Chinesische Tapeten in Großbritannien und Irland. Emile de Bruijn

Chinesische Tapeten, als ob es sonst nichts gäbe, womit man sich beschäftigen könnte!

Tapeten: eine chinesische Erfindung
Dabei haben fast alle Menschen in Deutschland Tapeten in ihren vier Wänden. Und kaum einer weiß, dass zu den vielen Dingen, die ursprünglich in China erfunden worden sind, auch die Tapete gehört, erstmals wohl während der Han-Dynastie um Christi Geburt, ab dem 4. Jahrhundert auch und zunehmend in Papierform.

Gestalterisch geprägt wurden diese chinesischen Tapeten von der traditionellen chinesischen Malerei. Damit waren sie auch eher ein Gegenstand der Kunst und weniger des Designs oder schlicht der Innendekoration. Die Motive: Florales mit Vögeln und Insekten oder Landschaften oder Genreszenen oder Kombinationen hiervon.

Chinesische Tapeten: ein Exportschlager in Europa
Der Export chinesischer Produkte insgesamt nach Europa gewann im 16. Jahrhundert an Bedeutung. Tapeten im heutigen Sinn wurden ab der Mitte des 18. Jahrhunderts in diesem Geschäft wichtig. Die Glanzphase dauerte dann bis in das frühe 19. Jahrhundert. Wichtig dabei: chinesische Tapeten hatten immer viel mit Handarbeit zu tun. Zwar wurden im 18. Jahrhundert auch Holzschnittdrucke verwendet, aber diese wurden von Hand ausgemalt. Anschließend war die Mehrzahl der Tapeten komplett handgemalt, meistens gemalt nach Mustern, die vielfältig variiert und kombiniert wurden.

Damit erklärt sich auch, dass solche Tapeten keine Massenprodukte waren. Sie kosteten im 18. Jahrhundert etwa siebenmal so viel wie europäische Tapeten. Für eine einzige Tapetenbahn hätte ein Pfarrer etwa einen Monat arbeiten müssen.

Chinesische Tapeten: Ein Spätzünder am Kunstmarkt und in der Forschung
Obwohl relativ viele alte chinesische Tapeten in Europa erhalten sind, waren sie lange Zeit ein Mauerblümchen am Kunstmarkt und in der Forschung. Richtig erschlossen wurde es dann in den 1980er Jahren von einer Deutschen, Friederike Wappenschmidt, von der auch das Standardwerk „Chinesische Tapeten für Europa: Vom Rollbild zur Bildtapete“ stammt.

Das Buch von de Bruijn
Das in englischer Sprache als „Chinese Wallpaper in Britain and Ireland“ 2017 erschienene Buch von de Bruijn könnte dem Thema viel neuen und verdienten Schwung nicht nur auf den britischen Inseln verleihen. Die Illustrationen sind zahlreich, durchgängig in Farbe, von ausgezeichneter Qualität (außer wo Tapeten nur durch Schwarzweiß-Fotos überliefert sind). Der Text ist sehr zugänglich geschrieben. Der Autor kennt sich aus. Und – ein nicht sehr häufiges Glück – er bringt den historischen, sozialen, kulturellen, handwerklichen Kontext mit ein, sowohl in Europa als auch in China. Ein wirklicher Genuss, rundherum.

Muss man also den europäischen Kontinent verlassen, um sich alte chinesische Tapeten im Original anzuschauen?
Muss man nicht. Auch in Deutschland gibt es gut erhaltene, hochwertige Beispiele. In und bei Berlin in Schloss Charlottenburg, Schloss Rheinsberg; Wörlitz ist vertreten; München durch Schloss Nymphenburg mit der Amalien- und Badenburg; in Hessen die Hallenburg in Schlitz und Schloss Hohhaus in Lauterbach; Baden-Württemberg hat Schloss Schwetzingen; Franken Veitshöchheim, Werneck und Bayreuth. Die Liste lässt sich noch eine Weile fortsetzen. Am vollständigsten für Deutschland findet man sie im genannten Buch von Wappenschmidt.

Und für die eigenen vier Wände?
Wenn man das nötige Kleingeld hat, kann man sich auch weiterhin handgemalte chinesische Tapeten gönnen. Firmen wie de Gournay und Fromental lassen weiterhin in China arbeiten. Und für den etwas budget-orientierteren Menschen finden sich auch bei anderen Tapeten- oder sogar Fliesenherstellern immer wieder Designs, die mehr oder weniger gelungen von den Originalen des 18. und 19. Jahrhunderts inspiriert sind.

Sollte sich jetzt jemand noch mehr für China interessieren: In diesem Blog gibt es hierfür sogar eine Extraseite!

Meine Bücher des Jahres 2017

Andere Medien machen das ja auch: Listen erstellen zum Ende eines Jahres. Das lässt sich auf Halde produzieren, so dass man an und zwischen den Feiertagen nicht arbeiten muss oder zumindest nicht in Stress gerät.

Diese Liste ist anders. Sie lag nicht auf Halde, sondern wird jetzt in diesem Moment gerade frisch produziert. Außerdem ist sie kurz.

Meine Bücher des Jahres 2017 also.

Mit Abstand an der Spitze ein echter Außenseiter:

  • Der „Tractatus theologico-politicus“ von Baruch Spinoza.
    Auch im Rückblick mehrerer Monate bin ich immer noch beeindruckt von der Intelligenz, Unbestechlichkeit und dem Mut des Autoren. Finden seine Thesen höchst bemerkenswert und zum großen Teil sehr relevant für die heutige Zeit. Und bin fasziniert von der Klarheit seiner Sprache und Argumentation.
    Ergänzend hierzu – als Starter oder Abrunder – das Buch über dieses Buch von Nadler über „A book forged in hell
  • The most perfect thing: inside (and outside) a bird’s egg“ von Tim Birkhead
    Mein Sachbuch des Jahres. Viel Erstaunliches und Wissenswertes über etwas völlig Alltägliches: Das Vogel-Ei. Flott geschrieben von einem Experten.
  • Death of an avid reader“ von Frances Brody
    Meine Krimi-Entdeckung des Jahres. Zwar sind die neuesten ihrer Bücher nicht mehr ganz so gut – wahrscheinlich ist der Zeitdruck zu groß? – aber spannend, intelligent geschrieben, klassischer-Krimi-formatiert sind sie alle. Und im Unterschied zu vielen anderen thematisiert diese Autorin, ohne damit zu einer Problem-Schriftstellerin zu werden, auch die traumatisierten Folgen eines Weltkriegs.
  • The caravanersvon Elizabeth von Arnim
    Ein echter Klassiker, wirklich allerbeste Unterhaltungsliteratur mit tiefen Einsichten über den deutschen männlichen Charakter.
  • One crimson thread von Mícheál Ó Siadhail
    Jetzt muss ich etwas schummeln, denn diesen Gedichtband habe ich bereits 2016 gelesen. Ich finde aber, dass er auch für 2017 seine Spitzenposition auf meiner Liste verdient. Sehr berührend. Großartig geschrieben.

Die Autoren im Überblick:


Ein frohes neues Bücherjahr!

NEU: Jane Austen – die besten Bücher über sie

Neu in Buch-und-Sofa

Unter „Die besten Bücher…“, unserer Zusammenstellung von guten Büchern zu bestimmten Themen, gibt es nun auch Empfehlungen von Büchern über Jane Austen.

Jane Austen and Representations of Regency England

Hat Jane Austen nur romantische Liebesgeschichten geschrieben?

Hat sie nicht. Der Wert des Geldes, die Rolle von Krieg, die Wahlmöglichkeiten von Frauen und vieles andere mehr sind ebenfalls ihre Themen. Kluge und nachdenkliche Bücher zu ihrem Werk zeigen, wie komplex, professionell, humorvoll, wie boshaft die Autorin schreib.

War Jane Austen eine weltfremde Dame der höheren Gesellschaft?

War sie nicht. Das Image der zurückgezogenen, feinen, bescheidenen, religiösen und ganz in der weiblichen Rolle aufgehenden Frau war eines, an dem nach Austens Tod ihre Verwandten heftig gefeilt haben.

Weshalb heute noch Jane Austen lesen?

Aus formalen wie aus historischen Gründen. Und aus reinem Vergnügen. Ihre Texte sind von außerordentlicher Qualität, sie hat Erzähl-Methoden erfunden, die wir heute für selbstverständlich halten. Ihre Texte spiegeln eine interessante historische Phase. Jane Austen lesen macht Spaß.

Unsere Buch-Besprechungen zu Jane Austen gibt es hier…

The country house library. Mark Purcell

Das richtige Buch zu Weihnachten. Ideal für den Sofatisch. So stabil, man kann auch Sachen darauf abstellen. So wie eine Bibliothek: Sieht gut aus, auf den Inhalt kommt’s nicht an. Das sieht Mark Purcell, der Autor dieses Buchs über die Geschichte der „country house library“ anders.

Purcell ist Experte: Bereits beim englischen National Trust war er für die zahlreichen Bibliotheken zuständig, die in dessen Besitz sind; aktuell ist er Deputy Director der Universitätsbibliothek in Cambridge. Mit etwas Glück kann man zu einem seiner Vorträge kommen.

Erstaunlich findet er, dass die Bücher fast nie eine Rolle spielten. Der National Trust fand Architektur, Möbel, Gemälde, Porzellan immer viel wichtiger. Häufig wurden die Bibliotheken in den National Trust-Häusern auch gar nicht gezeigt, die Bücher nicht katalogisiert und nur mäßig konserviert. Bestenfalls waren sie Staffage: Gemütlich, heimelig, schön fürs Wohnzimmer (mittlerweile gibt es ja auch Büchertapeten: praktisch für den Umzug).

Purcell schafft Abhilfe. Er bietet eine Geschichte der Bibliothek in Privathäusern wohlhabender Kreise in Großbritannien und Irland bis fast zur Gegenwart. Besonderen Fokus legt er dabei auf den Inhalt, auf die Bücher selbst – welche Bücher? wo gekauft? wie gebunden? von wem gelesen? wann weiterverkauft? wo gelandet?….
Eine überraschende Erkenntnis, die vielen Vorurteilen widerspricht: Die meisten Bücher in diesen Bibliotheken wurden tatsächlich und auch intensiv gelesen!
Käufe alter Bücher mit attraktiven Einbänden am laufenden Meter sind ein eher neues Phänomen.

Das Buch ist schön mit vielen gelungenen und relevanten Abbildungen. Es ist sehr informativ, da der Autor sich wie gesagt wirklich mit der Materie auskennt. Eine Schwäche hat es aber dennoch. Purcell ist eher ein Mensch des Details, von denen er viele geschickt aneinanderreihen kann (und noch viel mehr in der ausgezeichneten Bibliographie versteckt!). Entwicklungslinien, Muster, Einordnungen in den größeren kulturellen Kontext sind da nicht ganz so seine Stärke, oder er wollte es in diesem Buch nicht so zeigen. Ein kleiner Mangel in einem großen Buch.

Mehr über Bibliotheken und Bücher findet sich in diesem Blog auch hier.

Poor People. William T. Vollmann

Poor People ist ein Buch über die Armut in der Welt, welches arme Menschen und deren Leben in den Mittelpunkt stellt.

Poor People – eine Reise um die Welt

Vollmann reist zu Elendsvierteln der Welt nach Thailand, in den Jemen, in die USA, nach Kolumbien, nach Vietnam, Afghanistan, nach Russland, China und Japan… Er stellt den „armen“ Menschen, die er trifft, ein paar einfache Fragen:

  • „Sind Sie arm oder reich?“
  • „Warum sind manche Menschen arm, andere reich?“
  • „Wer ist Schuld daran?“

Die Antworten sind alles andere als einfach, die Begründungen ebenso wenig.  Einige der Interviewten bezeichnen sich als reich. Viele geben als Gründe für ihre Lage an: eigene Schuld, ein einschneidendes äußeres Ereignis, das Schicksal. Vollmann erfragt in seinen Gesprächen, für die er seine Gesprächspartner und -partnerinnen bezahlt, deren Lebensgeschichten. In diesen Porträts zeigt er Behutsamkeit und Respekt. Auch hierbei macht er es sich selbst nicht leicht: Nie vergisst er die Tatsache, ein reicher Mann zu sein, der einen weniger vermögenden Menschen befragt und die Antworten mit Geld bezahlt. Keine vorgefertigte Meinung zu haben, keine einfachen Lösungen parat zu haben und die eigene Perspektive immer wieder kritisch zu hinterfragen, das macht den Autor und sein Buch „Poor People“ zu etwas Besonderem.

Was ist Armut?

Laut „Handbook of Income Distribution, 2000“ sind Statistiken über Armut nicht immer hilfreich: Je nach Veröffentlichung stieg die Armut in Irland stark an, ein wenig, veränderte sich nicht oder sank… Obwohl die gleichen Daten aus zwei Jahren verwendet wurden. Die Kurzdefinition der UN zeigt Pragmatismus, berücksichtigt jedoch nur die materielle Seite der Armut: „Poverty is an income of less than four dollars a day.“ Vollmann versucht dagegen, auch die nicht-materiellen Seiten der Armut in den Blick zu nehmen: „Poverty is wretched subnormality of opportunity and circumstances.“ Am intensivsten setzt er sich mit einer Definition Adam Smith´auseinander: „Every man is rich or poor, to the degree in which he can afford to enjoy the necessaries, conveniencies, and amusements of human life. But after division of labour has once thoroughly taken place, it is but a small part of these which a man´s own labour can supply him.“

Erscheinungen der Armut

Im Kapitel „Phenomena“ zeichnet Vollmann ein Bild der verschiedenen Erscheinungsformen und Begleiterscheinungen von Armut. Er beschäftigt sich mit:

  • Invisibility
  • Deformity
  • Unwantedness
  • Dependance
  • Accident-prone-ness
  • Pain
  • Numbness
  • Estrangement

Ganz und gar ungewöhnlich ist Vollmanns Haltung, Menschen nicht zu verurteilen, die Alkohol, Drogen, Verdrängung nutzen, um ihren Alltag zu bewältigen. Er versucht, deren Verhalten zu respektieren: „You (Leser/Leserin) are rich, so tell me: Who does make you? What would they have been had poverty not diminished them? Would they be any happier? (…) Who would Sunee be were she not an illiterate, self-hating, furiously resigned drunk? In any event, the darkness of her incompletion, such as it is, may approximate the darkness of my own blindness.“

Bilder von Menschen

Der hintere Teil von „Poor People“ enthält schwarz-weiß Fotografien der Menschen, die der Autor getroffen und gesprochen hat. Die meisten diese Bilder sind Porträts, in denen die Fotografierten die Betrachtenden direkt anschauen.

Der Autor William T. Vollmann

Vollmann ist ein US-Autor und Journalist, der regelmäßig Krisengebiete bereist und seine Erfahrungen literarisch verarbeitet. Zum Beispiel in „An Afghanistan Picture Show, or, How I Saved the World“. Anfang 2004 erschien „Rising Up and Rising Down“, eine 3.300 Seiten lange, siebenbändige, illustrierte Abhandlung über Gewalt. Vollmann hat daran über 20 Jahre lang gearbeitet und versucht, umfassend die Ursachen und Folgen von Gewalt zu untersuchen sowie die mit ihr verbundenen ethischen Fragen. Ein großer Teil des Textes besteht aus Vollmanns eigenen Reportagen über Orte voller Gewalt wie Kambodscha, Somalia und Irak. Vollmanns übrige Werke beschäftigen sich oft mit Geschichten von Menschen am Rande des Krieges, der Armut und der Hoffnung. Viele Kritiker rühmen die Kühnheit und Originalität seiner Werke, die oft Techniken fiktiven und journalistischen Schreibens vermischen, wie auch sein immenses Wissen und die Schönheit seiner Prosa.

In deutscher Übersetzung ist das Buch unter dem Titel „Arme Leute“ bei Edition Suhrkamp erschienen.

In „Buch und Sofa“ haben wir bereits dieses Buch von Vollmann besprochen: „Kissing the Mask – Beauty, Understatemnet and Femininity in Japanese Noh Theatre“.

Shared Lives – Growing up in 50s Cape Town. Lyndall Gordon

Ein Buch über Südafrika, über junge Frauen, über Möglichkeiten zu leben und über den Umgang mit Erinnerung… „Shared Lives – Growing up in 50s Cape Town“ von Lyndall Gordon ist ein  Buch zwischen Geplauder und Tragik.

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Worum geht es in „Shared Lives“?

Es geht um die Geschichte einer Gruppe junger Mädchen, die im Kapstadt der 50er Jahre aufwuchsen. Und im Hintergrund wie eine Kulisse, vor der sich das Leben der jungen Frauen abspielt, steht die Apartheitspolitik und stehen die Werte der jüdischen Gemeinde in Kapstadt.

Lyndall Gordon fragt sich und ihre Protagonistinnen, wie es für diese jungen Frauen wohl möglich sein kann, eigene Entscheidungen für das eigene Leben zu treffen, wenn andere – die weiße Gesellschaftsschicht, die jüdische Gemeinde, die eigenen Eltern , die Schulkameradinnen – nachdrücklich darauf bestehen, bereits zu wissen, wie diese Entscheidungen getroffen werden müssen. Früh heiraten ist eine dieser scheinbar selbstverständlichen bereits getroffenen Lebensentscheidungen.

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Wie erzält Lyndall Gordon dies?

Die Autorin verwendet eigene Erinnerungen, persönliche Tagebuchaufzeichnungen, Briefe der Freundinnen, Berichte von Ehemännern, Freunden, Dienstmädchen, Tanten, Müttern. Mit Hilfe dieser Bausteine erzählt sie chronologisch und kommt zum Ende des Buchs im Heute an.

Die so erzielte Erzählweise nutzt viele Perspektiven, führt handelnde Personen oft nur mit wenigen Charakterisierungen ein.

„As late as 1965, to become aware of the persistence of a life of one´s own was to be spoilt. This was the judgement of Uncle Louis in his deck-chair at Muizenberg. Uncle Louis said how much I had let myself go. A wife should not lose interest in her appearance.“

Diese Erzählweise spiegelt außerdem die zweite inhaltliche Frage Gordons: wie kann ein Mensch beschrieben werden, wie seine/ihre Motive, wie ist eine „wahre“ biografische Annäherung möglich? Und was bleibt von einem faszinierenden Menschen nach dem Tod? Woran kann die Erinnerung sich halten, womit festhalten, was diesen Menschen ausgemacht hat?

„We paused to look through the mist at the slow-moving river. I thought: I´ve become a listener to women and am learning something about their lives.“

Gordon, die Expertin für Biografien

Ihre hochkomplexen Methoden, sich dem Leben berühmter Schriftstellerinnen und Schriftsteller anzunähern, verwendet die Autorin nun für das Leben der Freundinnen und die eigene Erinnerung. Diesmal geht es nicht um Viginia Woolf oder Henry James, deren Biografien Gordon einige Berühmtheit gebracht haben. In „Shared Lives“ stehen erwachsen werdende Frauen aus Südafrika im Zentrum sowie deren Versuche, selbst bestimmte oder wenigstens erfüllte Lebenswege zu gehen.

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Zitat aus Wikipedia: Born in Cape Town, Lyndall Gordon was an undergraduate at the University of Cape Town, then a doctoral student at Columbia University in New York City. Gordon is the author of Eliot’s Early Years (1977), which won the British Academy’s Rose Mary Crawshay Prize;[3] Virginia Woolf: A Writer’s Life (1984), which won the James Tait Black Memorial Prize; Charlotte Brontë: A Passionate Life (1994), winner of the Cheltenham Prize for Literature; and Vindication: A Life of Mary Wollstonecraft, shortlisted for the BBC Four Samuel Johnson Prize. Her most recent publication is Lives Like Loaded Guns: Emily Dickinson and her Family’s Feuds (2010), which has overturned the established assumptions about the poet’s life.

Zu Südafrika haben wir auch ein Buch über Kap-holländische Häuser besprochen sowie eines über die Kolonial-Geschichte Südafrikas.

Martin Luther: Rebell in einer Zeit des Umbruchs. Heinz Schilling

Wie zwischenzeitlich fast jeder in Deutschland mitbekommen hat, feiert die Reformation in diesem Jahr einen runden Geburtstag, und zwar Nummer 500.

Diejenigen, die nicht in Thüringen wohnen und an denen dies bisher vorüberging, haben Ende Oktober die Chance, es auch noch zu merken: Auch in den anderen Bundesländern ist der Reformationstag dieses Mal gesetzlicher Feiertag. Über Martin Luther zu sprechen, ist also aktuell.

Das Buch, das ich heute bespreche, ist dagegen nicht mehr ganz taufrisch. Seine erste Auflage hat es bereits 2012 erlebt. Der Autor ist damit unverdächtig, aus dem Jubiläum Kapital schlagen zu wollen. Vielversprechend.

Gute Sachbücher kann man oft an der Anzahl der Auflagen erkennen. Vier bis zum Jubeljahr. Und die Jubel-Sonderausgabe 2017 auch schon in zweiter Auflage. Aktueller Amazon-Bestseller-Rang: Platz 5049. Sehr achtsam.

Der Autor Heinz Schilling ist ein Fachmann, Historiker mit kirchengeschichtlichen Interessen, zuletzt Professor an der Humboldt-Universität in Berlin. Ein Autor also, der weiß, wovon er schreibt. Sehr schön.

Das Drumherum des Buchs räumt also summa summarum die volle Punktzahl ab.

Und das Buch selbst?

644 Seiten. Die Schrift – Martin Luther profitierte ja von der neuen Möglichkeiten des Buchdrucks – in Schriftart und –größe gut lesbar.

Gut lesbar ist auch der Stil, den Schilling verwendet. Seine Sätze haben eine vernünftige, handhabbare Länge. Fremdworte kommen natürlich vor, aber er kommt auch ohne aus. Schilling muss nicht beweisen, dass er ein toller Wissenschaftler ist. Er möchte anscheinend lieber verstanden werden.

Das legt den Verdacht nahe, Schilling könnte vielleicht gerne die Dinge vereinfachen. Tut er aber nicht. Im Gegenteil, es ist Schilling offensichtlich ein großes Vergnügen, Sachverhalte in ihrer Vielschichtigkeit und Komplexität zu betrachten und nuanciert verständlich zu machen. Große Historiker-Kunst, die er sehr gut beherrscht. Dies fand im Übrigen auch die FAZ in ihrer Rezension von 2012: „(…) der Autor zeigt, wie komplex damals das Feld der unterschiedlichen Kraftvektoren war, der Überlagerungen und überraschenden Verstärkungen, der konkurrierenden Persönlichkeiten, der Strukturen und religiösen Mentalitäten, die dann letztlich zu einem historischen Umbruch namens Reformation geführt haben.“

Damit ist es geradezu selbstverständlich, dass Schilling nicht nur Luthers Biographie, sondern auch seine Epoche beschreibt, politisch, kulturell, religionsgeschichtlich. Auch der Person Luthers gönnt er ihre Vielschichtigkeit, ihre Brüche.

Und da wird zum Beispiel sehr schnell deutlich, wie verwurzelt in der spätmittelalterlichen Kirche  Luther gewesen ist. Ein Zitat:

„Wie seine Zeitgenossen war er davon überzeugt, dass sich das ewige Seelenheil durch aktive Leistungen des Menschen gewinnen ließe – durch gute Werke oder strenge, wie man meinte, gottgefällige Lebensweise in gebet, Buße, Selbstgeißelung. Mit seinem Eintritt ins Kloster vertraute auch er sich dieser verbreiteten Leistungsfrömmigkeit an. Indem er als Mönch wie kaum ein zweiter Leistung auf Leistung häufte und dennoch seines Heils nicht gewiss werden konnte, legte er selbst den Boden für jenen weltgeschichtlichen Paradigmenwechsel in der Anthropologie der Frömmigkeit, die von der mittelalterlichen Leistungs- zur Gnadenfrömmigkeit des neuzeitlichen Protestantismus führte.“

Und weiter: „… so war der Reformator Martin Luther zu Beginn seines religiösen Lebens nicht Kritiker, sondern besonders pflichtbewusstes Glied der spätmittelalterlichen Kirche. Ihre Leistungsfrömmigkeit und Heiligenverehrung war ihm ebenso wenig Stein des Anstoßes wie das Papsttum und die weit verästelte Hierarchie, über die der römische Pontifex in einem monarchistischen Absolutismus herrschte. Im Gegenteil, sein Problem war, dass er die vielen Leistungsangebote dieser Kirche besonders ernst nahm und daher umso tiefer verzweifelte, wenn sie ihm nicht die existentiell verlangte Errettung brachten und allenfalls wie Trostpflästerchen wirkten.“

Bemerkenswert, wie Schilling auch diplomatischen Finessen ins rechte Licht rückt. Vielleicht hat sich der eine oder andere gefragt, warum Luther trotz der Reichs-Acht, unter der er durch das Wormser Edikt stand – er war damit ja vogelfrei, quasi zum Abschuss freigegeben – nach seinem Aufenthalt auf der Wartburg in Sachsen so munter aktiv sein konnte.

Dazu Schilling: „Es ist sehr wahrscheinlich, dass es zwischen der Habsburgerregierung und Kursachsen eine geheime oder doch stillschweigende Übereinkunft gab, das Äußerste zu verhindern. Jedenfalls wurde das Edikt dem sächsischen Kurfürsten nie offiziell zugestellt und besaß demzufolge in seinen Territorien keine Reichskraft.“

Und dann ist da noch die Sache mit den Namen. Ich wusste zum Beispiel nicht, dass Luther das Wort „lutherisch“ nicht mochte, da er nicht zu einer Art Heiligem werden wollte. Schilling: „Seine Haltung ist emphatisch universell: ‚Ich bin und will kein Meister sein. Ich habe mit der Gemeinde die einzige, allgemeine Lehre Christi, der allein unser Meister ist.‘ Das war auch eine Abwehr gegen die bereits von Eck aufgebrachte abwertende Charakterisierung der evangelischen Bewegung als „lutherisch“, so wie die verwandte Vorgängerbewegung in Böhmen als „hussitisch“ deklassiert worden war. Die Vertreter der evangelischen Kirchen sind dem Reformator gefolgt und haben stets die Selbstbezeichnung als „Lutheraner“ abgelehnt – bis im Zuge der Konfessionalisierung in der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts die in der Konkordienformel 1577 geeinte Orthodoxie sich stolz „lutherisch“ nannte, um damit den Besitz der nunmehr gesicherten reinen Lehre des Reformators anzuzeigen.“

Und ich hatte nicht gewusst, dass Luther sich erst seit 1512 oder 1517 „Luther“ nannte. Vorher unterschrieb er immer als Martin Luder. Wobei ich vermute, dass sich an der Aussprache des Nachnamens im Kursächsischen dadurch nichts änderte.

Heißt alles in allem?

  • Wer sich so ein dickes Buch zutraut,
  • Wer sich für Luther und die Zeit der Reformation interessiert
  • Nicht nur einfache Scherenschnitt-Meinungen schätzt
  • Und gut schreibende Autoren mag

… liegt mit diesem Buch richtig.

Renaissance: beste kurze Bücher für den Italien-Urlaub

Jedes Jahr lockt es Horden von Touristen in die Toskana. In Florenz sind etliche Sehenswürdigkeiten nur noch durch im Voraus gebuchte Tickets zu besichtigen. Immer wieder frage ich mich, was diese vielen Touristen denn eigentlich dort suchen und ob sie es wohl finden.

„Die Renaissance“ von Peter Burke

Das ist das intelligenteste Buch, dessen Autor zu Sätzen fähig ist, die man in den beiden anderen Büchern niemals finden würde. Zum Beispiel: „Fest steht, dass die Renaissance die Bewegung einer Minderheit gewesen ist. Es war eine städtische und keine ländliche Bewegung, und die Lobreden auf das Landleben entflossen den Federn von Leuten, die ihr Hauptdomizil in der Stadt (…) aufgeschlagen hatten.“ Auf 107 Seiten erklärt Burke, was wir auf wissenschaftlich fundierter Basis heute unter Renaissance verstehen können. Er tut dies unterhaltsam und sehr verständlich. Ein großer Vorteil dieser Darstellung ist es, sämtliche Kunstgattungen zu berücksichtigen und deren wichtigste Werke auch in Abbildungen zu zeigen. Die Kapitel des kleinen Büchleins heißen:

  • Der Mythos der Renaissance
  • Italien: Die Wiederbelebung und Erneuerung der Antike
  • Die Renaissance im Ausland oder: Vom Nutzen und Nachteil Italiens
  • Auflösung der Renaissance
  • Schluß

„The Key to Renaissance Art“ von Josè Fernández Arenas; Bateman/Search Press Pocket Guide

Dieses Taschenbuch ist ein klassischer, bildreicher Kurzführer zu einer Epoche. Hier finden sich alle üblichen Klischees zur Renaissance. Das Buch ist dennoch sehr hilfreich und empfehlenswert, wenn man sich schnell und unkompliziert dem Thema überhaupt erst einmal nähern möchte: Das wichtigste Basiswissen wird gut vermittelt, die wichtigsten Kunstwerke werden vorgestellt und nach 75 Seiten hat man einen ersten guten Überblick gewonnen.

„Architecture of the Renaissance from Brunelleschi to Palladio“ von Bertrand Jestanz; New Horizons

Dieses Buch ist eine prima Ergänzung zu den beiden vorher vorgestellten Büchern. Es ist reichbebildert mit tollen Fotos, zeigt Bauten, Pläne und Modelle. Es enthält ergänzend zu den Bildern knappe, erläuternde Texte. Auch Reisende, die nicht unbedingt leidenschaftlich an Archtektur interessiert sind, können an der Darstellungsweise Vergnügen haben. Der Kern des Buchs umfasst 124 Seiten, danach folgt ein Anhang mit Abschriften der wichtigsten zeitgenössischen Dokumente. Die Kapitel heißen:

  • The Return to Antiquity
  • New Principles
  • New Language
  • New Building Types
  • A New Discipline
  • A New Profession
  • Documents

Außerdem enthält das Buch eine Chronologie sowie weitere Literatur-Empfehlungen.

…und was tun, wenn man gar keine Zeit oder Neigung hat, sich auf das Thema Renaissance einzulassen? Ganz einfach: Aus Peter Burkes „Die Renaissance“ die ersten 50 Seiten lesen. Das reicht. Erst einmal.

The porcelain thief: Searching the Middle Kingdom for buried China. Huan Hsu

Gerade letztens habe ich einen Artikel darüber gelesen, dass Buchtitel immer länger werden und kaum noch ohne erklärenden Untertitel auskommen. Hierfür ist der Porzellan-Dieb von Huan Hsu sicherlich ein gutes Beispiel.

Und sonst?

Und sonst ist das Buch gar nicht schlecht. Während des chinesisch-japanischen Kriegs 1938 vergräbt der Ururgroßvater des Autoren seine Porzellansammlung zusammen mit anderen Wertgegenständen im Garten seines Hauses zum Schutz vor den anrückenden Japanern. Die Suche nach diesem Schatz ist der Plot des Romans. Hierin webt Huan Hsu, der in Amerika geboren und groß geworden ist und nicht einmal Chinesisch spricht, seine Suche nach China (und Porzellan heißt ja auf Englisch auch einfach „china“), nach seiner Familie, seiner Herkunft.

Hieraus entsteht eine gut lesbare Mischung aus Abenteuerroman mit Schatzsuche (ein Rezensent beschreibt das Buch als „Indiana Jones adventure“), Autobiographie, Einführung in die chinesische Geschichte, chinesische Kulturgeschichte unter besonderer Berücksichtigung des Porzellans und Tipps zum Umgang mit der zeitgenössischen chinesischen Gesellschaft. All das ist geschickt gemacht, gut strukturiert, spannend geschrieben, informativ und unterhaltsam. Ein anderer Rezensent schreibt auf dem Einband: „Huan Hsu blends a fascinating search for his own family’s roots with an illuminating portrait of modern China. The Porcelain Thief is a wonderful read.“

Also nichts zu kritteln?

Doch. Schon. Natürlich.
Das Buch wirkt oft so, als habe der Autor vorher ein wohl-strukturiertes Konzeptpapier erstellt, dem er dann sorgfältig folgt. Dies ist nicht verwunderlich, denn Huan Hsu unterrichtet kreatives Schreiben. Gelegentlich fehlt dadurch allerdings das Blitzen von Spontaneität, von kreativem Funkeln. Man kann sich eine Liste der Epochen der chinesischen Geschichte machen und beim Lesen abhaken, dass sie alle vorkommen. Zweite Liste: Die Generationen seiner Familie mit den verschiedenen Familienzweigen. Dritte Liste: Die chronologischen Meilensteine bis zum Höhepunkt der Schatzsuche im letzten Kapitel.

Außerdem: Wenn man nicht wüsste, dass der Autor aus den Vereinigten Staaten von Amerika kommt, man würde es treffsicher erraten. Gute Schulen und gute Universitäten in China: in der Regel amerikanische Gründungen. Umsichtige und verantwortungsbewusste Personen in China, die den Chinesen auf den rechten Pfad helfen: meist Amerikaner. Gut also, dass es Amerika gibt.

Trotz Gekrittel: ein gutes, durchaus zu empfehlendes Buch; ein sehr informativer, spannender, fundierter, autobiographischer Schmöker.

Medusa – Die schreckliche Schöne. David Leeming

Ein Buch über den Mythos von Medusa und seine Rezeptionsgeschichte bis in unsere Zeit. Das kann nur ein interessantes Buch sein. Dachte ich. Aber es geht auch anders…

Leeming erzählt den antiken Mythos zunächst nach und erklärt dann Medusas Stammbaum. Beides kann man gut auch in dem Nachschlagewerk zur Antike, dem Kleinen Pauli, haben oder ganz einfach im Wikipedia-Artikel.

Bildergebnis für perseus Medusa

Inhalt von „Medusa“

  • Der Mythos
  • Medusas Stammbaum
  • Medusa im Mittelalter und in der Renaissance
  • Medusa in der Romantik und im viktorianischen Zeitalter
  • Medusa im Zeitalter des Realismus
  • Die moderne intellektuelle Medusa
  • Die feministische Medusa
  • Medusa, eine zeitgenössische Ikone
  • Mythos als Traum
  • Wer ist Medusa?

Leseprobe

An dieser Aufzählung ist prima, dass man ablesen kann, welche Themenfelder und thematischen Deutungsmuster es so etwa gibt. Am interessantesten ist das letzte zusammenfassende Kapitel „Wer ist Medusa?“. Zitat: „Ohne Perseus ist Medusa lediglich eines von vielen archaischen Ungeheuern der gaianischen Zeit. Erst mit Perseus erlangt sie ihre eigene Geltung und damit auch Bedeutung für uns – sie wird zu einem Teil unseres Seelenlebens. Es ist Perseus, mit dem wir uns bei der Verfolgung seines Ziels identifizieren. Wir können seine Suche (…) mit unserem eigenen Gang durchs Leben oder durch einen psychologischen Wachstumsprozess in Verbindung bringen. Um eine Beziehung zu Medusa herzustellen, brauchen wir Perseus. Medusa ist lediglich das unmittelbare Ziel der Suche des Perseus.“ …vielleicht liegt es an der Übersetzung aus dem Amerikanischen…

Bewertung des Buchs

Ermüdend ist der alles andere als schwungvolle Stil des Autors. Ärgerlich ist jedoch der durchgängige Mangel an explizit benannten Auswahl-Kriterien. Ich hätte mir gewünscht, besser verstehen zu können, warum Leeming Kunstwerke, Autoren und Zitate ausgewählt hat für seine Darstellung. Sind dies die Repräsentanten für eine bestimmte Zeit oder Denkschule? Waren dies die Meinungsbildner? Waren es Vordenker oder diejenigen, die den Zeitgeschmack zusammengefasst haben? Ein richtig gutes Buch hätte außerdem die Leistung vollbracht, die Gründe für die Medusa-Rezeption im jeweiligen gesellschaftlichen Kontext darzulegen. Auf mich wirkt das Buch wie eine schnell geschriebene Sammlung von Exzerpten.

Hier noch ein hilfreicher Hinweis: Das Buch von Leeming hat eine gute Bibliografie, die Quellen sowie eine Fülle von Sekundärliteratur umfasst. Vielleicht finden Leserinnen und Leser, die mehr über Medusa wissen möchten, hier das Geeignete….