Buddenbrooks. Thomas Mann

Ein Buch wie geschaffen für die Ferienzeit, denn es ist viel zu dick, um, ohne den Faden zu verlieren, immer mal wieder zwischendurch weiterzulesen: die „Buddenbrooks“, wozu der Fischer-Verlag anmerkt: „Das Werk, das Thomas Mann berühmt machte und ihm den Nobelpreis einbrachte.“ Allein der Eintrag bei Wikipedia zieht sich endlos dahin….

Vor Jahren habe ich dieses Buch schon einmal gelesen und hatte es – wie viele andere Romane von Thomas Mann auch – positiv in Erinnerung. Und gute Bücher kann man ja bekanntlich nicht oft genug lesen.

Allerdings fürchte ich, dass ich zu einem dritten Mal keine Lust mehr haben werde. Woraus sich schließen lässt, dass ich den Roman doch nicht so gut finde?!

Letztlich schon.

Von vielem bin ich weiterhin beeindruckt: Thomas Mann kann toll mit der deutschen Sprache umgehen; sein Hang zu Humor, Ironie, Karikatur macht ihn immer wieder erfreulich; seine Anlehnungen an die „epitheta ornantes“ Homers, um das epische Gepräge des Romans zu verstärken; sein Porträt der Lebenswelt des kaufmännischen Geldadels im hanseatischen Norddeutschland des 19. Jahrhunderts beeindruckt und verstört. Und viele weitere Aspekte mehr.

Andererseits…. Thomas Mann ist schon ein ordentlicher – neudeutsch – Show-Off: Schaut mal, wie toll ich schreiben kann! Unter den griechischen Schriftstellern der Antike würde ihn das für die zweite Sophistik qualifizieren, die allgemein heute nicht so geschätzt wird (siehe Plutarch, Lukian….). Die große Zeit war viel früher, damals bevor Alexander der Große den Hellenismus einleitete. Und die Charaktere der Hauptpersonen wie die Geschwister Antonie, Christian und Thomas Buddenbrook, die immerhin auf über 600 Seiten vorkommen, bleiben eigentümlich scherenschnittig, wenig-dimensional. Vielleicht ist das natürlich getrieben durch die normierenden Anforderungen ihres Standes, ihres Status in Lübeck, allerdings hat Thomas Mann auch viel Fleiß auf die Charakterisierung und das Herausarbeiten von verschrobenen Eigenschaften, eigentümlichem Aussehen und idiosynkratischer Ausdrucksweise verwendet.

Genug, ich war dann doch froh, die letzte Seite erreicht zu haben und sagen zu können: Ich hab’s noch mal geschafft.

Perikles. Plutarch

Offenbar habe ich gerade wieder eine Phase, in der ich sehr gerne Texte antiker Autoren lese. Nach Lukian, über den ich kürzlich geschrieben habe, ist heute Plutarch an der Reihe: ein absoluter Top-Autor der damaligen Zeit wie auch der frühen Neuzeit.

Was könnte man über Plutarch wissen wollen?

  • Natürlich seine Lebensdaten:
    Geboren ca. 45 unserer Zeitrechnung, gestorben ca. 125 – er ist also sehr alt geworden für damalige Verhältnisse, was für eine robuste Gesundheit und/oder einen umsichtigen Lebenswandel spricht.
  • Ausbildung und Beruf?
    Er hat Philosophie studiert. War einmal Leiter der Baupolizei und des öffentlichen Bauwesens in seinem Geburtsort in Griechenland, danach Priester am Apoll-Tempel in Delphi, Leiter einer Philosophie-Schule, Schriftsteller. Gelebt hat er nicht nur in Griechenland, sondern auch in Rom.
  • Welche Werke hat er geschrieben?
    Abgesehen von einer ganzen Reihe moral-philosophischer Werke, die man natürlich auch lesen könnte, basiert sein ausgezeichneter Ruf auf seinen Biographien, insbesondere auf die insgesamt 23 Paare von Parallelbiographien, in denen er jeweils einen Griechen seiner besten Entsprechung unter den Römern gegenüberstellt. Das ergibt dann Paarungen wie Theseus und Romulus, Demosthenes und Cicero oder auch Perikles und Fabius Maximus (letztgenannte ist die, die ich gerade gelesen habe).

(Das Leben des Romulus in den Parallelbiographien. Handschrift Oxford, Bodleian Library, MS. Canonici Greek 93, fol. 13r, geschrieben im Jahr 1362)

  • Was macht diese Biographien aus?
    Auch wenn sie die biographische Literatur insgesamt sehr  stark geprägt haben, sind die Lebensbeschreibungen anders gedacht und anders gemacht als die meisten der heutigen Zeit. Es geht Plutarch nicht um eine chronologische Abfolge, nicht um eine vollständige Beschreibung aller wichtigen Ereignisse und Erfahrungen der behandelten Person. Ihm geht es um den Charakter, die Persönlichkeit. Er möchte durch positive (wie negative) Beispiele dazu anregen, sich positiv, nützlich für die Gemeinschaft, vorbildlich zu verhalten.
    Seine Biographien sind auch heute sehr gut lesbar, voller Anekdoten und Zitate, sehr anschaulich und anregend. Er ist – anders als zum Beispiel Sueton – kein Klatschautor, sondern recht seriös um verlässliche Quellen bemüht. Spannend ist Plutarch nicht, spröde aber auch nicht. Vielmehr sind seine Werke ein sehr humanes Zeugnis eines überaus humanen Menschen.
  • Wie komme ich dazu, ihn als Top-Autoren zu bezeichnen?
    Fast kein anderer antiker Autor hat ab dem 15. Jahrhundert so viele Ausgaben erlebt wie Plutarch. Im 17. und 18. Jahrhundert war er mit Abstand der meistgelesene antike Autor überhaupt. Shakespeare, Montaigne, Schiller und viele andere haben sehr stark auf ihn zurückgegriffen.

(Plutarch, De virtute et vitio 100B-101B in einer für Kardinal Bessarion 1455 angefertigten Handschrift. Venedig, Biblioteca Nazionale Marciana, Gr. 248, fol. 5r)

Und der Perikles?
Diese Biographie ist allein schon faszinierend wegen ihrer Beschreibung der Baugeschichte und der Architektur der Akropolis in Athen, die während der Regierung Perikles‘ und auf seine Idee hin gebaut wurde. Außerdem ist Perikles (Hochzeit der antiken Demokratie! Peloponnesischer Krieg! Griechische Klassik!) als Person sehr beeindruckend.
Nicht zuletzt bietet Plutarch in diesem Werk Trost für alle diejenigen, die zwar ein Musikinstrument spielen, aber nicht besonders gut – denn für wirklich „große“ Menschen ist es unwürdig, seine Zeit mit Musik-Machen zu vertrödeln:
„Deshalb war es eine schöne Formulierung von Antisthenes, als er hörte, dass Ismenias ein virtuoser Flötist sei: ‚Aber ein wertloser Mensch, denn sonst wäre er kein so virtuoser Flötist.‘ Und Philipp (der Große) sagte einmal zu seinem Sohn (= Alexander der Große), der bei einem Gelage sehr gefällig und technisch versiert in die Saiten griff, ‚ Schämst du dich nicht, so schön zu zupfen?'“ (meine Übersetzung)

Da Plutarch auch im Ruf steht, ausgezeichnetes attisches Griechisch geschrieben zu haben, das Ganze im Original:
„διὸ καλῶς μὲν Ἀντισθένης ἀκούσας ὅτι σπουδαῖός ἐστιν αὐλητὴς Ἰσμηνίας, ‚ἀλλ‘ ἄνθρωπος,‘ ἔφη, ‚μοχθηρός: οὐ γὰρ ἂν οὕτω σπουδαῖος ἦν αὐλητής:‘ ὁ δὲ Φίλιππος πρὸς τὸν υἱὸν ἐπιτερπῶς ἔν τινι πότῳ ψήλαντα καὶ τεχνικῶς εἶπεν: ‚οὐκ αἰσχύνῃ καλῶς οὕτω ψάλλων;'“

Verlorene Sprachen: Das Geheimnis der unentzifferten Schriften der Welt. Andrew Robinson

Detektivgeschichte – Geduldsproben – Abenteuer – etwas für Tüftler – Eldorado der Sprachwissenschaft – Entdeckung fremder Welten. Vieles geht einem durch den Kopf, wenn man an die Entzifferung unbekannter Schriften und verlorener Sprachen denkt.

Andrew Robinsons Buch über Champollion und die Entzifferung der Hieroglyphen hatte ich schon früher besprochen: vor allem eine klassische Biographie, aber auch mit Wissenswertem zu den Hieroglyphen und der Technik ihrer Entzifferung.

Dieses Buch ist umgedreht: vor allem zu den Schriften sowie zur Technik und Geschichte ihrer Entzifferung mit einigen Informationen zu ihren Entzifferern. Es geht um Sprachen, Schriften und Decodierung. Hochfaszinierend, aber im einzelnen schon gelegentlich auch hoch-fachsimpelnd.

Unbedingt lesenswert ist die Einleitung von Robinson, die lesbar einen sehr guten Überblick bietet und die Begeisterung für das Geheimnisvolle unbekannter Schriften weckt. Auch werden die Grundbegriffe der Struktur von Sprachen und Schriften gut verständlich dargestellt. Ein kurzes Zitat:
„Writing is among the greatest inventions in human history, perhaps the greatest invention, since it made history possible. Yet it is a skill most writers take for granted. (…) Few of us have any clear recollection of how we learnt to write.
A page of text in a foreign script such as Arabic or Japanese, totally incomprehensible to us, reminds us forcibly of the nature of our achievement. An extinct script, such as Egyptian hieroglyphs or one of the undeciphered scripts in this book, may strike us as little short of miraculous.“

Anschließend gibt es zwei große Blöcke in diesem Buch.

Im ersten Teil werden drei erfolgreiche Entzifferungen dargestellt: die ägyptischen Hieroglyphen (v.a. durch Champollion entziffert), das minoische Linear B (Michael Ventris) und die Schrift der Maya (Yuri Knorozov). Auch nach dem Lesen ist es mir immer noch quasi unbegreiflich, wie es gelingen konnte, die Maya-Schrift tatsächlich zu entziffern….

Der zweite Teil zeigt, dass es noch einiges zu tun gibt, wenn man seinen Namen der Nachwelt hinterlassen möchte. Meroitisch, Etruskisch, Linear A, Proto-Elamitisch, Rongorongo und einige weitere harren noch der Lösung. Nach Meinung von Robinson wird das in den meisten Fällen allerdings auch ewig so bleiben. Es sei denn, es gelingt einem, das Gegenteil zu beweisen! Entscheidend für den Erfolg nach Ventris:
„Prerequisites are that the material should be large enough for the analysts to yield usable results, and (in the case of an unreadable script without bilinguals or identifiable proper names) that the concealed language should be related to one which we already know.“

Erstaunlich, aber logisch die drei Kategorien der unentzifferten Beispiele. Einige Schriften sind tatsächlich entziffert, sie lassen sich lesen – aber man versteht die Sprache nicht. Hierzu gehört z.B. Etruskisch.
Dann gibt es Schriften, bei denen man glaubt zu wissen, welche Sprache abgebildet ist – aber man kann sie nicht lesen. Hierzu gehört z.B. Rongorongo, die Schrift der Osterinsel.
Und schließlich gibt es noch die aktuell ganz hoffnungslosen Fälle – Schrift nicht lesbar, keine Ahnung, welche Sprache. Hierzu gehört die Schrift auf der sogenannten Phaistos-Scheibe aus Kreta.

Ein tolles Buch, sehr lehrreich, viel Sport für die kleinen grauen Zellen, aber sicher nichts für die ganz heißen Tage im Sommer. Ach so, das Buch gibt’s nur auf Englisch. Ein wenig entziffern muss man also schon.

Das Lebensende des Peregrinos. Lukian

Lukian ist ein klarer Kandidat für die Kategorie „einflussreicher Unbekannter“. Entsprechend nicken bestimmt weniger Leser weise-wissend mit dem Kopf, wenn sie den Titel „Das Lebensende des Peregrinos“ hören als etwa bei Thomas Manns Buddenbrooks.

Dabei war das alles einmal ganz anders.

Alles, was man über Lukians Leben weiß, weiß man aus seinen Werken. Geboren wurde er anscheinend um 125 unserer Zeitrechnung in Samosata am Oberlauf des Euphrat im Südosten der heutigen Türkei.  Damals gehörte diese Stadt zur römischen Provinz Syrien. Von ihren Ruinen ist nichts mehr zu sehen, da sie vom Atatürk-Stausee zwischenzeitlich überflutet wurde… Er reiste sehr viel und hielt sich unter anderem in Gallien, Italien, Griechenland und Ägypten auf. Beruflich gehörte er in die damals (wie heute) nicht ungewöhnliche Gruppe von Professoren ohne festen Lehrsitz, die auch parallel oder abwechselnd als Schriftsteller tätig sind. Gestorben ist er wohl um 180, man weiß aber nicht, wann genau und wo.

Zwei Zeiten waren wunderbar für das Nachleben Lukians: die Renaissance und die Klassik.

Während der Renaissance war er mit seinen mehr als 70 erhaltenen (eher kürzeren) griechischen Werken eindeutig Star und Liebling der Humanisten. Es gab zum Beispiel mehr lateinische Übersetzungen von ihm als von Platon. Die Textausgaben seit dem späten 15. Jahrhundert sind entsprechend zahlreich und aufwendig gemacht. Erasmus von Rotterdam war ein Fan, Shakespeares „Timon von Athen“ basiert auf ihm, Thomas Mores „Utopia“ gäbe es vielleicht nicht ohne ihn. Auch Botticelli hat verschiedene seiner Gemälde nach ihm gemalt.
In der Klassik gehörte er ebenfalls zum Standard-Kanon antiker Autoren und wurde beispielsweise von Wieland vollständig übersetzt. Goethes „Zauberlehrling“ hat sich ursprünglich Lukian ausgedacht.

Lukian hat gleich mehrere literarische Gattungen erfunden oder auf den Weg gebracht: Er ist mit seinen „Wahren Geschichten“ einer der Erfinder des Romans, mit dem „Ikaromenipp“ hat er die Science Fiction gegründet. Satirisch-pikareske Literatur wie die von Cervantes, Swift, Sterne, Rabelais… sind ohne ihn als Inspiration kaum vorstellbar. Überhaupt ist das Hauptmerkmal in seinen Werken seine grundsätzlich ironisch-sarkastische Grundhaltung gegenüber allem und jedem (inklusive seiner selbst). Nicht von ihm durch den Kakao gezogen worden zu sein, war ein deutliches Zeichen dafür, nicht wichtig zu sein.

Und was ist jetzt mit dem „Lebensende des Peregrinos“ oder im Original „Περὶ τῆς Περεγρίνου τελευτῆς“?

Der „Pereginos“ ist aus zwei Gründen besonders empfehlenswert. Er ist durchaus typisch für den satirischen Schreibstil von Lukian. Man kann mit ihm gut und kurz testen, ob man gerne Lukian liest.
Und er ist ausgesprochen interessant, weil er die erste Darstellung des frühen Christentums aus der Feder eines Nicht-Christen beinhaltet.  Jesus ist darin ein Sophist. Peregrinos hat einige der Bücher des Christentums selbst geschrieben. Und die Christen lassen sich bestens über den Tisch ziehen.

Wer „Das Leben des Brian“ von Monty Python schätzt, ist auch bei Lukian richtig.

Unnatural selection. Katrina van Grouw

Vor fast genau einem Jahr hatte ich das erste Buch von Katrina van Grouw in diesem Blog besprochen: „The unfeathered bird„. Ich hielt (und halte) das Buch für ein Muss für alle, die ornithologisch oder generell an Naturbüchern interessiert sind.

Das neue Buch von van Grouw, „Unnatural selection“, gerade vor wenigen Tagen bei Princeton University Press erschienen, ist noch besser. Viel besser. Wahrscheinlich ein Beleg für die Wirksamkeit von Evolution auch beim Verfassen und Illustrieren von Büchern.

„Unnatural selection“ beschäftigt sich aus evolutionärer Perspektive mit der Züchtung domestizierter Tiere, von Hühnern, Tauben, Hunden, Rindern, Schweinen und einigen anderen Tierarten. Die letzte umfangreiche Monographie zu diesem Thema erschien vor 150 Jahren und stammt aus der Feder von keinem anderen als Charles Darwin: „The variation of animals and plants under domestication„. Das Buch feiert also Darwin und ein Jubiläum.

Es ist erstaunlich, dass es so wenige Monographien zu diesem Thema gibt, denn bei domestizierten Tieren findet Evolution quasi im Zeitraffer statt, ist also ideal für die Forschung. Wenige Jahrzehnte reichen, um deutliche Veränderungen bei den Tieren feststellen zu können. Evolution quasi unter Laborbedingungen mit schnellen und gut interpretierbaren Ergebnissen. Dies macht van Grouw unter anderem an Hunderassen deutlich: Ein Bernhardiner des Jahres 1900 zum Beispiel hatte eine viel längere Schnauze und einen längeren Kopf als die heutigen. Man könnte sie fast für eine andere Hunderasse halten.

Van Grouws Herangehensweise ist reich an Perspektiven. Es gibt eine Art Einführung in die Grundbegriffe der Entwicklung der Arten. Sie bietet einen Überblick über wesentliche Meilensteine der Evolutionsforschung mit Fokus unter anderen auf Charles Darwin und Gregor Mendel. Sie beleuchtet der Reihe nach die wesentlichen Faktoren von Evolution, insbesondere Variation und Selektion. Und sie tut all dies anhand von vielen Beispielen unterschiedlicher Tierarten. Besonders hierbei: Viele der dargestellten Forschungsergebnisse stammen aus eigener Anschauung, da der Ehemann der Autorin (dem das Buch auch gewidmet ist) selber aktiv forscht.

Diese persönliche Note macht das Buch insgesamt sehr nahbar, zugänglich und unmittelbar. Man merkt, dass van Grouw von ihrem Thema begeistert ist. Und diese Leidenschaft teilt sich mit, springt auf den Leser über. Van Grouw schafft keine wissenschaftliche Distanz wie sonst üblich, sondern persönliche Nähe, ohne dass der wissenschaftliche Anspruch und das wissenschaftliche Niveau darunter auch nur im geringsten leiden, im Gegenteil. Wohltuend auch, dass van Grouw völlig uneitel, selbstkritisch und mit viel Witz schreibt. Man bekommt das Gefühl, bei der Forschung mit dabei zu sein und gespannt darauf zu warten, wie die Taube wohl aussieht, die als Nächste aus dem Ei schlüpft. Es macht Spaß, dieses Buch zu lesen.

Und dann sind da natürlich noch die Illustrationen. Alle (bestimmt 400!) gezeichnet von van Grouw. Alle von ausgezeichneter Qualität, naturwissenschaftlich exakt, ästhetisch schön. Van Grouw zählt zwischenzeitlich sicherlich zu den ganz Großen naturwissenschaftlichen Künstlern in einer Reihe mit Audubon, Bewick et al.

Damit habe ich aber noch nicht erklärt, warum dieses Buch viel besser ist als sein Vorgänger. „The unfeathered bird“ waren tolle Zeichnungen mit ausführlichem Begleittext. „Unnatural selection“ hat ausgezeichneten Text und fantastische Zeichnungen komplett auf Augenhöhe. Das findet man nur selten. Und (fast) nie auf so hohem Niveau. Und wenn man das findet, ist’s meistens ein Klassiker.

Wie ein Hauch im Wind. Josphine Tey

Über Titelübersetzungen hatte ich mich ja schon geäußert. Das Original von Josephine Tey: „To love and be wise“. Zugleich bin ich sehr überrascht, dass diese Autorin überhaupt übersetzt worden ist – ich hatte noch nie etwas über sie gehört, bis ich las, dass P.D. James von ihr viel gelernt habe.

Josephine Tey, *1896, †1952, war eine Theater- und Krimiautorin, beides unter Pseudonym. Ihr richtiger Name: Elizabeth Mackintosh. Sie zählt gemeinsam mit Agatha Christie, Dorothy L. Sayers, Ngaio Marsh zurecht zur Kategorie des „klassischen“ britischen Kriminalromans. Einer ihrer Krimis wurde einmal zum besten Kriminalroman aller Zeiten gekürt.

Zwischenzeitlich habe ich drei ihrer Krimis gelesen: „Miss Pym disposes“ („Tod im College“) von 1946, „The singing sands“ („Der singende Sand“) von 1952 und „To love and be wise“ von 1950. Für mich bisher die Krimi-Entdeckung des Jahres. Souveräner Stil, viel Humor, ordentlich Spannung. Genügend Selbstbewusstsein, um die Regeln des Krimischreibens nicht immer einhalten zu müssen. Ausgezeichnete, fein umrissene, glaubhafte und eindrückliche Charaktere. Dialoge auf den Punkt. Vielleicht hätte Jane Austen so Krimis geschrieben, wenn sie welche geschrieben und im 20. Jahrhundert gelebt hätte.

Der Beginn von „To love and be wise“:
„Grant paused with his foot on the lowest step, and listened to the shrieking from the floor above. As well as the shrieks there was a dull continuous roar; an elemental sound, like a forest fire or a river in spate. As his reluctant legs bore him upwards he arrived at the inevitable deduction: the party was being a success.“

Der San Francisco Chronicle: „Nobody can beat Miss Tey at characterisation or elegance of style: this novel’s a beauty.“

Stimmt.

Tod in Hollywood. Evelyn Waugh

Wieder einer dieser ins Deutsche entstellten Titel…. „The loved one“ heißt das englische Original, erschienen 1948, von Evelyn Waugh, in Deutschland vor allem bekannt durch „Wiedersehen mit Brideshead“, wahrscheinlich durch die gleichnamige Verfilmung. Apropos Verfilmung: „The loved one“ wurde schon 1965 ebenfalls verfilmt, danach allerdings nicht wieder.

Waugh, * 1903, † 1966, – ein Mann übrigens, trotz der etwas anderes nahelegenden Zuordnung seines Vornamens im Deutschen – zählt zu den klassischen britischen Schriftstellern des 20. Jahrhunderts. Zwei seiner Romane (Brideshead, s.o., ist einer davon) wurden schon in Listen der 100 besten britischen Romane gesichtet. Waugh ist dennoch nicht jedermanns „cup of tea“, Selbstdarstellung war ihm meist ein Anliegen, Freundlichkeit nicht.

Wie die Rückseite der Penguin-Ausgabe in großen Buchstaben verkündet, ist Tod in Hollywood „one of the funniest and most significant books of the century“. Obendrein – findet die Sunday Times – ist Waugh „The master of black comedy“.

„Following the death of a friend, poet and pets‘ mortician Dennis Barlow finds himself entering into the artificial Hollywood paradise of the Whispering Glades Memorial Park. Within its golden gates, death, American-style, is wrapped up and sold like a package holiday. There, Dennis enters the fragile and bizarre world of Aimée, the naïve Californian corpse beautician, and Mr Joyboy, the master of the embalmer’s art…“, so macht der Klappentext Appetit.

Gutes Cover des Illustrators von Roald Dahl (Quentin Blake), 127 Seiten, gekauft, schnell gelesen. Eigene Meinung:
Ist ok, kann man mögen, warum nicht. Schon auch amüsant, vielleicht sogar Literatur. Hätte man dem Waugh gar nicht zugetraut, der schreibt doch sonst besser und nuancenreicher und mit mehr Platz zum Nachdenken und Interpretieren.

Und Waugh insgesamt? Ja, unbedingt etwas lesen. Aber besser „Wiedersehen mit Brideshead“ oder „Eine Handvoll Staub“.
Andererseits: Vielleicht ist der Film besser als das Buch?

Black and british: a forgotten history. David Olusoga

2016 erschienen. Ein mutiges Buch. Überfällig. Gelungen. David Olusogas Geschichte über das Verhältnis zwischen Großbritannien und seiner nicht-weißhäutigen Bevölkerung ursprünglich afrikanischer Abstammung, auf Englisch: den „black British people“.

Beginnen möchte ich mit Ratlosigkeit: Wie nennt man diese Bevölkerungsgruppe eigentlich auf deutsch, ohne in irgendeiner Ecke zu landen? Da ich hierfür keine Antwort habe und finde, behelfe ich mich mit der (relativ) anerkannten englisch-sprachigen Variante. Apropos: Genau unter „Black British“ findet sich bei Wikipedia ein ausgezeichneter Beitrag, vielleicht sogar auch von David Olusoga.

Unbedingt lesenswert übrigens auch, bevor man mit dem Buch startet: ein Interview mit Olusoga im Guardian.

Warum schätze ich dieses Buch von Olusoga?

Ein weiter historischer Bogen
Olusoga beginnt in der Antike und endet im frühen 21. Jahrhundert. Alleine der Hinweis, dass es bereits zum Beispiel in der Römerzeit „Black British“-Personen in Großbritannien gegeben hat, erweitert das Blickfeld. Das Thema ist nicht neu.

Alle Seiten werden gehört
Typischerweise lässt Olusoga bei wichtigen Weichenstellungen der Geschichte alle Parteien zu Wort kommen. Das hilft den Lesern sehr dabei, eine eigene Haltung entwickeln zu können. Gut auch: Olusoga hält mit seiner eigenen Einschätzung nicht hinter dem Berg, ohne sie missionierend oder dogmatisch zu verfechten.

Keine Berührungsängste
Olusoga schildert auch Ereignisse, Meinungen, Denkmuster, die auch heute noch bestimmt für viele Briten unangenehm sind (wie sie das wahrscheinlich auch für viele Deutsche wären, wenn man sie mit ihrer ebenfalls wenig ruhmreichen Geschichte in Berührung bringt). Er tut dies betont sachlich, kenntnisreich, ausgewogen. Er sucht keine billigen Effekte.

Gute Mischung aus Überblick und Details
Für mich als Leser gelingt Olusoga eine gute Balance. Ich habe den Eindruck, gut informiert zu werden. Die Details überlasten nicht. Der gebotene Überblick hat die nötige Tiefe.

Neuland
Zwar gab es natürlich schon eine ganze Reihe wissenschaftlicher Abhandlungen zu Einzelthemen vor diesem Buch von Olusoga. So weit ich weiß, ist dieses Buch aber die erste substanzielle populärwissenschaftliche Gesamtdarstellung. Also ein bahnbrechender aktueller Klassiker.

Erhellend
Mir war nicht bewusst, wie systematisch die britische Geschichtsschreibung um das Verhältnis zu den Black British bereinigt wurde und wird. Dass die Plantagen im britischen Nordamerika und in der Karibik ihren wirtschaftlichen Erfolg der Sklavenarbeit verdankten, wurde in weiten Teilen z.B. der Literatur nicht angesprochen (siehe Jane Austens „Mansfield Park“!). Dass im ersten Weltkrieg viele Black British Soldaten mitkämpften, konnte man auf der Siegesparade nicht erkennen: Sie durften nicht mit dabei sein.

Die Resistenz der Vorurteile
Nicht zuletzt bringt Olusoga bedrückend viele Belege dafür, dass die Menschheit nicht recht lernt. Wenn es um den eigenen Vorteil geht oder einfach nur eng wird, kommt dem Menschen jede Minderheit immer gerade recht. Wenn diese Minderheit dann auch noch wegen ihrer Hautfarbe auffällig ist, hat sie erst recht Pech gehabt. Und Vorteile können gar nicht so dumm, so böswillig und so widerlegt sein, als dass sie nicht weiter Verwendung und Zustimmung finden.

Ein gutes Buch für Menschen, die mehr wissen wollen und Aufklärung schätzen.

Hut ab übrigens vor Großbritannien: Die BBC hat sogar eine Fernsehserie zu diesem Buch gedreht. Allerdings: Auf DVD gibt es sie leider nicht.

Die Suche nach Glück: Eine Geschichte. Darrin McMahon

Ein wichtiges Buch für die heutige Zeit: Die Suche nach Glück. Oder im englischen Original: „The pursuit of happiness: A history from the Greeks to the present“. Passend zum Thema die Kurz-Einschätzung der New York Times: „A delight to read“.

Einfach ist es offenbar nicht mit der Glücksuche, das zeigt bereits der Umfang des Buchs mit seinen 480 Seiten, bis man die Danksagungen erreicht hat.

Das Buch ist kein Ratgeber der Kategorie „100 Tipps für ein glückliches Leben“ oder „Der Weg zum Glück des Dalai Lama“. Es versteht sich als historischen Abriss über den Begriff des Glücks von den Griechen der Antike bis in die heutige Zeit. Dabei beschäftigt es sich ausschließlich mit dem Glücksbegriff der westlichen bzw. christlichen Tradition, fast ausschließlich aus Perspektive der Philosophie. Diesem historisch-philosophischen Anspruch wird es gerecht – womit sich auch die vielen Seiten erklären – und führt nebenbei die Ratgeber ad absurdum: Es gibt offensichtlich kein Patentrezept für das Glück. Zumindest im Westen. Was unglücklich ist.

McMahon, aktuell Professor für Geschichte am Dartmouth College in den Vereinigten Staaten, spannt einen weiten Bogen. Einige Beispiele:

McMahon beginnt in Griechenland mit Herodot und der Anekdote von Krösus, der von Solon wissen möchte, wer der glücklichste Mensch ist, in der sicheren Erwartung, dass das er selbst ist (weil super-reich und mächtig mächtig, man kennt das ja). Solon tut ihm den Gefallen nicht und nennt drei andere. Glücklich in der Formulierung McMahons: „All three successfully negotiated life’s perils while they lived, and then died with honor at the moment of their greatest glory.“ Vor dem Lebensende ist keiner glücklich zu nennen. Auf den Tod kommt es an.

Beeindruckend und verstörend die frühchristliche Erzählung von Perpetua und Felicitas, die sich dank ihres Glaubens mit seligem Lächeln auf den Weg zum Märtyrertod machen. Das irdische Leben ist nicht wichtig, das Glück liegt im Jenseits.

Der Ansatz, dass man auch auf Erden glücklich sein kann, ja sogar soll, erreichte das Christentum erst mit der Renaissance. Dann weitete sich das irdische Glück nach und nach aus. Die Verbindung mit tugendhaftem Handeln und sozialer Verantwortung wurde schwächer, „Glück“ wurde quasi zu einer neuen Gottheit, wobei „Spaß“ sich zur wichtigsten Komponente entwickelte. Auf die Spitze getrieben ist diese Entwicklung mit ihren schrecklichen Konsequenzen literarisch in „Schöne neue Welt“ von Aldous Huxley.

Manche Kapitel des Buchs sind etwas mühsam zu lesen wie zum Beispiel das über Friedrich Nietzsche. Zum Glück ist das aber die Ausnahme. McMahon hat ein recht großes Geschick, auch etwas schwierige philosophische Ansätze verständlich und greifbar zu machen.

Erfreulich auch, dass er immer wieder auch für mich überraschende Autoren, Erkenntnisse, Facetten einbaut. Darwin und Freud zum Beispiel hatte ich selber nicht auf dem Zettel als wesentliche Treiber der Entwicklung des Glücksbegriffs. Und die Verbindung von Eigentum und Glück in der amerikanischen Unabhängigkeitserklärung war mir nicht klar.

Vielleicht zum Abschluss noch etwas ausführlicher das Verdikt der New York Times: „From Herodotus and Aristotle through Locke and Rousseau down to Darwin, Marx and Freud  (…) The musings on happiness of these and dozens of lesser thinkers are lucidly presented in fine, sturdy prose that is (…) a delight to read.“

Tod im weißen Häubchen. P.D. James

„Tod im weißen Häubchen“, was für eine peinliche Titelübersetzung….. Ob sich Krimis mit solchen eher spießig-dümmlichen Titeln tatsächlich im deutschsprachigen Raum besser verkaufen? Oder ob sich die Verlage für irgendetwas heimlich rächen wollen? Auf Englisch heißt dieser 1971 erschienene Roman von P.D. James „Shroud for a nightingale“ – „Leichentuch für eine Nachtigall“. Warum wäre das nicht gegangen?

Erstaunlicherweise hat sich dieser Blog, der ja durchaus viele Krimis und ihre Autoren bespricht, bisher nie mit P.D. (Phyllis Dorothy) James befasst. Dabei zählt sie, geboren 1920, gestorben 2014, zu den klassischen englischen Autoren klassischer englischer Krimis mit Fokus auf gut konstruiertem Plot, stimmigen Charakteren und echter Detektivarbeit, bei denen auch der Leser eine Chance hat, den Mörder/die Mörderin zu enttarnen. Wichtig für James: Sie hat sowohl für den britischen National Health Service als auch für das Innenministerium, Schwerpunkte Forensik und Polizeibehörde, gearbeitet. Diese Erfahrungen spiegeln sich immer wieder in ihren Romanen und lassen sie oft sehr authentisch wirken. Eine gute Darstellung über James‘ Leben und Werk findet sich – wie so oft – im britischen Guardian. Ebenfalls zu empfehlen der ausgezeichnete Nachruf im ebenfalls britischen Economist.

„Shroud for a nightingale“ ist einer der besten Krimis von James. Nicht nur ist der Plot wirklich ausgezeichnet konstruiert mit einer überraschenden Auflösung zum Schluss (auf die man aber hätte kommen können). Besonders bemerkenswert sind die Charaktere: Das gute Dutzend der Hauptpersonen wird sehr sorgfältig, stimmig und dreidimensional beschrieben. Alle, inkl. Täter/in werden als menschliche Personen greifbar und nachvollziehbar. Sogar die wörtliche Rede ist jeweils spezifisch auf den Charakter abgestimmt. Der Krimi ist spannend: wenn auch nicht so, dass man es nicht mehr aushalten kann. Er ist unheimlich: englischer Winter, Sturm, Nacht und Nebel. Und er ist ironisch: hochachtungsvolle Referenzerweisung ist offenbar nicht die Sache von James.

Ein Beispiel für den Stil von James:
„(…) Alderman Kealey looked as perky as a terrier. He was a ginger-haired, foxy little man, bandy as a jockey and wearing a plaid suit, the awfulness of its pattern emphasized by the excellence of its cut. It gave him an anthropomorphic appearance, like an animal in a child’s comic; and Dlagliesh almost expected himself shaking a paw.“
 

Wer’s noch nicht gelesen hat, sollte dies bald nachholen. Oder die gute Verfilmung von 1984 mit Roy Marsden als Adam Dalgliesh anschauen, die sich sehr eng ans Buch lehnt (mit Ausnahme von Marsden, der nicht recht an die Beschreibung des Ermittlers im Buch heranreicht….). Oder beides.