Jane Austen at Home. Lucy Worsley

Diese neue Biografie zu Jane Austen nimmt ihr Alltagsleben in den Fokus.

 

Wie haben Frauen um 1800 gelebt, wenn sie sich zur besseren Gesellschaft zugehörig fühlten, das Geld aber nicht hatten, um einen entsprechenden Lebensstil zu pflegen? Wie war das Leben zu einer Zeit, in der äußere Details ganz genau für alle nachvollziehbar zeigten, wie gut oder schlecht es um die eigenen finanziellen Verhältnisse aussah? Hierbei gelingt es Worsley, Jane Austens Leben über die Distanz von 200 Jahren verständlich zu machen, ohne diese Distanz naiv zu übersehen.

„While I´ll try to put Jane back into her social class and time, I must admit that I also write as a signed-up „Janeite“(…). Jane´s passage through life, so smooth on the surface, seems sharply marked by closed doors, routes she could not take, choices she could not make.”

Unverheiratete Frau ohne eigenes Einkommen

Jane Austen entschied sich, nicht zu heiraten. Warum? Angebote hatte sie. Worsley beschreibt, wie Austen im eigenen unmittelbaren Umfeld immer wieder sah, wie verheiratete Frauen ein Kind nach dem anderen bekamen, viele von ihnen während einer dieser Geburten starben. Heiraten, so deutet Worsley an, war weit davon entfernt, eine glückliche finanzielle Absicherung zu sein: Der Preis konnte extreme körperliche Belastung sein oder der Tod.

Als unverheiratete Frau ohne ausreichendes eigenes Auskommen war Austen Zeit ihres Lebens von Entscheidungen anderer abhängig und davon, dass Verwandte bereit waren, ihren Lebensunterhalt zu bezahlen. Unabhängigkeit war unter diesen Rahmenbedingungen nicht möglich, Spielräume waren klein. Und es musste um sie gerungen werden. Eine Konsequenz bestand für Austen darin, in mehreren Phasen ihres Lebens kein Zuhause zu haben. So wird nachvollziehbar, warum das fehlende Zuhause, Verlust und Sehnsucht nach einem eigenen Zuhause in ihrem Werk an vielen Stellen thematisiert wird.

Alltagsleben – alltägliche Lebensumstände

Die Autorin zeigt die alltäglichen Umstände im Leben von Jane Austen und spürt mit detektivischem Sinn der Frage nach, wie es der Schriftstellerin möglich war, neben all den Pflichten als Tochter, Schwester, Tante überhaupt zu schreiben. Sie malt das Bild einer entschlossenen, oft bissigen Frau, einer ausgezeichneten Beobachterin, die durch ihren Vater stark gefördert wurde. Deren Verwandtschaft sie schätzte, jedoch nicht recht einsehen mochte, eine Schriftstellerin in ihren Reihen zu haben, deren Werke ein außerordentliches Niveau hatten.

„A sad life, a life of struggle, is at odds with the first impressions given by her books: of a country parsonage on a sunny morning, with roses round the door, a spirited heroine about to meet her life-partner, a fresh romance about to unfold…”.

Bildergebnis für Lucy Worsley

Die Historikerin Lucy Worsley veröffentlichte außerdem: “Cavalier – The Story of a Seventeenth Century Playboy”, “Courtiers – The Secret History of Kensington Palace”, “If Walls Could Talk – An Intimate History of Your Home” und “A very British Murder” sowie die Romane “Eliza Rose” und “My Name is Victoria”.

Diese anderen Bücher zu Jane Austen haben wir bereits in Buch und Sofa besprochen…

Enid Blyton: A biography. Barbara Stoney

Wer seit den 60er Jahren des vergangenen Jahrhunderts aufgewachsen ist und in seiner Kindheit oder Jugend Bücher gelesen hat, kennt Enid Blyton. Was für eine Erfolgsgeschichte, wenn man bedenkt, wie sehr sich die Welt seit damals verändert hat: Enid Blyton ist geblieben, fast zeitlos, letztlich klassisch, die Essenz von Kinder- und Jugendbüchern.

Fünf Freunde, die Abenteuer-Serie, Hanni und Nanni, Die schwarze Sieben – alles von Enid Blyton. Mehr als 750 Bücher und noch viel mehr Kurzgeschichten, über 600 Millionen verkaufte Bücher weltweit, in über 40 Sprachen.

Lohnt sich eine Biographie über eine Person, die ja allein wegen des Umfangs ihres Werks kaum Zeit gehabt haben kann, um anderes zu tun als zu schreiben?

Barbara Stoney hat sich jedenfalls ans Werk gemacht. 1974 erschien die Biographie, die von Enid Blytons Nachkommen in den Rang einer „offiziellen“ Biographie gehievt wurde. Immer wieder neu aufgelegt bekommt sie regelmäßig bessere Rezensionen als andere biographische Werke über Blyton wie „Looking for Enid: The mysterious and inventive life of Enid Blyton“ von Duncan McLaren oder Paula Whitesides „Enid Blyton: Biography of the author behind Noddy, The Famous Five, and The secret seven“.

 

Herausgekommen ist ein seltsames Buch.

Das Leben von Enid Blyton lässt sich tatsächlich recht schnell erzählen. Geboren 1897 als älteste von drei Geschwistern – der für sie und ihre Interessen verständnisvolle Vater verließ die Familie, als sie 13 war – die Mutter ihr immer fern; Enid brach den Kontakt mit 19 ab – Ausbildung zur Kindergärtnerin und Vorschullehrerin – erste Heirat 1924 mit zwei Kindern – Scheidung und erneute Heirat 1942 – Alzheimer-Erkrankung in der 60er Jahren – Tod 1968. So gut wie nie im Ausland. Begrenzte Kontakte in die Gesellschaft. Aber sehr sehr viele Kontakte mit Kindern und Jugendlichen. Und immer hat sie geschrieben, handschriftlich, später auf einer Schreibmaschine, zu geregelten Zeiten, fast jeden Tag. Und hat bei den Kindern und Jugendlichen gefragt, wie sie ihre Texte finden. Und so wurden ihre Bücher, Geschichten, Gedichte für ihre Zielgruppe immer besser.

Das erklärt natürlich nicht, warum ich die Biographie „seltsam“ finde. Seltsam deshalb, weil Stoney rein deskriptiv bleibt. Sie erzählt rein chronologisch. Sie benennt die Fakten und die Quellen. Sie beschönigt nichts. Aber sie reflektiert auch nirgends, ordnet nichts ein in den größeren Kontext der Gesellschaft und Kultur, in der Blyton lebte. Damit bleibt Blyton aber leider auch eigentümlich ungewürdigt, etwas farblos, etwas flach.

Und das ist für eine Autorin, die auch Mädchen in der damaligen Zeit aktive, selbstbestimmte Rollen gegönnt hat (George/Georgina in den fünf Freunden, Dina in der Abenteuer-Reihe!) doch ein Verlust. Da hätte sie eine anspruchsvollerer Biographin verdient gehabt.

Auch heute ist sie übrigens aktuell wie nie. Ihre letzte Neuerscheinung:
„Five on Brexit Island“, erschienen 2016, geschrieben allerdings von Bruno Vincent für Erwachsene.

Shared Lives – Growing up in 50s Cape Town. Lyndall Gordon

Ein Buch über Südafrika, über junge Frauen, über Möglichkeiten zu leben und über den Umgang mit Erinnerung… „Shared Lives – Growing up in 50s Cape Town“ von Lyndall Gordon ist ein  Buch zwischen Geplauder und Tragik.

Bildergebnis für Shared Lives - Growing up in 50s Cape Town. Lyndall Gordon

Worum geht es in „Shared Lives“?

Es geht um die Geschichte einer Gruppe junger Mädchen, die im Kapstadt der 50er Jahre aufwuchsen. Und im Hintergrund wie eine Kulisse, vor der sich das Leben der jungen Frauen abspielt, steht die Apartheitspolitik und stehen die Werte der jüdischen Gemeinde in Kapstadt.

Lyndall Gordon fragt sich und ihre Protagonistinnen, wie es für diese jungen Frauen wohl möglich sein kann, eigene Entscheidungen für das eigene Leben zu treffen, wenn andere – die weiße Gesellschaftsschicht, die jüdische Gemeinde, die eigenen Eltern , die Schulkameradinnen – nachdrücklich darauf bestehen, bereits zu wissen, wie diese Entscheidungen getroffen werden müssen. Früh heiraten ist eine dieser scheinbar selbstverständlichen bereits getroffenen Lebensentscheidungen.

Bildergebnis für Lyndall Gordon

Wie erzält Lyndall Gordon dies?

Die Autorin verwendet eigene Erinnerungen, persönliche Tagebuchaufzeichnungen, Briefe der Freundinnen, Berichte von Ehemännern, Freunden, Dienstmädchen, Tanten, Müttern. Mit Hilfe dieser Bausteine erzählt sie chronologisch und kommt zum Ende des Buchs im Heute an.

Die so erzielte Erzählweise nutzt viele Perspektiven, führt handelnde Personen oft nur mit wenigen Charakterisierungen ein.

„As late as 1965, to become aware of the persistence of a life of one´s own was to be spoilt. This was the judgement of Uncle Louis in his deck-chair at Muizenberg. Uncle Louis said how much I had let myself go. A wife should not lose interest in her appearance.“

Diese Erzählweise spiegelt außerdem die zweite inhaltliche Frage Gordons: wie kann ein Mensch beschrieben werden, wie seine/ihre Motive, wie ist eine „wahre“ biografische Annäherung möglich? Und was bleibt von einem faszinierenden Menschen nach dem Tod? Woran kann die Erinnerung sich halten, womit festhalten, was diesen Menschen ausgemacht hat?

„We paused to look through the mist at the slow-moving river. I thought: I´ve become a listener to women and am learning something about their lives.“

Gordon, die Expertin für Biografien

Ihre hochkomplexen Methoden, sich dem Leben berühmter Schriftstellerinnen und Schriftsteller anzunähern, verwendet die Autorin nun für das Leben der Freundinnen und die eigene Erinnerung. Diesmal geht es nicht um Viginia Woolf oder Henry James, deren Biografien Gordon einige Berühmtheit gebracht haben. In „Shared Lives“ stehen erwachsen werdende Frauen aus Südafrika im Zentrum sowie deren Versuche, selbst bestimmte oder wenigstens erfüllte Lebenswege zu gehen.

Bildergebnis für Lyndall Gordon

Zitat aus Wikipedia: Born in Cape Town, Lyndall Gordon was an undergraduate at the University of Cape Town, then a doctoral student at Columbia University in New York City. Gordon is the author of Eliot’s Early Years (1977), which won the British Academy’s Rose Mary Crawshay Prize;[3] Virginia Woolf: A Writer’s Life (1984), which won the James Tait Black Memorial Prize; Charlotte Brontë: A Passionate Life (1994), winner of the Cheltenham Prize for Literature; and Vindication: A Life of Mary Wollstonecraft, shortlisted for the BBC Four Samuel Johnson Prize. Her most recent publication is Lives Like Loaded Guns: Emily Dickinson and her Family’s Feuds (2010), which has overturned the established assumptions about the poet’s life.

Zu Südafrika haben wir auch ein Buch über Kap-holländische Häuser besprochen sowie eines über die Kolonial-Geschichte Südafrikas.

Martin Luther: Rebell in einer Zeit des Umbruchs. Heinz Schilling

Wie zwischenzeitlich fast jeder in Deutschland mitbekommen hat, feiert die Reformation in diesem Jahr einen runden Geburtstag, und zwar Nummer 500.

Diejenigen, die nicht in Thüringen wohnen und an denen dies bisher vorüberging, haben Ende Oktober die Chance, es auch noch zu merken: Auch in den anderen Bundesländern ist der Reformationstag dieses Mal gesetzlicher Feiertag. Über Martin Luther zu sprechen, ist also aktuell.

Das Buch, das ich heute bespreche, ist dagegen nicht mehr ganz taufrisch. Seine erste Auflage hat es bereits 2012 erlebt. Der Autor ist damit unverdächtig, aus dem Jubiläum Kapital schlagen zu wollen. Vielversprechend.

Gute Sachbücher kann man oft an der Anzahl der Auflagen erkennen. Vier bis zum Jubeljahr. Und die Jubel-Sonderausgabe 2017 auch schon in zweiter Auflage. Aktueller Amazon-Bestseller-Rang: Platz 5049. Sehr achtsam.

Der Autor Heinz Schilling ist ein Fachmann, Historiker mit kirchengeschichtlichen Interessen, zuletzt Professor an der Humboldt-Universität in Berlin. Ein Autor also, der weiß, wovon er schreibt. Sehr schön.

Das Drumherum des Buchs räumt also summa summarum die volle Punktzahl ab.

Und das Buch selbst?

644 Seiten. Die Schrift – Martin Luther profitierte ja von der neuen Möglichkeiten des Buchdrucks – in Schriftart und –größe gut lesbar.

Gut lesbar ist auch der Stil, den Schilling verwendet. Seine Sätze haben eine vernünftige, handhabbare Länge. Fremdworte kommen natürlich vor, aber er kommt auch ohne aus. Schilling muss nicht beweisen, dass er ein toller Wissenschaftler ist. Er möchte anscheinend lieber verstanden werden.

Das legt den Verdacht nahe, Schilling könnte vielleicht gerne die Dinge vereinfachen. Tut er aber nicht. Im Gegenteil, es ist Schilling offensichtlich ein großes Vergnügen, Sachverhalte in ihrer Vielschichtigkeit und Komplexität zu betrachten und nuanciert verständlich zu machen. Große Historiker-Kunst, die er sehr gut beherrscht. Dies fand im Übrigen auch die FAZ in ihrer Rezension von 2012: „(…) der Autor zeigt, wie komplex damals das Feld der unterschiedlichen Kraftvektoren war, der Überlagerungen und überraschenden Verstärkungen, der konkurrierenden Persönlichkeiten, der Strukturen und religiösen Mentalitäten, die dann letztlich zu einem historischen Umbruch namens Reformation geführt haben.“

Damit ist es geradezu selbstverständlich, dass Schilling nicht nur Luthers Biographie, sondern auch seine Epoche beschreibt, politisch, kulturell, religionsgeschichtlich. Auch der Person Luthers gönnt er ihre Vielschichtigkeit, ihre Brüche.

Und da wird zum Beispiel sehr schnell deutlich, wie verwurzelt in der spätmittelalterlichen Kirche  Luther gewesen ist. Ein Zitat:

„Wie seine Zeitgenossen war er davon überzeugt, dass sich das ewige Seelenheil durch aktive Leistungen des Menschen gewinnen ließe – durch gute Werke oder strenge, wie man meinte, gottgefällige Lebensweise in gebet, Buße, Selbstgeißelung. Mit seinem Eintritt ins Kloster vertraute auch er sich dieser verbreiteten Leistungsfrömmigkeit an. Indem er als Mönch wie kaum ein zweiter Leistung auf Leistung häufte und dennoch seines Heils nicht gewiss werden konnte, legte er selbst den Boden für jenen weltgeschichtlichen Paradigmenwechsel in der Anthropologie der Frömmigkeit, die von der mittelalterlichen Leistungs- zur Gnadenfrömmigkeit des neuzeitlichen Protestantismus führte.“

Und weiter: „… so war der Reformator Martin Luther zu Beginn seines religiösen Lebens nicht Kritiker, sondern besonders pflichtbewusstes Glied der spätmittelalterlichen Kirche. Ihre Leistungsfrömmigkeit und Heiligenverehrung war ihm ebenso wenig Stein des Anstoßes wie das Papsttum und die weit verästelte Hierarchie, über die der römische Pontifex in einem monarchistischen Absolutismus herrschte. Im Gegenteil, sein Problem war, dass er die vielen Leistungsangebote dieser Kirche besonders ernst nahm und daher umso tiefer verzweifelte, wenn sie ihm nicht die existentiell verlangte Errettung brachten und allenfalls wie Trostpflästerchen wirkten.“

Bemerkenswert, wie Schilling auch diplomatischen Finessen ins rechte Licht rückt. Vielleicht hat sich der eine oder andere gefragt, warum Luther trotz der Reichs-Acht, unter der er durch das Wormser Edikt stand – er war damit ja vogelfrei, quasi zum Abschuss freigegeben – nach seinem Aufenthalt auf der Wartburg in Sachsen so munter aktiv sein konnte.

Dazu Schilling: „Es ist sehr wahrscheinlich, dass es zwischen der Habsburgerregierung und Kursachsen eine geheime oder doch stillschweigende Übereinkunft gab, das Äußerste zu verhindern. Jedenfalls wurde das Edikt dem sächsischen Kurfürsten nie offiziell zugestellt und besaß demzufolge in seinen Territorien keine Reichskraft.“

Und dann ist da noch die Sache mit den Namen. Ich wusste zum Beispiel nicht, dass Luther das Wort „lutherisch“ nicht mochte, da er nicht zu einer Art Heiligem werden wollte. Schilling: „Seine Haltung ist emphatisch universell: ‚Ich bin und will kein Meister sein. Ich habe mit der Gemeinde die einzige, allgemeine Lehre Christi, der allein unser Meister ist.‘ Das war auch eine Abwehr gegen die bereits von Eck aufgebrachte abwertende Charakterisierung der evangelischen Bewegung als „lutherisch“, so wie die verwandte Vorgängerbewegung in Böhmen als „hussitisch“ deklassiert worden war. Die Vertreter der evangelischen Kirchen sind dem Reformator gefolgt und haben stets die Selbstbezeichnung als „Lutheraner“ abgelehnt – bis im Zuge der Konfessionalisierung in der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts die in der Konkordienformel 1577 geeinte Orthodoxie sich stolz „lutherisch“ nannte, um damit den Besitz der nunmehr gesicherten reinen Lehre des Reformators anzuzeigen.“

Und ich hatte nicht gewusst, dass Luther sich erst seit 1512 oder 1517 „Luther“ nannte. Vorher unterschrieb er immer als Martin Luder. Wobei ich vermute, dass sich an der Aussprache des Nachnamens im Kursächsischen dadurch nichts änderte.

Heißt alles in allem?

  • Wer sich so ein dickes Buch zutraut,
  • Wer sich für Luther und die Zeit der Reformation interessiert
  • Nicht nur einfache Scherenschnitt-Meinungen schätzt
  • Und gut schreibende Autoren mag

… liegt mit diesem Buch richtig.

The porcelain thief: Searching the Middle Kingdom for buried China. Huan Hsu

Gerade letztens habe ich einen Artikel darüber gelesen, dass Buchtitel immer länger werden und kaum noch ohne erklärenden Untertitel auskommen. Hierfür ist der Porzellan-Dieb von Huan Hsu sicherlich ein gutes Beispiel.

Und sonst?

Und sonst ist das Buch gar nicht schlecht. Während des chinesisch-japanischen Kriegs 1938 vergräbt der Ururgroßvater des Autoren seine Porzellansammlung zusammen mit anderen Wertgegenständen im Garten seines Hauses zum Schutz vor den anrückenden Japanern. Die Suche nach diesem Schatz ist der Plot des Romans. Hierin webt Huan Hsu, der in Amerika geboren und groß geworden ist und nicht einmal Chinesisch spricht, seine Suche nach China (und Porzellan heißt ja auf Englisch auch einfach „china“), nach seiner Familie, seiner Herkunft.

Hieraus entsteht eine gut lesbare Mischung aus Abenteuerroman mit Schatzsuche (ein Rezensent beschreibt das Buch als „Indiana Jones adventure“), Autobiographie, Einführung in die chinesische Geschichte, chinesische Kulturgeschichte unter besonderer Berücksichtigung des Porzellans und Tipps zum Umgang mit der zeitgenössischen chinesischen Gesellschaft. All das ist geschickt gemacht, gut strukturiert, spannend geschrieben, informativ und unterhaltsam. Ein anderer Rezensent schreibt auf dem Einband: „Huan Hsu blends a fascinating search for his own family’s roots with an illuminating portrait of modern China. The Porcelain Thief is a wonderful read.“

Also nichts zu kritteln?

Doch. Schon. Natürlich.
Das Buch wirkt oft so, als habe der Autor vorher ein wohl-strukturiertes Konzeptpapier erstellt, dem er dann sorgfältig folgt. Dies ist nicht verwunderlich, denn Huan Hsu unterrichtet kreatives Schreiben. Gelegentlich fehlt dadurch allerdings das Blitzen von Spontaneität, von kreativem Funkeln. Man kann sich eine Liste der Epochen der chinesischen Geschichte machen und beim Lesen abhaken, dass sie alle vorkommen. Zweite Liste: Die Generationen seiner Familie mit den verschiedenen Familienzweigen. Dritte Liste: Die chronologischen Meilensteine bis zum Höhepunkt der Schatzsuche im letzten Kapitel.

Außerdem: Wenn man nicht wüsste, dass der Autor aus den Vereinigten Staaten von Amerika kommt, man würde es treffsicher erraten. Gute Schulen und gute Universitäten in China: in der Regel amerikanische Gründungen. Umsichtige und verantwortungsbewusste Personen in China, die den Chinesen auf den rechten Pfad helfen: meist Amerikaner. Gut also, dass es Amerika gibt.

Trotz Gekrittel: ein gutes, durchaus zu empfehlendes Buch; ein sehr informativer, spannender, fundierter, autobiographischer Schmöker.

Whistler and his Mother. Sarah Walden

Der Maler James McNeill Whistler (1834-1903) hätte niemals auch nur geahnt, dass eines seiner Werke zum bekanntesten Bild in Amerika werden würde, gewürdigt von einem breiten Publikum und abgebildet auf einer Briefmarke. Gewollt hätte er das wohl in dieser Weise auch nicht.

Die Briefmarke zeigt das Bild von Whistlers Mutter leicht vereinfacht: da sitzt sie und schaut nach links. Ins Leere. Dieses Schauen ins Leere war vermutlich für die Grafiker der Briefmarke derart unerträglich, dass diese am linken Briefmarkenrand eine Vase mit Blumen dazu erfanden.

Was war nun mit der Leere, der Berühmtheit und mit Whistlers „Mutter“ überhaupt?

In ihrem Buch beschreibt Walden den Künstler als brillianten Eklektizisten, der sich – ohne besonders intellektuell oder gebildet zu sein – aus den verschiedensten Quellen Anregungen holte und diese zu einem neuen hamonischen Ganzen verarbeitete. Sie beschreibt ihn auch als einen schlechten Handwerker, der die technischen, materiellen Grundlagen von Malerei kaum beherrschte. Hierzu ist Walden besonders autorisiert, da sie es war, die das Bild der Mutter für den Louvre aufwändig restaurierte.

Whistlers Bild gelangt nach seinem Tod  zu ungeheurer Berühmtheit in den USA, da es als die Quintessenz von Mutterliebe, Patriotismus und amerikanischem Protestantismus gesehen wurde. Es hing endlos reproduziert in amerikanischen Wohnungen, fand später – bis heute – seinen Weg auf Postkarten, T-Shirts und in Comics. Zu dieser Zeit war das Bild stark gelblich verfärbt und besaß eine weiche, warme Ausstrahlung.

Was Whistler wollte

Der originale Titel des Bildes gibt einen Hinweis darauf, was Whistler gewollt haben könnte: nicht „Mother“ hieß es, Whistler nannte sein Bild „Arrangement in Grey and Black“. Die rauhe Textur der Leinwand, die tiefen flüssigen Schwarztöne in Kombination mit Blau und Weiß, die unbestimmten Umrisse waren ihm wichtig. In einigen Aspekten wie der Komposition und der Suche nach tintigem, tiefem, weichem Schwarz ließ er sich durch japanische Kunst anregen. Das Bild war laut Walden ganz und gar anders als es damalige Sehgewohnheiten erwarteten. Nüchtern, kalt und vibrierend und vor allem erschreckend modern.

Die Such nach dem Original

Sarah Walden beschreibt wie Whistler mit unsicheren Malmethoden experimentierte, um den gewünschten Effekt zu erzielen. Wie sich bereits kurz nach der Fertigstellung 1871 die Wirkung der Farben veränderte und Whistler immer wieder neue Farbaufträge ergänzte, die die ursprüngliche Oberfläche veränderten. Nachdem Frankreich das Bild gekauft hatte, ließ Whistler es neu rahmen. Danach wurde die Oberfläche durch Hitze geglättet. Der hierdurch ausgelöste chemische Prozess bewirkte die Verbindung von Originalfarbe und Übermalungen. Unumkehrbar. Walden skizziert in ihrem Buch die Überlegungen dazu, wie viel oder wie wenig eine Restauratorin leisten kann, damit möglichst viel von demjenigen erhalten werden kann, was ein Künstler intendiert hatte. Und Restauratoren nicht ein völlig neues Bild erschaffen mit neuer Farbe und einer neuen Wirkung auf die Betrachtenden, die ursprünglich nicht beabsichtigt war.

Der Klappentext: „James McNeill Whistler was the most flamboyant and controversial painter of his generation. Oscar Wilde, Proust, Monet and Manet belonged to his circle of friends (…). With his mistresses, quick wit and flawed genius, he let a chaotic life. He turned out his long-standing girlfriend when his mother came from America to live with him in Chelsea. (…) Then suddenly, from this uneasy co-habitation a touching masterpiece appeared. Alongside Leonardo´s Mona Lisa and Botticelli´s Birth of Venus it became one of the best known female images in the world.“

No Voice from the Hall – Early Memories of a Country House Snooper. John Harris

Dieses Buch erzählt die Geschichte englischer Herrenhäuser, denen das Schicksal nicht hold war. Es berichtet von Häusern, die es mittlerweile nicht mehr gibt oder nur noch in extrem veränderter Form.

129920

Herrenhäuser in England

Ist England nicht das Land voller wunderbarer Herrenhäuser? Ja, das ist es. Dennoch wurden in den späten 1950er Jahren jede Woche zwei bis drei Häuser zerstört. Jede Woche. Und nicht einfach die architektonisch und historisch unbedeutenden. Es waren Häuser gebaut von bekannten Architekten für wichtige Familien. Häuser gefüllt mit geschnitzten Treppen, Marmorkaminen, Stuckdecken, Kronleuchter, Möbeln, Porzellan… und umringt von Gärten oder Parks.

Bildergebnis für destroyed Country Houses Britain

Harris erzählt, wie er als Junge dazu kam, mit seinem Onkel verlassene Herrenhäuser zu besichtigen. Wie dies zu einer Leidenschaft wurde, weiter angeheizt durch Kenntnisse im Handel mit Antiquitäten sowie die Arbeit für Nikolaus Pevsners ambitionierte Nachschlagewerke zur Architektur Englands.

„Up, over and in“: Country House Snooping

Er erzählt auch vom schmerzlichen Zauber, die Reste dieser „houses in distress“ zu entdecken, und von seiner Wut über die verantwortungslose, oft willkürliche Zerstörung. Das Buch enthält kleine Essays, die diese Entdeckungsgeschichten des Autors beschreiben: über den Zaun, durch den Stacheldraht, durchs Fenster: „When I turned to look at the door (…)  the most bizarre item in this bizarre room was a huge nineteenth-century gilt picture frame, missing its picture, that had been buckled into a corner.“

Cover

Welche Schicksalsschläge hatten die Häuser in Not gebracht?

Viele Häuser wurden im 1. Weltkrieg von ihren Besitzern für humanitäre, seltener militärische Zwecke zur Verfügung gestellt. Im 2. Weltkrieg wählte die britische Regierung gezielt Häuser für militärische Zwecke aus, z. B. für die Unterbringung von Soldaten oder von Kriegsgefangenen. Die Schäden, die diese Nutzung angerichtet hatten, waren derart weitreichend, dass die ihnen gegenüber stehende geringe Kompensation eine Restaurierung für die Besitzer häufig unmöglich machte. Dazu kamen hohe Erbschaftssteuern in der Nachkriegszeit, vandalierende Jugendliche,  Regen, Schimmel…

Erst die Ausstellung „Destruction of the Country House“ von 1974, organisiert von John Harris und Marcus Binney, rief der englischen Öffentlichkeit ins Bewusstsein, in welchem Ausmaß sie dabei war, ihr architektonisches Erbe zu zerstören.

Empress of Rome: the life of Livia. Matthew Dennison

Livia, mit vollem Namen Livia Drusilla, Mitglied des römisch-republikanischen Uradels der Claudier, war die dritte Ehefrau von Augustus. Sie war eine der mächtigsten Frauen der römischen Welt.

Für damalige Verhältnisse lebte sie sehr lange, von 58 vor bis 29 nach unserer Zeitrechnung. Sie und Augustus scheint eine sehr enge und sehr vertrauensvolle Beziehung  verbunden zu haben: Obwohl aus ihrer Verbindung nicht der erwünschte Sohn hervorging, blieben sie 52 Jahre miteinander verheiratet. Für heutige Zeiten ungewohnt: In seinem Testament adoptierte Augustus nicht nur seinen Stiefsohn Tiberius als Sohn, sondern auch seine Ehefrau  als Tochter.
Die Nachfolger von Augustus als Kaiser von Rom – Tiberius, Claudius, Nero – sind also Livias leiblicher Sohn, Enkel und Urenkel.

Matthew Dennison hat eine – soweit ich weiß: die erste – Biographie über diese faszinierende Frau geschrieben.

Der Klappentext gibt einen guten Überblick:
„Empress of Rome is the fascinating biography of one of the most perplexing and powerful figures of the ancient world: the empress Livia. (…) Livia has been vilified by posterity (most notably by Tacitus and Robert Graves) as the quintessence of the scheming Roman matriarch, poisoning her relatives one by one to smooth her son’s path to the imperial throne.
In this elegant and rigorously researched biography, Matthew Dennison rescues the historical Livia from this crudely drawn caricature of the popular imagination. He depicts a complex, courageous and richly gifted woman whose true crime was not murder but the exercise of power, and who, in a male-dominated society, had the energy to create for herself both a prominent public profile and a significant sphere of political influence.“

Bestimmt war es nicht einfach, dieses Buch zu schreiben:

  • Livia spielt in den historischen Quellen selten die Hauptrolle. Fast immer wird sie in ein bestimmtes, meist ungünstiges Licht gerückt. Mit dieser schwierigen Quellenlage geht Dennison umsichtig und sensibel um. Er überinterpretiert nicht und macht deutlich, worauf seine eigenen Schlussfolgerungen basieren.
  • Die Rolle der Frau hat sich in den vergangenen zwei Jahrtausenden stark verändert. Vieles, was damals selbstverständlich war, ist uns heute komplett fremd. Hier gibt Dennison wichtige und anschauliche Informationen, so dass der Leser das Verhalten der Hauptpersonen gut einordnen kann.

Andererseits hat es bestimmt enormen Spaß gemacht, sich mit der Geschichte des iulisch-claudischen Herrscherhauses, seiner Angehörigen und ihres Umfelds zu beschäftigen. Cäsar, Augustus, Livia, Messalina, Nero, Kleopatra, um nur einige zu nennen, sind allesamt hochinteressante, oft auch hochintelligente, jedenfalls vielschichtige und bunt schillernde Persönlichkeiten.

Aber abgesehen davon, dass Dennison seinen Lesern das Leben Livias insgesamt nahebringt: Wie er das tägliche Leben einer Frau in den höchsten Kreisen des antiken Roms veranschaulicht, ist vielleicht der Aspekt, der dieses Buch am lohnendsten macht. Man erfährt viel über Kleidung, Eheschließung, Scheidung, Geburt der Kinder, Erziehung, Häuserkauf und -einrichtung, die Rolle der Frau in der Öffentlichkeit und andere Themen. Hierbei hilft natürlich auch, das zwei Wohnhäuser Livias, ihre eigene Villa in Prima Porta und ihr Haus auf dem Palatin, teilweise erhalten geblieben sind.

Einige Zitate zum Leben einer Frau in Rom, die vielleicht auch dazu dienen, einen Eindruck dieses gelungenen Buches zu vermitteln:

  • „Latin does not contain a word specifically for baby. While this should not be interpreted as proof that individual Romans were uninterested  in their Infant offspring, it is indicative of a broader detachment.“
  • „As with so many aspects of Roman women’s lives, our picture of daughters‘ education in the late Republic is a moth-picked patchwork. (…) women required at least basic literacy. In many upper-class families, among whom education was held in high esteem, women’s accomplishments extended far beyond the rudimentary. (…) Although traditionally Roman education for girls had emphasized moral virtues and skills that were predominantly domestic over academic accomplishments, by the end of the Republic, bilingualism was increasingly prevalent in senatorial nurseries. (…) Girls as well as boys learned both Greek and Latin.“

Auf italienisch und niederländisch gibt es Übersetzungen. Diese – oder das englische Original – sollte man nutzen. Es lohnt sich.

 

My name is book: an autobiography. John Agard

Ein erfreuliches Buch: leicht und flockig, voll kreativer Ideen und mit wunderbaren Illustrationen, inhaltsreich, ohne bedeutungsschwer zu werden, motivierend und amüsierend, nicht belehrend. Es macht – nicht nur Kinder und Jugendliche! – neugierig darauf, mehr über das Buch und seine Lebensgeschichte zu erfahren.

John Agard, geboren 1949 in Guyana, kann viel.

Er ist Dichter, Illustrator, Sachbuchautor. Die Liste der Veröffentlichungen von ihm oder mit seiner Beteiligung ist lang. Die seiner Auszeichnungen auch. In Deutschland ist er nicht unbekannt, da die Autobiographie des Buchs auch in deutscher Übersetzung (mit allen Illustrationen!) erschienen ist.

Als Beispiel ein Auszug aus dem Kapitel über Bibliotheken, überschrieben „The house of memory“:
„Well, as you know, there was and still is a place where you can borrow me for free and take me home, though if you Keep me too Long you have to pay what’s called overdues.
Such a place was called the ‚house of memory‘ by the Sumerians, ‚the healing place of the soul‘ by the Egyptians, and ‚an ocean of gems‘ by the Tibetans.
I’m talking about a library, of course.
As far back as I can remember, there were libraries. they grew as writing grew. Ges ago a librarian was known as the ‚keeper of tablets‘ and a library as the ‚house of tablets‘. takes me back to the days of writing on clay. One Assyrian king I knew then was such a keen collector of clay tablets, he even had had his own library with a built-in kiln for baking them. Talk about hot off the press!“

Dringende Empfehlung für alle Bibliotheken, dieses Buch. Und für die, die noch kein Bücher-Fan sind. Und für alle, die schon dazu gehören.

Jane Austen´s Journeys. Hazel Jones

Jane Austen (1775-1817) ist innerhalb Englands gereist. Die Eindrücke ihrer Reisen plus Hintergrund-Informationen aus einschlägigen Reisejournalen hat sie in ihren Romanen verarbeitet. Hierbei war sie derart präzise in den geografischen Details, dass Austen-Verehrer bis heute die dramatischsten Szenen der Romane auf der Landkarte zu finden versuchen.

Jane Austen's Journeys

Als unverheiratete Frau ohne eigenes Einkommen war Austens Bewegungsspielraum immer abhängig von anderen, die sie mitnehmen, abholen, absetzen, übergeben konnten. Oft waren dies die Brüder. Da diese ihre eignen Reisepläne regelmäßig mehrfach innerhalb eines Wochenendes veränderten, schrieb Jane Austen dann mehrfach – während eines Wochenendes – Briefe an ihre Freundinnen, um ihre Planungen samt neuen Absprachen zu aktualisieren.

Bildergebnis für jane austen

Das Buch von Hazel Jones erzählt von den verschiedenen Kutschenarten, Übernachtungsmöglichkeiten, Spazierwegen, beliebtesten Aussichtpunkten, gefährlichsten Fahrten. Am besten sind die Kapitel, in denen die Autorin zeigt, wie eng äußere Bewegung und innere Emotion der Figuren Austens zusammenhängen. Das Wichtigste passiert unter freiem Himmel. Egal ob die junge Heldin nach tiefer Selbstbefragung einen Entschluss fasst oder ihr ein junger Mann im Garten seine Liebe gesteht.

Das Buch liest sich schnell und flüssig, Anekdote über eine literarische Figur reiht sich an Anekdote aus einem zeitgenössischen Reistagebuch. Hierin genau liegt das Problem: Die Autorin beschreibt kleinteilig. Das eignet sich vielleicht für ein Nachschlagewerk. Sollte man wissen wollen, welchen sozialen Status der Barouche-Landau oder der Phaeton signalisierten, kann das sehr hilfreich sein.

Bildergebnis für barouche landauBildergebnis für phaeton kutsche

 Ich selbst hätte mir gewünscht, dass die eine oder andere Zusammenfassung auf abstrakterem Niveau erfolgt. Dass die Beschreibung von Jane Austens Reisen auch durch eine Analyse des zeitgenössischen Reisens, wenn schon nicht der damaligen Frauen-Reisen ergänzt worden wäre.

Übrigens, das stimmt nicht:

…und derart platt hatte Janes Austens spitze Zunge nie formuliert…

Bildergebnis für barouche landau

Informationen zu Werk , Leben, Verfilmungen und Sekundärliteratur in deutscher Sprache bietet die Seite der Freunde Jane Austens.