Alles zerfällt. Chinua Achebe

„Things fall apart“, der erste Roman von Chinua Achebe, erschien 1958. Mit mehr als 60 Jahren Verspätung habe ich ihn jetzt endlich auch gelesen.
On Things Fall Apart and Things Falling Apart: Simon van Schalkwyk ...

Albert Chinualumogu Achebe, *1930 in Nigeria, † 2013 in den USA, gilt als einer der Väter der modernen afrikanischen Literatur – woran auch immer man das festmacht. Jedenfalls war er sehr erfolgreich als Schriftsteller und wurde in mehr als 50 Sprachen übersetzt. Eine Übersetzung ins Englische war dabei nicht erforderlich, da Chinua Achebe bereits auf Englisch schrieb.
Vielleicht hat das dabei geholfen, einer dieser Väter zu werden (Literaturen haben übrigens eigentlich immer nur Väter, sind also ein biologisches Phänomen – oder kennt jemand z.B. eine der Mütter der modernen afrikanischen Literatur?), denn sonst hätte man ihn im Westen eventuell gar nicht oder erst viel später kennengelernt.
Chinua Achebe | The Dorothy & Lillian Gish Prize

Wikipedia fasst „Things fall apart“ zusammen: „Darin erzählt Achebe die Geschichte der nigerianischen Igbo in den 1890er Jahren. Der Bildungsroman schildert in realistischer Erzählweise im ersten Teil Wirtschaft, Kultur, Traditionen, Religion und Geschlechterverhältnisse einer Dorfgemeinschaft. In einem zweiten und dritten Teil werden die Auswirkungen der neuen christlichen und kolonialistischen Einflüsse auf das Dorfleben dargestellt.“

Das klingt ordentlich trocken. Eher wie eine akademische, anthropologische Abhandlung. Oder wie das Werk, das der britische District Commissioner als Krönung seines administrativen Lebenswerks zu schreiben gedenkt, sein Arbeitstitel: „The Pacification of the Primitive Tribes of the Lower Niger“.
„One must be firm in cutting out details.“

Ruhig und unaufgeregt, sachlich und ohne offensichtliche Wertungen, einfach und unprätentiös schreibt Chinua Achebe. Er läßt seinen Lesern Zeit nachzudenken. Sie können zu eigenen Einschätzungen und Wertungen kommen. Zugleich weiß man bereits nach der ersten Seite, dass man das Buch auf jeden Fall zu Ende lesen wird.

Vor der Ankunft der Missionare und Kolonialherren wird das Dorf als  Gemeinschaft geschildert. Es gibt Zusammenhalt, Solidarität, verbindliche gemeinsame Regeln. Wahrlich nicht alles ist einfach – Zwillinge zum Beispiel werden getötet, da sie als unheilvoll gelten -, aber es ist eine tatsächlich funktionierende, gemeinsam getragene Gemeinschaft.
Origin of Igbo tribe in Nigeria ▷ Legit.ng

Diese Basis wird von den christlichen Missionaren und Kolonisatoren untergraben. Der traditionellen Gemeinschaft gelingt es nicht, erfolgreich Widerstand zu leisten. Sie wird letztlich durch ihre eigenen Mechanismen zerstört. Es ist Sache der Götter, sich gegen eine andere, neue Religion zu wehren. Sobald die ersten Dorfbewohner zum Christentum übergetreten sind, kann man die Christen nicht mehr angreifen: Man kämpft nicht gegen Mitglieder der eigenen Familie. Und außerdem bietet die koloniale Zeit mehr Möglichkeiten, zu Wohlstand zu kommen – und Eigennutz war noch immer der Feind von Gemeinschaft.
Igbo People Language, Culture, Tribe, Religion, Women, Food, Masks

Die Hauptfigur des Romans, Okonkwo, der größte Krieger seines Dorfs, wohlhabend und sehr anerkannt in seiner Gemeinschaft, möchte die Kolonisatoren vernichten oder vertreiben, zur Not allein. Er sieht, dass sie die Gemeinschaft und alles, was ihm wichtig ist, zerstören. Als es darauf ankommt, macht sein Dorf aber nicht mit. Und gegen oder ohne seine Gemeinschaft  kann und möchte er dann doch nicht. Okonkwo kämpft nicht, er erhängt sich. Wie seine Gemeinschaft im übertragenen Sinne auch.

Erstaunliche Ironie dabei: Nur die Fremden können ihn abhängen und bestatten – seine Dorfgemeinschaft lässt ihn, der sie retten wollte, auch hier allein. Man braucht die Soldaten des District Commissioners. „It is against our custom. (…) It is an abomination for a man to take his own life. It is an offence against the Earth, and a man who commits it will not be buried by his clansmen. His body is evil, and only strangers may touch it. That is why we ask your people to bring him down, because you are strangers.“

Ein seltsames, fremdes Buch über uns.

Galileo: watcher of the skies. David Wootton

Galileo Galilei: Inquisition, der schiefe Turm von Pisa, vor Newton der Gigant der Naturwissenschaften. Ein tolles Thema.
Die Anfänge der Festigkeitslehre bei Galilei › momentum › Historie

David Wootton: wie es heißt, einer der großen Intellektuellen unserer Zeit, äußerst bewandert in der Geschichte der Naturwissenschaften vom 16. bis 18. Jahrhundert. Eine tolle Kombination.

Leider jedoch schreibt Wootton anscheinend abwechselnd wirklich ausgezeichnete und dann eher mäßige Bücher. Wenn man das weiß, kann man entsprechend auswählen und jedes zweite seiner Bücher weglassen. Wusste ich aber nicht…

Und daher war mein Leseglück mit Wootton recht unbeständig.
„The invention of science: an new history of the scientific revolution“, erschienen 2016, fand ich sehr gut, anregend und überzeugend.  „Power, pleasure and profit: insatiable appetites from Machiavelli to Madison“ dagegen, Erscheinungsjahr 2018, wirkte etwas patchwork-artig aus Vorlesungen zusammengenäht, wenn auch mit wirklich guten einzelnen Highlights. Dann „Bad medicine: doctors doing harm since Hippocrates“, erschienen 2006, wieder in der Genuß-Kategorie.

Woottons Biographie über Galileo Galilei erschien 2010. Das konnte – rückblickend, in Kenntnis der Reihe – natürlich nichts werden.

So war es dann auch. Der Fairness halber muss ich aber auch wieder eingestehen, dass ich das Buch nicht ganz gelesen habe. Vielleicht wäre es noch besser geworden. Allerdings habe ich deutlich mehr als ein Drittel geschafft, also für die mathematisch Bewanderten unter uns (und andere interessieren sich ja wahrscheinlich nicht für Galileo): fast 50%.
Lunar Archives: Galileo's Sidereus Nuncius 3rd Edition

Mein Fazit bis dahin: Kenntnisreich, belesen auf der Habenseite. Besserwisserisch (ich hab’s zuerst entdeckt!), detailverliebt und linienlos, uninspiriert und langweilig beim Soll. Ich bin mit großem Interesse an Galileo gestartet, aber bereits vor seinem Prozess mit der Inquisition etwas schläfrig ausgestiegen.

Schade, denn Galileo war bestimmt eine faszinierende Persönlichkeit. Aber kein Grund zu verzweifeln: Denn wer mehr über ihn wissen möchte, ist bei Wikipedia ganz gut aufgehoben – dort wird Woottons Biographie übrigens nicht erwähnt, auch nicht in der englischen Version. Das hätte mich warnen können….
Galileo's Leaning Tower of Pisa experiment Pisa International ...

The Palladio Guide. Caroline Constant

The Palladio Guide von Caroline Constant ist ein Reiseführer zu den Bauten Andrea Palladios im Veneto.

 

Auf der Suche nach Villen Palladios in der meist flachen Landschaft des Veneto, zwischen Feldern, Industrieanlagen und kleinen Orten ist dieses Buch der Garant für den Erfolg. Oder wenigstens die Voraussetzung dafür;  ein Navigationssystem erhöht die Erfolgswahrscheinlichkeit, eine der weniger bekannten Villen auch wirklich zu finden. Andrea Palladio ist einer der einflussreichsten Architekten der westlichen Welt, dennoch sind einige seiner Villen verfallen. Busladungen von Touristen kommen nur zu denjenigen Villen, die gerade auf einer Liste der 10 besten von irgendetwas stehen.

Auf der Suche nach dem vollkommenen Haus

Vor einem Vierteljahrhundert war das Auffinden der kleineren, unbekannteren Villen ein Abenteuer mit offenem Ausgang. Es gab keine Auflistung aller Gebäude, keine Wegbeschreibungen. Stattdessen endlos scheinende Fahrten durch die Terra Ferma.

Bildergebnis für andrea palladio

Das kleine Buch von Constant  – erschienen 1993 in der zweiten Ausgabe – ist für alle, die die wunderbaren, wunderschönen Gebäude Palladios selbst in deren beeindruckender räumlichen Wirkung erfahren wollen, ein Segen.

„The Palladio Guide“ is a complete guide to the buildings of sixteenth century architect Andrea Palladio. A useful tool for architects, artists, tourists, and armchair travelers.”

Ein Reiseführer auch für Armchair Travelers

Nach einer kurzen Einleitung folgt chronologisch die Beschreibung aller Gebäude, die Palladio gebaut hat. Ihre Entstehungsgeschichte, Besitzerwechsel und der Erhaltungszustand sind gut verständlich und knapp beschrieben. Am Ende des Buchs ergänzen ein Lageplan der Villen im Veneto sowie ein Detail-Plan jeweils für Venedig und Vicenza die Beschreibungen der einzelnen Gebäude.

Bildergebnis für andrea palladio

Einführung in Architektur und Einfluss von Palladio

Die Einführung ist auch für Nicht-Architekten nachvollziehbar. Sie leistet ein besseres intellektuelles Verständnis der Bauten und bereitet auf ihre überwältigende visuelle und räumliche Erfahrung vor.

…dass man vielleicht nicht immer ganz nachvollziehen kann, wo Palladio nach Caroline Constants Meinung die Zentralperspektive zugunsten der horizontalen Perspektive im Sinn hatte oder an welchen Stellen das Räumliche und wo das Szenische im Vordergrund stehen … – mag sein und ist nicht wichtig.

Ausgezeichnet wird der „Palladio Guide“ durch „Das vollkommene Haus“ von Witold Rybzynski ergänzt. Diese Buch sowie das umfangreiche Buch „Andrea Palladio – The Architect in his Time“ zu Person und Werk mit vielen Hintergrundinformationen haben wir hier besprochen….

A short history of brexit: from brentry to backstop. Kevin O’Rourke

Geschrieben und kommentiert wird viel über den Brexit. Zählt er doch neben der Wahl Donald Trumps zu den überraschendsten und einschneidendsten Ereignissen der letzten Jahre. Und genauso wie bei Trump ist das Ende offen. Zwar kann man auf den Ausgang wetten, rechnen sollte man aber damit, die Wette nicht zu gewinnen.

Die aktuelle Diskussionskultur: eher Meinungsmache

Vieles, was man hört oder liest über den Brexit, bewegt sich auf dem Niveau von Klischees und Parolen. Es wird gewertet, nicht gewürdigt. Brexit in der deutschen Presse geht kaum noch als Einzelbegriff. Statt dessen vermarktet man ihn nur noch komplett im stimmungsmachenden Set als Brexit-Chaos. Britische Politiker sind Witzfiguren, Karikaturen; das britische Parlament ebenfalls eine Lachnummer. Wenn schon das Referendum damals von Populismus und Demagogie geprägt war, danach wurde es nicht besser, auch nicht bei uns.

Seriosität und saubere Analyse ist dagegen das Mittel der Wahl. Wie bei Tacitus, „sine ira et studio“: ohne Tendenziosität, möglichst sachlich und objektiv.

O’Rourke: seriöser Wissenschaftler

Genau das bietet Kevin O’Rourke. Kevin Hjortshøj O’Rourke (nicht erfunden!), Jahrgang 1963, ist Ökonom, Mathematiker, Historiker mit irischem Vater, dänischer Mutter und einem europäischem Lebenslauf. Als Professor und Fellow am All Souls College in Oxford sowie Mitglied der irischen und britischen Akademie der Wissenschaften hat er das Seine getan, um als anerkannter Wissenschaftler ernst genommen zu werden.

Das Buch: viel Aufklärung

Dieses Buch über den Brexit ist in jeder Weise empfehlenswert – sehr gerne schließe ich mich den Rezensenten zum Beispiel der Irish Times oder des Guardian an (habe ich die Rezensionen in deutschen Medien übersehen or don’t we read English hier?).

Einige Aspekte, die mir besonders aufgefallen sind

  • Ich fand frappierend, wie unterschiedlich die Briten und Kontinentaleuropäer der Opfer des ersten Weltkriegs nach 100 Jahren gedenken. In einem Memorandum an David Cameron heißt es: “we must ensure that our commemoration does not give any support to the myth that European integration was the result of the two World Wars”. Édouard Philippe, der französische Premierminister, tat genau das Gegenteil und betonte “a Europe that reminds us of the eternal values that unite us, and the disasters we mourn”. Auch tendieren die Briten dazu, nur ihrer eigenen Toten zu gedenken (die roten Mohnblüten am Revers) – auf dem Kontinent gedenkt man häufiger aller Toten der Weltkriege, gleich welcher Nationalität.
  • Unter den Gründen, die zum Brexit-Votum geführt haben, erwähnt O’Rourke neben anderen als zentral und entscheidend:
    • das Unbehagen Großbritanniens mit ausgeprägten supranationalen Strukturen wie einem EU-Parlament, EU-Kommission ….  (der Commonwealth hat so etwas praktisch nicht; Freihandelsabkommen brauchen das nicht)
    • die Austeritätspolitik der britischen Regierung – für die die EU nichts kann
    • die Einwanderung aus Nicht-EU-Ländern – für die ebenfalls nur die britische Regierung verantwortlich war und ist
    • die Entscheidung von Boris Johnson, sich für den Brexit zu engagieren: O’Rourke vermutet, dass ohne Johnson die Remain-Befürworter gewonnen hätten (mehr über Johnson in diesem Blog über seine Bücher zu London und Rom).
  • Und außerdem macht O’Rourke sehr sehr deutlich, dass viele verantwortliche Politiker zentrale Details zu Freihandelszonen, Zollunion, Mehrwertsteuer – warum auch immer – offensichtlich nicht in ihre Politik integrieren. Sonst hätte es nicht passieren können, dass die Roten Linien von Theresa May in Kombination ein Ding der Unmöglichkeit sind Es gilt, ein Trilemma zu lösen mit den Elementen: 1. Keine harte Grenze in Irland – 2. keine regulatorischen Unterschiede zwischen Nordirland und Britannien – 3. Großbritannien verläßt Single Market und Zollunion
    • 1. und 2. bedeutet: Großbritannien bleibt in Single Market und Zollunion
    • 2. und 3. bedeutet: Es gibt eine harte Grenze in Irland
    • 1. und  3. bedeutet: Freihandelsvertrag zwischen Britannien und EU; Nordirland weiter in Zollunion und Single Market; Grenzkontrollen in den Häfen Nordirlands.
    • 1. und 2. und 3. bedeutet: eine leere Menge.

Die europäische Union: gar nicht schlecht

Bemerkenswert in der Darstellung O’Rourkes ist dabei sicherlich auch, dass bei allem, was in der Europäischen Union immer wieder einmal nicht so gut klappt, diese EU im gesamten Brexit-Prozess anscheinend ausgesprochen gut sortiert und strategisch, klar und transparent, fair und solidarisch aufgetreten ist.

Also lesen!

All das und noch viel mehr wird einem klar, wenn man O’Rourkes Buch liest oder dessen Fortsetzung, die bestimmt kommt, sobald man weiß, wie es ausgegangen ist.

The dream of Rome. Boris Johnson

Dieses Buch ist eine Warnung. Vor dem Autoren, Boris Johnson.

Von seinem anderen Buch über London und die Personen, die es zu dem gemacht haben, was es ist, war ich ja noch eher positiv überrascht. Dieses Mal ist es umgekehrt.
Boris Johnson: il leader della Brexit che sogna l'Impero Romano

Boris Johnson beschäftigt sich mit dem römischen Reich, wie und wodurch es groß wurde, wie und wodurch es verschwand. Immer wieder eingestreut vergleicht er das römische Reich mit der europäischen Union. Rom gewinnt immer, denn die Europäische Union macht – nach Meinung Johnsons – eigentlich alles schlechter.
Antike: Römisches Reich (600 v. Chr.-600 n. Chr.)

Um mit Positivem zu beginnen

Johnson schreibt auch in diesem Buch flott, unterhaltend, spannend. Geschichten mit Charme erzählen, das kann er. Auch erzählt er über das römische Reich keinen Unsinn.

Etwas ausführlicher zum Rest, dem Negativen

Johnson erwähnt immer wieder, dass er ganz Neues und Unerhörtes über das römische Reich schreibt, dass er versucht, eine gewagte Hypothese mit Fakten zu untermauern. Die große Pose des genialen, mutigen Wissenschaftlers, der sich der Wahrheit zuliebe in Gefahr begibt.
Dagegen ist jedoch alles, was er schreibt, sattsam seit Jahrzehnten (oder länger, er schreibt ja über das römische Reich…..) bekannt. Bahnbrechendes habe ich nirgends gefunden. Statt dessen düst Johnson gerne eher faktenarm auf oberster Ebene durchs Gelände. Und streut gerne pittoreske, etwas reißerische Anekdoten ein – vielleicht ist das der Ersatz für Faktenreichtum?

Erstaunlich ist, dass Boris Johnson sich anscheinend auch dieser wenigen Inhalte nicht recht sicher war – trotz Studiums der Klassischen Philologie in Oxford. Er bemüht deshalb eine große Anzahl von Professoren (die Danksagung an diese Akademiker umfasst beinahe eine Seite!) für die Bestätigung seiner Erinnerung.

Geradezu bedrückend und erschreckend, dass im Vergleich zu allem, was Johnson über die Europäische Union zu wissen und zu verstehen scheint, seine Kenntnisse zum römischen Reich geradezu enzyklopädisch wirken. Alles zur EU ist bei Johnson seicht, parolisch, tendenziös.
Boris Johnson's passion for painting is no portrait of deceit, but ...

Keine Empfehlung also

Das Buch kann ich also nicht empfehlen, außer man möchte mehr über den Politiker Johnson erfahren.

Frauen im Mittelalter. Edith Ennen

Frauen im Mittelalter ist Thema und Titel des Buchs von Edith Ennen.

Die Autorin beschreibt darin den Alltag von Frauen in Klöstern und Stiften, sie rekonstruiert ihr Leben in Stadt und auf dem Land als Adelige, als Kauffrauen oder als Bäuerinnen. Detailliert geht sie der Frage nach, welche rechtliche Stellung Frauen hatten. Hierfür beschreibt sie regional und zeitlich unterschiedliche Konzepte zum Erbrecht und dazu, wieweit Frauen eigenständig als Personen ohne einen männlichen Vertreter handeln konnten.

„In besonderem Maß waren die Frauenklöster aber doch Stätten der Bildung. Der Anteil von Frauen am geistigen Leben ist im frühen Mittelalter sehr hoch, ja er übertrifft mitunter den männlichen.“

Bildergebnis für Frauen im Mittelalter

Frühes, mittleres und spätes Mittelalter

„Frauen im Mittelalter“ ist in die Zeiten frühes, hohes und spätes Mittelalter geteilt.  Einen Schwerpunkt, der sich durch alle drei Zeitabschnitte zieht, bilden die Frömmigkeitsbewegungen von Frauen im Mittelalter und die jeweilige rechtliche Position von Frauen.

„Die besondere städtische Entwicklung müssen wir auch im Rahmen der allgemeinen Fortbildung der Familien- und Eherechtes sehen. Bis zum 12. Jahrhundert hat sich in Mitteleuropa die Konsensehe durchgesetzt. In Randzonen, in Nordeuropa z. B., hält sich noch älterer Rechtsbrauch. Das norwegische Birkinselrecht – Marktrecht – kennt noch den vom Bräutigam zu zahlenden „mundr“ als Ablösung der Rechtsvertretung, die von Verheirater auf den Bräutigam übergeht.“

Umfangreiche Einleitung in das Mittelalter

Das Buch ist bereits etwas in die Jahre gekommen; die zweite Auflage erschien 1985. Die Wortwahl ist an einigen Stellen angestaubt, der Satzbau oft kompliziert, wodurch das Lesen stellenweise eher mühsam ist. Die Mühe lohnt sich jedoch, durch die gut herausgearbeiteten Inhalte. Sehr hilfreich für die historische Einordnung ist die umfangreiche Einleitung. Also: eine Empfehlung für Leserinnen und Leser, die am Thema Frauen im Mittelalter sehr interessiert sind.

Chanel – Couture and Industry. Amy de la Haye

Chanel – Couture and Industry von Amy de la Haye bietet den guten Überblick zu Coco Chanel, den man von einer Professorin für Dress History am Londoner College of Fashion erwarten würde. Geschrieben hat sie das Buch für das Victoria and Albert Museum.

Chanel: Couture and Industry

Der Inhalt

„Chanel“ ist eine kurze Zusammenfassung über Leben und Werk von Gabrielle Chanel (1883-1971) sowie ein Abriss zur Marke Chanel. Das Buch liest sich kurzweilig, ist informativ und schön passend bebildert. Viele inhaltlich Aspekte waren neu für mich.

Die Vorteile

„Chanel“ ist chronologisch gegliedert, die Aufmachung ist übersichtlich. Es berücksichtigt viele Aspekte und stellt dabei auch die Quellenlage gebührend dar: fast keine Eigenzeugnisse, aber viele Menschen die über Chanel geschrieben haben, sie gemalt und fotografiert haben. Viele der beeindruckenden Fotos sind im Buch abgebildet zum Beispiel von Horst P. Horst.

Das Buch zeigt ihre Art, Business zu betreiben, Lippenstift und Parfüm dafür zu nutzen, zusätzliche Einnahmen und Markenbekanntheit zu generieren. Es skizziert den ungeheuren finanziellen Erfolg einer Frau, der nicht in die Wiege gelegt worden war, die Mächtigen und Reichen nicht nur zu kennen, sondern anzuziehen.

Das Nicht-so-Vorteilhafte

Das Buch von de la Haye enthält kaum übergreifende Einordnungen in den historischen Kontext. Es konzentriert sich auf die Person Chanel, deshalb kommt Kontext eher am Rande vor, sogar bei der Modegeschichte. Warum Chanel derart erfolgreich war, bleibt deshalb etwas abgekapselt für sich stehen; Beweise für den phänomenalen Erfolg bietet es, doch wenige Gründe. Die Weltgeschichte, die anderen Designer, die Konsequenzen der wachsenden Modeindustrie bleiben blass. Das letzte Kapitel zu Chanel nach Chanel wirkt wie ein Werbeprospekt für Karl Lagerfeld…

Dennoch ist es ein gutes und vergnügliches Einsteiger-Buch.

Tiere als Architekten: Bauen und die Evolution der Intelligenz. James R. Gould und Carol Grant Gould

Tier und Intelligenz?

Wie einzigartig ist eigentlich der Mensch? Intelligenz, Bewußtsein, Sprache, Fähigkeit zu Sozialverhalten, Planung der Zukunft, Gestaltung seiner Umwelt, Sinn für Ästhetik, das macht doch den Menschen aus, macht ihn besonders, hebt ihn über die Tierwelt hinaus, oder?

Wer all das weiter glauben und unterschreiben möchte, sollte das Buch der beiden Experten zu Evolution und Tierverhalten lieber nicht lesen.

Die Autoren

James Gould ist Professor für Ökologie und Evolutionäre Biologie in Princeton. Seine Frau Carol Grant Gould ist als Wissenschaftsjournalistin spezialisiert auf Bücher über Tierverhalten für die breitere Öffentlichkeit. Ihr Buch über „Animal Architects“ erschien 2007. Englisch muss man können, um es zu lesen. Noch kein deutsch-sprachiger Verlag hat es übersetzt.

Tiere als Baumeister

Erstaunlich viele Tiere bauen. Recht spontan fallen einem Spinnen ein, Wespen und Bienen, Ameisen und Termiten, Vögel mit ihren Nestern, Biber mit ihren Dämmen. All diese Beispiele (und natürlich einige mehr) beleuchten auch die beiden Goulds.
Der Laubenvogel („Bowerbird“) und sexuelle Selektion | BIRDS ...

Das Fazit der Autoren

Viele Verhaltensmuster dieser Tiere basieren auf Instinkten und quasi vorgegebenen Programmen (wie auch beim Menschen). Andere Verhalten dagegen lassen sich nicht erklären, ohne auf Intelligenz, Bewußtsein, Planung und sogar ästhetisches Empfinden zurückzugreifen. Honigbienen verwenden Sprache, Termiten bauen Gebäude von einer Größe und Komplexität, wie sie – relativ zur Körpergröße – von Menschen nicht erreicht werden, Laubenvögel gestalten ihre Balzplätze offensichtlich ästhetisch, Biber berücksichtigen die möglichen Pegelstände ihrer aquatischen Umwelt bei der Gestaltung ihrer Bauten und Dämme.
Biber

Der Mensch mit seinem aussergewöhnlich hohen Quotienten aus Gehirn- und Körpervolumen unterscheidet sich damit nur graduell von anderen Tieren, nicht aber prinzipiell.

Meine Meinung zum Buch

Gut und eingängig beschrieben – gelegentlich amüsant, etwas häufiger vielleicht zu wissenschaftsschreibelastig – nachvollziehbar strukturiert – immer fundiert, beschreiben die beiden  Goulds, wie beeindruckend die Tierwelt sein kann. Wer die etwas wenigen und tristen Illustrationen durch Besseres ergänzen möchte, kann auf ein Buch des Naturfotografen Ingo Arndt mit dem netten Titel „ArchitekTier“ zurückgreifen.

Ein durchaus lohnendes Buch, nicht nur für Imker und Arachnophile.
Net-casting Spider (Deinopis subrufa) [Bushpea 8/10] Large

Schöne neue Welt. Aldous Huxley

Als Epsilon Minus, die unterste Kategorie der Menschheit, seine Flasche zu verlassen, ist bestimmt kein Vergnügen. Und dabei ist doch alles aufs Glück ausgerichtet in der Welt in diesem Klassiker von Aldous Huxley, seinem Roman „Schöne neue Welt“.
BraveNewWorld FirstEdition.jpg

Aldous Huxley gehört zu einer Familie, die in Großbritannien eine große Rolle spielt (und gespielt hat), sowohl in Intellektuellen-Kreisen als auch im öffentlichen Sektor. Ein Nobelpreisträger, der erste Direktor der Unesco, diverse Schriftsteller gehören dazu. Die Huxley-Familie ist auch durch Heirat mit der Familie der Darwins verbunden. Als Huxley gehört man zum britischen Establishment.

Aldous Huxley selbst (1894 – 1963) ist heute in Deutschland vor allem durch diesen Roman bekannt, der im Jahr 1932 erschien. „Schöne neue Welt“ wird in diversen Listen zu den wichtigsten Romanen des 20. Jahrhunderts gezählt.

Man kann sich trefflich darüber streiten, ob es sich bei dieser schönen neuen Welt um eine Dystopie handelt oder nicht. Immerhin ist in ihr das Wohlbefinden, die „Happiness“ der Menschheit insgesamt optimiert – was will man mehr? Genau das, was man heute an Bhutan so bewundert, dass Glück zum Staatsziel wird, hier ist es realisiert! Spätestens seit Hume ist genau dieses Wohlbefinden schließlich das Lebensziel des Menschen – siehe den Blogbeitrag zu „Power, pleasure and profit“.

Klar, dass dabei nicht zugleich das Glück jedes Individuums auch maximal gesteigert werden kann, irgendwo braucht es Kompromisse. Aber alle haben das, was die meisten wollen: Es wird gearbeitet (zu wenig Arbeit ist nicht günstig für das Glücklichsein), alle körperlichen Bedürfnisse sind immer befriedigt, Krankheiten sind passé, auch das Altern ist vorbei (auch wenn man mit ca. 60 Jahren stirbt). Und für die Seele gibt es Feelys, Violent Passion Surrogates und mit Soma sogar eine Droge ohne Reue. Damit kein Beziehungsstress aufkommt, sind intensive Beziehungen nicht vorgesehen – also gibt es auch keinen Liebeskummer. Alles bestens also. Mehr Glück geht nicht.

Und doch, letztlich argumentiert Huxley gegen diesen Lebensentwurf.

Glück kann nicht der Lebenszweck an sich sein. Man kann und darf nicht zu seinem Glück gezwungen werden. Einer seiner Romanhelden, der sogenannte „Wilde“ John, ist da ganz klar:
„‚But I don’t want comfort. I want God, I want poetry, I want real danger, I want freedom, I want goodness, I want sin.‘
‚In fact,‘ said Mustapha Mond, ‚you’re claiming the right to be unhappy.‘
‚All right, then,‘ said the Savage defiantly, ‚I’m claiming the right to be unhappy.‘
‚Not to mention the right to grow old and ugly and impotent; the right to have syphilis and cancer; the right to have too little to eat; the right to be lousy; the right to live in constant apprehension of what may happen tomorrow; the right to catch typhoid; the right to be tortured by unspeakable pains of every kind.‘
There was a long silence.
‚I claim them all,‘ said the Savage at last.
Mustapha Mond shrugged his shoulders. ‚You’re welcome,‘ he said.

Sehr bezeichnend, dass Huxley, um überhaupt einen Roman über diese neue Welt schreiben zu können, Personen braucht, bei denen bei ihrer Konditionierung etwas schief gegangen ist oder die als Weltcontroller letztlich die Macht haben. Seine Hauptpersonen sind durchweg Individuen, Menschen mit eigener Persönlichkeit und eigenem Wollen. Über und mit Retortenmenschen lässt sich kein Roman schreiben. Alles langweilig:
„Actual happiness always looks pretty squalid in comparison with the over-compensations for misery. And, of course, stability isn’t nearly so spectacular as instability. And being contented has none of the glamour of a good fight against misfortune, none of the picturesqueness of a struggle with temptation, or a fatal overthrow by passion or doubt. Happiness is never grand.“

Aber auch für solche Individuen, denen das Glück nicht reicht oder bei denen etwas schiefgegangen ist, ist vorgesorgt: Sie dürfen auf eine Insel, mit den anderen ihresgleichen.

Aber dann wird’s da doch ziemlich eng, oder?

„It’s lucky,‘ he added, after a pause, ‚that there are such a lot of islands in the world.“

Also doch keine Dystopie!?!

Johnson’s life of London. Boris Johnson

Boris Johnson ist aktuell einer der Politiker, über die viel gesprochen und viel geschrieben wird. Die Wettbüros handeln ihn mit deutlichem Abstand als Favoriten für die Position des Partei- und Regierungschefs der Konservativen in Großbritannien. Er hat ganz ausgeprägte Fans und ganz ausgeprägte Gegner. Nur kalt lassen tut er anscheinend wenige. Hier bei uns in Deutschland scheint mir die veröffentlichte Meinung überwiegend kritisch oder negativ. Er sei zwar kein Donald Trump, gehöre aber in dieselbe Schublade populistischer, verantwortungsloser, gefährlicher Politiker. Ihm gehe es nicht um Großbritannien, auch nicht um seine Partei, sondern zu allererst um sich selbst.
Brexit: Hardliner Boris Johnson will Zahlung an die EU zurückhaltenMay's Brexit deal has reached the end of the road: Boris Johnson ...Thank Fucking God Boris Johnson Is NOT Going To Run For Prime ...

Da ich zufällig ein bereits gelesenes (immerhin!) Buch von ihm entdeckt habe, wollte ich mir selbst ein Urteil bilden. Sein Thema: London. Erschienen: 2011. Damals war Boris Johnson Bürgermeister dieser Stadt. Gestern habe ich die letzte Seite dieses Buchs über London und Menschen, die diese Stadt geprägt haben, fertig gelesen. Heute also mein Beitrag.

Zunächst – wer sich intensiv mit Boris Johnson beschäftigt, wird’s ahnen – eine Ungeschicklichkeit meinerseits: Dieser Beitrag erscheint etwas zu früh.

Wenn ich noch bis zum 19. Juni hätte warten wollen, wäre es ein Geburtstagsbeitrag geworden, denn an diesem Tag des Jahres 1964 wurde Alexander Boris de Pfeffel Johnson in Manhattan/New York geboren. Dass er damit auch die amerikanische Staatsbürgerschaft hat, war mir neu. Ebenfalls neu für mich, dass er nicht nur in Eton zur Schule und in Oxford zur Universität ging, sondern auch die European School in Brüssel besucht hat. Insgesamt war sein Leben bisher in etwa so wild wie seine Frisur ungekämmt.

Buchtitel und Einband haben zunächst einmal meine durch die Medien geprägten Vorurteile bestätigt (gelesen habe ich die Nummer drei).
Johnson's Life Of London: The People Who Made The City That Made ...Johnson's Life of London: The People Who Made the City that Made ...Johnson's Life of London..., by Boris Johnson - review | London ...

  • Mit dem Titel „Johnson’s life of London“ rückt sich Johnson in die Tradition von James Boswell und Samuel Johnson (Boswell schrieb „Boswell’s life of Johnson“). Bescheiden ist das nicht, denn Samuel Johnson ist eine der intellektuellen und kulturellen Größen der englischen Vergangenheit.
  • Abgebildet auf dem Einband ein Fahrrad mit 16 Sitzen und 15 Fahrradfahrern: Im Buch beschäftigt sich Boris Johnson mit mehr als 14 Personen, nicht alle haben es also aufs Fahrrad geschafft – die Nummer 15 ist er selbst, natürlich ganz vorne. Hier lenkt der Chef, mit grünen Socken, lila Krawatte und dazu passendem Jacket-Innenfutter. Auch hier also keine übertriebene Zurückhaltung Johnsons.

Das Buch selbst hat mich aber dann doch überrascht. Ich habe es sehr gerne und mit Genuß gelesen. Die Gründe?

  • Die Auswahl der Personen kombiniert die üblichen Verdächtigen wie Chaucer, Shakespeare oder Churchill mit überraschenden Namen wie Keith Richards, William Turner oder William Stead (schon einmal etwas über ihn gehört?).
  • Johnson schreibt wohl-recherchiert. An der einen oder anderen Stelle meinte ich, ihn bei falschen Fakten ertappen zu können. Leider hatte er jeweils recht, ich nicht.
  • Nicht umsonst war Johnson Präsident der Oxford Union. Er kann zweifellos schreiben, flüssig, intelligent, spannend, lebendig, anregend, charmant und humorvoll. Sowohl aufgeblasen wie unprätentiös. Sein Englisch-Buch kennt viele Worte, für die man im Oxford English Dictionary nicht viele Belege findet.
  • Die Eitelkeit Johnsons wird schon immer wieder deutlich, aber letztlich viel weniger als erwartet, eher als „ich war dabei“ statt „ich hab’s geleistet“. Auch Belege für Rassismus oder Antisemitismus, die ihm gelegentlich vorgeworfen werden, habe ich nicht gefunden, auch wenn er sicherlich den einen oder anderen Vorbehalt zum Beispiel gegenüber Deutschland zu haben scheint.

Zwei Aspekte zusätzlich: Johnson und der Populismus – und natürlich Johnson und der Brexit.
I cannot stress too much that Britain is part of Europe – and ...

Zuerst der Populismus, anhand einer Passage zu John Wilkes, einem ebenfalls unter Populismus-Verdacht stehenden Briten des 18. Jahrhunderts:
„I have a terrible feeling that as a fifteen-year old I wrote a pompous essay on Wilkes (…). Thankfully the document has been lost, but the gist was that Wilkes was a berk, a second-rate chancer, an opportunist, an unprincipled demagogue who floated like a glittering bubble on a wave of popular sentiment that he did not really share. It may be that in some places that is still the conventional opinion.
If so, it is wrong. It is not just that I have come to admire Wilkes for his courage and his dynamism and his boundless animal spirits. Any sober assessment of his work confirms that he really was as his adoring crowds saw him – the father of civil liberty. He not only secured the right of newspapers to report the proceedings of the House of Commons, he was the first man to stand up in Parliament and urge explicitly that all adult males – rich or poor – should be allowed to vote.“

Und Brexit? Hierzu eine Passage aus dem Shakespeare-Kapitel zur Schlacht zwischen England und Frankreich bei Agincourt unter Heinrich V. und zur spanischen Armada:
„If the Spanish tried to invade again, they would find a nation prepared to defeat overwhelmingly more numerous foes – just as the English had done at Agincourt. ‚We few, we happy few! We band of brothers!‘ says the king on the eve of the battle, setting up an English idea of the heroic ratio – few against many – that was to serve England well through the Napoleonic period and into the Second World War.“

Unterschätzen sollte man Johnson nicht. Wer sein Kapitel über Winston Churchill liest, kennt sein politisches Vorbild. Gut, wenn er das Richtige will, denn er kennt viele Mittel für seine Zwecke. Und immer gut für einen Scherz und das passende Foto. Mit Theresa May nicht zu vergleichen.
Life's Work: An Interview with Boris Johnson