Big sister, little sister, red sister. Jung Chang

Gerade vor wenigen Tagen habe ich ein schon ein Buch von Jung Chang besprochen, ihre Biographie über die chinesische Kaiserinwitwe Cixi. Als ich damit fertig war, sah ich, dass gerade ein neues Buch von Chang erschienen ist. Die Mehrfachbiographie zur Übergangszeit zwischen Qing-Dynastie und kommunistischer Regierung in China hat drei Schwestern der Familie Song, die Song-Schwestern, zum Thema.

Song Ailing, die älteste der Song-Schwestern, wurde zu einer der reichsten Frauen Chinas. Song Qingling, die mittlere Schwester (im Buchtitel die rote Schwester, da Kommunistin), heiratete Sun Yatsen und wurde später unter Mao Vizepräsidentin Chinas. Song Meiling, die jüngste, heiratete Chiang Kaishek und wurde dadurch ebenfalls zu einer First Lady in China. Alle kamen also groß heraus – und alle standen politisch weit voneinander entfernt.

Eingewoben in diese Dreier-Biographie der Song-Schwestern sind noch zwei weitere: über Sun Yatsen und über Chiang Kaishek. Mao wäre wahrscheinlich noch dazu gekommen, aber über den hat Chang gemeinsam mit ihrem Ehemann schon eine separate Biographie geschrieben. Der Gatte der ältesten Schwester dagegen bot offensichtlich nicht genügend Stoff, um ihm deutlich mehr Aufmerksamkeit zu widmen.

Auch in diesem Buch gelingt es Chang, ihre Leser (und Leserinnen) zu fesseln. Sie schreibt unverändert flott, spannend und einfach. Der Gefahr, sich in den Wirren der Zeit und in den sehr unterschiedlichen Charakteren zu verheddern und den Überblick zu verlieren, entgeht sie souverän: Das Buch ist sehr gut und geschickt strukturiert.

Wie schon in der Biographie über Cixi war ich erstaunt, wie wenig ich tatsächlich über diese Zeit wusste und wie stark meine Meinungen durch Meinungsmache (nicht nur seitens Chinas) beeinflusst waren. Allein schon dafür, hier etliches gerade oder zumindest in ein anderes Licht zu rücken, gebührt Chang viel Dank.

Trotz all dieser positiven Aspekte war ich beim Lesen immer wieder etwas genervt und unzufrieden.

  • Mich hat gestört, dass Chang mit mehr als einem Hauch von Selbstzufriedenheit immer wieder auf ihre eigene Biographie über Mao verweist.
  • Und ich hatte den Eindruck, dass Chang gelegentlich einem Hang zu Klischees erliegt, dass sie eine Neigung dazu hat, ihre Hauptpersonen zu stilisieren. Ich bin mir zum Beispiel sicher, dass sie Sun Yatsen nicht schätzt – aber weiß nicht, ob er wirklich so ausschließlich egoistisch und opportunistisch war, wie sie ihn darstellt. Auch ist mir nicht klar, ob Chang die Meinung hat, Frauen sind nur als Mütter glücklich, und so den Kummer der Kinderlosigkeit in die mittlere und jüngste Schwester hineininterpretiert – oder ob dieser Kummer tatsächlich durch Quellen belegbar ist. Jedenfalls zwischenmenschelt es in diesem Buch überraschend häufig.
  • Außerdem erzählt Chang so, als ob es praktisch keine Zweifel gäbe. So, wie sie es erzählt, muss es gewesen sein. Für sie ist die Quellenlage immer eindeutig. Und das stimmt einen ein wenig skeptisch.

Dennoch, in Summe einen lohnendes und spannendes Buch. Aber vielleicht sollte man auch noch einen anderen Autoren zum Vergleich lesen.

Kaiserinwitwe Cixi. Jung Chang

Dieses Buch über Cixi, die letzte Herrscherin Chinas vor dem Ende des Kaiserreichs und dem Beginn des Kommunismus, habe ich mit großer Überraschung und viel Vergnügen gelesen.

Meine Erwartung war bereits recht hoch. Hatte ich doch früher schon ein anderes Buch der Autorin, „Wilde Schwäne, Die Frauen meiner Familie“, gelesen, ebenfalls eine Biographie, jedoch in diesem Fall über ihre eigene Familie. Damals fand ich, dass Jung Chang sehr informativ, einfühlsam und flott schreibt, und mir vorgenommen, bei Gelegenheit ein weiteres ihrer Bücher zu lesen.

Das Buch über Cixi, erschienen in englischer Sprache im Jahr 2013 (die deutsche Übersetzung folgte bereits 2014), beschäftigt sich mit einer Frau, die für mich bisher eher negativ besetzt war, die – wie ich dachte  und andernorts gelesen hatte – viel mit dem Scheitern zu tun hatte: Unter ihr ging es richtig bergab mit dem chinesischen Kaiserreich, intrigant, brutal und rücksichtslos, der Tradition verhaftet, eine Feindin jeglicher Modernisierung. Ein echtes Anti-Vorbild. Auch der aktuelle Wikipedia-Beitrag über die Qing-Dynastie widerspricht hier nicht….
Diese Sperrigkeit wurde vielleicht noch verstärkt, da Cixi auf praktisch keinem ihrer Fotos lächelt, und durch ihren Namen, bei dem man in Deutschland nicht so genau weiß, ob „Zicksi“ (?) oder „Kicksi“ (?)  ein schlechter Scherz sein soll oder ernst gemeint ist. Man redet mal besser nicht über sie, bevor man den Namen eventuell falsch ausspricht.

Nach dem Lesen dieses Buchs ist mein Bild Cixis deutlich anders. Nicht erfahren habe ich darin, dass die richtige Aussprache ihres Namens eine andere ist: 慈禧 spricht sich „zöchi“ aus, die erste Silbe mit der Stimme nach oben, die zweite erst tief, dann nach oben gezogen. Klingt ganz interessant. Die beiden Silben ihres Namens bedeuten „barmherzig, freundlich“ und „Glück“ – das wiederum steht auch im Buch.

Sehr überrascht war ich davon, dass Cixi – geboren 1835, gestorben 1908 – tatsächlich sehr viel dafür getan hat, China zu modernisieren. Sie hat vorangetrieben, dass Elektrizität, die Eisenbahn, Telegraphen und andere Erfindungen nach China kamen. Einige der unerfreulichsten körperlichen Strafen wurden von ihr abgeschafft und auch das Binden der Füße bei Frauen beendet. Sie war politisch sehr gewieft, obwohl sie als Frau de iure nicht regieren durfte. Meinungs- und Pressefreiheit wurden von ihr unterstützt und gefördert. Sogar die Umwandlung des Kaiserreichs in eine konstitutionelle Monarchie mit recht weitgehendem Wahlrecht hat sie auf den Weg gebracht – allerdings kam dann ihr Tod und anschließend die chinesische Republik dazwischen.
Eine Heilige war sie damit trotzdem nicht. Sie beging eine Reihe von fatalen Fehlern während des Boxeraufstands. Auch hat sie schon das eine oder andere Leben auf der Gewissen. Sicherlich aber viel weniger, als sonst damals bei Kaisers üblich (auch zum Beispiel bei deutschen Kaisers, die in China nicht gerade zur Imagepflege unterwegs waren….).

Eine sehr beeindruckende und auch sehr faszinierende Persönlichkeit also. Leider teilte sie lange das Schicksal vieler einflußreicher Frauen. Bereits zu Lebzeiten wollte man ihr viel Übles nachsagen, nicht nur in China. Und für die Chefs der chinesischen Republik und anschließend der heutigen Volksrepublik China musste sie als Feindbild herhalten und wurde nach Kräften schlecht gemacht.

Jung Chang hat sich die Mühe gemacht, umfangreiche Quellenforschung zu betreiben und dieses Bild gerade zu rücken. Das ist ihr gelungen, auch wenn  einige andere Forscher (weniger: Forscherinnen) ihren Schlussfolgerungen widersprechen. Und außerdem hat sie eine sehr vielschichtige, spannende und faszinierende Biographie über eine der einflußreichsten Persönlichkeiten Chinas geschrieben.

Wer mehr über China lesen möchte, kann auch hier schauen.

Landscape and Memory. Simon Schama

„Landscape and Memory“ von Simon Schama ist ein fürchterlich gebildetes Buch, voller Geschichten, erzählt wie Märchen aus Tausend–und–einer-Nacht.

Es ist ein verrücktes Buch: assoziativ, über alle Disziplinen springend, vom Hölzchen aufs Stöckchen, faszinierend, spannend, bildend.

Bildergebnis für Landscape and Memory. Simon Schama

„Natur“ denken ist immer schon Kultur

Wir können Natur nicht unabhängig von unseren kulturgeprägten Augen wahrnehmen, das zeigt Schama in „Landscape and Memory“. Schama stellt in seinem Buch Zusammenhänge her zwischen Landschaften, deren Historie und menschlichen Ambitionen. Beschreibt, wie Landschaften Geschichten hervorrufen, wie aus Erinnerungen Landschaften werden, wie die Landschaft die menschlichen Erlebnisse in sich trägt, wie die Landschaft aufgeladen wird mit den Begegnungen der Menschen, die in ihr stattfanden. Die New York Times kommentierte das Erscheinen von „Landscape and Memory“ 1995 so:

„In his eye-opening new book, „Landscape and Memory,“ Simon Schama journeys through „the garden of the Western landscape imagination“ while exploring the topography of cultural identity. A transplanted Englishman now rooted in American soil, Mr. Schama lives with his wife and their two children 20 miles north of New York in a house overlooking the Hudson River. Having grown up in London, he also has an affinity for cities. (…) „Landscape and Memory“ began, he said, with a desire to probe „the painful relationship between German history and ecology,“ the fact that the Nazi regime could have been so conscientious about protecting the forest primeval.“

Bildergebnis für Landscape and Memory. Simon Schama

Ich habe das Buch zum zweiten Mal gelesen. Hierfür habe ich viele Wochen benötigt, immer wieder lange Pausen dazwischen. Und ja, ich habe es genossen.

Wald, Berge, Wasser als Protagonisten von “Landscape and Memory”

Simon Schama schreibt in diesem Buch, wie ein großartiger Erzähler Geschichten zu erzählen weiß, um seine Zuhörer in den Bann zu ziehen. Das Buch wie eine Geschichte aus Tausend-und-einer-Nacht. Unterhaltsam, spannend, nie gedachte Bezüge werden nachgezogen, nicht gewusste, abwegige, doch interessante Details ausgebreitet. In großen erzählerischen sowie historischen Bögen lässt Schama seine Leserinnen und Leser eintauchen in die übergreifenden Themen Wald, Berge, Wasser. Im letzten Kapitel bringt er alle drei Themenbereiche zusammen am Beispiel der britischen Landschaftsgärten und ihrer Herrenhäuser.

Nach Lesen dieses wunderbaren und gewaltigen Buchs hat man verstanden, warum die Päpste Obelisken aus dem alten Ägypten in Rom errichten ließen. Oder warum Fürsten sich um die Wasserversorgung kümmerten. Oder warum es den Mount Rushmore gibt, aber nur vier Männer im Stein, keine einzige Frau.

Sir Simon Schama, geboren 1945 in London, ist ein britischer Historiker. Er stammt aus einer Familie osteuropäischer jüdischer Immigranten. Er studierte Geschichte in Cambridge und war dort am Christ College von 1966 bis 1976 Fellow.

Zu guter Letzt eignet sich „Landscape and Memory“ aufgrund seines Gewichts auch als Wurfgeschoß gegen Einbrecher. Das Buch ist gewaltig und gewichtig, es hat 580 engbedruckte Seiten. Unbedingt eine Empfehlung. In deutscher Übersetzung lautet der Titel „Der Traum von der Wildnis“.

Der Traum von der Wildnis

Das Land, wo die Zitronen blühen. Helena Attlee

Das Land, wo die Zitronen blühen – ein Goethe-Zitat als Titel. Aber dennoch: Dieses Buch gibt es nur in englischer Sprache. So heißt es also „The land where lemons grow“, geschrieben von Helena Attlee, erschienen 2014.
Früchte, Blüten und Blätter der Orange (Citrus ×sinensis)

Das ideale Buch für die vergangenen Tage in Deutschland mit Temperaturen um die 40°C. Ein Zitronensorbet dazu – oder auch nur eisgekühltes Wasser mit Zitronen- und Orangenscheiben darin – dann noch ein Liegestuhl im Schatten – schon kann’s losgehen.
Zitrusvielfalt – Zitruseinheit – Zitrustage

Helena Attlee ist im englischsprachigen Raum als Spezialistin für Gärten bekannt. Gärten in der Provence, in Japan, in England, in Wales: Hierzu gibt es jeweils ein einschlägiges Buch. Und natürlich auch über Gärten in Italien in gleich mehreren verschiedenen Büchern.
LITERARY FESTIVAL: Helena Attlee - Northcote | Luxury Hotel and ...

„Das Land, wo die Zitronen blühen“ fällt dabei etwas aus dem Rahmen. Zwar geht es natürlich auch um Gärten, denn dort wachsen die entsprechenden Zitrusbäume. Viel mehr geht es aber um Botanik, Kulturgeschichte, Olfaktorik. Außerdem ums Reisen in Italien. Und ganz besonders um Küche. Abgerundet mit etwas Geschichte: politisch, medizinisch, kriminologisch, sprachlich. Einem Hauch Literatur. Und einer Prise Autobiographie.
Citron | Leonardi, Vincenzo | V&A Search the Collections

Alles aufs angenehmste durchmischt. Kein Aspekt wird zuviel (ganz sicher nicht zu viel: die Illustrationen – keine einzige!!!! bei diesem Thema!!!! das gleichen wir in diesem Blog mal schnell aus!!!!!). Die Autorin gönnt sich den Luxus, eine klare Struktur zu haben und ihr nicht zu folgen. Ein Buch also erfrischend ohne jede Pedanterie. Eher spielerisch. Jedenfalls genießend. Immer mit dem Duft von Zitrusblüten.
Bergamot - MasterLin

Jetzt weiß ich, was es mit Bergamotte auf sich hat. Mir ist vertraut, wie ein Campari Orange richtig auf italienisch heißt und warum dieses Getränk einen doppelten Bezug zu Zitrusfrüchten hat. Ich könnte (theoretisch) Zitronat herstellen. Ich weiß Bescheid über die Ursprünge der Mafia auf Sizilien. Ich kenne mich mit Chinotto aus. Ich kann erklären, warum welche Zitrusfrucht für das jüdische Sukkothfest verwendet wird und welche Konsequenzen das für ihre Ernte hat. Mir ist bekannt, wo die besten handgemachten Zitrusmarmeladen hergestellt werden. Ich kann erklären, warum die Äpfel der Hesperiden gar keine Äpfel waren. Und mir ist nicht verborgen, dass all die vielen Zitruspflanzen nicht aus Europa stammen, sondern aus Asien.
Chinotto Sparkling Soda Bottles by Niasca Portofino (pack of 4 ...

Ein anregendes Buch also, mit Vergnügen zu lesen. Und danach: ab nach Italien!
wo die Zitronen blühen? - Goethe | werbung | Reiseposter, Italien ...

A short history of brexit: from brentry to backstop. Kevin O’Rourke

Geschrieben und kommentiert wird viel über den Brexit. Zählt er doch neben der Wahl Donald Trumps zu den überraschendsten und einschneidendsten Ereignissen der letzten Jahre. Und genauso wie bei Trump ist das Ende offen. Zwar kann man auf den Ausgang wetten, rechnen sollte man aber damit, die Wette nicht zu gewinnen.

Die aktuelle Diskussionskultur: eher Meinungsmache

Vieles, was man hört oder liest über den Brexit, bewegt sich auf dem Niveau von Klischees und Parolen. Es wird gewertet, nicht gewürdigt. Brexit in der deutschen Presse geht kaum noch als Einzelbegriff. Statt dessen vermarktet man ihn nur noch komplett im stimmungsmachenden Set als Brexit-Chaos. Britische Politiker sind Witzfiguren, Karikaturen; das britische Parlament ebenfalls eine Lachnummer. Wenn schon das Referendum damals von Populismus und Demagogie geprägt war, danach wurde es nicht besser, auch nicht bei uns.

Seriosität und saubere Analyse ist dagegen das Mittel der Wahl. Wie bei Tacitus, „sine ira et studio“: ohne Tendenziosität, möglichst sachlich und objektiv.

O’Rourke: seriöser Wissenschaftler

Genau das bietet Kevin O’Rourke. Kevin Hjortshøj O’Rourke (nicht erfunden!), Jahrgang 1963, ist Ökonom, Mathematiker, Historiker mit irischem Vater, dänischer Mutter und einem europäischem Lebenslauf. Als Professor und Fellow am All Souls College in Oxford sowie Mitglied der irischen und britischen Akademie der Wissenschaften hat er das Seine getan, um als anerkannter Wissenschaftler ernst genommen zu werden.

Das Buch: viel Aufklärung

Dieses Buch über den Brexit ist in jeder Weise empfehlenswert – sehr gerne schließe ich mich den Rezensenten zum Beispiel der Irish Times oder des Guardian an (habe ich die Rezensionen in deutschen Medien übersehen or don’t we read English hier?).

Einige Aspekte, die mir besonders aufgefallen sind

  • Ich fand frappierend, wie unterschiedlich die Briten und Kontinentaleuropäer der Opfer des ersten Weltkriegs nach 100 Jahren gedenken. In einem Memorandum an David Cameron heißt es: “we must ensure that our commemoration does not give any support to the myth that European integration was the result of the two World Wars”. Édouard Philippe, der französische Premierminister, tat genau das Gegenteil und betonte “a Europe that reminds us of the eternal values that unite us, and the disasters we mourn”. Auch tendieren die Briten dazu, nur ihrer eigenen Toten zu gedenken (die roten Mohnblüten am Revers) – auf dem Kontinent gedenkt man häufiger aller Toten der Weltkriege, gleich welcher Nationalität.
  • Unter den Gründen, die zum Brexit-Votum geführt haben, erwähnt O’Rourke neben anderen als zentral und entscheidend:
    • das Unbehagen Großbritanniens mit ausgeprägten supranationalen Strukturen wie einem EU-Parlament, EU-Kommission ….  (der Commonwealth hat so etwas praktisch nicht; Freihandelsabkommen brauchen das nicht)
    • die Austeritätspolitik der britischen Regierung – für die die EU nichts kann
    • die Einwanderung aus Nicht-EU-Ländern – für die ebenfalls nur die britische Regierung verantwortlich war und ist
    • die Entscheidung von Boris Johnson, sich für den Brexit zu engagieren: O’Rourke vermutet, dass ohne Johnson die Remain-Befürworter gewonnen hätten (mehr über Johnson in diesem Blog über seine Bücher zu London und Rom).
  • Und außerdem macht O’Rourke sehr sehr deutlich, dass viele verantwortliche Politiker zentrale Details zu Freihandelszonen, Zollunion, Mehrwertsteuer – warum auch immer – offensichtlich nicht in ihre Politik integrieren. Sonst hätte es nicht passieren können, dass die Roten Linien von Theresa May in Kombination ein Ding der Unmöglichkeit sind Es gilt, ein Trilemma zu lösen mit den Elementen: 1. Keine harte Grenze in Irland – 2. keine regulatorischen Unterschiede zwischen Nordirland und Britannien – 3. Großbritannien verläßt Single Market und Zollunion
    • 1. und 2. bedeutet: Großbritannien bleibt in Single Market und Zollunion
    • 2. und 3. bedeutet: Es gibt eine harte Grenze in Irland
    • 1. und  3. bedeutet: Freihandelsvertrag zwischen Britannien und EU; Nordirland weiter in Zollunion und Single Market; Grenzkontrollen in den Häfen Nordirlands.
    • 1. und 2. und 3. bedeutet: eine leere Menge.

Die europäische Union: gar nicht schlecht

Bemerkenswert in der Darstellung O’Rourkes ist dabei sicherlich auch, dass bei allem, was in der Europäischen Union immer wieder einmal nicht so gut klappt, diese EU im gesamten Brexit-Prozess anscheinend ausgesprochen gut sortiert und strategisch, klar und transparent, fair und solidarisch aufgetreten ist.

Also lesen!

All das und noch viel mehr wird einem klar, wenn man O’Rourkes Buch liest oder dessen Fortsetzung, die bestimmt kommt, sobald man weiß, wie es ausgegangen ist.

The dream of Rome. Boris Johnson

Dieses Buch ist eine Warnung. Vor dem Autoren, Boris Johnson.

Von seinem anderen Buch über London und die Personen, die es zu dem gemacht haben, was es ist, war ich ja noch eher positiv überrascht. Dieses Mal ist es umgekehrt.
Boris Johnson: il leader della Brexit che sogna l'Impero Romano

Boris Johnson beschäftigt sich mit dem römischen Reich, wie und wodurch es groß wurde, wie und wodurch es verschwand. Immer wieder eingestreut vergleicht er das römische Reich mit der europäischen Union. Rom gewinnt immer, denn die Europäische Union macht – nach Meinung Johnsons – eigentlich alles schlechter.
Antike: Römisches Reich (600 v. Chr.-600 n. Chr.)

Um mit Positivem zu beginnen

Johnson schreibt auch in diesem Buch flott, unterhaltend, spannend. Geschichten mit Charme erzählen, das kann er. Auch erzählt er über das römische Reich keinen Unsinn.

Etwas ausführlicher zum Rest, dem Negativen

Johnson erwähnt immer wieder, dass er ganz Neues und Unerhörtes über das römische Reich schreibt, dass er versucht, eine gewagte Hypothese mit Fakten zu untermauern. Die große Pose des genialen, mutigen Wissenschaftlers, der sich der Wahrheit zuliebe in Gefahr begibt.
Dagegen ist jedoch alles, was er schreibt, sattsam seit Jahrzehnten (oder länger, er schreibt ja über das römische Reich…..) bekannt. Bahnbrechendes habe ich nirgends gefunden. Statt dessen düst Johnson gerne eher faktenarm auf oberster Ebene durchs Gelände. Und streut gerne pittoreske, etwas reißerische Anekdoten ein – vielleicht ist das der Ersatz für Faktenreichtum?

Erstaunlich ist, dass Boris Johnson sich anscheinend auch dieser wenigen Inhalte nicht recht sicher war – trotz Studiums der Klassischen Philologie in Oxford. Er bemüht deshalb eine große Anzahl von Professoren (die Danksagung an diese Akademiker umfasst beinahe eine Seite!) für die Bestätigung seiner Erinnerung.

Geradezu bedrückend und erschreckend, dass im Vergleich zu allem, was Johnson über die Europäische Union zu wissen und zu verstehen scheint, seine Kenntnisse zum römischen Reich geradezu enzyklopädisch wirken. Alles zur EU ist bei Johnson seicht, parolisch, tendenziös.
Boris Johnson's passion for painting is no portrait of deceit, but ...

Keine Empfehlung also

Das Buch kann ich also nicht empfehlen, außer man möchte mehr über den Politiker Johnson erfahren.

Frauen im Mittelalter. Edith Ennen

Frauen im Mittelalter ist Thema und Titel des Buchs von Edith Ennen.

Die Autorin beschreibt darin den Alltag von Frauen in Klöstern und Stiften, sie rekonstruiert ihr Leben in Stadt und auf dem Land als Adelige, als Kauffrauen oder als Bäuerinnen. Detailliert geht sie der Frage nach, welche rechtliche Stellung Frauen hatten. Hierfür beschreibt sie regional und zeitlich unterschiedliche Konzepte zum Erbrecht und dazu, wieweit Frauen eigenständig als Personen ohne einen männlichen Vertreter handeln konnten.

„In besonderem Maß waren die Frauenklöster aber doch Stätten der Bildung. Der Anteil von Frauen am geistigen Leben ist im frühen Mittelalter sehr hoch, ja er übertrifft mitunter den männlichen.“

Bildergebnis für Frauen im Mittelalter

Frühes, mittleres und spätes Mittelalter

„Frauen im Mittelalter“ ist in die Zeiten frühes, hohes und spätes Mittelalter geteilt.  Einen Schwerpunkt, der sich durch alle drei Zeitabschnitte zieht, bilden die Frömmigkeitsbewegungen von Frauen im Mittelalter und die jeweilige rechtliche Position von Frauen.

„Die besondere städtische Entwicklung müssen wir auch im Rahmen der allgemeinen Fortbildung der Familien- und Eherechtes sehen. Bis zum 12. Jahrhundert hat sich in Mitteleuropa die Konsensehe durchgesetzt. In Randzonen, in Nordeuropa z. B., hält sich noch älterer Rechtsbrauch. Das norwegische Birkinselrecht – Marktrecht – kennt noch den vom Bräutigam zu zahlenden „mundr“ als Ablösung der Rechtsvertretung, die von Verheirater auf den Bräutigam übergeht.“

Umfangreiche Einleitung in das Mittelalter

Das Buch ist bereits etwas in die Jahre gekommen; die zweite Auflage erschien 1985. Die Wortwahl ist an einigen Stellen angestaubt, der Satzbau oft kompliziert, wodurch das Lesen stellenweise eher mühsam ist. Die Mühe lohnt sich jedoch, durch die gut herausgearbeiteten Inhalte. Sehr hilfreich für die historische Einordnung ist die umfangreiche Einleitung. Also: eine Empfehlung für Leserinnen und Leser, die am Thema Frauen im Mittelalter sehr interessiert sind.

Johnson’s life of London. Boris Johnson

Boris Johnson ist aktuell einer der Politiker, über die viel gesprochen und viel geschrieben wird. Die Wettbüros handeln ihn mit deutlichem Abstand als Favoriten für die Position des Partei- und Regierungschefs der Konservativen in Großbritannien. Er hat ganz ausgeprägte Fans und ganz ausgeprägte Gegner. Nur kalt lassen tut er anscheinend wenige. Hier bei uns in Deutschland scheint mir die veröffentlichte Meinung überwiegend kritisch oder negativ. Er sei zwar kein Donald Trump, gehöre aber in dieselbe Schublade populistischer, verantwortungsloser, gefährlicher Politiker. Ihm gehe es nicht um Großbritannien, auch nicht um seine Partei, sondern zu allererst um sich selbst.
Brexit: Hardliner Boris Johnson will Zahlung an die EU zurückhaltenMay's Brexit deal has reached the end of the road: Boris Johnson ...Thank Fucking God Boris Johnson Is NOT Going To Run For Prime ...

Da ich zufällig ein bereits gelesenes (immerhin!) Buch von ihm entdeckt habe, wollte ich mir selbst ein Urteil bilden. Sein Thema: London. Erschienen: 2011. Damals war Boris Johnson Bürgermeister dieser Stadt. Gestern habe ich die letzte Seite dieses Buchs über London und Menschen, die diese Stadt geprägt haben, fertig gelesen. Heute also mein Beitrag.

Zunächst – wer sich intensiv mit Boris Johnson beschäftigt, wird’s ahnen – eine Ungeschicklichkeit meinerseits: Dieser Beitrag erscheint etwas zu früh.

Wenn ich noch bis zum 19. Juni hätte warten wollen, wäre es ein Geburtstagsbeitrag geworden, denn an diesem Tag des Jahres 1964 wurde Alexander Boris de Pfeffel Johnson in Manhattan/New York geboren. Dass er damit auch die amerikanische Staatsbürgerschaft hat, war mir neu. Ebenfalls neu für mich, dass er nicht nur in Eton zur Schule und in Oxford zur Universität ging, sondern auch die European School in Brüssel besucht hat. Insgesamt war sein Leben bisher in etwa so wild wie seine Frisur ungekämmt.

Buchtitel und Einband haben zunächst einmal meine durch die Medien geprägten Vorurteile bestätigt (gelesen habe ich die Nummer drei).
Johnson's Life Of London: The People Who Made The City That Made ...Johnson's Life of London: The People Who Made the City that Made ...Johnson's Life of London..., by Boris Johnson - review | London ...

  • Mit dem Titel „Johnson’s life of London“ rückt sich Johnson in die Tradition von James Boswell und Samuel Johnson (Boswell schrieb „Boswell’s life of Johnson“). Bescheiden ist das nicht, denn Samuel Johnson ist eine der intellektuellen und kulturellen Größen der englischen Vergangenheit.
  • Abgebildet auf dem Einband ein Fahrrad mit 16 Sitzen und 15 Fahrradfahrern: Im Buch beschäftigt sich Boris Johnson mit mehr als 14 Personen, nicht alle haben es also aufs Fahrrad geschafft – die Nummer 15 ist er selbst, natürlich ganz vorne. Hier lenkt der Chef, mit grünen Socken, lila Krawatte und dazu passendem Jacket-Innenfutter. Auch hier also keine übertriebene Zurückhaltung Johnsons.

Das Buch selbst hat mich aber dann doch überrascht. Ich habe es sehr gerne und mit Genuß gelesen. Die Gründe?

  • Die Auswahl der Personen kombiniert die üblichen Verdächtigen wie Chaucer, Shakespeare oder Churchill mit überraschenden Namen wie Keith Richards, William Turner oder William Stead (schon einmal etwas über ihn gehört?).
  • Johnson schreibt wohl-recherchiert. An der einen oder anderen Stelle meinte ich, ihn bei falschen Fakten ertappen zu können. Leider hatte er jeweils recht, ich nicht.
  • Nicht umsonst war Johnson Präsident der Oxford Union. Er kann zweifellos schreiben, flüssig, intelligent, spannend, lebendig, anregend, charmant und humorvoll. Sowohl aufgeblasen wie unprätentiös. Sein Englisch-Buch kennt viele Worte, für die man im Oxford English Dictionary nicht viele Belege findet.
  • Die Eitelkeit Johnsons wird schon immer wieder deutlich, aber letztlich viel weniger als erwartet, eher als „ich war dabei“ statt „ich hab’s geleistet“. Auch Belege für Rassismus oder Antisemitismus, die ihm gelegentlich vorgeworfen werden, habe ich nicht gefunden, auch wenn er sicherlich den einen oder anderen Vorbehalt zum Beispiel gegenüber Deutschland zu haben scheint.

Zwei Aspekte zusätzlich: Johnson und der Populismus – und natürlich Johnson und der Brexit.
I cannot stress too much that Britain is part of Europe – and ...

Zuerst der Populismus, anhand einer Passage zu John Wilkes, einem ebenfalls unter Populismus-Verdacht stehenden Briten des 18. Jahrhunderts:
„I have a terrible feeling that as a fifteen-year old I wrote a pompous essay on Wilkes (…). Thankfully the document has been lost, but the gist was that Wilkes was a berk, a second-rate chancer, an opportunist, an unprincipled demagogue who floated like a glittering bubble on a wave of popular sentiment that he did not really share. It may be that in some places that is still the conventional opinion.
If so, it is wrong. It is not just that I have come to admire Wilkes for his courage and his dynamism and his boundless animal spirits. Any sober assessment of his work confirms that he really was as his adoring crowds saw him – the father of civil liberty. He not only secured the right of newspapers to report the proceedings of the House of Commons, he was the first man to stand up in Parliament and urge explicitly that all adult males – rich or poor – should be allowed to vote.“

Und Brexit? Hierzu eine Passage aus dem Shakespeare-Kapitel zur Schlacht zwischen England und Frankreich bei Agincourt unter Heinrich V. und zur spanischen Armada:
„If the Spanish tried to invade again, they would find a nation prepared to defeat overwhelmingly more numerous foes – just as the English had done at Agincourt. ‚We few, we happy few! We band of brothers!‘ says the king on the eve of the battle, setting up an English idea of the heroic ratio – few against many – that was to serve England well through the Napoleonic period and into the Second World War.“

Unterschätzen sollte man Johnson nicht. Wer sein Kapitel über Winston Churchill liest, kennt sein politisches Vorbild. Gut, wenn er das Richtige will, denn er kennt viele Mittel für seine Zwecke. Und immer gut für einen Scherz und das passende Foto. Mit Theresa May nicht zu vergleichen.
Life's Work: An Interview with Boris Johnson

Power, pleasure and profit: Insatiable appetites from Machiavelli to Madison. David Wootton

Vor wenigen Tagen habe ich bereits ein Buch von David Wootton in diesem Blog besprochen. Damals ginge es um die Revolution in den Naturwissenschaften im 17. Jahrhundert. Ich war sehr beeindruckt. Davon angeregt habe ich ein weiteres Buch von Wootton gelesen. In ihm geht es darum, wie sich im Zuge der Aufklärung das Denken darüber, was wichtig ist für den Menschen, völlig verändert hat. „Pleasure“, das Glück oder das Wohlbefinden, steht auf einmal ganz oben. Anders gesagt: Eigennutz ist das Maß der Dinge. Diese Änderungen im Denken sind aktuell weiter gültig und haben dazu beigetragen, dass die Welt heute so ist, wie sie ist.
News – David Wootton

Vorher: Tugend oder gottgefälliges Handeln

Früher war alles anders. In der Antike war Tugend wichtig. Selbst wenn man als Anhänger Epikurs eher spaßorientiert an das Leben heranging, war das Ideal Gleichmut. Gottgefälliges Handeln stand hoch im Kurs, besonders mit dem aufkommenden Christentum.

Seit der Aufklärung: Eigennutz

Dann kam die Aufklärung. Ganz vorne dabei Thomas Hobbes. Sein Verständnis: Der Mensch maximiert immer sein Glück oder sein Wohlbefinden. Er minimiert sein Unglück oder sein Leiden. Der Mensch strebt nach – im Original – „pleasure“. Hilfreich dabei sind Macht und Vermögen – im Original „power“ und „profit“. Die Vernunft – „reason“ – steht dabei nicht oben in einer Pyramide, sondern sind ist ein Instrument. Die Vernunft hilft dabei auszurechnen, was unter dem Strich am meisten Glück oder Wohlbefinden abwirft. Tugend oder gottgefälliges Handeln stehen nicht mehr hoch im Kurs. Es ist grundsätzlich nichts gegen sie zu sagen, solange sie das Wohlbefinden, den Eigennutz, fördern.
Thomas Hobbes: A grim portrait of human nature

Das Dreigestirn „power, pleasure and profit“ hat dabei eine besondere Eigenschaft gemein. Man kann sie jeweils maximieren. Sie sind zwar relativ, aber letztlich nicht endlich. Es geht immer noch mehr. Man kann sich immer weiter strebend bemühen. Noch mehr, noch reicher, noch mächtiger. Und die unsichtbare Hand von Locke hilft mit Umweg über Leibniz und Voltaire auf geheimnisvolle Art und Weise dabei, dass immer alles gut wird („Tout est au mieux dans le meilleur des mondes possibles.“).

Das Buch als Essay-Sammlung

Wootton beschreibt diese Revolution des Denkens über den Menschen in seinem Buch in einer Reihe von Essays, die er aus Vorlesungen entwickelt hat. Seine Kapitel:

  • „Insatiable appetites
  • Power: (mis)reading Machiavelli
  • Happiness: words and concepts
  • Selfish systems: Hobbes and Locke
  • Utility: in place of virtue
  • The state: checks and balances
  • Profit: the invisible hand
  • The market: poverty and famines
  • Self-evidence“.

Das Thema ist offensichtlich wichtig und interessant. Die Nutzung seiner Vorlesungen pragmatisch und effizient. Leider wird daraus kein einheitliches, durchgängiges, gut lesbares Buch. Wootton verliert sich oft in Details unter Verlust eines roten Fadens. Er schreibt eher für Wissenschaftler, die „ihre“ Autoren in- und auswendig kennen. Auch vor Wiederholungen ist er nicht gefeit.

Schade aus meiner Sicht auch zwei weitere Aspekte:

  • Hilfreich würde ich es finden, auch zu untersuchen, wie (und ob) durch diese Revolution im Denken auch konkret das Handeln der Menschen anders wurde. Nicht jeder hat ja damals Hobbes, Hume, Locke und Smith gelesen. Etwas Sozialgeschichte wäre gut.
  • Wootton problematisiert das egoistische, individualistische Denkmodell der Aufklärung durchaus. Er spricht von einem „eisernen Käfig“. Toll wären zusätzlich einige Gedanken seinerseits gewesen, wie man da wieder heraus kommt oder wie man es ändern muss, damit die negativen Konsequenzen weniger werden, oder ob darüber schon anderweitig nachgedacht wird.

Wenn es schon keine Empfehlung für das Buch insgesamt ist – und zum Glück stehe ich da nicht ganz allein…. – zur Eigennutz-Steigerung empfehle ich aber dem Leser (und natürlich der Leserin) doch die Kapitel „Insatiable appetites“, „Happiness“ und „Utility“, zusätzlich zur Einleitung. À la bonheur!

Die Erfindung der Naturwissenschaften. David Wootton

Lieber nicht lesen?

Die Penguin-Ausgabe zählt 769 Seiten. Obendrein in Englisch, da sich noch keiner an eine Übersetzung herangewagt zu haben scheint… Rezensenten verwenden Begriffe wie „truly learned“, „deeply erudite“, „in (…) convincing detail“, „masterly account“, „magisterial“. Die Erwartung ist völlig klar: David Woottons Buch über die Erfindung der Naturwissenschaften – „the invention of science“ – ist nur etwas für die ganz und gar Hartgesottenen unter den Lesern (und Leserinnen), mit einer Menge Zeit, guten Nerven, Durchhaltevermögen. Viele Details. Viele Zitate. Viele Fußnoten. Viel zu viel.
Cundill Prize 2016 Finalist David Wootton - YouTube

Oder doch?

Und doch, da gibt es noch die anderen Schlagworte: „marvellous“, „fresh and compelling“, „gripping“, „to savour, to enjoy and to remember“, „beautifully written“. Also doch zumindest ein Hauch von Lesespaß zwischen all dem akademisch Beschwerten? Oder vielleicht sogar – verwegener Gedanke – vor allem ein Lese- und Denkspaß?

Gekauft habe ich den Wälzer, weil er mir empfohlen wurde. Dicke Bücher schrecken mich nicht. Außerdem lese ich sehr gerne Bücher von Simon Schama. Und der ist auch ganz unverschämt wissensschwer und bildungseitel.
Rhodri Marsden's Interesting Objects: Kepler's model of the ...

Schama und Wootton: Vielwisser, Querdenker, Welterklärer

Apropos Schama. Der Vergleich ist nämlich gar nicht schlecht. Beide Autoren, Schama und Wootton, haben neben ihren Belesenheit vier Dinge gemeinsam: Sie denken erstens offensichtlich gerne, meistens selbst und bevorzugt quer. Sie schaffen es zweitens, in all den Details Strukturen, Muster, Linien zu entdecken, die so intuitiv und so frappierend sind, dass einem gelegentlich der Mund offen steht, um mit dem Denken nachzukommen. Drittens sind sie keine Fachidioten, sondern stellen fachübergreifend immer mehrere Disziplinen zueinander in Bezug. Zuletzt, viertens, schreiben beide viel.  Für ihre Bücher braucht man meist eine Stütze und eine Transporthilfe. Andererseits: Warum kurz, wenn man soviel Interessantes und Neues zu sagen hat?

Also dann doch: Die Erfindung der Naturwissenschaften

Ich möchte gar nicht den Versuch machen, das Buch zusammenzufassen oder einige Inhalte exemplarisch hervorzuheben. Es ist tatsächlich eine exzellente Darstellung, wie, wodurch und durch wen im Zeitraum von 1572 (Tycho Brahe sieht eine Nova, einen neuen Stern) bis 1704 (die „Opticks“ von Newton werden veröffentlicht) eine Revolution der Naturwissenschaften stattfindet. Wie diese Revolution zugleich eine Art zu Denken und ein Vokabular einführt, das wir heute noch, völlig selbstverständlich, genauso verwenden. Wie letztlich unsere heutige Moderne entsteht. Dabei wird mit Vorurteilen, Selbstverständlichkeiten, Denkfehlern aufgeräumt, dass es einem ganz luftig im Kopf zumute wird. Trotz all der Details, die einem in demselben herumschwirren.
Image - Tycho Brahe in his observatory at the Castle of Ur

Mein Fazit

Toll. Die Zeit, dieses Buch zu lesen, sollte man sich nehmen. Man bekommt fast ein wenig Hochachtung vor dem Menschen und seinen geistigen Fähigkeiten, so mangelhaft sie auch sind, und versteht sich selbst und seine Umwelt hinterher besser. Mehr kann man von einem Buch doch eigentlich nicht verlangen, oder?

Etwas zu lesen zum Schluss

Ach so, vielleicht doch noch ein, zwei Zitate.

Eines von Descartes:
„Right understanding [unser Common Sense oder der gemeine Menschenverstand] is the most equally divided thing in the World; for every one beleeves himself so well stor’d with it, that even those who in all other things are the hardest to be pleas’d, seldom desire more of it than they have.“

Das andere von Wootton:
„(…) clocks provided an inpersonal mechanism for the coordination of community services (the saying of the offices in monasteries and cathedrals, the opening and closing of markets in town and cities). Egalitarian communities (cities, monasteries and cathedral chapters all chose their leaders through elections) are governed by the clock, while despotisms are not; clocks were given prominent, public places in monasteries, cathedrals and town halls, but they were slower to establish themselves in royal palaces. (…) These factors (…) were absent in China, and hence the Chinese admired clockwork but had no use for it.“
Daran kann man denken, sobald der eigene Chef (oder die eigene Chefin) einem den Terminplan ruiniert.
100 Years Carnegie: Newton: the Crucial Experiment