Verzeichnis einiger Verluste. Judith Schalansky

Aufmerksam machte mich eine Besprechung in der „Zeit„. Angesprochen hat mich dabei das positive Fazit der Rezensentin, Juliane Liebert, und der Titel des Buches: „Verzeichnis einiger Verluste“. Also habe ich mein erstes Buch von Judith Schalansky bestellt und zwischenzeitlich auch gelesen.

Wilhelm-Raabe-Literaturpreis für Judith Schalansky - "Sie erfindet ...

Die Buchgestaltung

Das Buch ist von der Autorin selbst gestaltet. Einladend ist der Einband eher nicht. Schwarz mit vielen Farbverlusten, so als habe man die Druckerschwärze nicht ordentlich aufgetragen oder als sei das Buch nicht mehr ganz neu. Wenn man von der Seite schaut, wird es interessanter: Das normale Weiß der Buchseiten löst in regelmäßigen Abständen eine schwarzen Linie ab, was für Liebhaber von Strukturen ein zufriedenstellendes regelmäßiges Streifenmuster ergibt. Beim Aufschlagen des Buchs erweisen sich die schwarzen Linien als ebensolche Seiten, die immer am Anfang eines Kapitels stehen. Nachlässig betrachtet sind sie nur schwarz, gegen das Licht gedreht sieht man schemenhaft in schwarz auf schwarz ein Bild des jeweiligen Kapitelthemas. Auffällig auch: Alle Kapitel – zwölf an der Zahl – haben die gleiche Länge.

Mal schauen, ob dieser Primat von Form und Gestalt den Ansprüchen der jeweiligen Kapitel-Inhalte gerecht wird.

Der Buchinhalt

Auch beim Inhaltsverzeichnis wird die Liebe der Autorin zur Gestaltung deutlich: Symmetrisch aufgebaut. In der Mitte die zwölf Kapitel, darum herum am Anfang nicht nur ein Vorwort, sondern auch eine Vorbemerkung, am Ende nicht nur ein Personen-, sondern auch ein Bild- und Quellenverzeichnis.

Die Kapitel haben als Titel immer etwas, das verloren gegangen ist: Tuanaki – ein Insel im Pazifik, die es nicht mehr gibt; kaspischer Tiger – ausgestorben; Sapphos Liebeslieder – (im wesentlichen) nicht überliefert; Hafen von Greifswald – ein Gemälde von Caspar David Friedrich, verbrannt; Palast der Republik – abgerissen.
Judith Schalansky: "Verzeichnis einiger Verluste" - Die Welt, ein ...

Jedem Kapitel vorangestellt, kursiv gedruckt, Informationen zum Thema, enzyklopädisch, immer zwei Einträge, einer mit *, einer mit ✝. Danach geht Schalansky frei mit der Materie um. Spätestens hier wird es literarisch, kreativ, sprudeln Ideen. Verluste werden mit anderen Verlusten kombiniert, verschränkt, verwoben. Mal gibt es einen autobiographisch anmutenden Reisebericht zu einer Stätte der Kindheit der Autorin (Hafen von Greifswald), mal einen stream-of-consciousness von Greta Garbo (Der Knabe in Blau), ein anderes Mal bleibt sie im Enzyklopädischen und gibt viele Textfragmente, Eindrücke zum Kapitelthema (Sapphos Liebeslieder). So unterschiedlich die Kapitel dadurch werden, so abwechslungsreich, überraschend, überzeugend und anregend sind sie.

Womit wir zur Sprache kommen.

Die Buchsprache

Alle Beobachtungen zu diesem Buch in diesem Blogbeitrag  machen den Eindruck eines gelehrten Prunkstücks. Das Buch ist auf Schau aus, von der Gestaltung bis zu den akademisch-gelehrt-recherchierten Inhalten. Es will gesehen werden, trotz seines Titels nicht verloren gehen. Hellenistisch. So wie man es von einem Schriftsteller-Gelehrten an der Bibliothek von Alexandria erwarten würde, von Kallimachos etwa oder von Lykophron.

Und hierzu passt auch die Sprache. Fast jedes Kapitel verwendet einen anderen Sprachstil, ein anderes Vokabular. Dabei bleibt ihre Syntax immer literarisch, ähnlich der antiken Kunstprosa, Apuleius fällt einem ein oder Heliodor oder Lukian oder auch Cicero und Demosthenes. Man muss sich schon konzentrieren auf ihre wohlkonstruierten Sätze mit ihren Parataxen, Chiasmen, Oxymora und all den anderen Stilmitteln klassisch-antiker Rhetorik. Sehr gekonnt, sicherlich nicht bescheiden.

Ein Buchverlust?

Bei so viel Zur-Schau-Stellung und Glänzen-Wollen: Was macht das mit den Verlusten des Buchtitels?

Erstaunlicherweise schafft es Schalansky, den Verlusten gerecht zu werden. Sie hat nicht nur Technik, sondern auch Tiefgang. Sie bleibt mit all ihren schriftstellerischen und gestalterischen Raffinessen vorsichtig, zurückhaltend, melancholisch, nachhörend, bleibt sensibel für Werden und Vergehen, für Vergessen und Erinnern.

Ein Buch, das hoffentlich nicht so schnell verloren gehen wird.

The Golden Thread – How fabric changed history. Kassia St Clair

„The Golden Thread“ von Kassia St Clair verfolgt die kulturhistorische Bedeutung von Textilien, also Stoff, durch die Jahrhunderte anhand von ausgewählten Beispielen. Jedes Beispiel ist eine interessante Geschichte für sich. Neben dem ungewöhnlichen und gut erzählten Inhalt gibt es eine weitere Besonderheit: „The Golden Thread“ ist ein ausgezeichnet gestaltetes Buch.

Stoff ist wichtig – auch im Vergleich mit Gold und Waffen

St Clair zeigt in ihrem Buch, wie sehr Forscher und Archäologen in der Vergangenheit darauf fixiert waren, wertvolle Gegenstände zu finden oder zumindest solche, denen ein hoher kultureller Wert zugeschrieben wurde. Also Gold, Rüstungen, Waffen, später Mumien, Töpfereien, Mauern. Jedenfalls sehr lange Zeit keine Stoffe. Ausgewickelt wurden zum Beispiel Mumien in der Regel mit nur geringer Aufmerksamkeit für das Leinen, in das sie eingewickelt waren, oder die Art der Wicklung. Und dies, obwohl erst das Leinen den mumifizierten Körpern im alten Ägypten die Reinheit verlieh, die Voraussetzung für das ewige Leben war.

„Our preoccupation with the bodies and treasures hidden within the linen, however, fails to capture the value and significance of the linen itself. Enormous effort and great quantities of linen went even into comparatively simple mummifications. (…) As a body was embalmed and enfolded, it was being transfigured into something worthy of veneration.”

Ein anderes Beispiel aus „The Golden Tread“ besteht in der Begeisterung der Archäologen für Wikinger-Schiffe, deren Größe, ihre Seetüchtigkeit, ihre Rolle für Beutezüge. So ein Schiff, so St Clair, lässt sich in zwei Wochen bauen, die großen Segel jedoch bedürfen der Arbeit einer größeren Gruppe für mehrere Monate. Und was wäre wohl ein Wikinger-Boot ohne Segel?

Von Textilien in der Höhle über Weltraumanzüge zu Sportkleidung für Weltrekorde

Die Kapitel in „The Golden Thread“ umfassen die Zeitspanne von 30.000 Jahre alten Fäden bis in unsere moderne Zeit. Die thematischen Schwerpunkte sind:

  • Anfänge des Webens
  • Ein- und Auspacker ägyptischer Mumien
  • Seide im alten China
  • Seidenstraßen
  • Die Woll-Segel der Wikinger
  • Wolle im mittelalterlichen England
  • Spitze und Luxus
  • Baumwolle, Amerika und Handel
  • Kleidung für Mount Everest und den Südpol
  • Die dunkle Vergangenheit synthetischer Stoffe
  • Anzüge für den Weltraum
  • Sportkleidung für Weltrekorde
  • Herstellung von Spinnenseide

Ästhetisch ansprechende Gestaltung des Buchs

Ein großer Genuss neben dem Inhalt von „The Golden Thread“ ist seine schöne Gestaltung bis in die Details hinein: Der Einband mit Gelb, Hellgrau und Gold auf Weiß spielt mit dem Motiv des Fadens. Jedes Hauptkapitel ist durch eine Grafik illustriert, die sich in Inhaltsverzeichnis, Kapiteltrenner und am Beginn der Unterkapitel wiederholt. Jedem Unterkapitel ist außerdem ein grafisch gestaltetes Zitat beigestellt, z. B. im Kapitel „Gifts and Horses“ über die Seitenstraße, vor dem Unterkapitel „5,000-Year Monopoly“: „Men plough – women weave“, chinesiches Sprichwort.

Ein tolles Buch; sehr empfehlenswert für alle, die sich für Kleidung, Textilien und deren Bedeutung in einer Gesellschaft interessieren.

Das Buch: eine Geschichte der Bibel. Christopher de Hamel

Mit einer Spezialisierung auf Paläographie und mittelalterliche Handschriften regelmäßig in andere Sprachen – zum Beispiel ins Deutsche – übersetzt zu werden, muss einem Autoren erst einmal gelingen. Christopher de Hamel, Lesern dieses Blogs bereits durch ein anderes Buch bekannt, gehört in diese Kategorie: Auch sein substanzielles Werk über die Überlieferung der Bibel gibt es leicht zugänglich auf deutsch.
Das Buch: Eine Geschichte der Bibel: Amazon.de: Christopher de ...

Das erfolgreichste Buch überhaupt

De Hamel startet mit der Beobachtung, dass die Bibel mit großem Abstand das erfolgreichste Buch ist, das je geschrieben wurde: In Teilen über 2000 Jahre alt, seit 1455 durchgehend gedruckt, kein anderes Buch ist in mehr Sprachen übersetzt und hat eine größere Auflage.

Mit dem religiösen Inhalt der Bibel befasst sich de Hamel nicht, sondern mit ihrer Überlieferungsgeschichte. Welche einzelnen Bücher zählten wann zur Bibel? Welche Textgrundlagen und Übersetzungen wurden verwendet? Wie sahen Bibeln aus? Mit solchen Fragen setzt sich de Hamel auseinander und schafft damit ein faszinierendes Buch.

Vorweg genommen:
Die Behauptung des Klappentexts „Christopher de Hamel writes with the storytelling gift of the good historian. He is also a scrupulous scholar. Without being either evangelical or polemical, his precise, lucid and highly informative narrative is solidly based on documentary evidence.“ trifft aus meiner Sicht voll zu.

Chronologische Reise

De Hamel geht im Wesentlichen chronologisch vor. Er startet im vierten Jahrhundert mit der Übersetzung von Hieronymus ins Lateinische, der Vulgata. Mit einem zwischenzeitlichen Ausflug in den Hellenismus – Übersetzung des Alten Testaments an der Bibliothek von Alexandria ins Griechische, die Septuaginta – erreicht er die Neuzeit mit Übersetzungen der Bibel in alle möglichen im Westen eher ungewohnteren Sprachen wie Mohawk, Tamil oder Isubu. Chronologisch korrekt – denn die Handschriften wurden erst vor wenigen Jahrzehnten gefunden – geht es dann ganz weit zurück auf die frühesten Überlieferungen von Bibeltexten überhaupt.
The Textual Mechanic: P. Bodmer II (P66), and the Staurogram

Viel gelernt

Auf dieser überlieferungs-geschichtlichen Zeitreise erfährt man viel Überraschendes. Hier einige Beispiele:

  • Die Bibel ist tatsächlich maßgeblich verantwortliche dafür, dass Bücher heute so aussehen, wie sie aussehen: Die Form des Codex, ein „klassisch“ gebundenes Buch, statt die Form einer Schriftrolle wurde insbesondere, teils sogar ausschließlich für die Bibel genutzt.
  • Die Überlieferung der Bibel als EIN Buch ist ein spätes Phänomen. Typischerweise war die Bibel in eine ganze Reihe von Bänden unterteilt: Bei Cassiodorus in der späten Antike waren es neun.
    Meister Eckhart und seine Zeit
  • Was in die Bibel gehört, wurde erst nach und nach festgelegt. Einigkeit darüber gibt es weiterhin nicht – man sehe sich nur eine katholische und eine protestantische Bibel an. Das hatte Konsequenzen darauf, ob und wie einige Texte erhalten blieben: Weil einige alttestamentarische Texte von der jüdischen Tradition früh verworfen wurden, ist zum Beispiel das Buch Judith nicht mehr auf Hebräisch erhalten, sondern alle heutigen Texte davon gehen auf eine griechische Übersetzung zurück.
  • Typischerweise führt das beständige Abschreiben aus einem Manuskript ins nächste dazu, dass die Qualität des Textes schlechter wird. Fehler schleichen sich ein. Die Bibel ist auch im Neuen Testament dadurch gekennzeichnet, dass die Schreiber und Schriftsetzer sich immer extrem viel Mühe damit gegeben haben, sehr, sehr sorgfältig zu arbeiten.
  • Die typische heutige Form der Bibel stammt aus Paris im 13. Jahrhundert. Damals wurden die Bibeln kleiner. Ausgaben auf extrem dünnen Papier mit extrem kleiner Handschrift in Taschenformat wurden der neue Standard. Die Reihenfolge der einzelnen Bibeltexte wurde vereinheitlicht. Auch der Aufbau einer Seite mit Text in zwei Spalten sowie die Nummerierung der Kapitel stammen aus dieser Zeit.
    Parisian Vulgate Bible
  • Nicht zu vergessen sein Kapitel über die Druckgeschichte der Gutenberg-Bibel: Muss man lesen, eine tolle Detektivgeschichte.

Fazit

Es macht schon Spaß genug, über dieses Buch von de Hamel nur zu schreiben. Es zu lesen, ist noch besser. Die vielen qualitativ sehr hochwertigen Illustrationen steigern noch das Vergnügen. De Hamel ist hier ein Standardwerk gelungen.
What's Missing from Codex Sinaiticus, the Oldest New Testament ...

Der Gesang des Dodo: eine Reise durch die Evolution der Inselwelten. David Quammen

Bei diesem Buch über die Biogeographie von Inseln – also über ein Sonderanwendungsfeld der Evolution – bin ich noch unschlüssig, wie gut es mir gefallen hat. Vielleicht ist es daher am Besten, meine zu heterogenen Eindrücke zu schildern.
Galapagos Venture | Intrepid Travel

Der Autor

David Quammen, Jahrgang 1948,  ist ein typischer amerikanischer Vielschreiber, spezialisiert auf Themen der Naturgeschichte. Hierfür hat er zahlreiche Preise bekommen und wurde unter anderem als „one of the most eloquent and intelligent writers on natural history at work today“ bezeichnet.
David Quammen's Biography.

Das Thema seines Buches

Wie wirken sich Inseln auf Artenreichtum, Evolution, Artensterben aus? Außerdem: Wenn man die Fragmente von Lebensräumen auf dem Festland auch als Inseln begreift (und sie zeigen alle Symptome von Inseln), was heißt das eigentlich für die Perspektive des Lebens global?
Quammens Beispiele reichen von Mauritius mit dem Dodo und dem Mauritiusfalken über Madagaskar mit seinen Lemuren, gefolgt von Indonesien und Neuguinea mit Komodo-Waranen und Paradiesvögeln, danach Galapagos mit Schildkröten und Finken bis zu Wasserschlangen im Süden der Vereinigten Staaten.
Indri Lemur | Sean Crane Photography
Seine Schlussfolgerung: Allein schon durch die fortschreitende Fragmentierung von Lebensräumen ist gesichert, dass wir ein Artensterben befördern, wie es das seit dem Aussterben der Dinosaurier nicht mehr gegeben hat.

Stärken von Buch und Autor

Quammens Buch beeindruckt durch eine ganze Reihe von Aspekten:

  • Quammen hat wissenschaftlich eine Menge Tiefgang. Er hat sehr viel über sein Thema gelesen, auch ältere Forschungsliteratur. Damit qualifiziert er sich nicht nur als natur-, sondern auch als wissenschaftsgeschichtlicher Autor.
  • Quammen reist gerne. Viele Orte (in diesem Fall: viele Inseln), die biogeographisch besonders relevant sind, hat er für dieses Buch selbst bereist. Das hilft ihm dabei, sehr lebendig und auch autobiographisch zu schreiben. In Teilen liest sich Der Gesang des Dodo wie ein erweiterter Reisebericht.
  • Quammen kann gut schreiben und strukturieren. Locker, spannend, flüssig, mitreißend – Der Gesang des Dodo ist extrem lesefreundlich geschrieben. Zugleich schafft es Quammen, den grundsätzlich chronologischen Aufbau des Buchs von der Forschung Darwins und Wallaces bis hin zur Gegenwart multidimensional aufzulockern: die Orte wechseln, mal führt er ein Interview mit einem Wissenschaftlicher, mal gibt es einen ereignisreichen Reisepart, dann rezipiert er die Denkrichtung der Forschung.
  • Quammen kann Inhalte vermitteln. Nach dem Lesen des Buchs hat man als Leser schon den Eindruck, substanziell viel über Biogeographie, Evolution, Artensterben gelernt zu haben, und das mit einigem Genuss.
  • Quammen nimmt sich die Zeit und den Platz, Sachverhalte ausführlich zu erklären und mit Beispielen zu hinterlegen.
    Wie das Leben lieben lernte - ZDFmediathek

Nicht ganz so überzeugend

Auf der anderen Seite drängen sich zwei Punkte auf:

  • Immer wieder einmal kam mir der Gedanke, dass man dasselbe nicht schlechter auch kürzer hätte schreiben können. Die englische Taschenbuchausgabe kommt auf 700 Seiten, die deutsche Übersetzung sogar auf 900. Das ist schon ein fast bibelartiges Format….
  • Und dann noch typisch amerikanisch: Abgesehen von Darwin und Wallace, den beiden Briten, um die man beim Thema Evolution wirklich nicht herum kommt, kommen ausschließlich amerikanische Wissenschaftler vor. Es ist sicherlich gut, dass es all diese Wissenschaftler gibt und bestimmt leisten sie Großes, andererseits ist hochklassige Wissenschaft nicht auf die USA und Menschen mit amerikanischer Staatsbürgerschaft beschränkt. Da liest sich Quammens Buch gelegentlich etwas scheuklappig oder gar provinziell.

Macht unter dem Strich

Lesen und dabei Zeit mitbringen.

First dodo skeleton to come up for sale in 100 years to be ...

Meine Bücher des Jahres 2018

Nach der Hitliste für 2017 jetzt zum zweiten Mal meine ganz persönliche Auswahl der besten, bewegendsten, überzeugendsten, beeindruckendsten Bücher, die ich im vergangenen Jahr gelesen habe.

Starten tue ich mit Dichtung:
Auch wenn ich das Buch noch nicht ganz fertig gelesen habe, hat sich die Classical Chinese poetry: An anthology von David Hinton bereits den Spitzenplatz gesichert. Hinton schafft es besser als die anderen Übersetzer, die ich bisher gelesen habe, klassische chinesische Gedichte so zu übertragen, dass man sie mit Gewinn und Genuß liest, ohne dass das wichtige Offene, Unbestimmte, Unklare, Ungesagte des chinesischen Originals dabei verloren geht. Die Gedichte bleiben bei Hinton letztlich chinesisch.
Ein Beispiel eines Zen-Buddhismus-affinen Dichters der Tang-Dynastie, der unter dem Namen „Kalter Berg“ läuft (aber bestimmt nicht so hieß, wenn es überhaupt eine einzelne Person gewesen ist):
„No one knows this
Mountain I inhabit:

Deep in white clouds,
Forever empty, silent.“

Ausführliche Besprechung folgt.

Nächste Kategorie, Sachbuch:
Mit Abstand vorne das neue Buch von Katrina van Grouw „Unnatural Selection“ über die Evolution domestizierter Tiere durch selektive Zucht. Klingt spröde, ist aber hoch-faszinierend, wenn einen Evolution auch nur ein wenig interessiert. Zusätzlicher Pluspunkt: Die wirklich exzellenten von der Autorin selbst gezeichneten Illustrationen.

Für mich eine wichtige Buchgattung, die Krimis:
Meine Entdeckung des Jahres war Josephine Tey, von der ich vorher noch nie etwas gehört hatte.  Unter all ihren Büchern für mich am Besten zwei davon, „The Franchise Affair“ und „Miss Pym disposes“. Tey hat sich getraut, ausgetretetene Krimi-Pfade zu verlassen, schreibt anspruchsvoll-belletristisch, bleibt dabei spannend und ist zum Glück nie brutal. Beide Krimis habe ich gar nicht besprochen, dafür aber einen dritten: „To love and be wise“.

Biographie?
Zwei Gewinner, weil beide ganz verschieden sind und jeweils ganz anders als andere Biographien.
Jonathan Spence hat mit „Emperor of China: Self-Portrait of K’ang-hsi“ eine als Autobiographie getarnte Biographie fast nur aus Originalzitaten Kangxis geschrieben und wirkt dabei völlig authentisch. Nicht zu vergessen: Kangxi ist ein überaus dankbares Subjekt dieser Biographie, ein differenzierter, nachdenklicher, intelligenter und selbstkritischer Mensch.
Christopher de Hamel dagegen hat gleich mehrere Biographien geschrieben, zwölf genau genommen, und zwar von mittelalterlichen Handschriften. Tolle Idee, toll umgesetzt. Der Titel: „Meetings with remarkable manuscripts“.

Und in der Belletristik?
Keine Überraschung hier, ein Literatur-Nobelpreisträger: Kazuo Ishiguros „The remains of the day“. Ganz großes vorsichtiges, subtiles, stilistisch und menschlich brillantes Kino.

Und das soll dann auch als Liste für dieses Mal reichen.

Bleiben die Fotos der glücklichen Gewinner:
David Hinton:
Translator David Hinton Takes on the I Ching | Books | Seven Days ...

Katrina van Grouw:
Unnatural Selection: An interview with Katrina van Grouw - Hoopoe ...

Josephine Tey:

Jonathan Spence:
Jonathan Spence Named 39th Jefferson Lecturer in the Humanities ...

Christopher de Hamel:
The Telegraph ~ Christopher de Hamel

Und Kazuo Ishiguro:
Kazuo Ishiguro wins Nobel Prize for Literature / Boing Boing

Viel Lesespaß in 2019!

 

Meetings with remarkable manuscripts. Christopher de Hamel

Man (= ich) bleibt etwas sprachlos zurück nach der Begegnung mit diesem Buch, sprachlos vor Staunen, vor Hochachtung, vor Begeisterung. Illuminierte Handschriften des Mittelalters sind das Thema, gut für Spezialisten in ihrer Lieblingsnische. Die verblüffende Nachricht dabei: Dieses Buch ist tatsächlich (fast) ein Bestseller.
Meetings with Remarkable Manuscripts' – Christopher de Hamel ...

Die erste Auflage kam 2016 auf den Markt, daher gibt es keinen Mangel an Rezensionen. De Hamel hat viele Preise für dieses Buch erhalten, von vielen Zeitungen und Literatur-Journalen wurde es zum History Book of the Year gekürt. Eine der für mich treffendsten Zusammenfassungen stammt von der Sunday Times: „I can’t think of many books that have brought the past to life with such learning, beauty and wonderfully boyish gusto.“
The rich are good, the poor are gluttonous? These images tell the ...

De Hamel – Paläograph und Experte für mittelalterliche Manuskripte – trifft zwölf Handschriften, die älteste aus dem 6. , die jüngste aus dem 16. Jahrhundert. Darunter ist eine, von der man auch als Tourist vielleicht schon gehört hat, nämlich das Book of Kells in Dublin. Die anderen – z.B. der Codex Amiatinus, das Stundenbuch der Jeanne von Navarra oder der Hengwrt Chaucer – sind wahrscheinlich bestenfalls Eingeweihten ein Begriff.
The Codex Amiatinus: the Earliest Surviving Complete Bible in the ...

„Treffen“ ist sehr wörtlich gemeint. De Hamel trifft alle Handschriften in den Bibliotheken, Museen, Sammlungen, in denen sie zur Zeit aufbewahrt werden, und er trifft sie quasi wie Persönlichkeiten. Wie er selbst sagt: „the chapters are not unlike a series of celebrity interviews.“ Wobei er – etwas traurig – hinzufügt, dass es heutzutage leichter sei, den Papst oder den Präsidenten der USA zu treffen, als mehr als eine Seite dieser Handschriften jemals zu sehen oder sie gar in die Hand nehmen zu können.

Er lässt die Handschriften reden (immerhin enthalten sie ja auch alle viel Text, und auch die Bilder können sprechen). Er erzählt ihre Biographie von der Entstehung über die wechselvollen Wanderjahre mit verschiedenen Besitzern bis hin zu ihrem aktuellen (Gesundheits-)Zustand. De Hamel bietet seinen Lesern die Möglichkeit, mit ihm gemeinsam diese Handschriften kennen- und schätzen zu lernen. Und alle sind sie schillernde Persönlichkeiten mit vielen Geheimnissen, eigenwilligen Charakteren, voller Individualität und Zauber.
Aratea: Making Pictures with Words in the 9th Century – The Public ...

De Hamels Buch ist ein gelehrtes Buch. Wie man Handschriften kollationiert kommt darin vor, ebenso wie diverse Schriftarten, genauso wie Überblicke über die Generations- und Herrschaftfolge diverser europäischer Adelshäuser.

Zugleich ist dieses Buch überaus nahbar und zugänglich. Man spürt auf jeder Seite die Begeisterung und Entdeckerfreude de Hamels. Seine Detektiv-Arbeit muss sich nicht verstecken vor der von William von Baskerville in Umberto Ecos „Name der Rose“. In bester britischer Tradition nimmt er sich (und andere) auch nicht immer so ernst, ist ironisch, lästerlich, zwischenmenschlich. Man hat also nicht nur das Vergnügen, mit de Hamel die Handschriften zu treffen, sondern darüber hinaus auch noch ihn selbst, mit und ohne weiße Handschuhe, die er in vielen Museen anziehen muss, um nichts zu beschädigen. Und quasi mit ihm an der Whisky-Schokolade zu knabbern, die ihm eine Aufseherin im Rare Books Reading Room in St. Petersburg zusteckt, als er auf seine Mittagspause verzichtet (nachteilige Effekte für Handschrift und Handschuhe sind nicht überliefert).
Who was Ethelburga? – Pathways to the Past

De Hamel zum Schluss seines Epilogs:
„Finally, I hope that these encounters have conveyed some sense of the thrill of the pursuit and the simple pleasure of meeting an original manuscript, and asking it questions and listening to its replies.“

Zwei Anmerkungen als PS:

  • Das Buch gibt es auch in deutscher Übersetzung mit einem Titel, der alles Understatement des englischen Originals beiseite lässt: „Pracht und Anmut – Begegnungen mit 12 herausragenden Handschriften des Mittelalters“.
  • Es gibt in diesem Blog eine kurze Seite zur Buch-Geschichte mit einem Verweis auf ein anderes außerordentlich gelungenes Buch von de Hamel.

Becoming. Michelle Obama

Während ich die ersten Seiten über ihre Kindheit las, habe ich gedacht, doch so eine Biografie aus dem politischen Establishment, die zu viele Menschen gegengelesen haben, um alles auszumerzen, was irgendjemanden stören könnte…. und um noch einzufügen, was für irgendeinen potitischen Zweck noch fehlen könnte…

BECOMING - Obama, Michelle

Ist auch so, aber auch doch nicht: Im Nachhinein fand ich den ersten Teil genau richtig und hilfreich, um diese First Lady der USA besser zu verstehen: die schwarze Frau des ersten schwarzen Präsidenten, eine berufstätige Mutter, eine hochintelligente, Harvard-studierte Anwältin mit eigenen Ansichten.

Die Biografie ist in drei Teile aufgeteilt

  • Becoming, über Elternhaus, Kindheit, Schulzeit und Studium bis hin zur ersten lukrativen Stelle als Anwältin
  • Becoming us, über die Entstehung der Beziehung zu Barack Obama, die Ehe, die beiden Töchter, Einstieg Barack Obamas in die Politik und Michelle Obamas Versuch, einen sinnstiftenden Beruf zu finden und damit auch Geld zu verdienen
  • Becoming more, über den Einzug der Familie Obama in das Weiße Haus, nachdem Barack Obama die Präsidentschaftswahl gewonnen hatte, das Leben als First Lady, als Familie im Weißen Haus bis zum Auszug daraus, nachdem die zweite Amtszeit zu Ende gegangen war und Donald Trump die Wahl gewonnen hatte.

Im Fokus die Themen Erziehung, Bildung und Kinder

Vielleicht kein Wunder, die Botschaft: prinzipiell hat  jedes Kind es in sich, mehr aus sich zu machen, es zu schaffen, aus Armut und beengenden Verhältnissen herauszukommen, wenn, wenn, wenn es die notwendige Förderung und Ermutigung erhält.

BECOMING! Michelle Obama's Memoir to arrive in November - WuzupNigeria

Eine Stimme finden

Immer wieder auch Reflexionen darüber, was sie als prominente schwarze Frau, später als First Lady auslöst: Abwehr, Verachtung, aber auch Ängste vor der „aggressiven“ schwarzen Frau. Deshalb sieht Michelle Obama „Becoming“ auch als eine Geschichte darüber, wie eine schwarze Frau aus armen Verhältnissen und einer schlechten Wohngegend ihre Stimme findet. Den Mut zu sprechen, auch wenn sie oft die einzige Frau im Raum voller weißer Amerikaner ist, die einzige schwarze Frau. Wer ihr auf diesem Weg Mut gegeben und Selbstbewußtsein vermittelt hat, erzählt sie packend und anschaulich. Die vielen Menschen, die unterstützend waren – unter anderem Mutter und Vater – erhalten Raum in dieser Geschichte. Wie sie sagt: sie und ihr Mann waren unter den 44 Paaren, die das Weiße Haus bewohnten, unter den 11, die dies für eine zweite Amtszeit taten und – das einzige schwarze Präsidenten-Paar.

Michelle Obama als aktive Wahlkämpferin für ihren Mann

„I was a child of the mainstream, and this was an asset. Barack sometimes referred to me as “Joe Public”, asking me to weigh in on campaign slogans and strategies, knowing that I kept myself happily steeped in popular culture. (…) All of this is to say that I saw ways to connect with Americans that Barack and his West Wing advisers didn´t fully recognize, at least initially. Rather than doing interviews with big newspapers or cable news outlets, I began sitting down with influential “mommy bloggers” who reached an enormous and dialed-in audience of women.”

Didn't think about Barack Obama as someone I'd want to date ...

Im dritten Teil erklärt „Becoming“ die Funktion Michelle Obamas während der Wahlkämpfe um das Präsidentenamt und berichtet vom Alltagsleben im Weißen Haus. Sie selbst hat ihre Rolle als First Lady dazu genutzt, die Medien, welche sie auf Schritt und Tritt verfolgten, mit Vorsatz an diejenigen Orte zu führen, die ihr wichtig waren: arme Vororte, Schulen, Krankenhäusen für Kriegsveteranen. So hat sie sozialen Themen durch die eigene Person zu einer medialen Aufmerksamkeit verschafft, die sonst unmöglich gewesen wäre.

“When the weather was nice (in einer unterprivilegierten Gegend), the gangs got more active and the shooting got worse. (…) Sometimes, they (die Schulkinder aus diesem Gebiet) told me, taking the safest path home meant walking right down the middle of the street as cars sped past them on both sides. Doing so gave them a better view of any escalating fights or possible shooters. And it gave them more time to run. (…) America is not a simple place. Its contradictions set me spinning. I’d found myself at Democratic fund-raisers held in vast Manhattan penthouses, sipping wine with wealthy women who would claim to be passionate about education and children’s issues and then lean in conspiratorially to tell me that their Wall Street husbands would never vote for anyone who even thought about raising their taxes.”

Mein Fazit: unbedingt lesenswert, nicht nur für Frauen, für Politikinteressierte, für Amerika-Enttäuschte.

Federn: Die Evolution eines Naturwunders. Thor Hanson

Auch Federn kann man wiederverwenden. Und so habe ich dieses Buch über Federn, erschienen im Jahr 2011, denn auch zum zweiten Mal gelesen. So etwas tue ich nicht oft und fast nur, wenn ich das Buch in guter Erinnerung habe.
Feathers: The Evolution of a Natural Miracle by Thor Hanson

Zugegeben, beim ersten Lesen hat es mir etwas besser gefallen, aber da war ja alles ganz neu und überraschend, so wie wenn man Federn das erste Mal genauer betrachtet, fasziniert davon, dass es so etwas Einfach-Kompliziertes natürlich gibt, etwas so Leichtes und Flexibles, das gleichzeitig so robust und stabil ist.

Thor Hanson, ein schreib-freudiger Biologe, schreibt äußerst lesefreundlich, locker, interessant, witzig, abwechslungsreich. Man merkt ihm die Begeisterung für sein Thema an, so sehr, dass sie sogar überspringt.
Thor Hanson – Town Hall Seattle

Sein Thema behandelt er in allen fedrigen Facetten: Evolution der Feder? Klar. Wachstum, Pflege, Ersatz von Federn? Auch drin. Kulturgeschichte der Feder? Sicher. Die Feder in der Mode? Schon kulturgeschichtlich abgedeckt. Besondere Federvarianten bei besonderen Vögeln? Selbstverständlich. Vergleich mit Versuchen des Menschen, sie nachzubauen? Natürlich. Der Gefahr eines buntgemischten Allerleis entgeht Hanson, indem er geschickt Überkapitel bildet:

  • Evolution mit allem zu Fossilien und frühen Vögeln
  • Fluff über die Isolier-Eigenschaft der Federn bei Hitze und Kälte
  • Flight darüber, wie toll sich mit Federn fliegen läßt
  • Fancy behandelt besonders auffällige Gefieder wie das der Paradiesvögel und ist damit unmittelbar bei der Menschenmode
  • Function beschreibt u.a. die Feder als Schreibinstrument.
    Ein Wunder der Evolution: Wie die Natur die Feder erfand ...

Außerdem bindet er alles dadurch zusammen, dass er immer wieder eigene Erlebnisse einbaut, sein eigenes ganz persönliches Staunen über ein tatsächlich geniales Wunderwerk der Evolution.

Gute Nachricht nebenbei: Seit 2016 gibt es das Buch auf deutsch.
Zweite gute Nachricht – es ist ja Weihnachten: Thor Hanson hat ebenso gute Bücher geschrieben über The Triumph of Seeds: How Grains, Nuts, Kernels, Pulses, and Pips Conquered the Plant Kingdom and Shaped Human History (noch nicht übersetzt) und Buzz: The Nature and Necessity of Bees (ebenfalls noch auf der Warteliste).
Dritte gute Nachricht – kann man ja nicht genug von haben: Es gibt eine beeindruckende deutsche Website mit (fast) allen Federn sehr vieler, nicht nur in Deutschland heimischer Vögel.

Hain – Geländeroman. Esther Kinsky

„Hain – Geländeroman“ von Esther Kinsky ist sehr ungewöhnlich. Selten habe ich ein Buch gelesen, das derart traurig, derart schön, so abgeklärt und so emotional zugleich ist.

Hain: Geländeroman

Gedichte in Prosa

Das Buch ist eine Art Sammlung von Gedichten in Prosa. Es geht um Italien im Winter. Um verlassenen Landschaften in Kälte und Nässe. Die Ich-Erzählerin beschreibt ihre Reisen durch das winterliche Italien per Auto, Zug und Bus. Reisen zu verschiedenen Städten und durch unterschiedliche Landstriche.

Landschaft als Thema

Kinsky hat die Gabe, ganz genau hinzuschauen: Sie betrachtet die Details ihrer Umgebung. Die abgestorbenen Äste wie den Müll auf den Wegen, die Vögel wie den Nebeldunst. Diese Details kann sie in poetischer Sprache beschreiben. Doch nicht nur dies. Der Blick nach außen wird ergänzt durch den nach innen, um demjenigen nachzuspüren, was durch Gesehenes ausgelöst wurde. So ist die Reise durch die Landschaft für die Erzählerin auch eine Reise zur Selbsterkenntnis.

„Wolken schoben sich zwischen den Hügeln heran und hüllten alles in klammes Weiß. Ein ganz dünner Regen fiel, manchmal waren die Tropfen so fein und schwebend, dass es wohl nur die Wolke selbst war, die ihre Feuchtigkeit ausbreitete. Die weißen Felder gerieten in Bewegung, gaben Durchblicke frei, der Friedhof trat hervor, Bruchstücke der Außenmauer, der Gräberwände, der Bäume – inmitten des Gestaltlosen ringsum wirkte er viel näher als sonst.“

Tod als Thema

Winter in Italien ist der Weg für die Erzählerin, sich auf verschlungenen Pfaden dem Verlust des Partners und dem des Vaters anzunähern. In Rückblenden erfahren Leser von Reisen der Kindheit mit dem Vater auf der Suche nach etruskischen Totenstädten und Reisen der Erwachsenen mit dem mittlerweile gestorbenen Partner. Erinnerungen ergänzen die aktuelle Reise.

„Wir saßen in der weißlichen Sommerluft von Norditalien, die sehr anders war als die Luft in Rom, hörten das Rauschen der Autobahn in der Ferne und aßen unseren Reiseproviant, während mein Vater uns erklärte, dass das Mosaiklegen ein große Kunst war, bei der die Abertausenden von kleinen ungefähren Vierecken aus Halbedelsteinen, buntem und weißem Glas und Ton vermischt mit Blattgold in einem solchen Winkel zueinander stehen mussten, dass alles im fertigen Bild gleich gut zu sehen war und auch in der Wölbung einer Kuppel aussehen musste wie auf einer Ebene ausgebreitet. So wie hier, sagte mein Vater, mit einer weiten Geste auf die flache schattenlose Landschaft zeigend, in der ein Pappelhain lag und ein verfallenes Gehöft wie eine Insel inmitten von stoppelbedeckten Feldern.“

 

  • Hintergrund-Informationen zu Ester Kinsky bei Perlentaucher.
  • Sehr empfehlen kann ich auch ihren früheren Roman „Am Fluss“.

Ich, Kaiser von China. Jonathan D. Spence

„Emperor of China: Self-Portrait of K’ang-hsi“ – in der deutschen Übersetzung von 1985 einfach nur „Ich, Kaiser von China“ – ist ein bemerkenswertes Buch.
Die Geschichte von Kaiser Kangxi

Kangxi (so die Schreibweise des Namens dieses Kaisers in der etwas geläufigeren Pinyin-Variante), * 1654, † 1722, war der zweite Kaiser der mandschurischen Qing-Dynastie Chinas, ein Zeitgenosse Ludwigs XIV. also. So lange wie er hat kein anderer Kaiser vor ihm regiert, er schaffte sage und schreibe 61 Jahre. Sogar heute noch gilt er in China als einer der vorbildlichsten Regierungschefs der chinesischen Geschichte. Er vergrößerte das Kaiserreich, sorgte für ein relativ friedliches Miteinander zwischen den Manchu und den Chinesen, war moralisch anscheinend ziemlich integer und kümmerte sich sehr um Kultur und Wissenschaft.
KANXI (ruled 1662–1722) | Facts and Details

Von Kangxi gibt es noch ziemlich viele Originaltexte, unter anderem Gedichte, Briefe und auch ein sogenanntes Abschiedsedikt, das er selbst einige Jahre vor seinem Tod verfasst und kommuniziert hat. Er ist damit einer der wenigen chinesischen Kaiser, von dessen Charakter und Ansichten man sich ein recht unmittelbares Bild machen kann.

Dies nutzt der anglo-amerikanische Sinologe Jonathan Spence, um quasi eine Autobiographie Kangxis zu schreiben. In den meisten Kapiteln setzt er Fragmente von Originaltexten des Kaisers zu verschiedenen Themen zusammen, z.B. „In motion“, „Ruling“, „Thinking“, „Growing old“. Im letzten Kapitel wird das Abschiedsedikt vollständig widergegeben. Alles ist also von Kangxi, redigiert von Spence. Hier das Edikt im handschriftlichen Original (wobei ich gleich auf den Beitrag in diesem Blog zu chinesischer Kalligraphie und die Seite zu China insgesamt hinweisen möchte, wo die hier besprochene Kangxi-Biographie auch schon von uns empfohlen wurde – ich habe sie jetzt zum zweiten Mal gelesen….)

Das Buch bringt einem diesen faszinierenden Menschen recht nah. Man lernt ihn mit seinen Selbstzweifeln kennen; wie er sich mit seiner zunehmenden Gebrechlichkeit auseinandersetzt; mit den Schwierigkeiten seiner Nachfolgeregelung; seinen Gedanken zu Erziehung, Ernährung, Medizin, Familie. Passend zur Zeit – der Übergang vom 17. zum 18. Jahrhundert – könnte man ihn durchaus als Kaiser der Aufklärung verstehen. Das Buch ist sehr poetisch, fast schön. Ein Rezensent hat geschrieben: „A masterpiece: it lifts scholarship to a level of beauty.“ Das würde ich so unterschreiben.
Qing Dynastie: Als Kaiser Kangxi China dem Westen öffnete - WELT

Als Zitat ein Gedicht von Kangxi:
„How many now are left
Of my old court lecturers?
I can only grieve as the decays of age
Reach ruler and minister.
Once I had great ambitions –
But they’ve grown so weak;
Being disillusioned by everything,
I don’t bother to seek the truth.
Shrinking back I look for simple answers,
But everything seems blurred.
Complexities bring me to a halt,
Exhausting my energies.
For years past, now,
I’ve neglected my poetry
And, shamed as I grope for apt phrases,
Find dust on my writing brush.“

Und vielleicht die letzten Zeilen seines Abschiedsedikts:
„I’ve revealed my entrails and shown my guts, there’s nothing left within me to reveal.
I will say no more.“