Whisky für drei alte Damen oder Wer geht den hier am Stock? Minna Lindgren

Whisky für drei alte Damen oder Wer geht den hier am Stock? von Minna Lindgren

Whisky für drei alte Damen oder Wer geht hier am Stock?: Roman (Die Abendhain Romane, Band 2)

Der Titel ist einfach dämlich; der Untertitel auch. Die Übersetzung aus dem Finnischen offenbar auch.

Gibt es dennoch Gründe, das Buch zu lesen? Ja, die gibt es.

Gründe das Buch zu lesen

Es gibt mehrere Gründe, „Whisky für drei alte Damen“ zu lesen:

  1. Das Buch ist ein Senioren-Roman
  2. Es ist ohne Kitsch
  3. Es behandelt all die relevanten Themen des hohen Alters.

Themen des Buchs

Thematisiert werden einerseits organisatorische Fragen wie zum Beispiel, welche Möbel kommen mit ins Betreute Wohnen, ist der mitgenommene Schmuck sicher, wie kommt man vom Wohnheim in die Innenstadt, wer kommt zu Besuch, wo nimmt man Nahrung zu sich, wie können Tagesabläufe im hohen Alter aussehen.

Andererseits kommen auch die schwierigen Themen des Alters vor, und dies in nicht versüßter Form: Da gibt es die alte Dame, die ihren Mann darin unterstützen möchte, zu sterben. Vergesslichkeiten, Demenz und Krankheiten nehmen den Protagonisten die Spielräume. Fehlende Kraft, sich anzuziehen, aber auch Lust und Liebe im Alter kommen vor. Und auch, dass es keinen Grund mehr gibt, vormittags keinen Rotwein zu trinken.

Die Handlung von „Whisky für drei alte Damen“

Drei Damen und der im Altersheim angeheiratete Ehemann, Ex-Botschafter, fliehen aus ihrem Wohnheim, während dort umfangreich modernisiert wird. Sie ziehen gemeinsam in eine Wohnung und leben nun in einer WG.

„Hier sitzen wir ganz entspannt, umgeben von Toilettenbrillen. Zum Glück können die nicht noch erzählen, was sie alles gesehen haben. Ich denke, ich kann meine Brille erkennen. Bei mir war nämlich mal der Deckel zerbrochen, und ich habe einen neuen gekauft, nachdem die Heimleiterin mir erklärt hatte, dass ich einen schriftliche Bericht verfassen und einen Antrag an die Stiftung Pflege und Liebe für Senioren stellen müsse. Da ich keine Lust hatte, auf dieses Almosen zu warten, habe ich mir diesen lustigen, bunten ausgesucht.“

Es ist eine leichte Lektüre, ja. Aber nicht doof, wie der Titel suggeriert.

 

The Lady in the Van. Alan Bennett

„The Lady in the Van“ von Alan Bennett ist die Geschichte über eine obdachlose Frau, die mehrere Jahre auf dem Grundstück Bennetts in ihrem schrottreifen Auto lebte. Sie beruht auf wahren Begebenheiten, und der schmale Band besteht aus Auszügen des Tagebuchs von Alan Bennett.

The Lady in the Van

Miss Shepherd, die dickköpfige, exzentrische Obdachlose ist hierbei alles andere als eine freundliche Mitbewohnerin. Dennoch lebte sie nach der initialen Einladung Bennetts 15 Jahre lang bis zu ihrem Tod auf seinem Grundstück in London.

The Lady in the Van: A BBC Radio 4 adaptation

Wunderbar ist der lakonische Erzählstil; alles hat hierin Platz: die Wut über die Mitbewohnerin, das Mitleid mit ihr, das Amüsement. Distanz und Nähe. Letztlich der immerwährende Versuch, Antworten auf die Frage zu finden, welche Haltung gegenüber einem obdachlosen Menschen angemessen ist. Alle Antwortversuche beinhalten dabei implizit auch die Frage nach der Angemessenheit der Kriterien. Kleidung, Ordnungsliebe, Sauberkeit, Freundlichkeit, Unterhaltungswert… welche ziehen wir heran? Und welche Meßskala?

The Lady in the Van

„June 1977. On this day of the Jubilee, Miss S. has stuck a paper Union Jack in the cracked back-window of the van. It is the only one in the Crescent. Yesterday she was wearing a headscarf and pinned across the front of it a blue Spontex sponge fastened at each side with a large safety pin, the sponge meant to form some kind of peak against the (very watery) sun. It looked like a favour worn by a medieval knight, or a fillet to ward off evil spirits. Still, it was better than last week’s effort, an Afrika Korps cap from Lawrence Corner: Miss Shepherd – Desert Fox.”

The Lady in the Van. Movie Tie-In: And Other Stories

Das Buch wurde 1989 veröffentlicht, dann für die Bühne umgeschrieben und 1999 als Theater-Stück uraufgeführt. Theaterstück wie die Film-Adaption zeig(t)en die sensationelle Maggie Smith in der Rolle von Miss Shepherd.

Buddenbrooks. Thomas Mann

Ein Buch wie geschaffen für die Ferienzeit, denn es ist viel zu dick, um, ohne den Faden zu verlieren, immer mal wieder zwischendurch weiterzulesen: die „Buddenbrooks“, wozu der Fischer-Verlag anmerkt: „Das Werk, das Thomas Mann berühmt machte und ihm den Nobelpreis einbrachte.“ Allein der Eintrag bei Wikipedia zieht sich endlos dahin….

Vor Jahren habe ich dieses Buch schon einmal gelesen und hatte es – wie viele andere Romane von Thomas Mann auch – positiv in Erinnerung. Und gute Bücher kann man ja bekanntlich nicht oft genug lesen.

Allerdings fürchte ich, dass ich zu einem dritten Mal keine Lust mehr haben werde. Woraus sich schließen lässt, dass ich den Roman doch nicht so gut finde?!

Letztlich schon.

Von vielem bin ich weiterhin beeindruckt: Thomas Mann kann toll mit der deutschen Sprache umgehen; sein Hang zu Humor, Ironie, Karikatur macht ihn immer wieder erfreulich; seine Anlehnungen an die „epitheta ornantes“ Homers, um das epische Gepräge des Romans zu verstärken; sein Porträt der Lebenswelt des kaufmännischen Geldadels im hanseatischen Norddeutschland des 19. Jahrhunderts beeindruckt und verstört. Und viele weitere Aspekte mehr.

Andererseits…. Thomas Mann ist schon ein ordentlicher – neudeutsch – Show-Off: Schaut mal, wie toll ich schreiben kann! Unter den griechischen Schriftstellern der Antike würde ihn das für die zweite Sophistik qualifizieren, die allgemein heute nicht so geschätzt wird (siehe Plutarch, Lukian….). Die große Zeit war viel früher, damals bevor Alexander der Große den Hellenismus einleitete. Und die Charaktere der Hauptpersonen wie die Geschwister Antonie, Christian und Thomas Buddenbrook, die immerhin auf über 600 Seiten vorkommen, bleiben eigentümlich scherenschnittig, wenig-dimensional. Vielleicht ist das natürlich getrieben durch die normierenden Anforderungen ihres Standes, ihres Status in Lübeck, allerdings hat Thomas Mann auch viel Fleiß auf die Charakterisierung und das Herausarbeiten von verschrobenen Eigenschaften, eigentümlichem Aussehen und idiosynkratischer Ausdrucksweise verwendet.

Genug, ich war dann doch froh, die letzte Seite erreicht zu haben und sagen zu können: Ich hab’s noch mal geschafft.

Das Lebensende des Peregrinos. Lukian

Lukian ist ein klarer Kandidat für die Kategorie „einflussreicher Unbekannter“. Entsprechend nicken bestimmt weniger Leser weise-wissend mit dem Kopf, wenn sie den Titel „Das Lebensende des Peregrinos“ hören als etwa bei Thomas Manns Buddenbrooks.

Dabei war das alles einmal ganz anders.

Alles, was man über Lukians Leben weiß, weiß man aus seinen Werken. Geboren wurde er anscheinend um 125 unserer Zeitrechnung in Samosata am Oberlauf des Euphrat im Südosten der heutigen Türkei.  Damals gehörte diese Stadt zur römischen Provinz Syrien. Von ihren Ruinen ist nichts mehr zu sehen, da sie vom Atatürk-Stausee zwischenzeitlich überflutet wurde… Er reiste sehr viel und hielt sich unter anderem in Gallien, Italien, Griechenland und Ägypten auf. Beruflich gehörte er in die damals (wie heute) nicht ungewöhnliche Gruppe von Professoren ohne festen Lehrsitz, die auch parallel oder abwechselnd als Schriftsteller tätig sind. Gestorben ist er wohl um 180, man weiß aber nicht, wann genau und wo.

Zwei Zeiten waren wunderbar für das Nachleben Lukians: die Renaissance und die Klassik.

Während der Renaissance war er mit seinen mehr als 70 erhaltenen (eher kürzeren) griechischen Werken eindeutig Star und Liebling der Humanisten. Es gab zum Beispiel mehr lateinische Übersetzungen von ihm als von Platon. Die Textausgaben seit dem späten 15. Jahrhundert sind entsprechend zahlreich und aufwendig gemacht. Erasmus von Rotterdam war ein Fan, Shakespeares „Timon von Athen“ basiert auf ihm, Thomas Mores „Utopia“ gäbe es vielleicht nicht ohne ihn. Auch Botticelli hat verschiedene seiner Gemälde nach ihm gemalt.
In der Klassik gehörte er ebenfalls zum Standard-Kanon antiker Autoren und wurde beispielsweise von Wieland vollständig übersetzt. Goethes „Zauberlehrling“ hat sich ursprünglich Lukian ausgedacht.

Lukian hat gleich mehrere literarische Gattungen erfunden oder auf den Weg gebracht: Er ist mit seinen „Wahren Geschichten“ einer der Erfinder des Romans, mit dem „Ikaromenipp“ hat er die Science Fiction gegründet. Satirisch-pikareske Literatur wie die von Cervantes, Swift, Sterne, Rabelais… sind ohne ihn als Inspiration kaum vorstellbar. Überhaupt ist das Hauptmerkmal in seinen Werken seine grundsätzlich ironisch-sarkastische Grundhaltung gegenüber allem und jedem (inklusive seiner selbst). Nicht von ihm durch den Kakao gezogen worden zu sein, war ein deutliches Zeichen dafür, nicht wichtig zu sein.

Und was ist jetzt mit dem „Lebensende des Peregrinos“ oder im Original „Περὶ τῆς Περεγρίνου τελευτῆς“?

Der „Pereginos“ ist aus zwei Gründen besonders empfehlenswert. Er ist durchaus typisch für den satirischen Schreibstil von Lukian. Man kann mit ihm gut und kurz testen, ob man gerne Lukian liest.
Und er ist ausgesprochen interessant, weil er die erste Darstellung des frühen Christentums aus der Feder eines Nicht-Christen beinhaltet.  Jesus ist darin ein Sophist. Peregrinos hat einige der Bücher des Christentums selbst geschrieben. Und die Christen lassen sich bestens über den Tisch ziehen.

Wer „Das Leben des Brian“ von Monty Python schätzt, ist auch bei Lukian richtig.

Jane’s Fame – How Jane Austen Conquered the World. Claire Harman

Jane’s Fame von Claire Harman erzählt, wie es kommen konnte, dass Jane Austen unmittelbar nach ihrem Tod als ausschließlich private Person angesehen wurde und dann doch zu einer der berühmtesten und bewundertsten Autoren in englischer Sprache wurde. Das Buch erzählt die faszinierende Geschichte darüber, wie das passieren konnte.

Die Verwandten zogen einen Schlussstrich

„What is all this about Jane Austen? What is there IN her? What is it all about?“ Joseph Conrad zu H. G. Wells 1901.

„Jane Austen! I LOVE Jane Austen!“ B. B. King.

Als Jane Austen starb, waren drei ihrer Romane veröffentlicht worden: „Pride and Prejudice“, „Sense and Sensibility“ und „Mansfield Park“. Die Veröffentlichungen wurden recht positiv aufgenommen, haben ihrer Autorin einen kleinen Verdienst gebracht. Sie haben sie nicht weltberühmt gemacht und haben sie nicht reich werden lassen. Das Frühwerk, „Northanger Abbey“ und „Persuasion“ waren zur Zeit ihres Todes unveröffentlicht. Nach Austens Tod gingen ihre Verwandten davon aus, dass das milde Interesse an Jane Austen nun abebben würde und sie – ganz angemessen – von der Öffentlichkeit nun vergessen werden würde.

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Die Öffentlichkeit wollte Jane Austen

Das kam anders: Ihre Werke wurden in Billig-Ausgaben wieder veröffentlicht, Biografien gefordert und geschrieben, Stätten ihres Lebens besucht… und vor allem gab es immer wieder einflussreiche Männer, die Jane Austen bewunderten. Sie schrieben Texte über sie, sammelten Erinnerungsstücke, setzen Austen-Werke auf Listen wichtigster englischer Autoren und empfahlen die Werke von Austen Kriegsverletzten zur Lektüre. Die Werke von Jane Austen wurden zu DER Lektüre für den Schützengraben während des 1. Weltkriegs.

Die Großartigkeit, die nicht offensichtlich ist

Harman zeichnet in „Jane’s Fame“ die Rezeptionsgeschichte Jane Austens nach. Zwei unterschiedliche Wertungen ihres Werks stehen sich dabei durch die Jahrzehnte gegenüber: Eine Gruppe von Rezipienten fand das Werk nicht besonders künstlerisch; es handelte ja nur von den üblichen, kleinen Dingen des Alltags; aufgeschrieben, ja nacherzählt von einer unbedeutenden Frau vom Land, unheroisch, uninteressant. Die andere Fraktion begeisterte sich für innovative Erzählformen, subtile Sprache, ausgefeilte Ironie; und las Austen immer wieder. Sie hoben Jane Austen in den literarischen Himmel zu Shakespeare. Ein etwas schwaches Gedicht von Rudyard Kipling – bekennender Janeite – sagt dies so:

Jane went to Paradise:

That was only fair.

Good Sir Walter followed her,

And armed her up the stair.

Henry and Tobias,

And Miguel of Spain

Stood with Shakespeare at the top

To welcome Jane.

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Wir können nicht genug von ihr bekommen

Heute gehört der Name „Jane Austen“ zu den weltweit durch alle Gesellschaftsschichten bekanntesten. Ihre Romane werden gelesen, Filme mit Leidenschaft und unter Tränen immer wieder geschaut. Es werden weitere Filme gefordert; mit Nachthemden á la Austen, Teegeschirr, Postkarten usw. bemüht sich die Vergangenheitsindustrie die Sehnsüchte der Öffentlichkeit zu stillen. Bücher schreiben Austen-Plots fort, Comics erzählen sie nach… „Jane Austen“ ist zum Seelenbalsam geworden.

„The significance of Jane Austen is so personal and so universal, so intimately connected with our sense of ourselves and our whole society, that it is impossible to imagine a time when she or her works could have delighted us long enough.”

Tod in Hollywood. Evelyn Waugh

Wieder einer dieser ins Deutsche entstellten Titel…. „The loved one“ heißt das englische Original, erschienen 1948, von Evelyn Waugh, in Deutschland vor allem bekannt durch „Wiedersehen mit Brideshead“, wahrscheinlich durch die gleichnamige Verfilmung. Apropos Verfilmung: „The loved one“ wurde schon 1965 ebenfalls verfilmt, danach allerdings nicht wieder.

Waugh, * 1903, † 1966, – ein Mann übrigens, trotz der etwas anderes nahelegenden Zuordnung seines Vornamens im Deutschen – zählt zu den klassischen britischen Schriftstellern des 20. Jahrhunderts. Zwei seiner Romane (Brideshead, s.o., ist einer davon) wurden schon in Listen der 100 besten britischen Romane gesichtet. Waugh ist dennoch nicht jedermanns „cup of tea“, Selbstdarstellung war ihm meist ein Anliegen, Freundlichkeit nicht.

Wie die Rückseite der Penguin-Ausgabe in großen Buchstaben verkündet, ist Tod in Hollywood „one of the funniest and most significant books of the century“. Obendrein – findet die Sunday Times – ist Waugh „The master of black comedy“.

„Following the death of a friend, poet and pets‘ mortician Dennis Barlow finds himself entering into the artificial Hollywood paradise of the Whispering Glades Memorial Park. Within its golden gates, death, American-style, is wrapped up and sold like a package holiday. There, Dennis enters the fragile and bizarre world of Aimée, the naïve Californian corpse beautician, and Mr Joyboy, the master of the embalmer’s art…“, so macht der Klappentext Appetit.

Gutes Cover des Illustrators von Roald Dahl (Quentin Blake), 127 Seiten, gekauft, schnell gelesen. Eigene Meinung:
Ist ok, kann man mögen, warum nicht. Schon auch amüsant, vielleicht sogar Literatur. Hätte man dem Waugh gar nicht zugetraut, der schreibt doch sonst besser und nuancenreicher und mit mehr Platz zum Nachdenken und Interpretieren.

Und Waugh insgesamt? Ja, unbedingt etwas lesen. Aber besser „Wiedersehen mit Brideshead“ oder „Eine Handvoll Staub“.
Andererseits: Vielleicht ist der Film besser als das Buch?

Nocturnes. Kazuo Ishiguro

Nocturnes von Kazuo Ishiguro sind tatsächlich Geschichten im Dämmerlicht und in der Nacht. Leise Geschichten. Liebesgeschichten.

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Leise Liebesgeschichten

In fünf Geschichten lotet der Nobelpreisträger Ishiguro – siehe Artikel aus der FAZ – aus, was wohl Liebe sein mag. Ob es bereits Liebe ist, ob es noch Liebe ist, ob es eine Beziehung ist oder nicht. Leise kommen diese Geschichten daher. Der Titel des Buchs erinnert nicht zu Unrecht an Chopin. Der Untertitel offenbart mehr: „Five Stories of Music and Nightfall“.

Der Erzähler ist in der Regel ein Musiker. Er berichtet uns, wie er ein Paar beobachtet und langsam kennenlernt oder nach langen Jahren wieder kennenlernt. Der Blick ist ein Blick von außen: Die Figuren werden durch ihr Handeln und Sprechen charakterisiert. Ihre wahren Motive bleiben schattenhaft. Können nur geahnt oder erraten werden. Und wahrscheinlich ist die Interpretation nicht ganz richtig.

 

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Musik als zweiter Erzählstrang

Eine Ausnahme besteht in der Geschichte „Nocturne“. In ihr ist der Ich-Erzähler auch eine der Hauptfiguren. Was er berichtet, ist die absurd-traurige Geschichte vom erfolglosen Musiker, der sich einer Schönheitsoperation unterzieht, in der Hoffnung, mit einem anderen Gesicht zukünftig erfolgreicher zu sein:

„So how does someone like me get to be here among these stars and millionaires, having my face altered by the top man in town? I guess it started with my manager, Bradley, who isn’t so big-league himself, and doesn’t look any more like George Clooney than I do. He first mentioned it a few years ago, in a jokey sort of way, then seemed to get more serious each time he brought it up again. What he was saying, in a nutshell, was that I was ugly. And that this was keeping me from big league.“

Die Musik als ein Thema dieser fünf Geschichten verbindet Menschen – und bietet Anlässe zu ihrer Trennung.

Diese Bücher von Ishiguro haben wir bei Buch-und-Sofa ebenfalls besprochen:

Jane Austen – A Life. David Nokes

Das Buch von 1997 ist eine Biografie im klassischen Sinne: Der Autor erzählt das Leben Jane Austens nach von ihrer Geburt bis zu ihrem Tod. Hierbei berücksichtigt er das vorhandene Quellenmaterial und verwebt es passend unauffällig in seine Erzählung.

Austen, eine der wichtigsten englischen Roman-Autorinnen, lebte von 1775 bis 1817. Ihre Familie begann unmittelbar nach ihrem Tod mit der Legendenbildung, tat mit vereinten Kräften das Mögliche, um eine fast heilige, auf jeden Fall aber bescheidene, häusliche, hoch religiöse und selbstverständlich unprätentiöse Jane zu erschaffen. Ein Bild, das weder zu ihrer eigenen Einschätzung – „Pictures of perfection as you know make me sick and wicked“  so Jane Austen in einem Brief an Fanny Knight 1817 – passt, noch zu ihrem letzten überlieferten Text: Wenige Stunden vor ihrem Tod diktierte sie ihrer Schwester noch eine Satire über einen erbosten Heiligen, der die Bevölkerung Winchesters verflucht… Das machen tief religiöse Frauen selbstverständlich niemals. Nie.

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Schlaglichter

An zwei Stellen blitzt das kritische Urteilsvermögen Nokes durch. Die Jahre von 1802 bis 1806 galten in der Austen-Literatur aufgrund mangelnder Briefe und literarischer Produktion immer als Zeit, in welcher die Schaffenskraft Austens versiegte, sie gebrochen durch den ungewollten Umzug nach Bath in tiefer Traurigkeit versank. Nokes fragt ganz spitzbübisch, ob es nicht auch sein könnte, dass Austen begeistert die Amüsements genoss, die ihr nun – endlich – zugänglich waren.

„It would be very pleasant to be near Sidney Gardens! We might go into the labyrinth every day.” Jane Austen in einem Brief an ihre Schwester Cassandra 1801.

Ganz am Ende seines Buchs schildert der Autor eine Episode, die den geistig behinderten Bruder sowie einen Onkel Jane Austens betrifft: Beide kamen in eine Pflegefamilie und wurden entschlossen aus dem Leben, aus dem Sinn der Familien geschafft. Ich selbst hätte mir noch viel mehr solch kluger, nachdenklicher Passagen gewünscht.

Stil

Der Stil dieser Biografie zu Jane Austen ist angelegt an einen historischen Roman. Je nach Inhalt erzählt Nokes aus der Perspektive derjenigen Person, die den besten Einblick in die Geschehnisse hatte oder von welcher die beste Quellenlage überlieferter Dokumente vorhanden ist. Hierdurch wird die Nacherzählung interessant und plausibel.

Eine Biografie als Schmöker

Das Resultat von Nokes´ Erzählweise ist eine außerordentlich gut lesbare Biografie. Nachdem man die Buchdeckel wieder zusammengeklappt hat, kennt man all die wesentlichen Eckpunkte aus dem Leben Jane Austens. Eher selten stellt der Autor Zusammenhänge zu größeren historischen und sozialen Zusammenhängen her. Noch seltener versucht Nokes die Fakten zu interpretieren. Dennoch ist diese Biografie von 1994 ganz zu Recht eines der anerkannten Standard-Werke zu Jane Austen.

„If I am a wild beast, I cannot help it.“ Jane Austen in einem Brief an ihre Schwester Cassandra 1813.

Weitere Literatur in Buch-und-Sofa zu Jane Austen:

Und eine weitere Biographie von David Nokes in diesem Blog über Samuel Johnson

Nonna. Thomas de Padova

Thomas de Padova war Eingeweihten bisher nur als Wissenschaftsjournalist beim Tagesspiegel und Verfasser lesbar geschriebener Sachbücher insbesondere über astronomische und andere naturwissenschaftliche Themen bekannt.

Jetzt hat er den Sprung in die Literatur und ins Autobiographische gewagt. Auch hier gelingt ihm das Schwimmen aufs Beste.

Der Klappentext verrät über den Inhalt von „Nonna“:
„Jeden Sommer verbrachte Thomas de Padova in einem Dorf am Meer in Apulien, Geburtsort seines Vaters, Großvaters und Urgroßvaters – drei Männer, die irgendwann aus Italien aufbrachen in die Welt. Seine Großmutter blieb. Jahr für Jahr erwartet sie ihn, still auf einem Stuhl sitzend, im Dunkel ihres Zimmers: eine alte, schwarz gekleidete Frau, die ohne Kühlschrank lebt. Warum hat der Großvater seine Frau immer behandelt, als existierte sie nicht? Was hat die beiden vor mehr als einem halben Jahrhundert aneinandergebunden?“

Mich hat das Buch sehr an das 1945 erschienene, ebenfalls autobiographische  Werk „Christus kam nur bis Eboli“ von Carlo Levi erinnert. Beide Bücher leben vom Kontrast zwischen einerseits dem eher Großstädtischen, Weltläufigen, Modernen, aus dem der Erzähler kommt, und dem Ländlich-Dörflichen, Provinziellen und Archaischem auf der anderen, in das er reist/reisen muss. In beiden Fällen wird weder das eine noch das andere als überlegen dargestellt. Der jeweilige Erzähler versucht das für ihn andere und Fremde zu begreifen und zu verstehen, ohne es sich aneignen zu wollen – höchstens vielleicht als Teil der eigenen Geschichte. Gemeinsam ist beiden Büchern auch die sehr ruhige, unprätentiöse Schreibweise, die den Leser in den Bann ziehen kann und die vielleicht auch gut zu dem Ländlich-Archaischen der Umgebung passt.

Eine Empfehlung meinerseits, besonders für sehr warme Sommertage wie in Apulien.

Der begrabene Riese. Kazuo Ishiguro

Und dann überrascht Kazuo Ishiguro doch wieder. Gerade hatte ich gedacht, ich wüsste jetzt, wie und worüber er schreibt. Dann kam mir „The buried giant“ in die Hände, erschienen 2015.

Ein Roman aus der Frühzeit Britanniens. Ort und Zeit der Handlung: Irgendwo im Grenzgebiet zwischen den Sachsen und den keltischen Vor-Einwohnern. Die Römer sind schon eine ganze Weile wieder außer Landes, aber ihre Ruinen gibt es noch. König Artus  ist vor nicht allzu langer Zeit gestorben. Die Wikinger betreiben ihr Plünderungsgeschäft.

Ein Roman wie von Walter Scott. Ivanhoe ist gedanklich nie weit weg, wenn einem der Ritter Winstan begegnet. Oder ein Roman wie  die keltischen Originale der Artussage aus Wales und Cornwall. Gawain, der Neffe von Artus, lebt noch und ist als sehr alter Ritter auf seinem sehr alten Pferd aktiv: Seine Aufgabe ist noch nicht erledigt – da kann man nicht einfach so sterben oder in Ruhestand gehen. Auch gibt es einen leibhaftigen Drachen. Und Feenwesen, mit denen nicht gut Kirschen zu essen ist. Sogar Riesen. Oder ein Roman wie von Tolkien also, Fantasy oder wie immer das heißt.

Je länger man liest, desto klarer aber wird dann doch: Es ist ein typischer Roman von Ishiguro, nur verkleidet. Sparsame Sprache, überschaubares Personal, überlegter Aufbau von Sätzen, Kapiteln und Buch. Vor allem: Die Lieblingskonflikte von Ishiguro. Was tut „Pflicht“ mit den Menschen? Kann es funktionierende Beziehungen zwischen Menschen wirklich geben? Wie geht man mit den Sünden der Vergangenheit in der Gegenwart um? Kann der Mensch aus seiner Haut oder gehören Krieg, Konflikt, Verstricklung und Sünde zu seinem ureigenen Wesen?

„The buried giant“ kommt so dicht an ein happy end wie sonst noch kein anderer Roman von Ishiguro, einem sehr alten Ehepaar sei Dank. Aber wie immer bleibt es in der Schwebe, verschwindet die Melancholie nicht, kann es für das Paar noch anders kommen. Vor allem ist schon sicher, dass für die Menschen insgesamt in der nächsten historischen Etappe wieder Krieg ansteht. Denn Frieden gibt es nur durch Zauber oder durch ein Wunder, wenn die Erinnerung ausgeblendet wird und man vergißt, wofür man doch eigentlich Wieder-Schlecht-Machung braucht. Und Wunder gibt es ja bekanntlich nicht so oft. Vielleicht sogar nur im Märchen.

Der Guardian, den ich ja oft zitiere, schrieb: „Focusing on one single reading of its story of mists and monsters, swords and sorcery, reduces it to mere parable; it is much more than that. It is a profound examination of memory and guilt, of the way we recall past trauma en masse. It is also an extraordinarily atmospheric and compulsively readable tale, to be devoured in a single gulp. The Buried Giant is Game of Thrones with a conscience, The Sword in the Stone for the age of the trauma industry, a beautiful, heartbreaking book about the duty to remember and the urge to forget.“