The Landscape of Ideas. Patrick Nuttgens

“The Landscape of Ideas” von Patick Nuttgens ist ein Buch über den “Sinn” der wichtigsten Architektur-Stile.

Landscape of Ideas

Um es vorneweg zu sagen: das Buch ist alt. Erschienen 1972. Und gleich noch etwas: ich habe drei Anläufe gebraucht, dieses Buch bis zum Ende zu lesen. Obwohl es nur 109 Seiten besitzt und voll schöner Illustrationen ist. Wer nun jedoch meint, es sei ein schlechtes Buch, liegt falsch.

Der Ansatz ist mutig

In kurzen Kapiteln von 10 bis 20 Seiten Länge bringt Nuttgens auf den Punkt, welchen Grund, welche Ideale, welche Bedeutung die wichtigsten Architektur-Stile Europas haben. Das ist ein Ansatz, der für einen platten Taschenbuch-Ratgeber passen würde; im Sinne von „Was Sie über die Renaissance wissen sollten“. Aber platt ist der Autor ganz und gar nicht. Deshalb packt er in 10 Seiten so viele Ideen hinein, dass man den Impuls verspürt, nach jedem Absatz erst einmal gründlich zu denken. Keine schlechte Leistung! Die Sprache des Autors allerdings leistet ihren ganz eigenen Beitrag zu mangelnder Verständlichkeit…

„Essentially there were two contrasts – the contrast of enclosure and open space, and the contrast of natural and manmade. We can now go on to see how they can be seized upon and exploited to make a deliberately sacred landscape. It can be created by the manipulation of such inevitable contrasts (…). One such was very deliberate: the contrast of light and dark. (…) The environment created by the Greeks of the Hellenic period can be said to express an idea; (…) because, they developed an eye for combinations of landscape features as expressive of particular holiness. They went further. They placed in that landscape temples and subsidiary buildings so as to complement, or sometimes contradict, the “meaning that was felt in the land”.”

Inhalt

Die Kapitel thematisieren die Zeit von der Prähistorie bis in die 1960er Jahre. Die Kapitel hierzu befassen sich mit

  • Prähistorie: The functional environment
  • Griechische Antike: The landscape oft the gods
  • Gothik: The metaphysics of light
  • Renaissance und Barock: Calculated nature
  • England um 1900: The common or garden city
  • 1960er Jahre: The man in the clover leaf

Ausblick auf die Zukunft aus Perspektive der 1960er

Das Buch ist heute noch lesenswert, da es kluge, intellektuell anspruchsvolle Ideen formuliert und weiterhin Hypothesen zur künftigen Entwicklung enthält, die sich im Rückblick vielleicht als weise erwiesen haben. Interessant ist der Nachruft zu Nuttgens im Telgraph.

„Here then is a world which is man-made, dominated by technology and made possible by power. It is characterized by movement and flow, by the need for technical information and a know-how recognized by society, by conformity to the patterns that that society demands. The person dependent upon or subject to all these forces is urban or technopolitan man, herded into privacy and isolation, hopelessly dwarfed by the huge scale that technology requires. He is the man in the clover leaf (Kleeblatt-Autobahn-Kreuz) and he contrasts with the man in the fig leaf, the man living in nature and simplicity with God around the corner.”

Black and british: a forgotten history. David Olusoga

2016 erschienen. Ein mutiges Buch. Überfällig. Gelungen. David Olusogas Geschichte über das Verhältnis zwischen Großbritannien und seiner nicht-weißhäutigen Bevölkerung ursprünglich afrikanischer Abstammung, auf Englisch: den „black British people“.

Beginnen möchte ich mit Ratlosigkeit: Wie nennt man diese Bevölkerungsgruppe eigentlich auf deutsch, ohne in irgendeiner Ecke zu landen? Da ich hierfür keine Antwort habe und finde, behelfe ich mich mit der (relativ) anerkannten englisch-sprachigen Variante. Apropos: Genau unter „Black British“ findet sich bei Wikipedia ein ausgezeichneter Beitrag, vielleicht sogar auch von David Olusoga.

Unbedingt lesenswert übrigens auch, bevor man mit dem Buch startet: ein Interview mit Olusoga im Guardian.

Warum schätze ich dieses Buch von Olusoga?

Ein weiter historischer Bogen
Olusoga beginnt in der Antike und endet im frühen 21. Jahrhundert. Alleine der Hinweis, dass es bereits zum Beispiel in der Römerzeit „Black British“-Personen in Großbritannien gegeben hat, erweitert das Blickfeld. Das Thema ist nicht neu.

Alle Seiten werden gehört
Typischerweise lässt Olusoga bei wichtigen Weichenstellungen der Geschichte alle Parteien zu Wort kommen. Das hilft den Lesern sehr dabei, eine eigene Haltung entwickeln zu können. Gut auch: Olusoga hält mit seiner eigenen Einschätzung nicht hinter dem Berg, ohne sie missionierend oder dogmatisch zu verfechten.

Keine Berührungsängste
Olusoga schildert auch Ereignisse, Meinungen, Denkmuster, die auch heute noch bestimmt für viele Briten unangenehm sind (wie sie das wahrscheinlich auch für viele Deutsche wären, wenn man sie mit ihrer ebenfalls wenig ruhmreichen Geschichte in Berührung bringt). Er tut dies betont sachlich, kenntnisreich, ausgewogen. Er sucht keine billigen Effekte.

Gute Mischung aus Überblick und Details
Für mich als Leser gelingt Olusoga eine gute Balance. Ich habe den Eindruck, gut informiert zu werden. Die Details überlasten nicht. Der gebotene Überblick hat die nötige Tiefe.

Neuland
Zwar gab es natürlich schon eine ganze Reihe wissenschaftlicher Abhandlungen zu Einzelthemen vor diesem Buch von Olusoga. So weit ich weiß, ist dieses Buch aber die erste substanzielle populärwissenschaftliche Gesamtdarstellung. Also ein bahnbrechender aktueller Klassiker.

Erhellend
Mir war nicht bewusst, wie systematisch die britische Geschichtsschreibung um das Verhältnis zu den Black British bereinigt wurde und wird. Dass die Plantagen im britischen Nordamerika und in der Karibik ihren wirtschaftlichen Erfolg der Sklavenarbeit verdankten, wurde in weiten Teilen z.B. der Literatur nicht angesprochen (siehe Jane Austens „Mansfield Park“!). Dass im ersten Weltkrieg viele Black British Soldaten mitkämpften, konnte man auf der Siegesparade nicht erkennen: Sie durften nicht mit dabei sein.

Die Resistenz der Vorurteile
Nicht zuletzt bringt Olusoga bedrückend viele Belege dafür, dass die Menschheit nicht recht lernt. Wenn es um den eigenen Vorteil geht oder einfach nur eng wird, kommt dem Menschen jede Minderheit immer gerade recht. Wenn diese Minderheit dann auch noch wegen ihrer Hautfarbe auffällig ist, hat sie erst recht Pech gehabt. Und Vorteile können gar nicht so dumm, so böswillig und so widerlegt sein, als dass sie nicht weiter Verwendung und Zustimmung finden.

Ein gutes Buch für Menschen, die mehr wissen wollen und Aufklärung schätzen.

Hut ab übrigens vor Großbritannien: Die BBC hat sogar eine Fernsehserie zu diesem Buch gedreht. Allerdings: Auf DVD gibt es sie leider nicht.

Ohne Gnade – Polizeigewalt und Justizwillkür in den USA. Bryan Stevenson

GASTBEITRAG VON MACHI

„Ohne Gnade“ von Bryan Stevenson

Im deutschen Strafrecht gilt der Grundsatz „in dubio pro reo“ – „im Zweifel für den Angeklagten“. Daraus und aus dem hohen Stellenwert, den die Menschenwürde einnimmt, folgt der in der deutschen Justiz geltende Gedanke „lieber zehn Schuldige freizusprechen, als einen Unschuldigen zu verurteilen“.

Auch in den USA gilt die Unschuldsvermutung, doch scheint man dort wenig Wert darauf zu legen. Diesen Eindruck vermittelt zumindest das Buch „Ohne Gnade“ des US-amerikanischen Strafverteidigers Bryan Stevenson, der die in den USA herrschende Justizwillkür genau unter die Lupe genommen hat.

Laut Stevenson lebt in den Vereinigten Staaten ein größerer Prozentsatz der Bevölkerung im Gefängnis als in irgendeinem anderen Land der Welt. Die Zahl der Häftlinge stieg in den letzten 40-50 Jahren von 300.000 auf 2,3 Millionen an, was keinesfalls daran liegt, dass die Menschen dort krimineller werden, sondern mitunter daran, dass viele private Gefängnisbetreiber Millionen Dollar an Politiker spenden, damit diese neue Delikte erschaffen und längere Strafrahmen ermöglichen, wovon die privaten Gefängnisse wiederum finanziell profitieren. Pro Jahr gibt die USA fast 80 Milliarden Dollar für Haftanstalten aus, wobei es 1980 noch 6,9 Milliarden Dollar waren. In 23 Bundesstaaten gibt es kein Mindestalter, ab dem Kinder nach Erwachsenenstrafrecht verurteilt werden können. Seit 1973 wurden 144 Todeskandidaten nachträglich für unschuldig befunden und freigesprochen.

Neben diesen und vielen weiteren erschütternden Fakten und Zahlen liefert Stevenson Einblicke in die Schicksale seiner Mandaten – Männer, Frauen und Kinder, die viel zu voreilig und gnadenlos verurteilt wurden.

Männer wie Walter McMillian, der zu Unrecht im Todestrakt landete, obwohl mindestens 20 Zeugen bestätigen konnten, dass er zur Tatzeit ein Alibi hatte, und dessen Prozess ausschließlich von Korruption geprägt war.

Frauen wie Marsha Colbey, die nach einer Totgeburt wegen Mordes verurteilt wurde, obwohl es keine stichhaltigen Beweise dafür gab, dass das Kind bei Geburt lebte.

Und Kinder wie der 14-jährige Charlie, der den gewalttätigen Freund seiner Mutter nach einer heftigen Auseinandersetzung, nach welcher er seine Mutter tot glaubte, aus Verzweiflung erschoss und später nach Erwachsenenstrafrecht angeklagt und zum Tode verurteilt wurde, da der besagte Freund ein Polizeibeamter war.

Diese und andere Fälle verdeutlichen wie leichtfertig die Justiz in den USA Menschen lebenslänglich wegsperrt und zum Tode verurteilt, anstatt sich damit auseinander zu setzen, ob sie tatsächlich schuldig sind oder wie man sie resozialisieren und wieder in die Gesellschaft eingliedern könnte.

An dieser Stelle tritt Bryan Stevenson ein, um den Verurteilten eine Stimme zu geben und humanere und verhältnismäßige Urteile zu erwirken.

Abgesehen von einigen Grammatik-und Rechtschreibfehlern der deutschen Übersetzung, über die man jedoch aufgrund des fesselnden Inhalts gut hinwegsehen kann, ist das Buch jedem zu empfehlen, der sein Gerechtigkeitsempfinden verstärken und über das gegenwärtige massive Unrecht in den USA informiert sein möchte.

Re-creating Ourselves – African Women & Critical Transformations. Molara Ogundipe-Leslie

Dieses Buch beschreibt die Rolle afrikanischer Frauen in verschiedenen Kulturen und unterschiedlichen historischen Kontexten aus einer feministischen Perspektive.

Ich habe es in einem Buchladen für gebrauchte Bücher gekauft. Nach dem Kauf hatte ich gemischte Gefühle und Erwartungen.

Was ist gut an „Re-creating Ourselves“?

Viele Aspekte waren für mich ganz und gar neu. So zum Beispiel die Möglichkeit von Frauen in afrikanischen Kulturen, eigenständig unternehmerisch tätig zu sein, Ämter zu bekleiden, oder der Schutz, den traditionelle Gemeinschaften Frauen vor der Gewalt ihrer Ehemänner bieten konnten.

Faszinierend finde ich, dass Frauen in der Familie des Vaters oder Bruders männliche Rollen annehmen konnten: Sie konnten in einer Männerrolle „heiraten“ oder die Rolle eines Sohns einnehmen.

Die auch in den traditionellen Gesellschaften mit angelegten Tendenzen, Frauen gering zu schätzen, bekam eine äußere Verstärkung durch die Kolonialmächte: Diese besetzten alle irgendwie relevanten Machtpositionen von Schwarzen immer mit Männern. Hierdurch unterhöhlten oder zerstörten sie potenziell ausgleichende Strukturen, die auch Frauen eingebunden hatten.

PROF.OGUNDIPE.jpg

Mit Leidenschaft und Sachkenntnis geht Ogundipe-Leslie die Haltung an, sich zum Sprecher oder zur Sprecherin ungebildeter Frauen aus dem ländlichen Raum zu machen, egal wie gut die Absicht. Sie insistiert darauf, dass auch diese Frauen etwas zu sagen haben und dass man Wege finden muss, sie zu hören.

Ogundipe-Leslie wendet sich ebenfalls gegen eine – nach ihrer Analyse – übliche moderne Rollenzuschreibung für Frauen: Die afrikanische Frau sei dazu da, die Gegenwart mit der traditionellen Vergangenheit zu verbinden; die Männer hätten die Aufgabe, die Gegenwart auf die Zukunft auszurichten.

Was ist weniger gut?

Die für mich eher ungewohnte Schriftsprache von wissenschaftlichem afrikanischem Englisch war für mich nicht immer einfach zu lesen. Insgesamt war das Buch prima, aber mit 253 Seiten zu lang.

Inhalt: Kapitel-Auswahl

  • African Woman, Culture and Another Development
  • Studying Women Through Literature: Theses on Rural Women in Africa
  • The Proletarian Novel in Africa
  • The Representation of Women
  • The Bilingual to Quintulingual Poet in Africa
  • Sisters are not Brothers in Christ

Die Autorin von „Re-creating Ourselves“

Omolara oder Molara Ogundipe-Leslie wurde 1940 geboren. Sie ist eine nigerianische Dichterin, Kritikerin und Feministin. Sie gilt als wegweisende afrikanische Schriftstellerin zu den Themen Afrikanischer Feminismus, Literaturtheorie und Gender Studies, sie ist eine Gesellschaftskritikerin und anerkannte Authorität zu afrikanischen, schwarzen Frauen. Zu ihrer Bekanntheit haben die Bücher beigetragen „Not Spinning on the Axis of Maleness“ und die Anthologie „Sisterhood Is Global: The International Women’s Movement Anthology“.

„Born Abiodun Omolara Ogundipe in Lagos, to a family of educators and clergy, she graduated (BA English Honours) as the first Nigerian with a first-class degree from the University of London. She later earned a doctorate in Narratology (the theory of narrative) from Leiden University, one of the oldest universities in Europe. She has taught English Studies, Writing, Comparative Literature and Gender from the perspectives of cultural studies and development at universities in several continents. She rose to prominence early in her career in the midst of a male-dominated artistic field concerned about the problems afflicting African men and women.“ (Wikipedia)

Zum Buch

“Re-creating Ourselves” ist eine Art Bestandsaufnahmen in der Form von Aufsätzen. Ein wichtiger Aspekt ist hierbei, zu dokumentieren, zu welchem Anlass eine Rede gehalten oder ein Aufsatz erschienen war. Dies führt zu vielen inhaltlichen Wiederholungen. Das Buch ist 1994 erschienen. Die Autorin folgt einem marxistisch-feministischen politischen Ansatz.

Weitere Bücher zu Afrika:

The First Artists – in Search oft the World´s Oldest Art. Michel Lorblanchet und Paul Bahn

„The First Artists” stellt die frühesten Artefakte der Menschheit vor und beschäftigt sich mit der Frage, wie alt diese frühen Zeugnisse sind. Das meiste ist verloren: Körperbemalung und Federschmuck erhalten sich nicht. Was bleibt, sind Bearbeitungen von extrem haltbaren Materialien wie Stein oder manchmal Knochen.

Wie alt ist die älteste Kunst?

Vor 3 Mio. Jahren sammelten Hominiden ungewöhnlich aussehende Steine und Fossilien. Rote Ocker-Farbe – durch Erhitzen entstanden – wurde zum Malen bereits vor mindestens 300.000, vielleicht sogar 400.000 Jahren verwendet. Die Verwendung von Pigmenten – auch schwarzem Mangan-Dioxid – trat stärker vor 70.000 und 40.000 Jahren auf. Steinwerkzeuge entstanden bereits vor 2,7 Mio. Jahren. Handäxte, die vor ca. 500.000 Jahren entstanden, zeigen deutlich, dass neben dem Verwendungszweck ästhetische Kriterien für das Werkzeug eine Rolle spielten. Figurative Darstellungen sowohl auf Landmarken wie in transportabler Form lassen sich seit der Zeit vor 35.000 bis 40.000 Jahren belegen. Das ist lange her…

„Current research may soon confirm that, before modern humans, Neanderthals were the first artist-painters on walls, through a few modest productions: dots, hand stencils and peckings.”

Ganz und gar verblüfft hat es mich, dass die ganz frühen Höhlenmalereien dadurch entstanden, dass Farbe mit dem Mund auf die Wandflächen gesprüht wurde.

Kratzspuren von Bären oder Finger-Malerei?

Die Autoren gehen in ihrem Buch chronologisch vor, zeigen und besprechen typische Beispiele von Artefakten. Besonders gut gefällt mir die Gegenüberstellung von Beispielen, die für mein laienhaftes Auge völlig gleich aussehen, von denen dann jedoch eines tatsächlich von Menschen gemacht und ein anderes zum Beispiel durch Bären verursacht wurde.

Pochen auf wissenschaftliche, archäologische Methode

Das Buch von Lorblanchet und Bahn zeichnet sich dadurch aus, ein gründliches, nachdenkliches Buch zu sein, in welchem Argumente, Hinweise und Belege unterschieden und jeweils klar benannt werden. Die spontane, zündende Idee, der alles andere weichen muss, ist nicht die Sache der Autoren. Dies macht ihr Buch manchmal etwas trocken, hin und wieder schwer zu lesen. Aber das, was sie sagen, hat Hand und Fuß. Ihr Buch gibt den Forschungsstand zu prähistorischer Kunst weltweit wieder. Zusätzlich bieten sie ein gut belegtes Plädoyer, immer und bei jeder Gelegenheit die Werke systematisch zu untersuchen, damit überhaupt eine Basis für das Verständnis früher Kunst vorhanden ist.

Nicht alles ist Kult

Ganz besonders ist Lorblanchet und Bahn das emotionale, einfühlende Verständnis mancher Wissenschaftler ein Graus, die lieber überall die Beweise für kultisches Handeln der frühen Menschen sehen wollen, als eine methodisch angemessene, wissenschaftliche Bestandsaufnahme von Funden zu machen. An mehreren Bespielen zeigen die Autoren in „The First Artists“, dass vermeintliche geometrische Kratzspuren auf Knochen der natürlichen Zersetzung des Materials geschuldet oder scheinbar gemalte Figuren nur die Folge von Geschiebe im Gestein sind…

Und irgendwie gelingt es den Autoren, so ganz ohne wahrnehmbare Bosheit einfach nüchtern Fazit der Belege zu ziehen. Beeindruckend.

Außerdem interessant sind

  • Der Film „Die Höhle der vergessenen Träume“ von Werner Herzog über die Malereien in der Höhle von Chauvet
  • „The Mind in the Cave“ von David Lewis-Williams
  • “Visions from the Past – The Archaeology of Australian Aboriginal Art” von M. J. Morwood mit vielen schönen Fotos

Shared Lives – Growing up in 50s Cape Town. Lyndall Gordon

Ein Buch über Südafrika, über junge Frauen, über Möglichkeiten zu leben und über den Umgang mit Erinnerung… „Shared Lives – Growing up in 50s Cape Town“ von Lyndall Gordon ist ein  Buch zwischen Geplauder und Tragik.

Bildergebnis für Shared Lives - Growing up in 50s Cape Town. Lyndall Gordon

Worum geht es in „Shared Lives“?

Es geht um die Geschichte einer Gruppe junger Mädchen, die im Kapstadt der 50er Jahre aufwuchsen. Und im Hintergrund wie eine Kulisse, vor der sich das Leben der jungen Frauen abspielt, steht die Apartheitspolitik und stehen die Werte der jüdischen Gemeinde in Kapstadt.

Lyndall Gordon fragt sich und ihre Protagonistinnen, wie es für diese jungen Frauen wohl möglich sein kann, eigene Entscheidungen für das eigene Leben zu treffen, wenn andere – die weiße Gesellschaftsschicht, die jüdische Gemeinde, die eigenen Eltern , die Schulkameradinnen – nachdrücklich darauf bestehen, bereits zu wissen, wie diese Entscheidungen getroffen werden müssen. Früh heiraten ist eine dieser scheinbar selbstverständlichen bereits getroffenen Lebensentscheidungen.

Bildergebnis für Lyndall Gordon

Wie erzält Lyndall Gordon dies?

Die Autorin verwendet eigene Erinnerungen, persönliche Tagebuchaufzeichnungen, Briefe der Freundinnen, Berichte von Ehemännern, Freunden, Dienstmädchen, Tanten, Müttern. Mit Hilfe dieser Bausteine erzählt sie chronologisch und kommt zum Ende des Buchs im Heute an.

Die so erzielte Erzählweise nutzt viele Perspektiven, führt handelnde Personen oft nur mit wenigen Charakterisierungen ein.

„As late as 1965, to become aware of the persistence of a life of one´s own was to be spoilt. This was the judgement of Uncle Louis in his deck-chair at Muizenberg. Uncle Louis said how much I had let myself go. A wife should not lose interest in her appearance.“

Diese Erzählweise spiegelt außerdem die zweite inhaltliche Frage Gordons: wie kann ein Mensch beschrieben werden, wie seine/ihre Motive, wie ist eine „wahre“ biografische Annäherung möglich? Und was bleibt von einem faszinierenden Menschen nach dem Tod? Woran kann die Erinnerung sich halten, womit festhalten, was diesen Menschen ausgemacht hat?

„We paused to look through the mist at the slow-moving river. I thought: I´ve become a listener to women and am learning something about their lives.“

Gordon, die Expertin für Biografien

Ihre hochkomplexen Methoden, sich dem Leben berühmter Schriftstellerinnen und Schriftsteller anzunähern, verwendet die Autorin nun für das Leben der Freundinnen und die eigene Erinnerung. Diesmal geht es nicht um Viginia Woolf oder Henry James, deren Biografien Gordon einige Berühmtheit gebracht haben. In „Shared Lives“ stehen erwachsen werdende Frauen aus Südafrika im Zentrum sowie deren Versuche, selbst bestimmte oder wenigstens erfüllte Lebenswege zu gehen.

Bildergebnis für Lyndall Gordon

Zitat aus Wikipedia: Born in Cape Town, Lyndall Gordon was an undergraduate at the University of Cape Town, then a doctoral student at Columbia University in New York City. Gordon is the author of Eliot’s Early Years (1977), which won the British Academy’s Rose Mary Crawshay Prize;[3] Virginia Woolf: A Writer’s Life (1984), which won the James Tait Black Memorial Prize; Charlotte Brontë: A Passionate Life (1994), winner of the Cheltenham Prize for Literature; and Vindication: A Life of Mary Wollstonecraft, shortlisted for the BBC Four Samuel Johnson Prize. Her most recent publication is Lives Like Loaded Guns: Emily Dickinson and her Family’s Feuds (2010), which has overturned the established assumptions about the poet’s life.

Zu Südafrika haben wir auch ein Buch über Kap-holländische Häuser besprochen sowie eines über die Kolonial-Geschichte Südafrikas.

Martin Luther: Rebell in einer Zeit des Umbruchs. Heinz Schilling

Wie zwischenzeitlich fast jeder in Deutschland mitbekommen hat, feiert die Reformation in diesem Jahr einen runden Geburtstag, und zwar Nummer 500.

Diejenigen, die nicht in Thüringen wohnen und an denen dies bisher vorüberging, haben Ende Oktober die Chance, es auch noch zu merken: Auch in den anderen Bundesländern ist der Reformationstag dieses Mal gesetzlicher Feiertag. Über Martin Luther zu sprechen, ist also aktuell.

Das Buch, das ich heute bespreche, ist dagegen nicht mehr ganz taufrisch. Seine erste Auflage hat es bereits 2012 erlebt. Der Autor ist damit unverdächtig, aus dem Jubiläum Kapital schlagen zu wollen. Vielversprechend.

Gute Sachbücher kann man oft an der Anzahl der Auflagen erkennen. Vier bis zum Jubeljahr. Und die Jubel-Sonderausgabe 2017 auch schon in zweiter Auflage. Aktueller Amazon-Bestseller-Rang: Platz 5049. Sehr achtsam.

Der Autor Heinz Schilling ist ein Fachmann, Historiker mit kirchengeschichtlichen Interessen, zuletzt Professor an der Humboldt-Universität in Berlin. Ein Autor also, der weiß, wovon er schreibt. Sehr schön.

Das Drumherum des Buchs räumt also summa summarum die volle Punktzahl ab.

Und das Buch selbst?

644 Seiten. Die Schrift – Martin Luther profitierte ja von der neuen Möglichkeiten des Buchdrucks – in Schriftart und –größe gut lesbar.

Gut lesbar ist auch der Stil, den Schilling verwendet. Seine Sätze haben eine vernünftige, handhabbare Länge. Fremdworte kommen natürlich vor, aber er kommt auch ohne aus. Schilling muss nicht beweisen, dass er ein toller Wissenschaftler ist. Er möchte anscheinend lieber verstanden werden.

Das legt den Verdacht nahe, Schilling könnte vielleicht gerne die Dinge vereinfachen. Tut er aber nicht. Im Gegenteil, es ist Schilling offensichtlich ein großes Vergnügen, Sachverhalte in ihrer Vielschichtigkeit und Komplexität zu betrachten und nuanciert verständlich zu machen. Große Historiker-Kunst, die er sehr gut beherrscht. Dies fand im Übrigen auch die FAZ in ihrer Rezension von 2012: „(…) der Autor zeigt, wie komplex damals das Feld der unterschiedlichen Kraftvektoren war, der Überlagerungen und überraschenden Verstärkungen, der konkurrierenden Persönlichkeiten, der Strukturen und religiösen Mentalitäten, die dann letztlich zu einem historischen Umbruch namens Reformation geführt haben.“

Damit ist es geradezu selbstverständlich, dass Schilling nicht nur Luthers Biographie, sondern auch seine Epoche beschreibt, politisch, kulturell, religionsgeschichtlich. Auch der Person Luthers gönnt er ihre Vielschichtigkeit, ihre Brüche.

Und da wird zum Beispiel sehr schnell deutlich, wie verwurzelt in der spätmittelalterlichen Kirche  Luther gewesen ist. Ein Zitat:

„Wie seine Zeitgenossen war er davon überzeugt, dass sich das ewige Seelenheil durch aktive Leistungen des Menschen gewinnen ließe – durch gute Werke oder strenge, wie man meinte, gottgefällige Lebensweise in gebet, Buße, Selbstgeißelung. Mit seinem Eintritt ins Kloster vertraute auch er sich dieser verbreiteten Leistungsfrömmigkeit an. Indem er als Mönch wie kaum ein zweiter Leistung auf Leistung häufte und dennoch seines Heils nicht gewiss werden konnte, legte er selbst den Boden für jenen weltgeschichtlichen Paradigmenwechsel in der Anthropologie der Frömmigkeit, die von der mittelalterlichen Leistungs- zur Gnadenfrömmigkeit des neuzeitlichen Protestantismus führte.“

Und weiter: „… so war der Reformator Martin Luther zu Beginn seines religiösen Lebens nicht Kritiker, sondern besonders pflichtbewusstes Glied der spätmittelalterlichen Kirche. Ihre Leistungsfrömmigkeit und Heiligenverehrung war ihm ebenso wenig Stein des Anstoßes wie das Papsttum und die weit verästelte Hierarchie, über die der römische Pontifex in einem monarchistischen Absolutismus herrschte. Im Gegenteil, sein Problem war, dass er die vielen Leistungsangebote dieser Kirche besonders ernst nahm und daher umso tiefer verzweifelte, wenn sie ihm nicht die existentiell verlangte Errettung brachten und allenfalls wie Trostpflästerchen wirkten.“

Bemerkenswert, wie Schilling auch diplomatischen Finessen ins rechte Licht rückt. Vielleicht hat sich der eine oder andere gefragt, warum Luther trotz der Reichs-Acht, unter der er durch das Wormser Edikt stand – er war damit ja vogelfrei, quasi zum Abschuss freigegeben – nach seinem Aufenthalt auf der Wartburg in Sachsen so munter aktiv sein konnte.

Dazu Schilling: „Es ist sehr wahrscheinlich, dass es zwischen der Habsburgerregierung und Kursachsen eine geheime oder doch stillschweigende Übereinkunft gab, das Äußerste zu verhindern. Jedenfalls wurde das Edikt dem sächsischen Kurfürsten nie offiziell zugestellt und besaß demzufolge in seinen Territorien keine Reichskraft.“

Und dann ist da noch die Sache mit den Namen. Ich wusste zum Beispiel nicht, dass Luther das Wort „lutherisch“ nicht mochte, da er nicht zu einer Art Heiligem werden wollte. Schilling: „Seine Haltung ist emphatisch universell: ‚Ich bin und will kein Meister sein. Ich habe mit der Gemeinde die einzige, allgemeine Lehre Christi, der allein unser Meister ist.‘ Das war auch eine Abwehr gegen die bereits von Eck aufgebrachte abwertende Charakterisierung der evangelischen Bewegung als „lutherisch“, so wie die verwandte Vorgängerbewegung in Böhmen als „hussitisch“ deklassiert worden war. Die Vertreter der evangelischen Kirchen sind dem Reformator gefolgt und haben stets die Selbstbezeichnung als „Lutheraner“ abgelehnt – bis im Zuge der Konfessionalisierung in der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts die in der Konkordienformel 1577 geeinte Orthodoxie sich stolz „lutherisch“ nannte, um damit den Besitz der nunmehr gesicherten reinen Lehre des Reformators anzuzeigen.“

Und ich hatte nicht gewusst, dass Luther sich erst seit 1512 oder 1517 „Luther“ nannte. Vorher unterschrieb er immer als Martin Luder. Wobei ich vermute, dass sich an der Aussprache des Nachnamens im Kursächsischen dadurch nichts änderte.

Heißt alles in allem?

  • Wer sich so ein dickes Buch zutraut,
  • Wer sich für Luther und die Zeit der Reformation interessiert
  • Nicht nur einfache Scherenschnitt-Meinungen schätzt
  • Und gut schreibende Autoren mag

… liegt mit diesem Buch richtig.

Renaissance: beste kurze Bücher für den Italien-Urlaub

Jedes Jahr lockt es Horden von Touristen in die Toskana. In Florenz sind etliche Sehenswürdigkeiten nur noch durch im Voraus gebuchte Tickets zu besichtigen. Immer wieder frage ich mich, was diese vielen Touristen denn eigentlich dort suchen und ob sie es wohl finden.

„Die Renaissance“ von Peter Burke

Das ist das intelligenteste Buch, dessen Autor zu Sätzen fähig ist, die man in den beiden anderen Büchern niemals finden würde. Zum Beispiel: „Fest steht, dass die Renaissance die Bewegung einer Minderheit gewesen ist. Es war eine städtische und keine ländliche Bewegung, und die Lobreden auf das Landleben entflossen den Federn von Leuten, die ihr Hauptdomizil in der Stadt (…) aufgeschlagen hatten.“ Auf 107 Seiten erklärt Burke, was wir auf wissenschaftlich fundierter Basis heute unter Renaissance verstehen können. Er tut dies unterhaltsam und sehr verständlich. Ein großer Vorteil dieser Darstellung ist es, sämtliche Kunstgattungen zu berücksichtigen und deren wichtigste Werke auch in Abbildungen zu zeigen. Die Kapitel des kleinen Büchleins heißen:

  • Der Mythos der Renaissance
  • Italien: Die Wiederbelebung und Erneuerung der Antike
  • Die Renaissance im Ausland oder: Vom Nutzen und Nachteil Italiens
  • Auflösung der Renaissance
  • Schluß

„The Key to Renaissance Art“ von Josè Fernández Arenas; Bateman/Search Press Pocket Guide

Dieses Taschenbuch ist ein klassischer, bildreicher Kurzführer zu einer Epoche. Hier finden sich alle üblichen Klischees zur Renaissance. Das Buch ist dennoch sehr hilfreich und empfehlenswert, wenn man sich schnell und unkompliziert dem Thema überhaupt erst einmal nähern möchte: Das wichtigste Basiswissen wird gut vermittelt, die wichtigsten Kunstwerke werden vorgestellt und nach 75 Seiten hat man einen ersten guten Überblick gewonnen.

„Architecture of the Renaissance from Brunelleschi to Palladio“ von Bertrand Jestanz; New Horizons

Dieses Buch ist eine prima Ergänzung zu den beiden vorher vorgestellten Büchern. Es ist reichbebildert mit tollen Fotos, zeigt Bauten, Pläne und Modelle. Es enthält ergänzend zu den Bildern knappe, erläuternde Texte. Auch Reisende, die nicht unbedingt leidenschaftlich an Archtektur interessiert sind, können an der Darstellungsweise Vergnügen haben. Der Kern des Buchs umfasst 124 Seiten, danach folgt ein Anhang mit Abschriften der wichtigsten zeitgenössischen Dokumente. Die Kapitel heißen:

  • The Return to Antiquity
  • New Principles
  • New Language
  • New Building Types
  • A New Discipline
  • A New Profession
  • Documents

Außerdem enthält das Buch eine Chronologie sowie weitere Literatur-Empfehlungen.

…und was tun, wenn man gar keine Zeit oder Neigung hat, sich auf das Thema Renaissance einzulassen? Ganz einfach: Aus Peter Burkes „Die Renaissance“ die ersten 50 Seiten lesen. Das reicht. Erst einmal.

Warum hasst ihr uns so? Mona Eltahawy

Der Untertitel sagt besser, worum es geht: „Für die sexuelle Revolution der Frauen in der islamischen Welt“. Allerdings ist der Originaltitel besser und weniger reißerisch: „Headscarves and Hymens. Why the Middle East Needs a Sexual Revolution“.

Das Buch von Mona Eltahawy enthält eine Vielzahl belastender Themen in unaufgeregter Sprache. Die Argumentation der Autorin ist sehr nachvollziehbar in ihrer Klarheit.

Inhalte von „Warum hasst ihr uns so?“

Eltahawy schildert anhand vieler Beispiele, wie im Nahen Osten Frauen als Personen im öffentlichen Leben zurückgedrängt und in der Wahrnehmung der Gesellschaften auf „Jungfernhäutchen“ und „Schleier“ reduziert werden. Beide – so Eltahawy – Symbole für die mangelnde Freiheit, Selbstbestimmung und Gleichberechtigung von Frauen in diesen Ländern. Die Themen ihres Buchs sind

  • Einführung zur Verknüpfung von Religion, Sexualität und Frauenfeindlichkeit in „Warum sie uns hassen“
  • Zur Rolle von Frauen in den Revolutionen der vergangenen Jahre in „Schwarzer Schleier, weiße Flagge“
  • Alltäglichkeit häuslicher Gewalt in „Die erhobene Hand“
  • Unterdrückung weiblicher Sexualität in „Der Gott der Jungfräulichkeit“
  • Erziehung, Erwartungen der Familien und Alltag von Frauen in Ländern des Nahen Ostens in „Zu Hause“
  • Beispiele von Unterdrückung und Aufbegehren dagegen in „Wege durch die Wüste“
  • Biografischer Rahmen, Unterstützung durch andere Frauen in „Sprich für dich“

Inhaltliche Aussagen

Eltahawy schildert, wie Frauen in der islamischen Welt darin gehindert werden, ein selbst bestimmtes Leben zu führen. Wie sie täglich die Zielscheibe von verbaler und körperlicher Gewalt werden, die von ihren Gesellschaften als angemessen akzeptiert wird. Die Autorin begründet dies mit tiefliegender Frauenfeindlichkeit einerseits und mit dem kulturell perfektionierten Trick, Opfer zu Schuldigen zu machen.

Wenig Verständnis zeigt Eltahawy für westliche Kommentatoren, die das Argument der „Kultur“ nutzen, um nicht allzu genau sein zu müssen. So werden Menschenrechte wie das Recht auf körperliche Unversehrtheit und das Recht auf Selbstbestimmung relativiert. Plötzlich sollen sie nicht mehr gelten für Frauen in der islamischen Welt. Sie plädiert für Klarheit, die nicht durch scheinbare kulturelle Toleranz getrübt ist: Auch die Tötung einer Frau aus der islamischen Welt ist Mord, auch die Schläge ihres Mannes sind Gewalt.

Die Sprache, in welcher über kulturelle Besonderheiten gesprochen wird, kritisiert sie als verschleiernd:

  • Beispiel 1: Im öffentlichen Diskurs wird häufig das Wort „Kinderhochzeit“ benutzt. Statt den rechtlichen Tatbestand zu benennen als sexualisierte Gewalt gegen  Kinder, Vergewaltigung und Pädophilie.
  • Beispiel 2: Immer noch wird beschönigend über „Beschneidung von Mädchen“ gesprochen, statt über weibliche Genitalverstümmelung.

Die Autorin

Mona Eltahawy ist eine ägyptisch-US-amerikanische Journalistin. Sie beschreibt sich als eine säkulare radikale feministische Muslimin. Im Zentrum Eltahawys journalistischer Arbeit steht die Kritik an der Misogynie in der arabischen Welt: „Wir müssen eine Verbindung ziehen zwischen häuslicher Gewalt, Vergewaltigung in der Ehe, weiblicher Genitalverstümmelung und sexueller Gewalt auf der Straße und all diese Dinge beim Namen nennen, nämlich als Verbrechen gegen Frauen. (…) Es ist Zeit für eine Abrechnung mit unserer Kultur und Religion, mit unseren Militärführern und Islamisten – den zwei Seiten derselben Medaille.“

Ich habe keine Feinde, ich kenne keinen Hass. Liu Xiaobo

Vor wenigen Tagen ist der chinesische Dissident und Friedensnobelpreisträger Liu Xiaobo gestorben. Dies habe ich zum Anlass genommen, diesen Band mit ausgewählten Schriften und Gedichten zu lesen, der erstmals 2011 erschienen ist.

Liu Xiaobo, geboren 1955, war einer der Protagonisten der Studentenproteste auf dem Tiananmen-Platz von 1989. Im Jahr 2008 verfasste er mit anderen gemeinsam die Charta 08, in der unter anderem Demokratie, Rechtsstaat, Meinungsfreiheit für China gefordert werden. Daraufhin wurde er verhaftet, ein Jahr später zu elf Jahren Gefängnis verurteilt und starb jetzt an einer Krebserkrankung. Der Friedensnobelpreis wurde ihm 2010 verliehen. Eine Entgegennahme des Preises wurde vom chinesischen Staat verhindert.

Was ich gelesen habe, hat mich sehr beeindruckt, auch die Gedichte, von denen ich vorher nicht einmal wusste, dass er welche geschrieben hat. Liu war sehr deutlich und klar und auf den Punkt, in seiner Kritik am aktuellen chinesischen politischen System und der herrschenden materialistischen Kultur, in seinen Zielvorstellungen, in seiner Gewaltfreiheit, in der Zurücknahme seiner eigenen Person, auch in einer gewissen Bescheidenheit. Dabei neigt er deutlich dazu, Negatives zu betonen, ist also – wie er auch selbst sagt – nicht ausgewogen und emotional. Differenziert ist er allerdings, sehr gebildet, sehr intelligent, nicht naiv, nicht zynisch, sondern freundlich, beharrlich, bereit für die Konsequenzen dessen, was er für richtig und notwendig hält. Dass ihn die chinesische Regierung und die chinesischen Behörden als Gefahr einstuften, ist leicht nachzuvollziehen.

Die Schriften umfassen ein weites Feld: Politik, Kultur, auch dokumentarische Schriften wie die Ankündigung des Hungerstreiks 1989, die Charta 08, seine Verteidigung vor Gericht, das Urteil gegen ihn. Und eben auch Gedichte, vor Allem an seine Frau. Hieraus aus ein Zitat:
„Liebe
schließ dich nicht zu
du sollst nicht allein
der Verlierer Verzweiflung beneiden
öffne die Tür
nimm auch mich als Verlierer
mach mich
zum traurigen Grund weiterzuleben
lass den stillen Rauch deiner Zigarette
zwischen uns steigen“