Meetings with remarkable manuscripts. Christopher de Hamel

Man (= ich) bleibt etwas sprachlos zurück nach der Begegnung mit diesem Buch, sprachlos vor Staunen, vor Hochachtung, vor Begeisterung. Illuminierte Handschriften des Mittelalters sind das Thema, gut für Spezialisten in ihrer Lieblingsnische. Die verblüffende Nachricht dabei: Dieses Buch ist tatsächlich (fast) ein Bestseller.
Meetings with Remarkable Manuscripts' – Christopher de Hamel ...

Die erste Auflage kam 2016 auf den Markt, daher gibt es keinen Mangel an Rezensionen. De Hamel hat viele Preise für dieses Buch erhalten, von vielen Zeitungen und Literatur-Journalen wurde es zum History Book of the Year gekürt. Eine der für mich treffendsten Zusammenfassungen stammt von der Sunday Times: „I can’t think of many books that have brought the past to life with such learning, beauty and wonderfully boyish gusto.“
The rich are good, the poor are gluttonous? These images tell the ...

De Hamel – Paläograph und Experte für mittelalterliche Manuskripte – trifft zwölf Handschriften, die älteste aus dem 6. , die jüngste aus dem 16. Jahrhundert. Darunter ist eine, von der man auch als Tourist vielleicht schon gehört hat, nämlich das Book of Kells in Dublin. Die anderen – z.B. der Codex Amiatinus, das Stundenbuch der Jeanne von Navarra oder der Hengwrt Chaucer – sind wahrscheinlich bestenfalls Eingeweihten ein Begriff.
The Codex Amiatinus: the Earliest Surviving Complete Bible in the ...

„Treffen“ ist sehr wörtlich gemeint. De Hamel trifft alle Handschriften in den Bibliotheken, Museen, Sammlungen, in denen sie zur Zeit aufbewahrt werden, und er trifft sie quasi wie Persönlichkeiten. Wie er selbst sagt: „the chapters are not unlike a series of celebrity interviews.“ Wobei er – etwas traurig – hinzufügt, dass es heutzutage leichter sei, den Papst oder den Präsidenten der USA zu treffen, als mehr als eine Seite dieser Handschriften jemals zu sehen oder sie gar in die Hand nehmen zu können.

Er lässt die Handschriften reden (immerhin enthalten sie ja auch alle viel Text, und auch die Bilder können sprechen). Er erzählt ihre Biographie von der Entstehung über die wechselvollen Wanderjahre mit verschiedenen Besitzern bis hin zu ihrem aktuellen (Gesundheits-)Zustand. De Hamel bietet seinen Lesern die Möglichkeit, mit ihm gemeinsam diese Handschriften kennen- und schätzen zu lernen. Und alle sind sie schillernde Persönlichkeiten mit vielen Geheimnissen, eigenwilligen Charakteren, voller Individualität und Zauber.
Aratea: Making Pictures with Words in the 9th Century – The Public ...

De Hamels Buch ist ein gelehrtes Buch. Wie man Handschriften kollationiert kommt darin vor, ebenso wie diverse Schriftarten, genauso wie Überblicke über die Generations- und Herrschaftfolge diverser europäischer Adelshäuser.

Zugleich ist dieses Buch überaus nahbar und zugänglich. Man spürt auf jeder Seite die Begeisterung und Entdeckerfreude de Hamels. Seine Detektiv-Arbeit muss sich nicht verstecken vor der von William von Baskerville in Umberto Ecos „Name der Rose“. In bester britischer Tradition nimmt er sich (und andere) auch nicht immer so ernst, ist ironisch, lästerlich, zwischenmenschlich. Man hat also nicht nur das Vergnügen, mit de Hamel die Handschriften zu treffen, sondern darüber hinaus auch noch ihn selbst, mit und ohne weiße Handschuhe, die er in vielen Museen anziehen muss, um nichts zu beschädigen. Und quasi mit ihm an der Whisky-Schokolade zu knabbern, die ihm eine Aufseherin im Rare Books Reading Room in St. Petersburg zusteckt, als er auf seine Mittagspause verzichtet (nachteilige Effekte für Handschrift und Handschuhe sind nicht überliefert).
Who was Ethelburga? – Pathways to the Past

De Hamel zum Schluss seines Epilogs:
„Finally, I hope that these encounters have conveyed some sense of the thrill of the pursuit and the simple pleasure of meeting an original manuscript, and asking it questions and listening to its replies.“

Zwei Anmerkungen als PS:

  • Das Buch gibt es auch in deutscher Übersetzung mit einem Titel, der alles Understatement des englischen Originals beiseite lässt: „Pracht und Anmut – Begegnungen mit 12 herausragenden Handschriften des Mittelalters“.
  • Es gibt in diesem Blog eine kurze Seite zur Buch-Geschichte mit einem Verweis auf ein anderes außerordentlich gelungenes Buch von de Hamel.

Hawkwood: diabolical Englishman. Frances Stonor Saunders

Vermutlich gäbe es bei der Quizfrage, wer denn Hawkwood sei, nicht sehr viele Gewinner. Viele ratlose Gesichter, und auch der Einsatz eines Jokers würde wohl nicht helfen.

Dabei haben viele bereits ein Bild von ihm gesehen, fast alle, die bereits einmal in Florenz im Dom waren. Übersehen haben kann man es auch eigentlich nicht mit seinen mehr als 7 x 4 Quadratmetern!

John Hawkwood, * um 1320, † 1394, war ein englischer Söldnerführer, der vor allem in Italien aktiv war. Da sich Italiener mit der Aussprache seines Namens schwer taten – ‚H‘ und ‚W‘ sind traditionell keine Stärken -, lief er dort unter dem Namen Giovanni Acuto oder latinisiert Ioannes Acutus (siehe auch die Inschrift auf dem Fresko oben).

Hawkwood war während seiner Zeit so erfolgreich und berühmt oder vielleicht eher berüchtigt, dass er letztlich für alle auf ihn folgenden Söldnerführer Italiens (Jobbezeichnung: Condottiere) stilbildend wurde.  Grundlogik: Es geht nie um die Sache, sondern immer um den eigenen Vorteil; immer loyal, bis ein anderer mehr bietet. Dabei scheint Hawkwood trotz der geographischen Ferne immer seine Loyalität gegenüber dem englischen Königshaus gewahrt zu haben.

Soweit verstanden, aber andererseits: Was geht mich ein Söldnerführer des 14. Jahrhunderts in Italien an?

  • Dramatisch viel natürlich nicht, man lebt auch ohne Kenntnis Hawkwoods nicht schlecht.
  • Wenn man jedoch zum Beispiel gern nach Italien in die Toskana reist, erklärt einem die Geschichte Hawkwoods, warum Florenz, Siena, Lucca, Pisa als Städte so sind, wie sie sind, so eigenständig, wehrhaft, monolithisch, gegeneinander.
  • Man erfährt nebenbei viel über die traditionelle Zurückhaltung, die es zwischen England und Frankreich gibt, denn man befindet sich mitten im Hundertjährigen Krieg.
  • Kirchengeschichtlich kommt man ebenfalls weiter, denn die Päpste waren in diesem Krieg auch fleißig beteiligt. Obendrein lernt man über das Exil der Päpste in Avignon und das abendländische Schisma in der katholischen Kirche mit jeweils mehr als einem (immer moralisch zweifelhaften) Papst pro Zeiteinheit.
  • Außerdem, wenn man einmal das Söldnerprinzip verstanden hat, kann man auch die Risiken und Nebenwirkungen verstehen, die damit auch in heutiger Zeit verbunden sind, wenn Staaten Söldner für die etwas schmutzigeren Dinge des Kriegslebens einsetzen, um es dann selber nicht gewesen zu sein.

Und das Buch von Frances Stonor Saunders?

  • Ist ausgesprochen flott geschrieben. Man legt es nicht leicht aus der Hand!
  • Verwebt äußerst gelungen Biographie Hawkwoods mit der Geschichte seiner Zeit und der Kulturgeschichte des späten Mittelalters.
  • Ist alles andere als trocken, sondern bietet Mittelalter in Reinkultur, inkl. der Dinge, die nicht gut riechen. Stonor Saunders zeigt – zurecht – wirklich keine falsche Zurückhaltung.

Und was hat mich besonders beeindruckt?

  • Die Beschreibung Katharinas von Siena, die einen deutlichen Gegenakzent zur katholischen Hagiographie setzt. Hier ist Stonor Saunders Kapitel „Under-Eating“ besonders eindringlich:
    „Having conquered her disgust by ‚drinking from the cancer‘ of a woman she was nursing, Catherine drank the pus from the open sores of those to whom she ministered. The self-flagellation continued, and, as she denied herself food, this healthy young woman became attenuated and wasted.“
  • Ihre Bemerkungen zu dem Bild im Dom von Florenz, das übrigens Paolo Uccello gemalt hat: Mir war nicht aufgefallen, dass das Gesicht Hawkwoods auf diesem Fresko ganz eingefallen ist und leichenhaft wirkt. Dies stellt Stonor Saunders in den Zusammenhang des Transi, einer besonderen Form der Grabplastik, bei der der Körper des Verstorbenen zweimal dargestellt wird, einmal bereits im Stadium der Verwesung. Außerdem weist sie darauf hin, dass Hawkwood auf seinem weißen Pferd in seiner hellen Rüstung sehr an den fahlen Reiter auf dem fahlen Pferd in der Apokalypse erinnert. Was natürlich sehr zu seinem Söldner-Dasein passt….

Also: ein bereichernder, anregendes, sehr gut lesbares Buch von einer sehr intelligenten, gebildeten und vor allem unerschrockenen Autorin. Lesen!

Dafydd ap Gwilym: A Selection of Poems. Hrsg. von Rachel Bromwich

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Um den Eindruck zu vermeiden, eventuell zu stark auf englische oder zumindest englisch-sprachige Literatur oder gar auf eine Art „Mainstream“ ausgerichtet zu sein, heute ein Beitrag zu einem der vielleicht besten walisischen Dichter: Dafydd ap Gwilym, der im 14. Jahrhundert gelebt hat.

Immer wieder neu aufgelegt wird ein Buch, das zuerst 1982 erschienen ist und dessen immerhin 3. Auflage von 2003 ich gelesen habe. „Immerhin“, denn das Buch macht auf seinen rechten Seiten für die meisten Leser einen eher sperrigen, deutlich konsonantigen, man möchte fast sagen: abschreckenden Eindruck – auf dieser Seite steht jeweils das walisisch-sprachige Original.

Warum erfreut sich Dafydd ap Gwilym also offensichtlich einer wahrnehmbaren Popularität? Und ist seine Lyrik auch etwas für Nicht-Waliser?

Dafydd ap Gwilym ist schon besonders:

  • Ungefähr zeitgleich mit Geoffrey Chaucer lebend, hat er fast im Alleingang eine Verbindung geschaffen zwischen der walisischen bardischen Tradition des frühen Mittelalters und der Troubadour- und Minnelyrik insbesondere des französischsprachigen Raums, die auch dank der Normannen in England und Wales eine Rolle gespielt hat.
  • Außer dieser innovativen Weiterentwicklung hat er – auch wieder quasi im Alleingang – die eigene Person deutlich stärker ins Zentrum seiner Gedichte gerückt als in der walisischen Tradition üblich. Dies macht seine Gedichte recht zugänglich.
  • Ein Innovator ist er auch, da er die walisische Sprache um zahlreiche Worte – auch um Lehnworte vom Kontinent – erweitert hat, die er als Neuschöpfung in seinen Gedichten verwendet.
  • Vor allem aber ist er herausragend aufgrund seiner poetischen Meisterschaft. Die Anforderungen der walisischen Poetik zur Form von Strophe und Vers, Silbenzahl, Reimformen, Alliterationen, anderen Lautharmonien sind so vielfältig, dass es fast ein Wunder ist, hierbei auch noch inhaltlich zu glänzen. Und dies tut Dafydd ap Gwilym.

Für all diejenigen, die mit Walisisch nichts anfangen können, geht aber leider viel verloren. Denn gerade walisische Dichtung beeindruckt (und soll beeindrucken) viel stärker durch ihre akustische Wirkung als durch die Inhalte. Und die akustische Ästhetik lässt sich auch vom besten Übersetzer nicht einmal ansatzweise nachschaffen.

Bromwich als Übersetzerin und Herausgeberin dieses Buchs tut viel, um die Lücke zum Walisischen zu überbrücken. Ihre Einleitung bringt einem den Dichter, die walisische Bardentradition und auch die poetischen Anforderungen näher. Die Anmerkungen zu den Gedichten sind umfassend und erleichtern das Verständnis. Schade vielleicht, dass die Übersetzungen doch eher auf den inhaltlichen Sinn fokussieren, als dass sie hohe poetische Anforderungen erfüllen wollen. Persönlich wäre mir eine andere Balance lieber gewesen.

Das Buch ist sicherlich nichts für jeden Leser. Aber für alle, die sich mit mittelalterlicher Lyrik befassen, ist es ein Gewinn. Und für Freunde keltische oder speziell walisischer  Literatur und Kultur sowieso.

Als Leseprobe der Auszug eines der bekanntesten Gedichte von Dafydd ap Gwilym, in dem er Naturdichtung – über den Wind – mit Liebesdichtung – der Wind als Liebesbote an seine Geliebte Morfudd – miteinander verbindet:

„Yr wybrwynt helynt hylaw
Agwrdd drwst a gerdda draw,
Gŵr eres wyd garw ei sain,
Drud byd heb droed heb adain. „

Bromwich übersetzt:
„Sky wind of impetuous course
who travels yonder with your mighty shout,
you are a strange being, with a blustering voice,
most reckless in the world, though without foot or wing.“

Eine etwas poetischere Übersetzung des Gedichts von Gwyneth Lewis, durchaus dichter hinsichtlich der Klangeffekte am Original,  findet sich hier auf der Website der Poetry Foundation.

Und wer es genau wissen will, kann sich auch den walisischen Originalton anhören (man muss dann noch Gedicht 47 „Y Gwynt“ aussuchen und anschließend auf Audio klicken), da das Welsh Department der University of Swansea eine ganze Website den Gedichten von Dafydd ap Gwilym gewidmet hat.

Mittelalter: Strange Landscape – A Journey Through the Middle Ages. Christopher Frayling

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Dieses Buch ist eine sehr gute Einführung in das Mittelalter. Es diskutiert, wie  Kirche, Klöster und Gelehrte versuchten, mit dem neuen, erstmalig ganz auf Profit ausgerichteten Wirtschaftsgebaren umzugehen. Im Mittelpunkt des gut lesbar und in Teilen unterhaltsam geschriebenen Buchs steht die Entstehung der französischen Gotik sowie die unterschiedlicher Bewegungen, welche eine Erneuerung der Kirche forderten. Die wichtigsten Protagonisten hierbei sind Abelard und Heloise, Franziskus und Bernhard von Clairvaux.

Frayling zeigt, wie Abt Suger von St. Denis in Frankreich mit seiner auf Licht und Farben konzentrierten Theologie des Lichts die französische Gotik beinahe im Alleingang entwickelte. Die Reliquienverehrung und die neue Verehrung von Maria  führte zu einem Bauboom mit dem Effekt, dass von 1050 bis 1350 in Frankreich mehrere Millionen Tonnen Stein gehauen und verarbeitet wurden.

In der Gegenüberstellung von Abelard und Bernhard von Clairvaux beschreibt der Autor die Relevanz der Frage nach dem richtigen Glauben. Der Intellektuelle Abelard auf der einen Seite, der überzeugt war, dass Glaubensinhalte mit Methoden antiker Philosophie hinterfragt werden können und müssen. Seiner Auffassung nach kann nur geglaubt werden, was auch verstanden wurde. Der Mönch Bernhard als Gegenpol, überzeugt, dass Religion eine Sache des persönlichen Kontakts mit und der Erfahrung von Gott ist, der Glaube allein Frömmigkeit ausmacht.

Das letzte Kapitel behandelt Dantes „Göttliche Komödie“: Obwohl Dante die neueste Forschung seiner Zeit zu Himmelsgestirnen in sein Werk einfließen lässt, stellt die „Göttliche Komödie“ das Universum als harmonisches System dar, in dem Menschen, Engel und Gott ihren passenden Platz haben. „A quintessentially medieval message. It is particulary ironic that Dante should be celebrating this huge idea at precisely the time when Christian Europe was falling apart. Ironic, too, that The Comedy has a happy ending – happy in the medieval sense of understanding the ultimate harmony and rightness of the universe, a harmony which is carried by one single principle, the key to the whole story.“

Die Kapitel haben die Titel The Jewelled City, Fires of Faith, The Saint and the Scholar und Circles of Light. Nur 200 Seiten, davon noch viele mit interessanten und hilfreichen Abbildungen machen dieses Buch zu einer unterhaltsamen Lektüre. Gelesen in der Ausgabe von 1995.

The Birth of the West: Rome, Germany, France, and the Creation of Europe in the Tenth Century. Paul Collins

imageEin faszinierendes und inhaltsschweres Buch, in dem – durchaus nachvollziehbar – argumentiert wird, dass das Europa, welches wir heute kennen, ganz wesentlich im 10. Jahrhundert gegründet und geprägt wurde. Neben allem historischen, sozialgeschichtlichen, kulturellen Tiefgang bietet Collins auch immer wieder anregende und überraschende Anekdoten, so zum Beispiel über einen katholischen Heiligen:
“ Another extraordinary story  concerns the relics of Saint Guinefort (…). Though a saint, Guinefort was not a person but a heroic pet greyhound! One day when his owner was absent, a large serpent approached the cradle of the owner’s child. Guinefort attacked and killed the snake but was badly hurt himself. (…) When the parents returned, they found both cradle and dog covered in blood. Assuming Guinefort had attacked the baby, they killed him but later found the baby safe and the snake torn to pieces. Local peasant women began to ‚visit the place and honor the dog as a martyr in quest of help for their sicknesses and other needs,‘ particularly for the greyhound to cure sick babies.“
Und das Buch ist eine beeindruckende Quelle aus der Mode gekommener Vornamen wie Hatheberg, Herimann, Heriger, Hildebert, um nur das H herauszugreifen.
Gelesen habe ich die Ausgabe von 2013.