Medusa – Die schreckliche Schöne. David Leeming

Ein Buch über den Mythos von Medusa und seine Rezeptionsgeschichte bis in unsere Zeit. Das kann nur ein interessantes Buch sein. Dachte ich. Aber es geht auch anders…

Leeming erzählt den antiken Mythos zunächst nach und erklärt dann Medusas Stammbaum. Beides kann man gut auch in dem Nachschlagewerk zur Antike, dem Kleinen Pauli, haben oder ganz einfach im Wikipedia-Artikel.

Bildergebnis für perseus Medusa

Inhalt von „Medusa“

  • Der Mythos
  • Medusas Stammbaum
  • Medusa im Mittelalter und in der Renaissance
  • Medusa in der Romantik und im viktorianischen Zeitalter
  • Medusa im Zeitalter des Realismus
  • Die moderne intellektuelle Medusa
  • Die feministische Medusa
  • Medusa, eine zeitgenössische Ikone
  • Mythos als Traum
  • Wer ist Medusa?

Leseprobe

An dieser Aufzählung ist prima, dass man ablesen kann, welche Themenfelder und thematischen Deutungsmuster es so etwa gibt. Am interessantesten ist das letzte zusammenfassende Kapitel „Wer ist Medusa?“. Zitat: „Ohne Perseus ist Medusa lediglich eines von vielen archaischen Ungeheuern der gaianischen Zeit. Erst mit Perseus erlangt sie ihre eigene Geltung und damit auch Bedeutung für uns – sie wird zu einem Teil unseres Seelenlebens. Es ist Perseus, mit dem wir uns bei der Verfolgung seines Ziels identifizieren. Wir können seine Suche (…) mit unserem eigenen Gang durchs Leben oder durch einen psychologischen Wachstumsprozess in Verbindung bringen. Um eine Beziehung zu Medusa herzustellen, brauchen wir Perseus. Medusa ist lediglich das unmittelbare Ziel der Suche des Perseus.“ …vielleicht liegt es an der Übersetzung aus dem Amerikanischen…

Bewertung des Buchs

Ermüdend ist der alles andere als schwungvolle Stil des Autors. Ärgerlich ist jedoch der durchgängige Mangel an explizit benannten Auswahl-Kriterien. Ich hätte mir gewünscht, besser verstehen zu können, warum Leeming Kunstwerke, Autoren und Zitate ausgewählt hat für seine Darstellung. Sind dies die Repräsentanten für eine bestimmte Zeit oder Denkschule? Waren dies die Meinungsbildner? Waren es Vordenker oder diejenigen, die den Zeitgeschmack zusammengefasst haben? Ein richtig gutes Buch hätte außerdem die Leistung vollbracht, die Gründe für die Medusa-Rezeption im jeweiligen gesellschaftlichen Kontext darzulegen. Auf mich wirkt das Buch wie eine schnell geschriebene Sammlung von Exzerpten.

Hier noch ein hilfreicher Hinweis: Das Buch von Leeming hat eine gute Bibliografie, die Quellen sowie eine Fülle von Sekundärliteratur umfasst. Vielleicht finden Leserinnen und Leser, die mehr über Medusa wissen möchten, hier das Geeignete….

Cuentos hispanoamericanos. Hrsg. von Monika Ferraris

Als ich diesen bei Reclam in der Reihe „Fremdsprachentexte“ erschienenen Band mit Erzählungen hispano-amerikanischer Autoren gesehen habe, habe ich mich gefreut. Immerhin hatte ich von einigen der Autoren bereits gehört und sogar zum Teil schon etwas von Ihnen gelesen. Gabriel García Márquez, Mario Vargas Llosa und Isabel Allende zählen ja auch in Deutschland zu den geläufigeren und umfassend übersetzten Autoren.
Andererseits gab es auch einige vollständig unbeschriebene Blätter: Horacio Quiroga oder Alejo Carpentier beispielsweise sind mir vorher noch nicht begegnet.

Also habe ich mich ans Lesen gemacht und wieder einmal die Vorteile dieser Fremdsprachentexte genossen, bei denen die etwas obskureren spanischen Vokabeln jeweils in der Fußzeile erklärt werden. Mit passablen Spanisch-Vorkenntnissen kommt man recht flüssig voran. Die Sprache stellt sich dem Lesevergnügen nicht in den Weg – im Gegenteil, das Lesen im Original macht deutlich, wie wenig adäquat oft Übersetzungen sind.

Neben den Vokabelhilfen bewährt sich auch der Anhang mit kurzen biographischen und bibliographischen Darstellungen zu den einzelnen Autoren, die allesamt vor allem im 20. Jahrhundert geschrieben haben.

Die Erzählung, die mich am meisten überrascht hat, stammt von Carlos Fuentes und erschien 1954 in seinem Buch „Los días enmascarados“. Der Titel der Erzählung – Chac Mool – bezieht sich auf einen Typus präkolumbianischer mittelamerikanischer Skulptur:

Der Erzähler beschreibt in seinem Tagebuch die Erlebnisse mit einem solchen Chac Mool, den er selber gekauft hat. Ziemlich unheimlich, sehr spannend. Folgerichtig der Schluss-Satz:
„Dígale a los hombres que lleven el cadáver al sótano.“

Und wenn wir schon bei Gruselgeschichten sind: „El almohadón de pluma“ von Horacio Quiroga kann da sehr gut mithalten…:
„Murió, por fin. La sirvienta, que entró después a deshacer la cama, sola ya, miró un rato extrañada el almohadón.
– ¡Señor! – llamó a Jordán en voz baja -. En el almohadón hay manchas que parecen de sangre.“
Sieht man dem Autoren allerdings auch an…
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Warum hasst ihr uns so? Mona Eltahawy

Der Untertitel sagt besser, worum es geht: „Für die sexuelle Revolution der Frauen in der islamischen Welt“. Allerdings ist der Originaltitel besser und weniger reißerisch: „Headscarves and Hymens. Why the Middle East Needs a Sexual Revolution“.

Das Buch von Mona Eltahawy enthält eine Vielzahl belastender Themen in unaufgeregter Sprache. Die Argumentation der Autorin ist sehr nachvollziehbar in ihrer Klarheit.

Inhalte von „Warum hasst ihr uns so?“

Eltahawy schildert anhand vieler Beispiele, wie im Nahen Osten Frauen als Personen im öffentlichen Leben zurückgedrängt und in der Wahrnehmung der Gesellschaften auf „Jungfernhäutchen“ und „Schleier“ reduziert werden. Beide – so Eltahawy – Symbole für die mangelnde Freiheit, Selbstbestimmung und Gleichberechtigung von Frauen in diesen Ländern. Die Themen ihres Buchs sind

  • Einführung zur Verknüpfung von Religion, Sexualität und Frauenfeindlichkeit in „Warum sie uns hassen“
  • Zur Rolle von Frauen in den Revolutionen der vergangenen Jahre in „Schwarzer Schleier, weiße Flagge“
  • Alltäglichkeit häuslicher Gewalt in „Die erhobene Hand“
  • Unterdrückung weiblicher Sexualität in „Der Gott der Jungfräulichkeit“
  • Erziehung, Erwartungen der Familien und Alltag von Frauen in Ländern des Nahen Ostens in „Zu Hause“
  • Beispiele von Unterdrückung und Aufbegehren dagegen in „Wege durch die Wüste“
  • Biografischer Rahmen, Unterstützung durch andere Frauen in „Sprich für dich“

Inhaltliche Aussagen

Eltahawy schildert, wie Frauen in der islamischen Welt darin gehindert werden, ein selbst bestimmtes Leben zu führen. Wie sie täglich die Zielscheibe von verbaler und körperlicher Gewalt werden, die von ihren Gesellschaften als angemessen akzeptiert wird. Die Autorin begründet dies mit tiefliegender Frauenfeindlichkeit einerseits und mit dem kulturell perfektionierten Trick, Opfer zu Schuldigen zu machen.

Wenig Verständnis zeigt Eltahawy für westliche Kommentatoren, die das Argument der „Kultur“ nutzen, um nicht allzu genau sein zu müssen. So werden Menschenrechte wie das Recht auf körperliche Unversehrtheit und das Recht auf Selbstbestimmung relativiert. Plötzlich sollen sie nicht mehr gelten für Frauen in der islamischen Welt. Sie plädiert für Klarheit, die nicht durch scheinbare kulturelle Toleranz getrübt ist: Auch die Tötung einer Frau aus der islamischen Welt ist Mord, auch die Schläge ihres Mannes sind Gewalt.

Die Sprache, in welcher über kulturelle Besonderheiten gesprochen wird, kritisiert sie als verschleiernd:

  • Beispiel 1: Im öffentlichen Diskurs wird häufig das Wort „Kinderhochzeit“ benutzt. Statt den rechtlichen Tatbestand zu benennen als sexualisierte Gewalt gegen  Kinder, Vergewaltigung und Pädophilie.
  • Beispiel 2: Immer noch wird beschönigend über „Beschneidung von Mädchen“ gesprochen, statt über weibliche Genitalverstümmelung.

Die Autorin

Mona Eltahawy ist eine ägyptisch-US-amerikanische Journalistin. Sie beschreibt sich als eine säkulare radikale feministische Muslimin. Im Zentrum Eltahawys journalistischer Arbeit steht die Kritik an der Misogynie in der arabischen Welt: „Wir müssen eine Verbindung ziehen zwischen häuslicher Gewalt, Vergewaltigung in der Ehe, weiblicher Genitalverstümmelung und sexueller Gewalt auf der Straße und all diese Dinge beim Namen nennen, nämlich als Verbrechen gegen Frauen. (…) Es ist Zeit für eine Abrechnung mit unserer Kultur und Religion, mit unseren Militärführern und Islamisten – den zwei Seiten derselben Medaille.“

Und sie fliegt doch. Dave Goulson

Diese „Kurze Geschichte der Hummel“ ist ein Buch voller Geschichten, Anekdoten, Naturbeobachtungen und wissenschaftlichem Wissen über die Hummel.

Das Wichtigste: es ist ein unterhaltsames, sehr gut lesbares Buch, ganz in der Tradition bester britischer Sachbücher.

Das Zweitwichtigste: Jede Leserin und jeder Leser sollte sofort den eigenen Garten durch Hummel-freundliche Pflanzen bereichern, um auf diese Weise den Hummeln Nahrung zu bieten und ihr Aussterben zu verhindern.

Das Aussterben der Hummeln

Seit dem Ende des 2. Weltkriegs sind viele Hummelarten auf der Welt seltener geworden oder verschwunden. Das ist unglücklich, da Hummeln zusammen mit Schmetterlingen viele unserer Nutzpflanzen bestäuben. Da jedoch die Wildblumen-Wiesen in Europa immer weniger geworden sind, fehlt den Hummeln die Nahrung. Hummeln brauchen mehrere Tausend Blüten pro Tag während des Hummel-Sommers. Ihre Hauptnahrungsquelle sind Wildblumen, die auf Magerwiesen spezialisiert sind. Keine Magerwiesen, keine Wildblumen, keine Hummeln, keine Bestäubung.

Inhalte von „Und sie fliegt doch“

Das Buch von Dave Goulson erzählt von der Evolution und der Lebensweise von Hummeln, ihrer Genetik und Fortpflanzung, Krankheiten und Parasiten und beschreibt das Hummeljahr. Eingestreute Berichte von seinen Forschungsprojekten verdeutlichen, wie wenig wir über die Hummel wissen. Auf jeder der 311 Seiten des Buchs wird die ungeheure Faszination deutlich, die Goulson von Kind an für Hummeln verspürt hat. Besprechung durch „Spektrum“ hier.

Heute hat sich – so der Autor – weltweit die kommerzielle Besteubung von Nutzpflanzen in großem Stil durch gezüchtete Hummelvölker durchgesetzt: „Wenn Sie das nächste Mal Heinz Tomatenketchup auf Ihre Portion Pommes spritzen, denken Sie einmal über das Wesen der modernen Welt nach. Ihr Ketchup wurde höchstwahrscheinlich in den Niederlanden hergestellt und zwar aus spanischen Tomaten; die Bestäubung fand durch türkische Hummeln statt, die ihrerseits in einem Betrieb in der Slovakei gezüchtet wurden. (…) Denken Sie vielleicht auch einmal daran, dass jede von Ihnen verzehrte Gurke, Aubergine, Stangenbohne, schwarze Johannisbeere und Paprika von einer Hummel bestäubt wurde.“

Pflanzen für Hummeln

Die Blüten von Weißdorn, Brombeeren und Raps locken die kleinsten Hummelarten an; die Blüten von Skabiosen-Flockenblumen und Ackerbohnen die größten. Weiß- und Rotklee, Natternkopf, Lavendel, Beinwell, Stockrose und Lupine finden Hummeln generell attraktiv. Nach der Winterruhe sind Salweiden für Hummeln eine wichtige Nahrungsquelle. Wer viel Platz hat, kann und sollte eine Wildblumenwiese anlegen, die nur einmal im Jahr gemäht und nicht gedüngt wird. Bei Kräuterallerlei und im NRD-Ratgeber finden sich Informationen zu Pflanzen, die Hummeln lieben.

Außerdem wurde durch Goulson ein Verein ins Leben gerufen, der es sich zur Aufgabe macht, Großbritannien zu einem Hummel-freundlicheren Land zu machen; der Bumblebee Conservation Trust, BBCT.

Ich habe keine Feinde, ich kenne keinen Hass. Liu Xiaobo

Vor wenigen Tagen ist der chinesische Dissident und Friedensnobelpreisträger Liu Xiaobo gestorben. Dies habe ich zum Anlass genommen, diesen Band mit ausgewählten Schriften und Gedichten zu lesen, der erstmals 2011 erschienen ist.

Liu Xiaobo, geboren 1955, war einer der Protagonisten der Studentenproteste auf dem Tiananmen-Platz von 1989. Im Jahr 2008 verfasste er mit anderen gemeinsam die Charta 08, in der unter anderem Demokratie, Rechtsstaat, Meinungsfreiheit für China gefordert werden. Daraufhin wurde er verhaftet, ein Jahr später zu elf Jahren Gefängnis verurteilt und starb jetzt an einer Krebserkrankung. Der Friedensnobelpreis wurde ihm 2010 verliehen. Eine Entgegennahme des Preises wurde vom chinesischen Staat verhindert.

Was ich gelesen habe, hat mich sehr beeindruckt, auch die Gedichte, von denen ich vorher nicht einmal wusste, dass er welche geschrieben hat. Liu war sehr deutlich und klar und auf den Punkt, in seiner Kritik am aktuellen chinesischen politischen System und der herrschenden materialistischen Kultur, in seinen Zielvorstellungen, in seiner Gewaltfreiheit, in der Zurücknahme seiner eigenen Person, auch in einer gewissen Bescheidenheit. Dabei neigt er deutlich dazu, Negatives zu betonen, ist also – wie er auch selbst sagt – nicht ausgewogen und emotional. Differenziert ist er allerdings, sehr gebildet, sehr intelligent, nicht naiv, nicht zynisch, sondern freundlich, beharrlich, bereit für die Konsequenzen dessen, was er für richtig und notwendig hält. Dass ihn die chinesische Regierung und die chinesischen Behörden als Gefahr einstuften, ist leicht nachzuvollziehen.

Die Schriften umfassen ein weites Feld: Politik, Kultur, auch dokumentarische Schriften wie die Ankündigung des Hungerstreiks 1989, die Charta 08, seine Verteidigung vor Gericht, das Urteil gegen ihn. Und eben auch Gedichte, vor Allem an seine Frau. Hieraus aus ein Zitat:
„Liebe
schließ dich nicht zu
du sollst nicht allein
der Verlierer Verzweiflung beneiden
öffne die Tür
nimm auch mich als Verlierer
mach mich
zum traurigen Grund weiterzuleben
lass den stillen Rauch deiner Zigarette
zwischen uns steigen“

Textkünste: Buchrevolution um 1500. Hrsg. von Ulrich Johannes Schneider

„Buchrevolution um 1500“: ein ausgesprochen aktuelles Thema, natürlich nicht wegen der Jahreszahl 1500, sondern wegen der aktuellen Buchrevolution rund ums digitalisierte Lesen. Erster Blick ins Buch: prima, offensichtlich keine Kosten und Mühen gescheut. Das Impressum verrät: erschienen 2016, also sogar obendrein ganz frisch und zeitgenössisch. Das wird bestimmt gut.

Allerdings ist das Buch als Ausstellungskatalog und -begleitung unter der Ägide der Wissenschaftlichen Buchgesellschaft und zweier Universitäten, Leipzig und Lyon, entstanden. Beginnende Skepsis. Wahrscheinlich doch so ein verstaubtes Elaborat deutschen universitären Schreibens. Da springt sofort eine Rezension in der Neuen Rundschau in die Bresche, endend mit: „Ein – zu guter Letzt – Wort an die Adresse der Stiftung Buchkunst: Das hier gehört zu den schönsten Büchern des Jahres! Es sollte unbedingt von Ihnen prämiert werden“.

Also, wie fand ich das Buch?
Fazit nach dem Lesen:
Das Thema ist so spannend und interessant, wie die Innengestaltung des Buchs aufwändig und gelungen ist. Die Texte des Buches sind so uninspiriert wie der Einband. Maximal.

Anfangs orientierte sich die Seitengestaltung von gedruckten Büchern am Erscheinungsbild von Handschriften. Zum Teil wurden sogar auch farbige Initialen ergänzt. Mitunter wurde auf Pergament gedruckt. Besser lesbar als Handschriften waren die Drucke (besonders für alternde Leser mit schwächeren Augen), günstiger in der Verbreitung, einfacher zu korrigieren.

Nachteile hatte der Buchdruck leider auch: Die Berufe der Schreiber und Illuminatoren begannen auszusterben. Unikate wurden durch „Massen“-Produkte ersetzt. Die Flexibilität des Schreibers zu sehr aufwändigen und filigranen Seitengestaltungen tat sich schwer gegen die ökonomischen Vereinfachungstendenzen der Buchdruckereien.

Aus der Fülle der Entwicklungen im ersten Jahrhundert des Buchdrucks greift „Textkunst“ einige wenige Themen heraus, vor allem die Gestaltung von Absätzen und Überschriften sowie die Einbindung von Illustrationen. Interessant sind dabei einige Beobachtungen wie die überraschend späte Erfindung von Seitenzahl und Titelblatt.

Ausgezeichnet und zahlreich sind die illustrativen Reproduktionen aus frühen gedruckten Büchern. Schade, dass ich die Ausstellung in Leipzig verpasst habe.

Aber vor allem schade, dass in so gut wie keinem der Aufsätze des Buches ein revolutionärer Funken überspringen mag. Beschreibend, betulich, vorsichtig, relativierend, fremdwortverliebt, satzbau-ungetümlich. Fast gänzlich ohne roten Faden, ohne Einordnung in den größeren historisch-kulturellen Kontext, ohne faszinierende Anekdoten über einzelne bahnbrechende Druckereien, ohne Blick auf das Ganze. Das Vorurteil sieht sich bestätigt: Faszinierend zu schreiben lernen deutsche Wissenschaftler nicht. Fans gewinnt man anders.

Trotzdem: Wegen des ausgezeichneten Bildmaterials ist das Buch nützlich – ein Hauch von Empfehlung.

 

Whistler and his Mother. Sarah Walden

Der Maler James McNeill Whistler (1834-1903) hätte niemals auch nur geahnt, dass eines seiner Werke zum bekanntesten Bild in Amerika werden würde, gewürdigt von einem breiten Publikum und abgebildet auf einer Briefmarke. Gewollt hätte er das wohl in dieser Weise auch nicht.

Die Briefmarke zeigt das Bild von Whistlers Mutter leicht vereinfacht: da sitzt sie und schaut nach links. Ins Leere. Dieses Schauen ins Leere war vermutlich für die Grafiker der Briefmarke derart unerträglich, dass diese am linken Briefmarkenrand eine Vase mit Blumen dazu erfanden.

Was war nun mit der Leere, der Berühmtheit und mit Whistlers „Mutter“ überhaupt?

In ihrem Buch beschreibt Walden den Künstler als brillianten Eklektizisten, der sich – ohne besonders intellektuell oder gebildet zu sein – aus den verschiedensten Quellen Anregungen holte und diese zu einem neuen hamonischen Ganzen verarbeitete. Sie beschreibt ihn auch als einen schlechten Handwerker, der die technischen, materiellen Grundlagen von Malerei kaum beherrschte. Hierzu ist Walden besonders autorisiert, da sie es war, die das Bild der Mutter für den Louvre aufwändig restaurierte.

Whistlers Bild gelangt nach seinem Tod  zu ungeheurer Berühmtheit in den USA, da es als die Quintessenz von Mutterliebe, Patriotismus und amerikanischem Protestantismus gesehen wurde. Es hing endlos reproduziert in amerikanischen Wohnungen, fand später – bis heute – seinen Weg auf Postkarten, T-Shirts und in Comics. Zu dieser Zeit war das Bild stark gelblich verfärbt und besaß eine weiche, warme Ausstrahlung.

Was Whistler wollte

Der originale Titel des Bildes gibt einen Hinweis darauf, was Whistler gewollt haben könnte: nicht „Mother“ hieß es, Whistler nannte sein Bild „Arrangement in Grey and Black“. Die rauhe Textur der Leinwand, die tiefen flüssigen Schwarztöne in Kombination mit Blau und Weiß, die unbestimmten Umrisse waren ihm wichtig. In einigen Aspekten wie der Komposition und der Suche nach tintigem, tiefem, weichem Schwarz ließ er sich durch japanische Kunst anregen. Das Bild war laut Walden ganz und gar anders als es damalige Sehgewohnheiten erwarteten. Nüchtern, kalt und vibrierend und vor allem erschreckend modern.

Die Such nach dem Original

Sarah Walden beschreibt wie Whistler mit unsicheren Malmethoden experimentierte, um den gewünschten Effekt zu erzielen. Wie sich bereits kurz nach der Fertigstellung 1871 die Wirkung der Farben veränderte und Whistler immer wieder neue Farbaufträge ergänzte, die die ursprüngliche Oberfläche veränderten. Nachdem Frankreich das Bild gekauft hatte, ließ Whistler es neu rahmen. Danach wurde die Oberfläche durch Hitze geglättet. Der hierdurch ausgelöste chemische Prozess bewirkte die Verbindung von Originalfarbe und Übermalungen. Unumkehrbar. Walden skizziert in ihrem Buch die Überlegungen dazu, wie viel oder wie wenig eine Restauratorin leisten kann, damit möglichst viel von demjenigen erhalten werden kann, was ein Künstler intendiert hatte. Und Restauratoren nicht ein völlig neues Bild erschaffen mit neuer Farbe und einer neuen Wirkung auf die Betrachtenden, die ursprünglich nicht beabsichtigt war.

Der Klappentext: „James McNeill Whistler was the most flamboyant and controversial painter of his generation. Oscar Wilde, Proust, Monet and Manet belonged to his circle of friends (…). With his mistresses, quick wit and flawed genius, he let a chaotic life. He turned out his long-standing girlfriend when his mother came from America to live with him in Chelsea. (…) Then suddenly, from this uneasy co-habitation a touching masterpiece appeared. Alongside Leonardo´s Mona Lisa and Botticelli´s Birth of Venus it became one of the best known female images in the world.“

The most perfect thing: inside (and outside) a bird’s egg. Tim Birkhead

Was für ein faszinierendes Buch über etwas so Alltägliches wie das Vogel-Ei!

Birkhead hatte bei mir als Autor ohnehin bereits ein sehr gutes Image, unter Anderem wegen seines Buchs über die Sinneswahrnehmungen der Vögel.

In seinem 2016 erschienenen Buch über Eier bestätigt er dies. Wiederum eine sehr gelungene Kombination aus Erfahrungsberichten (eigene und die anderer mit Vögeln Beschäftigter), Wissenschaftsgeschichte, Anekdoten, Ei-Anatomie. Gekonnt verwoben mit den beiden roten Fäden vom Äußeren ins Innere des Eis, vom Entstehen des Eis bis zum Schlüpfen des Kükens.

Man erfährt und lernt erstaunlich viel: Wie, wann und wo die Farbe aufs Ei kommt – wofür die Farbe überhaupt gut ist – wie die Eier vor mikrobiellem Befall geschützt werden – warum es so unterschiedliche Formen von Eiern gibt – wie es gelingt, Eier zur Entwicklung zu bringen bei -50° C (Antarktis!) bis +50° C (Wüste!) – woher die Vögel den Kalk für die Eierschale bekommen – wie Küken im Ei atmen – wie sie mit Wasser versorgt werden – warum die Eier eines Geleges etwa zur selben Zeit schlüpfen, obwohl sie über mehrere Tage gelegt werden undundund.
Birkhead schreibt:
„The developing embryo is protected from the outside world by the egg’s hard chalky shell, but the shell also creates a connection with that world. How do you make a structure that keeps microbial aliens out, but at the same time allows the embryo inside to breathe; a shell that is strong enough to withstand the full weight of an incubating parent but weak enough to allow the chick to eventually break free? Evolution has done a fine job of devising ‚a self-contained life support system‘ – what is essentially an external placenta and premature baby unit.“

Tatsächlich und uneingeschränkt eine ganz dicke Empfehlung für ein überzeugendes, spannendes, informatives und überaus lesbares Buch.

Die autoritäre Revolte – Die neue Rechte und der Untergang des Abendlandes. Volker Weiß

In diesem Buch geht es um die Fragen

  • Was ist die „neue“ Rechte in Deutschland?
  • Wodurch unterscheidet sie sich von der „alten“ Rechten?
  • Welches sind die handelnden Personen?
  • Welche weltanschaulichen Positionen vertritt die „neue“ Rechte?

Volker Weiß zeigt in seinem Buch die Entwicklung des rechten Denkens in Deutschland und arbeitet hierbei auch die aktuellen Strategien und Methoden der rechtspopulistischen Bewegungen heraus. „Ein aufklärerisches Buch, das die Dürftigkeit der neuen Bewegungen schonungslos entlarvt“, so der Klappentaxt. Das Buch ist gut verständlich, in Teilen packend geschrieben. Es unterstellt nur hin und wieder ein großes Vorwissen über die rechte Szene; an diesen Stellen wird die Nachvollziehbarkeit im Detail etwas erschwert.

Aussagen

Dreh- und Angelpunkt ist aus Sicht Weiß‘, ob weltanschaulich universale Grundrechte wie die Gleichheit der Menschen angenommen werden oder die fundamentale Verschiedenheit zu Grunde gelegt wird. Nach seinen Ausführungen sind demokratische, westliche Gesellschaften durch Ersteres geprägt, während rechte Weltanschauungen Ungleichheit ins Zentrum ihrer Argumentation rücken. Die Kombination von „Boden“, „Volk“ und daraus „natürlich“ erwachsender „Kultur“ bildet die rechte  Argumentationsbasis. Weiß leitet aus diesem Befund ab, wie zwiespältig die Haltung der rechten Szene zum Islam ist, der in Form von Einwanderern nach Deutschland bekämpft wird, jedoch im Rahmen von martialischen Männlichkeitsphantasien durchaus auch bewundert wird. Demnach, so Weiß‘ Fazit, ist der echte Feind der Rechten heute der Westen als Verfechter universeller Menschenrechte: „Angewand auf die doppelte Frontlage, in der sich die gesamte deutsche Rechte wähnt, bedeutet das: Die moralische Vernichtung der „eigenen“ Kultur haben die Deutschen nicht durch islamische Einwanderer erlitten. Diese sind vielmehr nur eine Folge der Niederlage, die der „Amerikanismus“ 1945 dem Reich des „Eigenen“ bereitete und mit dem Kulturwandel von 1968ff. besiegelte.“

Deutlich schildert Volker Weiß in seinem Buch die gewaltverherrlichenden und frauenfeindlichen Vorstellungen am rechten Rand der Rechten. Dem Mann der Gegenwart, so deren Position, drohe die doppelte Entfremdung: zunächst durch die Zivilisation von seinen natürlichen Eigenschaften als Rudelmitglied und anschließend durch die zivilisationsgestärkte Frau von seinen natürlichen Eigenschaften als Mann: „Die sicherste Art zu Überleben böte eine loyale Kampfgemeinsachft in Form einer „Gang“. (…) Am besten sei es, in diesen autonomen Kleinstordnungen schon jetzt die noch herrschenden zivilisatorischen Normen außer Kraft zu setzen (…). Dies betrifft vor allem die Gleichberechtigung der Geschlechter, in der Donovan (Vertreter eines hypermaskulinen Neotribalismus und neuen Barbarentums) ohnehin nur Angriffe auf männliche Grundrechte sieht: „die Natur ist eben ungerecht“.“

Buch-Kapitel in „Die autoritäre Revolte“

  • Die „Neue Rechte“ – Eine Familienaufstellung
  • Armin Mohler – Die Erfindung der Tradition
  • Der Weg zur AfD – Die Sammlung der Kräfte
  • Provokationen von rechts – Politik des Spektakels
  • Konservativ-Subversive Aktionen – Vom Geist auf die Straße
  • Untergang und Rettung – Aufstand des „geheimen Deutschland“
  • „Abendland“ – Kurze Geschichte eines Mythos
  • Der Feind in Raum und Gestalt – Islam, Amerika und Universalismus
  • Vom „Wahrheitskern“ neurechter Politik – Autoritärer Populismus

Weiterführende Links

Das Buch verfügt über ein vielfältiges Quellen-Register und eine umfangreiche Bibliografie, beide enthalten Einträge zur AfD, zu Pegida und zur Identitären Bewegung.

Südafrika: Cape Dutch Homesteads. David Goldblatt, Margaret Courtney-Clark

Südafrika: Cape Dutch Homesteads von David Goldblatt und Margaret Courtney-Clark. Wunderschön sind die Kap-holländischen weißen Häuser wie sie in der Landschaft liegen, von großen Bäumen umgeben und eingebettet in Weingärten.

Cape Dutch Homesteads

Gebaut von Sklaven

So schön, dass man darüber fast vergessen könnte, dass diese Häuser, gebaut zwischen der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts und 1800 als die Briten die Macht am Kap übernahmen, durch Sklaven gebaut wurden und der Wohlstand ihrer Besitzer durch die Arbeit von Sklaven entstand.

Architektur am Kap

Die Architektur dieser Häuser ist etwas ganz besonderes: in ihnen verschmelzen kulturelle Einflüssen aus den Niederlanden und aus Indonesien und Indien. Später hinterließen auch Ideen des europäischen Klassizismus ihre architektonischen Spuren an diesen Häusern. Es waren in der Regel malaiische Handwerker, die die schönen weißen Giebel formten; sie waren berühmt für ihr Geschick. Die Abtrennung zwischen formellem und informellem Wohnbereich zum Beispiel, der Screen, wurde aus Asien übernommen.

Bildergebnis für kapholländische häuser

Das wunderbare Buch von 1981 ist schon etwas älter und fasst den damaligen Forschungsstand knapp sowie gründlich zusammen. Sein großen Charme liegt darin, dass Goldblatt und Courtney-Clarke Fotografen sind, deren wunderbar stimmungsvolle Fotos durch einen gut verständlichen Text von John Kench ergänzt werden.  Das Buch enthält ausführliche Porträts von neun Häusern, in welchen deren wechselvolle Geschichte und heutige Bewohner vorgestellt werden, außerdem eine Einleitung und ein Nachwort mit dem thematischen Schwerpunkt Restaurierung.

Vergehendes Erbe

Um 1900 gab es noch 3000 Häuser dieser Art. Heute sind es nur noch etwas 300, die ein gutes Bild davon geben, wie damals in der Kap-Region von den „freien Bürgern“ gebaut und gelebt wurde. Die etwa 150jährige Geschichte dieser erstaunlichen Architekturen vermitteln die vielen Fotos sowie der ausgezeichnete Text anschaulich.