The First Artists – in Search oft the World´s Oldest Art. Michel Lorblanchet und Paul Bahn

„The First Artists” stellt die frühesten Artefakte der Menschheit vor und beschäftigt sich mit der Frage, wie alt diese frühen Zeugnisse sind. Das meiste ist verloren: Körperbemalung und Federschmuck erhalten sich nicht. Was bleibt, sind Bearbeitungen von extrem haltbaren Materialien wie Stein oder manchmal Knochen.

Wie alt ist die älteste Kunst?

Vor 3 Mio. Jahren sammelten Hominiden ungewöhnlich aussehende Steine und Fossilien. Rote Ocker-Farbe – durch Erhitzen entstanden – wurde zum Malen bereits vor mindestens 300.000, vielleicht sogar 400.000 Jahren verwendet. Die Verwendung von Pigmenten – auch schwarzem Mangan-Dioxid – trat stärker vor 70.000 und 40.000 Jahren auf. Steinwerkzeuge entstanden bereits vor 2,7 Mio. Jahren. Handäxte, die vor ca. 500.000 Jahren entstanden, zeigen deutlich, dass neben dem Verwendungszweck ästhetische Kriterien für das Werkzeug eine Rolle spielten. Figurative Darstellungen sowohl auf Landmarken wie in transportabler Form lassen sich seit der Zeit vor 35.000 bis 40.000 Jahren belegen. Das ist lange her…

„Current research may soon confirm that, before modern humans, Neanderthals were the first artist-painters on walls, through a few modest productions: dots, hand stencils and peckings.”

Ganz und gar verblüfft hat es mich, dass die ganz frühen Höhlenmalereien dadurch entstanden, dass Farbe mit dem Mund auf die Wandflächen gesprüht wurde.

Kratzspuren von Bären oder Finger-Malerei?

Die Autoren gehen in ihrem Buch chronologisch vor, zeigen und besprechen typische Beispiele von Artefakten. Besonders gut gefällt mir die Gegenüberstellung von Beispielen, die für mein laienhaftes Auge völlig gleich aussehen, von denen dann jedoch eines tatsächlich von Menschen gemacht und ein anderes zum Beispiel durch Bären verursacht wurde.

Pochen auf wissenschaftliche, archäologische Methode

Das Buch von Lorblanchet und Bahn zeichnet sich dadurch aus, ein gründliches, nachdenkliches Buch zu sein, in welchem Argumente, Hinweise und Belege unterschieden und jeweils klar benannt werden. Die spontane, zündende Idee, der alles andere weichen muss, ist nicht die Sache der Autoren. Dies macht ihr Buch manchmal etwas trocken, hin und wieder schwer zu lesen. Aber das, was sie sagen, hat Hand und Fuß. Ihr Buch gibt den Forschungsstand zu prähistorischer Kunst weltweit wieder. Zusätzlich bieten sie ein gut belegtes Plädoyer, immer und bei jeder Gelegenheit die Werke systematisch zu untersuchen, damit überhaupt eine Basis für das Verständnis früher Kunst vorhanden ist.

Nicht alles ist Kult

Ganz besonders ist Lorblanchet und Bahn das emotionale, einfühlende Verständnis mancher Wissenschaftler ein Graus, die lieber überall die Beweise für kultisches Handeln der frühen Menschen sehen wollen, als eine methodisch angemessene, wissenschaftliche Bestandsaufnahme von Funden zu machen. An mehreren Bespielen zeigen die Autoren in „The First Artists“, dass vermeintliche geometrische Kratzspuren auf Knochen der natürlichen Zersetzung des Materials geschuldet oder scheinbar gemalte Figuren nur die Folge von Geschiebe im Gestein sind…

Und irgendwie gelingt es den Autoren, so ganz ohne wahrnehmbare Bosheit einfach nüchtern Fazit der Belege zu ziehen. Beeindruckend.

Außerdem interessant sind

  • Der Film „Die Höhle der vergessenen Träume“ von Werner Herzog über die Malereien in der Höhle von Chauvet
  • „The Mind in the Cave“ von David Lewis-Williams
  • “Visions from the Past – The Archaeology of Australian Aboriginal Art” von M. J. Morwood mit vielen schönen Fotos

Wer war Ingeborg Bachmann? Ina Hartwig

Diese Biografie zur berühmten Dichterin und Roman-Autorin ist eine in Bruchstücken. So auch der Untertitel.

Was leistet diese Biografie?

Ausgehend von einem ikonografischen Foto der Bachmann richtet Ina Hartwig ihre Aufmerksamkeit auf verschiedene Aspekte des Lebens von Ingeborg Bachmann explizit ohne Anspruch auf Vollständigkeit oder Konsistenz. Fotos aus unterschiedlichen Jahren bereichern und pointieren die gewählte biografische Form: da gibt es das Mädchen, die Diva, die Dame von Welt, die Scheue, die Selbstbewusste, die Kranke. Bachmann gehört nicht zu meinen erklärten Lieblingsautorinnen, dennoch habe ich diese Biografie außerordentlich genossen.

Biografische Phasen

Hartwig wählt zum Beispiel die Gerüchte um den Tod Bachmanns als historischen Anker, ebenso ihre Liebesgeschichte mit Paul Celan und ihr Leben als Stipendiatin im Berlin der 1960er Jahre:

  • Krieg am Sterbebett
  • Der Mann mit dem Mohn
  • Berlin, Germany

Themen

Politisches Engagement sowie eine Reise in den Orient und das Thema „Vater“ nutzt Hartwig für weitere Schlaglichter auf Ingeborg Bachmann in den Kapiteln

  • Körperwerk der Politik
  • Orgie und Heilung
  • Guter Vater, böser Vater

„Ingeborg Bachmann gilt als weltentrückte „Schmerzensfrau“ der deutschsprachigen Literatur. Auf solches Raunen verlässt sich Ina Hartwig nicht. In ihrer neuen Biografie über die Schriftstellerin wird sie erfrischend konkret – ihr Buch ist ein anekdotenreiches Zeitpanorama. „Wer war Ingeborg Bachmann?“ – mit diesem bodenständigen, äußerst unaufgeregten Titel gibt die Biografin Ina Hartwig die Richtung an: Fern von allem Pathos zeichnet die Publizistin und Kritikerin die Lebensstationen der österreichischen Dichterin nach. Und dieser Blick tut gut bei einer Autorin, bei der es die Mythenbildung leicht hatte: Bachmanns kometenhafter Aufstieg in den Fünfzigerjahren, ihre glamourösen Auftritte, ihre Beziehungen zu Paul Celan und Max Frisch und ihr rätselhafter Tod 1973 waren jahrzehntelang die Grundlage für immer neue Projektionen.“ (Quelle Deutschlandfunk Kultur)

Erinnerungen von Zeitzeugen

Hartwig leistet sich bruchstückhaftes Erzählen, sie nimmt sich selbst interpretatorisch zurück. Das gelingt und ist interessant, da sie Erinnerungen von Zeitzeugen verwendet, deren hohe Subjektivität sie bewusst einsetzt, um so das widerspruchsvolle Bild von „der Bachmann“ zu entwickeln:

  • Ein Kritiker
  • Gespräche mit Zeitzeugen

Methodisch ähnlich, jedoch als Biografie einer Gruppe junger Frauen geht Lyndall Gordon in „Shared Lives“ vor.

The Affair of the Bloodstained Egg Cosy. James Anderson

Klassischer englischer Detektiv-Roman in 20er-Jahre-Setting und ganz klar eine Country-House-Mystery: „It always gave Jane a kind of thrill to tip the guard and loftily instruct him to have the train stopped at Alderly Halt. It seemed so delightfully feudal and anachronistic.”

Worum geht es?

Ein Diamant-Halsband wird gestohlen, aus zwei Pistolen werden vier und die Leiche landet im Teich. Gäste sind Mitglieder der Aristokratie, Undercover-Spione, eine umwerfend schöne Baronin, ein Juwelendieb und ein texanischer Multimillionär samt Frau. Als Inspektor Wilkens den Landsitz erreicht, um den Mord aufzuklären, verströmt er keinen Optimismus: „Don´t expect me to solve anything.“

James Anderson hat seine Detektiv-Geschichten seit 1975 veröffentlicht. Neben „The Affair of the Bloodstained Egg Cosy“ gibt es mit gleichem Setting in Alderly, Sitz von Lord and Countess of Burford, noch diese beiden Krimis, die ebenso erfreulich sind:

  • „The Affair of the Mutilated Mink“
  • “The Affair of the 39 Cufflinks”

“But Lavinia, I don´t want people staying here”, said the Earl. (…) “This is quite different. These people are family, not spies and jewel thieves and blackmailers and film stars. And when one occupies an historic house such as Alderly, one cannot shut its doors because of a few unfortunate incidents.”

Perfektes 20er-Jahre-Setting

Anderson verwendet ganz offensichtlich als Inspiration und Vorlage für seine Detektiv-Geschichten die Romane von Agatha Christie. Sprachlich wie inhaltlich habe ich den Eindruck, als würde er fast Christies „The Secret of Chimneys“ zitieren. Auf diese Weise wirken die Geschichten von Anderson sehr authentisch. Sie sind gut gemacht. Auf der negativen Seite steht eine etwas konstruierte Wirkung: Charaktere und Details der Plots machen schon den Eindruck, als seien sie nach einem bestimmten Schema geschrieben worden.

Für alle Fans des klassischen englischen Detektiv-Romans in der Form der Wochenend-Landsitz-Geschichte kann ich diese Krimis wärmstens empfehlen:

  • Agatha Christie „The Secret of Chimneys“
  • Agatha Christie “After the Funeral”
  • Ngaio Marsh “A Man lay Dead”
  • Ngaio Marsh “Tied up in Tinsel”

Unsere Empfehlungen zu den besten Krimis sind hier und alle Krimis, die wir bereits besprochen haben finden sich hier…

NEU: Jane Austen – die besten Bücher über sie

Neu in Buch-und-Sofa

Unter „Die besten Bücher…“, unserer Zusammenstellung von guten Büchern zu bestimmten Themen, gibt es nun auch Empfehlungen von Büchern über Jane Austen.

Jane Austen and Representations of Regency England

Hat Jane Austen nur romantische Liebesgeschichten geschrieben?

Hat sie nicht. Der Wert des Geldes, die Rolle von Krieg, die Wahlmöglichkeiten von Frauen und vieles andere mehr sind ebenfalls ihre Themen. Kluge und nachdenkliche Bücher zu ihrem Werk zeigen, wie komplex, professionell, humorvoll, wie boshaft die Autorin schreib.

War Jane Austen eine weltfremde Dame der höheren Gesellschaft?

War sie nicht. Das Image der zurückgezogenen, feinen, bescheidenen, religiösen und ganz in der weiblichen Rolle aufgehenden Frau war eines, an dem nach Austens Tod ihre Verwandten heftig gefeilt haben.

Weshalb heute noch Jane Austen lesen?

Aus formalen wie aus historischen Gründen. Und aus reinem Vergnügen. Ihre Texte sind von außerordentlicher Qualität, sie hat Erzähl-Methoden erfunden, die wir heute für selbstverständlich halten. Ihre Texte spiegeln eine interessante historische Phase. Jane Austen lesen macht Spaß.

Unsere Buch-Besprechungen zu Jane Austen gibt es hier…

Im Gehen. Ilse Helbich

Der kleine Gedicht-Band ist Ilse Helbichs erster und wird wohl ihr letzter bleiben.

Im Gehen: Gedichte

Die Autorin wurde 1923 in Wien geboren. Im Alter von 80 Jahren veröffentlichte sie ihren ersten Roman. „Im Gehen“ ist ein kleines Buch über das Fortgehen, über das Aus-dem-Leben-Gehen, ein paar Blicke über die Schulter sind kostbaren Erinnerungen gewidmet.

„Wenn ich jetzt in einem Schubkarren säße und

einer schöbe mich den dämmrigen Weg entlang.

Rollen und Rütteln

und Wiegen.

Blätter streicheln die Wange.

Ich möchte gerne wissen, wer

mich schweigend dahin fährt,

aber ich wende den Kopf nicht.

Er ist ja da.

Mein schwieriges Gehen.“

Die Gedichte wirken erstaunlich modern. Hin und wieder scheint ein Wort wie ein Stock in die Speichen geworfen zu sein: Es knirscht dann für mein Gefühl im Gedicht.

„Man kennt Ilse Helbich als kluge, unsentimentale Chronistin des hohen Lebensalters, als die Autorin präziser und gleichwohl poetischer Erinnerungen, unabhängig und unerschrocken das Leben dort dokumentierend, »wo sich ein Jenseits ins Dasein mogelt« (Susanne Mayer, Die Zeit). Sie hat aber auch, Mitte der 70er Jahre beginnend, immer wieder Gedichte geschrieben – aus denen sie nun erstmals eine Auswahl an die Öffentlichkeit bringt. Es sind »frühe Gedichte« (1975 bis Mitte der 80er Jahre) und solche, die in den letzten zwanzig Jahren entstanden sind und also ihr aktives Schriftstellerinnen-Leben begleitet haben“. (Quelle Dorschl Literaturverlag)

Vor einiger Zeit habe ich „Das Haus“ von Helbich gelesen und diesen autobiografisch gefärbten Text sehr genossen: klug, aber nicht altersweise.

„Es ist gesagt, was zu sagen war. Das Andere, das jetzt ist, entzieht sich den Worten.“ So endet „Im Gehen“.

Weitere Bücher zu Alter, Moder für nicht mehr junge Damen und über Sterben und Tod empfehlen wir bei Buch-und-Sofa in unserer Rubrik „Älter werden“.

Poor People. William T. Vollmann

Poor People ist ein Buch über die Armut in der Welt, welches arme Menschen und deren Leben in den Mittelpunkt stellt.

Poor People – eine Reise um die Welt

Vollmann reist zu Elendsvierteln der Welt nach Thailand, in den Jemen, in die USA, nach Kolumbien, nach Vietnam, Afghanistan, nach Russland, China und Japan… Er stellt den „armen“ Menschen, die er trifft, ein paar einfache Fragen:

  • „Sind Sie arm oder reich?“
  • „Warum sind manche Menschen arm, andere reich?“
  • „Wer ist Schuld daran?“

Die Antworten sind alles andere als einfach, die Begründungen ebenso wenig.  Einige der Interviewten bezeichnen sich als reich. Viele geben als Gründe für ihre Lage an: eigene Schuld, ein einschneidendes äußeres Ereignis, das Schicksal. Vollmann erfragt in seinen Gesprächen, für die er seine Gesprächspartner und -partnerinnen bezahlt, deren Lebensgeschichten. In diesen Porträts zeigt er Behutsamkeit und Respekt. Auch hierbei macht er es sich selbst nicht leicht: Nie vergisst er die Tatsache, ein reicher Mann zu sein, der einen weniger vermögenden Menschen befragt und die Antworten mit Geld bezahlt. Keine vorgefertigte Meinung zu haben, keine einfachen Lösungen parat zu haben und die eigene Perspektive immer wieder kritisch zu hinterfragen, das macht den Autor und sein Buch „Poor People“ zu etwas Besonderem.

Was ist Armut?

Laut „Handbook of Income Distribution, 2000“ sind Statistiken über Armut nicht immer hilfreich: Je nach Veröffentlichung stieg die Armut in Irland stark an, ein wenig, veränderte sich nicht oder sank… Obwohl die gleichen Daten aus zwei Jahren verwendet wurden. Die Kurzdefinition der UN zeigt Pragmatismus, berücksichtigt jedoch nur die materielle Seite der Armut: „Poverty is an income of less than four dollars a day.“ Vollmann versucht dagegen, auch die nicht-materiellen Seiten der Armut in den Blick zu nehmen: „Poverty is wretched subnormality of opportunity and circumstances.“ Am intensivsten setzt er sich mit einer Definition Adam Smith´auseinander: „Every man is rich or poor, to the degree in which he can afford to enjoy the necessaries, conveniencies, and amusements of human life. But after division of labour has once thoroughly taken place, it is but a small part of these which a man´s own labour can supply him.“

Erscheinungen der Armut

Im Kapitel „Phenomena“ zeichnet Vollmann ein Bild der verschiedenen Erscheinungsformen und Begleiterscheinungen von Armut. Er beschäftigt sich mit:

  • Invisibility
  • Deformity
  • Unwantedness
  • Dependance
  • Accident-prone-ness
  • Pain
  • Numbness
  • Estrangement

Ganz und gar ungewöhnlich ist Vollmanns Haltung, Menschen nicht zu verurteilen, die Alkohol, Drogen, Verdrängung nutzen, um ihren Alltag zu bewältigen. Er versucht, deren Verhalten zu respektieren: „You (Leser/Leserin) are rich, so tell me: Who does make you? What would they have been had poverty not diminished them? Would they be any happier? (…) Who would Sunee be were she not an illiterate, self-hating, furiously resigned drunk? In any event, the darkness of her incompletion, such as it is, may approximate the darkness of my own blindness.“

Bilder von Menschen

Der hintere Teil von „Poor People“ enthält schwarz-weiß Fotografien der Menschen, die der Autor getroffen und gesprochen hat. Die meisten diese Bilder sind Porträts, in denen die Fotografierten die Betrachtenden direkt anschauen.

Der Autor William T. Vollmann

Vollmann ist ein US-Autor und Journalist, der regelmäßig Krisengebiete bereist und seine Erfahrungen literarisch verarbeitet. Zum Beispiel in „An Afghanistan Picture Show, or, How I Saved the World“. Anfang 2004 erschien „Rising Up and Rising Down“, eine 3.300 Seiten lange, siebenbändige, illustrierte Abhandlung über Gewalt. Vollmann hat daran über 20 Jahre lang gearbeitet und versucht, umfassend die Ursachen und Folgen von Gewalt zu untersuchen sowie die mit ihr verbundenen ethischen Fragen. Ein großer Teil des Textes besteht aus Vollmanns eigenen Reportagen über Orte voller Gewalt wie Kambodscha, Somalia und Irak. Vollmanns übrige Werke beschäftigen sich oft mit Geschichten von Menschen am Rande des Krieges, der Armut und der Hoffnung. Viele Kritiker rühmen die Kühnheit und Originalität seiner Werke, die oft Techniken fiktiven und journalistischen Schreibens vermischen, wie auch sein immenses Wissen und die Schönheit seiner Prosa.

In „Buch und Sofa“ haben wir bereits dieses Buch von Vollmann besprochen: „Kissing the Mask – Beauty, Understatemnet and Femininity in Japanese Noh Theatre“.

The Remains of the Day. Kazuo Ishiguro

Der Roman des britischen Nobelpreis-Gewinners von 2017 ist ein schönes, komisches, trauriges Porträt der britischen Gesellschaft.

Der Inhalt von „The Remains of the Day“

1989 erschienen, geht die erzählte Zeit im Roman noch weiter zurück in die Vergangenheit: Ein alternder Butler erhält in den 1950er Jahren die Gelegenheit zu einer Reise. Auf dem Weg von und zu den verschiedenen Stationen seiner Reise, erinnert er sich an die Zeit zwischen den beiden Weltkriegen. Der Butler Stevens reflektiert seine großen beruflichen Erfolge und versucht zu beschreiben, was für ihn das Ideal des wirklich großen Butlers ausmacht, dem er immer versucht hat zu entsprechen.

Erst am Ende des Romans, als Stevens aufs Meer schaut und darauf wartet, wie nach dem Sonnenuntergang die Lichter angehen, wird ihm klar, wie sehr er in seinem bisherigen Leben die eigenen Gefühle nicht wahrhaben wollte und ihnen schon gar nicht sprachlichen Ausdruck geben konnte.

Was vom Tage übrig blieb

Die Sprache

In einer Radio-Rezension hatte ich gehört, die Sprache Ishiguros sei wie eine Mischung aus Jane Austen und Marcel Proust. Stimmt. Wunderbar flüssig lesbar, präzise, gibt sie die formelle, sprachliche Variante einer vergangenen Upper Class wieder: „As I say, I have never in all these years thought of the matter in quite this way; but then it is perhaps in the nature of coming away on a trip such as this that one is prompted towards such surprising new perspectives on topics one imagined one had long ago thought through thoroughly.“ Erstaunlich…

Der ganze Roman ist aus der Perspektive des Butlers in Form eines inneren Monologs geschildert. Hin und wieder lockern berichtete Dialoge diese Erzählweise auf.

Übersetzung und Verfilmungen

Wer sich zu englischer Lektüre im Original nicht wirklich hingezogen fühlt, sollte diesen Roman unbedingt in Übersetzung lesen: Der Titel der deutschen Übersetzung lautet „Was vom Tage übrig blieb“. Als Alternative bietet sich die Verfilmung aus dem Jahr 1993 an von James Ivory mit Anthony Hopkins und Emma Thompson.

 Bildergebnis für Kazuo Ishiguro

Der Autor

Kazuo Ishiguro OBE ist ein britischer Schriftsteller japanischer Herkunft. Sein dritter und berühmtester Roman „Was vom Tage übrigblieb“ wurde 1989 mit dem Booker Prize ausgezeichnet. Er wurde ebenso verfilmt wie der 2005 erschienene Roman „Alles, was wir geben mussten“. Im Jahr 2017 erhielt Ishiguro den Nobelpreis für Literatur zugesprochen. Die Schwedische Akademie würdigte ihn als einen Schriftsteller, „der in Romanen von starker emotionaler Wirkung den Abgrund in unserer vermeintlichen Verbundenheit mit der Welt aufgedeckt hat“. (Quelle Wikipedia)

Keeping Up Appearances. Catherine Horwood

Mode und Klassenunterschiede zwischen den beiden Weltkriegen in England ist das Thema des vergnüglichen, reich bebilderten Buchs von Catherine Horwood.

Kleidung zeigt Selbstwert und sozialen Status

Das Wichtigste zuerst: Für Frauen und Männer aus dem englischen Mittelstand war Sich-kleiden eher ein Hindernis-Parcours als eine Freude. Unendlich viele, kleine Details signalisierten den anderen Frauen und Männern des Mittelstandes, wo man auf der sozialen Leiter stand.

„Keeping up appearances“ zeigt, wie sich der Mittelstand in den 20er und 30er Jahren anzog, wie die Wahl der Kleidung durch beginnende Massenproduktion, veränderte Einkaufsmöglichkeiten sowie finanzielle Restriktionen, Snobismus und amerikanische Einflüsse geprägt wurden. Hierbei greift die Autorin auf große zeitgenössische Umfragen unter breiten Teilen der Bevölkerung zurück. Außerordentlich schön ist das verwendetet Bildmaterial: Fotos, Cartoons und Anzeigen illustrieren vielfältige Aspekte des Ringens um das richtige Erscheinungsbild: „Middle-class society in the interwar years was increasingly self-monitoring in a way that previous eras were not.“

„Korrekt“ gekleidete Frauen

Britische Mittelklasse-Frauen hatten ein Ziel: korrekt gekleidet zu sein. Das richtige Kleidungsstück zu jeder Gelegenheit verlieh Selbstbewusstsein. Modische Details wurden immer erst interessant, nachdem diese sich bereits bei den arbeitenden Frauen durchgesetzt hatten. Zwischen den Kriegen schien sich ein lässigerer Kleidungsstil durchzusetzen, dennoch gab es komplizierte Kleidungsvorschriften, die Frauen durchaus Kopfschmerzen bereiten konnten, wie dieses Bildunterschrift einer Zeichnung zweier Frauen aus Punch von 1937 belegt: „Well, dear, you don´t want to overdo it, and you don´t want to look drowdy. Seeing it´s in a Church Hall, I should wear a semi-full afternoon dress with a chiffon scarf, and chance it.“

Konservative Männer

Der britische Mann war vor allem konservativ in seiner Kleidung. Er trug auch nach der Arbeit Anzughose und -weste, ließ niemals seine Hosenträger blitzen, krempelte auf keinen Fall die Hemdsärmel hoch und ging im Anzug an den Strand. Treffend sagte G. B. Shaw: „It is easier to recruit for monasteries and convents than to induce (…) a British officer to walk through Bond Street in a golfing cap on an afternoon in May.“

Inhalt von „Keeping up appearances“

Das Buch enthält die Kapitel

  • Shopping for status
  • Black coats and white collars
  • Business girls and office dresses
  • In home and garden
  • From seaside to sports club
  • Top hats and tulle
  • Everything to match
  • Radicals, Bohemians and Dandies.

Einen Wermuthstropfen hat das Buch jedoch: Es bleibt deskriptiv; hilfreich wäre die eine oder andere Schlussfolgerung oder Analyse im Kontext größerer gesellschaftlicher Entwicklungen gewesen.

Hier finden sich viele andere Buchempfehlungen von Buch-und-Sofa zur Mode.

Voices in the Ocean. Susan Casey

Eine Reise in die fremde und verstörende Welt der Delfine ist dieses Buch der Journalistin Susan Casey.

Voices in the Ocean: A Journey into the Wild and Haunting World of Dolphins

Seit Douglas Adams´ „Per Anhalter durch die Galaxis“ wissen wir alle, dass Menschen nur die drittintelligenteste Spezies auf Erden sind. Die Mäuse als intelligenteste sind eine dreidimensionale Erscheinungsform hyperintelligenter Wesen, aber die Delfine sind die zweitintelligenteste Spezies, intelligenter als die Menschen und haben diese vor der Zerstörung der Erde noch zu warnen versucht. Ohne Erfolg.

Casey beschreibt in ihrem Buch, wie intelligent Delfine sind, wie sie in verschiedenen Kulturen den Status von Mittlern zu einer anderen Welt haben und wie Menschen diese hochintelligenten Tiere qualvolle Tode sterben lassen. Die Erzählweise besteht in Reiseberichten, die die Autorin rund um die Welt zu Orten führen, in denen die Delfine eine besondere Rolle spielen. Als jagdbares Wild oder als Wesen voller Weisheit: „No other creature on the planet is more like us than the dolphin. Dolphins are intelligent, sociable beings who can recognize their own reflections, count, feel despondent, rescue one another (and humans), deduce, infer, form groups, throw tantrums, gossip and scheme.“

Sind Delfine intelligenter als Menschen?

Delfine haben ein Gehirn, welches äußerst komplex ist, dabei jedoch anders aufgebaut ist als das menschliche. Das Gehirn von Delfinen ist auf extreme Schnelligkeit ausgelegt. Außerdem sind besonders diejenigen Gehirnregionen, in denen emotionales Empfinden und Sozialverhalten verankert sind, bei Delfinen anders und stärker ausgeprägt. Delfine, so die Vermutung, haben eine starke Gruppenidentität zusätzlich zu ihrer Fähigkeit, sich als Individuen zu erleben. Sie haben also – salopp gesprochen – ein Ich und eine Art Gruppenseele.

„If you were designing a high-performance computer, you would choose the dolphins´ schematic, hands down. “This is a brain that is built for speed (…) The rate at which they process information is astounding, Everything is faster. We can´t even imagine.” (…) A fabulous neocortex is a kind of killer app for brainy animals, enabling the refined thinking and behavior that characterizes us as humans (…). It´s where we get our abilities to make tools, use language, devise plans. “

Delfine als Mittler zu anderen Welten?

Seit der Antike gibt es Berichte, wie Delfine den Kontakt zu Menschen suchen. Immer wieder berichten Taucher und Küstenbewohner davon, dass sie Kontakt zu Delfinen als direkt, intensiv und persönlich erfahren haben. Susan Casey geht Berichten in verschiedenen Kulturen und Teilen der Welt nach auf der Suche danach, was Menschen immer wieder an Delfinen fasziniert hat bis zur Zuschreibung magischer Fähigkeiten und – warum die Faszination wohl gegenseitig ist. Dies liest sich sehr interessant und unterhaltsam.

Töten, was den Menschen so ähnlich ist?

Delfine haben es nicht leicht, in einer von Menschen geprägten Welt zu überleben: Sie werden gejagt, gegessen oder in Ozean-Vergnügungsparks gesperrt, sie verlieren Lebensraum, werden durch Pestizide im Meerwasser vergiftet… Casey beschreibt in ihrem Buch auch all die grauenhaften Dinge, die Menschen weltweit Delfinen und deren Verwandten antun.  Diese Teile sind teilweise verstörend zu lesen.

Fazit: ein interessantes, gut lesbares Buch, welches ein ganz besonderes Schlaglicht auf dasjenige richtet, was Menschen mit nicht-menschlichen Lebewesen eint.

Mehr zur Autorin und ihren Büchern hier.

Jane Austen at Home. Lucy Worsley

Diese neue Biografie zu Jane Austen nimmt ihr Alltagsleben in den Fokus.

 

Wie haben Frauen um 1800 gelebt, wenn sie sich zur besseren Gesellschaft zugehörig fühlten, das Geld aber nicht hatten, um einen entsprechenden Lebensstil zu pflegen? Wie war das Leben zu einer Zeit, in der äußere Details ganz genau für alle nachvollziehbar zeigten, wie gut oder schlecht es um die eigenen finanziellen Verhältnisse aussah? Hierbei gelingt es Worsley, Jane Austens Leben über die Distanz von 200 Jahren verständlich zu machen, ohne diese Distanz naiv zu übersehen.

„While I´ll try to put Jane back into her social class and time, I must admit that I also write as a signed-up „Janeite“(…). Jane´s passage through life, so smooth on the surface, seems sharply marked by closed doors, routes she could not take, choices she could not make.”

Unverheiratete Frau ohne eigenes Einkommen

Jane Austen entschied sich, nicht zu heiraten. Warum? Angebote hatte sie. Worsley beschreibt, wie Austen im eigenen unmittelbaren Umfeld immer wieder sah, wie verheiratete Frauen ein Kind nach dem anderen bekamen, viele von ihnen während einer dieser Geburten starben. Heiraten, so deutet Worsley an, war weit davon entfernt, eine glückliche finanzielle Absicherung zu sein: Der Preis konnte extreme körperliche Belastung sein oder der Tod.

Als unverheiratete Frau ohne ausreichendes eigenes Auskommen war Austen Zeit ihres Lebens von Entscheidungen anderer abhängig und davon, dass Verwandte bereit waren, ihren Lebensunterhalt zu bezahlen. Unabhängigkeit war unter diesen Rahmenbedingungen nicht möglich, Spielräume waren klein. Und es musste um sie gerungen werden. Eine Konsequenz bestand für Austen darin, in mehreren Phasen ihres Lebens kein Zuhause zu haben. So wird nachvollziehbar, warum das fehlende Zuhause, Verlust und Sehnsucht nach einem eigenen Zuhause in ihrem Werk an vielen Stellen thematisiert wird.

Alltagsleben – alltägliche Lebensumstände

Die Autorin zeigt die alltäglichen Umstände im Leben von Jane Austen und spürt mit detektivischem Sinn der Frage nach, wie es der Schriftstellerin möglich war, neben all den Pflichten als Tochter, Schwester, Tante überhaupt zu schreiben. Sie malt das Bild einer entschlossenen, oft bissigen Frau, einer ausgezeichneten Beobachterin, die durch ihren Vater stark gefördert wurde. Deren Verwandtschaft sie schätzte, jedoch nicht recht einsehen mochte, eine Schriftstellerin in ihren Reihen zu haben, deren Werke ein außerordentliches Niveau hatten.

„A sad life, a life of struggle, is at odds with the first impressions given by her books: of a country parsonage on a sunny morning, with roses round the door, a spirited heroine about to meet her life-partner, a fresh romance about to unfold…”.

Bildergebnis für Lucy Worsley

Die Historikerin Lucy Worsley veröffentlichte außerdem: “Cavalier – The Story of a Seventeenth Century Playboy”, “Courtiers – The Secret History of Kensington Palace”, “If Walls Could Talk – An Intimate History of Your Home” und “A very British Murder” sowie die Romane “Eliza Rose” und “My Name is Victoria”.

Diese anderen Bücher zu Jane Austen haben wir bereits in Buch und Sofa besprochen…