Federn: Die Evolution eines Naturwunders. Thor Hanson

Auch Federn kann man wiederverwenden. Und so habe ich dieses Buch über Federn, erschienen im Jahr 2011, denn auch zum zweiten Mal gelesen. So etwas tue ich nicht oft und fast nur, wenn ich das Buch in guter Erinnerung habe.
Feathers: The Evolution of a Natural Miracle by Thor Hanson

Zugegeben, beim ersten Lesen hat es mir etwas besser gefallen, aber da war ja alles ganz neu und überraschend, so wie wenn man Federn das erste Mal genauer betrachtet, fasziniert davon, dass es so etwas Einfach-Kompliziertes natürlich gibt, etwas so Leichtes und Flexibles, das gleichzeitig so robust und stabil ist.

Thor Hanson, ein schreib-freudiger Biologe, schreibt äußerst lesefreundlich, locker, interessant, witzig, abwechslungsreich. Man merkt ihm die Begeisterung für sein Thema an, so sehr, dass sie sogar überspringt.
Thor Hanson – Town Hall Seattle

Sein Thema behandelt er in allen fedrigen Facetten: Evolution der Feder? Klar. Wachstum, Pflege, Ersatz von Federn? Auch drin. Kulturgeschichte der Feder? Sicher. Die Feder in der Mode? Schon kulturgeschichtlich abgedeckt. Besondere Federvarianten bei besonderen Vögeln? Selbstverständlich. Vergleich mit Versuchen des Menschen, sie nachzubauen? Natürlich. Der Gefahr eines buntgemischten Allerleis entgeht Hanson, indem er geschickt Überkapitel bildet:

  • Evolution mit allem zu Fossilien und frühen Vögeln
  • Fluff über die Isolier-Eigenschaft der Federn bei Hitze und Kälte
  • Flight darüber, wie toll sich mit Federn fliegen läßt
  • Fancy behandelt besonders auffällige Gefieder wie das der Paradiesvögel und ist damit unmittelbar bei der Menschenmode
  • Function beschreibt u.a. die Feder als Schreibinstrument.
    Ein Wunder der Evolution: Wie die Natur die Feder erfand ...

Außerdem bindet er alles dadurch zusammen, dass er immer wieder eigene Erlebnisse einbaut, sein eigenes ganz persönliches Staunen über ein tatsächlich geniales Wunderwerk der Evolution.

Gute Nachricht nebenbei: Seit 2016 gibt es das Buch auf deutsch.
Zweite gute Nachricht – es ist ja Weihnachten: Thor Hanson hat ebenso gute Bücher geschrieben über The Triumph of Seeds: How Grains, Nuts, Kernels, Pulses, and Pips Conquered the Plant Kingdom and Shaped Human History (noch nicht übersetzt) und Buzz: The Nature and Necessity of Bees (ebenfalls noch auf der Warteliste).
Dritte gute Nachricht – kann man ja nicht genug von haben: Es gibt eine beeindruckende deutsche Website mit (fast) allen Federn sehr vieler, nicht nur in Deutschland heimischer Vögel.

Unnatural selection. Katrina van Grouw

Vor fast genau einem Jahr hatte ich das erste Buch von Katrina van Grouw in diesem Blog besprochen: „The unfeathered bird„. Ich hielt (und halte) das Buch für ein Muss für alle, die ornithologisch oder generell an Naturbüchern interessiert sind.

Das neue Buch von van Grouw, „Unnatural selection“, gerade vor wenigen Tagen bei Princeton University Press erschienen, ist noch besser. Viel besser. Wahrscheinlich ein Beleg für die Wirksamkeit von Evolution auch beim Verfassen und Illustrieren von Büchern.

„Unnatural selection“ beschäftigt sich aus evolutionärer Perspektive mit der Züchtung domestizierter Tiere, von Hühnern, Tauben, Hunden, Rindern, Schweinen und einigen anderen Tierarten. Die letzte umfangreiche Monographie zu diesem Thema erschien vor 150 Jahren und stammt aus der Feder von keinem anderen als Charles Darwin: „The variation of animals and plants under domestication„. Das Buch feiert also Darwin und ein Jubiläum.

Es ist erstaunlich, dass es so wenige Monographien zu diesem Thema gibt, denn bei domestizierten Tieren findet Evolution quasi im Zeitraffer statt, ist also ideal für die Forschung. Wenige Jahrzehnte reichen, um deutliche Veränderungen bei den Tieren feststellen zu können. Evolution quasi unter Laborbedingungen mit schnellen und gut interpretierbaren Ergebnissen. Dies macht van Grouw unter anderem an Hunderassen deutlich: Ein Bernhardiner des Jahres 1900 zum Beispiel hatte eine viel längere Schnauze und einen längeren Kopf als die heutigen. Man könnte sie fast für eine andere Hunderasse halten.

Van Grouws Herangehensweise ist reich an Perspektiven. Es gibt eine Art Einführung in die Grundbegriffe der Entwicklung der Arten. Sie bietet einen Überblick über wesentliche Meilensteine der Evolutionsforschung mit Fokus unter anderen auf Charles Darwin und Gregor Mendel. Sie beleuchtet der Reihe nach die wesentlichen Faktoren von Evolution, insbesondere Variation und Selektion. Und sie tut all dies anhand von vielen Beispielen unterschiedlicher Tierarten. Besonders hierbei: Viele der dargestellten Forschungsergebnisse stammen aus eigener Anschauung, da der Ehemann der Autorin (dem das Buch auch gewidmet ist) selber aktiv forscht.

Diese persönliche Note macht das Buch insgesamt sehr nahbar, zugänglich und unmittelbar. Man merkt, dass van Grouw von ihrem Thema begeistert ist. Und diese Leidenschaft teilt sich mit, springt auf den Leser über. Van Grouw schafft keine wissenschaftliche Distanz wie sonst üblich, sondern persönliche Nähe, ohne dass der wissenschaftliche Anspruch und das wissenschaftliche Niveau darunter auch nur im geringsten leiden, im Gegenteil. Wohltuend auch, dass van Grouw völlig uneitel, selbstkritisch und mit viel Witz schreibt. Man bekommt das Gefühl, bei der Forschung mit dabei zu sein und gespannt darauf zu warten, wie die Taube wohl aussieht, die als Nächste aus dem Ei schlüpft. Es macht Spaß, dieses Buch zu lesen.

Und dann sind da natürlich noch die Illustrationen. Alle (bestimmt 400!) gezeichnet von van Grouw. Alle von ausgezeichneter Qualität, naturwissenschaftlich exakt, ästhetisch schön. Van Grouw zählt zwischenzeitlich sicherlich zu den ganz Großen naturwissenschaftlichen Künstlern in einer Reihe mit Audubon, Bewick et al.

Damit habe ich aber noch nicht erklärt, warum dieses Buch viel besser ist als sein Vorgänger. „The unfeathered bird“ waren tolle Zeichnungen mit ausführlichem Begleittext. „Unnatural selection“ hat ausgezeichneten Text und fantastische Zeichnungen komplett auf Augenhöhe. Das findet man nur selten. Und (fast) nie auf so hohem Niveau. Und wenn man das findet, ist’s meistens ein Klassiker.

Other Minds – The Octopus and the Evolution of Intelligent Life. Peter Godfrey-Smith

Würden Sie gerne einen intelligenten Alien treffen? Auch wenn Sie nicht tauchen, hier bietet sich die Möglichkeit!

Intelligente Aliens

Tintenfische klettern aus einem Aquarium heraus und flüchten. Sie klettern in ein anderes Aquarium, wenn dort etwas Leckeres zu haben ist. Sie finden heraus, wie der Wasserabfluss zu verstopfen und das Labor zu überschwemmen ist… Tintenfische sind sehr intelligent. Sie verfügen über ein hochentwickeltes Nervensystem mit ungewöhnlich vielen Nervenzellen, ein scharfsehendes Auge. Aber, sie haben keine Knochen, kaum etwas Festes in ihrem Körper, so dass sie beinahe jede Form annehmen können; ihr Gehirn und ihre Arme teilen sich Wahrnehmungen und Entscheidungen. Ja, ihre Arme treffen einen Teil der Entscheidungen allein: „What if intelligent life on earth evolved not once, but twice? The octopus is the closest we will come to meeting an intelligent Alien.“

  • Bildergebnis für Oher Minds - The Octopus and the Evolution of Intelligent Life. Peter Godfrey-Smith

    Inhalt von „Other Minds“

600 Millionen Jahre liegt der letzte gemeinsame Vorfahre von Menschen und Tintenfischen in der Vergangenheit. Tintenfische gehören zu den Mollusken. Und dennoch sind sie anders. „Other Minds“ thematisiert Evolutionsgeschichte und Neurologie, Psychologie und Intelligenz-Forschung. Das Buch geht dabei den Fragen nach:

  • But what kind of intelligence do cephalopods possess?
  • How did the octopus, a solitary creature with little social life, become so smart?
  • What does self-awareness mean?
  • Do they express themselfes by colour?
  • Why do they die after only 2-4 years?

Der Autor: Professor für Philosophie

Peter Godfrey-Smith berichtet über seine Leidenschaft zu Tintenfischen sehr persönlich. Er beschreibt seine Faszination, seine Erfahrungen mit diesen Wesen und wirft dabei immer wieder grundsätzliche Fragen in sehr verständlicher Weise auf. Vielleicht kein Wunder, wenn man Professor für Philosophie in New York und Professor für Geschichte und Philosophie in Sydney ist. Sowie ein passionierter Taucher.

Filme über Tintenfische

Zwei Filme bieten wunderbares Filmmaterial über Tintenfische und Kraken:

Der eine, „The Octopus Show“ von National Geographic, ist trotz seiner tollen Bilder unerträglich, da er zum einen die große Intelligenz von Oktopoden nicht einmal thematisiert, zum anderen den amerikanischen Mann in seiner Form als Entdecker und Beherrscher der Welt in den Mittelpunkt stellt.

Der andere Film ist „The Octopus´s Garden – The private World of the Chameleon of the Sea“ von Animal Nation. Ruhig, interessantes Filmmaterial und viel Information. Aufhänger ist die Geschichte eines weiblichen Tintenfisches, dessen Leben von Anfang bis Ende erzählt wird.