The porcelain thief: Searching the Middle Kingdom for buried China. Huan Hsu

Gerade letztens habe ich einen Artikel darüber gelesen, dass Buchtitel immer länger werden und kaum noch ohne erklärenden Untertitel auskommen. Hierfür ist der Porzellan-Dieb von Huan Hsu sicherlich ein gutes Beispiel.

Und sonst?

Und sonst ist das Buch gar nicht schlecht. Während des chinesisch-japanischen Kriegs 1938 vergräbt der Ururgroßvater des Autoren seine Porzellansammlung zusammen mit anderen Wertgegenständen im Garten seines Hauses zum Schutz vor den anrückenden Japanern. Die Suche nach diesem Schatz ist der Plot des Romans. Hierin webt Huan Hsu, der in Amerika geboren und groß geworden ist und nicht einmal Chinesisch spricht, seine Suche nach China (und Porzellan heißt ja auf Englisch auch einfach „china“), nach seiner Familie, seiner Herkunft.

Hieraus entsteht eine gut lesbare Mischung aus Abenteuerroman mit Schatzsuche (ein Rezensent beschreibt das Buch als „Indiana Jones adventure“), Autobiographie, Einführung in die chinesische Geschichte, chinesische Kulturgeschichte unter besonderer Berücksichtigung des Porzellans und Tipps zum Umgang mit der zeitgenössischen chinesischen Gesellschaft. All das ist geschickt gemacht, gut strukturiert, spannend geschrieben, informativ und unterhaltsam. Ein anderer Rezensent schreibt auf dem Einband: „Huan Hsu blends a fascinating search for his own family’s roots with an illuminating portrait of modern China. The Porcelain Thief is a wonderful read.“

Also nichts zu kritteln?

Doch. Schon. Natürlich.
Das Buch wirkt oft so, als habe der Autor vorher ein wohl-strukturiertes Konzeptpapier erstellt, dem er dann sorgfältig folgt. Dies ist nicht verwunderlich, denn Huan Hsu unterrichtet kreatives Schreiben. Gelegentlich fehlt dadurch allerdings das Blitzen von Spontaneität, von kreativem Funkeln. Man kann sich eine Liste der Epochen der chinesischen Geschichte machen und beim Lesen abhaken, dass sie alle vorkommen. Zweite Liste: Die Generationen seiner Familie mit den verschiedenen Familienzweigen. Dritte Liste: Die chronologischen Meilensteine bis zum Höhepunkt der Schatzsuche im letzten Kapitel.

Außerdem: Wenn man nicht wüsste, dass der Autor aus den Vereinigten Staaten von Amerika kommt, man würde es treffsicher erraten. Gute Schulen und gute Universitäten in China: in der Regel amerikanische Gründungen. Umsichtige und verantwortungsbewusste Personen in China, die den Chinesen auf den rechten Pfad helfen: meist Amerikaner. Gut also, dass es Amerika gibt.

Trotz Gekrittel: ein gutes, durchaus zu empfehlendes Buch; ein sehr informativer, spannender, fundierter, autobiographischer Schmöker.

Ich habe keine Feinde, ich kenne keinen Hass. Liu Xiaobo

Vor wenigen Tagen ist der chinesische Dissident und Friedensnobelpreisträger Liu Xiaobo gestorben. Dies habe ich zum Anlass genommen, diesen Band mit ausgewählten Schriften und Gedichten zu lesen, der erstmals 2011 erschienen ist.

Liu Xiaobo, geboren 1955, war einer der Protagonisten der Studentenproteste auf dem Tiananmen-Platz von 1989. Im Jahr 2008 verfasste er mit anderen gemeinsam die Charta 08, in der unter anderem Demokratie, Rechtsstaat, Meinungsfreiheit für China gefordert werden. Daraufhin wurde er verhaftet, ein Jahr später zu elf Jahren Gefängnis verurteilt und starb jetzt an einer Krebserkrankung. Der Friedensnobelpreis wurde ihm 2010 verliehen. Eine Entgegennahme des Preises wurde vom chinesischen Staat verhindert.

Was ich gelesen habe, hat mich sehr beeindruckt, auch die Gedichte, von denen ich vorher nicht einmal wusste, dass er welche geschrieben hat. Liu war sehr deutlich und klar und auf den Punkt, in seiner Kritik am aktuellen chinesischen politischen System und der herrschenden materialistischen Kultur, in seinen Zielvorstellungen, in seiner Gewaltfreiheit, in der Zurücknahme seiner eigenen Person, auch in einer gewissen Bescheidenheit. Dabei neigt er deutlich dazu, Negatives zu betonen, ist also – wie er auch selbst sagt – nicht ausgewogen und emotional. Differenziert ist er allerdings, sehr gebildet, sehr intelligent, nicht naiv, nicht zynisch, sondern freundlich, beharrlich, bereit für die Konsequenzen dessen, was er für richtig und notwendig hält. Dass ihn die chinesische Regierung und die chinesischen Behörden als Gefahr einstuften, ist leicht nachzuvollziehen.

Die Schriften umfassen ein weites Feld: Politik, Kultur, auch dokumentarische Schriften wie die Ankündigung des Hungerstreiks 1989, die Charta 08, seine Verteidigung vor Gericht, das Urteil gegen ihn. Und eben auch Gedichte, vor Allem an seine Frau. Hieraus aus ein Zitat:
„Liebe
schließ dich nicht zu
du sollst nicht allein
der Verlierer Verzweiflung beneiden
öffne die Tür
nimm auch mich als Verlierer
mach mich
zum traurigen Grund weiterzuleben
lass den stillen Rauch deiner Zigarette
zwischen uns steigen“

Kai Lung’s golden hours. Ernest Bramah

Für mich die Entdeckung des Monats: Ernest Bramah,

von dem ich vorher noch nichts, aber auch noch gar nichts gehört hatte. Damit war ich jedoch gar nicht schlecht unterwegs und immerhin auf dem Stand des Concise Oxford Companion to English Literature: Kein Eintrag!

Vielleicht liegt diese offensichtliche Heimlichtuerei daran, dass Bramah unter anderem berühmt war für seine Detektivgeschichten um einen blinden Spion, Max Carrados, die damals in einem Atemzug mit Arthur Conan Doyle genannt wurden.

Jorge Luis Borges war da kritischer, aber gleich mit einem guten konstruktiven Tipp: „Bramah’s books fall into two very unequal categories. Some, fortunately the smaller part, record the adventures of the blind detective, Max Carrados. These are competent, mediocre books. The rest are parodic in nature: they pass themselves off as translations from the Chinese, and their boundless perfection achieved the unconditional praise of Hilaire Belloc in 1922.“
Deshalb habe ich keinen Thriller gelesen, sondern „Kai Lung’s Golden Hours“, den zweiten Roman der Kai Lung-Serie.

Kai Lung ist ein wandernder Geschichtenerzähler im China der Kaiserzeit. Der Aufbau des Buchs erinnert an 1001 Nacht oder auch an das Decameron mit dem typischen Wechsel aus Rahmenhandlung und eingebetteten Geschichten. Besonders und außergewöhnlich ist der Roman wegen seiner Sprache. Vielleicht inspiriert durch chinesische Bekannte in England hat er ein völlig überzeugendes Mandarin-Englisch entwickelt, das anschließend durchaus stilprägend war für literarische oder filmische Darstellungen von Chinesen. Ein Beispiel über eine finstere Gestalt mit Mafia-Ambitionen namens Ho:
„(…) Ho was already known in every quarter (…). This distressingly active person made no secret of his methods and intentions; for, upon his arrival, he plainly announced that his object was to make the foundations of benevolence vibrate like the strings of a many-toned lute, and he compared his general progress through the haunts of the charitably-disposed to the passage of a highly-charged firework through an assembly of meditative turtles. (…) ‚Honourable salutations,‘ he would say, ‚but do not entreat this illiterate person to enter the inner room, for he cannot tarry to discuss the movements of the planets or the sublime Emperor’s health. Behold, for half-a-tael of silver you may purchase immunity from his discreditable persistence for seven days (…).'“

Das liest sich schon ein wenig gestelzt. Dennoch ist der Roman literarisch tatsächlich gelungen, spannend, unterhaltsam und sehr gut geeignet, ihn an einem warmen Sommertag im Garten zu lesen. Für zitierfähige Aphorismen ist er dabei kaum zu übertreffen, zum Beispiel: „There are few situations in life that cannot be honourably settled, and without loss of time, either by suicide, a bag of gold, or by thrusting a despised antagonist over the edge of a precipice upon a dark night.“ Oder: „He who has failed three times sets up as an instructor.“ 

In England fand man die Kai Lung-Romane auch gelungen, so dass ich die immerhin 6. Auflage von 1928 lesen konnte. Und immer noch in Druck – trotz Missachtung aus Oxford.

Tea in the East. Carole Manchester

Ein tolles Buch für Tee-Trinker und Menschen, die gerne in Länder des Teeanbaus reisen. Schöne Fotos, gute Hintergrund-Informationen sowie Rezepte und Einkaufshinweise. Thematische Schwerpunkte sind China, Karawanenroute, Japan, Indien und Sri Lanka. Erstausgabe 1996.image