Schöne neue Welt. Aldous Huxley

Als Epsilon Minus, die unterste Kategorie der Menschheit, seine Flasche zu verlassen, ist bestimmt kein Vergnügen. Und dabei ist doch alles aufs Glück ausgerichtet in der Welt in diesem Klassiker von Aldous Huxley, seinem Roman „Schöne neue Welt“.
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Aldous Huxley gehört zu einer Familie, die in Großbritannien eine große Rolle spielt (und gespielt hat), sowohl in Intellektuellen-Kreisen als auch im öffentlichen Sektor. Ein Nobelpreisträger, der erste Direktor der Unesco, diverse Schriftsteller gehören dazu. Die Huxley-Familie ist auch durch Heirat mit der Familie der Darwins verbunden. Als Huxley gehört man zum britischen Establishment.

Aldous Huxley selbst (1894 – 1963) ist heute in Deutschland vor allem durch diesen Roman bekannt, der im Jahr 1932 erschien. „Schöne neue Welt“ wird in diversen Listen zu den wichtigsten Romanen des 20. Jahrhunderts gezählt.

Man kann sich trefflich darüber streiten, ob es sich bei dieser schönen neuen Welt um eine Dystopie handelt oder nicht. Immerhin ist in ihr das Wohlbefinden, die „Happiness“ der Menschheit insgesamt optimiert – was will man mehr? Genau das, was man heute an Bhutan so bewundert, dass Glück zum Staatsziel wird, hier ist es realisiert! Spätestens seit Hume ist genau dieses Wohlbefinden schließlich das Lebensziel des Menschen – siehe den Blogbeitrag zu „Power, pleasure and profit“.

Klar, dass dabei nicht zugleich das Glück jedes Individuums auch maximal gesteigert werden kann, irgendwo braucht es Kompromisse. Aber alle haben das, was die meisten wollen: Es wird gearbeitet (zu wenig Arbeit ist nicht günstig für das Glücklichsein), alle körperlichen Bedürfnisse sind immer befriedigt, Krankheiten sind passé, auch das Altern ist vorbei (auch wenn man mit ca. 60 Jahren stirbt). Und für die Seele gibt es Feelys, Violent Passion Surrogates und mit Soma sogar eine Droge ohne Reue. Damit kein Beziehungsstress aufkommt, sind intensive Beziehungen nicht vorgesehen – also gibt es auch keinen Liebeskummer. Alles bestens also. Mehr Glück geht nicht.

Und doch, letztlich argumentiert Huxley gegen diesen Lebensentwurf.

Glück kann nicht der Lebenszweck an sich sein. Man kann und darf nicht zu seinem Glück gezwungen werden. Einer seiner Romanhelden, der sogenannte „Wilde“ John, ist da ganz klar:
„‚But I don’t want comfort. I want God, I want poetry, I want real danger, I want freedom, I want goodness, I want sin.‘
‚In fact,‘ said Mustapha Mond, ‚you’re claiming the right to be unhappy.‘
‚All right, then,‘ said the Savage defiantly, ‚I’m claiming the right to be unhappy.‘
‚Not to mention the right to grow old and ugly and impotent; the right to have syphilis and cancer; the right to have too little to eat; the right to be lousy; the right to live in constant apprehension of what may happen tomorrow; the right to catch typhoid; the right to be tortured by unspeakable pains of every kind.‘
There was a long silence.
‚I claim them all,‘ said the Savage at last.
Mustapha Mond shrugged his shoulders. ‚You’re welcome,‘ he said.

Sehr bezeichnend, dass Huxley, um überhaupt einen Roman über diese neue Welt schreiben zu können, Personen braucht, bei denen bei ihrer Konditionierung etwas schief gegangen ist oder die als Weltcontroller letztlich die Macht haben. Seine Hauptpersonen sind durchweg Individuen, Menschen mit eigener Persönlichkeit und eigenem Wollen. Über und mit Retortenmenschen lässt sich kein Roman schreiben. Alles langweilig:
„Actual happiness always looks pretty squalid in comparison with the over-compensations for misery. And, of course, stability isn’t nearly so spectacular as instability. And being contented has none of the glamour of a good fight against misfortune, none of the picturesqueness of a struggle with temptation, or a fatal overthrow by passion or doubt. Happiness is never grand.“

Aber auch für solche Individuen, denen das Glück nicht reicht oder bei denen etwas schiefgegangen ist, ist vorgesorgt: Sie dürfen auf eine Insel, mit den anderen ihresgleichen.

Aber dann wird’s da doch ziemlich eng, oder?

„It’s lucky,‘ he added, after a pause, ‚that there are such a lot of islands in the world.“

Also doch keine Dystopie!?!

Erasmus, man of letters: The construction of charisma in print. Lisa Jardine

Erasmus von Rotterdam (* um 1467, † 1536) zählt auch heute noch zu den bekanntesten Persönlichkeiten der nordeuropäischen Renaissance und des europäischen Humanismus. Er ist das Paradebeispiel eines Gelehrten, uneigennützig, rein an der Sache orientiert, immer auf der Suche nach Wahrheit. Trotz seines Namensanhängsels „von Rotterdam“ ist er einer der ersten Europäer (während sein Zeitgenosse Luther klar als Deutscher einsortiert werden würde). Ein europäisches Studentenaustauschprogramm ist nach ihm benannt. Auch Universitäten und viele Schulen tragen seinen Namen. Und damit sind alle Häuser, Brücken, Straßen, Plätze, U-Bahn-Linien, ICEs …. noch nicht einmal erwähnt.
Erasmusbrücke

Das Buch von Lisa Jardine, ehemals Professorin für Renaissance-Studien in Großbritannien, aber leider im Jahr 2015 verstorben, geht der Frage nach, wie Erasmus eigentlich zu seinem guten Ruf gekommen ist.
Lisa Jardine: Tributes after renowned historian dies - BBC News

PR-Profi des Humanismus

Ihre Erkenntnis: Erasmus hat sich offenbar sehr bewusst darum gekümmert, genau den Ruf aufzubauen, den er heute hat. Modern formuliert: Erasmus war ein ausgeprägter PR-Profi in eigener Sache.

Einige Aspekte von Jardines Buch sind zum Glück recht gut nachvollziehbar, auch ohne Experte zu sein, Latein zu beherrschen und ihr Buch zu lesen.

Die Porträts: Erasmus als neuer Hieronymus

Jardine macht überzeugend deutlich, dass nicht der jeweilige Künstler – Metsys, Holbein oder Dürer – entschieden hat, in welcher Pose, mit welchen Gegenständen, vor welchem Hintergrund und mit wem Erasmus abgebildet wird, sondern Erasmus selbst. Besonders auffällig dabei ist, wie sehr die Porträts sich an der Ikonographie des Heiligen Hieronymus orientieren (wobei Erasmus – siehe seine Kleidung – schon mehr Wert auf teure Kleidung legt als sein Vorbild, dafür aber auf Totenkopf und Löwen verzichtet….)
Erasmus von Rotterdam – WikipediaHieronymus oder die Kunst des Übersetzens | Gymnasium Leoninum Handrup

Hieronymus war nicht nur ein christlicher Kirchenvater und Asket, sondern durch seine Übersetzung der Bibel ins Lateinische – die Vulgata – auch ein Gelehrter. Er beherrschte Latein, Griechisch und Hebräisch. Außerdem hat er intensiv Textkritik betrieben und versucht, dem ursprünglichen Bibeltext möglichst nahe zu kommen. Und nicht zuletzt ist Hieronymus für seine Briefe berühmt.

Durch die Porträts präsentiert sich Erasmus quasi als neuen Hieronymus. Er stellt sich als würdigen, gleichwertigen Nachfolger in eine lange Tradition von christlichen Gelehrten überregionaler Bedeutung, die sich mit der Herausgabe und Übersetzung zentraler Texte der Antike und der christlichen Tradition beschäftigen.

Die Briefe: Das Epizentrum der europäischen Macht- und Geisteswelt

Neben all seinen anderen Schriften und Textausgaben sind die weit über 2000 erhaltenen Briefe von und an Erasmus von überragender Bedeutung. Wer immer während seiner Lebenszeit auch nur ansatzweise VIP-Status hatte, bekam Post (und antwortete anscheinend auch oft). Martin Luther, Heinrich VIII., Papst Leo X. und viele, viele mehr: Sie alle sind mit dabei.

Diese Briefe waren ihm wichtig. Er reagierte allergisch, wenn jemand anderes ohne sein Einverständnis sie veröffentlichte. Gleichzeitig kümmerte er sich selbst akribisch darum, dass die richtigen Briefe in der für ihn richtigen Abfolge erschienen.
La Maison d'Érasme - Portraits d'Erasme

Damit positionierte sich Erasmus als supervernetzt im, Europa des 16. Jahrhunderts. Alle von Rang und Namen finden ihn offenbar toll, alle bitten ihn um Rat, ohne ihn geht praktisch nichts, jedenfalls nichts Wichtiges.

Hübscher Nebeneffekt dabei: Erasmus stellt sich wieder in eine lange Tradition bis in die Antike. Seine Briefe werden in einem Atemzug genannt mit denen von Cicero, Plinius, Libanios und – siehe oben – dem Heiligen Hieronymus.

Das Buch von Jardine: eher für Spezialisten

Für das breite Publikum hat Jardine sicherlich nicht geschrieben. Durchhaltevermögen, Lateinkenntnisse und Spaß an komplexen Nominalkonstruktionen im Englischen sind wichtig. Oder anders formuliert: Stilistisch kommt Jardine bei weitem nicht an Erasmus heran.
Erasmus, Man of Letters: The Construction of Charisma in Print by ...

Dennoch, gerade ihre Kapitel über die Porträts und die Briefe sind recht gut zugänglich und sogar mitunter fast spannend geschrieben. Nicht umsonst und zurecht ist das Buch – ursprünglich 1993 erschienen – 2015, kurz vor Jardines Tod, noch einmal neu aufgelegt worden.

Die Toten von Jericho. Colin Dexter

Worum es in diesem Beitrag nicht geht

Eigentlich geht es mir gar nicht um diesen speziellen Krimi. „Die Toten von Jericho“ – auf English „The dead of Jericho“ – erschien 1981 als fünfter Roman in der Inspektor Morse-Reihe von Colin Dexter. Er ist vielleicht nicht der beste der insgesamt 13 Morse-Romane. Die Auflösung zieht sich zum Schluss arg in die Länge, so dass die Spannung dadurch abgelöst wird, dass man als Leser auch mal etwas genervt wirken kann. Aber genervt ist Morse ja auch öfter einmal. Da hilft dann ein Bier. Oder auch zwei.
Colin Dexter.jpg

Es geht mir auch nicht darum, mich über Dexters Spaß an Sprache zu freuen, auch wenn Passagen wie:
„‚Michael, is it?‘
‚No, I’m Ted.‘
‚Oh, yes. Is your mother in, Ted?‘
‚No, she’s gone to the hospital. It’s Michael'“
oder alliterative tour-de-force-Formulierungen wie:
„A lovely female firmly sunk in fathoms of leisure“
sicherlich des Zitierens wert sind.

Statt dessen möchte ich mutig eine neue (?) Hypothese in die Welt setzen. Mal schauen, was daraus wird.

Neue Hypothese in der Literaturwissenschaft

Nahe gelegt wird meine Hypothese – ich sage aber noch nicht, wie sie lautet – dadurch, dass Dexter in Cambridge (nicht Oxford! Dexter wusste, was gut ist) Klassische Philologie studiert hat: Abschluss Magister vom Christ’s College im Jahr 1958.
Auf die Idee gekommen bin ich vielleicht, weil ich gerade neulich in diesem Blog ein Buch besprochen habe, dass sich mit Homer und seiner Odyssee beschäftigt.

Meine Hypothese daher:
Dexter hat sich, als er seine Morse-Krimis schrieb, von Homer und seiner Odyssee inspirieren lassen.

Oxford ist damit sozusagen das Mittelmeer Großbritanniens…
Oxford academics honoured by the Royal Society | University of Oxford

Morse – Irrfahrten eines modernen Odysseus in Oxford?

Meine Evidenz?

  • Morse ist schon irgendwie ein moderner Odysseus. Wie der Sagenheld hat Morse drei ausgeprägte Neigungen: den Konsum alkoholischer Getränke, das Lösen von Rätseln, Frauengeschichten ohne Happy End. Wie Odysseus wirkt Morse so, als habe er sein Zuhause, seine Heimat verloren. Außerdem ist er eitel, überheblich, listenreich, aber irgendwie auch sympathisch – so wie sein antikes Vorbild.
  • Lewis, der Sergeant, der Morse in seinen Fällen begleitet, ist ein wenig wie Telemachos, noch etwas grün hinter den Ohren, etwas unbeholfen. Morse ist für Lewis eine Art Vaterfigur, wie Odysseus für Telemachos.
  • In der Odyssee (wie in der Ilias) gibt es die sogenannten „geflügelten Worte“ (auf griechisch: ἔπεα πτερόεντα), sie wiederholen sich häufiger in beiden Werken. Dexter verwendet sie ebenfalls gerne am Anfang von Kapiteln und legt ebenfalls wenig Wert darauf, sich nicht zu wiederholen. Zitate z.B. aus Oscar Wilde, Shakespeare oder dem Oxford English Dictionary (insbesondere: „Alibi: (L. ‚alibi‘, elsewhere); the plea in a criminal charge of having been elsewhere at the material time“) werden immer wieder recycelt.
  • Die Art und Weise, wie Morse seine Fälle löst, gleicht in jedem Krimi einer Irrfahrt. Er liegt so oft daneben, dass ein Vergleich mit den auch nicht immer ruhmreichen Abeneuern der Odyssee – Skylla und Charybdis, Laistrygonen, … – gar nicht abwegig scheint.
    Lateingruppe besucht Aufführung von „Odyssee – Ein Stück (über ...

Und außerdem ist Dexter mit Morse sicherlich ein Klassiker der Kriminalliteratur geglückt, wie auch Homers Odyssee zweifellos ein Klassiker der Weltliteratur ist (allerdings heutzutage weniger häufig gelesen….).

Die Ausarbeitung der weiteren Details meiner Hypothese überlasse ich gerne den Wissenschaftlern.

The masters. Charles Percy Snow

Für wen „The Masters“ nichts ist

Für Freundinnen und Freunde handlungsstrotzender Literatur ist „The Masters“ von Charles Percy Snow völlig ungeeignet. Auch Anhänger einer ausgewogenen Quotenregelung für die Besetzung der Hauptpersonen in Romanen werden nicht begeistert sein.

In einem College in Cambridge liegt der bisherige College-Chef – die heißen in Cambridge in der Regel Master – im Sterben. Vor diesem Hintergrund beschäftigen sich die Dozenten des Colleges – die Fellows – mit der anstehenden Nachfolge. Zum Ende des Romans ist der bisherige Master gestorben und sein Nachfolger gewählt.
Der Roman spielt noch vor dem zweiten Weltkrieg. Damals waren an den meisten Colleges alle Fellows männlich. Frauen kommen nur als Anhang vor, denn immerhin durften Fellows und Master heiraten.
Trinity College - Cambridge Colleges

Ein Meisterwerk der Psychologie

„The Masters“ gehört in die Spitzenkategorie des psychologischen Romans: Er beschäftigt sich mit dem Streben des Menschen – oder zumindest des Mannes – nach Anerkennung, Einfluss und Macht und leuchtet dabei aus, wie dieses Streben in einer überschaubaren Gemeinschaft funktioniert und was es mit dieser Gemeinschaft macht.

Die insgesamt 13 Fellows des Colleges sind sehr unterschiedlich. Noch sehr jung, schon jenseits der 80. Verheiratet mit Kindern, Junggesellen. Natur- und Geisteswissenschaftler. Akademisch distinguiert oder unbeschriebene Blätter. Sozialkompetent und in Gemeinschaft weniger versiert. Voller Ambitionen, uneitel…. Entsprechend unterschiedlich agieren sie auch für sich und miteinander.
Eine Gemeinsamkeit haben sie dabei, die wahrscheinlich für Colleges sehr typisch ist: Sie sind es gewöhnt, als Individuen ziemlich frei und unabhängig zu sein. Alle sind sie letztlich Primadonnen (womit die Quote dann doch ausgeglichen ist: 100% Männer – 100% Primadonnen….).
Diese Charaktere treffen in einer Stress-Situation aufeinander und müssen zum Wohl des Colleges zu einer Lösung kommen.

Am dichtesten an die Atmosphäre des Buches kommt übrigens der Film „Die 12 Geschworenen“ von 1957. Allerdings gibt es am College deutlich mehr und besser zu essen und zu trinken.

Der Autor: Wissenschaftler und Schriftsteller

C.P. Snow, oder korrekt: Charles Percy Snow, Baron Snow (oder auch: The Right Honourable, The Lord Snow, C.B.E.; in Großbritannien wird der Mensch ja zum Teil noch an seinem Titel erkannt), *1905, 1980, war vieles parallel. Erstens war er Physiker und Forscher (mit immerhin 20 Ehrendoktortiteln!). Am Christ’s College in Cambridge war er selbst Fellow (und wusste daher, wovon er in diesem Roman schrieb). Zweitens Manager in einem Unternehmen. Drittens Parlamentarischer Staatssekretär. Viertens wurde er auch noch adelig und durfte im House of Lords sitzen.

In Großbritannien ist dieses Wandern zwischen den Welten nicht unüblich. Es sorgt für viel Lebenserfahrung und Dreidimensionalität: und flach war Snow wirklich nicht.
Lord Snow (C.P. Snow) | International Center of Photography

Derweil in Deutschland

… wieder die Übersetzer und Verlage erbarmungslos zuschlagen. „The Masters“ gibt es auch in Übersetzung, damals von 1952, ein Jahr nach Erscheinen des englischen Originals. Der Titel „Die Lehrer“. Gut gezielt und doch am Ziel vorbei. Man sollte einen Preis für besonders mißlungene und irreführende Titel von ins Deutschen übersetzten Büchern stiften.

Da gäbe es viel Wettbewerb.

Eine Odyssee: Mein Vater, ein Epos und ich. Daniel Mendelsohn

Der Blog-Autor wundert sich

Das muss mir mal jemand erklären. Warum heißt das Buch auf Englisch: „An Odyssey: A father, a son and an epic“ und auf Deutsch: „Eine Odyssee: Mein Vater, ein Epos und ich“? Braucht es bei uns diesen Ich-Bezug? Ist es sonst für deutschsprachige Leser zu abstrakt? Oder rechnet man sonst hierzulande mit Verdrossenheit, wenn sich herausstellt, dass das Buch sehr autobiographisch ist, dies aber nicht gleich im Buchtitel deutlich wird? Der Siedler-Verlag, in dem das Buch erschienen ist, war da auch schon einmal anspruchsvoller. Sic transit gloria mundi.
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Und wenn wir schon bei Erklärungsbedarf sind: Warum findet sich dieses Buch auf der Bestenliste ausgerechnet in der Kategorie Sachbuch in der „Zeit“? Haben die das Buch nicht gelesen oder überlesen, dass es vor allem belletristisch oder alternativ biographisch ist? Vielleicht haben die Juroren der Bestenliste sich aber auch davon inspirieren lassen, dass das Buch schon einige, wenn auch weniger renommierte Preise in den USA bekommen hat: Best Book of the Year des National Public Radio, des Library Journal, von Newsday und von den Kirkus Reviews.
SwissEduc - Alte Sprachen - Realien: Materialien von Anton Hafner ...

Der Autor als bedeutendster Intellektueller

Daniel Mendelsohn, Jahrgang 1960, ist US-amerikanischer Staatsbürger, Professor für Klassische Philologie an einer mäßig bekannten Universität und gehört, wie der Klappentext einen wissen lassen möchte, „zu den bedeutendsten Intellektuellen in den USA“. Gut, das gelesen zu haben, damit die Messlatte richtig justiert ist. Dem Autoren tut der Siedler-Verlag damit keinen Gefallen.

Die Odyssee von Homer…

… ist Weltliteratur schlechthin. Neben der Ilias das klassische National-Epos der Griechen seit fast 3000 Jahren. Ein Höhepunkt der Dichtung gleich am Anfang der europäischen Literaturgeschichte. Kirke, Kalypso und Kyklopen.

Dickes Lob für Mendelsohn: Man erfährt viel über dieses Werk, seinen Autoren (oder waren es mehrere?), seine Sprache, seinen Aufbau, seine Erzähltechnik, seinen Inhalt, seine Überlieferungsgeschichte. Gut aufbereitet, nicht seicht, so dass man vielleicht sogar Lust bekommt, die Odyssee einmal (oder wieder?) zu lesen. Prima.

Wichtig für das Buch von Mendelsohn: In der Odyssee geht es unter anderem stark um Väter und Söhne: Laertes, dessen Sohn Odysseus, dessen Sohn Telemachos. Odysseus und Telemachos haben einander seit 20 Jahren nicht gesehen. Wahrscheinlich hat Telemachos keine eigene Erinnerung an seinen Vater. Und macht sich in der Odyssee auf die Suche.
The Cyclops Polyphemos and Odysseus from Sperlonga

Die Odyssee von Daniel Mendelsohn

Daniel Mendelsohn hat ebenfalls einen Vater (und zwei Großväter, die auch eine, wenn auch nachgelagerte, Rolle spielen). Sein Vater war immer verschlossen, abweisend, zurückhaltend mit Gefühlen. Ein Mathematiker. Mendelsohn möchte seinen Vater kennenlernen – und dieser wiederum vielleicht seinen Sohn – bevor es zu spät ist und der Tod dies unmöglich macht. Deshalb nimmt der Vater an einem Seminar seines Sohns teil, und sie fahren anschließend gemeinsam in Urlaub. Beides wird in diesem Buch beschrieben. Man erfährt viel über Mendelsohn und seine Familie. Der eine oder andere mag auch Lust bekommen, diese Familie näher kennenzulernen, oder fühlt sich an seine eigene Familie erinnert. Auch wäre so eine Reise im Mittelmeer gar nicht schlecht bei dem aktuellen Wetter.
A Father And Son Go On Their Last 'Odyssey' Together : NPR

Die Kombination aus beiden Odysseen…

… ist natürlich der Clou des Buchs. Das eben erwähnte Seminar befasst sich mit der Odyssee. Die gemeinsame Reise ist eine Kreuzfahrt im Mittelmeer zu den Schauplätzen der Odyssee. Daniel M. ist Telemachos, sein Vater Jay M. Odysseus. Beide Odysseen werden recht kunstvoll miteinander verwoben, gelegentlich vielleicht einen Hauch offensichtlich. Aber deutlich besser als im amerikanischen Fernsehen.

Ergibt ein Buch….

… das man gut lesen kann. Es ist unterhaltsam. Man erfährt etwas über Homers Odyssee. Ein nicht zu niederschwelliger Einstieg in die Weltliteratur. Eher etwas für Leser als Leserinnen, denn Frauen – wie auch in der Odyssee – spielen nun einmal nicht die Hauptrolle hier.

Und übrigens

Wer sich für die Odyssee interessiert, kann alternativ oder additiv auch das Buch über Homers Werke von Adam Nicolson „The mighty dead: why Homer matters“ lesen, besprochen ebenfalls in diesem Blog. Ein ausgezeichnetes Buch.

Hamlet. William Shakespeare

Auch nicht gerade eine Neuerscheinung, Hamlet, von William Shakespeare…. Statt dessen eines der bekanntesten Stücke von einem der bekanntesten Dramatiker der Weltliteratur, das häufiger aufgeführt und interpretiert wurde als (fast?) alle anderen.
William Shakespeare – Wikipedia

Shakespeare und ich

Selber hatte ich Hamlet bisher noch nicht gelesen, an der Schule wurde er nicht behandelt, im Theater nicht aufgeführt, als ich hätte hingehen können. Nicht einmal gereizt hatte er mich, da ich gegenüber den meisten Bestsellern eine ausgeprägte Grundskepsis zu haben scheine. Ausgelöst wurde meine Neugier dann von einer biographisch ausgerichteten Dokumentationsserie der BBC „In search of Shakespeare“ von Michael Wood – die im übrigen tatsächlich ganz ausgezeichnet ist.
Doing Something about 'Hamlet' - Blogging Shakespeare

Der Plot und die Stärken des Stücks

Vorweg gesagt: Den Plot finde ich nicht besonders überzeugend. Da sind die Griechen, besonders Sophokles, besser. Daß in der letzten Szene praktisch alle Hauptdarsteller tot darniedersinken, na ja. Der Wahnsinn Hamlets? Nicht besonders gut motiviert. Die Tötung von Polonius? Passt nicht zum Charakter Hamlets.

Trotzdem bin ich froh, das Stück gelesen zu haben.

Zwei Gründe hierfür:

  • die Figur Hamlets, einer der ersten Melancholiker der Bühnengeschichte, ein Held, der nicht gerne handelt, ein Denker und Grübler, der nicht klar kommt mit dem, was das Leben ihm so einbrockt. So zögerlich, dass das Gespenst seines Vaters ihn sogar noch ein zweites Mal drängen muss, ihn endlich zu rächen.
  • die Sprache Shakespeares. Zwar gibt es etliche Passagen, für die mein Englisch nicht gut genug ist (und bei denen mir, zugegeben, auch die Übersetzung von Schlegel nicht hilft, dem es anscheinend ähnlich ging). Deutlich überwiegen aber die Reden und Sätze, die so subtil auf den Punkt formuliert sind – so überraschend mit Metaphern operieren – die das Leben so in seiner Unverständlichkeit erscheinen lassen – die man sich so unbedingt merken möchte -, dass man nur sprachlos zurück bleibt.

Nicht zuletzt: Wer die Fatalität, das zutiefst Unzivilisierte von Rache und Ehrenmorden vorher noch nicht wahrgenommen hat, dürfte nach Hamlet davon geheilt sein.

The rest is silence.
Hamlet | George Eastman Museum

Der Hals der Giraffe: Bildungsroman. Judith Schalansky

Da mir das neueste Buch von Judith Schalansky sehr gut gefallen hatte – gerade in diesem Blog besprochen! -, habe ich gleich noch ein zweites gelesen. „Der Hals der Giraffe: Bildungsroman“.
Der Hals der Giraffe by Judith Schalansky

Hals der Giraffe?
Stimmt, kommt an einer Stelle im Buch vor, Haken dran.

Bildung?
Ja, immerhin spielt das Buch im Wesentlichen in einer Schule, also einer Bildunganstalt, auch Haken dran.

Roman?
Hier komme ich ins Grübeln, also erst einmal kein Haken.
Der Hals der Giraffe" von Judith Schalansky - Bakterie müsste man ...

Warum ich grübele, verrate ich gleich. Worum es in dem Buch geht, verrät der Klappentext: „Anpassung im Leben ist alles, weiß Inge Lohmark. Schließlich unterrichtet sie seit mehr als dreißig Jahren Biologie. In einer Stadt im hinteren Vorpommern. Dass ihre Schule in vier Jahren geschlossen werden soll, ist nicht zu ändern – die Stadt schrumpft, es fehlt an Kindern. Aber noch vertreibt Inge Lohmark, Lehrerin vom alten Schlag, mit ihrem Starrsinn alles Störende. Als sie schließlich Gefühle für eine Schülerin entwickelt und ihr Weltbild ins Wanken gerät, versucht sie in immer absonderlicheren Einfällen zu retten, was nicht mehr zu retten ist.“

Also meine Grübelei. Selber hätte ich die Bezeichnung Roman nicht gewählt. Eher handelt es sich um eine etwas lang gewordene Erzählung oder Kurzgeschichte (über 200 Seiten). Oder um eine Novelle, immerhin gibt es ein oder zwei Kandidaten für die wundersame Begebenheit. Aber für einen Roman ist das Buch etwas wenig-dimensional, etwas zu geradlinig, etwas unkomplex. Dasselbe gilt übrigens für die Charaktere, inklusive der Person, aus deren Perspektive und mit deren Gedanken alles erzählt wird, Inge Lohmark, die Lehrerin.

Gut ist das Buch schon, egal ob Roman oder nicht. Das Urteil „bester Roman des Jahres“ allerdings, das 2011 im Deutschlandfunk verkündet wurde, vermag ich nicht zu teilen. Im Unterschied zum „Verzeichnis einiger Verluste“ ist es vielleicht noch früh-hellenistisch. Schalansky zeigt, was sie als Schriftstellerin technisch kann und was sie als Mensch alles weiß. Aber das alles wirkt noch etwas unausbildet und ungelenk, noch nicht recht fertig und abgerundet, wie gewollt, aber noch nicht ganz gekonnt, kurz: noch staksig wie eine Giraffe. Auch die eingestreuten Illustrationen haben noch keine Bedeutung, außer einfach Illustration zu sein. Man kann das Buch nicht nach dem Verlustverzeichnis lesen, ohne zu denken: Ah, darauf hat sich die Autorin vorbereitet, so sollte das werden. Und ist ein wenig enttäuscht von der Giraffe.

Also: Erst die Giraffe lesen, dann die Verluste hinnehmen!

Verzeichnis einiger Verluste. Judith Schalansky

Aufmerksam machte mich eine Besprechung in der „Zeit„. Angesprochen hat mich dabei das positive Fazit der Rezensentin, Juliane Liebert, und der Titel des Buches: „Verzeichnis einiger Verluste“. Also habe ich mein erstes Buch von Judith Schalansky bestellt und zwischenzeitlich auch gelesen.

Wilhelm-Raabe-Literaturpreis für Judith Schalansky - "Sie erfindet ...

Die Buchgestaltung

Das Buch ist von der Autorin selbst gestaltet. Einladend ist der Einband eher nicht. Schwarz mit vielen Farbverlusten, so als habe man die Druckerschwärze nicht ordentlich aufgetragen oder als sei das Buch nicht mehr ganz neu. Wenn man von der Seite schaut, wird es interessanter: Das normale Weiß der Buchseiten löst in regelmäßigen Abständen eine schwarzen Linie ab, was für Liebhaber von Strukturen ein zufriedenstellendes regelmäßiges Streifenmuster ergibt. Beim Aufschlagen des Buchs erweisen sich die schwarzen Linien als ebensolche Seiten, die immer am Anfang eines Kapitels stehen. Nachlässig betrachtet sind sie nur schwarz, gegen das Licht gedreht sieht man schemenhaft in schwarz auf schwarz ein Bild des jeweiligen Kapitelthemas. Auffällig auch: Alle Kapitel – zwölf an der Zahl – haben die gleiche Länge.

Mal schauen, ob dieser Primat von Form und Gestalt den Ansprüchen der jeweiligen Kapitel-Inhalte gerecht wird.

Der Buchinhalt

Auch beim Inhaltsverzeichnis wird die Liebe der Autorin zur Gestaltung deutlich: Symmetrisch aufgebaut. In der Mitte die zwölf Kapitel, darum herum am Anfang nicht nur ein Vorwort, sondern auch eine Vorbemerkung, am Ende nicht nur ein Personen-, sondern auch ein Bild- und Quellenverzeichnis.

Die Kapitel haben als Titel immer etwas, das verloren gegangen ist: Tuanaki – ein Insel im Pazifik, die es nicht mehr gibt; kaspischer Tiger – ausgestorben; Sapphos Liebeslieder – (im wesentlichen) nicht überliefert; Hafen von Greifswald – ein Gemälde von Caspar David Friedrich, verbrannt; Palast der Republik – abgerissen.
Judith Schalansky: "Verzeichnis einiger Verluste" - Die Welt, ein ...

Jedem Kapitel vorangestellt, kursiv gedruckt, Informationen zum Thema, enzyklopädisch, immer zwei Einträge, einer mit *, einer mit ✝. Danach geht Schalansky frei mit der Materie um. Spätestens hier wird es literarisch, kreativ, sprudeln Ideen. Verluste werden mit anderen Verlusten kombiniert, verschränkt, verwoben. Mal gibt es einen autobiographisch anmutenden Reisebericht zu einer Stätte der Kindheit der Autorin (Hafen von Greifswald), mal einen stream-of-consciousness von Greta Garbo (Der Knabe in Blau), ein anderes Mal bleibt sie im Enzyklopädischen und gibt viele Textfragmente, Eindrücke zum Kapitelthema (Sapphos Liebeslieder). So unterschiedlich die Kapitel dadurch werden, so abwechslungsreich, überraschend, überzeugend und anregend sind sie.

Womit wir zur Sprache kommen.

Die Buchsprache

Alle Beobachtungen zu diesem Buch in diesem Blogbeitrag  machen den Eindruck eines gelehrten Prunkstücks. Das Buch ist auf Schau aus, von der Gestaltung bis zu den akademisch-gelehrt-recherchierten Inhalten. Es will gesehen werden, trotz seines Titels nicht verloren gehen. Hellenistisch. So wie man es von einem Schriftsteller-Gelehrten an der Bibliothek von Alexandria erwarten würde, von Kallimachos etwa oder von Lykophron.

Und hierzu passt auch die Sprache. Fast jedes Kapitel verwendet einen anderen Sprachstil, ein anderes Vokabular. Dabei bleibt ihre Syntax immer literarisch, ähnlich der antiken Kunstprosa, Apuleius fällt einem ein oder Heliodor oder Lukian oder auch Cicero und Demosthenes. Man muss sich schon konzentrieren auf ihre wohlkonstruierten Sätze mit ihren Parataxen, Chiasmen, Oxymora und all den anderen Stilmitteln klassisch-antiker Rhetorik. Sehr gekonnt, sicherlich nicht bescheiden.

Ein Buchverlust?

Bei so viel Zur-Schau-Stellung und Glänzen-Wollen: Was macht das mit den Verlusten des Buchtitels?

Erstaunlicherweise schafft es Schalansky, den Verlusten gerecht zu werden. Sie hat nicht nur Technik, sondern auch Tiefgang. Sie bleibt mit all ihren schriftstellerischen und gestalterischen Raffinessen vorsichtig, zurückhaltend, melancholisch, nachhörend, bleibt sensibel für Werden und Vergehen, für Vergessen und Erinnern.

Ein Buch, das hoffentlich nicht so schnell verloren gehen wird.

Das Buch: eine Geschichte der Bibel. Christopher de Hamel

Mit einer Spezialisierung auf Paläographie und mittelalterliche Handschriften regelmäßig in andere Sprachen – zum Beispiel ins Deutsche – übersetzt zu werden, muss einem Autoren erst einmal gelingen. Christopher de Hamel, Lesern dieses Blogs bereits durch ein anderes Buch bekannt, gehört in diese Kategorie: Auch sein substanzielles Werk über die Überlieferung der Bibel gibt es leicht zugänglich auf deutsch.
Das Buch: Eine Geschichte der Bibel: Amazon.de: Christopher de ...

Das erfolgreichste Buch überhaupt

De Hamel startet mit der Beobachtung, dass die Bibel mit großem Abstand das erfolgreichste Buch ist, das je geschrieben wurde: In Teilen über 2000 Jahre alt, seit 1455 durchgehend gedruckt, kein anderes Buch ist in mehr Sprachen übersetzt und hat eine größere Auflage.

Mit dem religiösen Inhalt der Bibel befasst sich de Hamel nicht, sondern mit ihrer Überlieferungsgeschichte. Welche einzelnen Bücher zählten wann zur Bibel? Welche Textgrundlagen und Übersetzungen wurden verwendet? Wie sahen Bibeln aus? Mit solchen Fragen setzt sich de Hamel auseinander und schafft damit ein faszinierendes Buch.

Vorweg genommen:
Die Behauptung des Klappentexts „Christopher de Hamel writes with the storytelling gift of the good historian. He is also a scrupulous scholar. Without being either evangelical or polemical, his precise, lucid and highly informative narrative is solidly based on documentary evidence.“ trifft aus meiner Sicht voll zu.

Chronologische Reise

De Hamel geht im Wesentlichen chronologisch vor. Er startet im vierten Jahrhundert mit der Übersetzung von Hieronymus ins Lateinische, der Vulgata. Mit einem zwischenzeitlichen Ausflug in den Hellenismus – Übersetzung des Alten Testaments an der Bibliothek von Alexandria ins Griechische, die Septuaginta – erreicht er die Neuzeit mit Übersetzungen der Bibel in alle möglichen im Westen eher ungewohnteren Sprachen wie Mohawk, Tamil oder Isubu. Chronologisch korrekt – denn die Handschriften wurden erst vor wenigen Jahrzehnten gefunden – geht es dann ganz weit zurück auf die frühesten Überlieferungen von Bibeltexten überhaupt.
The Textual Mechanic: P. Bodmer II (P66), and the Staurogram

Viel gelernt

Auf dieser überlieferungs-geschichtlichen Zeitreise erfährt man viel Überraschendes. Hier einige Beispiele:

  • Die Bibel ist tatsächlich maßgeblich verantwortliche dafür, dass Bücher heute so aussehen, wie sie aussehen: Die Form des Codex, ein „klassisch“ gebundenes Buch, statt die Form einer Schriftrolle wurde insbesondere, teils sogar ausschließlich für die Bibel genutzt.
  • Die Überlieferung der Bibel als EIN Buch ist ein spätes Phänomen. Typischerweise war die Bibel in eine ganze Reihe von Bänden unterteilt: Bei Cassiodorus in der späten Antike waren es neun.
    Meister Eckhart und seine Zeit
  • Was in die Bibel gehört, wurde erst nach und nach festgelegt. Einigkeit darüber gibt es weiterhin nicht – man sehe sich nur eine katholische und eine protestantische Bibel an. Das hatte Konsequenzen darauf, ob und wie einige Texte erhalten blieben: Weil einige alttestamentarische Texte von der jüdischen Tradition früh verworfen wurden, ist zum Beispiel das Buch Judith nicht mehr auf Hebräisch erhalten, sondern alle heutigen Texte davon gehen auf eine griechische Übersetzung zurück.
  • Typischerweise führt das beständige Abschreiben aus einem Manuskript ins nächste dazu, dass die Qualität des Textes schlechter wird. Fehler schleichen sich ein. Die Bibel ist auch im Neuen Testament dadurch gekennzeichnet, dass die Schreiber und Schriftsetzer sich immer extrem viel Mühe damit gegeben haben, sehr, sehr sorgfältig zu arbeiten.
  • Die typische heutige Form der Bibel stammt aus Paris im 13. Jahrhundert. Damals wurden die Bibeln kleiner. Ausgaben auf extrem dünnen Papier mit extrem kleiner Handschrift in Taschenformat wurden der neue Standard. Die Reihenfolge der einzelnen Bibeltexte wurde vereinheitlicht. Auch der Aufbau einer Seite mit Text in zwei Spalten sowie die Nummerierung der Kapitel stammen aus dieser Zeit.
    Parisian Vulgate Bible
  • Nicht zu vergessen sein Kapitel über die Druckgeschichte der Gutenberg-Bibel: Muss man lesen, eine tolle Detektivgeschichte.

Fazit

Es macht schon Spaß genug, über dieses Buch von de Hamel nur zu schreiben. Es zu lesen, ist noch besser. Die vielen qualitativ sehr hochwertigen Illustrationen steigern noch das Vergnügen. De Hamel ist hier ein Standardwerk gelungen.
What's Missing from Codex Sinaiticus, the Oldest New Testament ...

Meine Bücher des Jahres 2018

Nach der Hitliste für 2017 jetzt zum zweiten Mal meine ganz persönliche Auswahl der besten, bewegendsten, überzeugendsten, beeindruckendsten Bücher, die ich im vergangenen Jahr gelesen habe.

Starten tue ich mit Dichtung:
Auch wenn ich das Buch noch nicht ganz fertig gelesen habe, hat sich die Classical Chinese poetry: An anthology von David Hinton bereits den Spitzenplatz gesichert. Hinton schafft es besser als die anderen Übersetzer, die ich bisher gelesen habe, klassische chinesische Gedichte so zu übertragen, dass man sie mit Gewinn und Genuß liest, ohne dass das wichtige Offene, Unbestimmte, Unklare, Ungesagte des chinesischen Originals dabei verloren geht. Die Gedichte bleiben bei Hinton letztlich chinesisch.
Ein Beispiel eines Zen-Buddhismus-affinen Dichters der Tang-Dynastie, der unter dem Namen „Kalter Berg“ läuft (aber bestimmt nicht so hieß, wenn es überhaupt eine einzelne Person gewesen ist):
„No one knows this
Mountain I inhabit:

Deep in white clouds,
Forever empty, silent.“

Ausführliche Besprechung folgt.

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Mit Abstand vorne das neue Buch von Katrina van Grouw „Unnatural Selection“ über die Evolution domestizierter Tiere durch selektive Zucht. Klingt spröde, ist aber hoch-faszinierend, wenn einen Evolution auch nur ein wenig interessiert. Zusätzlicher Pluspunkt: Die wirklich exzellenten von der Autorin selbst gezeichneten Illustrationen.

Für mich eine wichtige Buchgattung, die Krimis:
Meine Entdeckung des Jahres war Josephine Tey, von der ich vorher noch nie etwas gehört hatte.  Unter all ihren Büchern für mich am Besten zwei davon, „The Franchise Affair“ und „Miss Pym disposes“. Tey hat sich getraut, ausgetretetene Krimi-Pfade zu verlassen, schreibt anspruchsvoll-belletristisch, bleibt dabei spannend und ist zum Glück nie brutal. Beide Krimis habe ich gar nicht besprochen, dafür aber einen dritten: „To love and be wise“.

Biographie?
Zwei Gewinner, weil beide ganz verschieden sind und jeweils ganz anders als andere Biographien.
Jonathan Spence hat mit „Emperor of China: Self-Portrait of K’ang-hsi“ eine als Autobiographie getarnte Biographie fast nur aus Originalzitaten Kangxis geschrieben und wirkt dabei völlig authentisch. Nicht zu vergessen: Kangxi ist ein überaus dankbares Subjekt dieser Biographie, ein differenzierter, nachdenklicher, intelligenter und selbstkritischer Mensch.
Christopher de Hamel dagegen hat gleich mehrere Biographien geschrieben, zwölf genau genommen, und zwar von mittelalterlichen Handschriften. Tolle Idee, toll umgesetzt. Der Titel: „Meetings with remarkable manuscripts“.

Und in der Belletristik?
Keine Überraschung hier, ein Literatur-Nobelpreisträger: Kazuo Ishiguros „The remains of the day“. Ganz großes vorsichtiges, subtiles, stilistisch und menschlich brillantes Kino.

Und das soll dann auch als Liste für dieses Mal reichen.

Bleiben die Fotos der glücklichen Gewinner:
David Hinton:
Translator David Hinton Takes on the I Ching | Books | Seven Days ...

Katrina van Grouw:
Unnatural Selection: An interview with Katrina van Grouw - Hoopoe ...

Josephine Tey:

Jonathan Spence:
Jonathan Spence Named 39th Jefferson Lecturer in the Humanities ...

Christopher de Hamel:
The Telegraph ~ Christopher de Hamel

Und Kazuo Ishiguro:
Kazuo Ishiguro wins Nobel Prize for Literature / Boing Boing

Viel Lesespaß in 2019!