Renaissance: beste kurze Bücher für den Italien-Urlaub

Jedes Jahr lockt es Horden von Touristen in die Toskana. In Florenz sind etliche Sehenswürdigkeiten nur noch durch im Voraus gebuchte Tickets zu besichtigen. Immer wieder frage ich mich, was diese vielen Touristen denn eigentlich dort suchen und ob sie es wohl finden.

„Die Renaissance“ von Peter Burke

Das ist das intelligenteste Buch, dessen Autor zu Sätzen fähig ist, die man in den beiden anderen Büchern niemals finden würde. Zum Beispiel: „Fest steht, dass die Renaissance die Bewegung einer Minderheit gewesen ist. Es war eine städtische und keine ländliche Bewegung, und die Lobreden auf das Landleben entflossen den Federn von Leuten, die ihr Hauptdomizil in der Stadt (…) aufgeschlagen hatten.“ Auf 107 Seiten erklärt Burke, was wir auf wissenschaftlich fundierter Basis heute unter Renaissance verstehen können. Er tut dies unterhaltsam und sehr verständlich. Ein großer Vorteil dieser Darstellung ist es, sämtliche Kunstgattungen zu berücksichtigen und deren wichtigste Werke auch in Abbildungen zu zeigen. Die Kapitel des kleinen Büchleins heißen:

  • Der Mythos der Renaissance
  • Italien: Die Wiederbelebung und Erneuerung der Antike
  • Die Renaissance im Ausland oder: Vom Nutzen und Nachteil Italiens
  • Auflösung der Renaissance
  • Schluß

„The Key to Renaissance Art“ von Josè Fernández Arenas; Bateman/Search Press Pocket Guide

Dieses Taschenbuch ist ein klassischer, bildreicher Kurzführer zu einer Epoche. Hier finden sich alle üblichen Klischees zur Renaissance. Das Buch ist dennoch sehr hilfreich und empfehlenswert, wenn man sich schnell und unkompliziert dem Thema überhaupt erst einmal nähern möchte: Das wichtigste Basiswissen wird gut vermittelt, die wichtigsten Kunstwerke werden vorgestellt und nach 75 Seiten hat man einen ersten guten Überblick gewonnen.

„Architecture of the Renaissance from Brunelleschi to Palladio“ von Bertrand Jestanz; New Horizons

Dieses Buch ist eine prima Ergänzung zu den beiden vorher vorgestellten Büchern. Es ist reichbebildert mit tollen Fotos, zeigt Bauten, Pläne und Modelle. Es enthält ergänzend zu den Bildern knappe, erläuternde Texte. Auch Reisende, die nicht unbedingt leidenschaftlich an Archtektur interessiert sind, können an der Darstellungsweise Vergnügen haben. Der Kern des Buchs umfasst 124 Seiten, danach folgt ein Anhang mit Abschriften der wichtigsten zeitgenössischen Dokumente. Die Kapitel heißen:

  • The Return to Antiquity
  • New Principles
  • New Language
  • New Building Types
  • A New Discipline
  • A New Profession
  • Documents

Außerdem enthält das Buch eine Chronologie sowie weitere Literatur-Empfehlungen.

…und was tun, wenn man gar keine Zeit oder Neigung hat, sich auf das Thema Renaissance einzulassen? Ganz einfach: Aus Peter Burkes „Die Renaissance“ die ersten 50 Seiten lesen. Das reicht. Erst einmal.

Other Minds – The Octopus and the Evolution of Intelligent Life. Peter Godfrey-Smith

Würden Sie gerne einen intelligenten Alien treffen? Auch wenn Sie nicht tauchen, hier bietet sich die Möglichkeit!

Intelligente Aliens

Tintenfische klettern aus einem Aquarium heraus und flüchten. Sie klettern in ein anderes Aquarium, wenn dort etwas Leckeres zu haben ist. Sie finden heraus, wie der Wasserabfluss zu verstopfen und das Labor zu überschwemmen ist… Tintenfische sind sehr intelligent. Sie verfügen über ein hochentwickeltes Nervensystem mit ungewöhnlich vielen Nervenzellen, ein scharfsehendes Auge. Aber, sie haben keine Knochen, kaum etwas Festes in ihrem Körper, so dass sie beinahe jede Form annehmen können; ihr Gehirn und ihre Arme teilen sich Wahrnehmungen und Entscheidungen. Ja, ihre Arme treffen einen Teil der Entscheidungen allein: „What if intelligent life on earth evolved not once, but twice? The octopus is the closest we will come to meeting an intelligent Alien.“

  • Bildergebnis für Oher Minds - The Octopus and the Evolution of Intelligent Life. Peter Godfrey-Smith

    Inhalt von „Other Minds“

600 Millionen Jahre liegt der letzte gemeinsame Vorfahre von Menschen und Tintenfischen in der Vergangenheit. Tintenfische gehören zu den Mollusken. Und dennoch sind sie anders. „Other Minds“ thematisiert Evolutionsgeschichte und Neurologie, Psychologie und Intelligenz-Forschung. Das Buch geht dabei den Fragen nach:

  • But what kind of intelligence do cephalopods possess?
  • How did the octopus, a solitary creature with little social life, become so smart?
  • What does self-awareness mean?
  • Do they express themselfes by colour?
  • Why do they die after only 2-4 years?

Der Autor: Professor für Philosophie

Peter Godfrey-Smith berichtet über seine Leidenschaft zu Tintenfischen sehr persönlich. Er beschreibt seine Faszination, seine Erfahrungen mit diesen Wesen und wirft dabei immer wieder grundsätzliche Fragen in sehr verständlicher Weise auf. Vielleicht kein Wunder, wenn man Professor für Philosophie in New York und Professor für Geschichte und Philosophie in Sydney ist. Sowie ein passionierter Taucher.

Filme über Tintenfische

Zwei Filme bieten wunderbares Filmmaterial über Tintenfische und Kraken:

Der eine, „The Octopus Show“ von National Geographic, ist trotz seiner tollen Bilder unerträglich, da er zum einen die große Intelligenz von Oktopoden nicht einmal thematisiert, zum anderen den amerikanischen Mann in seiner Form als Entdecker und Beherrscher der Welt in den Mittelpunkt stellt.

Der andere Film ist „The Octopus´s Garden – The private World of the Chameleon of the Sea“ von Animal Nation. Ruhig, interessantes Filmmaterial und viel Information. Aufhänger ist die Geschichte eines weiblichen Tintenfisches, dessen Leben von Anfang bis Ende erzählt wird.

Persuasion. Jane Austen

Romantische Liebesgeschichten vergangener Zeiten von Jane Austen? Ich habe eine Ausgabe von 1944 mit Illustrationen von John Austen, deren süßliche Eleganz kaum übertroffen werden kann. Der Eindruck passt also, oder? Wer diese Illustrationen sieht oder Austens Romane nur in Form ihrer Verfilmungen kennt, liegt in der Bewertung von „Persuasion“ schwer daneben…

„Persuasion“, also Überzeugung, Überredung

Wer überzeugt oder lässt sich überzeugen, wovon? Oder doch überreden? – „Persuasion“ gehört zu meinen Lieblingsromanen. Oft gelesen, immer wieder genossen. Die Vielfältigkeit der Facetten ist einer der Gründe für mein Vergnügen: Liebesgeschichte, Mystery Novel, Sittengemälde, Charakter-Analyse. Jane Austens Roman erschien 1818, 14 Jahre vor Goethes Tod. Eines seiner erstaunlichen Merkmale ist seine Modernität.

Die Erzählweise in „Persuasion“

Austen hat in ihren Romanen, lange bevor es eine Bezeichnung dafür gab, einen inneren Monolog für ihre Figuren erfunden: teils Gedankenstrom, teils indirekte Rede, werden durch dieses Stilmerkmal die Figuren lebendig, wirken „echt“. In einer weiteren, extremen Fortführung dieses Stilelements nutzt Austen dieses, um Zeit zu raffen und parallel mehrere Stimmen auf einmal zu Wort kommen zu lassen: „(…) when a knock at the door suspended everything. ‚A knock at the door – and so late! It was ten o´clock. Could it be Mr. Elliot? They knew he was to dine in Lansdown Crescent. It was possible that he might stop in his way home to ask them how they did. They could think of nothing else. Mrs. Clay decidedly thought it Mr. Elliot´s knock.““

Mit spitzer Zunge

Mit ganz wenigen Worten ist Austen in der Lage, ihre Figuren zu skizzieren. Und dabei ist sie deutlich, sehr deutlich: „Mr. Shepherd, a civil, cautious lawyer, who, whatever might be his hold or his views on Sir Walter, would rather have the disagreeable prompted by anybody else“ oder „Lady Russell (…) was a woman rather of sound than of quick abilities“. Auch die Versatzstücke, die Austen ihren Figuren als biografischen Hintergrund gibt, lassen immer tief blicken, selbst wenn sie heute nicht mehr einfach verständlich sind. So hat der eitle, verschwenderische Sir Walter Elliot zum Beispiel in Bath ein prächtiges, teures Haus in Camden Place gemietet. Zeitgenossen Austens wußen genau, dass diese Häuser auf instabilem Grund gebaut waren, der tatsächlich nachgab. Die Ortsangabe ermöglicht die präzise soziale Verortung von Sir Walter UND einen Blick auf seinen Charakter. Für diejenigen, die mehr hierzu wissen möchten, ist „A Charming Place – Bath in the Life and Novels of Jane Austen“ von Maggie Lane eine Empfehlung.

Die Liebesgeschichte und – die Geschichte voller Geheimnisse

Ja, ein wichtiges Thema besteht in den unterschiedlichen Spielarten des Sich-Verliebens, der Liebe und der Ehe. Ganz ähnlich wie in Goethes „Wahlverwandtschaften“ spielt Austen durch, wie Frauen und Männer zusammen kommen können, voneinander angezogen sind und miteinander leben. Die detektivische Neugier dagegen wird geweckt, indem es neben eindeutigen Figuren andere gibt, deren Motivationen nicht ganz klar sind. Eine Fülle kleiner Anzeichen weist immer wieder einmal darauf hin, läßt Leser und Leserinnen jedoch im Dunkel.  Die Figuren sind oft nicht, was sie scheinen, geben vor, was sie nicht sind. Sie überreden einander. Die Haupfiguren Anne Elliot und Captain Wentworth jedoch überzeugen sich im Lauf des Buchs von ihren eigenen Gefühlen und einander von deren Ernsthaftigkeit.

Vielleicht ist es auch diese hoffnungsvolle Botschaft, fast tröstlich, die der Roman ausdrückt: Auch wenn die Zeit uns lehrt, getroffene Entscheidungen bitter zu bereuen, auch dann kann etwas passieren, das eine neue Wende zum Glück einleitet. Also: „Persuasion“ ist doch romantisch.

Persuasion Poster

Es gibt zwei gute Verfilmungen von „Persuasion“: Die Verfilmung von 1995 mit Amanda Root und Ciarán Hinds in den Hauptrollen sowie den Film von 2007 mit Sally Hawkins, Alice Krige und Anthony Head. Allerdings gelingt es beiden Filmen nicht, auf überzeugende Weise herauszuarbeiten, worin Anne Elliots Entwicklung liegt: Sie hat als sehr junge Frau auf den Rat einer Ersatz-Mutter gehört, weil sie es für ihre Pflicht hielt, nicht nur den eigenen Vorlieben zu folgen, da für ein gemeinsames Leben kein entsprechendes Vermögen zur Verfügung stand. Sobald die Versorgung gesichert ist, sieht sie keine Gründe mehr dagegen, den Mann ihrer Wahl zu heiraten, und ist bereit, auch Widerstände zu überwinden.

Gaudy Night. Dorothy L. Sayers

„Gaudy Night“ ist eine Detektiv-Geschichte ohne Mord. Ohne Verbrechen vielleicht auch, vielleicht nicht. Dies kommt auf den Standpunkt an.

Verbrechen in „Gaudy Night“

Die Detektiv-Geschichte spielt in einem College in Oxford. Hier gibt es eine ganze Reihe von unhaltbaren Vorkommnissen, die geeignet sind, den guten Ruf des Colleges nachhaltig zu beschädigen. Es gibt obszöne Zeichnungen, anonyme Briefe, eine durch Vandalismus zerstörte Bibliothek, zwei versuchte Selbsttötungen, einen versuchten Mord. Es kommen ebenfalls ein zerrissenes Buch und ein beschädigtes Manuskript vor und lichterloh brennende Gowns in einem College-Innenhof.

Beruf oder Liebe?

Was den Roman interessant macht, ist sein Hauptthema: die Beziehung zwischen beruflicher Erfüllung und Erfüllung in der Liebe, die Frage danach, ob für Frauen beides möglich ist oder diese sich entscheiden müssen. Eine sehr moderne Fragegestellung. Sayers bietet in ihrer Geschichte eine Fülle von interessanten Frauen-Figuren, die sich ganz unterschiedlich entschieden haben. Da gibt es zölibatäre Professorinnen, eine Akademikerin, die einen Bauern geheiratet hat, eine verwitwete Sekretärin, eine verheiratete Wissenschaftlerin, die ihre Kinder immer wieder bei ihren Eltern abgibt und viele, viele mehr. Durch die Haupt-Figur Harriet Vane vermittelt, stellt sich bei ihnen allen immer wieder neu die Frage danach, welche Frau in ihrem Leben glücklich ist und welche ihrer Entscheidungen hierzu beigetragen haben.

Universitäten vor dem 2. Weltkrieg

Dorothy Sayers zeichnet in ihrem 1935 erschienen Roman ein präzises Bild des damaligen Universitätslebens und seiner Relevanz für Frauen. 1935, nur 30 Jahre vor den Babyboomern der 1960er… Sehr empfehlenswert ist zu diesem Thema das Buch „Bluestockings“ von Jane Robinson; eine historische Analyse der Bildungschancen für Frauen in England.

Neben der Detektiv-Geschichte ist die zweite Klammer des Romans die Liebesgeschichte zwischen Lord Peter Wimsey und Harriet Vane. Aus Harriet Vanes Perspektive erzählt Sayers ihren Plot. Bekommen sich die beiden? Ist ein Kompromiss möglich zwischen Beruf und Liebe? Das soll an dieser Stelle nicht verraten werden.

Weitere Empfehlungen

In der deutschen Übersetzung lautet der Romantitel „Aufruhr in Oxford“. Empfehlenswert ist die Verfilmung von „Gaudy Night“ mit Harriet Walter und Edward Petherbridge in den Hauptrollen.

Weitere Empfehlungen: Krimi-Besprechungen; beste unbekannte Krimis.

Medusa – Die schreckliche Schöne. David Leeming

Ein Buch über den Mythos von Medusa und seine Rezeptionsgeschichte bis in unsere Zeit. Das kann nur ein interessantes Buch sein. Dachte ich. Aber es geht auch anders…

Leeming erzählt den antiken Mythos zunächst nach und erklärt dann Medusas Stammbaum. Beides kann man gut auch in dem Nachschlagewerk zur Antike, dem Kleinen Pauli, haben oder ganz einfach im Wikipedia-Artikel.

Bildergebnis für perseus Medusa

Inhalt von „Medusa“

  • Der Mythos
  • Medusas Stammbaum
  • Medusa im Mittelalter und in der Renaissance
  • Medusa in der Romantik und im viktorianischen Zeitalter
  • Medusa im Zeitalter des Realismus
  • Die moderne intellektuelle Medusa
  • Die feministische Medusa
  • Medusa, eine zeitgenössische Ikone
  • Mythos als Traum
  • Wer ist Medusa?

Leseprobe

An dieser Aufzählung ist prima, dass man ablesen kann, welche Themenfelder und thematischen Deutungsmuster es so etwa gibt. Am interessantesten ist das letzte zusammenfassende Kapitel „Wer ist Medusa?“. Zitat: „Ohne Perseus ist Medusa lediglich eines von vielen archaischen Ungeheuern der gaianischen Zeit. Erst mit Perseus erlangt sie ihre eigene Geltung und damit auch Bedeutung für uns – sie wird zu einem Teil unseres Seelenlebens. Es ist Perseus, mit dem wir uns bei der Verfolgung seines Ziels identifizieren. Wir können seine Suche (…) mit unserem eigenen Gang durchs Leben oder durch einen psychologischen Wachstumsprozess in Verbindung bringen. Um eine Beziehung zu Medusa herzustellen, brauchen wir Perseus. Medusa ist lediglich das unmittelbare Ziel der Suche des Perseus.“ …vielleicht liegt es an der Übersetzung aus dem Amerikanischen…

Bewertung des Buchs

Ermüdend ist der alles andere als schwungvolle Stil des Autors. Ärgerlich ist jedoch der durchgängige Mangel an explizit benannten Auswahl-Kriterien. Ich hätte mir gewünscht, besser verstehen zu können, warum Leeming Kunstwerke, Autoren und Zitate ausgewählt hat für seine Darstellung. Sind dies die Repräsentanten für eine bestimmte Zeit oder Denkschule? Waren dies die Meinungsbildner? Waren es Vordenker oder diejenigen, die den Zeitgeschmack zusammengefasst haben? Ein richtig gutes Buch hätte außerdem die Leistung vollbracht, die Gründe für die Medusa-Rezeption im jeweiligen gesellschaftlichen Kontext darzulegen. Auf mich wirkt das Buch wie eine schnell geschriebene Sammlung von Exzerpten.

Hier noch ein hilfreicher Hinweis: Das Buch von Leeming hat eine gute Bibliografie, die Quellen sowie eine Fülle von Sekundärliteratur umfasst. Vielleicht finden Leserinnen und Leser, die mehr über Medusa wissen möchten, hier das Geeignete….

Warum hasst ihr uns so? Mona Eltahawy

Der Untertitel sagt besser, worum es geht: „Für die sexuelle Revolution der Frauen in der islamischen Welt“. Allerdings ist der Originaltitel besser und weniger reißerisch: „Headscarves and Hymens. Why the Middle East Needs a Sexual Revolution“.

Das Buch von Mona Eltahawy enthält eine Vielzahl belastender Themen in unaufgeregter Sprache. Die Argumentation der Autorin ist sehr nachvollziehbar in ihrer Klarheit.

Inhalte von „Warum hasst ihr uns so?“

Eltahawy schildert anhand vieler Beispiele, wie im Nahen Osten Frauen als Personen im öffentlichen Leben zurückgedrängt und in der Wahrnehmung der Gesellschaften auf „Jungfernhäutchen“ und „Schleier“ reduziert werden. Beide – so Eltahawy – Symbole für die mangelnde Freiheit, Selbstbestimmung und Gleichberechtigung von Frauen in diesen Ländern. Die Themen ihres Buchs sind

  • Einführung zur Verknüpfung von Religion, Sexualität und Frauenfeindlichkeit in „Warum sie uns hassen“
  • Zur Rolle von Frauen in den Revolutionen der vergangenen Jahre in „Schwarzer Schleier, weiße Flagge“
  • Alltäglichkeit häuslicher Gewalt in „Die erhobene Hand“
  • Unterdrückung weiblicher Sexualität in „Der Gott der Jungfräulichkeit“
  • Erziehung, Erwartungen der Familien und Alltag von Frauen in Ländern des Nahen Ostens in „Zu Hause“
  • Beispiele von Unterdrückung und Aufbegehren dagegen in „Wege durch die Wüste“
  • Biografischer Rahmen, Unterstützung durch andere Frauen in „Sprich für dich“

Inhaltliche Aussagen

Eltahawy schildert, wie Frauen in der islamischen Welt darin gehindert werden, ein selbst bestimmtes Leben zu führen. Wie sie täglich die Zielscheibe von verbaler und körperlicher Gewalt werden, die von ihren Gesellschaften als angemessen akzeptiert wird. Die Autorin begründet dies mit tiefliegender Frauenfeindlichkeit einerseits und mit dem kulturell perfektionierten Trick, Opfer zu Schuldigen zu machen.

Wenig Verständnis zeigt Eltahawy für westliche Kommentatoren, die das Argument der „Kultur“ nutzen, um nicht allzu genau sein zu müssen. So werden Menschenrechte wie das Recht auf körperliche Unversehrtheit und das Recht auf Selbstbestimmung relativiert. Plötzlich sollen sie nicht mehr gelten für Frauen in der islamischen Welt. Sie plädiert für Klarheit, die nicht durch scheinbare kulturelle Toleranz getrübt ist: Auch die Tötung einer Frau aus der islamischen Welt ist Mord, auch die Schläge ihres Mannes sind Gewalt.

Die Sprache, in welcher über kulturelle Besonderheiten gesprochen wird, kritisiert sie als verschleiernd:

  • Beispiel 1: Im öffentlichen Diskurs wird häufig das Wort „Kinderhochzeit“ benutzt. Statt den rechtlichen Tatbestand zu benennen als sexualisierte Gewalt gegen  Kinder, Vergewaltigung und Pädophilie.
  • Beispiel 2: Immer noch wird beschönigend über „Beschneidung von Mädchen“ gesprochen, statt über weibliche Genitalverstümmelung.

Die Autorin

Mona Eltahawy ist eine ägyptisch-US-amerikanische Journalistin. Sie beschreibt sich als eine säkulare radikale feministische Muslimin. Im Zentrum Eltahawys journalistischer Arbeit steht die Kritik an der Misogynie in der arabischen Welt: „Wir müssen eine Verbindung ziehen zwischen häuslicher Gewalt, Vergewaltigung in der Ehe, weiblicher Genitalverstümmelung und sexueller Gewalt auf der Straße und all diese Dinge beim Namen nennen, nämlich als Verbrechen gegen Frauen. (…) Es ist Zeit für eine Abrechnung mit unserer Kultur und Religion, mit unseren Militärführern und Islamisten – den zwei Seiten derselben Medaille.“

Und sie fliegt doch. Dave Goulson

Diese „Kurze Geschichte der Hummel“ ist ein Buch voller Geschichten, Anekdoten, Naturbeobachtungen und wissenschaftlichem Wissen über die Hummel.

Das Wichtigste: es ist ein unterhaltsames, sehr gut lesbares Buch, ganz in der Tradition bester britischer Sachbücher.

Das Zweitwichtigste: Jede Leserin und jeder Leser sollte sofort den eigenen Garten durch Hummel-freundliche Pflanzen bereichern, um auf diese Weise den Hummeln Nahrung zu bieten und ihr Aussterben zu verhindern.

Das Aussterben der Hummeln

Seit dem Ende des 2. Weltkriegs sind viele Hummelarten auf der Welt seltener geworden oder verschwunden. Das ist unglücklich, da Hummeln zusammen mit Schmetterlingen viele unserer Nutzpflanzen bestäuben. Da jedoch die Wildblumen-Wiesen in Europa immer weniger geworden sind, fehlt den Hummeln die Nahrung. Hummeln brauchen mehrere Tausend Blüten pro Tag während des Hummel-Sommers. Ihre Hauptnahrungsquelle sind Wildblumen, die auf Magerwiesen spezialisiert sind. Keine Magerwiesen, keine Wildblumen, keine Hummeln, keine Bestäubung.

Inhalte von „Und sie fliegt doch“

Das Buch von Dave Goulson erzählt von der Evolution und der Lebensweise von Hummeln, ihrer Genetik und Fortpflanzung, Krankheiten und Parasiten und beschreibt das Hummeljahr. Eingestreute Berichte von seinen Forschungsprojekten verdeutlichen, wie wenig wir über die Hummel wissen. Auf jeder der 311 Seiten des Buchs wird die ungeheure Faszination deutlich, die Goulson von Kind an für Hummeln verspürt hat. Besprechung durch „Spektrum“ hier.

Heute hat sich – so der Autor – weltweit die kommerzielle Besteubung von Nutzpflanzen in großem Stil durch gezüchtete Hummelvölker durchgesetzt: „Wenn Sie das nächste Mal Heinz Tomatenketchup auf Ihre Portion Pommes spritzen, denken Sie einmal über das Wesen der modernen Welt nach. Ihr Ketchup wurde höchstwahrscheinlich in den Niederlanden hergestellt und zwar aus spanischen Tomaten; die Bestäubung fand durch türkische Hummeln statt, die ihrerseits in einem Betrieb in der Slovakei gezüchtet wurden. (…) Denken Sie vielleicht auch einmal daran, dass jede von Ihnen verzehrte Gurke, Aubergine, Stangenbohne, schwarze Johannisbeere und Paprika von einer Hummel bestäubt wurde.“

Pflanzen für Hummeln

Die Blüten von Weißdorn, Brombeeren und Raps locken die kleinsten Hummelarten an; die Blüten von Skabiosen-Flockenblumen und Ackerbohnen die größten. Weiß- und Rotklee, Natternkopf, Lavendel, Beinwell, Stockrose und Lupine finden Hummeln generell attraktiv. Nach der Winterruhe sind Salweiden für Hummeln eine wichtige Nahrungsquelle. Wer viel Platz hat, kann und sollte eine Wildblumenwiese anlegen, die nur einmal im Jahr gemäht und nicht gedüngt wird. Bei Kräuterallerlei und im NRD-Ratgeber finden sich Informationen zu Pflanzen, die Hummeln lieben.

Außerdem wurde durch Goulson ein Verein ins Leben gerufen, der es sich zur Aufgabe macht, Großbritannien zu einem Hummel-freundlicheren Land zu machen; der Bumblebee Conservation Trust, BBCT.

Whistler and his Mother. Sarah Walden

Der Maler James McNeill Whistler (1834-1903) hätte niemals auch nur geahnt, dass eines seiner Werke zum bekanntesten Bild in Amerika werden würde, gewürdigt von einem breiten Publikum und abgebildet auf einer Briefmarke. Gewollt hätte er das wohl in dieser Weise auch nicht.

Die Briefmarke zeigt das Bild von Whistlers Mutter leicht vereinfacht: da sitzt sie und schaut nach links. Ins Leere. Dieses Schauen ins Leere war vermutlich für die Grafiker der Briefmarke derart unerträglich, dass diese am linken Briefmarkenrand eine Vase mit Blumen dazu erfanden.

Was war nun mit der Leere, der Berühmtheit und mit Whistlers „Mutter“ überhaupt?

In ihrem Buch beschreibt Walden den Künstler als brillianten Eklektizisten, der sich – ohne besonders intellektuell oder gebildet zu sein – aus den verschiedensten Quellen Anregungen holte und diese zu einem neuen hamonischen Ganzen verarbeitete. Sie beschreibt ihn auch als einen schlechten Handwerker, der die technischen, materiellen Grundlagen von Malerei kaum beherrschte. Hierzu ist Walden besonders autorisiert, da sie es war, die das Bild der Mutter für den Louvre aufwändig restaurierte.

Whistlers Bild gelangt nach seinem Tod  zu ungeheurer Berühmtheit in den USA, da es als die Quintessenz von Mutterliebe, Patriotismus und amerikanischem Protestantismus gesehen wurde. Es hing endlos reproduziert in amerikanischen Wohnungen, fand später – bis heute – seinen Weg auf Postkarten, T-Shirts und in Comics. Zu dieser Zeit war das Bild stark gelblich verfärbt und besaß eine weiche, warme Ausstrahlung.

Was Whistler wollte

Der originale Titel des Bildes gibt einen Hinweis darauf, was Whistler gewollt haben könnte: nicht „Mother“ hieß es, Whistler nannte sein Bild „Arrangement in Grey and Black“. Die rauhe Textur der Leinwand, die tiefen flüssigen Schwarztöne in Kombination mit Blau und Weiß, die unbestimmten Umrisse waren ihm wichtig. In einigen Aspekten wie der Komposition und der Suche nach tintigem, tiefem, weichem Schwarz ließ er sich durch japanische Kunst anregen. Das Bild war laut Walden ganz und gar anders als es damalige Sehgewohnheiten erwarteten. Nüchtern, kalt und vibrierend und vor allem erschreckend modern.

Die Such nach dem Original

Sarah Walden beschreibt wie Whistler mit unsicheren Malmethoden experimentierte, um den gewünschten Effekt zu erzielen. Wie sich bereits kurz nach der Fertigstellung 1871 die Wirkung der Farben veränderte und Whistler immer wieder neue Farbaufträge ergänzte, die die ursprüngliche Oberfläche veränderten. Nachdem Frankreich das Bild gekauft hatte, ließ Whistler es neu rahmen. Danach wurde die Oberfläche durch Hitze geglättet. Der hierdurch ausgelöste chemische Prozess bewirkte die Verbindung von Originalfarbe und Übermalungen. Unumkehrbar. Walden skizziert in ihrem Buch die Überlegungen dazu, wie viel oder wie wenig eine Restauratorin leisten kann, damit möglichst viel von demjenigen erhalten werden kann, was ein Künstler intendiert hatte. Und Restauratoren nicht ein völlig neues Bild erschaffen mit neuer Farbe und einer neuen Wirkung auf die Betrachtenden, die ursprünglich nicht beabsichtigt war.

Der Klappentext: „James McNeill Whistler was the most flamboyant and controversial painter of his generation. Oscar Wilde, Proust, Monet and Manet belonged to his circle of friends (…). With his mistresses, quick wit and flawed genius, he let a chaotic life. He turned out his long-standing girlfriend when his mother came from America to live with him in Chelsea. (…) Then suddenly, from this uneasy co-habitation a touching masterpiece appeared. Alongside Leonardo´s Mona Lisa and Botticelli´s Birth of Venus it became one of the best known female images in the world.“

Die autoritäre Revolte – Die neue Rechte und der Untergang des Abendlandes. Volker Weiß

In diesem Buch geht es um die Fragen

  • Was ist die „neue“ Rechte in Deutschland?
  • Wodurch unterscheidet sie sich von der „alten“ Rechten?
  • Welches sind die handelnden Personen?
  • Welche weltanschaulichen Positionen vertritt die „neue“ Rechte?

Volker Weiß zeigt in seinem Buch die Entwicklung des rechten Denkens in Deutschland und arbeitet hierbei auch die aktuellen Strategien und Methoden der rechtspopulistischen Bewegungen heraus. „Ein aufklärerisches Buch, das die Dürftigkeit der neuen Bewegungen schonungslos entlarvt“, so der Klappentaxt. Das Buch ist gut verständlich, in Teilen packend geschrieben. Es unterstellt nur hin und wieder ein großes Vorwissen über die rechte Szene; an diesen Stellen wird die Nachvollziehbarkeit im Detail etwas erschwert.

Aussagen

Dreh- und Angelpunkt ist aus Sicht Weiß‘, ob weltanschaulich universale Grundrechte wie die Gleichheit der Menschen angenommen werden oder die fundamentale Verschiedenheit zu Grunde gelegt wird. Nach seinen Ausführungen sind demokratische, westliche Gesellschaften durch Ersteres geprägt, während rechte Weltanschauungen Ungleichheit ins Zentrum ihrer Argumentation rücken. Die Kombination von „Boden“, „Volk“ und daraus „natürlich“ erwachsender „Kultur“ bildet die rechte  Argumentationsbasis. Weiß leitet aus diesem Befund ab, wie zwiespältig die Haltung der rechten Szene zum Islam ist, der in Form von Einwanderern nach Deutschland bekämpft wird, jedoch im Rahmen von martialischen Männlichkeitsphantasien durchaus auch bewundert wird. Demnach, so Weiß‘ Fazit, ist der echte Feind der Rechten heute der Westen als Verfechter universeller Menschenrechte: „Angewand auf die doppelte Frontlage, in der sich die gesamte deutsche Rechte wähnt, bedeutet das: Die moralische Vernichtung der „eigenen“ Kultur haben die Deutschen nicht durch islamische Einwanderer erlitten. Diese sind vielmehr nur eine Folge der Niederlage, die der „Amerikanismus“ 1945 dem Reich des „Eigenen“ bereitete und mit dem Kulturwandel von 1968ff. besiegelte.“

Deutlich schildert Volker Weiß in seinem Buch die gewaltverherrlichenden und frauenfeindlichen Vorstellungen am rechten Rand der Rechten. Dem Mann der Gegenwart, so deren Position, drohe die doppelte Entfremdung: zunächst durch die Zivilisation von seinen natürlichen Eigenschaften als Rudelmitglied und anschließend durch die zivilisationsgestärkte Frau von seinen natürlichen Eigenschaften als Mann: „Die sicherste Art zu Überleben böte eine loyale Kampfgemeinsachft in Form einer „Gang“. (…) Am besten sei es, in diesen autonomen Kleinstordnungen schon jetzt die noch herrschenden zivilisatorischen Normen außer Kraft zu setzen (…). Dies betrifft vor allem die Gleichberechtigung der Geschlechter, in der Donovan (Vertreter eines hypermaskulinen Neotribalismus und neuen Barbarentums) ohnehin nur Angriffe auf männliche Grundrechte sieht: „die Natur ist eben ungerecht“.“

Buch-Kapitel in „Die autoritäre Revolte“

  • Die „Neue Rechte“ – Eine Familienaufstellung
  • Armin Mohler – Die Erfindung der Tradition
  • Der Weg zur AfD – Die Sammlung der Kräfte
  • Provokationen von rechts – Politik des Spektakels
  • Konservativ-Subversive Aktionen – Vom Geist auf die Straße
  • Untergang und Rettung – Aufstand des „geheimen Deutschland“
  • „Abendland“ – Kurze Geschichte eines Mythos
  • Der Feind in Raum und Gestalt – Islam, Amerika und Universalismus
  • Vom „Wahrheitskern“ neurechter Politik – Autoritärer Populismus

Weiterführende Links

Das Buch verfügt über ein vielfältiges Quellen-Register und eine umfangreiche Bibliografie, beide enthalten Einträge zur AfD, zu Pegida und zur Identitären Bewegung.

Südafrika: Cape Dutch Homesteads. David Goldblatt, Margaret Courtney-Clark

Südafrika: Cape Dutch Homesteads von David Goldblatt und Margaret Courtney-Clark. Wunderschön sind die Kap-holländischen weißen Häuser wie sie in der Landschaft liegen, von großen Bäumen umgeben und eingebettet in Weingärten.

Cape Dutch Homesteads

Gebaut von Sklaven

So schön, dass man darüber fast vergessen könnte, dass diese Häuser, gebaut zwischen der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts und 1800 als die Briten die Macht am Kap übernahmen, durch Sklaven gebaut wurden und der Wohlstand ihrer Besitzer durch die Arbeit von Sklaven entstand.

Architektur am Kap

Die Architektur dieser Häuser ist etwas ganz besonderes: in ihnen verschmelzen kulturelle Einflüssen aus den Niederlanden und aus Indonesien und Indien. Später hinterließen auch Ideen des europäischen Klassizismus ihre architektonischen Spuren an diesen Häusern. Es waren in der Regel malaiische Handwerker, die die schönen weißen Giebel formten; sie waren berühmt für ihr Geschick. Die Abtrennung zwischen formellem und informellem Wohnbereich zum Beispiel, der Screen, wurde aus Asien übernommen.

Bildergebnis für kapholländische häuser

Das wunderbare Buch von 1981 ist schon etwas älter und fasst den damaligen Forschungsstand knapp sowie gründlich zusammen. Sein großen Charme liegt darin, dass Goldblatt und Courtney-Clarke Fotografen sind, deren wunderbar stimmungsvolle Fotos durch einen gut verständlichen Text von John Kench ergänzt werden.  Das Buch enthält ausführliche Porträts von neun Häusern, in welchen deren wechselvolle Geschichte und heutige Bewohner vorgestellt werden, außerdem eine Einleitung und ein Nachwort mit dem thematischen Schwerpunkt Restaurierung.

Vergehendes Erbe

Um 1900 gab es noch 3000 Häuser dieser Art. Heute sind es nur noch etwas 300, die ein gutes Bild davon geben, wie damals in der Kap-Region von den „freien Bürgern“ gebaut und gelebt wurde. Die etwa 150jährige Geschichte dieser erstaunlichen Architekturen vermitteln die vielen Fotos sowie der ausgezeichnete Text anschaulich.