Rote Laterne. Su Tong

Bei den Worten „Rote Laterne“ fliegen bei manchen Verlagen offenbar einige Sicherungen heraus: Die typischen Buch-Cover signalisieren durch Auswahl der Fotos und Nicht-Auswahl von Textilien eingeschränkte Jugendfreiheit. Vielleicht erhöht das die Verkaufszahlen. Der Kurzgeschichte von Su Tong jedoch tut das keinen Gefallen.

Filmliebhaber erinnern sich bestimmt an den gleichnamigen Film des chinesischen Regisseurs Zhang Yimou, der 1991 unter anderem bei den Filmfestspielen in Venedig Furore machte. Man kann diesen Film mit seiner eindringlichen Strenge und seiner einschnürenden Klaustrophobie nur schwer vergessen: griechische Tragödie mit chinesischen Vorzeichen.

Die Kurzgeschichte von Su Tong, erschienen 1990, ist die Vorlage zum Film, also quasi das Original. Ihr Titel eigentlich auf chinesisch: 妻妾成群, qīqiè chéngqún, auf deutsch vielleicht: „Ein Schwarm Frauen und Konkubinen“. Ihr Inhalt: In einem traditionell konfuzianisch geprägten Haushalt in den 1930er Jahren machen sich insbesondere die vier Frauen des Hausherrn das Leben wechselseitig so sauer wie möglich mit Gefahr für Leib und Leben aller Beteiligten. Eine Kurzgeschichte wie geschaffen fürs Kino mit kurzen Szenen, kleinen Blicken, knappen Dialogen, Dunkel im Hintergrund, Schlaglicht vorn. Die Luft wird nach und nach abgeschnürt, alles wird immer klarer, kälter und schlimmer. Wenn man einen Vergleich unter den großen griechischen Tragikern sucht: am ehesten Aischylos, so archaisch. Aber: kein Gott, nirgends.

Su Tong, der Autor, ist noch erstaunlich jung. Geboren 1963, eigentlicher Name Tong Zhonggui, ein hoch gehandelter Star der chinesischen Literaturszene, immerhin auch schon einmal nominiert für den Man Booker International Prize.

Lesenswert also, aber nichts für schwache Nerven. Und die Bucheinbände? Grob irreführend, wie so oft. Trotzdem lesen, sogar in deutscher Übersetzung (erschienen natürlich nach dem Film, der auch in Deutschland erfolgreich genug war, um dies Wagnis einzugehen).

All the Dogs of My Life. Elisabeth von Arnim

“All the Dogs of My Life” ist eine Art Autobiografie einer Frau, die nicht Elisabeth hieß. Als das Buch erschien, wurde statt eines Namens „By the author of Elisabeth and her German Garden“ angegeben.

All the Dogs of My Life

„I would like, to begin with, to say that though parents, husbands, children, lovers and friends are all very well, they are not dogs. (…) Once (dogs) love, they love steadily, unchangingly, till their last breath. That is how I like to be loved. Therefore I will write of dogs. ”

Lebensstationen anhand von 14 Hunden

Das Buch, erschienen 1936 , erzählt die Lebensgeschichte der Erzählerin anhand der Hunde, die sie auf ihrem Lebensweg begleiteten. Den ersten Hund erhielt sie im Alter von fünf Jahren vom Verlobten ihrer älteren Schwester, musste ihn jedoch bald wieder abgeben. Die letzten Hunde umgaben sie in ihrem amerikanischen Exil vor Ausbruch des 2. Weltkriegs.

„In the afternoons, having come back to the house much more slowly than we left it, Cornelia (eine Dackel-Dame) and I drove out. We took the air in an open basketwork carriage with scarlet wheels, known as the Viersitzer and drawn by a pair of roughcoated, stout horses who looked, I thought, very like carthorses. It was driven by the ancient family coachman, and in winter he was dressed like a penwiper.”

Heiter bis ernst

Hunde begleiteten die Erzählerin durch die Jugend, durch zwei schwierige Ehen, durch einen Weltkrieg und die Vorboten eines zweiten, in unterschiedliche Länder und durch die Anforderungen des Alters. Von den 14 Hunden ihres Lebens waren fast alle freundlich, einige intelligent, viele charmant, ein paar dumm und einer aggressiv.

„There was no doubt about it: she did snuggle, and she was the first of my dogs to do so. Great Danes, in the nature of things, can´t snuggle, and all the others – except Bijou, who does not count, had been grown up. Of couse I was enchanted.”

Diese Hunde stehen im Fokus, so werden schmerzliche, persönliche Erfahrungen der Erzählerin relativiert. Das Buch ist im Tenor äußerst vergnüglich, jedoch nicht spaßig. Schwierige Lebensentscheidungen und der Tod sind ebenfalls Themen des Buchs. Diese werden nicht überzuckert, nur aus einer anderen Perspektive erzählt.

Nicht „Elisabeth“: Gräfin und Countess

Elisabeth von Arnim ist eine britische Schriftstellerin, die 1866 als Mary Annette Beauchamp in Australien geboren wurde. Sie war eine der erfolgreichsten Autorinnen ihrer Zeit. Durch ihre erste Ehe wurde sie zur Gräfin von Arnim-Schlagenthin, durch die zweite zur Countess Russell. „Elisabeth“ wurde durch den Bestseller „Elisabeth and her German Garden“ zu ihrem adoptierten Vornamen. Sie starb 1941 in Charleston, USA. Sehr empfehlenswert ist die schon etwas ältere Biografie von Karen Usborne „Elisabeth – The Author of Elisabeth and her German Garden“.

Von Arnims Bücher sind heute noch amüsant und gut lesbar. Sie alle sind ins Deutsche übersetzt.

 

Hühner-Gegacker. Hrsg. von Simone Schiffner-Backhaus

Hühner-Eier und Strom haben etwas gemeinsam: Viele wissen nicht (und/oder es ist ihnen auch egal), wie und wann sie produziert werden. Im einen Fall brauche ich nur in den Supermarkt gehen und kann einladen, so viele Eier ich mag. Im anderen kommt das Gebrauchte einfach aus der Steckdose und fertig.

Bücher über Energie, Energiewende, Umwelt gibt es viele. Nicht alle sind charmant. Bücher über Hühner sind seltener. Und sie sind in der Regel sehr nett.

Hühner-Gegacker, die neueste Erscheinung (Oktober 2018!) im Hühnersegment des deutschsprachigen Buchhandels, ist ebenfalls sehr nett. Und sehr anders.

Mehr als ein Dutzend Hühnerfreunde und Autoren haben sich zusammengetan, um dieses Buch entstehen zu lassen. Die Autoren sind querbeet: von 8 bis über 80 Jahre alte, von Hobby- bis Sachbuchautor und Vogelexperte. Von einer der Autorinnen, Katrina van Grouw, hat dieser Blog bereits zwei Bücher, erschienen in der Princeton University Press, ziemlich positiv besprochen. Ebenso bunt gemischt die Beiträge: wahre Geschichten, erfundene Märchen, ornithologische und historische Artikel, Gedichte. Die zum Teil exzellenten Illustrationen passen in diese Reihe. Allem merkt man an, dass es Spaß gemacht hat. Fast so bunt und abwechslungsreich wie die Vielfalt der Hühnerrassen. Gar nicht einfach, es in diesem Blog einer Kategorie zuzuordnen!

Sehr gut zum Lesen zwischendurch, ebenso zum Verschenken oder nur zum Durchblättern.

Mal schauen, ob es ein Bestseller in diesem Bücherherbst wird. Das wäre eine – durchaus verdiente – Überraschung.

Whisky für drei alte Damen oder Wer geht den hier am Stock? Minna Lindgren

Whisky für drei alte Damen oder Wer geht den hier am Stock? von Minna Lindgren

Whisky für drei alte Damen oder Wer geht hier am Stock?: Roman (Die Abendhain Romane, Band 2)

Der Titel ist einfach dämlich; der Untertitel auch. Die Übersetzung aus dem Finnischen offenbar auch.

Gibt es dennoch Gründe, das Buch zu lesen? Ja, die gibt es.

Gründe das Buch zu lesen

Es gibt mehrere Gründe, „Whisky für drei alte Damen“ zu lesen:

  1. Das Buch ist ein Senioren-Roman
  2. Es ist ohne Kitsch
  3. Es behandelt all die relevanten Themen des hohen Alters.

Themen des Buchs

Thematisiert werden einerseits organisatorische Fragen wie zum Beispiel, welche Möbel kommen mit ins Betreute Wohnen, ist der mitgenommene Schmuck sicher, wie kommt man vom Wohnheim in die Innenstadt, wer kommt zu Besuch, wo nimmt man Nahrung zu sich, wie können Tagesabläufe im hohen Alter aussehen.

Andererseits kommen auch die schwierigen Themen des Alters vor, und dies in nicht versüßter Form: Da gibt es die alte Dame, die ihren Mann darin unterstützen möchte, zu sterben. Vergesslichkeiten, Demenz und Krankheiten nehmen den Protagonisten die Spielräume. Fehlende Kraft, sich anzuziehen, aber auch Lust und Liebe im Alter kommen vor. Und auch, dass es keinen Grund mehr gibt, vormittags keinen Rotwein zu trinken.

Die Handlung von „Whisky für drei alte Damen“

Drei Damen und der im Altersheim angeheiratete Ehemann, Ex-Botschafter, fliehen aus ihrem Wohnheim, während dort umfangreich modernisiert wird. Sie ziehen gemeinsam in eine Wohnung und leben nun in einer WG.

„Hier sitzen wir ganz entspannt, umgeben von Toilettenbrillen. Zum Glück können die nicht noch erzählen, was sie alles gesehen haben. Ich denke, ich kann meine Brille erkennen. Bei mir war nämlich mal der Deckel zerbrochen, und ich habe einen neuen gekauft, nachdem die Heimleiterin mir erklärt hatte, dass ich einen schriftliche Bericht verfassen und einen Antrag an die Stiftung Pflege und Liebe für Senioren stellen müsse. Da ich keine Lust hatte, auf dieses Almosen zu warten, habe ich mir diesen lustigen, bunten ausgesucht.“

Es ist eine leichte Lektüre, ja. Aber nicht doof, wie der Titel suggeriert.

 

The Lady in the Van. Alan Bennett

„The Lady in the Van“ von Alan Bennett ist die Geschichte über eine obdachlose Frau, die mehrere Jahre auf dem Grundstück Bennetts in ihrem schrottreifen Auto lebte. Sie beruht auf wahren Begebenheiten, und der schmale Band besteht aus Auszügen des Tagebuchs von Alan Bennett.

The Lady in the Van

Miss Shepherd, die dickköpfige, exzentrische Obdachlose ist hierbei alles andere als eine freundliche Mitbewohnerin. Dennoch lebte sie nach der initialen Einladung Bennetts 15 Jahre lang bis zu ihrem Tod auf seinem Grundstück in London.

The Lady in the Van: A BBC Radio 4 adaptation

Wunderbar ist der lakonische Erzählstil; alles hat hierin Platz: die Wut über die Mitbewohnerin, das Mitleid mit ihr, das Amüsement. Distanz und Nähe. Letztlich der immerwährende Versuch, Antworten auf die Frage zu finden, welche Haltung gegenüber einem obdachlosen Menschen angemessen ist. Alle Antwortversuche beinhalten dabei implizit auch die Frage nach der Angemessenheit der Kriterien. Kleidung, Ordnungsliebe, Sauberkeit, Freundlichkeit, Unterhaltungswert… welche ziehen wir heran? Und welche Meßskala?

The Lady in the Van

„June 1977. On this day of the Jubilee, Miss S. has stuck a paper Union Jack in the cracked back-window of the van. It is the only one in the Crescent. Yesterday she was wearing a headscarf and pinned across the front of it a blue Spontex sponge fastened at each side with a large safety pin, the sponge meant to form some kind of peak against the (very watery) sun. It looked like a favour worn by a medieval knight, or a fillet to ward off evil spirits. Still, it was better than last week’s effort, an Afrika Korps cap from Lawrence Corner: Miss Shepherd – Desert Fox.”

The Lady in the Van. Movie Tie-In: And Other Stories

Das Buch wurde 1989 veröffentlicht, dann für die Bühne umgeschrieben und 1999 als Theater-Stück uraufgeführt. Theaterstück wie die Film-Adaption zeig(t)en die sensationelle Maggie Smith in der Rolle von Miss Shepherd.

Buddenbrooks. Thomas Mann

Ein Buch wie geschaffen für die Ferienzeit, denn es ist viel zu dick, um, ohne den Faden zu verlieren, immer mal wieder zwischendurch weiterzulesen: die „Buddenbrooks“, wozu der Fischer-Verlag anmerkt: „Das Werk, das Thomas Mann berühmt machte und ihm den Nobelpreis einbrachte.“ Allein der Eintrag bei Wikipedia zieht sich endlos dahin….

Vor Jahren habe ich dieses Buch schon einmal gelesen und hatte es – wie viele andere Romane von Thomas Mann auch – positiv in Erinnerung. Und gute Bücher kann man ja bekanntlich nicht oft genug lesen.

Allerdings fürchte ich, dass ich zu einem dritten Mal keine Lust mehr haben werde. Woraus sich schließen lässt, dass ich den Roman doch nicht so gut finde?!

Letztlich schon.

Von vielem bin ich weiterhin beeindruckt: Thomas Mann kann toll mit der deutschen Sprache umgehen; sein Hang zu Humor, Ironie, Karikatur macht ihn immer wieder erfreulich; seine Anlehnungen an die „epitheta ornantes“ Homers, um das epische Gepräge des Romans zu verstärken; sein Porträt der Lebenswelt des kaufmännischen Geldadels im hanseatischen Norddeutschland des 19. Jahrhunderts beeindruckt und verstört. Und viele weitere Aspekte mehr.

Andererseits…. Thomas Mann ist schon ein ordentlicher – neudeutsch – Show-Off: Schaut mal, wie toll ich schreiben kann! Unter den griechischen Schriftstellern der Antike würde ihn das für die zweite Sophistik qualifizieren, die allgemein heute nicht so geschätzt wird (siehe Plutarch, Lukian….). Die große Zeit war viel früher, damals bevor Alexander der Große den Hellenismus einleitete. Und die Charaktere der Hauptpersonen wie die Geschwister Antonie, Christian und Thomas Buddenbrook, die immerhin auf über 600 Seiten vorkommen, bleiben eigentümlich scherenschnittig, wenig-dimensional. Vielleicht ist das natürlich getrieben durch die normierenden Anforderungen ihres Standes, ihres Status in Lübeck, allerdings hat Thomas Mann auch viel Fleiß auf die Charakterisierung und das Herausarbeiten von verschrobenen Eigenschaften, eigentümlichem Aussehen und idiosynkratischer Ausdrucksweise verwendet.

Genug, ich war dann doch froh, die letzte Seite erreicht zu haben und sagen zu können: Ich hab’s noch mal geschafft.

Das Lebensende des Peregrinos. Lukian

Lukian ist ein klarer Kandidat für die Kategorie „einflussreicher Unbekannter“. Entsprechend nicken bestimmt weniger Leser weise-wissend mit dem Kopf, wenn sie den Titel „Das Lebensende des Peregrinos“ hören als etwa bei Thomas Manns Buddenbrooks.

Dabei war das alles einmal ganz anders.

Alles, was man über Lukians Leben weiß, weiß man aus seinen Werken. Geboren wurde er anscheinend um 125 unserer Zeitrechnung in Samosata am Oberlauf des Euphrat im Südosten der heutigen Türkei.  Damals gehörte diese Stadt zur römischen Provinz Syrien. Von ihren Ruinen ist nichts mehr zu sehen, da sie vom Atatürk-Stausee zwischenzeitlich überflutet wurde… Er reiste sehr viel und hielt sich unter anderem in Gallien, Italien, Griechenland und Ägypten auf. Beruflich gehörte er in die damals (wie heute) nicht ungewöhnliche Gruppe von Professoren ohne festen Lehrsitz, die auch parallel oder abwechselnd als Schriftsteller tätig sind. Gestorben ist er wohl um 180, man weiß aber nicht, wann genau und wo.

Zwei Zeiten waren wunderbar für das Nachleben Lukians: die Renaissance und die Klassik.

Während der Renaissance war er mit seinen mehr als 70 erhaltenen (eher kürzeren) griechischen Werken eindeutig Star und Liebling der Humanisten. Es gab zum Beispiel mehr lateinische Übersetzungen von ihm als von Platon. Die Textausgaben seit dem späten 15. Jahrhundert sind entsprechend zahlreich und aufwendig gemacht. Erasmus von Rotterdam war ein Fan, Shakespeares „Timon von Athen“ basiert auf ihm, Thomas Mores „Utopia“ gäbe es vielleicht nicht ohne ihn. Auch Botticelli hat verschiedene seiner Gemälde nach ihm gemalt.
In der Klassik gehörte er ebenfalls zum Standard-Kanon antiker Autoren und wurde beispielsweise von Wieland vollständig übersetzt. Goethes „Zauberlehrling“ hat sich ursprünglich Lukian ausgedacht.

Lukian hat gleich mehrere literarische Gattungen erfunden oder auf den Weg gebracht: Er ist mit seinen „Wahren Geschichten“ einer der Erfinder des Romans, mit dem „Ikaromenipp“ hat er die Science Fiction gegründet. Satirisch-pikareske Literatur wie die von Cervantes, Swift, Sterne, Rabelais… sind ohne ihn als Inspiration kaum vorstellbar. Überhaupt ist das Hauptmerkmal in seinen Werken seine grundsätzlich ironisch-sarkastische Grundhaltung gegenüber allem und jedem (inklusive seiner selbst). Nicht von ihm durch den Kakao gezogen worden zu sein, war ein deutliches Zeichen dafür, nicht wichtig zu sein.

Und was ist jetzt mit dem „Lebensende des Peregrinos“ oder im Original „Περὶ τῆς Περεγρίνου τελευτῆς“?

Der „Pereginos“ ist aus zwei Gründen besonders empfehlenswert. Er ist durchaus typisch für den satirischen Schreibstil von Lukian. Man kann mit ihm gut und kurz testen, ob man gerne Lukian liest.
Und er ist ausgesprochen interessant, weil er die erste Darstellung des frühen Christentums aus der Feder eines Nicht-Christen beinhaltet.  Jesus ist darin ein Sophist. Peregrinos hat einige der Bücher des Christentums selbst geschrieben. Und die Christen lassen sich bestens über den Tisch ziehen.

Wer „Das Leben des Brian“ von Monty Python schätzt, ist auch bei Lukian richtig.

Jane’s Fame – How Jane Austen Conquered the World. Claire Harman

Jane’s Fame von Claire Harman erzählt, wie es kommen konnte, dass Jane Austen unmittelbar nach ihrem Tod als ausschließlich private Person angesehen wurde und dann doch zu einer der berühmtesten und bewundertsten Autoren in englischer Sprache wurde. Das Buch erzählt die faszinierende Geschichte darüber, wie das passieren konnte.

Die Verwandten zogen einen Schlussstrich

„What is all this about Jane Austen? What is there IN her? What is it all about?“ Joseph Conrad zu H. G. Wells 1901.

„Jane Austen! I LOVE Jane Austen!“ B. B. King.

Als Jane Austen starb, waren drei ihrer Romane veröffentlicht worden: „Pride and Prejudice“, „Sense and Sensibility“ und „Mansfield Park“. Die Veröffentlichungen wurden recht positiv aufgenommen, haben ihrer Autorin einen kleinen Verdienst gebracht. Sie haben sie nicht weltberühmt gemacht und haben sie nicht reich werden lassen. Das Frühwerk, „Northanger Abbey“ und „Persuasion“ waren zur Zeit ihres Todes unveröffentlicht. Nach Austens Tod gingen ihre Verwandten davon aus, dass das milde Interesse an Jane Austen nun abebben würde und sie – ganz angemessen – von der Öffentlichkeit nun vergessen werden würde.

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Die Öffentlichkeit wollte Jane Austen

Das kam anders: Ihre Werke wurden in Billig-Ausgaben wieder veröffentlicht, Biografien gefordert und geschrieben, Stätten ihres Lebens besucht… und vor allem gab es immer wieder einflussreiche Männer, die Jane Austen bewunderten. Sie schrieben Texte über sie, sammelten Erinnerungsstücke, setzen Austen-Werke auf Listen wichtigster englischer Autoren und empfahlen die Werke von Austen Kriegsverletzten zur Lektüre. Die Werke von Jane Austen wurden zu DER Lektüre für den Schützengraben während des 1. Weltkriegs.

Die Großartigkeit, die nicht offensichtlich ist

Harman zeichnet in „Jane’s Fame“ die Rezeptionsgeschichte Jane Austens nach. Zwei unterschiedliche Wertungen ihres Werks stehen sich dabei durch die Jahrzehnte gegenüber: Eine Gruppe von Rezipienten fand das Werk nicht besonders künstlerisch; es handelte ja nur von den üblichen, kleinen Dingen des Alltags; aufgeschrieben, ja nacherzählt von einer unbedeutenden Frau vom Land, unheroisch, uninteressant. Die andere Fraktion begeisterte sich für innovative Erzählformen, subtile Sprache, ausgefeilte Ironie; und las Austen immer wieder. Sie hoben Jane Austen in den literarischen Himmel zu Shakespeare. Ein etwas schwaches Gedicht von Rudyard Kipling – bekennender Janeite – sagt dies so:

Jane went to Paradise:

That was only fair.

Good Sir Walter followed her,

And armed her up the stair.

Henry and Tobias,

And Miguel of Spain

Stood with Shakespeare at the top

To welcome Jane.

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Wir können nicht genug von ihr bekommen

Heute gehört der Name „Jane Austen“ zu den weltweit durch alle Gesellschaftsschichten bekanntesten. Ihre Romane werden gelesen, Filme mit Leidenschaft und unter Tränen immer wieder geschaut. Es werden weitere Filme gefordert; mit Nachthemden á la Austen, Teegeschirr, Postkarten usw. bemüht sich die Vergangenheitsindustrie die Sehnsüchte der Öffentlichkeit zu stillen. Bücher schreiben Austen-Plots fort, Comics erzählen sie nach… „Jane Austen“ ist zum Seelenbalsam geworden.

„The significance of Jane Austen is so personal and so universal, so intimately connected with our sense of ourselves and our whole society, that it is impossible to imagine a time when she or her works could have delighted us long enough.”

Tod in Hollywood. Evelyn Waugh

Wieder einer dieser ins Deutsche entstellten Titel…. „The loved one“ heißt das englische Original, erschienen 1948, von Evelyn Waugh, in Deutschland vor allem bekannt durch „Wiedersehen mit Brideshead“, wahrscheinlich durch die gleichnamige Verfilmung. Apropos Verfilmung: „The loved one“ wurde schon 1965 ebenfalls verfilmt, danach allerdings nicht wieder.

Waugh, * 1903, † 1966, – ein Mann übrigens, trotz der etwas anderes nahelegenden Zuordnung seines Vornamens im Deutschen – zählt zu den klassischen britischen Schriftstellern des 20. Jahrhunderts. Zwei seiner Romane (Brideshead, s.o., ist einer davon) wurden schon in Listen der 100 besten britischen Romane gesichtet. Waugh ist dennoch nicht jedermanns „cup of tea“, Selbstdarstellung war ihm meist ein Anliegen, Freundlichkeit nicht.

Wie die Rückseite der Penguin-Ausgabe in großen Buchstaben verkündet, ist Tod in Hollywood „one of the funniest and most significant books of the century“. Obendrein – findet die Sunday Times – ist Waugh „The master of black comedy“.

„Following the death of a friend, poet and pets‘ mortician Dennis Barlow finds himself entering into the artificial Hollywood paradise of the Whispering Glades Memorial Park. Within its golden gates, death, American-style, is wrapped up and sold like a package holiday. There, Dennis enters the fragile and bizarre world of Aimée, the naïve Californian corpse beautician, and Mr Joyboy, the master of the embalmer’s art…“, so macht der Klappentext Appetit.

Gutes Cover des Illustrators von Roald Dahl (Quentin Blake), 127 Seiten, gekauft, schnell gelesen. Eigene Meinung:
Ist ok, kann man mögen, warum nicht. Schon auch amüsant, vielleicht sogar Literatur. Hätte man dem Waugh gar nicht zugetraut, der schreibt doch sonst besser und nuancenreicher und mit mehr Platz zum Nachdenken und Interpretieren.

Und Waugh insgesamt? Ja, unbedingt etwas lesen. Aber besser „Wiedersehen mit Brideshead“ oder „Eine Handvoll Staub“.
Andererseits: Vielleicht ist der Film besser als das Buch?

Nocturnes. Kazuo Ishiguro

Nocturnes von Kazuo Ishiguro sind tatsächlich Geschichten im Dämmerlicht und in der Nacht. Leise Geschichten. Liebesgeschichten.

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Leise Liebesgeschichten

In fünf Geschichten lotet der Nobelpreisträger Ishiguro – siehe Artikel aus der FAZ – aus, was wohl Liebe sein mag. Ob es bereits Liebe ist, ob es noch Liebe ist, ob es eine Beziehung ist oder nicht. Leise kommen diese Geschichten daher. Der Titel des Buchs erinnert nicht zu Unrecht an Chopin. Der Untertitel offenbart mehr: „Five Stories of Music and Nightfall“.

Der Erzähler ist in der Regel ein Musiker. Er berichtet uns, wie er ein Paar beobachtet und langsam kennenlernt oder nach langen Jahren wieder kennenlernt. Der Blick ist ein Blick von außen: Die Figuren werden durch ihr Handeln und Sprechen charakterisiert. Ihre wahren Motive bleiben schattenhaft. Können nur geahnt oder erraten werden. Und wahrscheinlich ist die Interpretation nicht ganz richtig.

 

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Musik als zweiter Erzählstrang

Eine Ausnahme besteht in der Geschichte „Nocturne“. In ihr ist der Ich-Erzähler auch eine der Hauptfiguren. Was er berichtet, ist die absurd-traurige Geschichte vom erfolglosen Musiker, der sich einer Schönheitsoperation unterzieht, in der Hoffnung, mit einem anderen Gesicht zukünftig erfolgreicher zu sein:

„So how does someone like me get to be here among these stars and millionaires, having my face altered by the top man in town? I guess it started with my manager, Bradley, who isn’t so big-league himself, and doesn’t look any more like George Clooney than I do. He first mentioned it a few years ago, in a jokey sort of way, then seemed to get more serious each time he brought it up again. What he was saying, in a nutshell, was that I was ugly. And that this was keeping me from big league.“

Die Musik als ein Thema dieser fünf Geschichten verbindet Menschen – und bietet Anlässe zu ihrer Trennung.

Diese Bücher von Ishiguro haben wir bei Buch-und-Sofa ebenfalls besprochen: