The Militant Muse – Love, War and the Women of Surrealism. Whitney Chadwick

“The Militant Muse” von Whitney Chadwick zeigt durch biografische Skizzen von acht Frauen, dass Surrealismus keine reine Männerdomäne war. Das ist ein großes Verdienst dieses Buchs.

The Militant Muse: Love, War and the Women of Surrealism

Ohne dieses Buch hätte ich einige dieser Künstlerinnen nicht kennengelernt: Claude Cahun, Suzanne Malherbe, Lee Miller, Valentine Penrose, Leonora Carrington, Leonor Fini, Frida Kahlo, Jacqueline Lamba (siehe Beispiel).

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Ungewöhnliche Frauen – interessante Künstlerinnen

Das Buch bietet einen faszinierenden Ausschnitt der Lebensentwürfe der Künstlerinnen zwischen den 1930er und 1950er Jahren. Das ist interessant und gut zu lesen, gerade auch deshalb, weil fast alles so nicht zum Allgemeinwissen gehört.

Besonders beeindruckt hat mich der biografische Abriss über Lee Miller. Miller sah als Fotografin den 2. Weltkrieg aus unmittelbarer Nähe. Ihre Fotos machten sie berühmt, setzten diese doch in ihrer Klarheit und Unmittelbarkeit neue Standards für die Kriegsberichtserstattung.

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Miller fand es nach Ende des Krieges nicht einfach, mit all dem Grauen, das sie gesehen hatte, zu leben. All ihre Fotos und Negative packte sie in Kisten. Ihr Sohn wuchs auf, ohne zu wissen, dass seine Mutter eine berühmte Fotografin war…

„The Militant Muse documents what it meant to be young, ambitious and female in the context of an avant-garde movement defined by celebrated men whose educational, philosophical and literary backgrounds were often quite different from those of their younger lovers and companions.” (Klappentext)

Erzählform

Die Lebensläufe zweier Frauen jeweils zusammen zu erzählen, ist eine interessante Methode. Noch besser als Chadwick haben dies meiner Auffassung diese Autorinnen getan

  • „Flappers“ über Frauen der 1920er Jahre von Judith Mackrell
  • „Shared Lives“ über junge Frauen, die in den 1950er Jahren in Südafrika aufwachsen von Lyndall Gorden
  • Doppelbiografie „Leni Riefenstahl und Marlene Dietrich“ von Karin Wielands

Surrealismus und…

Der große Rahmen Surrealismus wird von Chadwick als bekannt vorausgesetzt, seine berühmten Protagonisten – z. B. Max Ernst und André Breton – erhalten viele Buchstaben. Von der „Militant Muse“ hätte ich mir außerdem gewünscht, vom rein nacherzählten Biografischen auch einmal eine Zusammenfassung, ein Fazit, eine Conclusio auf abstrakter Ebene zu bekommen. Zum Beispiel hätte das Motiv der „Muse“ in der Geschichte der modernen Malerei und die damit verbundene Rollenerwartung an die Frauen mehr Hintergrund-Information und historische Einordnung vertragen. Ebenso wären die konkreten Gründe, die dafür sorgten, dass eine junge Künstlerin zwischen 1930 und 1950 erfolgreich wurde oder eben nicht, spannend gewesen. War es die Ausbildung, das Elternhaus, der Partner, die Persönlichkeit, der Zufall, das Geld…?

Nachdem ich das Buch beendet hatte, schien es mir, als hätte ich eine Materialzusammenstellung aus Inhalten gelesen, die bei anderen Anlässen irgendwie übrig geblieben waren…

Re-creating Ourselves – African Women & Critical Transformations. Molara Ogundipe-Leslie

Dieses Buch beschreibt die Rolle afrikanischer Frauen in verschiedenen Kulturen und unterschiedlichen historischen Kontexten aus einer feministischen Perspektive.

Ich habe es in einem Buchladen für gebrauchte Bücher gekauft. Nach dem Kauf hatte ich gemischte Gefühle und Erwartungen.

Was ist gut an „Re-creating Ourselves“?

Viele Aspekte waren für mich ganz und gar neu. So zum Beispiel die Möglichkeit von Frauen in afrikanischen Kulturen, eigenständig unternehmerisch tätig zu sein, Ämter zu bekleiden, oder der Schutz, den traditionelle Gemeinschaften Frauen vor der Gewalt ihrer Ehemänner bieten konnten.

Faszinierend finde ich, dass Frauen in der Familie des Vaters oder Bruders männliche Rollen annehmen konnten: Sie konnten in einer Männerrolle „heiraten“ oder die Rolle eines Sohns einnehmen.

Die auch in den traditionellen Gesellschaften mit angelegten Tendenzen, Frauen gering zu schätzen, bekam eine äußere Verstärkung durch die Kolonialmächte: Diese besetzten alle irgendwie relevanten Machtpositionen von Schwarzen immer mit Männern. Hierdurch unterhöhlten oder zerstörten sie potenziell ausgleichende Strukturen, die auch Frauen eingebunden hatten.

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Mit Leidenschaft und Sachkenntnis geht Ogundipe-Leslie die Haltung an, sich zum Sprecher oder zur Sprecherin ungebildeter Frauen aus dem ländlichen Raum zu machen, egal wie gut die Absicht. Sie insistiert darauf, dass auch diese Frauen etwas zu sagen haben und dass man Wege finden muss, sie zu hören.

Ogundipe-Leslie wendet sich ebenfalls gegen eine – nach ihrer Analyse – übliche moderne Rollenzuschreibung für Frauen: Die afrikanische Frau sei dazu da, die Gegenwart mit der traditionellen Vergangenheit zu verbinden; die Männer hätten die Aufgabe, die Gegenwart auf die Zukunft auszurichten.

Was ist weniger gut?

Die für mich eher ungewohnte Schriftsprache von wissenschaftlichem afrikanischem Englisch war für mich nicht immer einfach zu lesen. Insgesamt war das Buch prima, aber mit 253 Seiten zu lang.

Inhalt: Kapitel-Auswahl

  • African Woman, Culture and Another Development
  • Studying Women Through Literature: Theses on Rural Women in Africa
  • The Proletarian Novel in Africa
  • The Representation of Women
  • The Bilingual to Quintulingual Poet in Africa
  • Sisters are not Brothers in Christ

Die Autorin von „Re-creating Ourselves“

Omolara oder Molara Ogundipe-Leslie wurde 1940 geboren. Sie ist eine nigerianische Dichterin, Kritikerin und Feministin. Sie gilt als wegweisende afrikanische Schriftstellerin zu den Themen Afrikanischer Feminismus, Literaturtheorie und Gender Studies, sie ist eine Gesellschaftskritikerin und anerkannte Authorität zu afrikanischen, schwarzen Frauen. Zu ihrer Bekanntheit haben die Bücher beigetragen „Not Spinning on the Axis of Maleness“ und die Anthologie „Sisterhood Is Global: The International Women’s Movement Anthology“.

„Born Abiodun Omolara Ogundipe in Lagos, to a family of educators and clergy, she graduated (BA English Honours) as the first Nigerian with a first-class degree from the University of London. She later earned a doctorate in Narratology (the theory of narrative) from Leiden University, one of the oldest universities in Europe. She has taught English Studies, Writing, Comparative Literature and Gender from the perspectives of cultural studies and development at universities in several continents. She rose to prominence early in her career in the midst of a male-dominated artistic field concerned about the problems afflicting African men and women.“ (Wikipedia)

Zum Buch

“Re-creating Ourselves” ist eine Art Bestandsaufnahmen in der Form von Aufsätzen. Ein wichtiger Aspekt ist hierbei, zu dokumentieren, zu welchem Anlass eine Rede gehalten oder ein Aufsatz erschienen war. Dies führt zu vielen inhaltlichen Wiederholungen. Das Buch ist 1994 erschienen. Die Autorin folgt einem marxistisch-feministischen politischen Ansatz.

Weitere Bücher zu Afrika:

In Search of Mary Shelley – The Girl Who Wrote Frankenstein. Fiona Sampson

Die junge Frau hinter dem Bestseller: Frankenstein, der aus Leichenteilen ein belebtes Wesen erschaffen hat, ist Teil unserer Grusel- und Horror-Geschichten-Kultur. Aber wer kennt heute Mary Shelley?

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Gelebt hat sie von 1797 bis 1851, war die Tochter der Feministin Mary Wollstonecraft und des revolutionären Philosophen William Godwin, zweier Berühmtheiten der intellektuellen Szene im England um 1800. Berühmt berüchtigt waren die Eltern nicht nur für ihre Publikationen, sondern auch für ihr unkonventionelles Leben. Hinter der außerordentlichen Bekanntheit von „Frankenstein“ tritt die Autorin Mary Shelley seltsam weit in den Hintergrund zurück. Die Gründe rekonstruiert Fiona Sampson in ihrer Biografie.

„Mary Shelley was a literary star. But too often she appears as little more than a bright spot being tracked as she moves from one location to another.”

Mit 16 Jahren von Zuhause ausgerissen

Auch vor 200 Jahren kann es kein reines Vergnügen gewesen sein, mit 16 Jahren zusammen mit einem verheirateten Mann, der seine schwangere Frau verlassen hat, auszureißen und dabei auch noch die Stiefschwester mitzunehmen. Mary Shelley, damals noch Mary Godwin, war dabei, ihren literarisch und philosophisch geprägten Traum von einem romantischen Dasein, losgelöst von der Konventionen der Gesellschaft, ins wirkliche Leben umzusetzen. So kam es, dass sie sich mit dem berüchtigten Poeten Percy Bysshe Shelley auf den Weg zum Kontinent machte. Die Motive beschreibt Fiona Sampson klug, einfühlsam und nachvollziehbar.

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Mit 19 Jahren einen Bestseller geschrieben

Sampson, Mitglied der Royal Society for Literature, beschreibt das Leben der jungen Mary Shelley in Europa: Geldmangel, Untreue von Percy Shelley, Tod von drei Kindern… In diesem Kontext schreibt sie einen Bestseller, der heute noch ethische Relevanz hat und mit Erfindung der Figuren des künstlich geschaffenen Menschen sowie des besessenen Wissenschaftlers unzählige Nachahmungen erfahren hat: „One reason the novel´s parable of created life lacks the slickness of later stories about robots (…) is surely that it is written by a woman. Mary cannot avoid knowing both that the creation of life is costly and that the resulting “animal” (contemporary for baby) is autonomous, volatile, the center of his or her own meaning.” 1818 erschien Mary Shelleys Roman “Frankenstein oder Der moderne Prometheus”.

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Mit 19 Jahren geheiratet, mit 25 Jahren Witwe

Mary Shelley lebte 29 Jahre lang als Witwe, nachdem Percy Shelley 1822 ums Leben gekommen war. Sampson geht in ihrer Biografie den Lebensweg der älter werdenden Shelley nach. Versucht nachzuzeichnen, wie Ideale und Realitäten aufeinanderprallen. Sie endet ihr Buch mit dem Bild einer zunehmend kranken Frau, die aufgehört hat zu schreiben.

Die Biografie von Sampson findet große Beachtung. Besprechungen durch Zeitungen finden sich zum Beispiel:

 

 

Wer war Ingeborg Bachmann? Ina Hartwig

Diese Biografie zur berühmten Dichterin und Roman-Autorin ist eine in Bruchstücken. So auch der Untertitel.

Was leistet diese Biografie?

Ausgehend von einem ikonografischen Foto der Bachmann richtet Ina Hartwig ihre Aufmerksamkeit auf verschiedene Aspekte des Lebens von Ingeborg Bachmann explizit ohne Anspruch auf Vollständigkeit oder Konsistenz. Fotos aus unterschiedlichen Jahren bereichern und pointieren die gewählte biografische Form: da gibt es das Mädchen, die Diva, die Dame von Welt, die Scheue, die Selbstbewusste, die Kranke. Bachmann gehört nicht zu meinen erklärten Lieblingsautorinnen, dennoch habe ich diese Biografie außerordentlich genossen.

Biografische Phasen

Hartwig wählt zum Beispiel die Gerüchte um den Tod Bachmanns als historischen Anker, ebenso ihre Liebesgeschichte mit Paul Celan und ihr Leben als Stipendiatin im Berlin der 1960er Jahre:

  • Krieg am Sterbebett
  • Der Mann mit dem Mohn
  • Berlin, Germany

Themen

Politisches Engagement sowie eine Reise in den Orient und das Thema „Vater“ nutzt Hartwig für weitere Schlaglichter auf Ingeborg Bachmann in den Kapiteln

  • Körperwerk der Politik
  • Orgie und Heilung
  • Guter Vater, böser Vater

„Ingeborg Bachmann gilt als weltentrückte „Schmerzensfrau“ der deutschsprachigen Literatur. Auf solches Raunen verlässt sich Ina Hartwig nicht. In ihrer neuen Biografie über die Schriftstellerin wird sie erfrischend konkret – ihr Buch ist ein anekdotenreiches Zeitpanorama. „Wer war Ingeborg Bachmann?“ – mit diesem bodenständigen, äußerst unaufgeregten Titel gibt die Biografin Ina Hartwig die Richtung an: Fern von allem Pathos zeichnet die Publizistin und Kritikerin die Lebensstationen der österreichischen Dichterin nach. Und dieser Blick tut gut bei einer Autorin, bei der es die Mythenbildung leicht hatte: Bachmanns kometenhafter Aufstieg in den Fünfzigerjahren, ihre glamourösen Auftritte, ihre Beziehungen zu Paul Celan und Max Frisch und ihr rätselhafter Tod 1973 waren jahrzehntelang die Grundlage für immer neue Projektionen.“ (Quelle Deutschlandfunk Kultur)

Erinnerungen von Zeitzeugen

Hartwig leistet sich bruchstückhaftes Erzählen, sie nimmt sich selbst interpretatorisch zurück. Das gelingt und ist interessant, da sie Erinnerungen von Zeitzeugen verwendet, deren hohe Subjektivität sie bewusst einsetzt, um so das widerspruchsvolle Bild von „der Bachmann“ zu entwickeln:

  • Ein Kritiker
  • Gespräche mit Zeitzeugen

Methodisch ähnlich, jedoch als Biografie einer Gruppe junger Frauen geht Lyndall Gordon in „Shared Lives“ vor.

NEU: Jane Austen – die besten Bücher über sie

Neu in Buch-und-Sofa

Unter „Die besten Bücher…“, unserer Zusammenstellung von guten Büchern zu bestimmten Themen, gibt es nun auch Empfehlungen von Büchern über Jane Austen.

Jane Austen and Representations of Regency England

Hat Jane Austen nur romantische Liebesgeschichten geschrieben?

Hat sie nicht. Der Wert des Geldes, die Rolle von Krieg, die Wahlmöglichkeiten von Frauen und vieles andere mehr sind ebenfalls ihre Themen. Kluge und nachdenkliche Bücher zu ihrem Werk zeigen, wie komplex, professionell, humorvoll, wie boshaft die Autorin schreib.

War Jane Austen eine weltfremde Dame der höheren Gesellschaft?

War sie nicht. Das Image der zurückgezogenen, feinen, bescheidenen, religiösen und ganz in der weiblichen Rolle aufgehenden Frau war eines, an dem nach Austens Tod ihre Verwandten heftig gefeilt haben.

Weshalb heute noch Jane Austen lesen?

Aus formalen wie aus historischen Gründen. Und aus reinem Vergnügen. Ihre Texte sind von außerordentlicher Qualität, sie hat Erzähl-Methoden erfunden, die wir heute für selbstverständlich halten. Ihre Texte spiegeln eine interessante historische Phase. Jane Austen lesen macht Spaß.

Unsere Buch-Besprechungen zu Jane Austen gibt es hier…

Im Gehen. Ilse Helbich

Der kleine Gedicht-Band ist Ilse Helbichs erster und wird wohl ihr letzter bleiben.

Im Gehen: Gedichte

Die Autorin wurde 1923 in Wien geboren. Im Alter von 80 Jahren veröffentlichte sie ihren ersten Roman. „Im Gehen“ ist ein kleines Buch über das Fortgehen, über das Aus-dem-Leben-Gehen, ein paar Blicke über die Schulter sind kostbaren Erinnerungen gewidmet.

„Wenn ich jetzt in einem Schubkarren säße und

einer schöbe mich den dämmrigen Weg entlang.

Rollen und Rütteln

und Wiegen.

Blätter streicheln die Wange.

Ich möchte gerne wissen, wer

mich schweigend dahin fährt,

aber ich wende den Kopf nicht.

Er ist ja da.

Mein schwieriges Gehen.“

Die Gedichte wirken erstaunlich modern. Hin und wieder scheint ein Wort wie ein Stock in die Speichen geworfen zu sein: Es knirscht dann für mein Gefühl im Gedicht.

„Man kennt Ilse Helbich als kluge, unsentimentale Chronistin des hohen Lebensalters, als die Autorin präziser und gleichwohl poetischer Erinnerungen, unabhängig und unerschrocken das Leben dort dokumentierend, »wo sich ein Jenseits ins Dasein mogelt« (Susanne Mayer, Die Zeit). Sie hat aber auch, Mitte der 70er Jahre beginnend, immer wieder Gedichte geschrieben – aus denen sie nun erstmals eine Auswahl an die Öffentlichkeit bringt. Es sind »frühe Gedichte« (1975 bis Mitte der 80er Jahre) und solche, die in den letzten zwanzig Jahren entstanden sind und also ihr aktives Schriftstellerinnen-Leben begleitet haben“. (Quelle Dorschl Literaturverlag)

Vor einiger Zeit habe ich „Das Haus“ von Helbich gelesen und diesen autobiografisch gefärbten Text sehr genossen: klug, aber nicht altersweise.

„Es ist gesagt, was zu sagen war. Das Andere, das jetzt ist, entzieht sich den Worten.“ So endet „Im Gehen“.

Weitere Bücher zu Alter, Moder für nicht mehr junge Damen und über Sterben und Tod empfehlen wir bei Buch-und-Sofa in unserer Rubrik „Älter werden“.

Keeping Up Appearances. Catherine Horwood

Mode und Klassenunterschiede zwischen den beiden Weltkriegen in England ist das Thema des vergnüglichen, reich bebilderten Buchs von Catherine Horwood.

Kleidung zeigt Selbstwert und sozialen Status

Das Wichtigste zuerst: Für Frauen und Männer aus dem englischen Mittelstand war Sich-kleiden eher ein Hindernis-Parcours als eine Freude. Unendlich viele, kleine Details signalisierten den anderen Frauen und Männern des Mittelstandes, wo man auf der sozialen Leiter stand.

„Keeping up appearances“ zeigt, wie sich der Mittelstand in den 20er und 30er Jahren anzog, wie die Wahl der Kleidung durch beginnende Massenproduktion, veränderte Einkaufsmöglichkeiten sowie finanzielle Restriktionen, Snobismus und amerikanische Einflüsse geprägt wurden. Hierbei greift die Autorin auf große zeitgenössische Umfragen unter breiten Teilen der Bevölkerung zurück. Außerordentlich schön ist das verwendetet Bildmaterial: Fotos, Cartoons und Anzeigen illustrieren vielfältige Aspekte des Ringens um das richtige Erscheinungsbild: „Middle-class society in the interwar years was increasingly self-monitoring in a way that previous eras were not.“

„Korrekt“ gekleidete Frauen

Britische Mittelklasse-Frauen hatten ein Ziel: korrekt gekleidet zu sein. Das richtige Kleidungsstück zu jeder Gelegenheit verlieh Selbstbewusstsein. Modische Details wurden immer erst interessant, nachdem diese sich bereits bei den arbeitenden Frauen durchgesetzt hatten. Zwischen den Kriegen schien sich ein lässigerer Kleidungsstil durchzusetzen, dennoch gab es komplizierte Kleidungsvorschriften, die Frauen durchaus Kopfschmerzen bereiten konnten, wie dieses Bildunterschrift einer Zeichnung zweier Frauen aus Punch von 1937 belegt: „Well, dear, you don´t want to overdo it, and you don´t want to look drowdy. Seeing it´s in a Church Hall, I should wear a semi-full afternoon dress with a chiffon scarf, and chance it.“

Konservative Männer

Der britische Mann war vor allem konservativ in seiner Kleidung. Er trug auch nach der Arbeit Anzughose und -weste, ließ niemals seine Hosenträger blitzen, krempelte auf keinen Fall die Hemdsärmel hoch und ging im Anzug an den Strand. Treffend sagte G. B. Shaw: „It is easier to recruit for monasteries and convents than to induce (…) a British officer to walk through Bond Street in a golfing cap on an afternoon in May.“

Inhalt von „Keeping up appearances“

Das Buch enthält die Kapitel

  • Shopping for status
  • Black coats and white collars
  • Business girls and office dresses
  • In home and garden
  • From seaside to sports club
  • Top hats and tulle
  • Everything to match
  • Radicals, Bohemians and Dandies.

Einen Wermuthstropfen hat das Buch jedoch: Es bleibt deskriptiv; hilfreich wäre die eine oder andere Schlussfolgerung oder Analyse im Kontext größerer gesellschaftlicher Entwicklungen gewesen.

Hier finden sich viele andere Buchempfehlungen von Buch-und-Sofa zur Mode.

Jane Austen at Home. Lucy Worsley

Diese neue Biografie zu Jane Austen nimmt ihr Alltagsleben in den Fokus.

 

Wie haben Frauen um 1800 gelebt, wenn sie sich zur besseren Gesellschaft zugehörig fühlten, das Geld aber nicht hatten, um einen entsprechenden Lebensstil zu pflegen? Wie war das Leben zu einer Zeit, in der äußere Details ganz genau für alle nachvollziehbar zeigten, wie gut oder schlecht es um die eigenen finanziellen Verhältnisse aussah? Hierbei gelingt es Worsley, Jane Austens Leben über die Distanz von 200 Jahren verständlich zu machen, ohne diese Distanz naiv zu übersehen.

„While I´ll try to put Jane back into her social class and time, I must admit that I also write as a signed-up „Janeite“(…). Jane´s passage through life, so smooth on the surface, seems sharply marked by closed doors, routes she could not take, choices she could not make.”

Unverheiratete Frau ohne eigenes Einkommen

Jane Austen entschied sich, nicht zu heiraten. Warum? Angebote hatte sie. Worsley beschreibt, wie Austen im eigenen unmittelbaren Umfeld immer wieder sah, wie verheiratete Frauen ein Kind nach dem anderen bekamen, viele von ihnen während einer dieser Geburten starben. Heiraten, so deutet Worsley an, war weit davon entfernt, eine glückliche finanzielle Absicherung zu sein: Der Preis konnte extreme körperliche Belastung sein oder der Tod.

Als unverheiratete Frau ohne ausreichendes eigenes Auskommen war Austen Zeit ihres Lebens von Entscheidungen anderer abhängig und davon, dass Verwandte bereit waren, ihren Lebensunterhalt zu bezahlen. Unabhängigkeit war unter diesen Rahmenbedingungen nicht möglich, Spielräume waren klein. Und es musste um sie gerungen werden. Eine Konsequenz bestand für Austen darin, in mehreren Phasen ihres Lebens kein Zuhause zu haben. So wird nachvollziehbar, warum das fehlende Zuhause, Verlust und Sehnsucht nach einem eigenen Zuhause in ihrem Werk an vielen Stellen thematisiert wird.

Alltagsleben – alltägliche Lebensumstände

Die Autorin zeigt die alltäglichen Umstände im Leben von Jane Austen und spürt mit detektivischem Sinn der Frage nach, wie es der Schriftstellerin möglich war, neben all den Pflichten als Tochter, Schwester, Tante überhaupt zu schreiben. Sie malt das Bild einer entschlossenen, oft bissigen Frau, einer ausgezeichneten Beobachterin, die durch ihren Vater stark gefördert wurde. Deren Verwandtschaft sie schätzte, jedoch nicht recht einsehen mochte, eine Schriftstellerin in ihren Reihen zu haben, deren Werke ein außerordentliches Niveau hatten.

„A sad life, a life of struggle, is at odds with the first impressions given by her books: of a country parsonage on a sunny morning, with roses round the door, a spirited heroine about to meet her life-partner, a fresh romance about to unfold…”.

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Die Historikerin Lucy Worsley veröffentlichte außerdem: “Cavalier – The Story of a Seventeenth Century Playboy”, “Courtiers – The Secret History of Kensington Palace”, “If Walls Could Talk – An Intimate History of Your Home” und “A very British Murder” sowie die Romane “Eliza Rose” und “My Name is Victoria”.

Diese anderen Bücher zu Jane Austen haben wir bereits in Buch und Sofa besprochen…

Shared Lives – Growing up in 50s Cape Town. Lyndall Gordon

Ein Buch über Südafrika, über junge Frauen, über Möglichkeiten zu leben und über den Umgang mit Erinnerung… „Shared Lives – Growing up in 50s Cape Town“ von Lyndall Gordon ist ein  Buch zwischen Geplauder und Tragik.

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Worum geht es in „Shared Lives“?

Es geht um die Geschichte einer Gruppe junger Mädchen, die im Kapstadt der 50er Jahre aufwuchsen. Und im Hintergrund wie eine Kulisse, vor der sich das Leben der jungen Frauen abspielt, steht die Apartheitspolitik und stehen die Werte der jüdischen Gemeinde in Kapstadt.

Lyndall Gordon fragt sich und ihre Protagonistinnen, wie es für diese jungen Frauen wohl möglich sein kann, eigene Entscheidungen für das eigene Leben zu treffen, wenn andere – die weiße Gesellschaftsschicht, die jüdische Gemeinde, die eigenen Eltern , die Schulkameradinnen – nachdrücklich darauf bestehen, bereits zu wissen, wie diese Entscheidungen getroffen werden müssen. Früh heiraten ist eine dieser scheinbar selbstverständlichen bereits getroffenen Lebensentscheidungen.

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Wie erzält Lyndall Gordon dies?

Die Autorin verwendet eigene Erinnerungen, persönliche Tagebuchaufzeichnungen, Briefe der Freundinnen, Berichte von Ehemännern, Freunden, Dienstmädchen, Tanten, Müttern. Mit Hilfe dieser Bausteine erzählt sie chronologisch und kommt zum Ende des Buchs im Heute an.

Die so erzielte Erzählweise nutzt viele Perspektiven, führt handelnde Personen oft nur mit wenigen Charakterisierungen ein.

„As late as 1965, to become aware of the persistence of a life of one´s own was to be spoilt. This was the judgement of Uncle Louis in his deck-chair at Muizenberg. Uncle Louis said how much I had let myself go. A wife should not lose interest in her appearance.“

Diese Erzählweise spiegelt außerdem die zweite inhaltliche Frage Gordons: wie kann ein Mensch beschrieben werden, wie seine/ihre Motive, wie ist eine „wahre“ biografische Annäherung möglich? Und was bleibt von einem faszinierenden Menschen nach dem Tod? Woran kann die Erinnerung sich halten, womit festhalten, was diesen Menschen ausgemacht hat?

„We paused to look through the mist at the slow-moving river. I thought: I´ve become a listener to women and am learning something about their lives.“

Gordon, die Expertin für Biografien

Ihre hochkomplexen Methoden, sich dem Leben berühmter Schriftstellerinnen und Schriftsteller anzunähern, verwendet die Autorin nun für das Leben der Freundinnen und die eigene Erinnerung. Diesmal geht es nicht um Viginia Woolf oder Henry James, deren Biografien Gordon einige Berühmtheit gebracht haben. In „Shared Lives“ stehen erwachsen werdende Frauen aus Südafrika im Zentrum sowie deren Versuche, selbst bestimmte oder wenigstens erfüllte Lebenswege zu gehen.

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Zitat aus Wikipedia: Born in Cape Town, Lyndall Gordon was an undergraduate at the University of Cape Town, then a doctoral student at Columbia University in New York City. Gordon is the author of Eliot’s Early Years (1977), which won the British Academy’s Rose Mary Crawshay Prize;[3] Virginia Woolf: A Writer’s Life (1984), which won the James Tait Black Memorial Prize; Charlotte Brontë: A Passionate Life (1994), winner of the Cheltenham Prize for Literature; and Vindication: A Life of Mary Wollstonecraft, shortlisted for the BBC Four Samuel Johnson Prize. Her most recent publication is Lives Like Loaded Guns: Emily Dickinson and her Family’s Feuds (2010), which has overturned the established assumptions about the poet’s life.

Zu Südafrika haben wir auch ein Buch über Kap-holländische Häuser besprochen sowie eines über die Kolonial-Geschichte Südafrikas.

Gaudy Night. Dorothy L. Sayers

„Gaudy Night“ ist eine Detektiv-Geschichte ohne Mord. Ohne Verbrechen vielleicht auch, vielleicht nicht. Dies kommt auf den Standpunkt an.

Verbrechen in „Gaudy Night“

Die Detektiv-Geschichte spielt in einem College in Oxford. Hier gibt es eine ganze Reihe von unhaltbaren Vorkommnissen, die geeignet sind, den guten Ruf des Colleges nachhaltig zu beschädigen. Es gibt obszöne Zeichnungen, anonyme Briefe, eine durch Vandalismus zerstörte Bibliothek, zwei versuchte Selbsttötungen, einen versuchten Mord. Es kommen ebenfalls ein zerrissenes Buch und ein beschädigtes Manuskript vor und lichterloh brennende Gowns in einem College-Innenhof.

Beruf oder Liebe?

Was den Roman interessant macht, ist sein Hauptthema: die Beziehung zwischen beruflicher Erfüllung und Erfüllung in der Liebe, die Frage danach, ob für Frauen beides möglich ist oder diese sich entscheiden müssen. Eine sehr moderne Fragegestellung. Sayers bietet in ihrer Geschichte eine Fülle von interessanten Frauen-Figuren, die sich ganz unterschiedlich entschieden haben. Da gibt es zölibatäre Professorinnen, eine Akademikerin, die einen Bauern geheiratet hat, eine verwitwete Sekretärin, eine verheiratete Wissenschaftlerin, die ihre Kinder immer wieder bei ihren Eltern abgibt und viele, viele mehr. Durch die Haupt-Figur Harriet Vane vermittelt, stellt sich bei ihnen allen immer wieder neu die Frage danach, welche Frau in ihrem Leben glücklich ist und welche ihrer Entscheidungen hierzu beigetragen haben.

Universitäten vor dem 2. Weltkrieg

Dorothy Sayers zeichnet in ihrem 1935 erschienen Roman ein präzises Bild des damaligen Universitätslebens und seiner Relevanz für Frauen. 1935, nur 30 Jahre vor den Babyboomern der 1960er… Sehr empfehlenswert ist zu diesem Thema das Buch „Bluestockings“ von Jane Robinson; eine historische Analyse der Bildungschancen für Frauen in England.

Neben der Detektiv-Geschichte ist die zweite Klammer des Romans die Liebesgeschichte zwischen Lord Peter Wimsey und Harriet Vane. Aus Harriet Vanes Perspektive erzählt Sayers ihren Plot. Bekommen sich die beiden? Ist ein Kompromiss möglich zwischen Beruf und Liebe? Das soll an dieser Stelle nicht verraten werden.

Weitere Empfehlungen

In der deutschen Übersetzung lautet der Romantitel „Aufruhr in Oxford“. Empfehlenswert ist die Verfilmung von „Gaudy Night“ mit Harriet Walter und Edward Petherbridge in den Hauptrollen.

Weitere Empfehlungen: Krimi-Besprechungen; beste unbekannte Krimis.