The remains of the day. Kazuo Ishiguro

Ab und zu lesen wir von diesem Blog dann sogar dieselben Bücher. Im vorherigen Beitrag war es noch dieselbe Autorin, aber ein anderes Buch. Jetzt wieder der identische Titel. Und wieder ist Kazuo Ishiguro an der Reihe mit seinem bekanntesten Werk „The remains of the day“.

Dem positiven Fazit meiner Vor-Besprecherin kann ich mich anschließen. Ein wirklich und richtig gutes Buch, rundherum zu empfehlen. Überaus lesbar, wirklich nicht seicht, für jeden zugänglich.

Allerdings lässt mich der Roman sehr bedrückt zurück. Mr Stevens, der Butler und Ich-Erzähler, hat letztlich sich selbst, seine eigene Person, seine Seele, sein Leben aufgegeben zugunsten einer Rolle, eines Jobs, seiner Profession als Butler. Absichtlich, da seiner Meinung nach nur der ein ausgezeichneter Butler sein kann, der ganz diese Rolle lebt.

Das ist sogar noch radikaler, als ein Mönchsgelübde abzulegen. Und das ist weit verbreitet in der heutigen Leistungsgesellschaft, in der dem Beruf häufig unbedingter Vorrang vor dem Privatleben eingeräumt wird/werden soll.

Für Stevens heißt das, dass er keine sozialen Beziehungen hat, dass er nur über die sehr gepflegte, aber doch formalisierte Butlersprache verfügt. Seinen Vater zum Beispiel spricht er in der dritten Person Singular an. Als dieser im Obergeschoss im Sterben liegt, hat er keine Zeit für ihn – die Pflicht geht vor, es sind gerade Gäste da. Der entzündete Zeh eines Gasts hat Vorrang vor dem tödlichen Schlaganfall des eigenen Vaters.

Ganz funktioniert das nicht mit dem Aufgeben der eigenen Person. Stevens stehen dann doch die Tränen in den Augen. Aber es ist ein Triumph seines Butler-Seins, dass er dem nicht nachgibt, dass er Haltung bewahrt, sich sonst nichts anmerken lässt.

An den wenigen Tagen der bis dahin einzigen Reise seines Lebens, die den zeitlichen Horizont der Romanhandlung bilden, kommt er ernsthaft ins Grübeln. Er fasst sogar den Vorsatz, sich zu ändern, mehr Humor und menschliche Wärme zu zeigen.

Aber dann geht’s doch schief, menschliche Wärme und Humor werden zu Funktionen der Butler-Profession, die berufliche Rolle gewinnt über sein Leben, über das, was von seinem Leben übrig ist:
„It occurs to me, furthermore, that bantering is hardly an unreasonable duty for an employer to expect a professional to perform. I have of course already devoted much time to developing my bantering skills, but it is possible I have never previously approached the task with the commitment I might have done. Perhaps, then, when I return to Darlington Hall (…) I will begin practising with renewed effort. I should hope, then, that by the time of my employer’s return, I shall be in a position to pleasantly surprise him.“

Humor als Pflicht. Nicht komisch mehr, tragisch.

Snowdon: the biography. Anne de Courcy

Dieses ist das zweite Buch von de Courcy, das wir in diesem Blog besprechen. Das erste, „The fishing fleet„, kam sehr positiv weg. Das zweite, über den britischen Fotografen, Jetsetter und Prinzessinnen-Gatten Lord Snowdon, früher geschrieben, hat es nicht so gut.

Positive Nachricht: Spätere Bücher von de Courcy sind besser als frühere – da hat sich die Autorin positiv entwickelt.

Snowdon
Lord Snowdon (*1930, †2017), oder auch: Antony Armstrong-Jones, first Earl of Snowdon und später Baron Armstrong-Jones of Nymans war ein bahnbrechender britischer Fotograf, ein versierter Designer, setzte sich insbesondere in den späteren Jahrzehnten seines Lebens sehr für ein besseres Leben von behinderten Menschen ein, förderte als Provost des Royal College of Arts die bildende Kunst, hatte immer großes Interesse an Frauen, war mit allen Größen des britisch-amerikanischen Jetsets bekannt, lebte gerne mal ohne Bad und Zentralheizung, aber auch mal mit allen Extras und Personal, und war mit Princess Margaret, der Schwester von Königin Elizabeth II., bis zur Scheidung verheiratet. Er war sehr mit sich beschäftigt und auf sich fokussiert, tat sich mit dauerhaften engen Beziehungen schwer, setzte sich selbstlos für andere Menschen ein, war – wenn er wollte – Charme in Person.

Was immer er tat, tat er mit voller Überzeugung, voller Energie, vollem Risiko und oft vollem Erfolg.

Einen guten Überblick über die verschiedenen widersprüchlichen Facetten dieses Menschen gibt auch ein Nachruf des BBC.

Die Biographie
Fast immer ein schlechtes Zeichen, wenn Biographie mit einem bestimmten Artikel zu „DIE Biographie“ verbunden wird.
Noch gefährlicher: Wenn in den Acknowledgments ein Satz auftaucht wie „It only remains to add not only my admiration but also my affection“ für die Person, über die geschrieben wird….
… und wenn diese Person noch lebt.

Positiv:
Snowdon ist nicht nur Licht oder nur Schatten in dieser Biographie, sondern eine realistische Kombination aus beidem. Wie der Guardian in seiner wirklich guten Rezension des Buchs schrieb: „(…) it is impossible here to convey the combination of high society and low morals, of frightfully good tase and awful cheese that de Courcy has managed to dish up.“
Auch schreibt de Courcy durchaus lebhaft und wählt die geschilderten Anekdoten und Zitate recht geschickt aus. Beispiel: Snowdon und Prinzessin beim Sonnenbaden auf reflektierender Folie, um möglichst gleichmäßig zu bräunen – Snowdon, der für seine Ehe-Prinzessin eine Liste findbar liegen lässt „things I hate about you“.

Anstrengend dagegen:
Die Biographie bleibt sehr an der Oberfläche, im Anekdotischen. Es gibt letztlich keine Passage, die ähnlich geschrieben nicht auch in eine einschlägige Gesellschafts-Zeitschrift gepasst hätte. Typisch hierfür die gelegentlichen Fußnoten wie „Nephew of the Prime Minister Sir Alec Douglas-Home (later the 14th Earl of Home) and his brother the playwright William Douglas-Home“ mit ihrem Fokus auf Einträge in Burkes Peerage.
Über mehr als 300 Seiten kann das ermüden, wenn man nicht sowieso Abos solcher Zeitschriften hat und sie immer von vorne bis hinten liest (wobei die Zeitschriften ja meist mehr auf Bilder fokussieren….).

In Summe: Wer sich für eine Fallstudie von Eitelkeit interessiert, liegt hier in jeder Hinsicht richtig.

 

 

Chinesische Tapeten in Großbritannien und Irland. Emile de Bruijn

Chinesische Tapeten, als ob es sonst nichts gäbe, womit man sich beschäftigen könnte!

Tapeten: eine chinesische Erfindung
Dabei haben fast alle Menschen in Deutschland Tapeten in ihren vier Wänden. Und kaum einer weiß, dass zu den vielen Dingen, die ursprünglich in China erfunden worden sind, auch die Tapete gehört, erstmals wohl während der Han-Dynastie um Christi Geburt, ab dem 4. Jahrhundert auch und zunehmend in Papierform.

Gestalterisch geprägt wurden diese chinesischen Tapeten von der traditionellen chinesischen Malerei. Damit waren sie auch eher ein Gegenstand der Kunst und weniger des Designs oder schlicht der Innendekoration. Die Motive: Florales mit Vögeln und Insekten oder Landschaften oder Genreszenen oder Kombinationen hiervon.

Chinesische Tapeten: ein Exportschlager in Europa
Der Export chinesischer Produkte insgesamt nach Europa gewann im 16. Jahrhundert an Bedeutung. Tapeten im heutigen Sinn wurden ab der Mitte des 18. Jahrhunderts in diesem Geschäft wichtig. Die Glanzphase dauerte dann bis in das frühe 19. Jahrhundert. Wichtig dabei: chinesische Tapeten hatten immer viel mit Handarbeit zu tun. Zwar wurden im 18. Jahrhundert auch Holzschnittdrucke verwendet, aber diese wurden von Hand ausgemalt. Anschließend war die Mehrzahl der Tapeten komplett handgemalt, meistens gemalt nach Mustern, die vielfältig variiert und kombiniert wurden.

Damit erklärt sich auch, dass solche Tapeten keine Massenprodukte waren. Sie kosteten im 18. Jahrhundert etwa siebenmal so viel wie europäische Tapeten. Für eine einzige Tapetenbahn hätte ein Pfarrer etwa einen Monat arbeiten müssen.

Chinesische Tapeten: Ein Spätzünder am Kunstmarkt und in der Forschung
Obwohl relativ viele alte chinesische Tapeten in Europa erhalten sind, waren sie lange Zeit ein Mauerblümchen am Kunstmarkt und in der Forschung. Richtig erschlossen wurde es dann in den 1980er Jahren von einer Deutschen, Friederike Wappenschmidt, von der auch das Standardwerk „Chinesische Tapeten für Europa: Vom Rollbild zur Bildtapete“ stammt.

Das Buch von de Bruijn
Das in englischer Sprache als „Chinese Wallpaper in Britain and Ireland“ 2017 erschienene Buch von de Bruijn könnte dem Thema viel neuen und verdienten Schwung nicht nur auf den britischen Inseln verleihen. Die Illustrationen sind zahlreich, durchgängig in Farbe, von ausgezeichneter Qualität (außer wo Tapeten nur durch Schwarzweiß-Fotos überliefert sind). Der Text ist sehr zugänglich geschrieben. Der Autor kennt sich aus. Und – ein nicht sehr häufiges Glück – er bringt den historischen, sozialen, kulturellen, handwerklichen Kontext mit ein, sowohl in Europa als auch in China. Ein wirklicher Genuss, rundherum.

Muss man also den europäischen Kontinent verlassen, um sich alte chinesische Tapeten im Original anzuschauen?
Muss man nicht. Auch in Deutschland gibt es gut erhaltene, hochwertige Beispiele. In und bei Berlin in Schloss Charlottenburg, Schloss Rheinsberg; Wörlitz ist vertreten; München durch Schloss Nymphenburg mit der Amalien- und Badenburg; in Hessen die Hallenburg in Schlitz und Schloss Hohhaus in Lauterbach; Baden-Württemberg hat Schloss Schwetzingen; Franken Veitshöchheim, Werneck und Bayreuth. Die Liste lässt sich noch eine Weile fortsetzen. Am vollständigsten für Deutschland findet man sie im genannten Buch von Wappenschmidt.

Und für die eigenen vier Wände?
Wenn man das nötige Kleingeld hat, kann man sich auch weiterhin handgemalte chinesische Tapeten gönnen. Firmen wie de Gournay und Fromental lassen weiterhin in China arbeiten. Und für den etwas budget-orientierteren Menschen finden sich auch bei anderen Tapeten- oder sogar Fliesenherstellern immer wieder Designs, die mehr oder weniger gelungen von den Originalen des 18. und 19. Jahrhunderts inspiriert sind.

Sollte sich jetzt jemand noch mehr für China interessieren: In diesem Blog gibt es hierfür sogar eine Extraseite!

Der Maler der fließenden Welt. Kazuo Ishiguro

Ich mag Roman-Autoren, die erste Sätze schreiben können. Kazuo Ishiguro in seinem zweiten Roman, „An Artist of the Floating World“, gehört ganz deutlich dazu:
„If on a sunny day you climb the steep path leading up from the little wooden bridge still referred to around here as ‚the bridge of hesitation‘, you will not have to walk far before the roof of my house becomes visible between the tops of two gingko trees.“

Vorsichtig, eventuell, Zögern – Vergangenheit, Tradition, Kontinuität und Veränderung – steiler Weg, Brücke – Ich-Erzähler, wir und die anderen – Asien – Dinge, die erst nach und nach sichtbar werden. Viele, eigentlich alle Akzente werden gesetzt, die kennzeichnend und wesentlich sind für den gesamten Roman.

Der Guardian zählt diesen Roman zu den 100 besten in englischer Sprache, bevor Ishiguro den Literatur-Nobelpreis bekommt, damals im Jahr 2015, Platz 94. Die anderen, bekannteren Bücher von Ishiguro tauchen auf der Liste nicht auf. Also der beste Roman von ihm?

Beurteilen kann ich das nicht, da dies der erste Roman ist, den ich von Ishiguro gelesen habe. Meine Kollegin in diesem Blog fand einen anderen, „The remains of the day„, ebenfalls ausgezeichnet. Vielleicht ist er aber tatsächlich besonders:

  • dieser englische Autor mit japanischem Hintergrund schreibt über Japan
  • sein exquisiter und sparsamer Stil erinnert an die ebenfalls exquisite Sparsamkeit japanischer Kunst, ohne dadurch nicht mehr ausgezeichnet Englisch zu sein.

Der Inhalt

Passabel, aber zugleich viel zu platt und zu konkret zusammengefasst im deutschen Klappentext: „In den dreißiger Jahren hat der Maler Masuji Ono seine Kunst in den Dienst der japanischen Expansionspolitik gestellt. Jetzt, nach dem Krieg, ist sein damaliger Hurrapatriotismus anrüchig geworden, und als seine Tochter heiraten will, wird seine politische Vergangenheit zur Belastung für die Familie. Seine Lebensbeichte offenbart ein heilloses Geflecht von Schuld und Irrtum und ist ein Läuterungsprozess, nach dem er nicht mehr derselbe sein wird wie zuvor.“

Das Buch ist wirklich viel, viel besser, als diese Inhaltsangabe vermuten lassen würde.

Was mich besonders beeindruckt

Die phänomenale Konsistenz zwischen dem Charakter des Ich-Erzählers und der Sprache, in der er erzählt. Die Fähigkeit, auch schreckliche Ereignisse deutlich werden zu lassen, ohne dabei konkret und plakativ zu werden. Der vignettenhafte Blick auf nur wenige Personen in einem kurzen Zeitfenster, der ein ganzes Land und eine ganze Epoche erscheinen lässt.

Und was bedrückt

Eine wirkliche Auseinandersetzung mit der Vergangenheit schafft keine einzige der Personen im Buch, egal auf welcher Seite sie standen, egal aus welcher Generation. Am besten gelingt dies vielleicht noch dem Ich-Erzähler, aber auch er kommt nur bis zu dem etwas vagen Satz:
„Our nation, it seems, whatever mistakes it may have made in the past, has now another chance to make a better go of things. One can only wish these young people well.“

Und die jüngste Generation, vertreten durch den Enkel des Ich-Erzählers, begeistert sich zwar für amerikanische Rollenmuster wie Cowboys und Popeye. Chauvinismus und eine Neigung zu Traditionen aus der Vorkriegszeit sind aber bei diesem Kind, das noch keine 10 Jahre alt ist, bereits angelegt und entwickeln sich.

Erstaunlich

Ein solches wirklich großartiges Buch wie dieses bekommt man als Taschenbuch für unter 10 €. Dafür kann man nicht ins Kino gehen.

Gaudy night. Dorothy L. Sayers

Ein Novum in diesem Blog, passend zum Beginn eines neuen Jahres: Das erste Mal, dass wir ein Buch das zweite Mal besprechen. „Gaudy night“ von Dorothy L. Sayers ist allerdings auch ein Roman – oder vielleicht doch nur ein Krimi? -, der diese Aufmerksamkeit rechtfertigt.

Vorweg
Ich bin bestimmt kein eingefleischter Fan von Sayers. In der Tendenz finde ich

  • ihre Romane zu lang für den Plot
  • die Autorin zu sehr darauf erpicht, deutlich zu machen, wie gebildet sie ist
  • und die Zitate, die sie gerne an den Kapitelanfang stellt, irgendwie erstaunlich ungeeignet.

Alles trifft auch auf „Gaudy night“ zu.

Aber dennoch
… ertappe ich mich dann doch immer wieder dabei, einen dieser Romane zu lesen. Mir gefällt schon, dass die Autorin sehr gut mit Sprache umgehen kann und dies offenkundig genießt. Auch sind ihre Charaktere erfreulich mehrschichtig, tiefgründig, vieldimensional. Zusätzlich geht Sayers so emanzipiert mit allen traditionellen Krimi-Rezepten um, dass sie ganz neue Perspektiven für diese damals (und heute) als un-literarisch verrufene Gattung auftut.

Vor allem unterstellt Sayers ihren Leserinnen und Lesern, dass sie mit komplexer Sprache, komplexen Gesprächen und Überlegungen, komplexer Handlung und komplexen Personen umgehen wollen und können. Sayers unterstellt eine intelligente und aufgeklärte Leserschaft. Und das schmeichelt einem dann ja doch ein wenig, wenn man sich ins erste Kapitel stürzt.

Und „Gaudy night“ an sich?
Ein Krimi ist dieser Roman wirklich nur am Rande und zwischendurch. Viel eher handelt es sich um eine Liebesgeschichte. Oder alternativ ein differenziertes, nuanciertes Werk darüber, ob akademische Bildung und ein akademischer Beruf etwas für Frauen sind.

Darin enthalten auch Dichtung, genau in der Mitte des Romans ein kurzes Sonett:
„Here, then, at home, by no more storms distrest,
Folding laborious hands we sit, wings furled;
Here in close perfume lies the rose-leaf curled,
Here the sun stands and knows not east nor west,
Here no tide runs; we have come, last and best,
From the wide zone through dizzying circles hurled,
To that still centre where the spinning world
Sleeps on its axis, to the heart of rest.“

Und Abhandlungen, zum Beispiel über die männliche Hemdbrust traditionellen Stils:
„‚Hard-boiled or soft-boiled?‘
‚Hard, I think.‘
This question had no reference to Dr. Threep’s politics or economics, but only to his shirt-front. Harriet and the Dean had begun to collect shirt-fronts. Miss Chilperic’s ‚young man‘ had started the collection. He was extremely tall and thin and rather hollow-chested; by way of emphasising this latter defect, he always wore a soft pleated dress-shirt, which made him look (…) like the scooped-out rind of a melon. By way of contrast, there had been an eminent and ample professor of chemistry (…) who had turned up in a front of extreme rigidity, which stood out before him like the chest of a pouter pigeon (…). A third variety of shirt fairly common among the learned was that which escaped from the centre stud and gaped in the middle; and one never-to-be-forgotten happy day a popular poet had arrived (…) whereby, at every gesticulation (and he had used a great many) his waistcoat had leapt in the air allowing a line of shirt, adorned with a little tab, to peep out, rabbit-like, over the waistline of the confining trouser. On this occasion, Harriet and the Dean had disgraced themselves badly.“

Insgesamt
… sollte man dieses Buch tatsächlich gelesen haben, und sei’s in Übersetzung.

Meine Bücher des Jahres 2017

Andere Medien machen das ja auch: Listen erstellen zum Ende eines Jahres. Das lässt sich auf Halde produzieren, so dass man an und zwischen den Feiertagen nicht arbeiten muss oder zumindest nicht in Stress gerät.

Diese Liste ist anders. Sie lag nicht auf Halde, sondern wird jetzt in diesem Moment gerade frisch produziert. Außerdem ist sie kurz.

Meine Bücher des Jahres 2017 also.

Mit Abstand an der Spitze ein echter Außenseiter:

  • Der „Tractatus theologico-politicus“ von Baruch Spinoza.
    Auch im Rückblick mehrerer Monate bin ich immer noch beeindruckt von der Intelligenz, Unbestechlichkeit und dem Mut des Autoren. Finden seine Thesen höchst bemerkenswert und zum großen Teil sehr relevant für die heutige Zeit. Und bin fasziniert von der Klarheit seiner Sprache und Argumentation.
    Ergänzend hierzu – als Starter oder Abrunder – das Buch über dieses Buch von Nadler über „A book forged in hell
  • The most perfect thing: inside (and outside) a bird’s egg“ von Tim Birkhead
    Mein Sachbuch des Jahres. Viel Erstaunliches und Wissenswertes über etwas völlig Alltägliches: Das Vogel-Ei. Flott geschrieben von einem Experten.
  • Death of an avid reader“ von Frances Brody
    Meine Krimi-Entdeckung des Jahres. Zwar sind die neuesten ihrer Bücher nicht mehr ganz so gut – wahrscheinlich ist der Zeitdruck zu groß? – aber spannend, intelligent geschrieben, klassischer-Krimi-formatiert sind sie alle. Und im Unterschied zu vielen anderen thematisiert diese Autorin, ohne damit zu einer Problem-Schriftstellerin zu werden, auch die traumatisierten Folgen eines Weltkriegs.
  • The caravanersvon Elizabeth von Arnim
    Ein echter Klassiker, wirklich allerbeste Unterhaltungsliteratur mit tiefen Einsichten über den deutschen männlichen Charakter.
  • One crimson thread von Mícheál Ó Siadhail
    Jetzt muss ich etwas schummeln, denn diesen Gedichtband habe ich bereits 2016 gelesen. Ich finde aber, dass er auch für 2017 seine Spitzenposition auf meiner Liste verdient. Sehr berührend. Großartig geschrieben.

Die Autoren im Überblick:


Ein frohes neues Bücherjahr!

Langenscheidt: Griechisch mit System. Athanasios Anastasiadis und Anastasia Kalpakidou

Eigentlich sollten die bei Langenscheidt doch wissen, wie man Sprachlehrbücher macht, oder? Damit sind sie groß geworden, dafür steht der Verlag, das ist ihre Kernkompetenz. Zumindest in diesem Griechisch-Lehrbuch machen sie es aber schwerer als nötig. Vielleicht weil Griechisch eine Randsprache ist, die sowieso kaum einer lernen will?

Was ist gut?
Alles in einem Band bis zum Niveau B1. Gut gesprochene CDs. Recht aktuelle Texte, erfreulich unverstaubt.

Und was nicht?
Erschreckend viel. Die Vokabeltabellen pro Lektion enthalten nicht alle Worte, die man in dieser Lektion lernen soll. Manchmal tauchen die Worte nicht in ihrer Grundform auf. Der Grammatik-Überblick im Anhang bietet nur Verbtabellen, aber nichts zu den Substantiven. Viel zu viel Stoff pro Lektion, auf jeden Fall ab der Mitte des Buchs. Unnötige Vorgriffe in frühen Lektionen – ohne Erläuterung – auf Inhalte, die viel später kommen. Zu kurze Erläuterungen oder auch mal gar keine. Und generell ist das Buch nur für Leute geschrieben, die ihren Zugang zu einer Sprache über die Grammatik mit ihren Fachbegriffen finden.

Ein paar Beispiele für den typischen Langenscheidt-Stil:
„Eine kleine Besonderheit sollten Sie sich hinsichtlich der Betonung merken: Ein mehrsilbiges Substantiv, das auf der drittletzten Silbe betont wird, erhält einen zweiten Akzent auf der letzten Silbe, wenn ihm ein Personalpronomen folgt.“

„Das Kennzeichen des Aoriststamms ist der s-Laut. Er wird an den Stammauslaut angefügt, so dass der Aoriststamm entweder auf [s] (σ), [ps] (ψ) oder [ks] (ξ) endet. In diesen Fällen sprechen wir vom sigmatischen Aoriststamm (s=Sigma).“

„Verwechseln Sie nicht das paratatische Futur (…) oder das aoristische Futur (…) mit dem Konditional (…)!“

Ich lerne gerne Sprachen und auch ziemlich viele. Mir fällt das eher leicht. Auch kann ich schon Alt-Griechisch. Wie sollen denn andere über die Hürden dieses Buchs kommen, wenn ich da schon zu kämpfen habe?

The country house library. Mark Purcell

Das richtige Buch zu Weihnachten. Ideal für den Sofatisch. So stabil, man kann auch Sachen darauf abstellen. So wie eine Bibliothek: Sieht gut aus, auf den Inhalt kommt’s nicht an. Das sieht Mark Purcell, der Autor dieses Buchs über die Geschichte der „country house library“ anders.

Purcell ist Experte: Bereits beim englischen National Trust war er für die zahlreichen Bibliotheken zuständig, die in dessen Besitz sind; aktuell ist er Deputy Director der Universitätsbibliothek in Cambridge. Mit etwas Glück kann man zu einem seiner Vorträge kommen.

Erstaunlich findet er, dass die Bücher fast nie eine Rolle spielten. Der National Trust fand Architektur, Möbel, Gemälde, Porzellan immer viel wichtiger. Häufig wurden die Bibliotheken in den National Trust-Häusern auch gar nicht gezeigt, die Bücher nicht katalogisiert und nur mäßig konserviert. Bestenfalls waren sie Staffage: Gemütlich, heimelig, schön fürs Wohnzimmer (mittlerweile gibt es ja auch Büchertapeten: praktisch für den Umzug).

Purcell schafft Abhilfe. Er bietet eine Geschichte der Bibliothek in Privathäusern wohlhabender Kreise in Großbritannien und Irland bis fast zur Gegenwart. Besonderen Fokus legt er dabei auf den Inhalt, auf die Bücher selbst – welche Bücher? wo gekauft? wie gebunden? von wem gelesen? wann weiterverkauft? wo gelandet?….
Eine überraschende Erkenntnis, die vielen Vorurteilen widerspricht: Die meisten Bücher in diesen Bibliotheken wurden tatsächlich und auch intensiv gelesen!
Käufe alter Bücher mit attraktiven Einbänden am laufenden Meter sind ein eher neues Phänomen.

Das Buch ist schön mit vielen gelungenen und relevanten Abbildungen. Es ist sehr informativ, da der Autor sich wie gesagt wirklich mit der Materie auskennt. Eine Schwäche hat es aber dennoch. Purcell ist eher ein Mensch des Details, von denen er viele geschickt aneinanderreihen kann (und noch viel mehr in der ausgezeichneten Bibliographie versteckt!). Entwicklungslinien, Muster, Einordnungen in den größeren kulturellen Kontext sind da nicht ganz so seine Stärke, oder er wollte es in diesem Buch nicht so zeigen. Ein kleiner Mangel in einem großen Buch.

Mehr über Bibliotheken und Bücher findet sich in diesem Blog auch hier.

Der ewige Gärtner. John le Carré

James Bond für den anspruchsvolleren Leser (und bei James Bond werden ja schon eher LesER angesprochen). Spionage- und Wirtschaftsromane auch für die Leserin. John le Carré ist seit längerer Zeit ein Autor mit Bestseller-Garantie, eine Perle für den Buchhandel in absatzschwächeren Zeiten.

Für mich war es der erste le Carré-Roman, den ich gelesen habe. „Bestseller“-Schlagzeilen und -Listen schrecken mich meistens ab, die will/muss ich nicht lesen, das machen ja schon die anderen. Es war daher auch ein Zufall, der mich mit diesem Buch zusammenbrachte. Mir gefiel der Einband in einem Secondhand-Buchgeschäft; der Preis reduzierte das Risiko; auch fand ich den Buchtitel „The constant gardener“ ansprechend.

Also gekauft, dann gelesen, jetzt die Besprechung.

Der Autor
John le Carré, Brite, wurde in den frühen 30er Jahren geboren. Nach einer Zeit, in der er selbst für den britischen Geheimdienst gearbeitet hatte, wurde er durch Spionageromane berühmt. Titel sind z.B. „Der Spion, der aus der Kälte kam“ oder „Dame, König, As, Spion“.

Der ewige Gärtner
Vielleicht nicht der typischste seiner Romane, denn Spionage steht nicht im Vordergrund des Geschehens.

Statt dessen geht es dieses Mal um die Machenschaften der pharmazeutischen Industrie, die – zumindest in diesem Roman – Medikamente in Ländern der dritten Welt an Menschen testet, kritische Nebenwirkungen unter den Teppich kehrt und noch kritischere Personen aus dem Weg schafft. Verstrickt in diesen Skandal sind eigentlich alle, die in diesem Roman vorkommen, außer natürlich den „Guten“. Und das ist vor allem das Ehepaar, das im Zentrum des Romans steht: Tessa Quayle, die in diesem Skandal auf eigene Faust ermittelt und öffentlich macht – sie wird denn auch recht schnell (quasi vor Seite 1) auf unangenehme Weise ermordet. Ihr Ehemann Justin, der ihren Ermittlungen nachreist, um ihr wieder nahezukommen, und zum Schluss auch stirbt, offensichtlich ebenfalls ermordet, aber zumindest halb tat man seiner suizidalen Absicht dabei wohl auch einen Gefallen.

Die Handlung wirkt ein wenig reißerisch und gut-menschig mit ihrem gegen die Pharma-Industrie (und gegen Kolonialismus, Sexismus, Rassismus, …) erhobenen Zeigefinger. Andererseits – siehe diverse öffentlich gewordene Skandale bei Pfizer und anderen Unternehmen – scheint die Realität immer wieder noch reißerischer und bedrückender als der Roman.

Am Besten gefallen mir die Passagen des Buchs, in denen das britische Establishment eine Rolle spielt. Die britische High Commission in Nairobi, die Chefs Eton- und Oxford-erzogen. Die Ironie und der Sarkasmus von le Carré ein wenig zu stark nach Klischee, aber gut gemacht und gut geschrieben.

Ein Beispiel für den Stil von le Carré:
„Justin Quayle buried his much-murdered wife in a beautiful African cemetery called Langata under a jacaranda tree between her stillborn son Garth and a five-year-old Kikuyu Boy who was watched over by a plaster-cast kneeling angel with a shield declaring he had joined the Saints. Behind her lay Horatio John Williams of Dorset, with God, and at her feet Miranda K. Soper, loved for ever.“

Werde ich weitere Bücher von le Carré, dem Besteller-Autor lesen? Vielleicht, und das ist doch dann ein ziemlich positives Fazit.

Enid Blyton: A biography. Barbara Stoney

Wer seit den 60er Jahren des vergangenen Jahrhunderts aufgewachsen ist und in seiner Kindheit oder Jugend Bücher gelesen hat, kennt Enid Blyton. Was für eine Erfolgsgeschichte, wenn man bedenkt, wie sehr sich die Welt seit damals verändert hat: Enid Blyton ist geblieben, fast zeitlos, letztlich klassisch, die Essenz von Kinder- und Jugendbüchern.

Fünf Freunde, die Abenteuer-Serie, Hanni und Nanni, Die schwarze Sieben – alles von Enid Blyton. Mehr als 750 Bücher und noch viel mehr Kurzgeschichten, über 600 Millionen verkaufte Bücher weltweit, in über 40 Sprachen.

Lohnt sich eine Biographie über eine Person, die ja allein wegen des Umfangs ihres Werks kaum Zeit gehabt haben kann, um anderes zu tun als zu schreiben?

Barbara Stoney hat sich jedenfalls ans Werk gemacht. 1974 erschien die Biographie, die von Enid Blytons Nachkommen in den Rang einer „offiziellen“ Biographie gehievt wurde. Immer wieder neu aufgelegt bekommt sie regelmäßig bessere Rezensionen als andere biographische Werke über Blyton wie „Looking for Enid: The mysterious and inventive life of Enid Blyton“ von Duncan McLaren oder Paula Whitesides „Enid Blyton: Biography of the author behind Noddy, The Famous Five, and The secret seven“.

 

Herausgekommen ist ein seltsames Buch.

Das Leben von Enid Blyton lässt sich tatsächlich recht schnell erzählen. Geboren 1897 als älteste von drei Geschwistern – der für sie und ihre Interessen verständnisvolle Vater verließ die Familie, als sie 13 war – die Mutter ihr immer fern; Enid brach den Kontakt mit 19 ab – Ausbildung zur Kindergärtnerin und Vorschullehrerin – erste Heirat 1924 mit zwei Kindern – Scheidung und erneute Heirat 1942 – Alzheimer-Erkrankung in der 60er Jahren – Tod 1968. So gut wie nie im Ausland. Begrenzte Kontakte in die Gesellschaft. Aber sehr sehr viele Kontakte mit Kindern und Jugendlichen. Und immer hat sie geschrieben, handschriftlich, später auf einer Schreibmaschine, zu geregelten Zeiten, fast jeden Tag. Und hat bei den Kindern und Jugendlichen gefragt, wie sie ihre Texte finden. Und so wurden ihre Bücher, Geschichten, Gedichte für ihre Zielgruppe immer besser.

Das erklärt natürlich nicht, warum ich die Biographie „seltsam“ finde. Seltsam deshalb, weil Stoney rein deskriptiv bleibt. Sie erzählt rein chronologisch. Sie benennt die Fakten und die Quellen. Sie beschönigt nichts. Aber sie reflektiert auch nirgends, ordnet nichts ein in den größeren Kontext der Gesellschaft und Kultur, in der Blyton lebte. Damit bleibt Blyton aber leider auch eigentümlich ungewürdigt, etwas farblos, etwas flach.

Und das ist für eine Autorin, die auch Mädchen in der damaligen Zeit aktive, selbstbestimmte Rollen gegönnt hat (George/Georgina in den fünf Freunden, Dina in der Abenteuer-Reihe!) doch ein Verlust. Da hätte sie eine anspruchsvollerer Biographin verdient gehabt.

Auch heute ist sie übrigens aktuell wie nie. Ihre letzte Neuerscheinung:
„Five on Brexit Island“, erschienen 2016, geschrieben allerdings von Bruno Vincent für Erwachsene.