The Grantchester mysteries: Sidney Chambers and the forgiveness of sins. James Runcie

Die Verfilmungen sollen gut sein. Zumindest die Bilder von Grantchester, einem ausgesprochen pittoresken Dorf in der Nähe von Cambridge, werden gelobt. Die deutsch-synchronisierte Fassung dieser Grantchester Mysteries wird bestimmt nicht lange auf sich warten lassen, sind englische Krimi-Verfilmungen in Deutschland doch sehr beliebt.

James Runcie ist der Sohn des ehemaligen Erzbischofs von Canterbury. Das qualifiziert ihn zweifellos für einen Detektiv, der ein Canon der anglikanischen Kirche ist. Er wurde in Cambridge geboren. Da kann man dann auch kundig über Grantchester schreiben.

Dennoch, die Vorlage für die Filme ist – um nicht lange darum herum zu reden – ziemlich mies. Platt, langweilig, eintönig, wie in Eile und ohne Liebe geschrieben. Eher eine Skizze als ein Roman. Oder ein erster Versuch. Zumindest die paar Dutzend Seiten, die ich geschafft habe, bis ich mir ein anderes Buch gegriffen habe, sind so.
Vielleicht versteckt sich daher subtile Kritik hinter einem Satz einer Grantchester-Filmkritik im Guardian:
„Runcie spoke to the Observer in the kitchen of the village hall among left-over snacks and warm white wine.“

Wer so vernichtend sich äußert wie ich, sollte wenigstens einen Beleg anbringen. Hier ist er:
„The cello music stopped.
Keating knocked on the door and opened it without waiting for a reply. (…) Once they had explained themselves, Sophie Madara said: ‚I wondered when someone would come. It’s been a Long time.‘
‚You were reported as missing.‘
‚But I Wasn’t.‘
‚Nobody knew where you were.‘
‚I knew where I was. So did my parents. I have made no secret. Where is my husband?'“

Einzig gute Nachricht aus Perspektive dieses Bloggers: Cricket kommt wieder vor!

Persuasion. Jane Austen

Romantische Liebesgeschichten vergangener Zeiten von Jane Austen? Ich habe eine Ausgabe von 1944 mit Illustrationen von John Austen, deren süßliche Eleganz kaum übertroffen werden kann. Der Eindruck passt also, oder? Wer diese Illustrationen sieht oder Austens Romane nur in Form ihrer Verfilmungen kennt, liegt in der Bewertung von „Persuasion“ schwer daneben…

„Persuasion“, also Überzeugung, Überredung

Wer überzeugt oder lässt sich überzeugen, wovon? Oder doch überreden? – „Persuasion“ gehört zu meinen Lieblingsromanen. Oft gelesen, immer wieder genossen. Die Vielfältigkeit der Facetten ist einer der Gründe für mein Vergnügen: Liebesgeschichte, Mystery Novel, Sittengemälde, Charakter-Analyse. Jane Austens Roman erschien 1818, 14 Jahre vor Goethes Tod. Eines seiner erstaunlichen Merkmale ist seine Modernität.

Die Erzählweise in „Persuasion“

Austen hat in ihren Romanen, lange bevor es eine Bezeichnung dafür gab, einen inneren Monolog für ihre Figuren erfunden: teils Gedankenstrom, teils indirekte Rede, werden durch dieses Stilmerkmal die Figuren lebendig, wirken „echt“. In einer weiteren, extremen Fortführung dieses Stilelements nutzt Austen dieses, um Zeit zu raffen und parallel mehrere Stimmen auf einmal zu Wort kommen zu lassen: „(…) when a knock at the door suspended everything. ‚A knock at the door – and so late! It was ten o´clock. Could it be Mr. Elliot? They knew he was to dine in Lansdown Crescent. It was possible that he might stop in his way home to ask them how they did. They could think of nothing else. Mrs. Clay decidedly thought it Mr. Elliot´s knock.““

Mit spitzer Zunge

Mit ganz wenigen Worten ist Austen in der Lage, ihre Figuren zu skizzieren. Und dabei ist sie deutlich, sehr deutlich: „Mr. Shepherd, a civil, cautious lawyer, who, whatever might be his hold or his views on Sir Walter, would rather have the disagreeable prompted by anybody else“ oder „Lady Russell (…) was a woman rather of sound than of quick abilities“. Auch die Versatzstücke, die Austen ihren Figuren als biografischen Hintergrund gibt, lassen immer tief blicken, selbst wenn sie heute nicht mehr einfach verständlich sind. So hat der eitle, verschwenderische Sir Walter Elliot zum Beispiel in Bath ein prächtiges, teures Haus in Camden Place gemietet. Zeitgenossen Austens wußen genau, dass diese Häuser auf instabilem Grund gebaut waren, der tatsächlich nachgab. Die Ortsangabe ermöglicht die präzise soziale Verortung von Sir Walter UND einen Blick auf seinen Charakter. Für diejenigen, die mehr hierzu wissen möchten, ist „A Charming Place – Bath in the Life and Novels of Jane Austen“ von Maggie Lane eine Empfehlung.

Die Liebesgeschichte und – die Geschichte voller Geheimnisse

Ja, ein wichtiges Thema besteht in den unterschiedlichen Spielarten des Sich-Verliebens, der Liebe und der Ehe. Ganz ähnlich wie in Goethes „Wahlverwandtschaften“ spielt Austen durch, wie Frauen und Männer zusammen kommen können, voneinander angezogen sind und miteinander leben. Die detektivische Neugier dagegen wird geweckt, indem es neben eindeutigen Figuren andere gibt, deren Motivationen nicht ganz klar sind. Eine Fülle kleiner Anzeichen weist immer wieder einmal darauf hin, läßt Leser und Leserinnen jedoch im Dunkel.  Die Figuren sind oft nicht, was sie scheinen, geben vor, was sie nicht sind. Sie überreden einander. Die Haupfiguren Anne Elliot und Captain Wentworth jedoch überzeugen sich im Lauf des Buchs von ihren eigenen Gefühlen und einander von deren Ernsthaftigkeit.

Vielleicht ist es auch diese hoffnungsvolle Botschaft, fast tröstlich, die der Roman ausdrückt: Auch wenn die Zeit uns lehrt, getroffene Entscheidungen bitter zu bereuen, auch dann kann etwas passieren, das eine neue Wende zum Glück einleitet. Also: „Persuasion“ ist doch romantisch.

Persuasion Poster

Es gibt zwei gute Verfilmungen von „Persuasion“: Die Verfilmung von 1995 mit Amanda Root und Ciarán Hinds in den Hauptrollen sowie den Film von 2007 mit Sally Hawkins, Alice Krige und Anthony Head. Allerdings gelingt es beiden Filmen nicht, auf überzeugende Weise herauszuarbeiten, worin Anne Elliots Entwicklung liegt: Sie hat als sehr junge Frau auf den Rat einer Ersatz-Mutter gehört, weil sie es für ihre Pflicht hielt, nicht nur den eigenen Vorlieben zu folgen, da für ein gemeinsames Leben kein entsprechendes Vermögen zur Verfügung stand. Sobald die Versorgung gesichert ist, sieht sie keine Gründe mehr dagegen, den Mann ihrer Wahl zu heiraten, und ist bereit, auch Widerstände zu überwinden.

Death of an avid reader. Frances Brody

Das sind doch mal positive Überraschungen! Eine (relativ) neue Krimiautorin: Frances Brody – eine überzeugende Privatdetektivin: Kate Shackleton – geschrieben wie ein klassischer englischer Krimi – ohne den ewigen Psycho-Sex-Gewalt-Kram, den viele heutige Krimis anscheinend brauchen.

Frances Brody verlegt ihren Krimi in die zwanziger Jahre, macht daraus aber keine große Sache.
Sie kommt weitgehend aus, ohne historische Versatzstücke zu nennen, die das 20er Jahre Flair erzeugen sollen. Sie schreibt ausgesprochen flott. Offensichtlich macht es ihr großen Spaß zu erzählen, Spannung und Sympathie zu erzeugen, ihre Leser zu unterhalten. Der Plot (Mord in einer öffentlichen Bibliothek) ist gut gestrickt, nachvollziehbar und nur an wenigen Stellen von glücklichen Zufällen bestimmt. Erfreulich auch, dass die Polizei nicht dumm und dusselig sein muß, damit der Detektiv glänzt. Gute Dialoge, gute Beschreibungen von Stimmungen, Räumen, Personen. Überhaupt sind ihre Charaktere erfreulich abgerundet und eindrucksvoll.

Frances Brody startet mit einem Zitat von Richard Brinsley Sheridan:
„A circulating library in a town is as an evergreen tree of diabolical knowledge“.

Dann folgt ein Zeitungsartikel:
„In a momentous discovery, the Leeds Library on Commercial Street has added the finest of jewels to ist crown. Founded in 1768, this venerable Institution already houses Selby’s ornithology, rare and magnificent coloured plates of birds; the works of St Thomas Aquinas; an enviable collection of Reformation and Civil War pamphlets and two hundred and one volumes of the Encyclopédia Méthodique….“

Darauf ein Brief:
„22 October, 1925
Cavendish Square
London
Dear Mrs Shackleton
On a matter of delicacy, I pray you will meet me on Tuesday next. Knowing you are a member of the Cavendish Square Ladies‘ Club, I suggest we meet there.
Yours sincerely
Jane Coulton.“

Und damit ist die Szene gesetzt und der gesamte Plot vorbereitet.

Die Daily Mail vermerkt zu Frances Brody: „Has that indefinable talent of the born storyteller.“ Recht hat sie.

You can’t do both. Kingsley Amis

Nach „Lucky Jim“ und längerer Zeit jetzt wieder ein Beitrag zu Kingsley Amis. Der Roman für heute: „You can’t do both“, erschienen 1994, in deutsch nicht zu bekommen (warum eigentlich?).

Vorweg: Ich habe das Buch sehr gerne gelesen, empfehle es daher auch gerne weiter.

Warum? Das sagt alles der Klappentext: „Robin Davis (…) is both a shrewd observer and an energetic actor which takes him from school to Oxford. With him we live through all the pangs of South London adolescence in a pre-war household whose gods enshrine the gentility principle.“ Und: „(…) Amis as you know him – brilliantly funny, outrageous, and exact ro every social nuance; but also as you’ve never known him before, writing with tenderness and compelling insight in a story which is strongly autobiographical.“

Eine Sache verschweigt er: Robin Davis ist ein ziemlich eingefleischter Selbstoptimierer, dem Wohl und Wehe seiner Nächsten nicht so wichtig sind, solange es für ihn und sein Vergnügen gut ausgeht. Ein sehr beeindruckendes und abschreckendes Porträt.

Ergänzen muss ich aus gegebenem Anlass meines Beitrags über Sayers‘ „Murder must advertise„, dass auch dieser Roman ein Cricket-Buch ist. Noch besser, es ist das EINZIGE Buch mit Buch-Cricket!!
„‚Of course if I get a moment to myself ever I might play a bit of book cricket. (…) Each letter of the alphabet stands for something that can happen when a ball is bowled, like no run, one run, two, three, four, six, and wicket down. The twelve commonest letters give no run, the next six commonest one run and so on. (…) When you’ve settled all the letters in the alphabet you go through a book, as I said. ‚The cat sat on the mat‘ would give you three overs less one ball with no score except on M, which would give you a single. For instance.'“

Dem ist nichts hinzuzufügen.

 

Murder must advertise. Dorothy L. Sayers

Nach „Gaudy Night“ also gleich wieder ein Detektivroman von Dorothy L. Sayers. Ort der Handlung: Kein College in Oxford, sondern eine Werbeagentur in London. Ein echter Krimi, also inklusive Mord, sogar mehrfach. Wermutstropfen: So gut wie kein ‚romantic interest‘.

Als Detektivroman ist „Murder must advertise“ bestimmt nicht toll. Die Auflösung des Falls kommt zu kurz, auch hat der Sayers-Standard-Detektiv Wimsey oft mehr Glück als Verstand, und so richtig kann man als Leser nicht auf den Täter kommen. ‚Not very sporting‘ also. Obendrein ist Wimsey etwas zu penetrant: Er kann alles, er weiß alles, alle sind begeistert, wenn sie ihn kennenlernen dürfen. Gutaussehend ist er natürlich auch…

Sehr lesenswert ist der Krimi wegen seiner sehr gelungenen Beschreibung  von Pym’s Publicity, der Londoner Werbeagentur mit ihren Klienten, mit den Textern, Graphikern, Produzenten inklusive der klassischen Teeversorgung im Büro. Das ist interessant und flott geschrieben, sogar amüsant.

Und „Murder must advertise“ ist ein Cricket-Roman zur Freude der England-Klischee-beladenen deutschen Leser. Ein ganzes Kapitel (in dem zum Schluss Wimsey sogar verhaftet wird) ist dem Cricket gewidmet und bietet Sayers eine wunderbare Gelegenheit, mit den relevanten Fachtermini dicke zu tun. Ein Beispiel für den Cricket-Kenner oder alternativ für hart gesottene Leser (und Leserinnen):
„The next ball was another of Simmonds‘ murderous short-pitched bumpers, and Lord Peter Wimsey, opening up wrathful shoulders, strode out of his crease like the spirit of vengeance and whacked it to the wide. The next he clouted to leg for three, nearly braining square-leg and so flummoxing deepfield that he flung it back wildly to the wrong end, giving the Pymmites a fourth for an overthrow. Mr Simmonds‘ last ball he treated with the contempt it deserved, snicking it as it whizzed past half a yard wide to leg and running a single.“

Wer endlich mehr über Cricket und dessen obskure Regeln wissen möchte, wird fündig für die einfache Variante bei Wikipedia in deutsch, für die anspruchsvollere bei Wikipedia in Englisch, und für das Komplettpaket inklusive Sahne (doppelt) beim Marylebone Cricket Club, der offiziell für die Laws (immer mit großem L!) of Cricket zuständig ist. Hier gibt’s auch eine passende App für den technisch arrivierten Cricket-Aficionado.

Also: „Murder must advertise“, vielleicht kein toller Krimi, aber allemal ein sehr gutes und interessantes Buch für all diejenigen, die mehr wissen wollen.
Als Verfilmung sehr dicht an der Vorlage die Version mit Ian Carmichael von 1973, nicht mehr taufrisch, aber als Klassiker immer noch zu haben

 

Gaudy Night. Dorothy L. Sayers

„Gaudy Night“ ist eine Detektiv-Geschichte ohne Mord. Ohne Verbrechen vielleicht auch, vielleicht nicht. Dies kommt auf den Standpunkt an.

Verbrechen in „Gaudy Night“

Die Detektiv-Geschichte spielt in einem College in Oxford. Hier gibt es eine ganze Reihe von unhaltbaren Vorkommnissen, die geeignet sind, den guten Ruf des Colleges nachhaltig zu beschädigen. Es gibt obszöne Zeichnungen, anonyme Briefe, eine durch Vandalismus zerstörte Bibliothek, zwei versuchte Selbsttötungen, einen versuchten Mord. Es kommen ebenfalls ein zerrissenes Buch und ein beschädigtes Manuskript vor und lichterloh brennende Gowns in einem College-Innenhof.

Beruf oder Liebe?

Was den Roman interessant macht, ist sein Hauptthema: die Beziehung zwischen beruflicher Erfüllung und Erfüllung in der Liebe, die Frage danach, ob für Frauen beides möglich ist oder diese sich entscheiden müssen. Eine sehr moderne Fragegestellung. Sayers bietet in ihrer Geschichte eine Fülle von interessanten Frauen-Figuren, die sich ganz unterschiedlich entschieden haben. Da gibt es zölibatäre Professorinnen, eine Akademikerin, die einen Bauern geheiratet hat, eine verwitwete Sekretärin, eine verheiratete Wissenschaftlerin, die ihre Kinder immer wieder bei ihren Eltern abgibt und viele, viele mehr. Durch die Haupt-Figur Harriet Vane vermittelt, stellt sich bei ihnen allen immer wieder neu die Frage danach, welche Frau in ihrem Leben glücklich ist und welche ihrer Entscheidungen hierzu beigetragen haben.

Universitäten vor dem 2. Weltkrieg

Dorothy Sayers zeichnet in ihrem 1935 erschienen Roman ein präzises Bild des damaligen Universitätslebens und seiner Relevanz für Frauen. 1935, nur 30 Jahre vor den Babyboomern der 1960er… Sehr empfehlenswert ist zu diesem Thema das Buch „Bluestockings“ von Jane Robinson; eine historische Analyse der Bildungschancen für Frauen in England.

Neben der Detektiv-Geschichte ist die zweite Klammer des Romans die Liebesgeschichte zwischen Lord Peter Wimsey und Harriet Vane. Aus Harriet Vanes Perspektive erzählt Sayers ihren Plot. Bekommen sich die beiden? Ist ein Kompromiss möglich zwischen Beruf und Liebe? Das soll an dieser Stelle nicht verraten werden.

Weitere Empfehlungen

In der deutschen Übersetzung lautet der Romantitel „Aufruhr in Oxford“. Empfehlenswert ist die Verfilmung von „Gaudy Night“ mit Harriet Walter und Edward Petherbridge in den Hauptrollen.

Weitere Empfehlungen: Krimi-Besprechungen; beste unbekannte Krimis.

The porcelain thief: Searching the Middle Kingdom for buried China. Huan Hsu

Gerade letztens habe ich einen Artikel darüber gelesen, dass Buchtitel immer länger werden und kaum noch ohne erklärenden Untertitel auskommen. Hierfür ist der Porzellan-Dieb von Huan Hsu sicherlich ein gutes Beispiel.

Und sonst?

Und sonst ist das Buch gar nicht schlecht. Während des chinesisch-japanischen Kriegs 1938 vergräbt der Ururgroßvater des Autoren seine Porzellansammlung zusammen mit anderen Wertgegenständen im Garten seines Hauses zum Schutz vor den anrückenden Japanern. Die Suche nach diesem Schatz ist der Plot des Romans. Hierin webt Huan Hsu, der in Amerika geboren und groß geworden ist und nicht einmal Chinesisch spricht, seine Suche nach China (und Porzellan heißt ja auf Englisch auch einfach „china“), nach seiner Familie, seiner Herkunft.

Hieraus entsteht eine gut lesbare Mischung aus Abenteuerroman mit Schatzsuche (ein Rezensent beschreibt das Buch als „Indiana Jones adventure“), Autobiographie, Einführung in die chinesische Geschichte, chinesische Kulturgeschichte unter besonderer Berücksichtigung des Porzellans und Tipps zum Umgang mit der zeitgenössischen chinesischen Gesellschaft. All das ist geschickt gemacht, gut strukturiert, spannend geschrieben, informativ und unterhaltsam. Ein anderer Rezensent schreibt auf dem Einband: „Huan Hsu blends a fascinating search for his own family’s roots with an illuminating portrait of modern China. The Porcelain Thief is a wonderful read.“

Also nichts zu kritteln?

Doch. Schon. Natürlich.
Das Buch wirkt oft so, als habe der Autor vorher ein wohl-strukturiertes Konzeptpapier erstellt, dem er dann sorgfältig folgt. Dies ist nicht verwunderlich, denn Huan Hsu unterrichtet kreatives Schreiben. Gelegentlich fehlt dadurch allerdings das Blitzen von Spontaneität, von kreativem Funkeln. Man kann sich eine Liste der Epochen der chinesischen Geschichte machen und beim Lesen abhaken, dass sie alle vorkommen. Zweite Liste: Die Generationen seiner Familie mit den verschiedenen Familienzweigen. Dritte Liste: Die chronologischen Meilensteine bis zum Höhepunkt der Schatzsuche im letzten Kapitel.

Außerdem: Wenn man nicht wüsste, dass der Autor aus den Vereinigten Staaten von Amerika kommt, man würde es treffsicher erraten. Gute Schulen und gute Universitäten in China: in der Regel amerikanische Gründungen. Umsichtige und verantwortungsbewusste Personen in China, die den Chinesen auf den rechten Pfad helfen: meist Amerikaner. Gut also, dass es Amerika gibt.

Trotz Gekrittel: ein gutes, durchaus zu empfehlendes Buch; ein sehr informativer, spannender, fundierter, autobiographischer Schmöker.

Medusa – Die schreckliche Schöne. David Leeming

Ein Buch über den Mythos von Medusa und seine Rezeptionsgeschichte bis in unsere Zeit. Das kann nur ein interessantes Buch sein. Dachte ich. Aber es geht auch anders…

Leeming erzählt den antiken Mythos zunächst nach und erklärt dann Medusas Stammbaum. Beides kann man gut auch in dem Nachschlagewerk zur Antike, dem Kleinen Pauli, haben oder ganz einfach im Wikipedia-Artikel.

Bildergebnis für perseus Medusa

Inhalt von „Medusa“

  • Der Mythos
  • Medusas Stammbaum
  • Medusa im Mittelalter und in der Renaissance
  • Medusa in der Romantik und im viktorianischen Zeitalter
  • Medusa im Zeitalter des Realismus
  • Die moderne intellektuelle Medusa
  • Die feministische Medusa
  • Medusa, eine zeitgenössische Ikone
  • Mythos als Traum
  • Wer ist Medusa?

Leseprobe

An dieser Aufzählung ist prima, dass man ablesen kann, welche Themenfelder und thematischen Deutungsmuster es so etwa gibt. Am interessantesten ist das letzte zusammenfassende Kapitel „Wer ist Medusa?“. Zitat: „Ohne Perseus ist Medusa lediglich eines von vielen archaischen Ungeheuern der gaianischen Zeit. Erst mit Perseus erlangt sie ihre eigene Geltung und damit auch Bedeutung für uns – sie wird zu einem Teil unseres Seelenlebens. Es ist Perseus, mit dem wir uns bei der Verfolgung seines Ziels identifizieren. Wir können seine Suche (…) mit unserem eigenen Gang durchs Leben oder durch einen psychologischen Wachstumsprozess in Verbindung bringen. Um eine Beziehung zu Medusa herzustellen, brauchen wir Perseus. Medusa ist lediglich das unmittelbare Ziel der Suche des Perseus.“ …vielleicht liegt es an der Übersetzung aus dem Amerikanischen…

Bewertung des Buchs

Ermüdend ist der alles andere als schwungvolle Stil des Autors. Ärgerlich ist jedoch der durchgängige Mangel an explizit benannten Auswahl-Kriterien. Ich hätte mir gewünscht, besser verstehen zu können, warum Leeming Kunstwerke, Autoren und Zitate ausgewählt hat für seine Darstellung. Sind dies die Repräsentanten für eine bestimmte Zeit oder Denkschule? Waren dies die Meinungsbildner? Waren es Vordenker oder diejenigen, die den Zeitgeschmack zusammengefasst haben? Ein richtig gutes Buch hätte außerdem die Leistung vollbracht, die Gründe für die Medusa-Rezeption im jeweiligen gesellschaftlichen Kontext darzulegen. Auf mich wirkt das Buch wie eine schnell geschriebene Sammlung von Exzerpten.

Hier noch ein hilfreicher Hinweis: Das Buch von Leeming hat eine gute Bibliografie, die Quellen sowie eine Fülle von Sekundärliteratur umfasst. Vielleicht finden Leserinnen und Leser, die mehr über Medusa wissen möchten, hier das Geeignete….

Cuentos hispanoamericanos. Hrsg. von Monika Ferraris

Als ich diesen bei Reclam in der Reihe „Fremdsprachentexte“ erschienenen Band mit Erzählungen hispano-amerikanischer Autoren gesehen habe, habe ich mich gefreut. Immerhin hatte ich von einigen der Autoren bereits gehört und sogar zum Teil schon etwas von Ihnen gelesen. Gabriel García Márquez, Mario Vargas Llosa und Isabel Allende zählen ja auch in Deutschland zu den geläufigeren und umfassend übersetzten Autoren.
Andererseits gab es auch einige vollständig unbeschriebene Blätter: Horacio Quiroga oder Alejo Carpentier beispielsweise sind mir vorher noch nicht begegnet.

Also habe ich mich ans Lesen gemacht und wieder einmal die Vorteile dieser Fremdsprachentexte genossen, bei denen die etwas obskureren spanischen Vokabeln jeweils in der Fußzeile erklärt werden. Mit passablen Spanisch-Vorkenntnissen kommt man recht flüssig voran. Die Sprache stellt sich dem Lesevergnügen nicht in den Weg – im Gegenteil, das Lesen im Original macht deutlich, wie wenig adäquat oft Übersetzungen sind.

Neben den Vokabelhilfen bewährt sich auch der Anhang mit kurzen biographischen und bibliographischen Darstellungen zu den einzelnen Autoren, die allesamt vor allem im 20. Jahrhundert geschrieben haben.

Die Erzählung, die mich am meisten überrascht hat, stammt von Carlos Fuentes und erschien 1954 in seinem Buch „Los días enmascarados“. Der Titel der Erzählung – Chac Mool – bezieht sich auf einen Typus präkolumbianischer mittelamerikanischer Skulptur:

Der Erzähler beschreibt in seinem Tagebuch die Erlebnisse mit einem solchen Chac Mool, den er selber gekauft hat. Ziemlich unheimlich, sehr spannend. Folgerichtig der Schluss-Satz:
„Dígale a los hombres que lleven el cadáver al sótano.“

Und wenn wir schon bei Gruselgeschichten sind: „El almohadón de pluma“ von Horacio Quiroga kann da sehr gut mithalten…:
„Murió, por fin. La sirvienta, que entró después a deshacer la cama, sola ya, miró un rato extrañada el almohadón.
– ¡Señor! – llamó a Jordán en voz baja -. En el almohadón hay manchas que parecen de sangre.“
Sieht man dem Autoren allerdings auch an…
Horacio Quiroga.jpg

 

Warum hasst ihr uns so? Mona Eltahawy

Der Untertitel sagt besser, worum es geht: „Für die sexuelle Revolution der Frauen in der islamischen Welt“. Allerdings ist der Originaltitel besser und weniger reißerisch: „Headscarves and Hymens. Why the Middle East Needs a Sexual Revolution“.

Das Buch von Mona Eltahawy enthält eine Vielzahl belastender Themen in unaufgeregter Sprache. Die Argumentation der Autorin ist sehr nachvollziehbar in ihrer Klarheit.

Inhalte von „Warum hasst ihr uns so?“

Eltahawy schildert anhand vieler Beispiele, wie im Nahen Osten Frauen als Personen im öffentlichen Leben zurückgedrängt und in der Wahrnehmung der Gesellschaften auf „Jungfernhäutchen“ und „Schleier“ reduziert werden. Beide – so Eltahawy – Symbole für die mangelnde Freiheit, Selbstbestimmung und Gleichberechtigung von Frauen in diesen Ländern. Die Themen ihres Buchs sind

  • Einführung zur Verknüpfung von Religion, Sexualität und Frauenfeindlichkeit in „Warum sie uns hassen“
  • Zur Rolle von Frauen in den Revolutionen der vergangenen Jahre in „Schwarzer Schleier, weiße Flagge“
  • Alltäglichkeit häuslicher Gewalt in „Die erhobene Hand“
  • Unterdrückung weiblicher Sexualität in „Der Gott der Jungfräulichkeit“
  • Erziehung, Erwartungen der Familien und Alltag von Frauen in Ländern des Nahen Ostens in „Zu Hause“
  • Beispiele von Unterdrückung und Aufbegehren dagegen in „Wege durch die Wüste“
  • Biografischer Rahmen, Unterstützung durch andere Frauen in „Sprich für dich“

Inhaltliche Aussagen

Eltahawy schildert, wie Frauen in der islamischen Welt darin gehindert werden, ein selbst bestimmtes Leben zu führen. Wie sie täglich die Zielscheibe von verbaler und körperlicher Gewalt werden, die von ihren Gesellschaften als angemessen akzeptiert wird. Die Autorin begründet dies mit tiefliegender Frauenfeindlichkeit einerseits und mit dem kulturell perfektionierten Trick, Opfer zu Schuldigen zu machen.

Wenig Verständnis zeigt Eltahawy für westliche Kommentatoren, die das Argument der „Kultur“ nutzen, um nicht allzu genau sein zu müssen. So werden Menschenrechte wie das Recht auf körperliche Unversehrtheit und das Recht auf Selbstbestimmung relativiert. Plötzlich sollen sie nicht mehr gelten für Frauen in der islamischen Welt. Sie plädiert für Klarheit, die nicht durch scheinbare kulturelle Toleranz getrübt ist: Auch die Tötung einer Frau aus der islamischen Welt ist Mord, auch die Schläge ihres Mannes sind Gewalt.

Die Sprache, in welcher über kulturelle Besonderheiten gesprochen wird, kritisiert sie als verschleiernd:

  • Beispiel 1: Im öffentlichen Diskurs wird häufig das Wort „Kinderhochzeit“ benutzt. Statt den rechtlichen Tatbestand zu benennen als sexualisierte Gewalt gegen  Kinder, Vergewaltigung und Pädophilie.
  • Beispiel 2: Immer noch wird beschönigend über „Beschneidung von Mädchen“ gesprochen, statt über weibliche Genitalverstümmelung.

Die Autorin

Mona Eltahawy ist eine ägyptisch-US-amerikanische Journalistin. Sie beschreibt sich als eine säkulare radikale feministische Muslimin. Im Zentrum Eltahawys journalistischer Arbeit steht die Kritik an der Misogynie in der arabischen Welt: „Wir müssen eine Verbindung ziehen zwischen häuslicher Gewalt, Vergewaltigung in der Ehe, weiblicher Genitalverstümmelung und sexueller Gewalt auf der Straße und all diese Dinge beim Namen nennen, nämlich als Verbrechen gegen Frauen. (…) Es ist Zeit für eine Abrechnung mit unserer Kultur und Religion, mit unseren Militärführern und Islamisten – den zwei Seiten derselben Medaille.“