Speedy Death. Gladys Mitchell

Mit Gladys Mitchell möchte ich heute eine zu Unrecht vergessene Krimi-Autorin besprechen. Aufmerksam wurde ich in einem alten Krimi-Exemplar auf den Titel „The Twenty-Third Man“ und die Beschreibung, dass plötzlich in einer Höhle voller Mumien eine zusätzliche Gestalt zu finden war…

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Mittlerweile habe ich von Mitchell außerdem „Speedy Death“, „Murder in the Snow“, „Spotted Hemlock“ und „Dead Men´s Morris“ gelesen. Gladys Michell ist eine Empfehlung wert.

Die Detektivin ist akademisch gebildet, intelligent, alt und hässlich

Mit „Speedy Death“ erschien 1929 Mitchells erster Krimi. Hierin sowie in allen folgenden 66 ist die Detektivin Mrs. Beatrice Adela Lestrange Bradley, eine Psychotherapeutin und –analytikerin, schwer intelligent so wie Hercule Poirot, außerdem alt und hässlich. Weiterhin war sie dreimal verheiratet und ist vermögend. Ihr Äußeres ähnelt einem Reptil, lächelnd wird sie zum grinsenden Alligator. Fast zeitgleich zu Agatha Christies Miss Marple hat Mrs. Lestrange Bradley doch ein ganz anderes Format…

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Dialog treibt die Geschichte voran

In Mitchells Detektiv-Geschichten sind beschreibende Passagen Mangelware. Was thematisiert wird, transportiert sich in den Gesprächen der Figuren. Auf zwei frei herausgegriffenen Buchseiten, sind dies die einzigen deskriptiven Bestandteile des Textes:

  • said Laura suddenly
  • said Laura, easily
  • asked Carey, who was visiting his aunt. Laura looked through him
  • Laura glanced down her suit
  • said Laura airily
  • retorted Laura
  • demanded Laura, looking haughty
  • said the secretary. A little taken aback, Laura remarked that she hoped so

Dies führt zu einer ungewohnten Art zu lesen, da die Aufmerksamkeit immer gespannt dem Gespräch der Personen lauschen muss. Sehr interessant konstruiert, finde ich.

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Gladys Mitchell schrieb jedes Jahr einen Krimi

Gladys Mitchell war eine englische Autorin, die auch unter den Pseudonymen Stephen Hockaby und Malcolm Torrie schreib. Sie wurde 1901 geboren und starb 1983. Nach dem Studium der Geschichte in London arbeitete sie als Lehrerin. Mitchell beschäftigte sich mit dem Werk von Siegmund Freud und interessierte sich für Hexerei. Mehr in Wikipedia (Englisch).

…und hier noch ein Audio über Gladys Mitchell und „Speedy Death“ .

Meine Bücher des Jahres 2018

Nach der Hitliste für 2017 jetzt zum zweiten Mal meine ganz persönliche Auswahl der besten, bewegendsten, überzeugendsten, beeindruckendsten Bücher, die ich im vergangenen Jahr gelesen habe.

Starten tue ich mit Dichtung:
Auch wenn ich das Buch noch nicht ganz fertig gelesen habe, hat sich die Classical Chinese poetry: An anthology von David Hinton bereits den Spitzenplatz gesichert. Hinton schafft es besser als die anderen Übersetzer, die ich bisher gelesen habe, klassische chinesische Gedichte so zu übertragen, dass man sie mit Gewinn und Genuß liest, ohne dass das wichtige Offene, Unbestimmte, Unklare, Ungesagte des chinesischen Originals dabei verloren geht. Die Gedichte bleiben bei Hinton letztlich chinesisch.
Ein Beispiel eines Zen-Buddhismus-affinen Dichters der Tang-Dynastie, der unter dem Namen „Kalter Berg“ läuft (aber bestimmt nicht so hieß, wenn es überhaupt eine einzelne Person gewesen ist):
„No one knows this
Mountain I inhabit:

Deep in white clouds,
Forever empty, silent.“

Ausführliche Besprechung folgt.

Nächste Kategorie, Sachbuch:
Mit Abstand vorne das neue Buch von Katrina van Grouw „Unnatural Selection“ über die Evolution domestizierter Tiere durch selektive Zucht. Klingt spröde, ist aber hoch-faszinierend, wenn einen Evolution auch nur ein wenig interessiert. Zusätzlicher Pluspunkt: Die wirklich exzellenten von der Autorin selbst gezeichneten Illustrationen.

Für mich eine wichtige Buchgattung, die Krimis:
Meine Entdeckung des Jahres war Josephine Tey, von der ich vorher noch nie etwas gehört hatte.  Unter all ihren Büchern für mich am Besten zwei davon, „The Franchise Affair“ und „Miss Pym disposes“. Tey hat sich getraut, ausgetretetene Krimi-Pfade zu verlassen, schreibt anspruchsvoll-belletristisch, bleibt dabei spannend und ist zum Glück nie brutal. Beide Krimis habe ich gar nicht besprochen, dafür aber einen dritten: „To love and be wise“.

Biographie?
Zwei Gewinner, weil beide ganz verschieden sind und jeweils ganz anders als andere Biographien.
Jonathan Spence hat mit „Emperor of China: Self-Portrait of K’ang-hsi“ eine als Autobiographie getarnte Biographie fast nur aus Originalzitaten Kangxis geschrieben und wirkt dabei völlig authentisch. Nicht zu vergessen: Kangxi ist ein überaus dankbares Subjekt dieser Biographie, ein differenzierter, nachdenklicher, intelligenter und selbstkritischer Mensch.
Christopher de Hamel dagegen hat gleich mehrere Biographien geschrieben, zwölf genau genommen, und zwar von mittelalterlichen Handschriften. Tolle Idee, toll umgesetzt. Der Titel: „Meetings with remarkable manuscripts“.

Und in der Belletristik?
Keine Überraschung hier, ein Literatur-Nobelpreisträger: Kazuo Ishiguros „The remains of the day“. Ganz großes vorsichtiges, subtiles, stilistisch und menschlich brillantes Kino.

Und das soll dann auch als Liste für dieses Mal reichen.

Bleiben die Fotos der glücklichen Gewinner:
David Hinton:
Translator David Hinton Takes on the I Ching | Books | Seven Days ...

Katrina van Grouw:
Unnatural Selection: An interview with Katrina van Grouw - Hoopoe ...

Josephine Tey:

Jonathan Spence:
Jonathan Spence Named 39th Jefferson Lecturer in the Humanities ...

Christopher de Hamel:
The Telegraph ~ Christopher de Hamel

Und Kazuo Ishiguro:
Kazuo Ishiguro wins Nobel Prize for Literature / Boing Boing

Viel Lesespaß in 2019!

 

Meetings with remarkable manuscripts. Christopher de Hamel

Man (= ich) bleibt etwas sprachlos zurück nach der Begegnung mit diesem Buch, sprachlos vor Staunen, vor Hochachtung, vor Begeisterung. Illuminierte Handschriften des Mittelalters sind das Thema, gut für Spezialisten in ihrer Lieblingsnische. Die verblüffende Nachricht dabei: Dieses Buch ist tatsächlich (fast) ein Bestseller.
Meetings with Remarkable Manuscripts' – Christopher de Hamel ...

Die erste Auflage kam 2016 auf den Markt, daher gibt es keinen Mangel an Rezensionen. De Hamel hat viele Preise für dieses Buch erhalten, von vielen Zeitungen und Literatur-Journalen wurde es zum History Book of the Year gekürt. Eine der für mich treffendsten Zusammenfassungen stammt von der Sunday Times: „I can’t think of many books that have brought the past to life with such learning, beauty and wonderfully boyish gusto.“
The rich are good, the poor are gluttonous? These images tell the ...

De Hamel – Paläograph und Experte für mittelalterliche Manuskripte – trifft zwölf Handschriften, die älteste aus dem 6. , die jüngste aus dem 16. Jahrhundert. Darunter ist eine, von der man auch als Tourist vielleicht schon gehört hat, nämlich das Book of Kells in Dublin. Die anderen – z.B. der Codex Amiatinus, das Stundenbuch der Jeanne von Navarra oder der Hengwrt Chaucer – sind wahrscheinlich bestenfalls Eingeweihten ein Begriff.
The Codex Amiatinus: the Earliest Surviving Complete Bible in the ...

„Treffen“ ist sehr wörtlich gemeint. De Hamel trifft alle Handschriften in den Bibliotheken, Museen, Sammlungen, in denen sie zur Zeit aufbewahrt werden, und er trifft sie quasi wie Persönlichkeiten. Wie er selbst sagt: „the chapters are not unlike a series of celebrity interviews.“ Wobei er – etwas traurig – hinzufügt, dass es heutzutage leichter sei, den Papst oder den Präsidenten der USA zu treffen, als mehr als eine Seite dieser Handschriften jemals zu sehen oder sie gar in die Hand nehmen zu können.

Er lässt die Handschriften reden (immerhin enthalten sie ja auch alle viel Text, und auch die Bilder können sprechen). Er erzählt ihre Biographie von der Entstehung über die wechselvollen Wanderjahre mit verschiedenen Besitzern bis hin zu ihrem aktuellen (Gesundheits-)Zustand. De Hamel bietet seinen Lesern die Möglichkeit, mit ihm gemeinsam diese Handschriften kennen- und schätzen zu lernen. Und alle sind sie schillernde Persönlichkeiten mit vielen Geheimnissen, eigenwilligen Charakteren, voller Individualität und Zauber.
Aratea: Making Pictures with Words in the 9th Century – The Public ...

De Hamels Buch ist ein gelehrtes Buch. Wie man Handschriften kollationiert kommt darin vor, ebenso wie diverse Schriftarten, genauso wie Überblicke über die Generations- und Herrschaftfolge diverser europäischer Adelshäuser.

Zugleich ist dieses Buch überaus nahbar und zugänglich. Man spürt auf jeder Seite die Begeisterung und Entdeckerfreude de Hamels. Seine Detektiv-Arbeit muss sich nicht verstecken vor der von William von Baskerville in Umberto Ecos „Name der Rose“. In bester britischer Tradition nimmt er sich (und andere) auch nicht immer so ernst, ist ironisch, lästerlich, zwischenmenschlich. Man hat also nicht nur das Vergnügen, mit de Hamel die Handschriften zu treffen, sondern darüber hinaus auch noch ihn selbst, mit und ohne weiße Handschuhe, die er in vielen Museen anziehen muss, um nichts zu beschädigen. Und quasi mit ihm an der Whisky-Schokolade zu knabbern, die ihm eine Aufseherin im Rare Books Reading Room in St. Petersburg zusteckt, als er auf seine Mittagspause verzichtet (nachteilige Effekte für Handschrift und Handschuhe sind nicht überliefert).
Who was Ethelburga? – Pathways to the Past

De Hamel zum Schluss seines Epilogs:
„Finally, I hope that these encounters have conveyed some sense of the thrill of the pursuit and the simple pleasure of meeting an original manuscript, and asking it questions and listening to its replies.“

Zwei Anmerkungen als PS:

  • Das Buch gibt es auch in deutscher Übersetzung mit einem Titel, der alles Understatement des englischen Originals beiseite lässt: „Pracht und Anmut – Begegnungen mit 12 herausragenden Handschriften des Mittelalters“.
  • Es gibt in diesem Blog eine kurze Seite zur Buch-Geschichte mit einem Verweis auf ein anderes außerordentlich gelungenes Buch von de Hamel.

Whisky für drei alte Damen oder Wer geht den hier am Stock? Minna Lindgren

Whisky für drei alte Damen oder Wer geht den hier am Stock? von Minna Lindgren

Whisky für drei alte Damen oder Wer geht hier am Stock?: Roman (Die Abendhain Romane, Band 2)

Der Titel ist einfach dämlich; der Untertitel auch. Die Übersetzung aus dem Finnischen offenbar auch.

Gibt es dennoch Gründe, das Buch zu lesen? Ja, die gibt es.

Gründe das Buch zu lesen

Es gibt mehrere Gründe, „Whisky für drei alte Damen“ zu lesen:

  1. Das Buch ist ein Senioren-Roman
  2. Es ist ohne Kitsch
  3. Es behandelt all die relevanten Themen des hohen Alters.

Themen des Buchs

Thematisiert werden einerseits organisatorische Fragen wie zum Beispiel, welche Möbel kommen mit ins Betreute Wohnen, ist der mitgenommene Schmuck sicher, wie kommt man vom Wohnheim in die Innenstadt, wer kommt zu Besuch, wo nimmt man Nahrung zu sich, wie können Tagesabläufe im hohen Alter aussehen.

Andererseits kommen auch die schwierigen Themen des Alters vor, und dies in nicht versüßter Form: Da gibt es die alte Dame, die ihren Mann darin unterstützen möchte, zu sterben. Vergesslichkeiten, Demenz und Krankheiten nehmen den Protagonisten die Spielräume. Fehlende Kraft, sich anzuziehen, aber auch Lust und Liebe im Alter kommen vor. Und auch, dass es keinen Grund mehr gibt, vormittags keinen Rotwein zu trinken.

Die Handlung von „Whisky für drei alte Damen“

Drei Damen und der im Altersheim angeheiratete Ehemann, Ex-Botschafter, fliehen aus ihrem Wohnheim, während dort umfangreich modernisiert wird. Sie ziehen gemeinsam in eine Wohnung und leben nun in einer WG.

„Hier sitzen wir ganz entspannt, umgeben von Toilettenbrillen. Zum Glück können die nicht noch erzählen, was sie alles gesehen haben. Ich denke, ich kann meine Brille erkennen. Bei mir war nämlich mal der Deckel zerbrochen, und ich habe einen neuen gekauft, nachdem die Heimleiterin mir erklärt hatte, dass ich einen schriftliche Bericht verfassen und einen Antrag an die Stiftung Pflege und Liebe für Senioren stellen müsse. Da ich keine Lust hatte, auf dieses Almosen zu warten, habe ich mir diesen lustigen, bunten ausgesucht.“

Es ist eine leichte Lektüre, ja. Aber nicht doof, wie der Titel suggeriert.

 

Wie ein Hauch im Wind. Josphine Tey

Über Titelübersetzungen hatte ich mich ja schon geäußert. Das Original von Josephine Tey: „To love and be wise“. Zugleich bin ich sehr überrascht, dass diese Autorin überhaupt übersetzt worden ist – ich hatte noch nie etwas über sie gehört, bis ich las, dass P.D. James von ihr viel gelernt habe.

Josephine Tey, *1896, †1952, war eine Theater- und Krimiautorin, beides unter Pseudonym. Ihr richtiger Name: Elizabeth Mackintosh. Sie zählt gemeinsam mit Agatha Christie, Dorothy L. Sayers, Ngaio Marsh zurecht zur Kategorie des „klassischen“ britischen Kriminalromans. Einer ihrer Krimis wurde einmal zum besten Kriminalroman aller Zeiten gekürt.

Zwischenzeitlich habe ich drei ihrer Krimis gelesen: „Miss Pym disposes“ („Tod im College“) von 1946, „The singing sands“ („Der singende Sand“) von 1952 und „To love and be wise“ von 1950. Für mich bisher die Krimi-Entdeckung des Jahres. Souveräner Stil, viel Humor, ordentlich Spannung. Genügend Selbstbewusstsein, um die Regeln des Krimischreibens nicht immer einhalten zu müssen. Ausgezeichnete, fein umrissene, glaubhafte und eindrückliche Charaktere. Dialoge auf den Punkt. Vielleicht hätte Jane Austen so Krimis geschrieben, wenn sie welche geschrieben und im 20. Jahrhundert gelebt hätte.

Der Beginn von „To love and be wise“:
„Grant paused with his foot on the lowest step, and listened to the shrieking from the floor above. As well as the shrieks there was a dull continuous roar; an elemental sound, like a forest fire or a river in spate. As his reluctant legs bore him upwards he arrived at the inevitable deduction: the party was being a success.“

Der San Francisco Chronicle: „Nobody can beat Miss Tey at characterisation or elegance of style: this novel’s a beauty.“

Stimmt.

Tod im weißen Häubchen. P.D. James

„Tod im weißen Häubchen“, was für eine peinliche Titelübersetzung….. Ob sich Krimis mit solchen eher spießig-dümmlichen Titeln tatsächlich im deutschsprachigen Raum besser verkaufen? Oder ob sich die Verlage für irgendetwas heimlich rächen wollen? Auf Englisch heißt dieser 1971 erschienene Roman von P.D. James „Shroud for a nightingale“ – „Leichentuch für eine Nachtigall“. Warum wäre das nicht gegangen?

Erstaunlicherweise hat sich dieser Blog, der ja durchaus viele Krimis und ihre Autoren bespricht, bisher nie mit P.D. (Phyllis Dorothy) James befasst. Dabei zählt sie, geboren 1920, gestorben 2014, zu den klassischen englischen Autoren klassischer englischer Krimis mit Fokus auf gut konstruiertem Plot, stimmigen Charakteren und echter Detektivarbeit, bei denen auch der Leser eine Chance hat, den Mörder/die Mörderin zu enttarnen. Wichtig für James: Sie hat sowohl für den britischen National Health Service als auch für das Innenministerium, Schwerpunkte Forensik und Polizeibehörde, gearbeitet. Diese Erfahrungen spiegeln sich immer wieder in ihren Romanen und lassen sie oft sehr authentisch wirken. Eine gute Darstellung über James‘ Leben und Werk findet sich – wie so oft – im britischen Guardian. Ebenfalls zu empfehlen der ausgezeichnete Nachruf im ebenfalls britischen Economist.

„Shroud for a nightingale“ ist einer der besten Krimis von James. Nicht nur ist der Plot wirklich ausgezeichnet konstruiert mit einer überraschenden Auflösung zum Schluss (auf die man aber hätte kommen können). Besonders bemerkenswert sind die Charaktere: Das gute Dutzend der Hauptpersonen wird sehr sorgfältig, stimmig und dreidimensional beschrieben. Alle, inkl. Täter/in werden als menschliche Personen greifbar und nachvollziehbar. Sogar die wörtliche Rede ist jeweils spezifisch auf den Charakter abgestimmt. Der Krimi ist spannend: wenn auch nicht so, dass man es nicht mehr aushalten kann. Er ist unheimlich: englischer Winter, Sturm, Nacht und Nebel. Und er ist ironisch: hochachtungsvolle Referenzerweisung ist offenbar nicht die Sache von James.

Ein Beispiel für den Stil von James:
„(…) Alderman Kealey looked as perky as a terrier. He was a ginger-haired, foxy little man, bandy as a jockey and wearing a plaid suit, the awfulness of its pattern emphasized by the excellence of its cut. It gave him an anthropomorphic appearance, like an animal in a child’s comic; and Dlagliesh almost expected himself shaking a paw.“
 

Wer’s noch nicht gelesen hat, sollte dies bald nachholen. Oder die gute Verfilmung von 1984 mit Roy Marsden als Adam Dalgliesh anschauen, die sich sehr eng ans Buch lehnt (mit Ausnahme von Marsden, der nicht recht an die Beschreibung des Ermittlers im Buch heranreicht….). Oder beides.

 

Beau death. Peter Lovesey

Noch recht frisch vom Druck – erschienen Ende 2017 – ist der neueste Krimi von Peter Lovesey, von dem wir schon einen früheren in diesem Blog besprochen haben. Wie alle seiner Reihe mit dem Polizei-Detektiv Peter Diamond spielt auch dieser in Bath. Alle wichtigen Sehenswürdigkeiten dürfen vorkommen. Vielleicht hilft’s dem Tourismus, vielleicht auch dem Autoren.

Sprachlich ist Lovesey ja überhaupt nicht mein Fall. Besser als Ann Cleeves, natürlich, aber schon deutlich unprätentiös, fokussiert auf Worte, die mit ein oder zwei Silben auskommen, umgangssprachlich, wenig Nebensätze, ein deutlicher Hang zum Offensichtlichen.

Trotzdem – ich lese ihn immer wieder, da seine Plots wirklich ausgezeichnet konstruiert und gekonnt umgesetzt sind. Dies gilt auch, vielleicht sogar ganz besonders für „Beau death“, der darüber hinaus auch noch eine gut verdauliche Auffrischung in Geschichte der Stadt Bath mitliefert, da Beau Nash, Chef alles Eleganten im Bath des 18. Jahrhunderts, nicht nur als Namensgeber dieses Krimis mitspielt. Ein anderer Rezensent schreibt: „The plot is one of Lovesey’s cleverest, and the book is full of his trademark wry humor.“

Die Aufmachung Nashs sollte man sich übrigens merken. Dann hat man zumindest am Anfang des Buchs einen Vorsprung.

Gut gefällt mir auch, dass man als Leser/in entsprechend der alten Krimi-Tradition alle Chancen hat, auf den Täter/die Täterin zu kommen. Alle Hinweise werden geteilt, nichts wird verheimlicht, man ist immer auf Augenhöhe. Es gibt noch nicht einmal viele Verdächtige. Trotzdem lag ich daneben….

Also: Sehr guter Plot, flott zu lesen, nicht brutal (wie ich vergessen hatte zu erwähnen), spannend, mit (für mich) überraschendem Ende – eine klare Empfehlung.

Vielleicht sollten wir Lovesey doch gelegentlich bei unseren empfohlenen unbekannten Krimi-Autoren ergänzen.

Gaudy night. Dorothy L. Sayers

Ein Novum in diesem Blog, passend zum Beginn eines neuen Jahres: Das erste Mal, dass wir ein Buch das zweite Mal besprechen. „Gaudy night“ von Dorothy L. Sayers ist allerdings auch ein Roman – oder vielleicht doch nur ein Krimi? -, der diese Aufmerksamkeit rechtfertigt.

Vorweg
Ich bin bestimmt kein eingefleischter Fan von Sayers. In der Tendenz finde ich

  • ihre Romane zu lang für den Plot
  • die Autorin zu sehr darauf erpicht, deutlich zu machen, wie gebildet sie ist
  • und die Zitate, die sie gerne an den Kapitelanfang stellt, irgendwie erstaunlich ungeeignet.

Alles trifft auch auf „Gaudy night“ zu.

Aber dennoch
… ertappe ich mich dann doch immer wieder dabei, einen dieser Romane zu lesen. Mir gefällt schon, dass die Autorin sehr gut mit Sprache umgehen kann und dies offenkundig genießt. Auch sind ihre Charaktere erfreulich mehrschichtig, tiefgründig, vieldimensional. Zusätzlich geht Sayers so emanzipiert mit allen traditionellen Krimi-Rezepten um, dass sie ganz neue Perspektiven für diese damals (und heute) als un-literarisch verrufene Gattung auftut.

Vor allem unterstellt Sayers ihren Leserinnen und Lesern, dass sie mit komplexer Sprache, komplexen Gesprächen und Überlegungen, komplexer Handlung und komplexen Personen umgehen wollen und können. Sayers unterstellt eine intelligente und aufgeklärte Leserschaft. Und das schmeichelt einem dann ja doch ein wenig, wenn man sich ins erste Kapitel stürzt.

Und „Gaudy night“ an sich?
Ein Krimi ist dieser Roman wirklich nur am Rande und zwischendurch. Viel eher handelt es sich um eine Liebesgeschichte. Oder alternativ ein differenziertes, nuanciertes Werk darüber, ob akademische Bildung und ein akademischer Beruf etwas für Frauen sind.

Darin enthalten auch Dichtung, genau in der Mitte des Romans ein kurzes Sonett:
„Here, then, at home, by no more storms distrest,
Folding laborious hands we sit, wings furled;
Here in close perfume lies the rose-leaf curled,
Here the sun stands and knows not east nor west,
Here no tide runs; we have come, last and best,
From the wide zone through dizzying circles hurled,
To that still centre where the spinning world
Sleeps on its axis, to the heart of rest.“

Und Abhandlungen, zum Beispiel über die männliche Hemdbrust traditionellen Stils:
„‚Hard-boiled or soft-boiled?‘
‚Hard, I think.‘
This question had no reference to Dr. Threep’s politics or economics, but only to his shirt-front. Harriet and the Dean had begun to collect shirt-fronts. Miss Chilperic’s ‚young man‘ had started the collection. He was extremely tall and thin and rather hollow-chested; by way of emphasising this latter defect, he always wore a soft pleated dress-shirt, which made him look (…) like the scooped-out rind of a melon. By way of contrast, there had been an eminent and ample professor of chemistry (…) who had turned up in a front of extreme rigidity, which stood out before him like the chest of a pouter pigeon (…). A third variety of shirt fairly common among the learned was that which escaped from the centre stud and gaped in the middle; and one never-to-be-forgotten happy day a popular poet had arrived (…) whereby, at every gesticulation (and he had used a great many) his waistcoat had leapt in the air allowing a line of shirt, adorned with a little tab, to peep out, rabbit-like, over the waistline of the confining trouser. On this occasion, Harriet and the Dean had disgraced themselves badly.“

Insgesamt
… sollte man dieses Buch tatsächlich gelesen haben, und sei’s in Übersetzung.

The Affair of the Bloodstained Egg Cosy. James Anderson

Klassischer englischer Detektiv-Roman in 20er-Jahre-Setting und ganz klar eine Country-House-Mystery: „It always gave Jane a kind of thrill to tip the guard and loftily instruct him to have the train stopped at Alderly Halt. It seemed so delightfully feudal and anachronistic.”

Worum geht es?

Ein Diamant-Halsband wird gestohlen, aus zwei Pistolen werden vier und die Leiche landet im Teich. Gäste sind Mitglieder der Aristokratie, Undercover-Spione, eine umwerfend schöne Baronin, ein Juwelendieb und ein texanischer Multimillionär samt Frau. Als Inspektor Wilkens den Landsitz erreicht, um den Mord aufzuklären, verströmt er keinen Optimismus: „Don´t expect me to solve anything.“

James Anderson hat seine Detektiv-Geschichten seit 1975 veröffentlicht. Neben „The Affair of the Bloodstained Egg Cosy“ gibt es mit gleichem Setting in Alderly, Sitz von Lord and Countess of Burford, noch diese beiden Krimis, die ebenso erfreulich sind:

  • „The Affair of the Mutilated Mink“
  • “The Affair of the 39 Cufflinks”

“But Lavinia, I don´t want people staying here”, said the Earl. (…) “This is quite different. These people are family, not spies and jewel thieves and blackmailers and film stars. And when one occupies an historic house such as Alderly, one cannot shut its doors because of a few unfortunate incidents.”

Perfektes 20er-Jahre-Setting

Anderson verwendet ganz offensichtlich als Inspiration und Vorlage für seine Detektiv-Geschichten die Romane von Agatha Christie. Sprachlich wie inhaltlich habe ich den Eindruck, als würde er fast Christies „The Secret of Chimneys“ zitieren. Auf diese Weise wirken die Geschichten von Anderson sehr authentisch. Sie sind gut gemacht. Auf der negativen Seite steht eine etwas konstruierte Wirkung: Charaktere und Details der Plots machen schon den Eindruck, als seien sie nach einem bestimmten Schema geschrieben worden.

Für alle Fans des klassischen englischen Detektiv-Romans in der Form der Wochenend-Landsitz-Geschichte kann ich diese Krimis wärmstens empfehlen:

  • Agatha Christie „The Secret of Chimneys“
  • Agatha Christie “After the Funeral”
  • Ngaio Marsh “A Man lay Dead”
  • Ngaio Marsh “Tied up in Tinsel”

Unsere Empfehlungen zu den besten Krimis sind hier und alle Krimis, die wir bereits besprochen haben finden sich hier…

Meine Bücher des Jahres 2017

Andere Medien machen das ja auch: Listen erstellen zum Ende eines Jahres. Das lässt sich auf Halde produzieren, so dass man an und zwischen den Feiertagen nicht arbeiten muss oder zumindest nicht in Stress gerät.

Diese Liste ist anders. Sie lag nicht auf Halde, sondern wird jetzt in diesem Moment gerade frisch produziert. Außerdem ist sie kurz.

Meine Bücher des Jahres 2017 also.

Mit Abstand an der Spitze ein echter Außenseiter:

  • Der „Tractatus theologico-politicus“ von Baruch Spinoza.
    Auch im Rückblick mehrerer Monate bin ich immer noch beeindruckt von der Intelligenz, Unbestechlichkeit und dem Mut des Autoren. Finden seine Thesen höchst bemerkenswert und zum großen Teil sehr relevant für die heutige Zeit. Und bin fasziniert von der Klarheit seiner Sprache und Argumentation.
    Ergänzend hierzu – als Starter oder Abrunder – das Buch über dieses Buch von Nadler über „A book forged in hell
  • The most perfect thing: inside (and outside) a bird’s egg“ von Tim Birkhead
    Mein Sachbuch des Jahres. Viel Erstaunliches und Wissenswertes über etwas völlig Alltägliches: Das Vogel-Ei. Flott geschrieben von einem Experten.
  • Death of an avid reader“ von Frances Brody
    Meine Krimi-Entdeckung des Jahres. Zwar sind die neuesten ihrer Bücher nicht mehr ganz so gut – wahrscheinlich ist der Zeitdruck zu groß? – aber spannend, intelligent geschrieben, klassischer-Krimi-formatiert sind sie alle. Und im Unterschied zu vielen anderen thematisiert diese Autorin, ohne damit zu einer Problem-Schriftstellerin zu werden, auch die traumatisierten Folgen eines Weltkriegs.
  • The caravanersvon Elizabeth von Arnim
    Ein echter Klassiker, wirklich allerbeste Unterhaltungsliteratur mit tiefen Einsichten über den deutschen männlichen Charakter.
  • One crimson thread von Mícheál Ó Siadhail
    Jetzt muss ich etwas schummeln, denn diesen Gedichtband habe ich bereits 2016 gelesen. Ich finde aber, dass er auch für 2017 seine Spitzenposition auf meiner Liste verdient. Sehr berührend. Großartig geschrieben.

Die Autoren im Überblick:


Ein frohes neues Bücherjahr!