Murder in the afternoon. Frances Brody

Nachdem ich mich kritisch geäußert habe über die Krimis von Jacqueline Winspear, braucht es positive Abwechslung. Da kommt die Krimiserie von Frances Brody mit der Detektivin Kate Shackleton gerade recht.

Die Literary Review bemerkt: „Kate Shackleton joins Jacqueline Winspear’s Maisie Dobbs in a subgroup of young, female amateur detectives matured by their wartime experiences. They make excellent heroines.“

Damit sind die Gemeinsamkeiten aber auch erschöpfend behandelt. Denn Frances Brody ist die deutlich bessere Krimi-Autorin. Bei ihr haben die Charaktere mehr Tiefe, entsteht echte Spannung. Ihr Schreibstil ist lebhafter, facettenreicher, amüsanter. Man merkt, dass sie auch als  Bühnenautorin erfolgreich ist. Zwischenzeitlich hat sie in der Krimi-Reihe mit Kate Shackleton neun Romane veröffentlicht. Murder in the afternoon, erschienen 2011, ist die Nummer 3.

Der Start der nicht unkomplizierten Handlung wird auf der Rückseite des Einbands gut aufbereitet: „Young Harriet and her brother Austin have always been scared of the quarry where their stone mason father works. So when they find him dead on the cold ground, they scarper quick smart and look for some help. When help arrives, however, the quarry is deserted and there is no sign of the body. Were the children mistaken? Is their father not dead? (…) It seems like another unusual situation requiring the expertise of Kate Shackleton. But for Kate this is one case where surprising family ties make it her most dangerous – and delicate – yet…..“

Mit Zitaten am Anfang des Romans arbeitet Brody übrigens genauso gerne wie Winspear. Ihre passen aber noch viel besser zu dem, was dann folgt:
„Saturday
12 MAY, 1923
Great Applewick

Solomon Grundy,
Born on a Monday,
Christened on Tuesday,
Married on Wednesday,
Took ill on Thursday,
Grew worse on Friday,
Died on Saturday,
Buried on Sunday.
That was the end of Solomon Grundy.

Old rhyme.“

Eine  erfreuliche Entdeckung.

Leaving everything most loved. Jacqueline Winspear

Die Autorin, Jacqueline Winspear, Britin mit Wohnsitz in den USA, hochgelobt. Der Krimi, 2013 erschienen, spielt im England der 1930er Jahre. Die Detektivin, Maisie Dobbs, gefeiert als „a revelation“. Das Delikt, Mord an zwei Inderinnen in London, bietet das Potenzial, farbenfroh zu werden.

Da kann ja nicht mehr viel schiefgehen.

Neu-klassisch startet Winspear mit Zitaten, eines von Dante, eines von Kipling. Das dritte, von Beryl Markham, schafft gleich etwas Atmosphäre: „I have learnt that if you must leave a place that you have lived in and loved and where all your yesteryears are buried deep, leave it any way except a slow way, leave it the fastest way you can.“

Dann eine kurze Szene, eine Inderin geht an einem Geschäft vorbei in einer Gegend, wo normalerweise keine Inder zu finden sind. Die Engländer, die sie sehen, runzeln die Stirn.

Anschließend ist die Inderin tot, erschossen, aufgefunden treibend in einem Kanal von einer Gruppe spielender Kinder.

Gar nicht schlecht gemacht, Interesse wird geweckt, Spannung aufgebaut, ein Netz für einen guten Plot gewebt. Die historischen Details für die 30er Jahre sind da, nicht zu viele, nicht zu aufdringlich. Kein Kostümschinken.

Bemerkenswert, dass Winspear Versehrtheit zeigt. Viele der Charaktere leiden unter dem vergangenen ersten Weltkrieg. Einige sind psychisch angeschlagen, viele auch körperlich mit Narben, fehlenden Gliedmaßen, humpelnd. Vielleicht abgeschaut bei der australischen Phryne Fisher-Serie, vielleicht natürlich aber auch selbst erfunden.

Andererseits entsteht – bei mir – keine rechte Begeisterung, die Spannung flacht schnell ab, das Interesse an den Charakteren erlahmt, die Lösung ist nicht mehr lang erwartet. Vieles wirkt zu lang, besonders der Schluss, wo über Seiten hinweg auch der letzte lose Faden noch verwebt und verknotet wird.

Etliches ist mir auch zu platt psychologisierend; vor Allem in den Partien, in denen die Detektivin ihr kleines Team führt. Da wird das kleine Einmaleins der klassischen Führung à l‘ Anglaise lang ausgebreitet: Alle Entscheidungen beim Chef, die aber verständnisvoll darüber nachdenkt, was gerade in ihren Mitarbeitern vorgeht.

Vielleicht auch ein Faktor, dass Winspear zu viele Erzählhaltungen im Wechsel einnimmt, insbesondere den allwissenden Erzähler, der bis in die Seelen schaut, aber auch Ich-Erzählung, die allerdings seltsam in der dritten Person abgewickelt wird.

Ein verhaltenes „Kann man lesen“, mehr wird’s bei mir nicht. Und das Buch an Oxfam weitergegeben. Was irgendwie auch schade ist, denn da wäre mehr drin gewesen.

The Grantchester mysteries: Sidney Chambers and the forgiveness of sins. James Runcie

Die Verfilmungen sollen gut sein. Zumindest die Bilder von Grantchester, einem ausgesprochen pittoresken Dorf in der Nähe von Cambridge, werden gelobt. Die deutsch-synchronisierte Fassung dieser Grantchester Mysteries wird bestimmt nicht lange auf sich warten lassen, sind englische Krimi-Verfilmungen in Deutschland doch sehr beliebt.

James Runcie ist der Sohn des ehemaligen Erzbischofs von Canterbury. Das qualifiziert ihn zweifellos für einen Detektiv, der ein Canon der anglikanischen Kirche ist. Er wurde in Cambridge geboren. Da kann man dann auch kundig über Grantchester schreiben.

Dennoch, die Vorlage für die Filme ist – um nicht lange darum herum zu reden – ziemlich mies. Platt, langweilig, eintönig, wie in Eile und ohne Liebe geschrieben. Eher eine Skizze als ein Roman. Oder ein erster Versuch. Zumindest die paar Dutzend Seiten, die ich geschafft habe, bis ich mir ein anderes Buch gegriffen habe, sind so.
Vielleicht versteckt sich daher subtile Kritik hinter einem Satz einer Grantchester-Filmkritik im Guardian:
„Runcie spoke to the Observer in the kitchen of the village hall among left-over snacks and warm white wine.“

Wer so vernichtend sich äußert wie ich, sollte wenigstens einen Beleg anbringen. Hier ist er:
„The cello music stopped.
Keating knocked on the door and opened it without waiting for a reply. (…) Once they had explained themselves, Sophie Madara said: ‚I wondered when someone would come. It’s been a Long time.‘
‚You were reported as missing.‘
‚But I Wasn’t.‘
‚Nobody knew where you were.‘
‚I knew where I was. So did my parents. I have made no secret. Where is my husband?'“

Einzig gute Nachricht aus Perspektive dieses Bloggers: Cricket kommt wieder vor!

Death of an avid reader. Frances Brody

Das sind doch mal positive Überraschungen! Eine (relativ) neue Krimiautorin: Frances Brody – eine überzeugende Privatdetektivin: Kate Shackleton – geschrieben wie ein klassischer englischer Krimi – ohne den ewigen Psycho-Sex-Gewalt-Kram, den viele heutige Krimis anscheinend brauchen.

Frances Brody verlegt ihren Krimi in die zwanziger Jahre, macht daraus aber keine große Sache.
Sie kommt weitgehend aus, ohne historische Versatzstücke zu nennen, die das 20er Jahre Flair erzeugen sollen. Sie schreibt ausgesprochen flott. Offensichtlich macht es ihr großen Spaß zu erzählen, Spannung und Sympathie zu erzeugen, ihre Leser zu unterhalten. Der Plot (Mord in einer öffentlichen Bibliothek) ist gut gestrickt, nachvollziehbar und nur an wenigen Stellen von glücklichen Zufällen bestimmt. Erfreulich auch, dass die Polizei nicht dumm und dusselig sein muß, damit der Detektiv glänzt. Gute Dialoge, gute Beschreibungen von Stimmungen, Räumen, Personen. Überhaupt sind ihre Charaktere erfreulich abgerundet und eindrucksvoll.

Frances Brody startet mit einem Zitat von Richard Brinsley Sheridan:
„A circulating library in a town is as an evergreen tree of diabolical knowledge“.

Dann folgt ein Zeitungsartikel:
„In a momentous discovery, the Leeds Library on Commercial Street has added the finest of jewels to ist crown. Founded in 1768, this venerable Institution already houses Selby’s ornithology, rare and magnificent coloured plates of birds; the works of St Thomas Aquinas; an enviable collection of Reformation and Civil War pamphlets and two hundred and one volumes of the Encyclopédia Méthodique….“

Darauf ein Brief:
„22 October, 1925
Cavendish Square
London
Dear Mrs Shackleton
On a matter of delicacy, I pray you will meet me on Tuesday next. Knowing you are a member of the Cavendish Square Ladies‘ Club, I suggest we meet there.
Yours sincerely
Jane Coulton.“

Und damit ist die Szene gesetzt und der gesamte Plot vorbereitet.

Die Daily Mail vermerkt zu Frances Brody: „Has that indefinable talent of the born storyteller.“ Recht hat sie.

Murder must advertise. Dorothy L. Sayers

Nach „Gaudy Night“ also gleich wieder ein Detektivroman von Dorothy L. Sayers. Ort der Handlung: Kein College in Oxford, sondern eine Werbeagentur in London. Ein echter Krimi, also inklusive Mord, sogar mehrfach. Wermutstropfen: So gut wie kein ‚romantic interest‘.

Als Detektivroman ist „Murder must advertise“ bestimmt nicht toll. Die Auflösung des Falls kommt zu kurz, auch hat der Sayers-Standard-Detektiv Wimsey oft mehr Glück als Verstand, und so richtig kann man als Leser nicht auf den Täter kommen. ‚Not very sporting‘ also. Obendrein ist Wimsey etwas zu penetrant: Er kann alles, er weiß alles, alle sind begeistert, wenn sie ihn kennenlernen dürfen. Gutaussehend ist er natürlich auch…

Sehr lesenswert ist der Krimi wegen seiner sehr gelungenen Beschreibung  von Pym’s Publicity, der Londoner Werbeagentur mit ihren Klienten, mit den Textern, Graphikern, Produzenten inklusive der klassischen Teeversorgung im Büro. Das ist interessant und flott geschrieben, sogar amüsant.

Und „Murder must advertise“ ist ein Cricket-Roman zur Freude der England-Klischee-beladenen deutschen Leser. Ein ganzes Kapitel (in dem zum Schluss Wimsey sogar verhaftet wird) ist dem Cricket gewidmet und bietet Sayers eine wunderbare Gelegenheit, mit den relevanten Fachtermini dicke zu tun. Ein Beispiel für den Cricket-Kenner oder alternativ für hart gesottene Leser (und Leserinnen):
„The next ball was another of Simmonds‘ murderous short-pitched bumpers, and Lord Peter Wimsey, opening up wrathful shoulders, strode out of his crease like the spirit of vengeance and whacked it to the wide. The next he clouted to leg for three, nearly braining square-leg and so flummoxing deepfield that he flung it back wildly to the wrong end, giving the Pymmites a fourth for an overthrow. Mr Simmonds‘ last ball he treated with the contempt it deserved, snicking it as it whizzed past half a yard wide to leg and running a single.“

Wer endlich mehr über Cricket und dessen obskure Regeln wissen möchte, wird fündig für die einfache Variante bei Wikipedia in deutsch, für die anspruchsvollere bei Wikipedia in Englisch, und für das Komplettpaket inklusive Sahne (doppelt) beim Marylebone Cricket Club, der offiziell für die Laws (immer mit großem L!) of Cricket zuständig ist. Hier gibt’s auch eine passende App für den technisch arrivierten Cricket-Aficionado.

Also: „Murder must advertise“, vielleicht kein toller Krimi, aber allemal ein sehr gutes und interessantes Buch für all diejenigen, die mehr wissen wollen.
Als Verfilmung sehr dicht an der Vorlage die Version mit Ian Carmichael von 1973, nicht mehr taufrisch, aber als Klassiker immer noch zu haben

 

Gaudy Night. Dorothy L. Sayers

„Gaudy Night“ ist eine Detektiv-Geschichte ohne Mord. Ohne Verbrechen vielleicht auch, vielleicht nicht. Dies kommt auf den Standpunkt an.

Verbrechen in „Gaudy Night“

Die Detektiv-Geschichte spielt in einem College in Oxford. Hier gibt es eine ganze Reihe von unhaltbaren Vorkommnissen, die geeignet sind, den guten Ruf des Colleges nachhaltig zu beschädigen. Es gibt obszöne Zeichnungen, anonyme Briefe, eine durch Vandalismus zerstörte Bibliothek, zwei versuchte Selbsttötungen, einen versuchten Mord. Es kommen ebenfalls ein zerrissenes Buch und ein beschädigtes Manuskript vor und lichterloh brennende Gowns in einem College-Innenhof.

Beruf oder Liebe?

Was den Roman interessant macht, ist sein Hauptthema: die Beziehung zwischen beruflicher Erfüllung und Erfüllung in der Liebe, die Frage danach, ob für Frauen beides möglich ist oder diese sich entscheiden müssen. Eine sehr moderne Fragegestellung. Sayers bietet in ihrer Geschichte eine Fülle von interessanten Frauen-Figuren, die sich ganz unterschiedlich entschieden haben. Da gibt es zölibatäre Professorinnen, eine Akademikerin, die einen Bauern geheiratet hat, eine verwitwete Sekretärin, eine verheiratete Wissenschaftlerin, die ihre Kinder immer wieder bei ihren Eltern abgibt und viele, viele mehr. Durch die Haupt-Figur Harriet Vane vermittelt, stellt sich bei ihnen allen immer wieder neu die Frage danach, welche Frau in ihrem Leben glücklich ist und welche ihrer Entscheidungen hierzu beigetragen haben.

Universitäten vor dem 2. Weltkrieg

Dorothy Sayers zeichnet in ihrem 1935 erschienen Roman ein präzises Bild des damaligen Universitätslebens und seiner Relevanz für Frauen. 1935, nur 30 Jahre vor den Babyboomern der 1960er… Sehr empfehlenswert ist zu diesem Thema das Buch „Bluestockings“ von Jane Robinson; eine historische Analyse der Bildungschancen für Frauen in England.

Neben der Detektiv-Geschichte ist die zweite Klammer des Romans die Liebesgeschichte zwischen Lord Peter Wimsey und Harriet Vane. Aus Harriet Vanes Perspektive erzählt Sayers ihren Plot. Bekommen sich die beiden? Ist ein Kompromiss möglich zwischen Beruf und Liebe? Das soll an dieser Stelle nicht verraten werden.

Weitere Empfehlungen

In der deutschen Übersetzung lautet der Romantitel „Aufruhr in Oxford“. Empfehlenswert ist die Verfilmung von „Gaudy Night“ mit Harriet Walter und Edward Petherbridge in den Hauptrollen.

Weitere Empfehlungen: Krimi-Besprechungen; beste unbekannte Krimis.

Bertrams Hotel. Agatha Christie

Unter den über 60 Krimis von Agatha Christie – Kurzgeschichten nicht mitgezählt – gehört dieser meiner Meinung nach schon in das obere Drittel.

Bertrams Hotel erschien 1965 und gehört in die Reihe der Krimis mit Miss Marple. Ein klassischer Miss Marple ist er aber dennoch nicht, denn sie hat eher eine Nebenrolle: Die Polizei bekommt selber etwas auf die Reihe und löst den Fall im Wesentlichen selbst.

Sehr gelungen ist die Darstellung von Bertrams Hotel, das so intensiv und anschaulich beschrieben ist, das es fast wie eine der handelnden Personen wirkt. Bertrams ist ein Hotel der deutlich gehobenen Klasse, „quietly expensive“, wie ein Relikt aus der edwardianischen Zeit, mit Afternoon Tea und viel ausgezeichnetem Personal.

Die Handlung ist spannend, allerdings ein wenig reißerisch und die Auflösung kommt ein wenig plötzlich daher. Andererseits sind zwei der Hauptpersonen, Bess, Lady Sedgwick, eine Abenteurerin reinsten Wassers, die gerne gefährlich lebt, und ihre Tochter Elvira Blake, die als Apfel auch nicht weit vom Stamm fiel, wirklich ausgezeichnet ausgedacht.

Die Rezensionen nach dem Erscheinen waren nicht euphorisch. Der Observer schrieb: „A.C. is seldom at her best when she goes thrillerish on you. This one is a bit wild and far-fetched, but it’s got plenty of that phenomenal zest and makes a reasonably snug read.“

Snug read, indeed.
Besonders auf Italienisch, wenn die Übersetzung so gelungen ist wie die Maria Mammana Gislon bei Mondadori. Da profitiert der Wortschatz gleich mit. Die Formulierung „una persona acqua e sapone“ beispielsweise kannte ich vorher noch nicht.
Als Eindruck eine Passage zu den Sesseln im Bertrams:
„Le poltrone, sollevate sufficientemente da terra, permettevano alle signore artritiche di alzarsi in piedi senza doversi divincolare in modo tutt‘ altro che dignitoso. I sedili di queste poltrone, al contrario di tante altre moderne e costosissime, non si fermavano a mezza strada tra la coscia e il ginocchio, infliggendo così indicibili torture a chi soffre di artrite o di sciatica, e inoltre la loro forma era assai varia: ce n’erano di larghe e di strette, alcune con schienali diritti e altre con schienali inclinati, in modo da poter accogliere sia i magri che gli obesi. Persone di qualsiasi dimensione erano certe di trovare una comoda poltrona al Bertram Hotel.“

In jeder Hinsicht zu empfehlen ist auch die Verfilmung mit Joan Hickson als Miss Marple, die wir schon auf unserer Krimiseite lobend erwähnt haben (nicht jedoch die neueren Verfilmungen).

 

Murder on a Midsummer Night – A Phryne Fisher Mystery. Kerry Greenwood

Jung, reich, sexy und dann auch noch Detektivin. Das ist Phryne Fisher. Von ihrem Vater versehentlich statt nach einer Muse nach einer Hetäre benannt.

Das Versehens des Vaters hatte im Nachhinein seine Berechtigung, beschreibt eine Nebenfigur doch Phryne Fisher als eine Nymphomanin mit außergewöhnlicher Toleranz bei der Wahl ihrer Partner. Allerdings ist Pikanterie nicht alleiniges Merkmal der Fisher-Krimis. Es ist eher die Funktion eines Epos Australiens in Krimi-Form. Alle wesentlichen Themen der 1920er Jahre kommen vor in historisch korrekt recherchierter Weise: Tennis, Autorennen, Kleinflugzeuge, illegale Abtreibungen, Zirkus, Boxen, Varieté, Haute Couture, Frauenzeitschriften, Folgen des 1. Weltkriegs, Stummfilm ….

Trotz oder eher parallel zu diesen Themen bringt Greenwood die unterschiedlichsten Bevölkerungsgruppen und -schichten in ihren Detektivgeschichten zusammen: Einwanderer aus China, Italien und Russland, jüdische Gemeinden, Aborigines, adelige Briten, schwarze Amerikaner, Lords, Küchenmädchen, Taxifahrer, Ladenbesitzer, Nonnen und und und.

Es entsteht das Bild vom Schmelztiegel Australien. Australien als Land, das vielen unterschiedlichen Menschen zur Heimat wurde und diese Vielfalt als Reichtum erlebt. Berühungsängste oder Standesdünkel hat Phryne Fisher nie. Ihre Erschafferin zeichnet sie als eine wahrhaft demokratische Figur.

Seit der außerordentlich erfolgreichen Verfilmung der Phryne Fisher-Romane sind auch die Unterschiede zwischen Büchern und Filmepisoden interessant. Die Phryne Fisher der Filme ist sexuell zurückhaltender, der wichigste Polizist, Detective Inspector Jack Robinson, wird aufgewertet zu einer passablen zweiten Hauptfigur, so dass eine Liebesgeschichte möglich ist. Die Bücher sind narrativ vielschichtiger und beleuchten oft in großer Detailtiefe Aspekte der historischen Entwicklung Australiens.

Nur als Beispiel möchte ich aus der Cover-Beschreibung von „Murder on a Midsummer Night“ zitieren: „Melbourne, 1929. The year starts off for glamorous private investigator Phryne Fisher with a rather trying heat wave and more mysteries than you could prod a parasol at. (…) „I must say Jack, I have been in some awful company before – I have dined with torturers and Apaches and strict Plymouth Brethren and politicians – but I never met such vile company as those people. Each in his or her own way, they were frightful.““

Beide, Filme und Bücher, sind ein Vergnügen.

Hier gibt es weitere Anregungen zu den besten unbekannten Krimis.

Holy Disorders. Edmund Crispin

Spannung plus absurde Plots, intelligente Dialoge plus Action: das sind die Zutaten für ungewöhnlich gute Krimi-Unterhaltung. Oder: Diese ist die natürliche Konsequenz, wenn man einen Oxford-Don, Kirchenmusik, ein Schmetterlingsnetz und Schwarze Magie zusammenmischt.

Worum geht es? In einer historischen Kleinstadt werden Morde in der Kathedrale verübt. Professor Gervase Fen studiert vor Ort das Verhalten der Motten und bittet seinen Freund Geoffrey Vintner darum, die Gottesdienste in der Kathedrale auf der Orgel zu begleiten. Beide werden in einen wirren Plot verwickelt, in dem Spione und Drogen, Geistliche und Hexen ihre Rollen spielen…und auch noch ein Psychoanalytiker, der den Glauben an seinen Beruf verloren hat…

„He (Geoffrey Vintner) felt as unhappy as any man without pretension to the spirit of adventure might feel who has received a threatening letter accompanied by sufficient evidence to suggest that the threats contained in it will probably be carried out. (…) He groped in his coat pocket, pulled out a large, ancient revolver, and looked at it with that mixture of alarm and affection which dog-lovers bestow on a particularly ferocious animal.“

Crispin hat jedenfall eine Leidenschaft für viele, lange, mehrsilbige und oft ein wenig daneben liegende Adverben. Die Lektüre würde sich deshalb auch dann lohnen, wenn ihr gewünschtes Ziel nur die Verbesserung des eigenen englischen Wortschatzes wäre.

 

Und das sagt Crispin über sich selbst: „Edmund Crispin was born in 1921 of Scots-Irish parentage. (…) He has been a pianist, organist and conductor since the age of fourteen and was for two years an assistant master at a public school. He travelled a certain amount before the war, particularly in Germany, where he totally failed to prognosticate the subsequent course of events. Edmund Crispin’s real name is Bruce Montgomery, and he is a composer as well as a writer. His recreations are swimming, excessive smoking, Shakespeare, the operas of Wagner and Strauss, idleness, and cats. His antipathies are dogs, the French Film, the Renaissance of the British Film, psychoanalysis, the psychological-realistic crime story, and the contemporary theatre.“

Da weiß man doch, worauf man sich einläßt, oder?

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Mehr zu Edmund Crispin bei unseren Empfehlungen der besten unbekannten Krimis.
Hier gibt es weitere Krimis, die wir besprochen haben.
Lese-Empfehlungen zu Detektivgeschichten finden sich unter beste Bücher: Krimis.

The Seven Dials Mystery. Agatha Christie

In dieser Detektivgeschichte ist einiges los: Sieben Uhren ticken im Schlafzimmer eines jungen Mannes, der sich selbst getötet hat.

Sein Freund kann später sterbend nur noch „seven dials“ flüstern und so Jimmy Thesiger und Lady Eileen Brent auf die Spur eines zweifelhaften Nachtcubs in Soho führen… Außerdem kommen sieben Maskierte vor, die in einem versteckten Hinterzimmer planen, wissenschaftliche Forschungsergebnisse zu stehlen und den nächsten Mord zu begehen… oder ist alles doch ganz anders?

Ein äußerst interessanter Aspekt der Krimis von Christie aus den Goldenen Zwanziger besteht darin, dass sie die Möglichkeiten, Persönlichkeiten und Entwicklungen junger Frauen durchspielt. Hierbei gibt sie ihren Protagonistinnen verschiedene gesellschaftliche und soziale Positionen, die die Atmosphäre der 1920er Jahre gekonnt einfangen:

  • In „The Seven Dials Mystery“ (1929) ist die Hauptfigur die Tochter eines Lords: „Bundle’s temperament was certainly not inherited from her father, whose prevailing characteristic was a wholly amiable inertia. As Bill Eversleigh had very justly remarked, the grass never did grow under Bundle’s feet.“ Nach vielen Abenteuern, in denen sie großen Mut beweist, heiratet sie einen adligen jungen Mann.
  • „The Secret of Chimneys“ (1925) hat als weibliche Protagonistin eine Adlige, die schließlich Königin eines Balkan-Staats wird: „Virginia Revel was just twenty-seven. She was tall and of an exquisite slimness – indeed, a poem might have been written to her slimness.“
  • Im wunderbaren Krimi „The Man in the Brown Suit“ (1924), der viel von einer James-Bond-Story hat, spielt Anne Beddingfeld die Hauptrolle. Sie ist die verarmte Tochter eines Professors, die sich brennend nach Abenteuern sehnt: „I’d always longed for adventures. You see, my life had such a dreadful sameness. My father, Professor Beddingfeld, was one of England’s greatest living authorities on Primitive Man. (…) Papa did not care for modern man – even Neolithic Man he despised as a mere herder of cattle, and he did not rise to enthusiasm until he reached the Mausterian period. (…)  it fell to me to undertake the practical side of living. I hate Palaeolithic Man and I always reflected what a fortunate circumstance it was that they became extinct in remote Ages .“ Trotz der Heirat mit einem vermögenden Mann, wählt sie ein Leben außerhalb gesellschaftlicher Konventionen auf einer einsamen Insel in Afrika.
  • Eine einfache Frau aus dem Mittelstand, die viele Jahre eine alte Dame gepflegt hatte, kommt in „The Mystery of the Blue Train“ (1928) zu Geld und beginnt das Leben zu genießen. Obwohl sie über 30 Jahre alt ist, wird sie in spannende Abenteuer verwickelt: „Autumn, yes, it was autumn for her. She who had never known spring or summer, and would never know them now. Something she had lost never could be given to her again. These years of servitude in St. Mary Mead – and all the while life passing by.“

Immer wieder verblüffend ist der präzise Blick, den Christie auf ihre Zeitgenossen und deren Aktivitäten wirft. Sie fängt hierbei die Essenz einer Zeit ebenso ein, wie viele Details in Wortwahl, Gesprächsthemen und typischen Settings. Auch heute sind ihre Detektivgeschichten aus den 20er Jahren des letzten Jahrhunderts deshalb eine spannende, vergnügliche und informative Lektüre.

Hier geht es zu den besonderen Krimi-Tipps von Markus und Louisa.

Und hier finden sich andere Krimis, die wir besprochen haben.