus ab oris
Italiam fato profugus Laviniaque venit
Litora, multum ille et terris iactatus et alto
Vi superum saevae memorem Iunonis ob iram,
Multa quoque et bello passus, dum conderet urbem
Inferretque deos Latio, genus unde Latinum
Albanique patres atque altae moenia Romae.

Auf deutsch, ohne Hexameter und Ram-tata:
Die Kämpfe und den Mann besinge ich, der als erster von Troja, durchs Schicksal ein Flüchtling, nach Italien kam und zur Küste Laviniums, viel über Lande geworfen und die hohe See durch die Gewalt der Götter wegen des nachtragenden Zorns der wütenden Iuno, viel auch im Krieg erleidend, bis er die Stadt (= Rom) gründete und die Götter nach Latium brachte, woher das latinische Geschlecht und die Väter Albas und die Mauern des hochragenden Roms (stammte).“

Zunächst einmal der Anspruch Vergils, der gleichzeitig auf Ilias („die Kämpfe“) und Odyssee („den Mann“, „Flüchtling“, „erleidend“) anspielt: Vergil als verdoppelter Homer. Dann der Inhalt: Es geht um eine noch nicht benannte Person, die als Kriegsflüchtling nach Italien kommt, um dort Rom zu gründen, zwischendrin alle möglichen Verwirrungen zu Lande und zu Wasser, auch erneut Krieg. Und das alles religiös aufgeladen: Die Götterwelt, vor allem Iuno, ist gegen ihn, aber es ihm vorbestimmt, Rom zu gründen und die eigenen Götter, die Götter Troias und seiner Ahnen, in Latium und Rom neu heimisch zu machen.
Alles kunstvoll verwoben in nur sieben Hexameter.  Nicht schlecht als Anfang.

Erklärt aber nicht, wie Vergil zum Apotheker wurde.

Da eine von Vergils Eklogen schon im ersten oder zweiten Jahrhundert so gedeutet wurde, als habe er Christi Geburt vorhergesagt, wurden ihm auch passend magische Qualitäten zugesprochen. Ab dem 12. Jahrhundert wurde er in einigen Gegenden sogar weniger als Dichter, sondern hauptsächlich als Zauberer und Wahrsager rezipiert. Diese Tradition schwappte auch nach Wales. Dort heißt Vergil in einer von zwei Varianten „Fferyll“: „Roedd Publius Vergilius Maro, Fyrsil neu Fferyll yn Gymraeg“. Diese walisische Version seines Namens wurde erst ein Synonym für Zauberer/Magier/Wunderheiler allgemein und dann als „fferyllydd“ das heutige Wort für „Apotheker“. Quod erat demonstrandum!

Und welche Übersetzung der Aeneis bietet sich an?
Prosaübersetzungen sind mir nicht bekannt, also in deutschen Hexametern. Und dann am Besten die klassische Übertragung von Johann Heinrich Voß, auch wenn oder weil diese von um 1800 stammt (Goethe fand die Übersetzungen von Voß toll). Vielleicht etwas freier übersetzt als neuere Versuche, aber sprachlich erheblich beeindruckender und dadurch dichter am Original.

Oder natürlich im Original: Andere haben sich vor ein paar Hundert Jahren auch schon die Mühe gemacht!

Gedichte. Li Bai

Alte chinesische lyrische Dichtung steht in einem sehr guten Ruf. So ähnlich wie alte chinesische Tuchzeichnungen. Nur lesen tut sie kaum einer. Genauso wie die Tuschzeichnungen in den Museen, die sie haben, eher ein Schattendasein fristen. Hochkultur eben. Oder besser: Zu-Hoch-Kultur.

Höher als Li Bai wird’s dabei kaum. Er gehört in eine Blütezeit der alten chinesischen Dichtung, die Tang-Dynastie, wurde geboren 701, starb 762. Neben seinem Kollegen und Zeitgenossen Du Fu war Li Bai eindeutig der Star der Szene. Wie viele seiner nachgeborenen Dichterkollegen gilt er als dem Alkohol sehr zugeneigt (irgendwoher muss die Inspiration ja kommen); auch ihm wird angedichtet, dass er, eben ein Genie, seine Gedichte innerhalb kürzester Zeit ohne Korrekturen zu Papier brachte. Bemerkenswert auch: Von Li Bai gibt es noch Originalhandschriftliches. Bei Betrachtung seiner Kalligraphie kann etwas an den Alkoholgerüchten dran sein…

Chinesische Dichtung geht eigentlich nur in chinesisch. Die Sprache ist extrem verkürzt, voller Anspielungen und voller Interpretationsspielraum.  Fast jede Übersetzung beseitigt notwendigerweise dieses Offene, Schwingende, Unbestimmte, da so etwas in den meisten anderen Sprachen, gerade im präzisen Deutschen, kaum geht.

Andererseits werden die Übertragungsschwierigkeiten auch gerne ins Mythisch-Heroische überhöht. Ein Beispiel hierfür, und zugleich ein Beispiel-Gedicht von Li Bai, findet sich in der deutschsprachigen Wikipedia. Es ist eine sehr typische vierzeilige Strophe (und gehört damit zum Typ Jueju für diejenigen, die es genau wissen wollen) mit Reimen zwischen den Zeilen 1, 2 und 4.

Das Gedicht heißt „yesi“, zu deutsch etwa „Nachtgedanken“:
„床前明月光
疑是地上霜
舉頭望明月
低頭思故“

In der Umschrift kann man die Reime gut erkennen:
„chuáng qián míng yuè guāng
yǐ shì dì shàng shuāng
jǔ toú wàng míng yuè
dī toú sī gù xiāng

Kryptisch wird es bei der sogenannten Übertragung, die völlig unsinnig den Eindruck vermittelt, als hätte Li Bai frei von jeglicher Syntax geschrieben:
„Bett – vor – hell – Mond – Strahl
zweifeln – ist – Erde – auf – Frost
heben – Kopf – blicken – hell – Mond
senken – Kopf – denken – alt – Heimat.“

Tatsächlich würde eine wörtliche Übersetzung etwa lauten:
Vor dem Bett heller Mondstrahl
So als wäre auf dem Boden Reif
Ich hebe den Kopf und sehe den hellen Mond
Ich senke den Kopf und denke an die Heimat.

Gut ist der Wikipedia-Beitrag, weil man auch sieht, wie lässig viele Übersetzer mit dem Original umgehen, z.B. der in Wikipedia zitierte Vincenz Hundhausen:
„Vor meinem Bette spielt ein weißes Licht.
Ist es der Morgen schon? Ich weiß es nicht.
Und wie ich zweifelnd hebe mein Gesicht,
seh’ ich den Mond, der durch die Wolken bricht.
Da muß ich mich zurück aufs Lager senken
und heimatlos an meine Heimat denken.“

Bei der Rückübersetzung ins Chinesische müsste man schon ein Genie sein, um wieder ein Gedicht wie das von Li Bai zu bekommen. Zeigt: Chinesische Dichtung ist besser als so mancher ihrer Nachdichter….
Und vor Mißbrauch ist man ja wirklich fast nirgends sicher, siehe die Li Bai Cocktail Hours von 18 bis 20 Uhr:

Wer sich trotzdem traut, findet auf unserer China-Seite den einen oder anderen Literatur-Tipp zu chinesischer Dichtung. Fast alles von Li Bai wurde von Erwin Ritter von Zach im frühen 20. Jahrhundert (gut) übersetzt. Es lohnt sich mehr als ein Cocktail.