Vivienne Westwood. Vivienne Westwood & Ian Kelly

“Vivienne Westwood” ist eine klassische Biografie, die nachzeichnet, wie Vivienne Westwood zu einer der berühmtesten und berüchtigtsten Mode-Designerinnen der Welt wurde. Eigentlich wollte ich das Buch, als es vor vier Jahren erschien, nicht kaufen, weil mir der Preis zu hoch erschien. Eigentlich hatte ich gedacht, dass dies wieder einmal eine jener unerträglichen Ergüsse über eine bekannte Person sein würde. Billig gemacht, flach, vom bekannten Namen zehrend. War alles falsch…

Vivienne Westwood - Vivienne Westwood, Ian Kelly

Das Buch ist gut gemacht, inhaltlich interessant, da es die Hauptakteurin sowie die Modeszene der vergangenen Jahrzehnte darstellt. Kurzweilig lesbar ist es auch. Deshalb bin ich froh, es mit vier Jahren Verspätung nun doch gekauft zu haben.

Die Miterfinderin von Punk

Punk im London der 1970er Jahre entstand durch die Kombination von Kleidung und Musik. Das Zusammenwirken schuf Punk. Und Westwood war DIE Designerin des Punk. Die verschiedenen Namen ihres Ladens in der King’s Road 430 bringen auf den Punkt, worum es ging:

  • Let It Rock
  • Too Fast to Live, Too Young to Die
  • SEX
  • Seditionaries

“”Fashion is alive”, says Vivienne, “because it has to relate to the limited; the limits that are the human body”. (…) But clothes and fashion, even at their angriest and most polemic, were always bound to loop back to pleasure and to sensuality: as Vivienne says, no one enjoys looking crap or looking at crap. The shocking in fashion had to be shocking and attractive to be worn.”

Die Aktivistin

Für mich war es spannend zu erfahren, dass Westwood sich heute mit über 70 Jahren für den Erhalt der Arktis und der Umwelt einsetzt. Zu diesem Zweck verwendet sie große Summen ihres Unternehmenserfolgs, nutzt aber auch das Engagement berühmter Models für ihre Kampagnen. Diesem Thema widmet sich das letzte Buchkapitel.

„Vivienne cares a lot about the planet, but she cares a lot about human rights as well (…) She’s looking to the future.” So Shami Chakrabarti von Liberty.

Biografie und Autobiografie in einem

Das Buch kombiniert biografische und autobiografische Textpassagen: Ian Kelly beschreibt und fasst Wesentliches zusammen, dazwischen kommen Statements von Westwood. Gespickt sind die insgesamt fast 450 Seiten mit vielen Abbildungen und Kommentaren von Freunden sowie Kollegen aus der Modebranche. Ein schönes Buch. Auch für diejenigen, die tot umfallen würden, sollten sie – zwangsweise – zu einem gesellschaftlichen Anlass in einem Vivien Westwood Outfit gehen…

Outsiders – Five women writers who changed the world. Lyndall Gordon

In “Outsiders” von Lyndall Gordon geht es um fünf englischsprachige Autorinnen aus zwei Jahrhunderten, die alle auf höchst individuelle Weise dazu kamen, sich zu äußern. Eine Stimme finden, öffentlich zu sprechen, raus aus dem Privaten: darum geht es.

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Zunächst war ich skeptisch, ob wohl derart unterschiedliche Autorinnen genügend Gemeinsamkeiten haben würden, die ihre Zusammenschau in einem Buch rechtfertigen würde. Die Autorinnen, die Gordon sich vornimmt, sind:

  • Mary Shelley
  • Emily Bronte
  • George Eliot
  • Olive Schreiner
  • Virginia Woolf.

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Raus aus der Privatsphäre

Erstaunlicherweise funktioniert diese Zusammenstellung tatsächlich: Alle fünf Frauen sind unter Rahmenbedingungen aufgewachsen, die es unwahrscheinlich machten, dass diese Mädchen einen anderen Weg gehen würden, als Ehefrauen und Mütter zu werden, die als private Personen ihr Leben verbringen würden. Dass sie in die Öffentlichkeit gehen würden mit Themen, deren Wichtigkeit für sie eigene Gedanken, eine Ausdrucksform für diese, Engagement mit sich bringen würde, war die große Leistung, die die Lebensentwürfe dieser fünf Frauen verbindet.

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„As writers, they made the outsider identity their own and wrote their novels of genius. They came, they saw and left us changed.”

Eine eigene Stimme finden

Die Wohlanständigkeit einer Frau war über die Jahrhunderte wesentlich für ihre Sicherheit innerhalb des gesellschaftlichen Kontexts. Jede der fünf Autorinnen verlor ihren guten Ruf. „Outsiders“ skizziert die unterschiedlichen Wege, wie dies geschah und zu welchem Zweck. Hierbei zeigt Gordon die damit verbundenen Belastungen ebenso auf wie die sich eröffnenden Perspektiven. Auf ihre jeweils ganz unterschiedliche Art, thematisieren sie alle häusliche und System-bedingte Gewalt und sprechen sich vehement gegen diese aus.

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Die Öffentlichkeit ansprechen

Gordon begleitet die Autorinnen dabei, wie sie in den Rollen von Prodigy (Mary Shelley),Visionary (Emily Bronte), Outlaw (Georg Eliot), Orator (Olive Schreiner) und Explorer (Virginia Woolf) ihre Botschaften an die Öffentlichkeit brachten.

„Outsiders“ besteht aus fünf Kapiteln, je eines zu den fünf Autorinnen. Davor leitet ein Vorwort in das Buch ein, einNachwort fasst Lyndall Gordons Analysen unter der Überschrift „The Outsiders Society“ zusammen.

„We have long known the greatness of these five as individual writers, but here we have looked at them collectively. (…) These outsiders do not make terms with our violent world; they do not advance themselves by imitation of the empowered. (…) these voices say no to arms and patriotism. “For”, the outsider will say, “in fact, as a woman, I have no country. As a woman I want no country. As a woman my country is the whole world.””

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Ich kann das Buch allen Interessierten an englischer Literatur sehr empfehlen. Weitere Bücher von Lyndall Gordon, die wir in Buch-und-Sofa bereits besprochen haben.

Jane’s Fame – How Jane Austen Conquered the World. Claire Harman

Jane’s Fame von Claire Harman erzählt, wie es kommen konnte, dass Jane Austen unmittelbar nach ihrem Tod als ausschließlich private Person angesehen wurde und dann doch zu einer der berühmtesten und bewundertsten Autoren in englischer Sprache wurde. Das Buch erzählt die faszinierende Geschichte darüber, wie das passieren konnte.

Die Verwandten zogen einen Schlussstrich

„What is all this about Jane Austen? What is there IN her? What is it all about?“ Joseph Conrad zu H. G. Wells 1901.

„Jane Austen! I LOVE Jane Austen!“ B. B. King.

Als Jane Austen starb, waren drei ihrer Romane veröffentlicht worden: „Pride and Prejudice“, „Sense and Sensibility“ und „Mansfield Park“. Die Veröffentlichungen wurden recht positiv aufgenommen, haben ihrer Autorin einen kleinen Verdienst gebracht. Sie haben sie nicht weltberühmt gemacht und haben sie nicht reich werden lassen. Das Frühwerk, „Northanger Abbey“ und „Persuasion“ waren zur Zeit ihres Todes unveröffentlicht. Nach Austens Tod gingen ihre Verwandten davon aus, dass das milde Interesse an Jane Austen nun abebben würde und sie – ganz angemessen – von der Öffentlichkeit nun vergessen werden würde.

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Die Öffentlichkeit wollte Jane Austen

Das kam anders: Ihre Werke wurden in Billig-Ausgaben wieder veröffentlicht, Biografien gefordert und geschrieben, Stätten ihres Lebens besucht… und vor allem gab es immer wieder einflussreiche Männer, die Jane Austen bewunderten. Sie schrieben Texte über sie, sammelten Erinnerungsstücke, setzen Austen-Werke auf Listen wichtigster englischer Autoren und empfahlen die Werke von Austen Kriegsverletzten zur Lektüre. Die Werke von Jane Austen wurden zu DER Lektüre für den Schützengraben während des 1. Weltkriegs.

Die Großartigkeit, die nicht offensichtlich ist

Harman zeichnet in „Jane’s Fame“ die Rezeptionsgeschichte Jane Austens nach. Zwei unterschiedliche Wertungen ihres Werks stehen sich dabei durch die Jahrzehnte gegenüber: Eine Gruppe von Rezipienten fand das Werk nicht besonders künstlerisch; es handelte ja nur von den üblichen, kleinen Dingen des Alltags; aufgeschrieben, ja nacherzählt von einer unbedeutenden Frau vom Land, unheroisch, uninteressant. Die andere Fraktion begeisterte sich für innovative Erzählformen, subtile Sprache, ausgefeilte Ironie; und las Austen immer wieder. Sie hoben Jane Austen in den literarischen Himmel zu Shakespeare. Ein etwas schwaches Gedicht von Rudyard Kipling – bekennender Janeite – sagt dies so:

Jane went to Paradise:

That was only fair.

Good Sir Walter followed her,

And armed her up the stair.

Henry and Tobias,

And Miguel of Spain

Stood with Shakespeare at the top

To welcome Jane.

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Wir können nicht genug von ihr bekommen

Heute gehört der Name „Jane Austen“ zu den weltweit durch alle Gesellschaftsschichten bekanntesten. Ihre Romane werden gelesen, Filme mit Leidenschaft und unter Tränen immer wieder geschaut. Es werden weitere Filme gefordert; mit Nachthemden á la Austen, Teegeschirr, Postkarten usw. bemüht sich die Vergangenheitsindustrie die Sehnsüchte der Öffentlichkeit zu stillen. Bücher schreiben Austen-Plots fort, Comics erzählen sie nach… „Jane Austen“ ist zum Seelenbalsam geworden.

„The significance of Jane Austen is so personal and so universal, so intimately connected with our sense of ourselves and our whole society, that it is impossible to imagine a time when she or her works could have delighted us long enough.”

Nocturnes. Kazuo Ishiguro

Nocturnes von Kazuo Ishiguro sind tatsächlich Geschichten im Dämmerlicht und in der Nacht. Leise Geschichten. Liebesgeschichten.

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Leise Liebesgeschichten

In fünf Geschichten lotet der Nobelpreisträger Ishiguro – siehe Artikel aus der FAZ – aus, was wohl Liebe sein mag. Ob es bereits Liebe ist, ob es noch Liebe ist, ob es eine Beziehung ist oder nicht. Leise kommen diese Geschichten daher. Der Titel des Buchs erinnert nicht zu Unrecht an Chopin. Der Untertitel offenbart mehr: „Five Stories of Music and Nightfall“.

Der Erzähler ist in der Regel ein Musiker. Er berichtet uns, wie er ein Paar beobachtet und langsam kennenlernt oder nach langen Jahren wieder kennenlernt. Der Blick ist ein Blick von außen: Die Figuren werden durch ihr Handeln und Sprechen charakterisiert. Ihre wahren Motive bleiben schattenhaft. Können nur geahnt oder erraten werden. Und wahrscheinlich ist die Interpretation nicht ganz richtig.

 

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Musik als zweiter Erzählstrang

Eine Ausnahme besteht in der Geschichte „Nocturne“. In ihr ist der Ich-Erzähler auch eine der Hauptfiguren. Was er berichtet, ist die absurd-traurige Geschichte vom erfolglosen Musiker, der sich einer Schönheitsoperation unterzieht, in der Hoffnung, mit einem anderen Gesicht zukünftig erfolgreicher zu sein:

„So how does someone like me get to be here among these stars and millionaires, having my face altered by the top man in town? I guess it started with my manager, Bradley, who isn’t so big-league himself, and doesn’t look any more like George Clooney than I do. He first mentioned it a few years ago, in a jokey sort of way, then seemed to get more serious each time he brought it up again. What he was saying, in a nutshell, was that I was ugly. And that this was keeping me from big league.“

Die Musik als ein Thema dieser fünf Geschichten verbindet Menschen – und bietet Anlässe zu ihrer Trennung.

Diese Bücher von Ishiguro haben wir bei Buch-und-Sofa ebenfalls besprochen:

Jane Austen – A Life. David Nokes

Das Buch von 1997 ist eine Biografie im klassischen Sinne: Der Autor erzählt das Leben Jane Austens nach von ihrer Geburt bis zu ihrem Tod. Hierbei berücksichtigt er das vorhandene Quellenmaterial und verwebt es passend unauffällig in seine Erzählung.

Austen, eine der wichtigsten englischen Roman-Autorinnen, lebte von 1775 bis 1817. Ihre Familie begann unmittelbar nach ihrem Tod mit der Legendenbildung, tat mit vereinten Kräften das Mögliche, um eine fast heilige, auf jeden Fall aber bescheidene, häusliche, hoch religiöse und selbstverständlich unprätentiöse Jane zu erschaffen. Ein Bild, das weder zu ihrer eigenen Einschätzung – „Pictures of perfection as you know make me sick and wicked“  so Jane Austen in einem Brief an Fanny Knight 1817 – passt, noch zu ihrem letzten überlieferten Text: Wenige Stunden vor ihrem Tod diktierte sie ihrer Schwester noch eine Satire über einen erbosten Heiligen, der die Bevölkerung Winchesters verflucht… Das machen tief religiöse Frauen selbstverständlich niemals. Nie.

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Schlaglichter

An zwei Stellen blitzt das kritische Urteilsvermögen Nokes durch. Die Jahre von 1802 bis 1806 galten in der Austen-Literatur aufgrund mangelnder Briefe und literarischer Produktion immer als Zeit, in welcher die Schaffenskraft Austens versiegte, sie gebrochen durch den ungewollten Umzug nach Bath in tiefer Traurigkeit versank. Nokes fragt ganz spitzbübisch, ob es nicht auch sein könnte, dass Austen begeistert die Amüsements genoss, die ihr nun – endlich – zugänglich waren.

„It would be very pleasant to be near Sidney Gardens! We might go into the labyrinth every day.” Jane Austen in einem Brief an ihre Schwester Cassandra 1801.

Ganz am Ende seines Buchs schildert der Autor eine Episode, die den geistig behinderten Bruder sowie einen Onkel Jane Austens betrifft: Beide kamen in eine Pflegefamilie und wurden entschlossen aus dem Leben, aus dem Sinn der Familien geschafft. Ich selbst hätte mir noch viel mehr solch kluger, nachdenklicher Passagen gewünscht.

Stil

Der Stil dieser Biografie zu Jane Austen ist angelegt an einen historischen Roman. Je nach Inhalt erzählt Nokes aus der Perspektive derjenigen Person, die den besten Einblick in die Geschehnisse hatte oder von welcher die beste Quellenlage überlieferter Dokumente vorhanden ist. Hierdurch wird die Nacherzählung interessant und plausibel.

Eine Biografie als Schmöker

Das Resultat von Nokes´ Erzählweise ist eine außerordentlich gut lesbare Biografie. Nachdem man die Buchdeckel wieder zusammengeklappt hat, kennt man all die wesentlichen Eckpunkte aus dem Leben Jane Austens. Eher selten stellt der Autor Zusammenhänge zu größeren historischen und sozialen Zusammenhängen her. Noch seltener versucht Nokes die Fakten zu interpretieren. Dennoch ist diese Biografie von 1994 ganz zu Recht eines der anerkannten Standard-Werke zu Jane Austen.

„If I am a wild beast, I cannot help it.“ Jane Austen in einem Brief an ihre Schwester Cassandra 1813.

Weitere Literatur in Buch-und-Sofa zu Jane Austen:

Und eine weitere Biographie von David Nokes in diesem Blog über Samuel Johnson

Cranford. Elisabeth Gaskell

„Cranford“ von Elisabeth Gaskell ist ein Buch, in welchem nichts passiert; so könnte man sagen. Oder aber auch, es ist ein Buch, in dem sehr viel Aufregendes passiert. Beide Aussagen wären richtig.

Das Buch ist zunächst zwischen 1851 und 1853 im Magazin „Household Words“ – herausgegeben von Charles Dickens – erschienen, als Buch dann 1853. Der Roman gehört zu den bekannteren Werken Gaskells. Nach ihrem Tod wurde er außerordentlich populär.

Die Autorin

Elizabeth Cleghorn Gaskell, (1810 – 1865), war eine Englische Autorin, die sich in ihren Werken intensiv mit der Viktorianischen Gesellschaft beschäftigte. Sie schuf darin detaillierte Porträts von Personen aus ganz unterschiedlichen sozialen Schichten. Ihre bekanntesten Romane neben „Cranford“ sind „North and South“ und „Wives and Daughters“.

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Ein Buch mit ganz viel und ganz wenig Handlung

Inhalte des Buchs umfassen den Bankrott einer Bank, mehrere Todesfälle, Armut, die Künste eines Magiers, lang vergangene sowie aktuelle Liebesgeschichten und eine gewalttätige Gang. Zu den weniger dramatischen Inhalten gehören Besuche, sehr dünnes Butterbrot, die Wahl von Kleidern und „Bonnets“ und eine Kuh ohne Fell…

„In the first place, Cranford is in possession of the Amazons; all the holders of houses, above a certain rent, are women. If a married couple come to settle in the town, somehow the gentleman disappears; he is either fairly frightened to death by being the only man in the Cranford evening parties, or he is accounted for by being with his regiment, his ship (…) In short, whatever does become of the gentlemen, they are not in Cranford.”

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Es gibt keine durchgehende Handlung, eher eine Sammlung zart satirischer Sketche. Diese zeigen das Leben in einer kleinen Stadt zu Viktorianischer Zeit. Die Lebensgewohnheiten und Werte sind mit großer Sympathie für das fast schon Vergangene geschildert. Die Geschehnisse werden aus der Sicht einer jungen Frau, Mary Smith, berichtet, die regelmäßig die kleine Stadt besucht.

„“But, Martha“, said I, cutting in while she wiped her eyes. “Don’t `but Martha´me”, she replied to my deprecatory tone. “Listen to reason…” “I’ll not listen to reason”, she said, now in full possession of her voice, which had been rather choked with sobbing.“ “Reason always means what someone else has to say. Now I think what I’ve got to say is good enough reason; but reason or not. I’ll say it, and I’ll stick to it.””

Jane Austen bissfrei

Mrs. Gaskells Nähe zu Jane Austen ist auf jeder Seite von „Cranford“ zu spüren. Allerdings ist dies eine Art Austen ohne Biss, ohne Boshaftigkeit. Als hätte man viel Wasser in Wein gegossen. Dennoch ist „Cranford“ eines der Bücher, die ich über die Jahre schon häufig gelesen habe. Es ist ein heiteres Buch für stürmische Zeiten, es beruhigt die Seele…

Wie sollte es auch anders sein, wenn im Buch die Wahl einer Haube das gleiche Gewicht hat wie der Tod einer Nachbarin?

Colour Bar – A United Kingdom. Susan Williams

„Colour Bar“ von Susan William erzählt von einer großen Liebe, politischen Winkelzügen, Rassentrennung und der Entwicklung Afrikas. Wie der Umschlagtext verrät: „The true story of a love that shook an empire”.

Dieses Buch habe ich richtig gerne gelesen, weil es ganz gegensätzlichen Ansprüchen gerecht wird. Es ist unterhaltsam, in Teilen geradezu spannend und es zeichnet politisches Weltgeschehen mit all seinen widersprüchlichen Zielen im Detail nach. Thematischer Fokus ist die Kolonialgeschichte des südlichen Afrikas in der Zeit von den späten 1940er Jahren bis in die 60er Jahre. Im Auge des Sturm stehen das heutige Botswana und der Prinz einer der Bevölkerungsgruppen.

Die Liebesgeschichte

1947 verlieben sich in London der Erbe eines afrikanischen Reichs und eine Versicherungsangestellte in leitender Position ineinander. Ruth Williams und Seretse Khama heiraten gegen alle Widerstände. Die afrikanische Gruppe der Bangwato akzeptiert schließlich die Frau ihres designierten Königs. Aber Großbritannien sowie die Weißen in Südafrika, dem damaligen Süd-Rhodesien und dem damaligen Südwest-Afrika halten es für fatal, eine gemischte Ehe zu akzeptieren. Das Buch skizziert gut nachvollziehbar an seinen beiden Hauptfiguren die letztlich rassistische Grundhaltung in der westlichen Welt nach dem Ende des 2. Weltkriegs.

„He was the heir to an African Kingdom. She was a white English insurance clerk. When they met and fell in love, it would change the world. This is the inspiring true story of Seretse Khama and Ruth Williams, whose marriage send shockwaves through the establishment, defied an empire – and finally, triumphed over the prejudices of their age”, so der Klappentext.

Botswana

Sehr gut nachvollziehbar schildert „Colour Bar“, wie sich die Kolonial-Politik Großbritanniens stark an den Bedürfnissen Südafrikas orientierte. Auf Druck Südafrikas wurden politische Entscheidungen getroffen, die expliziten Zusagen gegenüber der schwarzen Bevölkerung in diesen Ländern entgegen liefen. Lügen, militärische Gewalt, Exil und Haftstrafen waren hierbei übliche Mittel. Im damaligen Bechuanaland-Protektorat verhinderten die Briten den rechtmäßigen und von der Bevölkerung gewünschten Thronnachfolger Seretse Khama. Wie er uns seine Frau nach England ins Exil gingen, er auf die Nachfolge verzichtete, um zurückkehren zu können, und schließlich erster Präsident des unabhängigen Botswana wurde, erzählt das Buch.

Apartheid versus Unabhängigkeit für afrikanische Länder

Der Autorin Susan Williams gelingt es weiterhin nachzuzeichnen, auf welche Weise sich Wertvorstellungen in der westlichen Welt langsam änderten und dazu führten, dass Südafrika mit seiner Apartheidspolitik zunehmend allein da stand, Kolonial-Mächte bereit waren, afrikanische Länder in die Unabhängigkeit zu entlassen und generell die Aufmerksamkeit geschärft wurde für Ungerechtigkeiten gegenüber einzelnen Bevölkerungsgruppen.

„Colour Bar“ sollte man gelesen haben. Für weitere Anregungen geht es hier zur Buchbesprechung des Guardian.

Ohne Gnade – Polizeigewalt und Justizwillkür in den USA. Bryan Stevenson

GASTBEITRAG VON MACHI

„Ohne Gnade“ von Bryan Stevenson

Im deutschen Strafrecht gilt der Grundsatz „in dubio pro reo“ – „im Zweifel für den Angeklagten“. Daraus und aus dem hohen Stellenwert, den die Menschenwürde einnimmt, folgt der in der deutschen Justiz geltende Gedanke „lieber zehn Schuldige freizusprechen, als einen Unschuldigen zu verurteilen“.

Auch in den USA gilt die Unschuldsvermutung, doch scheint man dort wenig Wert darauf zu legen. Diesen Eindruck vermittelt zumindest das Buch „Ohne Gnade“ des US-amerikanischen Strafverteidigers Bryan Stevenson, der die in den USA herrschende Justizwillkür genau unter die Lupe genommen hat.

Laut Stevenson lebt in den Vereinigten Staaten ein größerer Prozentsatz der Bevölkerung im Gefängnis als in irgendeinem anderen Land der Welt. Die Zahl der Häftlinge stieg in den letzten 40-50 Jahren von 300.000 auf 2,3 Millionen an, was keinesfalls daran liegt, dass die Menschen dort krimineller werden, sondern mitunter daran, dass viele private Gefängnisbetreiber Millionen Dollar an Politiker spenden, damit diese neue Delikte erschaffen und längere Strafrahmen ermöglichen, wovon die privaten Gefängnisse wiederum finanziell profitieren. Pro Jahr gibt die USA fast 80 Milliarden Dollar für Haftanstalten aus, wobei es 1980 noch 6,9 Milliarden Dollar waren. In 23 Bundesstaaten gibt es kein Mindestalter, ab dem Kinder nach Erwachsenenstrafrecht verurteilt werden können. Seit 1973 wurden 144 Todeskandidaten nachträglich für unschuldig befunden und freigesprochen.

Neben diesen und vielen weiteren erschütternden Fakten und Zahlen liefert Stevenson Einblicke in die Schicksale seiner Mandaten – Männer, Frauen und Kinder, die viel zu voreilig und gnadenlos verurteilt wurden.

Männer wie Walter McMillian, der zu Unrecht im Todestrakt landete, obwohl mindestens 20 Zeugen bestätigen konnten, dass er zur Tatzeit ein Alibi hatte, und dessen Prozess ausschließlich von Korruption geprägt war.

Frauen wie Marsha Colbey, die nach einer Totgeburt wegen Mordes verurteilt wurde, obwohl es keine stichhaltigen Beweise dafür gab, dass das Kind bei Geburt lebte.

Und Kinder wie der 14-jährige Charlie, der den gewalttätigen Freund seiner Mutter nach einer heftigen Auseinandersetzung, nach welcher er seine Mutter tot glaubte, aus Verzweiflung erschoss und später nach Erwachsenenstrafrecht angeklagt und zum Tode verurteilt wurde, da der besagte Freund ein Polizeibeamter war.

Diese und andere Fälle verdeutlichen wie leichtfertig die Justiz in den USA Menschen lebenslänglich wegsperrt und zum Tode verurteilt, anstatt sich damit auseinander zu setzen, ob sie tatsächlich schuldig sind oder wie man sie resozialisieren und wieder in die Gesellschaft eingliedern könnte.

An dieser Stelle tritt Bryan Stevenson ein, um den Verurteilten eine Stimme zu geben und humanere und verhältnismäßige Urteile zu erwirken.

Abgesehen von einigen Grammatik-und Rechtschreibfehlern der deutschen Übersetzung, über die man jedoch aufgrund des fesselnden Inhalts gut hinwegsehen kann, ist das Buch jedem zu empfehlen, der sein Gerechtigkeitsempfinden verstärken und über das gegenwärtige massive Unrecht in den USA informiert sein möchte.

The Militant Muse – Love, War and the Women of Surrealism. Whitney Chadwick

“The Militant Muse” von Whitney Chadwick zeigt durch biografische Skizzen von acht Frauen, dass Surrealismus keine reine Männerdomäne war. Das ist ein großes Verdienst dieses Buchs.

The Militant Muse: Love, War and the Women of Surrealism

Ohne dieses Buch hätte ich einige dieser Künstlerinnen nicht kennengelernt: Claude Cahun, Suzanne Malherbe, Lee Miller, Valentine Penrose, Leonora Carrington, Leonor Fini, Frida Kahlo, Jacqueline Lamba (siehe Beispiel).

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Ungewöhnliche Frauen – interessante Künstlerinnen

Das Buch bietet einen faszinierenden Ausschnitt der Lebensentwürfe der Künstlerinnen zwischen den 1930er und 1950er Jahren. Das ist interessant und gut zu lesen, gerade auch deshalb, weil fast alles so nicht zum Allgemeinwissen gehört.

Besonders beeindruckt hat mich der biografische Abriss über Lee Miller. Miller sah als Fotografin den 2. Weltkrieg aus unmittelbarer Nähe. Ihre Fotos machten sie berühmt, setzten diese doch in ihrer Klarheit und Unmittelbarkeit neue Standards für die Kriegsberichtserstattung.

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Miller fand es nach Ende des Krieges nicht einfach, mit all dem Grauen, das sie gesehen hatte, zu leben. All ihre Fotos und Negative packte sie in Kisten. Ihr Sohn wuchs auf, ohne zu wissen, dass seine Mutter eine berühmte Fotografin war…

„The Militant Muse documents what it meant to be young, ambitious and female in the context of an avant-garde movement defined by celebrated men whose educational, philosophical and literary backgrounds were often quite different from those of their younger lovers and companions.” (Klappentext)

Erzählform

Die Lebensläufe zweier Frauen jeweils zusammen zu erzählen, ist eine interessante Methode. Noch besser als Chadwick haben dies meiner Auffassung diese Autorinnen getan

  • „Flappers“ über Frauen der 1920er Jahre von Judith Mackrell
  • „Shared Lives“ über junge Frauen, die in den 1950er Jahren in Südafrika aufwachsen von Lyndall Gorden
  • Doppelbiografie „Leni Riefenstahl und Marlene Dietrich“ von Karin Wielands

Surrealismus und…

Der große Rahmen Surrealismus wird von Chadwick als bekannt vorausgesetzt, seine berühmten Protagonisten – z. B. Max Ernst und André Breton – erhalten viele Buchstaben. Von der „Militant Muse“ hätte ich mir außerdem gewünscht, vom rein nacherzählten Biografischen auch einmal eine Zusammenfassung, ein Fazit, eine Conclusio auf abstrakter Ebene zu bekommen. Zum Beispiel hätte das Motiv der „Muse“ in der Geschichte der modernen Malerei und die damit verbundene Rollenerwartung an die Frauen mehr Hintergrund-Information und historische Einordnung vertragen. Ebenso wären die konkreten Gründe, die dafür sorgten, dass eine junge Künstlerin zwischen 1930 und 1950 erfolgreich wurde oder eben nicht, spannend gewesen. War es die Ausbildung, das Elternhaus, der Partner, die Persönlichkeit, der Zufall, das Geld…?

Nachdem ich das Buch beendet hatte, schien es mir, als hätte ich eine Materialzusammenstellung aus Inhalten gelesen, die bei anderen Anlässen irgendwie übrig geblieben waren…

Re-creating Ourselves – African Women & Critical Transformations. Molara Ogundipe-Leslie

Dieses Buch beschreibt die Rolle afrikanischer Frauen in verschiedenen Kulturen und unterschiedlichen historischen Kontexten aus einer feministischen Perspektive.

Ich habe es in einem Buchladen für gebrauchte Bücher gekauft. Nach dem Kauf hatte ich gemischte Gefühle und Erwartungen.

Was ist gut an „Re-creating Ourselves“?

Viele Aspekte waren für mich ganz und gar neu. So zum Beispiel die Möglichkeit von Frauen in afrikanischen Kulturen, eigenständig unternehmerisch tätig zu sein, Ämter zu bekleiden, oder der Schutz, den traditionelle Gemeinschaften Frauen vor der Gewalt ihrer Ehemänner bieten konnten.

Faszinierend finde ich, dass Frauen in der Familie des Vaters oder Bruders männliche Rollen annehmen konnten: Sie konnten in einer Männerrolle „heiraten“ oder die Rolle eines Sohns einnehmen.

Die auch in den traditionellen Gesellschaften mit angelegten Tendenzen, Frauen gering zu schätzen, bekam eine äußere Verstärkung durch die Kolonialmächte: Diese besetzten alle irgendwie relevanten Machtpositionen von Schwarzen immer mit Männern. Hierdurch unterhöhlten oder zerstörten sie potenziell ausgleichende Strukturen, die auch Frauen eingebunden hatten.

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Mit Leidenschaft und Sachkenntnis geht Ogundipe-Leslie die Haltung an, sich zum Sprecher oder zur Sprecherin ungebildeter Frauen aus dem ländlichen Raum zu machen, egal wie gut die Absicht. Sie insistiert darauf, dass auch diese Frauen etwas zu sagen haben und dass man Wege finden muss, sie zu hören.

Ogundipe-Leslie wendet sich ebenfalls gegen eine – nach ihrer Analyse – übliche moderne Rollenzuschreibung für Frauen: Die afrikanische Frau sei dazu da, die Gegenwart mit der traditionellen Vergangenheit zu verbinden; die Männer hätten die Aufgabe, die Gegenwart auf die Zukunft auszurichten.

Was ist weniger gut?

Die für mich eher ungewohnte Schriftsprache von wissenschaftlichem afrikanischem Englisch war für mich nicht immer einfach zu lesen. Insgesamt war das Buch prima, aber mit 253 Seiten zu lang.

Inhalt: Kapitel-Auswahl

  • African Woman, Culture and Another Development
  • Studying Women Through Literature: Theses on Rural Women in Africa
  • The Proletarian Novel in Africa
  • The Representation of Women
  • The Bilingual to Quintulingual Poet in Africa
  • Sisters are not Brothers in Christ

Die Autorin von „Re-creating Ourselves“

Omolara oder Molara Ogundipe-Leslie wurde 1940 geboren. Sie ist eine nigerianische Dichterin, Kritikerin und Feministin. Sie gilt als wegweisende afrikanische Schriftstellerin zu den Themen Afrikanischer Feminismus, Literaturtheorie und Gender Studies, sie ist eine Gesellschaftskritikerin und anerkannte Authorität zu afrikanischen, schwarzen Frauen. Zu ihrer Bekanntheit haben die Bücher beigetragen „Not Spinning on the Axis of Maleness“ und die Anthologie „Sisterhood Is Global: The International Women’s Movement Anthology“.

„Born Abiodun Omolara Ogundipe in Lagos, to a family of educators and clergy, she graduated (BA English Honours) as the first Nigerian with a first-class degree from the University of London. She later earned a doctorate in Narratology (the theory of narrative) from Leiden University, one of the oldest universities in Europe. She has taught English Studies, Writing, Comparative Literature and Gender from the perspectives of cultural studies and development at universities in several continents. She rose to prominence early in her career in the midst of a male-dominated artistic field concerned about the problems afflicting African men and women.“ (Wikipedia)

Zum Buch

“Re-creating Ourselves” ist eine Art Bestandsaufnahmen in der Form von Aufsätzen. Ein wichtiger Aspekt ist hierbei, zu dokumentieren, zu welchem Anlass eine Rede gehalten oder ein Aufsatz erschienen war. Dies führt zu vielen inhaltlichen Wiederholungen. Das Buch ist 1994 erschienen. Die Autorin folgt einem marxistisch-feministischen politischen Ansatz.

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