Der begrabene Riese. Kazuo Ishiguro

Und dann überrascht Kazuo Ishiguro doch wieder. Gerade hatte ich gedacht, ich wüsste jetzt, wie und worüber er schreibt. Dann kam mir „The buried giant“ in die Hände, erschienen 2015.

Ein Roman aus der Frühzeit Britanniens. Ort und Zeit der Handlung: Irgendwo im Grenzgebiet zwischen den Sachsen und den keltischen Vor-Einwohnern. Die Römer sind schon eine ganze Weile wieder außer Landes, aber ihre Ruinen gibt es noch. König Artus  ist vor nicht allzu langer Zeit gestorben. Die Wikinger betreiben ihr Plünderungsgeschäft.

Ein Roman wie von Walter Scott. Ivanhoe ist gedanklich nie weit weg, wenn einem der Ritter Winstan begegnet. Oder ein Roman wie  die keltischen Originale der Artussage aus Wales und Cornwall. Gawain, der Neffe von Artus, lebt noch und ist als sehr alter Ritter auf seinem sehr alten Pferd aktiv: Seine Aufgabe ist noch nicht erledigt – da kann man nicht einfach so sterben oder in Ruhestand gehen. Auch gibt es einen leibhaftigen Drachen. Und Feenwesen, mit denen nicht gut Kirschen zu essen ist. Sogar Riesen. Oder ein Roman wie von Tolkien also, Fantasy oder wie immer das heißt.

Je länger man liest, desto klarer aber wird dann doch: Es ist ein typischer Roman von Ishiguro, nur verkleidet. Sparsame Sprache, überschaubares Personal, überlegter Aufbau von Sätzen, Kapiteln und Buch. Vor allem: Die Lieblingskonflikte von Ishiguro. Was tut „Pflicht“ mit den Menschen? Kann es funktionierende Beziehungen zwischen Menschen wirklich geben? Wie geht man mit den Sünden der Vergangenheit in der Gegenwart um? Kann der Mensch aus seiner Haut oder gehören Krieg, Konflikt, Verstricklung und Sünde zu seinem ureigenen Wesen?

„The buried giant“ kommt so dicht an ein happy end wie sonst noch kein anderer Roman von Ishiguro, einem sehr alten Ehepaar sei Dank. Aber wie immer bleibt es in der Schwebe, verschwindet die Melancholie nicht, kann es für das Paar noch anders kommen. Vor allem ist schon sicher, dass für die Menschen insgesamt in der nächsten historischen Etappe wieder Krieg ansteht. Denn Frieden gibt es nur durch Zauber oder durch ein Wunder, wenn die Erinnerung ausgeblendet wird und man vergißt, wofür man doch eigentlich Wieder-Schlecht-Machung braucht. Und Wunder gibt es ja bekanntlich nicht so oft. Vielleicht sogar nur im Märchen.

Der Guardian, den ich ja oft zitiere, schrieb: „Focusing on one single reading of its story of mists and monsters, swords and sorcery, reduces it to mere parable; it is much more than that. It is a profound examination of memory and guilt, of the way we recall past trauma en masse. It is also an extraordinarily atmospheric and compulsively readable tale, to be devoured in a single gulp. The Buried Giant is Game of Thrones with a conscience, The Sword in the Stone for the age of the trauma industry, a beautiful, heartbreaking book about the duty to remember and the urge to forget.“

Die Ungetrösteten. Kazuo Ishiguro

Ja liest denn der jetzt nur noch Ishiguro….?

Natürlich nicht und bald kommt auch wieder ein Beitrag über etwas anderes. Aber die Bücher von Ishiguro sind eben schon ziemlich gut und das Lesen guter Bücher macht mehr Spaß. Und ich lese ja doch eher zum Vergnügen.

Bei „The unconsoled“ kommt man aber schon ins Grübeln, wie groß das Vergnügen eigentlich ist. Das zieht sich alles ganz ordentlich lang hin auf immerhin 534 Seiten in der englischen Taschenbuchausgabe. Es passiert einiges, aber letztlich immer dasselbe. Hätte Ishiguro das nicht auch mit weniger Worten/Sätzen/Seiten hinbekommen können?

Die Rezensenten schwanken ebenfalls in ihrer Meinung. Von Verriss bis Meisterwerk ist alles dabei. Vielleicht am diplomatischsten der New Yorker: „A work of great interest and originality (…).“ Oder der Guardian: „The Unconsoled is a difficult, perplexing and uniquely challenging book.“

Der Klappentext: „Der berühmte Pianist Ryder ist auf Konzertreise. Bei seiner Ankunft im Hotel möchte er sich am liebsten sofort zurückziehen, wird aber vom Hotelpagen in Beschlag genommen, der ihn um einen ungewöhnlich persönlichen Gefallen bittet. Ryder sagt zu und macht daraufhin eine ganze Reihe sonderbarer Bekanntschaften, die ihn in tiefe Verwirrung stürzen, lauter Ungetröstete, die sich von dem Künstler Hilfe oder gar Erlösung erhoffen. Ryder versucht, auf jeden Einzelnen einzugehen und merkt zu spät, dass er sich dabei selbst immer mehr abhanden kommt.“

Geschrieben wie eine Traumdarstellung, kein Albtraum, aber auch kein wirklich erfreulicher Traum. Viel vom Ausweglosen, Ausgelieferten wie bei Franz Kafka. Viel Rätselhaftes, Amüsantes, Seltsames wie bei Lewis Carroll.

Wie in anderen Romanen von Ishiguro klappt es wieder nicht mit den Beziehungen zwischen den Menschen, schon gar nicht bei der Hauptperson. Immer kommt etwas Wichtiges, Pflichtiges dazwischen, so dass „das gute Leben“ leider ausfällt. Ein komplettes Desaster, aber das Dasein geht weiter, auch in diesem Buch, siehe den Schlussabsatz:
„I filled my coffee cup almost to the brim. Then, holding it carefully in one hand, my generously laden plate in the other, I began making my way back to my seat.“ Dabei befindet sich die Hauptperson Ryder in einer Tram, die immer im Kreis herum fährt, und eigentlich muss er dringend zum Flughafen, die Pflicht (der nächste Konzertauftritt) ruft. Aber vielleicht doch ein Hoffnungsschimmer: Ryder nimmt sich die Zeit für ein ausführliches und leckeres Frühstück!

Damals in Nagasaki. Kazuo Ishiguro

Dies ist ja nun wirklich nicht mehr der erste Beitrag in diesem Blog zu einem Buch von Kazuo Ishiguro. Deshalb fasse ich mich bei „A pale view of hills“ jetzt deutlich kürzer.

Worum geht’s?
Der deutsche Klappentext ist irreführend, den zitiere ich nicht. Von einer anderen Website statt dessen:
„Etsuko is an aging Japanese woman living alone in rural England. She has her younger daughter Niki to stay for a few days, shortly after the suicide of her elder daughter Keiko. There is an emotional distance between the two, which only seems to grow as Etsuko retreats into her memories, specifically the months when she was living in Nagasaki with her first husband shortly after the end of World War 2. During this time she was pregnant with Keiko and forging an unusual friendship with her neighbour Sachiko. The friendship was initiated by Etsuko as a result of her concern for Sachiko’s daughter Mariko: Sachiko seems somewhat absent-minded about her care, and it transpires that she was once a wealthy woman who has been reduced to destitution. As Etsuko retreats further into her memories of this time, it becomes increasingly clear that she may not be an entirely reliable narrator, and the truth might be something she is even capable of navigating any more.

Zu empfehlen?
Na klar.

Was macht diesen Roman besonders?
Es ist Ishiguros erster Roman, wirkt aber nicht wie ein Anfängerwerk, sondern von Anfang an gekonnt.

Er ist mysteriöser, da vieles, was man beim Lesen meint, irgendwann doch einmal erfahren zu müssen, einfach nicht erzählt wird. Da muss man sich dann seinen eigenen Reim darauf machen oder versuchen, die Offenheit, die durch diese Ellipsen entsteht, auszuhalten und zu genießen.

Er beschäftigt sich ausgesprochen stark und eindrücklich mit dem Scheitern von Kommunikation, von Beziehungen. Die handelnden Personen sprechen durchaus viel zueinander, aber fast immer sprechen sie aneinander vorbei, können oder wollen nicht aufeinander eingehen, sich nicht auf die Wünsche und Bedürfnisse des anderen einstellen. Im gesamten Roman gibt es keine zwei Personen mit einer guten, funktionierenden Beziehung zueinander, trotz Verwandtschaft, trotz Freundschaft, trotz Liebe, trotz Ehe. In weiten Teilen des Romans fühlte ich mich an Samuel Beckett erinnert.

Und die Gewalt, die zwischendrin immer wieder überraschend, unvermittelt, beiläufig, erschreckend aufblitzt. „Keiko, unlike Niki, was pure Japanese, and more than one newspaper was quick to pick up on this fact. The English are fond of their idea that our race has an instinct for suicide, as if further explanations were unnecessary; for that was all they reported, that she was Japanese and that she had hung herself in her room.“

Was könnte man noch lesen?
Eine ausgesprochene interessante Interpretation des Romans in einem anderen Blog, Copper Lantern Book Reviews.

Als wir Waisen waren. Kazuo Ishiguro

Dass dieser Roman von Kazuo Ishiguro besser und spannender ist als ein Roman von John le Carré, habe ich selbst getestet und in meinem vorherigen Beitrag schon geschrieben. Allerdings hatte ich da gerade erst begonnen, „When we were orphans“ zu lesen, und wusste noch nicht, wie relevant der Vergleich tatsächlich sein würde.

Wenn Ishiguro je einen Krimi geschrieben hat, dann dieses Buch. Und da internationale Politik mit ihren teils unschönen Verflechtungen eine wesentliche Rolle spielt, ist eine strukturelle Ähnlichkeit zu Spionageromanen nicht von der Hand zu weisen.

Der Vergleich mit le Carré ist also statthaft. Ishiguro gewinnt um Längen.

Der Inhalt, wie häufig bei mir direkt übernommen vom deutschen Klappentext, um nicht zu viel, schon gar nicht alles zu verraten:
„England in den Dreißigerjahren: Ganz London schwärmt von Christopher Banks und seinen Erfolgen. Es gibt nur einen Fall, den der Meisterdetektiv bisher nicht aufklären konnte: Das mysteriöse Verschwinden seiner Eltern in Shanghai, der Stadt seiner Kindheit. Beide waren in den Opiumhandel verstrickt: der Vater als Profiteur, die Mutter als erklärte Gegnerin. Als die Erinnerungen an die Zeit, als er Waise wurde, Banks immer häufiger quälen, beschließt er, sich auf den Weg nach Shanghai zu machen, um endlich das größte Rätsel seines Lebens zu lösen.“

Wie immer bei Ishiguro: ein sprachliches und strukturelles Kunstwerk von beeindruckender Zugänglichkeit und Einfachheit. Wieder verwendet er einen Ich-Erzähler, der Rechenschaft ablegt und sich penibel um Wahrheit, Ehrlichkeit, Offenheit bemüht, auch wenn er dabei wirklich nicht immer gut aussieht.

Wieder werden auch Hauptmotive bereits im ersten Absatz vorbereitet:
„(…) I took great pleasure in my own company.“
Der Ich-Erzähler,  Christopher Banks, eine Waise, ist und bleibt allein. Wie schon der Butler in „The remains of the day“ hat er eine Aufgabe, eine Mission, eine Pflicht, da muss das eigene Leben und das eigene Glück halt zurücktreten. Im vorletzten Absatz des Romans heißt es: „There is nothing for it but to try and see through our missions to the end, as best we can, for until we do so, we will be permitted no calm.“

Und später: „(…), pausing once in a while to admire how here in England (…) creepers and ivy are to be found clinging to the front of fine houses.“
Die feine Fassade Englands, während es China mit Opium überschwemmte – die distinguierte Abgehobenheit und Unbeteiligtheit im Internationalen Viertel Shanghais, während darum herum der Krieg zwischen Japan und China, zwischen Kommunisten und Nationalisten tobt: Bigotterie, verbrecherisch, arrogant, für Banks sogar ekelerregend.

Der beste Roman von Ishiguro ist dies allerdings aus meiner Sicht nicht. Es gibt da eine kleine Reihe von Implausibilitäten im Plot, die er sich sonst nicht leistet. Und eine Szene, in der Banks unter Bombenhagel und Maschinengewehrgefeuer durch zerstörte Häuser klettert, auf der Suche nach seinen Eltern, die er in einem bestimmten Haus gefangen glaubt. Irgendwie zu schnell, zu aufmerksamkeits-heischend für den sonst so zurückhaltenden Stil von Ishiguro. Etwas zu sehr gewollt, etwas zu konstruiert, etwas zu viel Handlung.

Interessanterweise sahen das viele Rezensenten aus unterschiedlichen Gründen wohl ähnlich, wenn man sich einen Überblick der Rezensionen anschaut. Ausgezeichnet übrigens die Rezension aus dem Jahr 2000 von Susanne Mayer in der Wochenzeitung Die Zeit:
„Dies ist das große Thema aller Bücher Ishiguros. Es sind psychologische Studien über Menschen in kontrollierter Verzweiflung. Aber auf einer philosophischen Ebene fragen sie wieder und wieder, was es denn bedeute, wenn alle Tugenden, Ehrlichkeit, Hingabe, Pflichtgefühl, uns nur in die Irre führten. Immer geht es auch um die Frage der Schuld. Um die Frage, ob jemand, der schuldlos schuldig wurde, vor sich und den Augen der Welt zu retten ist.“
Und weiter:
„Am Ende wird beinahe nichts wieder gut. Darauf ist man gefasst, in all diesen Büchern bleiben wir gefangen unter der Schädeldecke des Helden, durch die von der Welt nur ein Rauschen dringt. Christopher, so scheint es, hat sich vorgenommen, noch einmal zu versuchen, es mit dieser Welt aufzunehmen. Aber es ist keine Aussicht, die das Gefühl von Herbstlichkeit vertreibt, mit dem man das Buch beiseite legt.“

The remains of the day. Kazuo Ishiguro

Ab und zu lesen wir von diesem Blog dann sogar dieselben Bücher. Im vorherigen Beitrag war es noch dieselbe Autorin, aber ein anderes Buch. Jetzt wieder der identische Titel. Und wieder ist Kazuo Ishiguro an der Reihe mit seinem bekanntesten Werk „The remains of the day“.

Dem positiven Fazit meiner Vor-Besprecherin kann ich mich anschließen. Ein wirklich und richtig gutes Buch, rundherum zu empfehlen. Überaus lesbar, wirklich nicht seicht, für jeden zugänglich.

Allerdings lässt mich der Roman sehr bedrückt zurück. Mr Stevens, der Butler und Ich-Erzähler, hat letztlich sich selbst, seine eigene Person, seine Seele, sein Leben aufgegeben zugunsten einer Rolle, eines Jobs, seiner Profession als Butler. Absichtlich, da seiner Meinung nach nur der ein ausgezeichneter Butler sein kann, der ganz diese Rolle lebt.

Das ist sogar noch radikaler, als ein Mönchsgelübde abzulegen. Und das ist weit verbreitet in der heutigen Leistungsgesellschaft, in der dem Beruf häufig unbedingter Vorrang vor dem Privatleben eingeräumt wird/werden soll.

Für Stevens heißt das, dass er keine sozialen Beziehungen hat, dass er nur über die sehr gepflegte, aber doch formalisierte Butlersprache verfügt. Seinen Vater zum Beispiel spricht er in der dritten Person Singular an. Als dieser im Obergeschoss im Sterben liegt, hat er keine Zeit für ihn – die Pflicht geht vor, es sind gerade Gäste da. Der entzündete Zeh eines Gasts hat Vorrang vor dem tödlichen Schlaganfall des eigenen Vaters.

Ganz funktioniert das nicht mit dem Aufgeben der eigenen Person. Stevens stehen dann doch die Tränen in den Augen. Aber es ist ein Triumph seines Butler-Seins, dass er dem nicht nachgibt, dass er Haltung bewahrt, sich sonst nichts anmerken lässt.

An den wenigen Tagen der bis dahin einzigen Reise seines Lebens, die den zeitlichen Horizont der Romanhandlung bilden, kommt er ernsthaft ins Grübeln. Er fasst sogar den Vorsatz, sich zu ändern, mehr Humor und menschliche Wärme zu zeigen.

Aber dann geht’s doch schief, menschliche Wärme und Humor werden zu Funktionen der Butler-Profession, die berufliche Rolle gewinnt über sein Leben, über das, was von seinem Leben übrig ist:
„It occurs to me, furthermore, that bantering is hardly an unreasonable duty for an employer to expect a professional to perform. I have of course already devoted much time to developing my bantering skills, but it is possible I have never previously approached the task with the commitment I might have done. Perhaps, then, when I return to Darlington Hall (…) I will begin practising with renewed effort. I should hope, then, that by the time of my employer’s return, I shall be in a position to pleasantly surprise him.“

Humor als Pflicht. Nicht komisch mehr, tragisch.

Der Maler der fließenden Welt. Kazuo Ishiguro

Ich mag Roman-Autoren, die erste Sätze schreiben können. Kazuo Ishiguro in seinem zweiten Roman, „An Artist of the Floating World“, gehört ganz deutlich dazu:
„If on a sunny day you climb the steep path leading up from the little wooden bridge still referred to around here as ‚the bridge of hesitation‘, you will not have to walk far before the roof of my house becomes visible between the tops of two gingko trees.“

Vorsichtig, eventuell, Zögern – Vergangenheit, Tradition, Kontinuität und Veränderung – steiler Weg, Brücke – Ich-Erzähler, wir und die anderen – Asien – Dinge, die erst nach und nach sichtbar werden. Viele, eigentlich alle Akzente werden gesetzt, die kennzeichnend und wesentlich sind für den gesamten Roman.

Der Guardian zählt diesen Roman zu den 100 besten in englischer Sprache, bevor Ishiguro den Literatur-Nobelpreis bekommt, damals im Jahr 2015, Platz 94. Die anderen, bekannteren Bücher von Ishiguro tauchen auf der Liste nicht auf. Also der beste Roman von ihm?

Beurteilen kann ich das nicht, da dies der erste Roman ist, den ich von Ishiguro gelesen habe. Meine Kollegin in diesem Blog fand einen anderen, „The remains of the day„, ebenfalls ausgezeichnet. Vielleicht ist er aber tatsächlich besonders:

  • dieser englische Autor mit japanischem Hintergrund schreibt über Japan
  • sein exquisiter und sparsamer Stil erinnert an die ebenfalls exquisite Sparsamkeit japanischer Kunst, ohne dadurch nicht mehr ausgezeichnet Englisch zu sein.

Der Inhalt

Passabel, aber zugleich viel zu platt und zu konkret zusammengefasst im deutschen Klappentext: „In den dreißiger Jahren hat der Maler Masuji Ono seine Kunst in den Dienst der japanischen Expansionspolitik gestellt. Jetzt, nach dem Krieg, ist sein damaliger Hurrapatriotismus anrüchig geworden, und als seine Tochter heiraten will, wird seine politische Vergangenheit zur Belastung für die Familie. Seine Lebensbeichte offenbart ein heilloses Geflecht von Schuld und Irrtum und ist ein Läuterungsprozess, nach dem er nicht mehr derselbe sein wird wie zuvor.“

Das Buch ist wirklich viel, viel besser, als diese Inhaltsangabe vermuten lassen würde.

Was mich besonders beeindruckt

Die phänomenale Konsistenz zwischen dem Charakter des Ich-Erzählers und der Sprache, in der er erzählt. Die Fähigkeit, auch schreckliche Ereignisse deutlich werden zu lassen, ohne dabei konkret und plakativ zu werden. Der vignettenhafte Blick auf nur wenige Personen in einem kurzen Zeitfenster, der ein ganzes Land und eine ganze Epoche erscheinen lässt.

Und was bedrückt

Eine wirkliche Auseinandersetzung mit der Vergangenheit schafft keine einzige der Personen im Buch, egal auf welcher Seite sie standen, egal aus welcher Generation. Am besten gelingt dies vielleicht noch dem Ich-Erzähler, aber auch er kommt nur bis zu dem etwas vagen Satz:
„Our nation, it seems, whatever mistakes it may have made in the past, has now another chance to make a better go of things. One can only wish these young people well.“

Und die jüngste Generation, vertreten durch den Enkel des Ich-Erzählers, begeistert sich zwar für amerikanische Rollenmuster wie Cowboys und Popeye. Chauvinismus und eine Neigung zu Traditionen aus der Vorkriegszeit sind aber bei diesem Kind, das noch keine 10 Jahre alt ist, bereits angelegt und entwickeln sich.

Erstaunlich

Ein solches wirklich großartiges Buch wie dieses bekommt man als Taschenbuch für unter 10 €. Dafür kann man nicht ins Kino gehen.