Power, pleasure and profit: Insatiable appetites from Machiavelli to Madison. David Wootton

Vor wenigen Tagen habe ich bereits ein Buch von David Wootton in diesem Blog besprochen. Damals ginge es um die Revolution in den Naturwissenschaften im 17. Jahrhundert. Ich war sehr beeindruckt. Davon angeregt habe ich ein weiteres Buch von Wootton gelesen. In ihm geht es darum, wie sich im Zuge der Aufklärung das Denken darüber völlig verändert hat, was wichtig ist für den Menschen. „Pleasure“, das Glück oder das Wohlbefinden, steht auf einmal ganz oben. Anders gesagt: Eigennutz ist das Maß der Dinge. Diese Änderungen im Denken sind aktuell weiter gültig und haben dazu beigetragen, dass die Welt heute so ist, wie sie ist.
News – David Wootton

Vorher: Tugend oder gottgefälliges Handeln

Früher war alles anders. In der Antike war Tugend wichtig. Selbst wenn man als Anhänger Epikurs eher spaßorientiert an das Leben heranging, war das Ideal Gleichmut. Gottgefälliges Handeln stand hoch im Kurs, besonders mit dem aufkommenden Christentum.

Seit der Aufklärung: Eigennutz

Dann kam die Aufklärung. Ganz vorne dabei Thomas Hobbes. Sein Verständnis: Der Mensch maximiert immer sein Glück oder sein Wohlbefinden. Er minimiert sein Unglück oder sein Leiden. Der Mensch strebt nach – im Original – „pleasure“. Hilfreich dabei sind Macht und Vermögen – im Original „power“ und „profit“. Die Vernunft – „reason“ – steht dabei nicht oben in einer Pyramide, sondern sind ist ein Instrument. Die Vernunft hilft dabei auszurechnen, was unter dem Strich am meisten Glück oder Wohlbefinden abwirft. Tugend oder gottgefälliges Handeln stehen nicht mehr hoch im Kurs. Es ist grundsätzlich nichts gegen sie zu sagen, solange sie das Wohlbefinden, den Eigennutz, fördern.
Thomas Hobbes: A grim portrait of human nature

Das Dreigestirn „power, pleasure and profit“ hat dabei eine besondere Eigenschaft gemein. Man kann sie jeweils maximieren. Sie sind zwar relativ, aber letztlich nicht endlich. Es geht immer noch mehr. Man kann sich immer weiter strebend bemühen. Noch mehr, noch reicher, noch mächtiger. Und die unsichtbare Hand von Locke hilft mit Umweg über Leibniz und Voltaire auf geheimnisvolle Art und Weise dabei, dass immer alles gut wird („Tout est au mieux dans le meilleur des mondes possibles.“).

Das Buch als Essay-Sammlung

Wootton beschreibt diese Revolution des Denkens über den Menschen in seinem Buch in einer Reihe von Essays, die er aus Vorlesungen entwickelt hat. Seine Kapitel:

  • „Insatiable appetites
  • Power: (mis)reading Machiavelli
  • Happiness: words and concepts
  • Selfish systems: Hobbes and Locke
  • Utility: in place of virtue
  • The state: checks and balances
  • Profit: the invisible hand
  • The market: poverty and famines
  • Self-evidence“.

Das Thema ist offensichtlich wichtig und interessant. Die Nutzung seiner Vorlesungen pragmatisch und effizient. Leider wird daraus kein einheitliches, durchgängiges, gut lesbares Buch. Wootton verliert sich oft in Details unter Verlust eines roten Fadens. Er schreibt eher für Wissenschaftler, die „ihre“ Autoren in- und auswendig kennen. Auch vor Wiederholungen ist er nicht gefeit.

Schade aus meiner Sicht auch zwei weitere Aspekte:

  • Hilfreich würde ich es finden, auch zu untersuchen, wie (und ob) durch diese Revolution im Denken auch konkret das Handeln der Menschen anders wurde. Nicht jeder hat ja damals Hobbes, Hume, Locke und Smith gelesen. Etwas Sozialgeschichte wäre gut.
  • Wootton problematisiert das egoistische, individualistische Denkmodell der Aufklärung durchaus. Er spricht von einem „eisernen Käfig“. Toll wären zusätzlich einige Gedanken seinerseits gewesen, wie man da wieder heraus kommt oder wie man es ändern muss, damit die negativen Konsequenzen weniger werden, oder ob darüber schon anderweitig nachgedacht wird.

Wenn es schon keine Empfehlung für das Buch insgesamt ist – und zum Glück stehe ich da nicht ganz allein…. – zur Eigennutz-Steigerung empfehle ich aber dem Leser (und natürlich der Leserin) doch die Kapitel „Insatiable appetites“, „Happiness“ und „Utility“, zusätzlich zur Einleitung. À la bonheur!

Die Erfindung der Naturwissenschaften. David Wootton

Lieber nicht lesen?

Die Penguin-Ausgabe zählt 769 Seiten. Obendrein in Englisch, da sich noch keiner an eine Übersetzung herangewagt zu haben scheint… Rezensenten verwenden Begriffe wie „truly learned“, „deeply erudite“, „in (…) convincing detail“, „masterly account“, „magisterial“. Die Erwartung ist völlig klar: David Woottons Buch über die Erfindung der Naturwissenschaften – „the invention of science“ – ist nur etwas für die ganz und gar Hartgesottenen unter den Lesern (und Leserinnen), mit einer Menge Zeit, guten Nerven, Durchhaltevermögen. Viele Details. Viele Zitate. Viele Fußnoten. Viel zu viel.
Cundill Prize 2016 Finalist David Wootton - YouTube

Oder doch?

Und doch, da gibt es noch die anderen Schlagworte: „marvellous“, „fresh and compelling“, „gripping“, „to savour, to enjoy and to remember“, „beautifully written“. Also doch zumindest ein Hauch von Lesespaß zwischen all dem akademisch Beschwerten? Oder vielleicht sogar – verwegener Gedanke – vor allem ein Lese- und Denkspaß?

Gekauft habe ich den Wälzer, weil er mir empfohlen wurde. Dicke Bücher schrecken mich nicht. Außerdem lese ich sehr gerne Bücher von Simon Schama. Und der ist auch ganz unverschämt wissensschwer und bildungseitel.
Rhodri Marsden's Interesting Objects: Kepler's model of the ...

Schama und Wootton: Vielwisser, Querdenker, Welterklärer

Apropos Schama. Der Vergleich ist nämlich gar nicht schlecht. Beide Autoren, Schama und Wootton, haben neben ihren Belesenheit vier Dinge gemeinsam: Sie denken erstens offensichtlich gerne, meistens selbst und bevorzugt quer. Sie schaffen es zweitens, in all den Details Strukturen, Muster, Linien zu entdecken, die so intuitiv und so frappierend sind, dass einem gelegentlich der Mund offen steht, um mit dem Denken nachzukommen. Drittens sind sie keine Fachidioten, sondern stellen fachübergreifend immer mehrere Disziplinen zueinander in Bezug. Zuletzt, viertens, schreiben beide viel.  Für ihre Bücher braucht man meist eine Stütze und eine Transporthilfe. Andererseits: Warum kurz, wenn man soviel Interessantes und Neues zu sagen hat?

Also dann doch: Die Erfindung der Naturwissenschaften

Ich möchte gar nicht den Versuch machen, das Buch zusammenzufassen oder einige Inhalte exemplarisch hervorzuheben. Es ist tatsächlich eine exzellente Darstellung, wie, wodurch und durch wen im Zeitraum von 1572 (Tycho Brahe sieht eine Nova, einen neuen Stern) bis 1704 (die „Opticks“ von Newton werden veröffentlicht) eine Revolution der Naturwissenschaften stattfindet. Wie diese Revolution zugleich eine Art zu Denken und ein Vokabular einführt, das wir heute noch, völlig selbstverständlich, genauso verwenden. Wie letztlich unsere heutige Moderne entsteht. Dabei wird mit Vorurteilen, Selbstverständlichkeiten, Denkfehlern aufgeräumt, dass es einem ganz luftig im Kopf zumute wird. Trotz all der Details, die einem in demselben herumschwirren.
Image - Tycho Brahe in his observatory at the Castle of Ur

Mein Fazit

Toll. Die Zeit, dieses Buch zu lesen, sollte man sich nehmen. Man bekommt fast ein wenig Hochachtung vor dem Menschen und seinen geistigen Fähigkeiten, so mangelhaft sie auch sind, und versteht sich selbst und seine Umwelt hinterher besser. Mehr kann man von einem Buch doch eigentlich nicht verlangen, oder?

Etwas zu lesen zum Schluss

Ach so, vielleicht doch noch ein, zwei Zitate.

Eines von Descartes:
„Right understanding [unser Common Sense oder der gemeine Menschenverstand] is the most equally divided thing in the World; for every one beleeves himself so well stor’d with it, that even those who in all other things are the hardest to be pleas’d, seldom desire more of it than they have.“

Das andere von Wootton:
„(…) clocks provided an inpersonal mechanism for the coordination of community services (the saying of the offices in monasteries and cathedrals, the opening and closing of markets in town and cities). Egalitarian communities (cities, monasteries and cathedral chapters all chose their leaders through elections) are governed by the clock, while despotisms are not; clocks were given prominent, public places in monasteries, cathedrals and town halls, but they were slower to establish themselves in royal palaces. (…) These factors (…) were absent in China, and hence the Chinese admired clockwork but had no use for it.“
Daran kann man denken, sobald der eigene Chef (oder die eigene Chefin) einem den Terminplan ruiniert.
100 Years Carnegie: Newton: the Crucial Experiment

George Stubbs and the wide creation. Robin Blake

Bei einer Umfrage in Deutschland nach britischen Malern würde George Stubbs bestimmt weder gestützt noch ungestützt tolle Werte bekommen. In England sieht das schon besser aus, aber auch hier taucht er wahrscheinlich nicht unter den Top10 auf (auch wenn Jonathan Jones in seiner neuen Geschichte der britischen Kunst in sogar aufs Cover hebt! – siehe unseren Blogbeitrag).

George Stubbs – Tiermaler par excellence

Diese Beobachtung ist für George Stubbs, *1724, † 1806, durchaus typisch sogar zu seinen Lebzeiten.

Einerseits war er unter ferner liefen. Die Sujets, die er häufig malte, fallen in die Kategorie „Sonderinteressen“, meistens Tiere, vor allem Pferde. „Horse painter“ würden viele Engländer wahrscheinlich spontan über ihn sagen. Dabei hat er auch andere Tiere gemalt, Zebras, Nashörner, Affen, Kängurus und Elche.
Rhinoceros | Art UK Government puts export ban on George Stubbs' kangaroo and dingo ...Amazon.com: George Stubbs A Zebra, 1763 90x72 [Kitchen]: Prints ...
Das bringt einen natürlich nicht nach vorn in den Charts. Vorn, dort fand man im 18. Jahrhundert Historienmaler oder auch Porträtisten, die Maler der Großen, der staatstragenden Kunst, Maler wie Joshua Reynolds oder Thomas Gainsborough. Geholfen hat bestimmt nicht, dass Stubbs immer bodenständig war, pflichtbewusst, zurückhaltend. Kein Mann der Fassade mit überbordendem Sendebedürfnis und Sendungsbewußtsein.

Andererseits war er schon der Beste. George IV., als er noch Prinzregent war und George Augustus hieß, beauftragte Stubbs. Der sonstige Hochadel, angemessen stolz auf seine Pferdezucht und die hochdekorierten Rennpferde , kam um ihn nicht herum. In der Society of Artists, einem Vorläufer und dann Konkurrenten  der Royal Academy, war er eines der prominentesten Mitglieder. Und immerhin, eines seiner Gemälde, „Gimcrack mit einem Reitknecht auf Newmarket Heath“ erzielte bei einer Auktion den Preis von 48 Mio. $. Nicht schlecht für einen Tiermaler.
Gimcrack mit einem Reitknecht auf Newmarket Heath (George Stubbs)

Robin Blake – sensibler Biograph mit Augenmaß

Mit Robin Blake hat Stubbs endlich den richtigen Biographen gefunden. Er versteht etwas von Kunst – eine seiner anderen Biographien behandelt Anthony van Dyck. Rennpferde sind ihm eine Herzensangelegenheit. Er kann schreiben: Es ist beeindruckend, wie Blake immer wieder Dinge auf den Punkt bringt und mit wie wenigen Strichen er Atmosphäre und Charaktere schafft. Und er forscht gerne: Unter anderem ist es Blake gelungen, beim Durchstöbern von Kirchenbüchern herauszufinden, dass Stubbs bereits in jungen Jahren geheiratet hat, was vorher keiner bemerkt zu haben scheint.
Biography

Kleine Anmerkung zwischendurch: Die Ausgabe seiner Stubbs-Biographie von Ramdom House ist eigentlich ein Skandal und hat Blake nicht verdient. Selten habe ich Illustrationen so erbärmlicher Druckqualität gesehen. Ich frage mich tatsächlich, ob die sich etwas dabei gedacht haben?!

Anatomische Studien an Pferden

Schwer zu vergessen ist Blakes Schilderung davon, wie Stubbs von 1756 – 1759 in Horkstow, einem kleinen Ort in Lincolnshire, anatomische Pionierarbeit an Pferden leistet. Mit seiner Lebensgefährtin und Haushaltsperle – damals noch keine 20 Jahre alt – wuchtet er gemeinsam Pferdeleichen ins Obergeschoss, hängt eine faszinierende Vorrichtung an die Decke, um darin das Pferd in lebensechte Position zu bringen. Der Grund? Sicherlich Neugier, aber auch das Grundbedürfnis, so naturgetreu wie möglich zu malen. Und dafür muß man halt die Natur studieren. Gründlich. So wie schon Leonardo da Vinci, der in dieser Beziehung in Stubbs einen Nachfolger gefunden hat.
The first anatomical table of the skeleton of the horse by George ...

Stubbs, Erasmus von Rotterdam, Humbletonian und Herakles

Zuletzt möchte ich noch versuchen, eine Verbindung zwischen diesen etwas disparaten Namen herzustellen.

Erasmus von Rotterdam brauche ich, weil ich über ihn meinen letzten Blogbeitrag geschrieben habe (und weil er überhaupt nichts mit Stubbs gemein hat). Erasmus hat sich – unbescheiden wie er war – ganz gerne mit Herakles vergleichen. Seine extrem zeitaufwändige und nervenaufreibende Herausgeber-Arbeit an den Werken des heiligen Hieronymus hat er daher mit dem Begriff „die Mühen des Herakles“ bezeichnet.

Stubbs brauche ich natürlich auch, denn um ihn geht es hier. Blake berichtet über ihn: „Stubbs’s attachment to Hercules was great and long-lasting.“ Auch hat Stubbs drei große, leider verschollene, Gemälde mit dem griechischen Halbgott gemalt.

So weit, so gesichert.

Spekulativ wird es jetzt. Stubbs hat ein schon damals sehr umstrittenes Bild gemalt. Es zeigt eines der berühmtesten Rennpferde seiner Zeit – Name: Humbletonian – unmittelbar nach dem Gewinn eines der berühmtesten Pferderennen überhaupt. Das Bild ist so umstritten, weil Humbletonian erschöpft gezeigt wird, völlig erledigt nach einem Galopprennen über vier Meilen. So malt man keine Helden.
Hambletonian', Rubbing Down | Art UK

Humbletonian ist so erschöpft wie ein anderer Held, wie Herakles in einer der berühmtesten Skulpturen der Antike, dem Herakles Farnese. Er kann nicht mehr nach seinen zwölf Heldentaten, den Mühen des Herakles. Ein Kraftprotz, der nicht mehr kann und nicht mehr will und der vielleicht auch nicht weiß, wofür das alles gut gewesen ist.
Farnese Hercules | Hendrick Goltzius | 17.37.59 | Work of Art ...

Und damit hat sich der Kreis geschlossen.
George Stubbs – Wikipedia

Erasmus, man of letters: The construction of charisma in print. Lisa Jardine

Erasmus von Rotterdam (* um 1467, † 1536) zählt auch heute noch zu den bekanntesten Persönlichkeiten der nordeuropäischen Renaissance und des europäischen Humanismus. Er ist das Paradebeispiel eines Gelehrten, uneigennützig, rein an der Sache orientiert, immer auf der Suche nach Wahrheit. Trotz seines Namensanhängsels „von Rotterdam“ ist er einer der ersten Europäer (während sein Zeitgenosse Luther klar als Deutscher einsortiert werden würde). Ein europäisches Studentenaustauschprogramm ist nach ihm benannt. Auch Universitäten und viele Schulen tragen seinen Namen. Und damit sind alle Häuser, Brücken, Straßen, Plätze, U-Bahn-Linien, ICEs …. noch nicht einmal erwähnt.
Erasmusbrücke

Das Buch von Lisa Jardine, ehemals Professorin für Renaissance-Studien in Großbritannien, aber leider im Jahr 2015 verstorben, geht der Frage nach, wie Erasmus eigentlich zu seinem guten Ruf gekommen ist.
Lisa Jardine: Tributes after renowned historian dies - BBC News

PR-Profi des Humanismus

Ihre Erkenntnis: Erasmus hat sich offenbar sehr bewusst darum gekümmert, genau den Ruf aufzubauen, den er heute hat. Modern formuliert: Erasmus war ein ausgeprägter PR-Profi in eigener Sache.

Einige Aspekte von Jardines Buch sind zum Glück recht gut nachvollziehbar, auch ohne Experte zu sein, Latein zu beherrschen und ihr Buch zu lesen.

Die Porträts: Erasmus als neuer Hieronymus

Jardine macht überzeugend deutlich, dass nicht der jeweilige Künstler – Metsys, Holbein oder Dürer – entschieden hat, in welcher Pose, mit welchen Gegenständen, vor welchem Hintergrund und mit wem Erasmus abgebildet wird, sondern Erasmus selbst. Besonders auffällig dabei ist, wie sehr die Porträts sich an der Ikonographie des Heiligen Hieronymus orientieren (wobei Erasmus – siehe seine Kleidung – schon mehr Wert auf teure Kleidung legt als sein Vorbild, dafür aber auf Totenkopf und Löwen verzichtet….)
Erasmus von Rotterdam – WikipediaHieronymus oder die Kunst des Übersetzens | Gymnasium Leoninum Handrup

Hieronymus war nicht nur ein christlicher Kirchenvater und Asket, sondern durch seine Übersetzung der Bibel ins Lateinische – die Vulgata – auch ein Gelehrter. Er beherrschte Latein, Griechisch und Hebräisch. Außerdem hat er intensiv Textkritik betrieben und versucht, dem ursprünglichen Bibeltext möglichst nahe zu kommen. Und nicht zuletzt ist Hieronymus für seine Briefe berühmt.

Durch die Porträts präsentiert sich Erasmus quasi als neuen Hieronymus. Er stellt sich als würdigen, gleichwertigen Nachfolger in eine lange Tradition von christlichen Gelehrten überregionaler Bedeutung, die sich mit der Herausgabe und Übersetzung zentraler Texte der Antike und der christlichen Tradition beschäftigen.

Die Briefe: Das Epizentrum der europäischen Macht- und Geisteswelt

Neben all seinen anderen Schriften und Textausgaben sind die weit über 2000 erhaltenen Briefe von und an Erasmus von überragender Bedeutung. Wer immer während seiner Lebenszeit auch nur ansatzweise VIP-Status hatte, bekam Post (und antwortete anscheinend auch oft). Martin Luther, Heinrich VIII., Papst Leo X. und viele, viele mehr: Sie alle sind mit dabei.

Diese Briefe waren ihm wichtig. Er reagierte allergisch, wenn jemand anderes ohne sein Einverständnis sie veröffentlichte. Gleichzeitig kümmerte er sich selbst akribisch darum, dass die richtigen Briefe in der für ihn richtigen Abfolge erschienen.
La Maison d'Érasme - Portraits d'Erasme

Damit positionierte sich Erasmus als supervernetzt im, Europa des 16. Jahrhunderts. Alle von Rang und Namen finden ihn offenbar toll, alle bitten ihn um Rat, ohne ihn geht praktisch nichts, jedenfalls nichts Wichtiges.

Hübscher Nebeneffekt dabei: Erasmus stellt sich wieder in eine lange Tradition bis in die Antike. Seine Briefe werden in einem Atemzug genannt mit denen von Cicero, Plinius, Libanios und – siehe oben – dem Heiligen Hieronymus.

Das Buch von Jardine: eher für Spezialisten

Für das breite Publikum hat Jardine sicherlich nicht geschrieben. Durchhaltevermögen, Lateinkenntnisse und Spaß an komplexen Nominalkonstruktionen im Englischen sind wichtig. Oder anders formuliert: Stilistisch kommt Jardine bei weitem nicht an Erasmus heran.
Erasmus, Man of Letters: The Construction of Charisma in Print by ...

Dennoch, gerade ihre Kapitel über die Porträts und die Briefe sind recht gut zugänglich und sogar mitunter fast spannend geschrieben. Nicht umsonst und zurecht ist das Buch – ursprünglich 1993 erschienen – 2015, kurz vor Jardines Tod, noch einmal neu aufgelegt worden.

Sensations: The story of British art from Hogarth to Banksy. Jonathan Jones

Dieses neue Buch von Jonathan Jones kommt so frisch von der Druckerpresse, dass man beim Lesen aufpassen muss, keine Druckerschwärze an die Finger zu bekommen: „Sensationen“. Das Cover passt zum Titel, ein springendes Pferd wie im Zirkus, es schaut im Sprung nach rechts und blickt dem Leser (oder natürlich der Leserin) direkt in die Augen.
Whistlejacket - Wikipedia

Jonathan Jones ist nicht neu in diesem Blog. Sein Buch über das Liebesleben von Künstlern der Renaissance und dessen Auswirkungen auf deren Kunst haben wir schon besprochen.

In diesem Buch wagt er sich an ein erheblich größeres Thema, eine Geschichte der britischen Kunst seit Hogarth. Da braucht man neben fundierter Kenntnis auch einen langen Atem; darf sich nicht in Details verlieren, aber gleichzeitig auch nicht zu sehr an der Oberfläche verharren. Auch andere (und bekanntere) Autoren haben sich daran schon verhoben. Der einzige, den ich kenne, der dies bisher geschafft hat, war ein deutsch-britischer Kunsthistoriker, Nikolaus Pevsner, mit seinem Buch „The Englishness of English art“.
Viewing “Mr. Turner” | Vissi d'arte

Vermutlich um sich nicht zu verirren, konzentriert sich Jones darauf, eine Hypothese zu verfolgen:
„In this book I will argue that the greatest British art, from Stubbs to Freud, expresses this empirical and sensationalist theory of knowledge. All the greatest artists in the story that follows – with one brilliantly provocative exception – made it their business to look with open eyes at raw fact.“

Eine zweite Hypothese folgt daraus: Vor der wissenschaftlichen Revolution in England kann es keine große britische Kunst gegeben haben. Jones:
„(Zur Zeit von Hogarth) there was no British art worlds to move up in. There were barely any British artists in the modern sense of the world – and no famous ones, let alone geniuses whose works live in history. How many people can name a British-born artist who worked before the 1700s? Art, for the British upper classes, was essentially something that came from abroad.“

Im großen und ganzen gelingt es Jones, seine Hypothesen zu bestätigen. Außerdem sind sie allemal interessant und anregend genug, um über die eigenen Kenntnisse britischer Kunst nachzudenken. Jones‘ Highlights der britischen Kunst: Hogarth, Gillray, Wright of Derby, Constable, Turner, Bacon, Freud. Wenn diese sieben Namen eine Hügelkette bilden, dann sind Hogarth, Turner und Bacon ihre höchsten Erhebungen. Richtig schlecht wegkommen: die Präraffaeliten und die Young British Artists, wie sie von Saatchi popularisiert worden sind.

Jones ist immer stark, wenn es darum geht, einzelne Werke in Ruhe und bei eingeschaltetem Verstand anzuschauen und auf sich wirken zu lassen. Seine Bildbeschreibungen sind sorgfältig und ausgesprochen sensibel. Er bringt Bilder völlig nachvollziehbar und geradezu intuitiv auf einen Punkt, auf den man selber nicht gekommen wäre. Wirklich große Klasse.
Micrographia under the microscope – University of Glasgow Library Blog

Die britische Kunstgeschichte gelingt Jones bis Francis Bacon. Danach reißt der Faden etwas ab. Vielleicht weil die Gegenwart immer zu präsent und vielteilig ist? Oder weil ihm die Zeit ausging? Oder weil er einen großen Teil der zeitgenössischen britischen Kunst für wenig gelungen hält? Auf jeden Fall wird Jones zum Schluss eilig und hektisch, hetzt von Namen zu Namen, verliert sich im Beliebigen. Das ist nicht Seins, er braucht die Ruhe und die Distanz.

Aber alles bis Francis Bacon sollte man lesen. Dann bekommt man einen neuen, etwas anderen Blick auf die britische Kunst.
„What have a pickled shark, a painted horse and a giant louse got in common?“
Dieses Buch gibt die Antwort.

Die Bücherschmuggler von Timbuktu. Charlie English

Reißerischer Einband

Bücher, Schmuggler, Timbuktu. Im Untertitel außerdem alle weiteren wichtigen Inhaltsstoffe für das junge oder jung-gebliebene, jedenfalls abenteuerlustige Leserherz: „Von der Suche nach der sagenumwobenen Stadt und der Rettung ihres Schatzes.“
Dann noch als Cover: das Foto eines Wüstenbewohners mit Manuskriptstapel und alter Truhe (wahrscheinlich auch so eine Schatzkiste…).
Mali: Islamisten zerstören Unesco-Weltkulturerbe in Timbuktu ...

Zwei Erzählstränge

Charlie English, ehemals Redakteur beim englischen Guardian, verwebt zwei Stränge zu seinem orientalischen Wunderteppich: die Geschichte der Entdeckung Timbuktus durch Europäer und die Rettung alter Manuskripte nach der Eroberung Timbuktus durch Islamisten im Jahr 2012.

Verwoben ist dabei richtig: Auf ein Kapitel Manuskriptrettung folgt jeweils eines zur Entdeckungsgeschichte, gefolgt erneut von Manuskriptrettung gefolgt von….
Beyond Timbuktu - The British Library

Dieses Verfahren kam den beiden Übersetzern, Henning Dedekind und Heike Schlatterer offensichtlich entgegen. Soweit ich es nachvollziehen kann, hat jeder einen Strang übernommen.

Gut gewählter Buchinhalt

Der Inhalt des Buchs ist gut gewählt. Der Name Timbuktu zieht immer noch  – die Entdeckungsgeschichte hat viele, nicht nur ruhmreiche Etappen mit Briten, Franzosen, Deutschen – die Eroberung und Besetzung Timbuktus durch die islamistischen Dschihadisten ist hinreichend gruselig.
Die Manuskripte binden dabei alles zusammen. Sie sind die unermesslichen Reichtümer, die die Entdecker in der Wissenschaftsmetropole Timbuktu statt Gold fanden. Sie wurden durch die Dschihadisten gefährdet und zum Teil verbrannt, während der Großteil in Sicherheit gebracht werden konnte.
Die Manuskripte sind auch für sich allein von großer Bedeutung, denn sie sind unter anderem der Beweis dafür, dass es auch in Afrika eine Schriftkultur  und eine Geschichte gab. Beides wurde diesem Kontinent von den kolonialistischen Imperialisten Westeuropas immer in Abrede gestellt und so argumentiert, dass Afrika zivilisatorisch ganz und gar unterentwickelt sei.
The fight to save the ancient texts of Timbuktu | Ancient Origins

Leider nicht so toll geschrieben

Das Buch enttäuscht aber dann doch, trotz all der guten Zutaten. Wie so oft liegt es daran, dass man nicht mit der nötigen Liebe gekocht hat. Köche gibt es drei: Den Autoren und die beiden Übersetzer. Vielleicht natürlich zusätzlich noch die Verlage (Harper Collins für die Originalausgabe, Hoffmann und Campe für die deutsche Übersetzung).

Charlie English schreibt wie ein Journalist, der sich mit dem deutlich längeren Format eines ganzen Buchs schwer tut. Alles wird zum Scoop, passend wie unpassend. Auf Spannungsbögen verzichtet er konsequent. Charaktere zu beschreiben, heißt bei ihm, Äußerlichkeiten aufzuzählen. Nicht zuletzt: Er scheint erstaunlicherweise eigentlich wenig Interesse an den Manuskripten zu haben. Für ihn hätte man sie daher wohl nicht retten müssen….

Die Übersetzer ihrerseits waren wohl in Eile oder haben sich nicht die Mühe gemacht, noch einmal über ihren Text zu gehen. Vieles liest sich wie direkt aus einer Simultanübersetzung abgetippt. Das potenziert die genannten Schwächen von English leider zusätzlich.

So fremd wie Timbuktu mutet daher das Lob des Guardian an: „Ein Meisterwerk des investigativen Journalismus. Ein kluges, fesselndes Buch.“

Dennoch….

Dennoch, zum nervenkitzel-freien Schmökern ist das Buch geeignet und man lernt etwas über die Geschichte Afrikas.
Historic books smuggled out during the siege of Timbuktu are on ...

Das Haus meiner Eltern hat viele Räume. Ursula Ott

Die Babyboomer sind zwischenzeitlich in ihren 50er Jahren angekommen. Ihre Eltern haben die 70 oder 80 überschritten. Wie und wo wohnen die Eltern am besten, damit sie möglichst lange möglichst selbstbestimmt und gerne leben? Und falls ein Umzug der Eltern ansteht: Was macht man mit dem Haus oder der Wohnung? Und mit all dem, was noch darin ist? Inklusive all der Erinnerungen? Wie geht man mit dem Älterwerden um?
Ursula Ott: Das Haus meiner Eltern hat viele Räume. btb Verlag ...

Ursula Ott, Chefredakteurin von Chrismon, nimmt sich eines wichtigen, wenn auch keines angenehmen Themas an. Sie tut dies – wie wahrscheinlich die meisten ihrer Altersgenossen – aus gegebenem Anlass. Auch bei ihren Eltern stand eine Änderung an. Da gibt es dann irgendwann keine Alternative. Handeln ist gefragt. In vielen Fällen längst überfällig. Unangenehmen Themen geht man eben lieber aus dem Weg. Die Kinder wollen nicht ran an die Sache. Und die Eltern auch nicht.

Ott schreibt niederschwellig, das ist gut. Das Buch liest sich sehr flott und anekdotisch. Tipps kommen unauffällig im Text daher. Dadurch fehlt der gehobene Ratgeberzeigefinger. Auch das hilft.

Einige wichtige Erkenntnisse für mich:

  • Ein Umzug im Alter ist dann besonders gut, wenn man ihn noch selber gestalten kann, wenn man noch fit genug ist, um sich neu einzuleben, neu anzufangen.
  • Trennungen brauchen Zeit und Geduld. Die Auflösung eines Hauses oder einer Wohnung sollte nicht maximal effizient durchgezogen werden. Schauen, nachdenken, erinnern, all das ist wichtig, für die Eltern, für die Kinder, für die Enkel.  Außerdem trennt sich jeder anscheinend anders. Es hilft also nicht, sich selbst als Maßstab für die anderen zu nehmen.

Sehr willkommen das ABC der Dinge im Anhang, das ruhig noch ausführlicher hätte ausfallen können. Wohin mit all dem, das keiner mitnehmen möchte oder kann? Hier bietet Ott eine Reihe von Adressen und Tipps, damit all das Überflüssige, aber mit Erinnerung Behaftete doch noch in etlichen Fällen eine gute Verwendung finden kann.

Also alles prima in diesem Buch?
Im großen und ganzen schon eine Empfehlung. Allerdings hätte Ott für mich gerne weniger magazin-ig schreiben können. Etwas mehr Sachbuch, etwas weniger Essay, damit noch mehr Betroffene mit den schwierigen Situationen besser klar kommen und mehr daraus machen können.

Mehr zum Älterwerden übrigens natürlich auch in diesem Blog auf einer eigenen Seite!

Älter werden ist unvermeidbar - Erwachsen werden ist optional ...

The seabird’s cry: The lives and loves of puffins, gannets and other ocean voyagers. Adam Nicolson

„for an albatross to travel a thousand miles in its chosen wind is no more work than the effort made by a man watching cricket in a deckchair for a summer afternoon.“

Der erste Eindruck

Der Einband ist natürlich ein Hingucker. Ein Papageitaucher, Sympathieträger schlechthin in der Kategorie der Seevögel, schaut den Leser-in-spe an, groß und in Farbe. Was für ein Schnabel, was für Füße.
Dazu passend die verkaufsfördernden Zitate. Die Financial Times übernimmt den Schnabel-Part: „Extraordinary … nothing less than a masterpiece.“ Für die Füße der Observer: „A gorgeous book, a poetic, soaring exploration … Generous and beautifully composed.“
Aus dem Leben der Papageitaucher | Entdecken Sie Algarve

Auch grottenschlechte Bücher haben euphorische Zitate. Nicht alle jedoch haben einen Papageitaucher auf dem Cover. Hier kann man unbedenklich seiner Sympathie folgen.
Zumal Adam Nicolson – wie ich finde zurecht – den Ruf genießt, ausgezeichnete Bücher zu einer erstaunlichen Bandbreite an Themen zu schreiben. In diesem Blog schon besprochen sein Buch über Homer. Ebenfalls erwähnen möchte ich z.B. sein beeindruckendes und berührendes Buch über den englischen Landadel über die Jahrhunderte am Beispiel ausgewählter Familien – „The gentry: stories of the English“.
Six Questions For Adam Nicolson — The Island Review

Der Inhalt

Nicolson schreibt elf Kapitel. Zehn davon widmen sich je einer Art der Seevögel. Der freundliche Papageitaucher vom Einband ist mit dabei, ebenso zum Beispiel Albatross, Sturmvogel, Möwe und Kormoran. Das letzte Kapitel greift den Buchtitel „The seabird’s cry“ wieder auf.

In den Kapiteln lernt man die Seevögel mit ihren ganz spezifischen Eigenschaften und Angewohnheiten, ihrem Lebensraum und ihrer Geschichte kennen. Der Daily Telegraph bemerkt passend: „he nails their personalities perfectly“.
Royal albatros/toroa: New Zealand sea and shore birds

Das Besondere

Drei Punkte möchte ich besonders hervorheben.

  • Nicolson macht immer wieder überzeugend deutlich, dass Seevögel intelligent sind – sicherlich auf eine andere Art und Weise intelligent als der Mensch, aber unzweifelhaft intelligent. Sie sind keine rein instinkt-getriebenen Automata, sondern Lebewesen, die offensichtlich Entscheidungen treffen und auch über erkennbare Individualität verfügen.
  • Nicolson verwebt in seinen Kapiteln naturwissenschaftliche Erkenntnisse, eigene Beobachtungen und Erfahrungen, historische Darstellungen, kulturwissenschaftliche Anmerkungen und auch Dichtung auf unauffällige, leichtgängige Weise zu sehr atmosphärischen, nuancenreichen, vieldimensionalen Porträts.
  • Schwarz-weiß malt Nicolson nicht. Weder ist die Natur, hier: die Seevögel,  wirklich immer nett, schön, paradiesisch: Manche Küken sterben vor Hunger oder werden von ihren Geschwistern getötet. Das liest man nicht gerne.
    Noch sind die Menschen immer nur naturzerstörerische Finsterlinge (wenn das auch sicherlich überwiegend zutrifft…). Natur- und Artenschutzbemühungen werden erwähnt. Allerdings ebenfalls die leichtfertige und beiläufige Grausamkeit, die einige ornithologische Experimente billigend in Kauf nehmen.
    In einem Fall werden Natur und Mensch sogar kombiniert. Einem Mann, der einen verletzten Vogel retten möchte, zerstört dieser Vogel ein Auge.

Die Hochachtung

Was nach jedem Kapitel bleibt, ist Staunen und Hochachtung. Für Seevögel, die an der Ostküste Nordamerikas ausgesetzt zu ihrem Nest in England zurückfinden, die mehr als 100 Meter tief tauchen, die enge Bindungen zu ihren meist lebenslangen Partnern aufbauen, die jahrelang lernen, bevor sie Küken in die Welt setzen.

Und Freude darüber, dass jemand ihnen ein so gelungenes, erfreuliches Buch widmet.

Eine Odyssee: Mein Vater, ein Epos und ich. Daniel Mendelsohn

Der Blog-Autor wundert sich

Das muss mir mal jemand erklären. Warum heißt das Buch auf Englisch: „An Odyssey: A father, a son and an epic“ und auf Deutsch: „Eine Odyssee: Mein Vater, ein Epos und ich“? Braucht es bei uns diesen Ich-Bezug? Ist es sonst für deutschsprachige Leser zu abstrakt? Oder rechnet man sonst hierzulande mit Verdrossenheit, wenn sich herausstellt, dass das Buch sehr autobiographisch ist, dies aber nicht gleich im Buchtitel deutlich wird? Der Siedler-Verlag, in dem das Buch erschienen ist, war da auch schon einmal anspruchsvoller. Sic transit gloria mundi.
Hotel-R | Best Hotel Deal Site

Und wenn wir schon bei Erklärungsbedarf sind: Warum findet sich dieses Buch auf der Bestenliste ausgerechnet in der Kategorie Sachbuch in der „Zeit“? Haben die das Buch nicht gelesen oder überlesen, dass es vor allem belletristisch oder alternativ biographisch ist? Vielleicht haben die Juroren der Bestenliste sich aber auch davon inspirieren lassen, dass das Buch schon einige, wenn auch weniger renommierte Preise in den USA bekommen hat: Best Book of the Year des National Public Radio, des Library Journal, von Newsday und von den Kirkus Reviews.
SwissEduc - Alte Sprachen - Realien: Materialien von Anton Hafner ...

Der Autor als bedeutendster Intellektueller

Daniel Mendelsohn, Jahrgang 1960, ist US-amerikanischer Staatsbürger, Professor für Klassische Philologie an einer mäßig bekannten Universität und gehört, wie der Klappentext einen wissen lassen möchte, „zu den bedeutendsten Intellektuellen in den USA“. Gut, das gelesen zu haben, damit die Messlatte richtig justiert ist. Dem Autoren tut der Siedler-Verlag damit keinen Gefallen.

Die Odyssee von Homer…

… ist Weltliteratur schlechthin. Neben der Ilias das klassische National-Epos der Griechen seit fast 3000 Jahren. Ein Höhepunkt der Dichtung gleich am Anfang der europäischen Literaturgeschichte. Kirke, Kalypso und Kyklopen.

Dickes Lob für Mendelsohn: Man erfährt viel über dieses Werk, seinen Autoren (oder waren es mehrere?), seine Sprache, seinen Aufbau, seine Erzähltechnik, seinen Inhalt, seine Überlieferungsgeschichte. Gut aufbereitet, nicht seicht, so dass man vielleicht sogar Lust bekommt, die Odyssee einmal (oder wieder?) zu lesen. Prima.

Wichtig für das Buch von Mendelsohn: In der Odyssee geht es unter anderem stark um Väter und Söhne: Laertes, dessen Sohn Odysseus, dessen Sohn Telemachos. Odysseus und Telemachos haben einander seit 20 Jahren nicht gesehen. Wahrscheinlich hat Telemachos keine eigene Erinnerung an seinen Vater. Und macht sich in der Odyssee auf die Suche.
The Cyclops Polyphemos and Odysseus from Sperlonga

Die Odyssee von Daniel Mendelsohn

Daniel Mendelsohn hat ebenfalls einen Vater (und zwei Großväter, die auch eine, wenn auch nachgelagerte, Rolle spielen). Sein Vater war immer verschlossen, abweisend, zurückhaltend mit Gefühlen. Ein Mathematiker. Mendelsohn möchte seinen Vater kennenlernen – und dieser wiederum vielleicht seinen Sohn – bevor es zu spät ist und der Tod dies unmöglich macht. Deshalb nimmt der Vater an einem Seminar seines Sohns teil, und sie fahren anschließend gemeinsam in Urlaub. Beides wird in diesem Buch beschrieben. Man erfährt viel über Mendelsohn und seine Familie. Der eine oder andere mag auch Lust bekommen, diese Familie näher kennenzulernen, oder fühlt sich an seine eigene Familie erinnert. Auch wäre so eine Reise im Mittelmeer gar nicht schlecht bei dem aktuellen Wetter.
A Father And Son Go On Their Last 'Odyssey' Together : NPR

Die Kombination aus beiden Odysseen…

… ist natürlich der Clou des Buchs. Das eben erwähnte Seminar befasst sich mit der Odyssee. Die gemeinsame Reise ist eine Kreuzfahrt im Mittelmeer zu den Schauplätzen der Odyssee. Daniel M. ist Telemachos, sein Vater Jay M. Odysseus. Beide Odysseen werden recht kunstvoll miteinander verwoben, gelegentlich vielleicht einen Hauch offensichtlich. Aber deutlich besser als im amerikanischen Fernsehen.

Ergibt ein Buch….

… das man gut lesen kann. Es ist unterhaltsam. Man erfährt etwas über Homers Odyssee. Ein nicht zu niederschwelliger Einstieg in die Weltliteratur. Eher etwas für Leser als Leserinnen, denn Frauen – wie auch in der Odyssee – spielen nun einmal nicht die Hauptrolle hier.

Und übrigens

Wer sich für die Odyssee interessiert, kann alternativ oder additiv auch das Buch über Homers Werke von Adam Nicolson „The mighty dead: why Homer matters“ lesen, besprochen ebenfalls in diesem Blog. Ein ausgezeichnetes Buch.

The Golden Thread – How fabric changed history. Kassia St Clair

„The Golden Thread“ von Kassia St Clair verfolgt die kulturhistorische Bedeutung von Textilien, also Stoff, durch die Jahrhunderte anhand von ausgewählten Beispielen. Jedes Beispiel ist eine interessante Geschichte für sich. Neben dem ungewöhnlichen und gut erzählten Inhalt gibt es eine weitere Besonderheit: „The Golden Thread“ ist ein ausgezeichnet gestaltetes Buch.

Stoff ist wichtig – auch im Vergleich mit Gold und Waffen

St Clair zeigt in ihrem Buch, wie sehr Forscher und Archäologen in der Vergangenheit darauf fixiert waren, wertvolle Gegenstände zu finden oder zumindest solche, denen ein hoher kultureller Wert zugeschrieben wurde. Also Gold, Rüstungen, Waffen, später Mumien, Töpfereien, Mauern. Jedenfalls sehr lange Zeit keine Stoffe. Ausgewickelt wurden zum Beispiel Mumien in der Regel mit nur geringer Aufmerksamkeit für das Leinen, in das sie eingewickelt waren, oder die Art der Wicklung. Und dies, obwohl erst das Leinen den mumifizierten Körpern im alten Ägypten die Reinheit verlieh, die Voraussetzung für das ewige Leben war.

„Our preoccupation with the bodies and treasures hidden within the linen, however, fails to capture the value and significance of the linen itself. Enormous effort and great quantities of linen went even into comparatively simple mummifications. (…) As a body was embalmed and enfolded, it was being transfigured into something worthy of veneration.”

Ein anderes Beispiel aus „The Golden Tread“ besteht in der Begeisterung der Archäologen für Wikinger-Schiffe, deren Größe, ihre Seetüchtigkeit, ihre Rolle für Beutezüge. So ein Schiff, so St Clair, lässt sich in zwei Wochen bauen, die großen Segel jedoch bedürfen der Arbeit einer größeren Gruppe für mehrere Monate. Und was wäre wohl ein Wikinger-Boot ohne Segel?

Von Textilien in der Höhle über Weltraumanzüge zu Sportkleidung für Weltrekorde

Die Kapitel in „The Golden Thread“ umfassen die Zeitspanne von 30.000 Jahre alten Fäden bis in unsere moderne Zeit. Die thematischen Schwerpunkte sind:

  • Anfänge des Webens
  • Ein- und Auspacker ägyptischer Mumien
  • Seide im alten China
  • Seidenstraßen
  • Die Woll-Segel der Wikinger
  • Wolle im mittelalterlichen England
  • Spitze und Luxus
  • Baumwolle, Amerika und Handel
  • Kleidung für Mount Everest und den Südpol
  • Die dunkle Vergangenheit synthetischer Stoffe
  • Anzüge für den Weltraum
  • Sportkleidung für Weltrekorde
  • Herstellung von Spinnenseide

Ästhetisch ansprechende Gestaltung des Buchs

Ein großer Genuss neben dem Inhalt von „The Golden Thread“ ist seine schöne Gestaltung bis in die Details hinein: Der Einband mit Gelb, Hellgrau und Gold auf Weiß spielt mit dem Motiv des Fadens. Jedes Hauptkapitel ist durch eine Grafik illustriert, die sich in Inhaltsverzeichnis, Kapiteltrenner und am Beginn der Unterkapitel wiederholt. Jedem Unterkapitel ist außerdem ein grafisch gestaltetes Zitat beigestellt, z. B. im Kapitel „Gifts and Horses“ über die Seitenstraße, vor dem Unterkapitel „5,000-Year Monopoly“: „Men plough – women weave“, chinesiches Sprichwort.

Ein tolles Buch; sehr empfehlenswert für alle, die sich für Kleidung, Textilien und deren Bedeutung in einer Gesellschaft interessieren.