Die Ungetrösteten. Kazuo Ishiguro

Ja liest denn der jetzt nur noch Ishiguro….?

Natürlich nicht und bald kommt auch wieder ein Beitrag über etwas anderes. Aber die Bücher von Ishiguro sind eben schon ziemlich gut und das Lesen guter Bücher macht mehr Spaß. Und ich lese ja doch eher zum Vergnügen.

Bei „The unconsoled“ kommt man aber schon ins Grübeln, wie groß das Vergnügen eigentlich ist. Das zieht sich alles ganz ordentlich lang hin auf immerhin 534 Seiten in der englischen Taschenbuchausgabe. Es passiert einiges, aber letztlich immer dasselbe. Hätte Ishiguro das nicht auch mit weniger Worten/Sätzen/Seiten hinbekommen können?

Die Rezensenten schwanken ebenfalls in ihrer Meinung. Von Verriss bis Meisterwerk ist alles dabei. Vielleicht am diplomatischsten der New Yorker: „A work of great interest and originality (…).“ Oder der Guardian: „The Unconsoled is a difficult, perplexing and uniquely challenging book.“

Der Klappentext: „Der berühmte Pianist Ryder ist auf Konzertreise. Bei seiner Ankunft im Hotel möchte er sich am liebsten sofort zurückziehen, wird aber vom Hotelpagen in Beschlag genommen, der ihn um einen ungewöhnlich persönlichen Gefallen bittet. Ryder sagt zu und macht daraufhin eine ganze Reihe sonderbarer Bekanntschaften, die ihn in tiefe Verwirrung stürzen, lauter Ungetröstete, die sich von dem Künstler Hilfe oder gar Erlösung erhoffen. Ryder versucht, auf jeden Einzelnen einzugehen und merkt zu spät, dass er sich dabei selbst immer mehr abhanden kommt.“

Geschrieben wie eine Traumdarstellung, kein Albtraum, aber auch kein wirklich erfreulicher Traum. Viel vom Ausweglosen, Ausgelieferten wie bei Franz Kafka. Viel Rätselhaftes, Amüsantes, Seltsames wie bei Lewis Carroll.

Wie in anderen Romanen von Ishiguro klappt es wieder nicht mit den Beziehungen zwischen den Menschen, schon gar nicht bei der Hauptperson. Immer kommt etwas Wichtiges, Pflichtiges dazwischen, so dass „das gute Leben“ leider ausfällt. Ein komplettes Desaster, aber das Dasein geht weiter, auch in diesem Buch, siehe den Schlussabsatz:
„I filled my coffee cup almost to the brim. Then, holding it carefully in one hand, my generously laden plate in the other, I began making my way back to my seat.“ Dabei befindet sich die Hauptperson Ryder in einer Tram, die immer im Kreis herum fährt, und eigentlich muss er dringend zum Flughafen, die Pflicht (der nächste Konzertauftritt) ruft. Aber vielleicht doch ein Hoffnungsschimmer: Ryder nimmt sich die Zeit für ein ausführliches und leckeres Frühstück!

Damals in Nagasaki. Kazuo Ishiguro

Dies ist ja nun wirklich nicht mehr der erste Beitrag in diesem Blog zu einem Buch von Kazuo Ishiguro. Deshalb fasse ich mich bei „A pale view of hills“ jetzt deutlich kürzer.

Worum geht’s?
Der deutsche Klappentext ist irreführend, den zitiere ich nicht. Von einer anderen Website statt dessen:
„Etsuko is an aging Japanese woman living alone in rural England. She has her younger daughter Niki to stay for a few days, shortly after the suicide of her elder daughter Keiko. There is an emotional distance between the two, which only seems to grow as Etsuko retreats into her memories, specifically the months when she was living in Nagasaki with her first husband shortly after the end of World War 2. During this time she was pregnant with Keiko and forging an unusual friendship with her neighbour Sachiko. The friendship was initiated by Etsuko as a result of her concern for Sachiko’s daughter Mariko: Sachiko seems somewhat absent-minded about her care, and it transpires that she was once a wealthy woman who has been reduced to destitution. As Etsuko retreats further into her memories of this time, it becomes increasingly clear that she may not be an entirely reliable narrator, and the truth might be something she is even capable of navigating any more.

Zu empfehlen?
Na klar.

Was macht diesen Roman besonders?
Es ist Ishiguros erster Roman, wirkt aber nicht wie ein Anfängerwerk, sondern von Anfang an gekonnt.

Er ist mysteriöser, da vieles, was man beim Lesen meint, irgendwann doch einmal erfahren zu müssen, einfach nicht erzählt wird. Da muss man sich dann seinen eigenen Reim darauf machen oder versuchen, die Offenheit, die durch diese Ellipsen entsteht, auszuhalten und zu genießen.

Er beschäftigt sich ausgesprochen stark und eindrücklich mit dem Scheitern von Kommunikation, von Beziehungen. Die handelnden Personen sprechen durchaus viel zueinander, aber fast immer sprechen sie aneinander vorbei, können oder wollen nicht aufeinander eingehen, sich nicht auf die Wünsche und Bedürfnisse des anderen einstellen. Im gesamten Roman gibt es keine zwei Personen mit einer guten, funktionierenden Beziehung zueinander, trotz Verwandtschaft, trotz Freundschaft, trotz Liebe, trotz Ehe. In weiten Teilen des Romans fühlte ich mich an Samuel Beckett erinnert.

Und die Gewalt, die zwischendrin immer wieder überraschend, unvermittelt, beiläufig, erschreckend aufblitzt. „Keiko, unlike Niki, was pure Japanese, and more than one newspaper was quick to pick up on this fact. The English are fond of their idea that our race has an instinct for suicide, as if further explanations were unnecessary; for that was all they reported, that she was Japanese and that she had hung herself in her room.“

Was könnte man noch lesen?
Eine ausgesprochene interessante Interpretation des Romans in einem anderen Blog, Copper Lantern Book Reviews.

Ein blendender Spion. John le Carré

Die Vorgeschichte war ideal: Ein heißer, etwas schwüler Tag in Windhoek. Ein Gewitter lag in der Luft, aber wahrscheinlich nicht für heute. Eine alte Brauerei, ein halb verlassener Parkplatz, ein paar undurchsichtige Typen, die neben ihren Autos auf irgendetwas warten. Verstreute deutsche Touristen auf der Suche nach ihrem nächsten Windhoek Lager. Der Blick fällt auf eine Buchhandlung, „die beste Buchhandlung in Namibia“. Die alte Frau darin schaut melancholisch, nicht viel los, wer liest schon Bücher in Windhoek. Auf dem Stapel mit der Nummer 75 ganz oben wie dort für mich hingelegt dieses Buch: „Ein blendender Spion“.

Aber so wie auch in Windhoek nicht alles toll ist, sind nicht alle Bücher von le Carré wirklich gut. „A perfect spy“ gehört aus meiner Sicht in die eher mäßige Kategorie. Damit stehe ich allerdings anscheinend allein. The Sunday Times bemerkt: „Without doubt his masterpiece (…) Universally acknowledged as a perfect work of fiction.“ Oder Philip Roth: „The best English novel since the war.“ Die Los Angeles Times: „Le Carré’s best book, one of the enduring peaks of imaginative literature in our time.“ Alles zitiert auf der Rückseite des englischen Taschenbuchs. Fühlt man sich richtig schlecht, wenn man’s selber anscheinend nicht mitbekommt, wie toll das Buch ist, dass man gerade zu lesen versucht…

Andererseits: Vielleicht wäre es ja noch toll geworden, als ich auf Seite 197 aufgegeben habe (so lange habe ich durchgehalten, obwohl ich immer gegen die aufkommende Müdigkeit und Langeweile kämpfen musste!) . Nur noch 500 Seiten und du hast es geschafft! Nein, wirklich nicht mehr. Ich lese lieber etwas anderes („When we were orphans“ von Ishiguro, spannend, überzeugend, berührend ab Seite 1, mehr dazu demnächst in diesem Blog).

Warum geht es in dem Buch?
Der deutsche Klappentext verrät: „Magnus Pym, Angehöriger der britischen Botschaft in Wien und dort für Geheimaufträge zuständig, ist spurlos verschwunden. Seine Frau, sein Vorgesetzter und die Londoner Geheimdienststellen werden zunehmend unruhig. Und auch andernorts beginnt man, sich Sorgen zu machen.“
Ausführlicher die Inhaltsangabe in Wikipedia.

Warum gehört es für mich nicht zu den Gipfelereignissen der Nachkriegsbelletristik?
Weil bei mir keinerlei Spannung aufkommt, die Personen nicht interessant genug werden, ich kein Interesse am weiteren Verlauf des Plots gewinne, zu offensichtlich Sex & Crime eingesetzt werden, anscheinend nicht mit Sorgfalt geschrieben wurde, sondern eher viel (700 Seiten, siehe oben!). Und da helfen auch nicht die mitunter sehr gelungenen einzelnen Formulierungen, die treffenden Vignetten zum britischen (und amerikanischen) Establishment. Auch nicht, dass ich einen anderen Roman von le Carré in diesem Blog empfohlen habe.

Das Buch geht ab zu Oxfam, damit sich jemand anderes daran erproben kann, ob er beim Lesen von Deckel bis Deckel kommt. Man kann natürlich auch den Film anschauen, spart das Lesen.

 

Die Reise nach Indien. E.M. Forster

Edward Morgan Forster ist zwischenzeitlich eher durch die Verfilmungen seiner Romane als durch diese selbst bekannt. Den schwelgerisch-schwülstigen Filmen von James Ivory sei Dank.

Wie meistens jedoch sind die Bücher besser, falls es sich nicht um Verschreibungen gleichnamiger Filme handelt. Das Buch „A passage to India“, 1924 erschienen, gewinnt um Längen: Der Film kam erst 1984, 60 Jahre später, in die Kinos. Und bevor ich diesem Film unrecht tue: Er ist von David Lean gedreht worden, nicht James Ivory, und das macht einen Unterschied.

Forster (1879 – 1970), ist eine durchaus schillernde Persönlichkeit, zeitweise Mitglied des Bloomsbury Circle, homosexuell, intellektuell, später Honorary Fellow am King’s College in Cambridge, immer wieder einer der Favoriten für den Literaturnobelpreis. Vieles, worüber er schrieb, kannte er aus eigener Anschauung. So war er – wichtig für diesen Roman – zweimal selbst in Indien, das zweite Mal als Privatsekretär des Maharajah von Dewas.

„A passage to India“ nimmt sich Zeit. Kein Buch sich überschlagender Handlung. Statt dessen ein Buch des Beobachtens, Zuhörens, Nachdenkens, Wirken-Lassens. Forster verwendet Sorgfalt und Subtilität auf die Beschreibung der Menschen und ihrer Beziehungen zueinander. Man erfährt viel über das Innenleben der handelnden Personen.

Vor allem ist „A passage to India“ natürlich ein Buch über den britischen Kolonialismus in Indien. Die Personen des Romans werden alle dadurch einsortiert, wie sie zum jeweils anderen Land stehen und wie sie über den real existierenden Kolonialismus denken. Fast alle Facetten werden dabei abgedeckt, so gibt es zum Beispiel jeweils bei Briten und Indern die Naiven, die Arrangierten, die Opportunisten, die Zyniker, die Von-Außen-Beobachtenden.
Für mich macht dies, neben dem unauffälligen Humor Forsters, einen wesentlichen Teil des Reizes dieses Romans aus.

Eine typische Passage, es spricht Ronny Heaslop, ein junger Amtsrichter in Indien, zu seiner Mutter und seiner Verlobten:
„‚There’s no point in all this. Here we are, and we’re going to stop, and the country’s got to put up with us (…). Oh, look here,‘ he broke out, rather pathetically, ‚what do you and Adela want me to do? Go against my class, against all the people I respect and admire out here? Lose such power as I have for doing good in this country because my behaviour isn’t pleasant? You neither of you understand what work is, or you’d never talk such eyewash. (…) I am out here to work, mind, to hold this wretched country by force. I’m not a missionary or a Labour Member, or a vague sentimental sympathetic literary man. I’m just a servant of the Government; it’s the profession you wanted me to choose myself, and that’s that. We’re not pleasant in India, and we don’t intend to be pleasant. We’ve something more important to do.'“

Ein Kritiker hat einmal über Forster geschrieben:
„E. M. Forster is for me the only living novelist who can be read again and again and who, after each reading, gives me what few writers can give us after our first days of novel-reading, the sensation of having learned something.“

Klingt wie eine Empfehlung.

The remains of the day. Kazuo Ishiguro

Ab und zu lesen wir von diesem Blog dann sogar dieselben Bücher. Im vorherigen Beitrag war es noch dieselbe Autorin, aber ein anderes Buch. Jetzt wieder der identische Titel. Und wieder ist Kazuo Ishiguro an der Reihe mit seinem bekanntesten Werk „The remains of the day“.

Dem positiven Fazit meiner Vor-Besprecherin kann ich mich anschließen. Ein wirklich und richtig gutes Buch, rundherum zu empfehlen. Überaus lesbar, wirklich nicht seicht, für jeden zugänglich.

Allerdings lässt mich der Roman sehr bedrückt zurück. Mr Stevens, der Butler und Ich-Erzähler, hat letztlich sich selbst, seine eigene Person, seine Seele, sein Leben aufgegeben zugunsten einer Rolle, eines Jobs, seiner Profession als Butler. Absichtlich, da seiner Meinung nach nur der ein ausgezeichneter Butler sein kann, der ganz diese Rolle lebt.

Das ist sogar noch radikaler, als ein Mönchsgelübde abzulegen. Und das ist weit verbreitet in der heutigen Leistungsgesellschaft, in der dem Beruf häufig unbedingter Vorrang vor dem Privatleben eingeräumt wird/werden soll.

Für Stevens heißt das, dass er keine sozialen Beziehungen hat, dass er nur über die sehr gepflegte, aber doch formalisierte Butlersprache verfügt. Seinen Vater zum Beispiel spricht er in der dritten Person Singular an. Als dieser im Obergeschoss im Sterben liegt, hat er keine Zeit für ihn – die Pflicht geht vor, es sind gerade Gäste da. Der entzündete Zeh eines Gasts hat Vorrang vor dem tödlichen Schlaganfall des eigenen Vaters.

Ganz funktioniert das nicht mit dem Aufgeben der eigenen Person. Stevens stehen dann doch die Tränen in den Augen. Aber es ist ein Triumph seines Butler-Seins, dass er dem nicht nachgibt, dass er Haltung bewahrt, sich sonst nichts anmerken lässt.

An den wenigen Tagen der bis dahin einzigen Reise seines Lebens, die den zeitlichen Horizont der Romanhandlung bilden, kommt er ernsthaft ins Grübeln. Er fasst sogar den Vorsatz, sich zu ändern, mehr Humor und menschliche Wärme zu zeigen.

Aber dann geht’s doch schief, menschliche Wärme und Humor werden zu Funktionen der Butler-Profession, die berufliche Rolle gewinnt über sein Leben, über das, was von seinem Leben übrig ist:
„It occurs to me, furthermore, that bantering is hardly an unreasonable duty for an employer to expect a professional to perform. I have of course already devoted much time to developing my bantering skills, but it is possible I have never previously approached the task with the commitment I might have done. Perhaps, then, when I return to Darlington Hall (…) I will begin practising with renewed effort. I should hope, then, that by the time of my employer’s return, I shall be in a position to pleasantly surprise him.“

Humor als Pflicht. Nicht komisch mehr, tragisch.

Der Maler der fließenden Welt. Kazuo Ishiguro

Ich mag Roman-Autoren, die erste Sätze schreiben können. Kazuo Ishiguro in seinem zweiten Roman, „An Artist of the Floating World“, gehört ganz deutlich dazu:
„If on a sunny day you climb the steep path leading up from the little wooden bridge still referred to around here as ‚the bridge of hesitation‘, you will not have to walk far before the roof of my house becomes visible between the tops of two gingko trees.“

Vorsichtig, eventuell, Zögern – Vergangenheit, Tradition, Kontinuität und Veränderung – steiler Weg, Brücke – Ich-Erzähler, wir und die anderen – Asien – Dinge, die erst nach und nach sichtbar werden. Viele, eigentlich alle Akzente werden gesetzt, die kennzeichnend und wesentlich sind für den gesamten Roman.

Der Guardian zählt diesen Roman zu den 100 besten in englischer Sprache, bevor Ishiguro den Literatur-Nobelpreis bekommt, damals im Jahr 2015, Platz 94. Die anderen, bekannteren Bücher von Ishiguro tauchen auf der Liste nicht auf. Also der beste Roman von ihm?

Beurteilen kann ich das nicht, da dies der erste Roman ist, den ich von Ishiguro gelesen habe. Meine Kollegin in diesem Blog fand einen anderen, „The remains of the day„, ebenfalls ausgezeichnet. Vielleicht ist er aber tatsächlich besonders:

  • dieser englische Autor mit japanischem Hintergrund schreibt über Japan
  • sein exquisiter und sparsamer Stil erinnert an die ebenfalls exquisite Sparsamkeit japanischer Kunst, ohne dadurch nicht mehr ausgezeichnet Englisch zu sein.

Der Inhalt

Passabel, aber zugleich viel zu platt und zu konkret zusammengefasst im deutschen Klappentext: „In den dreißiger Jahren hat der Maler Masuji Ono seine Kunst in den Dienst der japanischen Expansionspolitik gestellt. Jetzt, nach dem Krieg, ist sein damaliger Hurrapatriotismus anrüchig geworden, und als seine Tochter heiraten will, wird seine politische Vergangenheit zur Belastung für die Familie. Seine Lebensbeichte offenbart ein heilloses Geflecht von Schuld und Irrtum und ist ein Läuterungsprozess, nach dem er nicht mehr derselbe sein wird wie zuvor.“

Das Buch ist wirklich viel, viel besser, als diese Inhaltsangabe vermuten lassen würde.

Was mich besonders beeindruckt

Die phänomenale Konsistenz zwischen dem Charakter des Ich-Erzählers und der Sprache, in der er erzählt. Die Fähigkeit, auch schreckliche Ereignisse deutlich werden zu lassen, ohne dabei konkret und plakativ zu werden. Der vignettenhafte Blick auf nur wenige Personen in einem kurzen Zeitfenster, der ein ganzes Land und eine ganze Epoche erscheinen lässt.

Und was bedrückt

Eine wirkliche Auseinandersetzung mit der Vergangenheit schafft keine einzige der Personen im Buch, egal auf welcher Seite sie standen, egal aus welcher Generation. Am besten gelingt dies vielleicht noch dem Ich-Erzähler, aber auch er kommt nur bis zu dem etwas vagen Satz:
„Our nation, it seems, whatever mistakes it may have made in the past, has now another chance to make a better go of things. One can only wish these young people well.“

Und die jüngste Generation, vertreten durch den Enkel des Ich-Erzählers, begeistert sich zwar für amerikanische Rollenmuster wie Cowboys und Popeye. Chauvinismus und eine Neigung zu Traditionen aus der Vorkriegszeit sind aber bei diesem Kind, das noch keine 10 Jahre alt ist, bereits angelegt und entwickeln sich.

Erstaunlich

Ein solches wirklich großartiges Buch wie dieses bekommt man als Taschenbuch für unter 10 €. Dafür kann man nicht ins Kino gehen.

The Remains of the Day. Kazuo Ishiguro

Der Roman des britischen Nobelpreis-Gewinners von 2017 ist ein schönes, komisches, trauriges Porträt der britischen Gesellschaft.

Der Inhalt von „The Remains of the Day“

1989 erschienen, geht die erzählte Zeit im Roman noch weiter zurück in die Vergangenheit: Ein alternder Butler erhält in den 1950er Jahren die Gelegenheit zu einer Reise. Auf dem Weg von und zu den verschiedenen Stationen seiner Reise, erinnert er sich an die Zeit zwischen den beiden Weltkriegen. Der Butler Stevens reflektiert seine großen beruflichen Erfolge und versucht zu beschreiben, was für ihn das Ideal des wirklich großen Butlers ausmacht, dem er immer versucht hat zu entsprechen.

Erst am Ende des Romans, als Stevens aufs Meer schaut und darauf wartet, wie nach dem Sonnenuntergang die Lichter angehen, wird ihm klar, wie sehr er in seinem bisherigen Leben die eigenen Gefühle nicht wahrhaben wollte und ihnen schon gar nicht sprachlichen Ausdruck geben konnte.

Was vom Tage übrig blieb

Die Sprache

In einer Radio-Rezension hatte ich gehört, die Sprache Ishiguros sei wie eine Mischung aus Jane Austen und Marcel Proust. Stimmt. Wunderbar flüssig lesbar, präzise, gibt sie die formelle, sprachliche Variante einer vergangenen Upper Class wieder: „As I say, I have never in all these years thought of the matter in quite this way; but then it is perhaps in the nature of coming away on a trip such as this that one is prompted towards such surprising new perspectives on topics one imagined one had long ago thought through thoroughly.“ Erstaunlich…

Der ganze Roman ist aus der Perspektive des Butlers in Form eines inneren Monologs geschildert. Hin und wieder lockern berichtete Dialoge diese Erzählweise auf.

Übersetzung und Verfilmungen

Wer sich zu englischer Lektüre im Original nicht wirklich hingezogen fühlt, sollte diesen Roman unbedingt in Übersetzung lesen: Der Titel der deutschen Übersetzung lautet „Was vom Tage übrig blieb“. Als Alternative bietet sich die Verfilmung aus dem Jahr 1993 an von James Ivory mit Anthony Hopkins und Emma Thompson.

 Bildergebnis für Kazuo Ishiguro

Der Autor

Kazuo Ishiguro OBE ist ein britischer Schriftsteller japanischer Herkunft. Sein dritter und berühmtester Roman „Was vom Tage übrigblieb“ wurde 1989 mit dem Booker Prize ausgezeichnet. Er wurde ebenso verfilmt wie der 2005 erschienene Roman „Alles, was wir geben mussten“. Im Jahr 2017 erhielt Ishiguro den Nobelpreis für Literatur zugesprochen. Die Schwedische Akademie würdigte ihn als einen Schriftsteller, „der in Romanen von starker emotionaler Wirkung den Abgrund in unserer vermeintlichen Verbundenheit mit der Welt aufgedeckt hat“. (Quelle Wikipedia)

Enid Blyton: A biography. Barbara Stoney

Wer seit den 60er Jahren des vergangenen Jahrhunderts aufgewachsen ist und in seiner Kindheit oder Jugend Bücher gelesen hat, kennt Enid Blyton. Was für eine Erfolgsgeschichte, wenn man bedenkt, wie sehr sich die Welt seit damals verändert hat: Enid Blyton ist geblieben, fast zeitlos, letztlich klassisch, die Essenz von Kinder- und Jugendbüchern.

Fünf Freunde, die Abenteuer-Serie, Hanni und Nanni, Die schwarze Sieben – alles von Enid Blyton. Mehr als 750 Bücher und noch viel mehr Kurzgeschichten, über 600 Millionen verkaufte Bücher weltweit, in über 40 Sprachen.

Lohnt sich eine Biographie über eine Person, die ja allein wegen des Umfangs ihres Werks kaum Zeit gehabt haben kann, um anderes zu tun als zu schreiben?

Barbara Stoney hat sich jedenfalls ans Werk gemacht. 1974 erschien die Biographie, die von Enid Blytons Nachkommen in den Rang einer „offiziellen“ Biographie gehievt wurde. Immer wieder neu aufgelegt bekommt sie regelmäßig bessere Rezensionen als andere biographische Werke über Blyton wie „Looking for Enid: The mysterious and inventive life of Enid Blyton“ von Duncan McLaren oder Paula Whitesides „Enid Blyton: Biography of the author behind Noddy, The Famous Five, and The secret seven“.

 

Herausgekommen ist ein seltsames Buch.

Das Leben von Enid Blyton lässt sich tatsächlich recht schnell erzählen. Geboren 1897 als älteste von drei Geschwistern – der für sie und ihre Interessen verständnisvolle Vater verließ die Familie, als sie 13 war – die Mutter ihr immer fern; Enid brach den Kontakt mit 19 ab – Ausbildung zur Kindergärtnerin und Vorschullehrerin – erste Heirat 1924 mit zwei Kindern – Scheidung und erneute Heirat 1942 – Alzheimer-Erkrankung in der 60er Jahren – Tod 1968. So gut wie nie im Ausland. Begrenzte Kontakte in die Gesellschaft. Aber sehr sehr viele Kontakte mit Kindern und Jugendlichen. Und immer hat sie geschrieben, handschriftlich, später auf einer Schreibmaschine, zu geregelten Zeiten, fast jeden Tag. Und hat bei den Kindern und Jugendlichen gefragt, wie sie ihre Texte finden. Und so wurden ihre Bücher, Geschichten, Gedichte für ihre Zielgruppe immer besser.

Das erklärt natürlich nicht, warum ich die Biographie „seltsam“ finde. Seltsam deshalb, weil Stoney rein deskriptiv bleibt. Sie erzählt rein chronologisch. Sie benennt die Fakten und die Quellen. Sie beschönigt nichts. Aber sie reflektiert auch nirgends, ordnet nichts ein in den größeren Kontext der Gesellschaft und Kultur, in der Blyton lebte. Damit bleibt Blyton aber leider auch eigentümlich ungewürdigt, etwas farblos, etwas flach.

Und das ist für eine Autorin, die auch Mädchen in der damaligen Zeit aktive, selbstbestimmte Rollen gegönnt hat (George/Georgina in den fünf Freunden, Dina in der Abenteuer-Reihe!) doch ein Verlust. Da hätte sie eine anspruchsvollerer Biographin verdient gehabt.

Auch heute ist sie übrigens aktuell wie nie. Ihre letzte Neuerscheinung:
„Five on Brexit Island“, erschienen 2016, geschrieben allerdings von Bruno Vincent für Erwachsene.

You can’t do both. Kingsley Amis

Nach „Lucky Jim“ und längerer Zeit jetzt wieder ein Beitrag zu Kingsley Amis. Der Roman für heute: „You can’t do both“, erschienen 1994, in deutsch nicht zu bekommen (warum eigentlich?).

Vorweg: Ich habe das Buch sehr gerne gelesen, empfehle es daher auch gerne weiter.

Warum? Das sagt alles der Klappentext: „Robin Davis (…) is both a shrewd observer and an energetic actor which takes him from school to Oxford. With him we live through all the pangs of South London adolescence in a pre-war household whose gods enshrine the gentility principle.“ Und: „(…) Amis as you know him – brilliantly funny, outrageous, and exact ro every social nuance; but also as you’ve never known him before, writing with tenderness and compelling insight in a story which is strongly autobiographical.“

Eine Sache verschweigt er: Robin Davis ist ein ziemlich eingefleischter Selbstoptimierer, dem Wohl und Wehe seiner Nächsten nicht so wichtig sind, solange es für ihn und sein Vergnügen gut ausgeht. Ein sehr beeindruckendes und abschreckendes Porträt.

Ergänzen muss ich aus gegebenem Anlass meines Beitrags über Sayers‘ „Murder must advertise„, dass auch dieser Roman ein Cricket-Buch ist. Noch besser, es ist das EINZIGE Buch mit Buch-Cricket!!
„‚Of course if I get a moment to myself ever I might play a bit of book cricket. (…) Each letter of the alphabet stands for something that can happen when a ball is bowled, like no run, one run, two, three, four, six, and wicket down. The twelve commonest letters give no run, the next six commonest one run and so on. (…) When you’ve settled all the letters in the alphabet you go through a book, as I said. ‚The cat sat on the mat‘ would give you three overs less one ball with no score except on M, which would give you a single. For instance.'“

Dem ist nichts hinzuzufügen.

 

Monty Python’s flying circus: selected sketches. Monty Python

And now for something completely different: Monty Python’s flying circus.

Die Komikertruppe Monty Python ist eine – leider nicht mehr aktive – englische Institution. Wikipedia beschreibt ihren „flying circus“: „Monty Python’s Flying Circus (known during the final series as just Monty Python) is a British sketch comedy series created by the comedy group Monty Python and broadcast by the BBC from 1969 to 1974. The shows were composed of surreality, risqué or innuendo-laden humour, sight gags and observational sketches without punchlines. It also featured animations by group member Terry Gilliam, often sequenced or merged with live action.“

Am Besten schaut man sich das auf DVD an – unbedingt auf Englisch, denn in Übersetzung funktioniert das nicht -, wappnet sich mit interkultureller Kompetenz und dann geht’s los.

Alternativ gönnt man sich die Auswahl von Sketches in einem Band der Reihe Fremdsprachentexte bei Reclam. Die bietet den Vorteil, obskurere Worte und apokryphe Anspielungen jeweils als Fußnote erklärt zu bekommen. Dafür fehlt allerdings alles Visuelle und der Ton – und damit bestimmt die Hälfte. Gut an der Ausgabe: Sie bietet nicht nur einzelne Sketche, sondern auch den Text kompletter Episoden. Und der völlig abgedrehte, abrupte, zusammenhanglose (oder doch bedeutungsvolle?) Wechsel zwischen Sketches und wieder zurück und quer und noch einmal rückwärts ist eine gute Übung in Mentalakrobatik und für die Gesichtsmuskulatur.

Oder man nimmt beides, DVDs und Buch, für die vollständige Kurpackung an Political Incorrectness.

Als kurzes Beispiel das von Reclam gewählte Beispiel auf dem Einband:
„MAN. I was here on Saturday, getting married to a blond girl, and I’d like to change please.
REGISTRAR. What do you mean?
MAN. Er, well, the other wasn’t any good, so I’d like to swap it for this one, please. Er, I have paid. I paid on Saturday. Here’s the ticket.
Gives him the marriage licence.
REGISTRAR. Ah, ah, no.“

Wem Sketche zu kurz sind, kann natürlich auch auf Spielfilmlänge wechseln mit dem „Leben des Brian“ als vielleicht bestem Beispiel für sehr intelligenten, sehr schwarzen, sehr britischen Humor. Da funktioniert sogar die deutsche Übersetzung.