Am Anfang war kein Mond. Thomas de Padova

Der Untertitel beschreibt, worum es in diesem Buch von Thomas de Padova geht:
„40 Science-Storys, wie unser Sonnensystem entstand und das Leben auf die Erde kam“.
Der Weg von der Erde zum Mond wird immer weiter - WELT

Eigentlich würde ich ein Buch mit dem Begriff „Science-Storys“ eher nicht in die Hand nehmen. Dieser Fall ist eine Ausnahme. Es ist mir empfohlen worden. Außerdem habe ich schon ein anderes Buch von de Padova gelesen (auch in diesem Blog besprochen!) und gut gefunden.

Ich bin froh, der Empfehlung gefolgt zu sein. Man lernt viel in diesem Buch. Durch die Aufteilung der Inhalte in 40 Kapitel von jeweils ca. 5 Seiten Länge sind die Häppchen auch für Wenig- oder Langsam-Leser sehr leicht verdaubar. Der unterhaltsame, erzählfreudige, unprätentiöse Schreibstil von de Padova hilft zusätzlich. Und die Fotos, die jeweils am Anfang der Kapitel stehen, machen ohnehin neugierig und Lust aufs Lesen.

Beeindruckt haben mich zum Beispiel Kapitel 18. Weihnachten auf dem Eis und 19. Ein Stein für Weise. In ihnen geht es um Stein ALH84001. Gefunden wurde er in der Antarktis kurz nach Weihnachten 1984. Optisch macht er nicht viel her.  Seine Geschichte aber schon, denn es handelt sich um einen sehr besonderen Meteoriten.

  • Alter: ca. 4,5 Milliarden Jahre.
  • Herkunft: Mars.
  • Reisebeschreibung: vor ca. 15 Millionen Jahre durch einen Meteoriteneinschlag vom Mars abgesprengt, dann ca. 13.000 Jahre unterwegs bis zur Landung im äußersten Süden der Erde.
    The ALH 84001 Meteorite

Die diversen Marsroboter haben noch nichts vergleichbar Altes direkt auf dem Mars entdeckt. Obendrein enthält ALH84001 einige Bestandteile, die vielleicht auf Leben auf dem Mars hindeuten. Und vorher hatte keiner gedacht, dass ein Brocken vom Mars überhaupt seinen Weg über die etwa 60 Millionen Kilometer bis zur Erde finden könnte….

Beschrieben wird dies durch de Padova in einer Mischung aus Reisebericht und Wissenschaftskrimi mit den großen Augen eines neugierigen Menschen. Das macht viel Spaß.

„Am Anfang war kein Mond“ gibt es schon seit 2004. Damit ist es im Vergleich zu diesem 4,5 Milliarden Jahre alten Stein vom Mars immer noch tagaktuell. Es gibt viel in ihm zu entdecken.

Der Gesang des Dodo: eine Reise durch die Evolution der Inselwelten. David Quammen

Bei diesem Buch über die Biogeographie von Inseln – also über ein Sonderanwendungsfeld der Evolution – bin ich noch unschlüssig, wie gut es mir gefallen hat. Vielleicht ist es daher am Besten, meine zu heterogenen Eindrücke zu schildern.
Galapagos Venture | Intrepid Travel

Der Autor

David Quammen, Jahrgang 1948,  ist ein typischer amerikanischer Vielschreiber, spezialisiert auf Themen der Naturgeschichte. Hierfür hat er zahlreiche Preise bekommen und wurde unter anderem als „one of the most eloquent and intelligent writers on natural history at work today“ bezeichnet.
David Quammen's Biography.

Das Thema seines Buches

Wie wirken sich Inseln auf Artenreichtum, Evolution, Artensterben aus? Außerdem: Wenn man die Fragmente von Lebensräumen auf dem Festland auch als Inseln begreift (und sie zeigen alle Symptome von Inseln), was heißt das eigentlich für die Perspektive des Lebens global?
Quammens Beispiele reichen von Mauritius mit dem Dodo und dem Mauritiusfalken über Madagaskar mit seinen Lemuren, gefolgt von Indonesien und Neuguinea mit Komodo-Waranen und Paradiesvögeln, danach Galapagos mit Schildkröten und Finken bis zu Wasserschlangen im Süden der Vereinigten Staaten.
Indri Lemur | Sean Crane Photography
Seine Schlussfolgerung: Allein schon durch die fortschreitende Fragmentierung von Lebensräumen ist gesichert, dass wir ein Artensterben befördern, wie es das seit dem Aussterben der Dinosaurier nicht mehr gegeben hat.

Stärken von Buch und Autor

Quammens Buch beeindruckt durch eine ganze Reihe von Aspekten:

  • Quammen hat wissenschaftlich eine Menge Tiefgang. Er hat sehr viel über sein Thema gelesen, auch ältere Forschungsliteratur. Damit qualifiziert er sich nicht nur als natur-, sondern auch als wissenschaftsgeschichtlicher Autor.
  • Quammen reist gerne. Viele Orte (in diesem Fall: viele Inseln), die biogeographisch besonders relevant sind, hat er für dieses Buch selbst bereist. Das hilft ihm dabei, sehr lebendig und auch autobiographisch zu schreiben. In Teilen liest sich Der Gesang des Dodo wie ein erweiterter Reisebericht.
  • Quammen kann gut schreiben und strukturieren. Locker, spannend, flüssig, mitreißend – Der Gesang des Dodo ist extrem lesefreundlich geschrieben. Zugleich schafft es Quammen, den grundsätzlich chronologischen Aufbau des Buchs von der Forschung Darwins und Wallaces bis hin zur Gegenwart multidimensional aufzulockern: die Orte wechseln, mal führt er ein Interview mit einem Wissenschaftlicher, mal gibt es einen ereignisreichen Reisepart, dann rezipiert er die Denkrichtung der Forschung.
  • Quammen kann Inhalte vermitteln. Nach dem Lesen des Buchs hat man als Leser schon den Eindruck, substanziell viel über Biogeographie, Evolution, Artensterben gelernt zu haben, und das mit einigem Genuss.
  • Quammen nimmt sich die Zeit und den Platz, Sachverhalte ausführlich zu erklären und mit Beispielen zu hinterlegen.
    Wie das Leben lieben lernte - ZDFmediathek

Nicht ganz so überzeugend

Auf der anderen Seite drängen sich zwei Punkte auf:

  • Immer wieder einmal kam mir der Gedanke, dass man dasselbe nicht schlechter auch kürzer hätte schreiben können. Die englische Taschenbuchausgabe kommt auf 700 Seiten, die deutsche Übersetzung sogar auf 900. Das ist schon ein fast bibelartiges Format….
  • Und dann noch typisch amerikanisch: Abgesehen von Darwin und Wallace, den beiden Briten, um die man beim Thema Evolution wirklich nicht herum kommt, kommen ausschließlich amerikanische Wissenschaftler vor. Es ist sicherlich gut, dass es all diese Wissenschaftler gibt und bestimmt leisten sie Großes, andererseits ist hochklassige Wissenschaft nicht auf die USA und Menschen mit amerikanischer Staatsbürgerschaft beschränkt. Da liest sich Quammens Buch gelegentlich etwas scheuklappig oder gar provinziell.

Macht unter dem Strich

Lesen und dabei Zeit mitbringen.

First dodo skeleton to come up for sale in 100 years to be ...

Federn: Die Evolution eines Naturwunders. Thor Hanson

Auch Federn kann man wiederverwenden. Und so habe ich dieses Buch über Federn, erschienen im Jahr 2011, denn auch zum zweiten Mal gelesen. So etwas tue ich nicht oft und fast nur, wenn ich das Buch in guter Erinnerung habe.
Feathers: The Evolution of a Natural Miracle by Thor Hanson

Zugegeben, beim ersten Lesen hat es mir etwas besser gefallen, aber da war ja alles ganz neu und überraschend, so wie wenn man Federn das erste Mal genauer betrachtet, fasziniert davon, dass es so etwas Einfach-Kompliziertes natürlich gibt, etwas so Leichtes und Flexibles, das gleichzeitig so robust und stabil ist.

Thor Hanson, ein schreib-freudiger Biologe, schreibt äußerst lesefreundlich, locker, interessant, witzig, abwechslungsreich. Man merkt ihm die Begeisterung für sein Thema an, so sehr, dass sie sogar überspringt.
Thor Hanson – Town Hall Seattle

Sein Thema behandelt er in allen fedrigen Facetten: Evolution der Feder? Klar. Wachstum, Pflege, Ersatz von Federn? Auch drin. Kulturgeschichte der Feder? Sicher. Die Feder in der Mode? Schon kulturgeschichtlich abgedeckt. Besondere Federvarianten bei besonderen Vögeln? Selbstverständlich. Vergleich mit Versuchen des Menschen, sie nachzubauen? Natürlich. Der Gefahr eines buntgemischten Allerleis entgeht Hanson, indem er geschickt Überkapitel bildet:

  • Evolution mit allem zu Fossilien und frühen Vögeln
  • Fluff über die Isolier-Eigenschaft der Federn bei Hitze und Kälte
  • Flight darüber, wie toll sich mit Federn fliegen läßt
  • Fancy behandelt besonders auffällige Gefieder wie das der Paradiesvögel und ist damit unmittelbar bei der Menschenmode
  • Function beschreibt u.a. die Feder als Schreibinstrument.
    Ein Wunder der Evolution: Wie die Natur die Feder erfand ...

Außerdem bindet er alles dadurch zusammen, dass er immer wieder eigene Erlebnisse einbaut, sein eigenes ganz persönliches Staunen über ein tatsächlich geniales Wunderwerk der Evolution.

Gute Nachricht nebenbei: Seit 2016 gibt es das Buch auf deutsch.
Zweite gute Nachricht – es ist ja Weihnachten: Thor Hanson hat ebenso gute Bücher geschrieben über The Triumph of Seeds: How Grains, Nuts, Kernels, Pulses, and Pips Conquered the Plant Kingdom and Shaped Human History (noch nicht übersetzt) und Buzz: The Nature and Necessity of Bees (ebenfalls noch auf der Warteliste).
Dritte gute Nachricht – kann man ja nicht genug von haben: Es gibt eine beeindruckende deutsche Website mit (fast) allen Federn sehr vieler, nicht nur in Deutschland heimischer Vögel.

Unnatural selection. Katrina van Grouw

Vor fast genau einem Jahr hatte ich das erste Buch von Katrina van Grouw in diesem Blog besprochen: „The unfeathered bird„. Ich hielt (und halte) das Buch für ein Muss für alle, die ornithologisch oder generell an Naturbüchern interessiert sind.

Das neue Buch von van Grouw, „Unnatural selection“, gerade vor wenigen Tagen bei Princeton University Press erschienen, ist noch besser. Viel besser. Wahrscheinlich ein Beleg für die Wirksamkeit von Evolution auch beim Verfassen und Illustrieren von Büchern.

„Unnatural selection“ beschäftigt sich aus evolutionärer Perspektive mit der Züchtung domestizierter Tiere, von Hühnern, Tauben, Hunden, Rindern, Schweinen und einigen anderen Tierarten. Die letzte umfangreiche Monographie zu diesem Thema erschien vor 150 Jahren und stammt aus der Feder von keinem anderen als Charles Darwin: „The variation of animals and plants under domestication„. Das Buch feiert also Darwin und ein Jubiläum.

Es ist erstaunlich, dass es so wenige Monographien zu diesem Thema gibt, denn bei domestizierten Tieren findet Evolution quasi im Zeitraffer statt, ist also ideal für die Forschung. Wenige Jahrzehnte reichen, um deutliche Veränderungen bei den Tieren feststellen zu können. Evolution quasi unter Laborbedingungen mit schnellen und gut interpretierbaren Ergebnissen. Dies macht van Grouw unter anderem an Hunderassen deutlich: Ein Bernhardiner des Jahres 1900 zum Beispiel hatte eine viel längere Schnauze und einen längeren Kopf als die heutigen. Man könnte sie fast für eine andere Hunderasse halten.

Van Grouws Herangehensweise ist reich an Perspektiven. Es gibt eine Art Einführung in die Grundbegriffe der Entwicklung der Arten. Sie bietet einen Überblick über wesentliche Meilensteine der Evolutionsforschung mit Fokus unter anderen auf Charles Darwin und Gregor Mendel. Sie beleuchtet der Reihe nach die wesentlichen Faktoren von Evolution, insbesondere Variation und Selektion. Und sie tut all dies anhand von vielen Beispielen unterschiedlicher Tierarten. Besonders hierbei: Viele der dargestellten Forschungsergebnisse stammen aus eigener Anschauung, da der Ehemann der Autorin (dem das Buch auch gewidmet ist) selber aktiv forscht.

Diese persönliche Note macht das Buch insgesamt sehr nahbar, zugänglich und unmittelbar. Man merkt, dass van Grouw von ihrem Thema begeistert ist. Und diese Leidenschaft teilt sich mit, springt auf den Leser über. Van Grouw schafft keine wissenschaftliche Distanz wie sonst üblich, sondern persönliche Nähe, ohne dass der wissenschaftliche Anspruch und das wissenschaftliche Niveau darunter auch nur im geringsten leiden, im Gegenteil. Wohltuend auch, dass van Grouw völlig uneitel, selbstkritisch und mit viel Witz schreibt. Man bekommt das Gefühl, bei der Forschung mit dabei zu sein und gespannt darauf zu warten, wie die Taube wohl aussieht, die als Nächste aus dem Ei schlüpft. Es macht Spaß, dieses Buch zu lesen.

Und dann sind da natürlich noch die Illustrationen. Alle (bestimmt 400!) gezeichnet von van Grouw. Alle von ausgezeichneter Qualität, naturwissenschaftlich exakt, ästhetisch schön. Van Grouw zählt zwischenzeitlich sicherlich zu den ganz Großen naturwissenschaftlichen Künstlern in einer Reihe mit Audubon, Bewick et al.

Damit habe ich aber noch nicht erklärt, warum dieses Buch viel besser ist als sein Vorgänger. „The unfeathered bird“ waren tolle Zeichnungen mit ausführlichem Begleittext. „Unnatural selection“ hat ausgezeichneten Text und fantastische Zeichnungen komplett auf Augenhöhe. Das findet man nur selten. Und (fast) nie auf so hohem Niveau. Und wenn man das findet, ist’s meistens ein Klassiker.

Other Minds – The Octopus and the Evolution of Intelligent Life. Peter Godfrey-Smith

Würden Sie gerne einen intelligenten Alien treffen? Auch wenn Sie nicht tauchen, hier bietet sich die Möglichkeit!

Intelligente Aliens

Tintenfische klettern aus einem Aquarium heraus und flüchten. Sie klettern in ein anderes Aquarium, wenn dort etwas Leckeres zu haben ist. Sie finden heraus, wie der Wasserabfluss zu verstopfen und das Labor zu überschwemmen ist… Tintenfische sind sehr intelligent. Sie verfügen über ein hochentwickeltes Nervensystem mit ungewöhnlich vielen Nervenzellen, ein scharfsehendes Auge. Aber, sie haben keine Knochen, kaum etwas Festes in ihrem Körper, so dass sie beinahe jede Form annehmen können; ihr Gehirn und ihre Arme teilen sich Wahrnehmungen und Entscheidungen. Ja, ihre Arme treffen einen Teil der Entscheidungen allein: „What if intelligent life on earth evolved not once, but twice? The octopus is the closest we will come to meeting an intelligent Alien.“

  • Bildergebnis für Oher Minds - The Octopus and the Evolution of Intelligent Life. Peter Godfrey-Smith

    Inhalt von „Other Minds“

600 Millionen Jahre liegt der letzte gemeinsame Vorfahre von Menschen und Tintenfischen in der Vergangenheit. Tintenfische gehören zu den Mollusken. Und dennoch sind sie anders. „Other Minds“ thematisiert Evolutionsgeschichte und Neurologie, Psychologie und Intelligenz-Forschung. Das Buch geht dabei den Fragen nach:

  • But what kind of intelligence do cephalopods possess?
  • How did the octopus, a solitary creature with little social life, become so smart?
  • What does self-awareness mean?
  • Do they express themselfes by colour?
  • Why do they die after only 2-4 years?

Der Autor: Professor für Philosophie

Peter Godfrey-Smith berichtet über seine Leidenschaft zu Tintenfischen sehr persönlich. Er beschreibt seine Faszination, seine Erfahrungen mit diesen Wesen und wirft dabei immer wieder grundsätzliche Fragen in sehr verständlicher Weise auf. Vielleicht kein Wunder, wenn man Professor für Philosophie in New York und Professor für Geschichte und Philosophie in Sydney ist. Sowie ein passionierter Taucher.

Filme über Tintenfische

Zwei Filme bieten wunderbares Filmmaterial über Tintenfische und Kraken:

Der eine, „The Octopus Show“ von National Geographic, ist trotz seiner tollen Bilder unerträglich, da er zum einen die große Intelligenz von Oktopoden nicht einmal thematisiert, zum anderen den amerikanischen Mann in seiner Form als Entdecker und Beherrscher der Welt in den Mittelpunkt stellt.

Der andere Film ist „The Octopus´s Garden – The private World of the Chameleon of the Sea“ von Animal Nation. Ruhig, interessantes Filmmaterial und viel Information. Aufhänger ist die Geschichte eines weiblichen Tintenfisches, dessen Leben von Anfang bis Ende erzählt wird.