Power, pleasure and profit: Insatiable appetites from Machiavelli to Madison. David Wootton

Vor wenigen Tagen habe ich bereits ein Buch von David Wootton in diesem Blog besprochen. Damals ginge es um die Revolution in den Naturwissenschaften im 17. Jahrhundert. Ich war sehr beeindruckt. Davon angeregt habe ich ein weiteres Buch von Wootton gelesen. In ihm geht es darum, wie sich im Zuge der Aufklärung das Denken darüber völlig verändert hat, was wichtig ist für den Menschen. „Pleasure“, das Glück oder das Wohlbefinden, steht auf einmal ganz oben. Anders gesagt: Eigennutz ist das Maß der Dinge. Diese Änderungen im Denken sind aktuell weiter gültig und haben dazu beigetragen, dass die Welt heute so ist, wie sie ist.
News – David Wootton

Vorher: Tugend oder gottgefälliges Handeln

Früher war alles anders. In der Antike war Tugend wichtig. Selbst wenn man als Anhänger Epikurs eher spaßorientiert an das Leben heranging, war das Ideal Gleichmut. Gottgefälliges Handeln stand hoch im Kurs, besonders mit dem aufkommenden Christentum.

Seit der Aufklärung: Eigennutz

Dann kam die Aufklärung. Ganz vorne dabei Thomas Hobbes. Sein Verständnis: Der Mensch maximiert immer sein Glück oder sein Wohlbefinden. Er minimiert sein Unglück oder sein Leiden. Der Mensch strebt nach – im Original – „pleasure“. Hilfreich dabei sind Macht und Vermögen – im Original „power“ und „profit“. Die Vernunft – „reason“ – steht dabei nicht oben in einer Pyramide, sondern sind ist ein Instrument. Die Vernunft hilft dabei auszurechnen, was unter dem Strich am meisten Glück oder Wohlbefinden abwirft. Tugend oder gottgefälliges Handeln stehen nicht mehr hoch im Kurs. Es ist grundsätzlich nichts gegen sie zu sagen, solange sie das Wohlbefinden, den Eigennutz, fördern.
Thomas Hobbes: A grim portrait of human nature

Das Dreigestirn „power, pleasure and profit“ hat dabei eine besondere Eigenschaft gemein. Man kann sie jeweils maximieren. Sie sind zwar relativ, aber letztlich nicht endlich. Es geht immer noch mehr. Man kann sich immer weiter strebend bemühen. Noch mehr, noch reicher, noch mächtiger. Und die unsichtbare Hand von Locke hilft mit Umweg über Leibniz und Voltaire auf geheimnisvolle Art und Weise dabei, dass immer alles gut wird („Tout est au mieux dans le meilleur des mondes possibles.“).

Das Buch als Essay-Sammlung

Wootton beschreibt diese Revolution des Denkens über den Menschen in seinem Buch in einer Reihe von Essays, die er aus Vorlesungen entwickelt hat. Seine Kapitel:

  • „Insatiable appetites
  • Power: (mis)reading Machiavelli
  • Happiness: words and concepts
  • Selfish systems: Hobbes and Locke
  • Utility: in place of virtue
  • The state: checks and balances
  • Profit: the invisible hand
  • The market: poverty and famines
  • Self-evidence“.

Das Thema ist offensichtlich wichtig und interessant. Die Nutzung seiner Vorlesungen pragmatisch und effizient. Leider wird daraus kein einheitliches, durchgängiges, gut lesbares Buch. Wootton verliert sich oft in Details unter Verlust eines roten Fadens. Er schreibt eher für Wissenschaftler, die „ihre“ Autoren in- und auswendig kennen. Auch vor Wiederholungen ist er nicht gefeit.

Schade aus meiner Sicht auch zwei weitere Aspekte:

  • Hilfreich würde ich es finden, auch zu untersuchen, wie (und ob) durch diese Revolution im Denken auch konkret das Handeln der Menschen anders wurde. Nicht jeder hat ja damals Hobbes, Hume, Locke und Smith gelesen. Etwas Sozialgeschichte wäre gut.
  • Wootton problematisiert das egoistische, individualistische Denkmodell der Aufklärung durchaus. Er spricht von einem „eisernen Käfig“. Toll wären zusätzlich einige Gedanken seinerseits gewesen, wie man da wieder heraus kommt oder wie man es ändern muss, damit die negativen Konsequenzen weniger werden, oder ob darüber schon anderweitig nachgedacht wird.

Wenn es schon keine Empfehlung für das Buch insgesamt ist – und zum Glück stehe ich da nicht ganz allein…. – zur Eigennutz-Steigerung empfehle ich aber dem Leser (und natürlich der Leserin) doch die Kapitel „Insatiable appetites“, „Happiness“ und „Utility“, zusätzlich zur Einleitung. À la bonheur!

Die Erfindung der Naturwissenschaften. David Wootton

Lieber nicht lesen?

Die Penguin-Ausgabe zählt 769 Seiten. Obendrein in Englisch, da sich noch keiner an eine Übersetzung herangewagt zu haben scheint… Rezensenten verwenden Begriffe wie „truly learned“, „deeply erudite“, „in (…) convincing detail“, „masterly account“, „magisterial“. Die Erwartung ist völlig klar: David Woottons Buch über die Erfindung der Naturwissenschaften – „the invention of science“ – ist nur etwas für die ganz und gar Hartgesottenen unter den Lesern (und Leserinnen), mit einer Menge Zeit, guten Nerven, Durchhaltevermögen. Viele Details. Viele Zitate. Viele Fußnoten. Viel zu viel.
Cundill Prize 2016 Finalist David Wootton - YouTube

Oder doch?

Und doch, da gibt es noch die anderen Schlagworte: „marvellous“, „fresh and compelling“, „gripping“, „to savour, to enjoy and to remember“, „beautifully written“. Also doch zumindest ein Hauch von Lesespaß zwischen all dem akademisch Beschwerten? Oder vielleicht sogar – verwegener Gedanke – vor allem ein Lese- und Denkspaß?

Gekauft habe ich den Wälzer, weil er mir empfohlen wurde. Dicke Bücher schrecken mich nicht. Außerdem lese ich sehr gerne Bücher von Simon Schama. Und der ist auch ganz unverschämt wissensschwer und bildungseitel.
Rhodri Marsden's Interesting Objects: Kepler's model of the ...

Schama und Wootton: Vielwisser, Querdenker, Welterklärer

Apropos Schama. Der Vergleich ist nämlich gar nicht schlecht. Beide Autoren, Schama und Wootton, haben neben ihren Belesenheit vier Dinge gemeinsam: Sie denken erstens offensichtlich gerne, meistens selbst und bevorzugt quer. Sie schaffen es zweitens, in all den Details Strukturen, Muster, Linien zu entdecken, die so intuitiv und so frappierend sind, dass einem gelegentlich der Mund offen steht, um mit dem Denken nachzukommen. Drittens sind sie keine Fachidioten, sondern stellen fachübergreifend immer mehrere Disziplinen zueinander in Bezug. Zuletzt, viertens, schreiben beide viel.  Für ihre Bücher braucht man meist eine Stütze und eine Transporthilfe. Andererseits: Warum kurz, wenn man soviel Interessantes und Neues zu sagen hat?

Also dann doch: Die Erfindung der Naturwissenschaften

Ich möchte gar nicht den Versuch machen, das Buch zusammenzufassen oder einige Inhalte exemplarisch hervorzuheben. Es ist tatsächlich eine exzellente Darstellung, wie, wodurch und durch wen im Zeitraum von 1572 (Tycho Brahe sieht eine Nova, einen neuen Stern) bis 1704 (die „Opticks“ von Newton werden veröffentlicht) eine Revolution der Naturwissenschaften stattfindet. Wie diese Revolution zugleich eine Art zu Denken und ein Vokabular einführt, das wir heute noch, völlig selbstverständlich, genauso verwenden. Wie letztlich unsere heutige Moderne entsteht. Dabei wird mit Vorurteilen, Selbstverständlichkeiten, Denkfehlern aufgeräumt, dass es einem ganz luftig im Kopf zumute wird. Trotz all der Details, die einem in demselben herumschwirren.
Image - Tycho Brahe in his observatory at the Castle of Ur

Mein Fazit

Toll. Die Zeit, dieses Buch zu lesen, sollte man sich nehmen. Man bekommt fast ein wenig Hochachtung vor dem Menschen und seinen geistigen Fähigkeiten, so mangelhaft sie auch sind, und versteht sich selbst und seine Umwelt hinterher besser. Mehr kann man von einem Buch doch eigentlich nicht verlangen, oder?

Etwas zu lesen zum Schluss

Ach so, vielleicht doch noch ein, zwei Zitate.

Eines von Descartes:
„Right understanding [unser Common Sense oder der gemeine Menschenverstand] is the most equally divided thing in the World; for every one beleeves himself so well stor’d with it, that even those who in all other things are the hardest to be pleas’d, seldom desire more of it than they have.“

Das andere von Wootton:
„(…) clocks provided an inpersonal mechanism for the coordination of community services (the saying of the offices in monasteries and cathedrals, the opening and closing of markets in town and cities). Egalitarian communities (cities, monasteries and cathedral chapters all chose their leaders through elections) are governed by the clock, while despotisms are not; clocks were given prominent, public places in monasteries, cathedrals and town halls, but they were slower to establish themselves in royal palaces. (…) These factors (…) were absent in China, and hence the Chinese admired clockwork but had no use for it.“
Daran kann man denken, sobald der eigene Chef (oder die eigene Chefin) einem den Terminplan ruiniert.
100 Years Carnegie: Newton: the Crucial Experiment

George Stubbs and the wide creation. Robin Blake

Bei einer Umfrage in Deutschland nach britischen Malern würde George Stubbs bestimmt weder gestützt noch ungestützt tolle Werte bekommen. In England sieht das schon besser aus, aber auch hier taucht er wahrscheinlich nicht unter den Top10 auf (auch wenn Jonathan Jones in seiner neuen Geschichte der britischen Kunst in sogar aufs Cover hebt! – siehe unseren Blogbeitrag).

George Stubbs – Tiermaler par excellence

Diese Beobachtung ist für George Stubbs, *1724, † 1806, durchaus typisch sogar zu seinen Lebzeiten.

Einerseits war er unter ferner liefen. Die Sujets, die er häufig malte, fallen in die Kategorie „Sonderinteressen“, meistens Tiere, vor allem Pferde. „Horse painter“ würden viele Engländer wahrscheinlich spontan über ihn sagen. Dabei hat er auch andere Tiere gemalt, Zebras, Nashörner, Affen, Kängurus und Elche.
Rhinoceros | Art UK Government puts export ban on George Stubbs' kangaroo and dingo ...Amazon.com: George Stubbs A Zebra, 1763 90x72 [Kitchen]: Prints ...
Das bringt einen natürlich nicht nach vorn in den Charts. Vorn, dort fand man im 18. Jahrhundert Historienmaler oder auch Porträtisten, die Maler der Großen, der staatstragenden Kunst, Maler wie Joshua Reynolds oder Thomas Gainsborough. Geholfen hat bestimmt nicht, dass Stubbs immer bodenständig war, pflichtbewusst, zurückhaltend. Kein Mann der Fassade mit überbordendem Sendebedürfnis und Sendungsbewußtsein.

Andererseits war er schon der Beste. George IV., als er noch Prinzregent war und George Augustus hieß, beauftragte Stubbs. Der sonstige Hochadel, angemessen stolz auf seine Pferdezucht und die hochdekorierten Rennpferde , kam um ihn nicht herum. In der Society of Artists, einem Vorläufer und dann Konkurrenten  der Royal Academy, war er eines der prominentesten Mitglieder. Und immerhin, eines seiner Gemälde, „Gimcrack mit einem Reitknecht auf Newmarket Heath“ erzielte bei einer Auktion den Preis von 48 Mio. $. Nicht schlecht für einen Tiermaler.
Gimcrack mit einem Reitknecht auf Newmarket Heath (George Stubbs)

Robin Blake – sensibler Biograph mit Augenmaß

Mit Robin Blake hat Stubbs endlich den richtigen Biographen gefunden. Er versteht etwas von Kunst – eine seiner anderen Biographien behandelt Anthony van Dyck. Rennpferde sind ihm eine Herzensangelegenheit. Er kann schreiben: Es ist beeindruckend, wie Blake immer wieder Dinge auf den Punkt bringt und mit wie wenigen Strichen er Atmosphäre und Charaktere schafft. Und er forscht gerne: Unter anderem ist es Blake gelungen, beim Durchstöbern von Kirchenbüchern herauszufinden, dass Stubbs bereits in jungen Jahren geheiratet hat, was vorher keiner bemerkt zu haben scheint.
Biography

Kleine Anmerkung zwischendurch: Die Ausgabe seiner Stubbs-Biographie von Ramdom House ist eigentlich ein Skandal und hat Blake nicht verdient. Selten habe ich Illustrationen so erbärmlicher Druckqualität gesehen. Ich frage mich tatsächlich, ob die sich etwas dabei gedacht haben?!

Anatomische Studien an Pferden

Schwer zu vergessen ist Blakes Schilderung davon, wie Stubbs von 1756 – 1759 in Horkstow, einem kleinen Ort in Lincolnshire, anatomische Pionierarbeit an Pferden leistet. Mit seiner Lebensgefährtin und Haushaltsperle – damals noch keine 20 Jahre alt – wuchtet er gemeinsam Pferdeleichen ins Obergeschoss, hängt eine faszinierende Vorrichtung an die Decke, um darin das Pferd in lebensechte Position zu bringen. Der Grund? Sicherlich Neugier, aber auch das Grundbedürfnis, so naturgetreu wie möglich zu malen. Und dafür muß man halt die Natur studieren. Gründlich. So wie schon Leonardo da Vinci, der in dieser Beziehung in Stubbs einen Nachfolger gefunden hat.
The first anatomical table of the skeleton of the horse by George ...

Stubbs, Erasmus von Rotterdam, Humbletonian und Herakles

Zuletzt möchte ich noch versuchen, eine Verbindung zwischen diesen etwas disparaten Namen herzustellen.

Erasmus von Rotterdam brauche ich, weil ich über ihn meinen letzten Blogbeitrag geschrieben habe (und weil er überhaupt nichts mit Stubbs gemein hat). Erasmus hat sich – unbescheiden wie er war – ganz gerne mit Herakles vergleichen. Seine extrem zeitaufwändige und nervenaufreibende Herausgeber-Arbeit an den Werken des heiligen Hieronymus hat er daher mit dem Begriff „die Mühen des Herakles“ bezeichnet.

Stubbs brauche ich natürlich auch, denn um ihn geht es hier. Blake berichtet über ihn: „Stubbs’s attachment to Hercules was great and long-lasting.“ Auch hat Stubbs drei große, leider verschollene, Gemälde mit dem griechischen Halbgott gemalt.

So weit, so gesichert.

Spekulativ wird es jetzt. Stubbs hat ein schon damals sehr umstrittenes Bild gemalt. Es zeigt eines der berühmtesten Rennpferde seiner Zeit – Name: Humbletonian – unmittelbar nach dem Gewinn eines der berühmtesten Pferderennen überhaupt. Das Bild ist so umstritten, weil Humbletonian erschöpft gezeigt wird, völlig erledigt nach einem Galopprennen über vier Meilen. So malt man keine Helden.
Hambletonian', Rubbing Down | Art UK

Humbletonian ist so erschöpft wie ein anderer Held, wie Herakles in einer der berühmtesten Skulpturen der Antike, dem Herakles Farnese. Er kann nicht mehr nach seinen zwölf Heldentaten, den Mühen des Herakles. Ein Kraftprotz, der nicht mehr kann und nicht mehr will und der vielleicht auch nicht weiß, wofür das alles gut gewesen ist.
Farnese Hercules | Hendrick Goltzius | 17.37.59 | Work of Art ...

Und damit hat sich der Kreis geschlossen.
George Stubbs – Wikipedia

Erasmus, man of letters: The construction of charisma in print. Lisa Jardine

Erasmus von Rotterdam (* um 1467, † 1536) zählt auch heute noch zu den bekanntesten Persönlichkeiten der nordeuropäischen Renaissance und des europäischen Humanismus. Er ist das Paradebeispiel eines Gelehrten, uneigennützig, rein an der Sache orientiert, immer auf der Suche nach Wahrheit. Trotz seines Namensanhängsels „von Rotterdam“ ist er einer der ersten Europäer (während sein Zeitgenosse Luther klar als Deutscher einsortiert werden würde). Ein europäisches Studentenaustauschprogramm ist nach ihm benannt. Auch Universitäten und viele Schulen tragen seinen Namen. Und damit sind alle Häuser, Brücken, Straßen, Plätze, U-Bahn-Linien, ICEs …. noch nicht einmal erwähnt.
Erasmusbrücke

Das Buch von Lisa Jardine, ehemals Professorin für Renaissance-Studien in Großbritannien, aber leider im Jahr 2015 verstorben, geht der Frage nach, wie Erasmus eigentlich zu seinem guten Ruf gekommen ist.
Lisa Jardine: Tributes after renowned historian dies - BBC News

PR-Profi des Humanismus

Ihre Erkenntnis: Erasmus hat sich offenbar sehr bewusst darum gekümmert, genau den Ruf aufzubauen, den er heute hat. Modern formuliert: Erasmus war ein ausgeprägter PR-Profi in eigener Sache.

Einige Aspekte von Jardines Buch sind zum Glück recht gut nachvollziehbar, auch ohne Experte zu sein, Latein zu beherrschen und ihr Buch zu lesen.

Die Porträts: Erasmus als neuer Hieronymus

Jardine macht überzeugend deutlich, dass nicht der jeweilige Künstler – Metsys, Holbein oder Dürer – entschieden hat, in welcher Pose, mit welchen Gegenständen, vor welchem Hintergrund und mit wem Erasmus abgebildet wird, sondern Erasmus selbst. Besonders auffällig dabei ist, wie sehr die Porträts sich an der Ikonographie des Heiligen Hieronymus orientieren (wobei Erasmus – siehe seine Kleidung – schon mehr Wert auf teure Kleidung legt als sein Vorbild, dafür aber auf Totenkopf und Löwen verzichtet….)
Erasmus von Rotterdam – WikipediaHieronymus oder die Kunst des Übersetzens | Gymnasium Leoninum Handrup

Hieronymus war nicht nur ein christlicher Kirchenvater und Asket, sondern durch seine Übersetzung der Bibel ins Lateinische – die Vulgata – auch ein Gelehrter. Er beherrschte Latein, Griechisch und Hebräisch. Außerdem hat er intensiv Textkritik betrieben und versucht, dem ursprünglichen Bibeltext möglichst nahe zu kommen. Und nicht zuletzt ist Hieronymus für seine Briefe berühmt.

Durch die Porträts präsentiert sich Erasmus quasi als neuen Hieronymus. Er stellt sich als würdigen, gleichwertigen Nachfolger in eine lange Tradition von christlichen Gelehrten überregionaler Bedeutung, die sich mit der Herausgabe und Übersetzung zentraler Texte der Antike und der christlichen Tradition beschäftigen.

Die Briefe: Das Epizentrum der europäischen Macht- und Geisteswelt

Neben all seinen anderen Schriften und Textausgaben sind die weit über 2000 erhaltenen Briefe von und an Erasmus von überragender Bedeutung. Wer immer während seiner Lebenszeit auch nur ansatzweise VIP-Status hatte, bekam Post (und antwortete anscheinend auch oft). Martin Luther, Heinrich VIII., Papst Leo X. und viele, viele mehr: Sie alle sind mit dabei.

Diese Briefe waren ihm wichtig. Er reagierte allergisch, wenn jemand anderes ohne sein Einverständnis sie veröffentlichte. Gleichzeitig kümmerte er sich selbst akribisch darum, dass die richtigen Briefe in der für ihn richtigen Abfolge erschienen.
La Maison d'Érasme - Portraits d'Erasme

Damit positionierte sich Erasmus als supervernetzt im, Europa des 16. Jahrhunderts. Alle von Rang und Namen finden ihn offenbar toll, alle bitten ihn um Rat, ohne ihn geht praktisch nichts, jedenfalls nichts Wichtiges.

Hübscher Nebeneffekt dabei: Erasmus stellt sich wieder in eine lange Tradition bis in die Antike. Seine Briefe werden in einem Atemzug genannt mit denen von Cicero, Plinius, Libanios und – siehe oben – dem Heiligen Hieronymus.

Das Buch von Jardine: eher für Spezialisten

Für das breite Publikum hat Jardine sicherlich nicht geschrieben. Durchhaltevermögen, Lateinkenntnisse und Spaß an komplexen Nominalkonstruktionen im Englischen sind wichtig. Oder anders formuliert: Stilistisch kommt Jardine bei weitem nicht an Erasmus heran.
Erasmus, Man of Letters: The Construction of Charisma in Print by ...

Dennoch, gerade ihre Kapitel über die Porträts und die Briefe sind recht gut zugänglich und sogar mitunter fast spannend geschrieben. Nicht umsonst und zurecht ist das Buch – ursprünglich 1993 erschienen – 2015, kurz vor Jardines Tod, noch einmal neu aufgelegt worden.

Sensations: The story of British art from Hogarth to Banksy. Jonathan Jones

Dieses neue Buch von Jonathan Jones kommt so frisch von der Druckerpresse, dass man beim Lesen aufpassen muss, keine Druckerschwärze an die Finger zu bekommen: „Sensationen“. Das Cover passt zum Titel, ein springendes Pferd wie im Zirkus, es schaut im Sprung nach rechts und blickt dem Leser (oder natürlich der Leserin) direkt in die Augen.
Whistlejacket - Wikipedia

Jonathan Jones ist nicht neu in diesem Blog. Sein Buch über das Liebesleben von Künstlern der Renaissance und dessen Auswirkungen auf deren Kunst haben wir schon besprochen.

In diesem Buch wagt er sich an ein erheblich größeres Thema, eine Geschichte der britischen Kunst seit Hogarth. Da braucht man neben fundierter Kenntnis auch einen langen Atem; darf sich nicht in Details verlieren, aber gleichzeitig auch nicht zu sehr an der Oberfläche verharren. Auch andere (und bekanntere) Autoren haben sich daran schon verhoben. Der einzige, den ich kenne, der dies bisher geschafft hat, war ein deutsch-britischer Kunsthistoriker, Nikolaus Pevsner, mit seinem Buch „The Englishness of English art“.
Viewing “Mr. Turner” | Vissi d'arte

Vermutlich um sich nicht zu verirren, konzentriert sich Jones darauf, eine Hypothese zu verfolgen:
„In this book I will argue that the greatest British art, from Stubbs to Freud, expresses this empirical and sensationalist theory of knowledge. All the greatest artists in the story that follows – with one brilliantly provocative exception – made it their business to look with open eyes at raw fact.“

Eine zweite Hypothese folgt daraus: Vor der wissenschaftlichen Revolution in England kann es keine große britische Kunst gegeben haben. Jones:
„(Zur Zeit von Hogarth) there was no British art worlds to move up in. There were barely any British artists in the modern sense of the world – and no famous ones, let alone geniuses whose works live in history. How many people can name a British-born artist who worked before the 1700s? Art, for the British upper classes, was essentially something that came from abroad.“

Im großen und ganzen gelingt es Jones, seine Hypothesen zu bestätigen. Außerdem sind sie allemal interessant und anregend genug, um über die eigenen Kenntnisse britischer Kunst nachzudenken. Jones‘ Highlights der britischen Kunst: Hogarth, Gillray, Wright of Derby, Constable, Turner, Bacon, Freud. Wenn diese sieben Namen eine Hügelkette bilden, dann sind Hogarth, Turner und Bacon ihre höchsten Erhebungen. Richtig schlecht wegkommen: die Präraffaeliten und die Young British Artists, wie sie von Saatchi popularisiert worden sind.

Jones ist immer stark, wenn es darum geht, einzelne Werke in Ruhe und bei eingeschaltetem Verstand anzuschauen und auf sich wirken zu lassen. Seine Bildbeschreibungen sind sorgfältig und ausgesprochen sensibel. Er bringt Bilder völlig nachvollziehbar und geradezu intuitiv auf einen Punkt, auf den man selber nicht gekommen wäre. Wirklich große Klasse.
Micrographia under the microscope – University of Glasgow Library Blog

Die britische Kunstgeschichte gelingt Jones bis Francis Bacon. Danach reißt der Faden etwas ab. Vielleicht weil die Gegenwart immer zu präsent und vielteilig ist? Oder weil ihm die Zeit ausging? Oder weil er einen großen Teil der zeitgenössischen britischen Kunst für wenig gelungen hält? Auf jeden Fall wird Jones zum Schluss eilig und hektisch, hetzt von Namen zu Namen, verliert sich im Beliebigen. Das ist nicht Seins, er braucht die Ruhe und die Distanz.

Aber alles bis Francis Bacon sollte man lesen. Dann bekommt man einen neuen, etwas anderen Blick auf die britische Kunst.
„What have a pickled shark, a painted horse and a giant louse got in common?“
Dieses Buch gibt die Antwort.

Die Toten von Jericho. Colin Dexter

Worum es in diesem Beitrag nicht geht

Eigentlich geht es mir gar nicht um diesen speziellen Krimi. „Die Toten von Jericho“ – auf English „The dead of Jericho“ – erschien 1981 als fünfter Roman in der Inspektor Morse-Reihe von Colin Dexter. Er ist vielleicht nicht der beste der insgesamt 13 Morse-Romane. Die Auflösung zieht sich zum Schluss arg in die Länge, so dass die Spannung dadurch abgelöst wird, dass man als Leser auch mal etwas genervt wirken kann. Aber genervt ist Morse ja auch öfter einmal. Da hilft dann ein Bier. Oder auch zwei.
Colin Dexter.jpg

Es geht mir auch nicht darum, mich über Dexters Spaß an Sprache zu freuen, auch wenn Passagen wie:
„‚Michael, is it?‘
‚No, I’m Ted.‘
‚Oh, yes. Is your mother in, Ted?‘
‚No, she’s gone to the hospital. It’s Michael'“
oder alliterative tour-de-force-Formulierungen wie:
„A lovely female firmly sunk in fathoms of leisure“
sicherlich des Zitierens wert sind.

Statt dessen möchte ich mutig eine neue (?) Hypothese in die Welt setzen. Mal schauen, was daraus wird.

Neue Hypothese in der Literaturwissenschaft

Nahe gelegt wird meine Hypothese – ich sage aber noch nicht, wie sie lautet – dadurch, dass Dexter in Cambridge (nicht Oxford! Dexter wusste, was gut ist) Klassische Philologie studiert hat: Abschluss Magister vom Christ’s College im Jahr 1958.
Auf die Idee gekommen bin ich vielleicht, weil ich gerade neulich in diesem Blog ein Buch besprochen habe, dass sich mit Homer und seiner Odyssee beschäftigt.

Meine Hypothese daher:
Dexter hat sich, als er seine Morse-Krimis schrieb, von Homer und seiner Odyssee inspirieren lassen.

Oxford ist damit sozusagen das Mittelmeer Großbritanniens…
Oxford academics honoured by the Royal Society | University of Oxford

Morse – Irrfahrten eines modernen Odysseus in Oxford?

Meine Evidenz?

  • Morse ist schon irgendwie ein moderner Odysseus. Wie der Sagenheld hat Morse drei ausgeprägte Neigungen: den Konsum alkoholischer Getränke, das Lösen von Rätseln, Frauengeschichten ohne Happy End. Wie Odysseus wirkt Morse so, als habe er sein Zuhause, seine Heimat verloren. Außerdem ist er eitel, überheblich, listenreich, aber irgendwie auch sympathisch – so wie sein antikes Vorbild.
  • Lewis, der Sergeant, der Morse in seinen Fällen begleitet, ist ein wenig wie Telemachos, noch etwas grün hinter den Ohren, etwas unbeholfen. Morse ist für Lewis eine Art Vaterfigur, wie Odysseus für Telemachos.
  • In der Odyssee (wie in der Ilias) gibt es die sogenannten „geflügelten Worte“ (auf griechisch: ἔπεα πτερόεντα), sie wiederholen sich häufiger in beiden Werken. Dexter verwendet sie ebenfalls gerne am Anfang von Kapiteln und legt ebenfalls wenig Wert darauf, sich nicht zu wiederholen. Zitate z.B. aus Oscar Wilde, Shakespeare oder dem Oxford English Dictionary (insbesondere: „Alibi: (L. ‚alibi‘, elsewhere); the plea in a criminal charge of having been elsewhere at the material time“) werden immer wieder recycelt.
  • Die Art und Weise, wie Morse seine Fälle löst, gleicht in jedem Krimi einer Irrfahrt. Er liegt so oft daneben, dass ein Vergleich mit den auch nicht immer ruhmreichen Abeneuern der Odyssee – Skylla und Charybdis, Laistrygonen, … – gar nicht abwegig scheint.
    Lateingruppe besucht Aufführung von „Odyssee – Ein Stück (über ...

Und außerdem ist Dexter mit Morse sicherlich ein Klassiker der Kriminalliteratur geglückt, wie auch Homers Odyssee zweifellos ein Klassiker der Weltliteratur ist (allerdings heutzutage weniger häufig gelesen….).

Die Ausarbeitung der weiteren Details meiner Hypothese überlasse ich gerne den Wissenschaftlern.

Vorhang. Agatha Christie

Agatha Christie setzt in ihren Krimis eine ganze Reihe von Detektiven ein. Tuppence & Tommy kennen nicht so viele, Parker Pyne noch weniger. Miss  Marple und Hercule Poirot dagegen sind mindestens so bekannt wie Sherlock Homes. Während Miss Marple bei Christie über alle Krimis hinweg nicht altert, ist das bei Poirot anders. Irgendwann beginnt er, seine Haare zu färben, später trägt er eine Perücke. Und in einem Krimi stirbt er dann sogar. Dieser Krimi heißt „Vorhang“.
Curtain (Hercule Poirot, #42) by Agatha Christie

Geschrieben hat Christie diesen Roman in den 1940er Jahren. Erschienen ist er aber erst ein Jahr vor ihrem eigenen Tod, im Jahr 1975.

„Vorhang“ folgt den Regeln einer klassischen antiken Tragödie: Die Einheit von Ort und Zeit wird eingehalten, wenn man von einem kurzen zeitlich später gelagerten Nachspiel absieht. Dabei spielt der Krimi genau dort, wo Poirot schon seinen ersten Agatha Christie-Fall gelöst hat: In Styles Court. Das Personal ist überschaubar, weniger als zehn Personen. Auch passiert nicht viel. Es wird vor allem gesprochen. Und Arthur Hastings, Hercule Poirots Watson, denkt viel nach.
Curtain: Poirot's Last Case | Agatha Christie | Reprint

Der Mörder in „Vorhang“, Stephen Norton, ist schwer zu fassen. Denn er tötet nicht selbst. Er lässt töten.

Menschen haben immer wieder den Wunsch oder den Impuls, jemand anderen ums Leben zu bringen, werden jedoch im Normalfall durch ihre intrinsische moralische Instanz  doch daran gehindert. Durch psychologisch geschickte Beeinflussung gelingt es dem Mörder immer wieder, diese moralische Instanz außer Kraft zu setzen.

Der Mörder ist ein Meister seines Faches, denn er schafft dies auch beim grundanständigen Hastings – und zum Schluß sogar beim hochmoralischen Poirot, der die Tötung eines anderen Menschen für durch nichts zu rechtfertigen hält: Poirot tötet Norton. Damit ist auch ein Weiterleben Poirots für Poirot nicht mehr möglich.
Quel Natale in cui Agatha Christie uccise Poirot - Il Foglio

Norton macht – bezogen auf Individuen – genau das, was Demagogen im großen Stil machen. Es fällt nicht schwer, bei diesem in den 40er Jahren geschriebenen Krimi eine Parallele zu Hitler und dem dritten Reich zu ziehen. Interessant ist, dass Christie in „Vorhang“ die von einem Demagogen verführten Menschen letztlich entlastet. Sie waren nur begrenzt zurechnungsfähig. Interessant auch, dass Christie die Ermordung eines Demagogen, der zum Töten anstiftet, moralisch anscheinend für vertretbar, ja geradezu für notwendig hält.

Ein sehr tiefgründiger, stiller und verstörender Krimi, den man gelesen haben sollte.

Die Bücherschmuggler von Timbuktu. Charlie English

Reißerischer Einband

Bücher, Schmuggler, Timbuktu. Im Untertitel außerdem alle weiteren wichtigen Inhaltsstoffe für das junge oder jung-gebliebene, jedenfalls abenteuerlustige Leserherz: „Von der Suche nach der sagenumwobenen Stadt und der Rettung ihres Schatzes.“
Dann noch als Cover: das Foto eines Wüstenbewohners mit Manuskriptstapel und alter Truhe (wahrscheinlich auch so eine Schatzkiste…).
Mali: Islamisten zerstören Unesco-Weltkulturerbe in Timbuktu ...

Zwei Erzählstränge

Charlie English, ehemals Redakteur beim englischen Guardian, verwebt zwei Stränge zu seinem orientalischen Wunderteppich: die Geschichte der Entdeckung Timbuktus durch Europäer und die Rettung alter Manuskripte nach der Eroberung Timbuktus durch Islamisten im Jahr 2012.

Verwoben ist dabei richtig: Auf ein Kapitel Manuskriptrettung folgt jeweils eines zur Entdeckungsgeschichte, gefolgt erneut von Manuskriptrettung gefolgt von….
Beyond Timbuktu - The British Library

Dieses Verfahren kam den beiden Übersetzern, Henning Dedekind und Heike Schlatterer offensichtlich entgegen. Soweit ich es nachvollziehen kann, hat jeder einen Strang übernommen.

Gut gewählter Buchinhalt

Der Inhalt des Buchs ist gut gewählt. Der Name Timbuktu zieht immer noch  – die Entdeckungsgeschichte hat viele, nicht nur ruhmreiche Etappen mit Briten, Franzosen, Deutschen – die Eroberung und Besetzung Timbuktus durch die islamistischen Dschihadisten ist hinreichend gruselig.
Die Manuskripte binden dabei alles zusammen. Sie sind die unermesslichen Reichtümer, die die Entdecker in der Wissenschaftsmetropole Timbuktu statt Gold fanden. Sie wurden durch die Dschihadisten gefährdet und zum Teil verbrannt, während der Großteil in Sicherheit gebracht werden konnte.
Die Manuskripte sind auch für sich allein von großer Bedeutung, denn sie sind unter anderem der Beweis dafür, dass es auch in Afrika eine Schriftkultur  und eine Geschichte gab. Beides wurde diesem Kontinent von den kolonialistischen Imperialisten Westeuropas immer in Abrede gestellt und so argumentiert, dass Afrika zivilisatorisch ganz und gar unterentwickelt sei.
The fight to save the ancient texts of Timbuktu | Ancient Origins

Leider nicht so toll geschrieben

Das Buch enttäuscht aber dann doch, trotz all der guten Zutaten. Wie so oft liegt es daran, dass man nicht mit der nötigen Liebe gekocht hat. Köche gibt es drei: Den Autoren und die beiden Übersetzer. Vielleicht natürlich zusätzlich noch die Verlage (Harper Collins für die Originalausgabe, Hoffmann und Campe für die deutsche Übersetzung).

Charlie English schreibt wie ein Journalist, der sich mit dem deutlich längeren Format eines ganzen Buchs schwer tut. Alles wird zum Scoop, passend wie unpassend. Auf Spannungsbögen verzichtet er konsequent. Charaktere zu beschreiben, heißt bei ihm, Äußerlichkeiten aufzuzählen. Nicht zuletzt: Er scheint erstaunlicherweise eigentlich wenig Interesse an den Manuskripten zu haben. Für ihn hätte man sie daher wohl nicht retten müssen….

Die Übersetzer ihrerseits waren wohl in Eile oder haben sich nicht die Mühe gemacht, noch einmal über ihren Text zu gehen. Vieles liest sich wie direkt aus einer Simultanübersetzung abgetippt. Das potenziert die genannten Schwächen von English leider zusätzlich.

So fremd wie Timbuktu mutet daher das Lob des Guardian an: „Ein Meisterwerk des investigativen Journalismus. Ein kluges, fesselndes Buch.“

Dennoch….

Dennoch, zum nervenkitzel-freien Schmökern ist das Buch geeignet und man lernt etwas über die Geschichte Afrikas.
Historic books smuggled out during the siege of Timbuktu are on ...

Das Haus meiner Eltern hat viele Räume. Ursula Ott

Die Babyboomer sind zwischenzeitlich in ihren 50er Jahren angekommen. Ihre Eltern haben die 70 oder 80 überschritten. Wie und wo wohnen die Eltern am besten, damit sie möglichst lange möglichst selbstbestimmt und gerne leben? Und falls ein Umzug der Eltern ansteht: Was macht man mit dem Haus oder der Wohnung? Und mit all dem, was noch darin ist? Inklusive all der Erinnerungen? Wie geht man mit dem Älterwerden um?
Ursula Ott: Das Haus meiner Eltern hat viele Räume. btb Verlag ...

Ursula Ott, Chefredakteurin von Chrismon, nimmt sich eines wichtigen, wenn auch keines angenehmen Themas an. Sie tut dies – wie wahrscheinlich die meisten ihrer Altersgenossen – aus gegebenem Anlass. Auch bei ihren Eltern stand eine Änderung an. Da gibt es dann irgendwann keine Alternative. Handeln ist gefragt. In vielen Fällen längst überfällig. Unangenehmen Themen geht man eben lieber aus dem Weg. Die Kinder wollen nicht ran an die Sache. Und die Eltern auch nicht.

Ott schreibt niederschwellig, das ist gut. Das Buch liest sich sehr flott und anekdotisch. Tipps kommen unauffällig im Text daher. Dadurch fehlt der gehobene Ratgeberzeigefinger. Auch das hilft.

Einige wichtige Erkenntnisse für mich:

  • Ein Umzug im Alter ist dann besonders gut, wenn man ihn noch selber gestalten kann, wenn man noch fit genug ist, um sich neu einzuleben, neu anzufangen.
  • Trennungen brauchen Zeit und Geduld. Die Auflösung eines Hauses oder einer Wohnung sollte nicht maximal effizient durchgezogen werden. Schauen, nachdenken, erinnern, all das ist wichtig, für die Eltern, für die Kinder, für die Enkel.  Außerdem trennt sich jeder anscheinend anders. Es hilft also nicht, sich selbst als Maßstab für die anderen zu nehmen.

Sehr willkommen das ABC der Dinge im Anhang, das ruhig noch ausführlicher hätte ausfallen können. Wohin mit all dem, das keiner mitnehmen möchte oder kann? Hier bietet Ott eine Reihe von Adressen und Tipps, damit all das Überflüssige, aber mit Erinnerung Behaftete doch noch in etlichen Fällen eine gute Verwendung finden kann.

Also alles prima in diesem Buch?
Im großen und ganzen schon eine Empfehlung. Allerdings hätte Ott für mich gerne weniger magazin-ig schreiben können. Etwas mehr Sachbuch, etwas weniger Essay, damit noch mehr Betroffene mit den schwierigen Situationen besser klar kommen und mehr daraus machen können.

Mehr zum Älterwerden übrigens natürlich auch in diesem Blog auf einer eigenen Seite!

Älter werden ist unvermeidbar - Erwachsen werden ist optional ...

The masters. Charles Percy Snow

Für wen „The Masters“ nichts ist

Für Freundinnen und Freunde handlungsstrotzender Literatur ist „The Masters“ von Charles Percy Snow völlig ungeeignet. Auch Anhänger einer ausgewogenen Quotenregelung für die Besetzung der Hauptpersonen in Romanen werden nicht begeistert sein.

In einem College in Cambridge liegt der bisherige College-Chef – die heißen in Cambridge in der Regel Master – im Sterben. Vor diesem Hintergrund beschäftigen sich die Dozenten des Colleges – die Fellows – mit der anstehenden Nachfolge. Zum Ende des Romans ist der bisherige Master gestorben und sein Nachfolger gewählt.
Der Roman spielt noch vor dem zweiten Weltkrieg. Damals waren an den meisten Colleges alle Fellows männlich. Frauen kommen nur als Anhang vor, denn immerhin durften Fellows und Master heiraten.
Trinity College - Cambridge Colleges

Ein Meisterwerk der Psychologie

„The Masters“ gehört in die Spitzenkategorie des psychologischen Romans: Er beschäftigt sich mit dem Streben des Menschen – oder zumindest des Mannes – nach Anerkennung, Einfluss und Macht und leuchtet dabei aus, wie dieses Streben in einer überschaubaren Gemeinschaft funktioniert und was es mit dieser Gemeinschaft macht.

Die insgesamt 13 Fellows des Colleges sind sehr unterschiedlich. Noch sehr jung, schon jenseits der 80. Verheiratet mit Kindern, Junggesellen. Natur- und Geisteswissenschaftler. Akademisch distinguiert oder unbeschriebene Blätter. Sozialkompetent und in Gemeinschaft weniger versiert. Voller Ambitionen, uneitel…. Entsprechend unterschiedlich agieren sie auch für sich und miteinander.
Eine Gemeinsamkeit haben sie dabei, die wahrscheinlich für Colleges sehr typisch ist: Sie sind es gewöhnt, als Individuen ziemlich frei und unabhängig zu sein. Alle sind sie letztlich Primadonnen (womit die Quote dann doch ausgeglichen ist: 100% Männer – 100% Primadonnen….).
Diese Charaktere treffen in einer Stress-Situation aufeinander und müssen zum Wohl des Colleges zu einer Lösung kommen.

Am dichtesten an die Atmosphäre des Buches kommt übrigens der Film „Die 12 Geschworenen“ von 1957. Allerdings gibt es am College deutlich mehr und besser zu essen und zu trinken.

Der Autor: Wissenschaftler und Schriftsteller

C.P. Snow, oder korrekt: Charles Percy Snow, Baron Snow (oder auch: The Right Honourable, The Lord Snow, C.B.E.; in Großbritannien wird der Mensch ja zum Teil noch an seinem Titel erkannt), *1905, 1980, war vieles parallel. Erstens war er Physiker und Forscher (mit immerhin 20 Ehrendoktortiteln!). Am Christ’s College in Cambridge war er selbst Fellow (und wusste daher, wovon er in diesem Roman schrieb). Zweitens Manager in einem Unternehmen. Drittens Parlamentarischer Staatssekretär. Viertens wurde er auch noch adelig und durfte im House of Lords sitzen.

In Großbritannien ist dieses Wandern zwischen den Welten nicht unüblich. Es sorgt für viel Lebenserfahrung und Dreidimensionalität: und flach war Snow wirklich nicht.
Lord Snow (C.P. Snow) | International Center of Photography

Derweil in Deutschland

… wieder die Übersetzer und Verlage erbarmungslos zuschlagen. „The Masters“ gibt es auch in Übersetzung, damals von 1952, ein Jahr nach Erscheinen des englischen Originals. Der Titel „Die Lehrer“. Gut gezielt und doch am Ziel vorbei. Man sollte einen Preis für besonders mißlungene und irreführende Titel von ins Deutschen übersetzten Büchern stiften.

Da gäbe es viel Wettbewerb.