Outsiders – Five women writers who changed the world. Lyndall Gordon

In “Outsiders” von Lyndall Gordon geht es um fünf englischsprachige Autorinnen aus zwei Jahrhunderten, die alle auf höchst individuelle Weise dazu kamen, sich zu äußern. Eine Stimme finden, öffentlich zu sprechen, raus aus dem Privaten: darum geht es.

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Zunächst war ich skeptisch, ob wohl derart unterschiedliche Autorinnen genügend Gemeinsamkeiten haben würden, die ihre Zusammenschau in einem Buch rechtfertigen würde. Die Autorinnen, die Gordon sich vornimmt, sind:

  • Mary Shelley
  • Emily Bronte
  • George Eliot
  • Olive Schreiner
  • Virginia Woolf.

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Raus aus der Privatsphäre

Erstaunlicherweise funktioniert diese Zusammenstellung tatsächlich: Alle fünf Frauen sind unter Rahmenbedingungen aufgewachsen, die es unwahrscheinlich machten, dass diese Mädchen einen anderen Weg gehen würden, als Ehefrauen und Mütter zu werden, die als private Personen ihr Leben verbringen würden. Dass sie in die Öffentlichkeit gehen würden mit Themen, deren Wichtigkeit für sie eigene Gedanken, eine Ausdrucksform für diese, Engagement mit sich bringen würde, war die große Leistung, die die Lebensentwürfe dieser fünf Frauen verbindet.

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„As writers, they made the outsider identity their own and wrote their novels of genius. They came, they saw and left us changed.”

Eine eigene Stimme finden

Die Wohlanständigkeit einer Frau war über die Jahrhunderte wesentlich für ihre Sicherheit innerhalb des gesellschaftlichen Kontexts. Jede der fünf Autorinnen verlor ihren guten Ruf. „Outsiders“ skizziert die unterschiedlichen Wege, wie dies geschah und zu welchem Zweck. Hierbei zeigt Gordon die damit verbundenen Belastungen ebenso auf wie die sich eröffnenden Perspektiven. Auf ihre jeweils ganz unterschiedliche Art, thematisieren sie alle häusliche und System-bedingte Gewalt und sprechen sich vehement gegen diese aus.

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Die Öffentlichkeit ansprechen

Gordon begleitet die Autorinnen dabei, wie sie in den Rollen von Prodigy (Mary Shelley),Visionary (Emily Bronte), Outlaw (Georg Eliot), Orator (Olive Schreiner) und Explorer (Virginia Woolf) ihre Botschaften an die Öffentlichkeit brachten.

„Outsiders“ besteht aus fünf Kapiteln, je eines zu den fünf Autorinnen. Davor leitet ein Vorwort in das Buch ein, einNachwort fasst Lyndall Gordons Analysen unter der Überschrift „The Outsiders Society“ zusammen.

„We have long known the greatness of these five as individual writers, but here we have looked at them collectively. (…) These outsiders do not make terms with our violent world; they do not advance themselves by imitation of the empowered. (…) these voices say no to arms and patriotism. “For”, the outsider will say, “in fact, as a woman, I have no country. As a woman I want no country. As a woman my country is the whole world.””

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Ich kann das Buch allen Interessierten an englischer Literatur sehr empfehlen. Weitere Bücher von Lyndall Gordon, die wir in Buch-und-Sofa bereits besprochen haben.

Jane’s Fame – How Jane Austen Conquered the World. Claire Harman

Jane’s Fame von Claire Harman erzählt, wie es kommen konnte, dass Jane Austen unmittelbar nach ihrem Tod als ausschließlich private Person angesehen wurde und dann doch zu einer der berühmtesten und bewundertsten Autoren in englischer Sprache wurde. Das Buch erzählt die faszinierende Geschichte darüber, wie das passieren konnte.

Die Verwandten zogen einen Schlussstrich

„What is all this about Jane Austen? What is there IN her? What is it all about?“ Joseph Conrad zu H. G. Wells 1901.

„Jane Austen! I LOVE Jane Austen!“ B. B. King.

Als Jane Austen starb, waren drei ihrer Romane veröffentlicht worden: „Pride and Prejudice“, „Sense and Sensibility“ und „Mansfield Park“. Die Veröffentlichungen wurden recht positiv aufgenommen, haben ihrer Autorin einen kleinen Verdienst gebracht. Sie haben sie nicht weltberühmt gemacht und haben sie nicht reich werden lassen. Das Frühwerk, „Northanger Abbey“ und „Persuasion“ waren zur Zeit ihres Todes unveröffentlicht. Nach Austens Tod gingen ihre Verwandten davon aus, dass das milde Interesse an Jane Austen nun abebben würde und sie – ganz angemessen – von der Öffentlichkeit nun vergessen werden würde.

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Die Öffentlichkeit wollte Jane Austen

Das kam anders: Ihre Werke wurden in Billig-Ausgaben wieder veröffentlicht, Biografien gefordert und geschrieben, Stätten ihres Lebens besucht… und vor allem gab es immer wieder einflussreiche Männer, die Jane Austen bewunderten. Sie schrieben Texte über sie, sammelten Erinnerungsstücke, setzen Austen-Werke auf Listen wichtigster englischer Autoren und empfahlen die Werke von Austen Kriegsverletzten zur Lektüre. Die Werke von Jane Austen wurden zu DER Lektüre für den Schützengraben während des 1. Weltkriegs.

Die Großartigkeit, die nicht offensichtlich ist

Harman zeichnet in „Jane’s Fame“ die Rezeptionsgeschichte Jane Austens nach. Zwei unterschiedliche Wertungen ihres Werks stehen sich dabei durch die Jahrzehnte gegenüber: Eine Gruppe von Rezipienten fand das Werk nicht besonders künstlerisch; es handelte ja nur von den üblichen, kleinen Dingen des Alltags; aufgeschrieben, ja nacherzählt von einer unbedeutenden Frau vom Land, unheroisch, uninteressant. Die andere Fraktion begeisterte sich für innovative Erzählformen, subtile Sprache, ausgefeilte Ironie; und las Austen immer wieder. Sie hoben Jane Austen in den literarischen Himmel zu Shakespeare. Ein etwas schwaches Gedicht von Rudyard Kipling – bekennender Janeite – sagt dies so:

Jane went to Paradise:

That was only fair.

Good Sir Walter followed her,

And armed her up the stair.

Henry and Tobias,

And Miguel of Spain

Stood with Shakespeare at the top

To welcome Jane.

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Wir können nicht genug von ihr bekommen

Heute gehört der Name „Jane Austen“ zu den weltweit durch alle Gesellschaftsschichten bekanntesten. Ihre Romane werden gelesen, Filme mit Leidenschaft und unter Tränen immer wieder geschaut. Es werden weitere Filme gefordert; mit Nachthemden á la Austen, Teegeschirr, Postkarten usw. bemüht sich die Vergangenheitsindustrie die Sehnsüchte der Öffentlichkeit zu stillen. Bücher schreiben Austen-Plots fort, Comics erzählen sie nach… „Jane Austen“ ist zum Seelenbalsam geworden.

„The significance of Jane Austen is so personal and so universal, so intimately connected with our sense of ourselves and our whole society, that it is impossible to imagine a time when she or her works could have delighted us long enough.”

Nocturnes. Kazuo Ishiguro

Nocturnes von Kazuo Ishiguro sind tatsächlich Geschichten im Dämmerlicht und in der Nacht. Leise Geschichten. Liebesgeschichten.

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Leise Liebesgeschichten

In fünf Geschichten lotet der Nobelpreisträger Ishiguro – siehe Artikel aus der FAZ – aus, was wohl Liebe sein mag. Ob es bereits Liebe ist, ob es noch Liebe ist, ob es eine Beziehung ist oder nicht. Leise kommen diese Geschichten daher. Der Titel des Buchs erinnert nicht zu Unrecht an Chopin. Der Untertitel offenbart mehr: „Five Stories of Music and Nightfall“.

Der Erzähler ist in der Regel ein Musiker. Er berichtet uns, wie er ein Paar beobachtet und langsam kennenlernt oder nach langen Jahren wieder kennenlernt. Der Blick ist ein Blick von außen: Die Figuren werden durch ihr Handeln und Sprechen charakterisiert. Ihre wahren Motive bleiben schattenhaft. Können nur geahnt oder erraten werden. Und wahrscheinlich ist die Interpretation nicht ganz richtig.

 

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Musik als zweiter Erzählstrang

Eine Ausnahme besteht in der Geschichte „Nocturne“. In ihr ist der Ich-Erzähler auch eine der Hauptfiguren. Was er berichtet, ist die absurd-traurige Geschichte vom erfolglosen Musiker, der sich einer Schönheitsoperation unterzieht, in der Hoffnung, mit einem anderen Gesicht zukünftig erfolgreicher zu sein:

„So how does someone like me get to be here among these stars and millionaires, having my face altered by the top man in town? I guess it started with my manager, Bradley, who isn’t so big-league himself, and doesn’t look any more like George Clooney than I do. He first mentioned it a few years ago, in a jokey sort of way, then seemed to get more serious each time he brought it up again. What he was saying, in a nutshell, was that I was ugly. And that this was keeping me from big league.“

Die Musik als ein Thema dieser fünf Geschichten verbindet Menschen – und bietet Anlässe zu ihrer Trennung.

Diese Bücher von Ishiguro haben wir bei Buch-und-Sofa ebenfalls besprochen:

Jane Austen – A Life. David Nokes

Das Buch von 1997 ist eine Biografie im klassischen Sinne: Der Autor erzählt das Leben Jane Austens nach von ihrer Geburt bis zu ihrem Tod. Hierbei berücksichtigt er das vorhandene Quellenmaterial und verwebt es passend unauffällig in seine Erzählung.

Austen, eine der wichtigsten englischen Roman-Autorinnen, lebte von 1775 bis 1817. Ihre Familie begann unmittelbar nach ihrem Tod mit der Legendenbildung, tat mit vereinten Kräften das Mögliche, um eine fast heilige, auf jeden Fall aber bescheidene, häusliche, hoch religiöse und selbstverständlich unprätentiöse Jane zu erschaffen. Ein Bild, das weder zu ihrer eigenen Einschätzung – „Pictures of perfection as you know make me sick and wicked“  so Jane Austen in einem Brief an Fanny Knight 1817 – passt, noch zu ihrem letzten überlieferten Text: Wenige Stunden vor ihrem Tod diktierte sie ihrer Schwester noch eine Satire über einen erbosten Heiligen, der die Bevölkerung Winchesters verflucht… Das machen tief religiöse Frauen selbstverständlich niemals. Nie.

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Schlaglichter

An zwei Stellen blitzt das kritische Urteilsvermögen Nokes durch. Die Jahre von 1802 bis 1806 galten in der Austen-Literatur aufgrund mangelnder Briefe und literarischer Produktion immer als Zeit, in welcher die Schaffenskraft Austens versiegte, sie gebrochen durch den ungewollten Umzug nach Bath in tiefer Traurigkeit versank. Nokes fragt ganz spitzbübisch, ob es nicht auch sein könnte, dass Austen begeistert die Amüsements genoss, die ihr nun – endlich – zugänglich waren.

„It would be very pleasant to be near Sidney Gardens! We might go into the labyrinth every day.” Jane Austen in einem Brief an ihre Schwester Cassandra 1801.

Ganz am Ende seines Buchs schildert der Autor eine Episode, die den geistig behinderten Bruder sowie einen Onkel Jane Austens betrifft: Beide kamen in eine Pflegefamilie und wurden entschlossen aus dem Leben, aus dem Sinn der Familien geschafft. Ich selbst hätte mir noch viel mehr solch kluger, nachdenklicher Passagen gewünscht.

Stil

Der Stil dieser Biografie zu Jane Austen ist angelegt an einen historischen Roman. Je nach Inhalt erzählt Nokes aus der Perspektive derjenigen Person, die den besten Einblick in die Geschehnisse hatte oder von welcher die beste Quellenlage überlieferter Dokumente vorhanden ist. Hierdurch wird die Nacherzählung interessant und plausibel.

Eine Biografie als Schmöker

Das Resultat von Nokes´ Erzählweise ist eine außerordentlich gut lesbare Biografie. Nachdem man die Buchdeckel wieder zusammengeklappt hat, kennt man all die wesentlichen Eckpunkte aus dem Leben Jane Austens. Eher selten stellt der Autor Zusammenhänge zu größeren historischen und sozialen Zusammenhängen her. Noch seltener versucht Nokes die Fakten zu interpretieren. Dennoch ist diese Biografie von 1994 ganz zu Recht eines der anerkannten Standard-Werke zu Jane Austen.

„If I am a wild beast, I cannot help it.“ Jane Austen in einem Brief an ihre Schwester Cassandra 1813.

Weitere Literatur in Buch-und-Sofa zu Jane Austen:

Und eine weitere Biographie von David Nokes in diesem Blog über Samuel Johnson

Cranford. Elisabeth Gaskell

„Cranford“ von Elisabeth Gaskell ist ein Buch, in welchem nichts passiert; so könnte man sagen. Oder aber auch, es ist ein Buch, in dem sehr viel Aufregendes passiert. Beide Aussagen wären richtig.

Das Buch ist zunächst zwischen 1851 und 1853 im Magazin „Household Words“ – herausgegeben von Charles Dickens – erschienen, als Buch dann 1853. Der Roman gehört zu den bekannteren Werken Gaskells. Nach ihrem Tod wurde er außerordentlich populär.

Die Autorin

Elizabeth Cleghorn Gaskell, (1810 – 1865), war eine Englische Autorin, die sich in ihren Werken intensiv mit der Viktorianischen Gesellschaft beschäftigte. Sie schuf darin detaillierte Porträts von Personen aus ganz unterschiedlichen sozialen Schichten. Ihre bekanntesten Romane neben „Cranford“ sind „North and South“ und „Wives and Daughters“.

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Ein Buch mit ganz viel und ganz wenig Handlung

Inhalte des Buchs umfassen den Bankrott einer Bank, mehrere Todesfälle, Armut, die Künste eines Magiers, lang vergangene sowie aktuelle Liebesgeschichten und eine gewalttätige Gang. Zu den weniger dramatischen Inhalten gehören Besuche, sehr dünnes Butterbrot, die Wahl von Kleidern und „Bonnets“ und eine Kuh ohne Fell…

„In the first place, Cranford is in possession of the Amazons; all the holders of houses, above a certain rent, are women. If a married couple come to settle in the town, somehow the gentleman disappears; he is either fairly frightened to death by being the only man in the Cranford evening parties, or he is accounted for by being with his regiment, his ship (…) In short, whatever does become of the gentlemen, they are not in Cranford.”

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Es gibt keine durchgehende Handlung, eher eine Sammlung zart satirischer Sketche. Diese zeigen das Leben in einer kleinen Stadt zu Viktorianischer Zeit. Die Lebensgewohnheiten und Werte sind mit großer Sympathie für das fast schon Vergangene geschildert. Die Geschehnisse werden aus der Sicht einer jungen Frau, Mary Smith, berichtet, die regelmäßig die kleine Stadt besucht.

„“But, Martha“, said I, cutting in while she wiped her eyes. “Don’t `but Martha´me”, she replied to my deprecatory tone. “Listen to reason…” “I’ll not listen to reason”, she said, now in full possession of her voice, which had been rather choked with sobbing.“ “Reason always means what someone else has to say. Now I think what I’ve got to say is good enough reason; but reason or not. I’ll say it, and I’ll stick to it.””

Jane Austen bissfrei

Mrs. Gaskells Nähe zu Jane Austen ist auf jeder Seite von „Cranford“ zu spüren. Allerdings ist dies eine Art Austen ohne Biss, ohne Boshaftigkeit. Als hätte man viel Wasser in Wein gegossen. Dennoch ist „Cranford“ eines der Bücher, die ich über die Jahre schon häufig gelesen habe. Es ist ein heiteres Buch für stürmische Zeiten, es beruhigt die Seele…

Wie sollte es auch anders sein, wenn im Buch die Wahl einer Haube das gleiche Gewicht hat wie der Tod einer Nachbarin?

NEU: Jane Austen – die besten Bücher über sie

Neu in Buch-und-Sofa

Unter „Die besten Bücher…“, unserer Zusammenstellung von guten Büchern zu bestimmten Themen, gibt es nun auch Empfehlungen von Büchern über Jane Austen.

Jane Austen and Representations of Regency England

Hat Jane Austen nur romantische Liebesgeschichten geschrieben?

Hat sie nicht. Der Wert des Geldes, die Rolle von Krieg, die Wahlmöglichkeiten von Frauen und vieles andere mehr sind ebenfalls ihre Themen. Kluge und nachdenkliche Bücher zu ihrem Werk zeigen, wie komplex, professionell, humorvoll, wie boshaft die Autorin schreib.

War Jane Austen eine weltfremde Dame der höheren Gesellschaft?

War sie nicht. Das Image der zurückgezogenen, feinen, bescheidenen, religiösen und ganz in der weiblichen Rolle aufgehenden Frau war eines, an dem nach Austens Tod ihre Verwandten heftig gefeilt haben.

Weshalb heute noch Jane Austen lesen?

Aus formalen wie aus historischen Gründen. Und aus reinem Vergnügen. Ihre Texte sind von außerordentlicher Qualität, sie hat Erzähl-Methoden erfunden, die wir heute für selbstverständlich halten. Ihre Texte spiegeln eine interessante historische Phase. Jane Austen lesen macht Spaß.

Unsere Buch-Besprechungen zu Jane Austen gibt es hier…

Persuasion. Jane Austen

Romantische Liebesgeschichten vergangener Zeiten von Jane Austen? Ich habe eine Ausgabe von 1944 mit Illustrationen von John Austen, deren süßliche Eleganz kaum übertroffen werden kann. Der Eindruck passt also, oder? Wer diese Illustrationen sieht oder Austens Romane nur in Form ihrer Verfilmungen kennt, liegt in der Bewertung von „Persuasion“ schwer daneben…

„Persuasion“, also Überzeugung, Überredung

Wer überzeugt oder lässt sich überzeugen, wovon? Oder doch überreden? – „Persuasion“ gehört zu meinen Lieblingsromanen. Oft gelesen, immer wieder genossen. Die Vielfältigkeit der Facetten ist einer der Gründe für mein Vergnügen: Liebesgeschichte, Mystery Novel, Sittengemälde, Charakter-Analyse. Jane Austens Roman erschien 1818, 14 Jahre vor Goethes Tod. Eines seiner erstaunlichen Merkmale ist seine Modernität.

Die Erzählweise in „Persuasion“

Austen hat in ihren Romanen, lange bevor es eine Bezeichnung dafür gab, einen inneren Monolog für ihre Figuren erfunden: teils Gedankenstrom, teils indirekte Rede, werden durch dieses Stilmerkmal die Figuren lebendig, wirken „echt“. In einer weiteren, extremen Fortführung dieses Stilelements nutzt Austen dieses, um Zeit zu raffen und parallel mehrere Stimmen auf einmal zu Wort kommen zu lassen: „(…) when a knock at the door suspended everything. ‚A knock at the door – and so late! It was ten o´clock. Could it be Mr. Elliot? They knew he was to dine in Lansdown Crescent. It was possible that he might stop in his way home to ask them how they did. They could think of nothing else. Mrs. Clay decidedly thought it Mr. Elliot´s knock.““

Mit spitzer Zunge

Mit ganz wenigen Worten ist Austen in der Lage, ihre Figuren zu skizzieren. Und dabei ist sie deutlich, sehr deutlich: „Mr. Shepherd, a civil, cautious lawyer, who, whatever might be his hold or his views on Sir Walter, would rather have the disagreeable prompted by anybody else“ oder „Lady Russell (…) was a woman rather of sound than of quick abilities“. Auch die Versatzstücke, die Austen ihren Figuren als biografischen Hintergrund gibt, lassen immer tief blicken, selbst wenn sie heute nicht mehr einfach verständlich sind. So hat der eitle, verschwenderische Sir Walter Elliot zum Beispiel in Bath ein prächtiges, teures Haus in Camden Place gemietet. Zeitgenossen Austens wußen genau, dass diese Häuser auf instabilem Grund gebaut waren, der tatsächlich nachgab. Die Ortsangabe ermöglicht die präzise soziale Verortung von Sir Walter UND einen Blick auf seinen Charakter. Für diejenigen, die mehr hierzu wissen möchten, ist „A Charming Place – Bath in the Life and Novels of Jane Austen“ von Maggie Lane eine Empfehlung.

Die Liebesgeschichte und – die Geschichte voller Geheimnisse

Ja, ein wichtiges Thema besteht in den unterschiedlichen Spielarten des Sich-Verliebens, der Liebe und der Ehe. Ganz ähnlich wie in Goethes „Wahlverwandtschaften“ spielt Austen durch, wie Frauen und Männer zusammen kommen können, voneinander angezogen sind und miteinander leben. Die detektivische Neugier dagegen wird geweckt, indem es neben eindeutigen Figuren andere gibt, deren Motivationen nicht ganz klar sind. Eine Fülle kleiner Anzeichen weist immer wieder einmal darauf hin, läßt Leser und Leserinnen jedoch im Dunkel.  Die Figuren sind oft nicht, was sie scheinen, geben vor, was sie nicht sind. Sie überreden einander. Die Haupfiguren Anne Elliot und Captain Wentworth jedoch überzeugen sich im Lauf des Buchs von ihren eigenen Gefühlen und einander von deren Ernsthaftigkeit.

Vielleicht ist es auch diese hoffnungsvolle Botschaft, fast tröstlich, die der Roman ausdrückt: Auch wenn die Zeit uns lehrt, getroffene Entscheidungen bitter zu bereuen, auch dann kann etwas passieren, das eine neue Wende zum Glück einleitet. Also: „Persuasion“ ist doch romantisch.

Persuasion Poster

Es gibt zwei gute Verfilmungen von „Persuasion“: Die Verfilmung von 1995 mit Amanda Root und Ciarán Hinds in den Hauptrollen sowie den Film von 2007 mit Sally Hawkins, Alice Krige und Anthony Head. Allerdings gelingt es beiden Filmen nicht, auf überzeugende Weise herauszuarbeiten, worin Anne Elliots Entwicklung liegt: Sie hat als sehr junge Frau auf den Rat einer Ersatz-Mutter gehört, weil sie es für ihre Pflicht hielt, nicht nur den eigenen Vorlieben zu folgen, da für ein gemeinsames Leben kein entsprechendes Vermögen zur Verfügung stand. Sobald die Versorgung gesichert ist, sieht sie keine Gründe mehr dagegen, den Mann ihrer Wahl zu heiraten, und ist bereit, auch Widerstände zu überwinden.

Jane Austen´s Journeys. Hazel Jones

Jane Austen (1775-1817) ist innerhalb Englands gereist. Die Eindrücke ihrer Reisen plus Hintergrund-Informationen aus einschlägigen Reisejournalen hat sie in ihren Romanen verarbeitet. Hierbei war sie derart präzise in den geografischen Details, dass Austen-Verehrer bis heute die dramatischsten Szenen der Romane auf der Landkarte zu finden versuchen.

Jane Austen's Journeys

Als unverheiratete Frau ohne eigenes Einkommen war Austens Bewegungsspielraum immer abhängig von anderen, die sie mitnehmen, abholen, absetzen, übergeben konnten. Oft waren dies die Brüder. Da diese ihre eignen Reisepläne regelmäßig mehrfach innerhalb eines Wochenendes veränderten, schrieb Jane Austen dann mehrfach – während eines Wochenendes – Briefe an ihre Freundinnen, um ihre Planungen samt neuen Absprachen zu aktualisieren.

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Das Buch von Hazel Jones erzählt von den verschiedenen Kutschenarten, Übernachtungsmöglichkeiten, Spazierwegen, beliebtesten Aussichtpunkten, gefährlichsten Fahrten. Am besten sind die Kapitel, in denen die Autorin zeigt, wie eng äußere Bewegung und innere Emotion der Figuren Austens zusammenhängen. Das Wichtigste passiert unter freiem Himmel. Egal ob die junge Heldin nach tiefer Selbstbefragung einen Entschluss fasst oder ihr ein junger Mann im Garten seine Liebe gesteht.

Das Buch liest sich schnell und flüssig, Anekdote über eine literarische Figur reiht sich an Anekdote aus einem zeitgenössischen Reistagebuch. Hierin genau liegt das Problem: Die Autorin beschreibt kleinteilig. Das eignet sich vielleicht für ein Nachschlagewerk. Sollte man wissen wollen, welchen sozialen Status der Barouche-Landau oder der Phaeton signalisierten, kann das sehr hilfreich sein.

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 Ich selbst hätte mir gewünscht, dass die eine oder andere Zusammenfassung auf abstrakterem Niveau erfolgt. Dass die Beschreibung von Jane Austens Reisen auch durch eine Analyse des zeitgenössischen Reisens, wenn schon nicht der damaligen Frauen-Reisen ergänzt worden wäre.

Übrigens, das stimmt nicht:

…und derart platt hatte Janes Austens spitze Zunge nie formuliert…

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Informationen zu Werk , Leben, Verfilmungen und Sekundärliteratur in deutscher Sprache bietet die Seite der Freunde Jane Austens.

Behind the Mask – The Life of Vita Sackville-West. Matthew Dennison

Berühmt durch Sissinghurst, ihren Garten. In den es heute Tausende Besucher zieht, so dass an manchen Tagen nur zeitlich begrenzte Tickets ausgegeben werden können. Als Schriftstellerin in Deutschland wenig bekannt, wenn überhaupt, weil sie das Vorbild der Hauptfigur in Virginia Woolfs „Orlando“ ist.

Sackville-West stammte aus dem britischen Adel. Und hatte ein Problem: den Herrensitz der Familie, den sie innig liebte, den sie als einen lebendigen Organismus sah, der ihr Identität gab, diesen Herrensitz konnte sie als Mädchen nicht erben.

Mann sein ist besser

Das Buch von Dennison zeichnet nach, wie Sackville-West zur Auffassung gelangte, dass Mann sein besser ist. Männer erben Herrenhäuser, sind stark und mächtig, stehen in der Tradition einer adeligen, kavalierhaften Welt. Zeit ihres Lebens hat Sackville-West mit maskulinen Rollen gespielt. Der Edelmann und der Dichter waren entscheidende Inpretationen ihres Selbst.

Die zwei Seiten

Das Mann-sein nicht immer eine hilfreiche Lösung ist, war Sackville-West früh klar. Ihre Ehe war glücklich, auch weil sie mit einem homosexuellen Mann verheiratet war. Sie selbst hatte viele Liebhaberinnen. Um das sich selbst zu erklären, erfand sie eine Argumentation, die sich aus englischen sowie aus spanischen Wurzeln ihrer Vorfahren speiste. Immer wieder waren ihre literarischen Werke auch Varianten des Zwei-Herzen-stecken-ach-in-meiner-Brust.

Die Schriftstellerin, also der Dichter plus die Frau

Und in ihren Romanen und Gedichten konnte sie ausloten, heute würden wir wohl sagen „probehandeln“, welche ihrer Gefühle ihr besonders wichtig waren und was diese auslösen konnten. So sind laut Dennison die Charaktere ihrer Bücher immer auch in Teilen Selbstdarstellungen der Autorin. Auch heute noch lassen sich sehr gut ihre Romane „The Edwardians“ und das wunderbare Buch über das Alter „All Passion Spent“ lesen. Und natürlich „Orlando“.

Mit Sissinghurst jedoch hatte sie sich ein Mini-Knole geschaffen – natürlich stammen Ruinen von Sissinghurst aus der Tudor-Zeit und selbstverständlich war ein Sackville zu Besuch – und einen Kindheitstraum verwirklicht: Sie als Poet in einem Turm. Hoch über der Welt.

Die Biografie von Dennison packt zwischen zwei Buchdeckel die Masken, die Porträts, die Gesichter Vita Sackville-Wests: auf der Vorderseite ihr Porträt „Lady with a red hat“ von William Strang, und die Rückseite zeigt eine Fotografie der vom Leben gezeichnete Frau.

Dandy Gilver & The Reek of Red Herrings. Catriona McPherson

Dandy Gilver hat es dieses Mal besonders schwer. Dieser englische Krimi geht ganz ins Gruselige, ja Makabre. Dazu trägt der Ort der Handlung bei: Windumtoste, graue, kalte schottische Küste. Die Handlung allerdings noch mehr: Es gibt zwei Herren, die auf das Ausstopfen von Tieren spezialisiert sind. Es gibt abergläubische Traditionen, die den Schrecken Ertrunkener von den Lebenden fernhalten sollen – aber niemand scheint sich zu fürchten, obwohl angeblich ein Mann ertrunken ist.

Außerdem beginnt die Detektivgeschichte mit einem Hering-Fass, in welchem menschliche Überreste entdeckt worden sind.

Leseprobe: „Five strangers. Five strangers in this tiny town, with no tea-room, no public house, no reason for strangers to be there at all. And only that one, the young chap who called himself an artist´s model, with the slightest hint of a purpose in coming.“

Dandy Gilver und ihr Partner Alec Osborne lösen in diesem spannenden Krimi einen ganz besonders harten Fall. Der die beiden übrigens am Ende selbst zweifeln läßt, ob sie sich korrekt genug verhalten haben.

„The Reek of Red Herrings“ ist wieder einmal ein ganz ausgezeichneter Krimi von Catriona McPherson.

Zu unseren Krimi-Seiten geht es auf dieser Einstiegsseite und all unsere Leseempfehlungen zu Detektiv-Geschichten finden sich in der Rubrik Krimi.