Colour Bar – A United Kingdom. Susan Williams

„Colour Bar“ von Susan William erzählt von einer großen Liebe, politischen Winkelzügen, Rassentrennung und der Entwicklung Afrikas. Wie der Umschlagtext verrät: „The true story of a love that shook an empire”.

Dieses Buch habe ich richtig gerne gelesen, weil es ganz gegensätzlichen Ansprüchen gerecht wird. Es ist unterhaltsam, in Teilen geradezu spannend und es zeichnet politisches Weltgeschehen mit all seinen widersprüchlichen Zielen im Detail nach. Thematischer Fokus ist die Kolonialgeschichte des südlichen Afrikas in der Zeit von den späten 1940er Jahren bis in die 60er Jahre. Im Auge des Sturm stehen das heutige Botswana und der Prinz einer der Bevölkerungsgruppen.

Die Liebesgeschichte

1947 verlieben sich in London der Erbe eines afrikanischen Reichs und eine Versicherungsangestellte in leitender Position ineinander. Ruth Williams und Seretse Khama heiraten gegen alle Widerstände. Die afrikanische Gruppe der Bangwato akzeptiert schließlich die Frau ihres designierten Königs. Aber Großbritannien sowie die Weißen in Südafrika, dem damaligen Süd-Rhodesien und dem damaligen Südwest-Afrika halten es für fatal, eine gemischte Ehe zu akzeptieren. Das Buch skizziert gut nachvollziehbar an seinen beiden Hauptfiguren die letztlich rassistische Grundhaltung in der westlichen Welt nach dem Ende des 2. Weltkriegs.

„He was the heir to an African Kingdom. She was a white English insurance clerk. When they met and fell in love, it would change the world. This is the inspiring true story of Seretse Khama and Ruth Williams, whose marriage send shockwaves through the establishment, defied an empire – and finally, triumphed over the prejudices of their age”, so der Klappentext.

Botswana

Sehr gut nachvollziehbar schildert „Colour Bar“, wie sich die Kolonial-Politik Großbritanniens stark an den Bedürfnissen Südafrikas orientierte. Auf Druck Südafrikas wurden politische Entscheidungen getroffen, die expliziten Zusagen gegenüber der schwarzen Bevölkerung in diesen Ländern entgegen liefen. Lügen, militärische Gewalt, Exil und Haftstrafen waren hierbei übliche Mittel. Im damaligen Bechuanaland-Protektorat verhinderten die Briten den rechtmäßigen und von der Bevölkerung gewünschten Thronnachfolger Seretse Khama. Wie er uns seine Frau nach England ins Exil gingen, er auf die Nachfolge verzichtete, um zurückkehren zu können, und schließlich erster Präsident des unabhängigen Botswana wurde, erzählt das Buch.

Apartheid versus Unabhängigkeit für afrikanische Länder

Der Autorin Susan Williams gelingt es weiterhin nachzuzeichnen, auf welche Weise sich Wertvorstellungen in der westlichen Welt langsam änderten und dazu führten, dass Südafrika mit seiner Apartheidspolitik zunehmend allein da stand, Kolonial-Mächte bereit waren, afrikanische Länder in die Unabhängigkeit zu entlassen und generell die Aufmerksamkeit geschärft wurde für Ungerechtigkeiten gegenüber einzelnen Bevölkerungsgruppen.

„Colour Bar“ sollte man gelesen haben. Für weitere Anregungen geht es hier zur Buchbesprechung des Guardian.

Ohne Gnade – Polizeigewalt und Justizwillkür in den USA. Bryan Stevenson

GASTBEITRAG VON MACHI

„Ohne Gnade“ von Bryan Stevenson

Im deutschen Strafrecht gilt der Grundsatz „in dubio pro reo“ – „im Zweifel für den Angeklagten“. Daraus und aus dem hohen Stellenwert, den die Menschenwürde einnimmt, folgt der in der deutschen Justiz geltende Gedanke „lieber zehn Schuldige freizusprechen, als einen Unschuldigen zu verurteilen“.

Auch in den USA gilt die Unschuldsvermutung, doch scheint man dort wenig Wert darauf zu legen. Diesen Eindruck vermittelt zumindest das Buch „Ohne Gnade“ des US-amerikanischen Strafverteidigers Bryan Stevenson, der die in den USA herrschende Justizwillkür genau unter die Lupe genommen hat.

Laut Stevenson lebt in den Vereinigten Staaten ein größerer Prozentsatz der Bevölkerung im Gefängnis als in irgendeinem anderen Land der Welt. Die Zahl der Häftlinge stieg in den letzten 40-50 Jahren von 300.000 auf 2,3 Millionen an, was keinesfalls daran liegt, dass die Menschen dort krimineller werden, sondern mitunter daran, dass viele private Gefängnisbetreiber Millionen Dollar an Politiker spenden, damit diese neue Delikte erschaffen und längere Strafrahmen ermöglichen, wovon die privaten Gefängnisse wiederum finanziell profitieren. Pro Jahr gibt die USA fast 80 Milliarden Dollar für Haftanstalten aus, wobei es 1980 noch 6,9 Milliarden Dollar waren. In 23 Bundesstaaten gibt es kein Mindestalter, ab dem Kinder nach Erwachsenenstrafrecht verurteilt werden können. Seit 1973 wurden 144 Todeskandidaten nachträglich für unschuldig befunden und freigesprochen.

Neben diesen und vielen weiteren erschütternden Fakten und Zahlen liefert Stevenson Einblicke in die Schicksale seiner Mandaten – Männer, Frauen und Kinder, die viel zu voreilig und gnadenlos verurteilt wurden.

Männer wie Walter McMillian, der zu Unrecht im Todestrakt landete, obwohl mindestens 20 Zeugen bestätigen konnten, dass er zur Tatzeit ein Alibi hatte, und dessen Prozess ausschließlich von Korruption geprägt war.

Frauen wie Marsha Colbey, die nach einer Totgeburt wegen Mordes verurteilt wurde, obwohl es keine stichhaltigen Beweise dafür gab, dass das Kind bei Geburt lebte.

Und Kinder wie der 14-jährige Charlie, der den gewalttätigen Freund seiner Mutter nach einer heftigen Auseinandersetzung, nach welcher er seine Mutter tot glaubte, aus Verzweiflung erschoss und später nach Erwachsenenstrafrecht angeklagt und zum Tode verurteilt wurde, da der besagte Freund ein Polizeibeamter war.

Diese und andere Fälle verdeutlichen wie leichtfertig die Justiz in den USA Menschen lebenslänglich wegsperrt und zum Tode verurteilt, anstatt sich damit auseinander zu setzen, ob sie tatsächlich schuldig sind oder wie man sie resozialisieren und wieder in die Gesellschaft eingliedern könnte.

An dieser Stelle tritt Bryan Stevenson ein, um den Verurteilten eine Stimme zu geben und humanere und verhältnismäßige Urteile zu erwirken.

Abgesehen von einigen Grammatik-und Rechtschreibfehlern der deutschen Übersetzung, über die man jedoch aufgrund des fesselnden Inhalts gut hinwegsehen kann, ist das Buch jedem zu empfehlen, der sein Gerechtigkeitsempfinden verstärken und über das gegenwärtige massive Unrecht in den USA informiert sein möchte.

The Militant Muse – Love, War and the Women of Surrealism. Whitney Chadwick

“The Militant Muse” von Whitney Chadwick zeigt durch biografische Skizzen von acht Frauen, dass Surrealismus keine reine Männerdomäne war. Das ist ein großes Verdienst dieses Buchs.

The Militant Muse: Love, War and the Women of Surrealism

Ohne dieses Buch hätte ich einige dieser Künstlerinnen nicht kennengelernt: Claude Cahun, Suzanne Malherbe, Lee Miller, Valentine Penrose, Leonora Carrington, Leonor Fini, Frida Kahlo, Jacqueline Lamba (siehe Beispiel).

Bildergebnis für lamba jaqueline surrealismus

Ungewöhnliche Frauen – interessante Künstlerinnen

Das Buch bietet einen faszinierenden Ausschnitt der Lebensentwürfe der Künstlerinnen zwischen den 1930er und 1950er Jahren. Das ist interessant und gut zu lesen, gerade auch deshalb, weil fast alles so nicht zum Allgemeinwissen gehört.

Besonders beeindruckt hat mich der biografische Abriss über Lee Miller. Miller sah als Fotografin den 2. Weltkrieg aus unmittelbarer Nähe. Ihre Fotos machten sie berühmt, setzten diese doch in ihrer Klarheit und Unmittelbarkeit neue Standards für die Kriegsberichtserstattung.

Bildergebnis für Lee Miller

Miller fand es nach Ende des Krieges nicht einfach, mit all dem Grauen, das sie gesehen hatte, zu leben. All ihre Fotos und Negative packte sie in Kisten. Ihr Sohn wuchs auf, ohne zu wissen, dass seine Mutter eine berühmte Fotografin war…

„The Militant Muse documents what it meant to be young, ambitious and female in the context of an avant-garde movement defined by celebrated men whose educational, philosophical and literary backgrounds were often quite different from those of their younger lovers and companions.” (Klappentext)

Erzählform

Die Lebensläufe zweier Frauen jeweils zusammen zu erzählen, ist eine interessante Methode. Noch besser als Chadwick haben dies meiner Auffassung diese Autorinnen getan

  • „Flappers“ über Frauen der 1920er Jahre von Judith Mackrell
  • „Shared Lives“ über junge Frauen, die in den 1950er Jahren in Südafrika aufwachsen von Lyndall Gorden
  • Doppelbiografie „Leni Riefenstahl und Marlene Dietrich“ von Karin Wielands

Surrealismus und…

Der große Rahmen Surrealismus wird von Chadwick als bekannt vorausgesetzt, seine berühmten Protagonisten – z. B. Max Ernst und André Breton – erhalten viele Buchstaben. Von der „Militant Muse“ hätte ich mir außerdem gewünscht, vom rein nacherzählten Biografischen auch einmal eine Zusammenfassung, ein Fazit, eine Conclusio auf abstrakter Ebene zu bekommen. Zum Beispiel hätte das Motiv der „Muse“ in der Geschichte der modernen Malerei und die damit verbundene Rollenerwartung an die Frauen mehr Hintergrund-Information und historische Einordnung vertragen. Ebenso wären die konkreten Gründe, die dafür sorgten, dass eine junge Künstlerin zwischen 1930 und 1950 erfolgreich wurde oder eben nicht, spannend gewesen. War es die Ausbildung, das Elternhaus, der Partner, die Persönlichkeit, der Zufall, das Geld…?

Nachdem ich das Buch beendet hatte, schien es mir, als hätte ich eine Materialzusammenstellung aus Inhalten gelesen, die bei anderen Anlässen irgendwie übrig geblieben waren…

Re-creating Ourselves – African Women & Critical Transformations. Molara Ogundipe-Leslie

Dieses Buch beschreibt die Rolle afrikanischer Frauen in verschiedenen Kulturen und unterschiedlichen historischen Kontexten aus einer feministischen Perspektive.

Ich habe es in einem Buchladen für gebrauchte Bücher gekauft. Nach dem Kauf hatte ich gemischte Gefühle und Erwartungen.

Was ist gut an „Re-creating Ourselves“?

Viele Aspekte waren für mich ganz und gar neu. So zum Beispiel die Möglichkeit von Frauen in afrikanischen Kulturen, eigenständig unternehmerisch tätig zu sein, Ämter zu bekleiden, oder der Schutz, den traditionelle Gemeinschaften Frauen vor der Gewalt ihrer Ehemänner bieten konnten.

Faszinierend finde ich, dass Frauen in der Familie des Vaters oder Bruders männliche Rollen annehmen konnten: Sie konnten in einer Männerrolle „heiraten“ oder die Rolle eines Sohns einnehmen.

Die auch in den traditionellen Gesellschaften mit angelegten Tendenzen, Frauen gering zu schätzen, bekam eine äußere Verstärkung durch die Kolonialmächte: Diese besetzten alle irgendwie relevanten Machtpositionen von Schwarzen immer mit Männern. Hierdurch unterhöhlten oder zerstörten sie potenziell ausgleichende Strukturen, die auch Frauen eingebunden hatten.

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Mit Leidenschaft und Sachkenntnis geht Ogundipe-Leslie die Haltung an, sich zum Sprecher oder zur Sprecherin ungebildeter Frauen aus dem ländlichen Raum zu machen, egal wie gut die Absicht. Sie insistiert darauf, dass auch diese Frauen etwas zu sagen haben und dass man Wege finden muss, sie zu hören.

Ogundipe-Leslie wendet sich ebenfalls gegen eine – nach ihrer Analyse – übliche moderne Rollenzuschreibung für Frauen: Die afrikanische Frau sei dazu da, die Gegenwart mit der traditionellen Vergangenheit zu verbinden; die Männer hätten die Aufgabe, die Gegenwart auf die Zukunft auszurichten.

Was ist weniger gut?

Die für mich eher ungewohnte Schriftsprache von wissenschaftlichem afrikanischem Englisch war für mich nicht immer einfach zu lesen. Insgesamt war das Buch prima, aber mit 253 Seiten zu lang.

Inhalt: Kapitel-Auswahl

  • African Woman, Culture and Another Development
  • Studying Women Through Literature: Theses on Rural Women in Africa
  • The Proletarian Novel in Africa
  • The Representation of Women
  • The Bilingual to Quintulingual Poet in Africa
  • Sisters are not Brothers in Christ

Die Autorin von „Re-creating Ourselves“

Omolara oder Molara Ogundipe-Leslie wurde 1940 geboren. Sie ist eine nigerianische Dichterin, Kritikerin und Feministin. Sie gilt als wegweisende afrikanische Schriftstellerin zu den Themen Afrikanischer Feminismus, Literaturtheorie und Gender Studies, sie ist eine Gesellschaftskritikerin und anerkannte Authorität zu afrikanischen, schwarzen Frauen. Zu ihrer Bekanntheit haben die Bücher beigetragen „Not Spinning on the Axis of Maleness“ und die Anthologie „Sisterhood Is Global: The International Women’s Movement Anthology“.

„Born Abiodun Omolara Ogundipe in Lagos, to a family of educators and clergy, she graduated (BA English Honours) as the first Nigerian with a first-class degree from the University of London. She later earned a doctorate in Narratology (the theory of narrative) from Leiden University, one of the oldest universities in Europe. She has taught English Studies, Writing, Comparative Literature and Gender from the perspectives of cultural studies and development at universities in several continents. She rose to prominence early in her career in the midst of a male-dominated artistic field concerned about the problems afflicting African men and women.“ (Wikipedia)

Zum Buch

“Re-creating Ourselves” ist eine Art Bestandsaufnahmen in der Form von Aufsätzen. Ein wichtiger Aspekt ist hierbei, zu dokumentieren, zu welchem Anlass eine Rede gehalten oder ein Aufsatz erschienen war. Dies führt zu vielen inhaltlichen Wiederholungen. Das Buch ist 1994 erschienen. Die Autorin folgt einem marxistisch-feministischen politischen Ansatz.

Weitere Bücher zu Afrika:

The First Artists – in Search oft the World´s Oldest Art. Michel Lorblanchet und Paul Bahn

„The First Artists” stellt die frühesten Artefakte der Menschheit vor und beschäftigt sich mit der Frage, wie alt diese frühen Zeugnisse sind. Das meiste ist verloren: Körperbemalung und Federschmuck erhalten sich nicht. Was bleibt, sind Bearbeitungen von extrem haltbaren Materialien wie Stein oder manchmal Knochen.

Wie alt ist die älteste Kunst?

Vor 3 Mio. Jahren sammelten Hominiden ungewöhnlich aussehende Steine und Fossilien. Rote Ocker-Farbe – durch Erhitzen entstanden – wurde zum Malen bereits vor mindestens 300.000, vielleicht sogar 400.000 Jahren verwendet. Die Verwendung von Pigmenten – auch schwarzem Mangan-Dioxid – trat stärker vor 70.000 und 40.000 Jahren auf. Steinwerkzeuge entstanden bereits vor 2,7 Mio. Jahren. Handäxte, die vor ca. 500.000 Jahren entstanden, zeigen deutlich, dass neben dem Verwendungszweck ästhetische Kriterien für das Werkzeug eine Rolle spielten. Figurative Darstellungen sowohl auf Landmarken wie in transportabler Form lassen sich seit der Zeit vor 35.000 bis 40.000 Jahren belegen. Das ist lange her…

„Current research may soon confirm that, before modern humans, Neanderthals were the first artist-painters on walls, through a few modest productions: dots, hand stencils and peckings.”

Ganz und gar verblüfft hat es mich, dass die ganz frühen Höhlenmalereien dadurch entstanden, dass Farbe mit dem Mund auf die Wandflächen gesprüht wurde.

Kratzspuren von Bären oder Finger-Malerei?

Die Autoren gehen in ihrem Buch chronologisch vor, zeigen und besprechen typische Beispiele von Artefakten. Besonders gut gefällt mir die Gegenüberstellung von Beispielen, die für mein laienhaftes Auge völlig gleich aussehen, von denen dann jedoch eines tatsächlich von Menschen gemacht und ein anderes zum Beispiel durch Bären verursacht wurde.

Pochen auf wissenschaftliche, archäologische Methode

Das Buch von Lorblanchet und Bahn zeichnet sich dadurch aus, ein gründliches, nachdenkliches Buch zu sein, in welchem Argumente, Hinweise und Belege unterschieden und jeweils klar benannt werden. Die spontane, zündende Idee, der alles andere weichen muss, ist nicht die Sache der Autoren. Dies macht ihr Buch manchmal etwas trocken, hin und wieder schwer zu lesen. Aber das, was sie sagen, hat Hand und Fuß. Ihr Buch gibt den Forschungsstand zu prähistorischer Kunst weltweit wieder. Zusätzlich bieten sie ein gut belegtes Plädoyer, immer und bei jeder Gelegenheit die Werke systematisch zu untersuchen, damit überhaupt eine Basis für das Verständnis früher Kunst vorhanden ist.

Nicht alles ist Kult

Ganz besonders ist Lorblanchet und Bahn das emotionale, einfühlende Verständnis mancher Wissenschaftler ein Graus, die lieber überall die Beweise für kultisches Handeln der frühen Menschen sehen wollen, als eine methodisch angemessene, wissenschaftliche Bestandsaufnahme von Funden zu machen. An mehreren Bespielen zeigen die Autoren in „The First Artists“, dass vermeintliche geometrische Kratzspuren auf Knochen der natürlichen Zersetzung des Materials geschuldet oder scheinbar gemalte Figuren nur die Folge von Geschiebe im Gestein sind…

Und irgendwie gelingt es den Autoren, so ganz ohne wahrnehmbare Bosheit einfach nüchtern Fazit der Belege zu ziehen. Beeindruckend.

Außerdem interessant sind

  • Der Film „Die Höhle der vergessenen Träume“ von Werner Herzog über die Malereien in der Höhle von Chauvet
  • „The Mind in the Cave“ von David Lewis-Williams
  • “Visions from the Past – The Archaeology of Australian Aboriginal Art” von M. J. Morwood mit vielen schönen Fotos

Chinesische Tapeten in Großbritannien und Irland. Emile de Bruijn

Chinesische Tapeten, als ob es sonst nichts gäbe, womit man sich beschäftigen könnte!

Tapeten: eine chinesische Erfindung
Dabei haben fast alle Menschen in Deutschland Tapeten in ihren vier Wänden. Und kaum einer weiß, dass zu den vielen Dingen, die ursprünglich in China erfunden worden sind, auch die Tapete gehört, erstmals wohl während der Han-Dynastie um Christi Geburt, ab dem 4. Jahrhundert auch und zunehmend in Papierform.

Gestalterisch geprägt wurden diese chinesischen Tapeten von der traditionellen chinesischen Malerei. Damit waren sie auch eher ein Gegenstand der Kunst und weniger des Designs oder schlicht der Innendekoration. Die Motive: Florales mit Vögeln und Insekten oder Landschaften oder Genreszenen oder Kombinationen hiervon.

Chinesische Tapeten: ein Exportschlager in Europa
Der Export chinesischer Produkte insgesamt nach Europa gewann im 16. Jahrhundert an Bedeutung. Tapeten im heutigen Sinn wurden ab der Mitte des 18. Jahrhunderts in diesem Geschäft wichtig. Die Glanzphase dauerte dann bis in das frühe 19. Jahrhundert. Wichtig dabei: chinesische Tapeten hatten immer viel mit Handarbeit zu tun. Zwar wurden im 18. Jahrhundert auch Holzschnittdrucke verwendet, aber diese wurden von Hand ausgemalt. Anschließend war die Mehrzahl der Tapeten komplett handgemalt, meistens gemalt nach Mustern, die vielfältig variiert und kombiniert wurden.

Damit erklärt sich auch, dass solche Tapeten keine Massenprodukte waren. Sie kosteten im 18. Jahrhundert etwa siebenmal so viel wie europäische Tapeten. Für eine einzige Tapetenbahn hätte ein Pfarrer etwa einen Monat arbeiten müssen.

Chinesische Tapeten: Ein Spätzünder am Kunstmarkt und in der Forschung
Obwohl relativ viele alte chinesische Tapeten in Europa erhalten sind, waren sie lange Zeit ein Mauerblümchen am Kunstmarkt und in der Forschung. Richtig erschlossen wurde es dann in den 1980er Jahren von einer Deutschen, Friederike Wappenschmidt, von der auch das Standardwerk „Chinesische Tapeten für Europa: Vom Rollbild zur Bildtapete“ stammt.

Das Buch von de Bruijn
Das in englischer Sprache als „Chinese Wallpaper in Britain and Ireland“ 2017 erschienene Buch von de Bruijn könnte dem Thema viel neuen und verdienten Schwung nicht nur auf den britischen Inseln verleihen. Die Illustrationen sind zahlreich, durchgängig in Farbe, von ausgezeichneter Qualität (außer wo Tapeten nur durch Schwarzweiß-Fotos überliefert sind). Der Text ist sehr zugänglich geschrieben. Der Autor kennt sich aus. Und – ein nicht sehr häufiges Glück – er bringt den historischen, sozialen, kulturellen, handwerklichen Kontext mit ein, sowohl in Europa als auch in China. Ein wirklicher Genuss, rundherum.

Muss man also den europäischen Kontinent verlassen, um sich alte chinesische Tapeten im Original anzuschauen?
Muss man nicht. Auch in Deutschland gibt es gut erhaltene, hochwertige Beispiele. In und bei Berlin in Schloss Charlottenburg, Schloss Rheinsberg; Wörlitz ist vertreten; München durch Schloss Nymphenburg mit der Amalien- und Badenburg; in Hessen die Hallenburg in Schlitz und Schloss Hohhaus in Lauterbach; Baden-Württemberg hat Schloss Schwetzingen; Franken Veitshöchheim, Werneck und Bayreuth. Die Liste lässt sich noch eine Weile fortsetzen. Am vollständigsten für Deutschland findet man sie im genannten Buch von Wappenschmidt.

Und für die eigenen vier Wände?
Wenn man das nötige Kleingeld hat, kann man sich auch weiterhin handgemalte chinesische Tapeten gönnen. Firmen wie de Gournay und Fromental lassen weiterhin in China arbeiten. Und für den etwas budget-orientierteren Menschen finden sich auch bei anderen Tapeten- oder sogar Fliesenherstellern immer wieder Designs, die mehr oder weniger gelungen von den Originalen des 18. und 19. Jahrhunderts inspiriert sind.

Sollte sich jetzt jemand noch mehr für China interessieren: In diesem Blog gibt es hierfür sogar eine Extraseite!

Meine Bücher des Jahres 2017

Andere Medien machen das ja auch: Listen erstellen zum Ende eines Jahres. Das lässt sich auf Halde produzieren, so dass man an und zwischen den Feiertagen nicht arbeiten muss oder zumindest nicht in Stress gerät.

Diese Liste ist anders. Sie lag nicht auf Halde, sondern wird jetzt in diesem Moment gerade frisch produziert. Außerdem ist sie kurz.

Meine Bücher des Jahres 2017 also.

Mit Abstand an der Spitze ein echter Außenseiter:

  • Der „Tractatus theologico-politicus“ von Baruch Spinoza.
    Auch im Rückblick mehrerer Monate bin ich immer noch beeindruckt von der Intelligenz, Unbestechlichkeit und dem Mut des Autoren. Finden seine Thesen höchst bemerkenswert und zum großen Teil sehr relevant für die heutige Zeit. Und bin fasziniert von der Klarheit seiner Sprache und Argumentation.
    Ergänzend hierzu – als Starter oder Abrunder – das Buch über dieses Buch von Nadler über „A book forged in hell
  • The most perfect thing: inside (and outside) a bird’s egg“ von Tim Birkhead
    Mein Sachbuch des Jahres. Viel Erstaunliches und Wissenswertes über etwas völlig Alltägliches: Das Vogel-Ei. Flott geschrieben von einem Experten.
  • Death of an avid reader“ von Frances Brody
    Meine Krimi-Entdeckung des Jahres. Zwar sind die neuesten ihrer Bücher nicht mehr ganz so gut – wahrscheinlich ist der Zeitdruck zu groß? – aber spannend, intelligent geschrieben, klassischer-Krimi-formatiert sind sie alle. Und im Unterschied zu vielen anderen thematisiert diese Autorin, ohne damit zu einer Problem-Schriftstellerin zu werden, auch die traumatisierten Folgen eines Weltkriegs.
  • The caravanersvon Elizabeth von Arnim
    Ein echter Klassiker, wirklich allerbeste Unterhaltungsliteratur mit tiefen Einsichten über den deutschen männlichen Charakter.
  • One crimson thread von Mícheál Ó Siadhail
    Jetzt muss ich etwas schummeln, denn diesen Gedichtband habe ich bereits 2016 gelesen. Ich finde aber, dass er auch für 2017 seine Spitzenposition auf meiner Liste verdient. Sehr berührend. Großartig geschrieben.

Die Autoren im Überblick:


Ein frohes neues Bücherjahr!

NEU: Jane Austen – die besten Bücher über sie

Neu in Buch-und-Sofa

Unter „Die besten Bücher…“, unserer Zusammenstellung von guten Büchern zu bestimmten Themen, gibt es nun auch Empfehlungen von Büchern über Jane Austen.

Jane Austen and Representations of Regency England

Hat Jane Austen nur romantische Liebesgeschichten geschrieben?

Hat sie nicht. Der Wert des Geldes, die Rolle von Krieg, die Wahlmöglichkeiten von Frauen und vieles andere mehr sind ebenfalls ihre Themen. Kluge und nachdenkliche Bücher zu ihrem Werk zeigen, wie komplex, professionell, humorvoll, wie boshaft die Autorin schreib.

War Jane Austen eine weltfremde Dame der höheren Gesellschaft?

War sie nicht. Das Image der zurückgezogenen, feinen, bescheidenen, religiösen und ganz in der weiblichen Rolle aufgehenden Frau war eines, an dem nach Austens Tod ihre Verwandten heftig gefeilt haben.

Weshalb heute noch Jane Austen lesen?

Aus formalen wie aus historischen Gründen. Und aus reinem Vergnügen. Ihre Texte sind von außerordentlicher Qualität, sie hat Erzähl-Methoden erfunden, die wir heute für selbstverständlich halten. Ihre Texte spiegeln eine interessante historische Phase. Jane Austen lesen macht Spaß.

Unsere Buch-Besprechungen zu Jane Austen gibt es hier…

The country house library. Mark Purcell

Das richtige Buch zu Weihnachten. Ideal für den Sofatisch. So stabil, man kann auch Sachen darauf abstellen. So wie eine Bibliothek: Sieht gut aus, auf den Inhalt kommt’s nicht an. Das sieht Mark Purcell, der Autor dieses Buchs über die Geschichte der „country house library“ anders.

Purcell ist Experte: Bereits beim englischen National Trust war er für die zahlreichen Bibliotheken zuständig, die in dessen Besitz sind; aktuell ist er Deputy Director der Universitätsbibliothek in Cambridge. Mit etwas Glück kann man zu einem seiner Vorträge kommen.

Erstaunlich findet er, dass die Bücher fast nie eine Rolle spielten. Der National Trust fand Architektur, Möbel, Gemälde, Porzellan immer viel wichtiger. Häufig wurden die Bibliotheken in den National Trust-Häusern auch gar nicht gezeigt, die Bücher nicht katalogisiert und nur mäßig konserviert. Bestenfalls waren sie Staffage: Gemütlich, heimelig, schön fürs Wohnzimmer (mittlerweile gibt es ja auch Büchertapeten: praktisch für den Umzug).

Purcell schafft Abhilfe. Er bietet eine Geschichte der Bibliothek in Privathäusern wohlhabender Kreise in Großbritannien und Irland bis fast zur Gegenwart. Besonderen Fokus legt er dabei auf den Inhalt, auf die Bücher selbst – welche Bücher? wo gekauft? wie gebunden? von wem gelesen? wann weiterverkauft? wo gelandet?….
Eine überraschende Erkenntnis, die vielen Vorurteilen widerspricht: Die meisten Bücher in diesen Bibliotheken wurden tatsächlich und auch intensiv gelesen!
Käufe alter Bücher mit attraktiven Einbänden am laufenden Meter sind ein eher neues Phänomen.

Das Buch ist schön mit vielen gelungenen und relevanten Abbildungen. Es ist sehr informativ, da der Autor sich wie gesagt wirklich mit der Materie auskennt. Eine Schwäche hat es aber dennoch. Purcell ist eher ein Mensch des Details, von denen er viele geschickt aneinanderreihen kann (und noch viel mehr in der ausgezeichneten Bibliographie versteckt!). Entwicklungslinien, Muster, Einordnungen in den größeren kulturellen Kontext sind da nicht ganz so seine Stärke, oder er wollte es in diesem Buch nicht so zeigen. Ein kleiner Mangel in einem großen Buch.

Mehr über Bibliotheken und Bücher findet sich in diesem Blog auch hier.

Poor People. William T. Vollmann

Poor People ist ein Buch über die Armut in der Welt, welches arme Menschen und deren Leben in den Mittelpunkt stellt.

Poor People – eine Reise um die Welt

Vollmann reist zu Elendsvierteln der Welt nach Thailand, in den Jemen, in die USA, nach Kolumbien, nach Vietnam, Afghanistan, nach Russland, China und Japan… Er stellt den „armen“ Menschen, die er trifft, ein paar einfache Fragen:

  • „Sind Sie arm oder reich?“
  • „Warum sind manche Menschen arm, andere reich?“
  • „Wer ist Schuld daran?“

Die Antworten sind alles andere als einfach, die Begründungen ebenso wenig.  Einige der Interviewten bezeichnen sich als reich. Viele geben als Gründe für ihre Lage an: eigene Schuld, ein einschneidendes äußeres Ereignis, das Schicksal. Vollmann erfragt in seinen Gesprächen, für die er seine Gesprächspartner und -partnerinnen bezahlt, deren Lebensgeschichten. In diesen Porträts zeigt er Behutsamkeit und Respekt. Auch hierbei macht er es sich selbst nicht leicht: Nie vergisst er die Tatsache, ein reicher Mann zu sein, der einen weniger vermögenden Menschen befragt und die Antworten mit Geld bezahlt. Keine vorgefertigte Meinung zu haben, keine einfachen Lösungen parat zu haben und die eigene Perspektive immer wieder kritisch zu hinterfragen, das macht den Autor und sein Buch „Poor People“ zu etwas Besonderem.

Was ist Armut?

Laut „Handbook of Income Distribution, 2000“ sind Statistiken über Armut nicht immer hilfreich: Je nach Veröffentlichung stieg die Armut in Irland stark an, ein wenig, veränderte sich nicht oder sank… Obwohl die gleichen Daten aus zwei Jahren verwendet wurden. Die Kurzdefinition der UN zeigt Pragmatismus, berücksichtigt jedoch nur die materielle Seite der Armut: „Poverty is an income of less than four dollars a day.“ Vollmann versucht dagegen, auch die nicht-materiellen Seiten der Armut in den Blick zu nehmen: „Poverty is wretched subnormality of opportunity and circumstances.“ Am intensivsten setzt er sich mit einer Definition Adam Smith´auseinander: „Every man is rich or poor, to the degree in which he can afford to enjoy the necessaries, conveniencies, and amusements of human life. But after division of labour has once thoroughly taken place, it is but a small part of these which a man´s own labour can supply him.“

Erscheinungen der Armut

Im Kapitel „Phenomena“ zeichnet Vollmann ein Bild der verschiedenen Erscheinungsformen und Begleiterscheinungen von Armut. Er beschäftigt sich mit:

  • Invisibility
  • Deformity
  • Unwantedness
  • Dependance
  • Accident-prone-ness
  • Pain
  • Numbness
  • Estrangement

Ganz und gar ungewöhnlich ist Vollmanns Haltung, Menschen nicht zu verurteilen, die Alkohol, Drogen, Verdrängung nutzen, um ihren Alltag zu bewältigen. Er versucht, deren Verhalten zu respektieren: „You (Leser/Leserin) are rich, so tell me: Who does make you? What would they have been had poverty not diminished them? Would they be any happier? (…) Who would Sunee be were she not an illiterate, self-hating, furiously resigned drunk? In any event, the darkness of her incompletion, such as it is, may approximate the darkness of my own blindness.“

Bilder von Menschen

Der hintere Teil von „Poor People“ enthält schwarz-weiß Fotografien der Menschen, die der Autor getroffen und gesprochen hat. Die meisten diese Bilder sind Porträts, in denen die Fotografierten die Betrachtenden direkt anschauen.

Der Autor William T. Vollmann

Vollmann ist ein US-Autor und Journalist, der regelmäßig Krisengebiete bereist und seine Erfahrungen literarisch verarbeitet. Zum Beispiel in „An Afghanistan Picture Show, or, How I Saved the World“. Anfang 2004 erschien „Rising Up and Rising Down“, eine 3.300 Seiten lange, siebenbändige, illustrierte Abhandlung über Gewalt. Vollmann hat daran über 20 Jahre lang gearbeitet und versucht, umfassend die Ursachen und Folgen von Gewalt zu untersuchen sowie die mit ihr verbundenen ethischen Fragen. Ein großer Teil des Textes besteht aus Vollmanns eigenen Reportagen über Orte voller Gewalt wie Kambodscha, Somalia und Irak. Vollmanns übrige Werke beschäftigen sich oft mit Geschichten von Menschen am Rande des Krieges, der Armut und der Hoffnung. Viele Kritiker rühmen die Kühnheit und Originalität seiner Werke, die oft Techniken fiktiven und journalistischen Schreibens vermischen, wie auch sein immenses Wissen und die Schönheit seiner Prosa.

In „Buch und Sofa“ haben wir bereits dieses Buch von Vollmann besprochen: „Kissing the Mask – Beauty, Understatemnet and Femininity in Japanese Noh Theatre“.