Perikles. Plutarch

Offenbar habe ich gerade wieder eine Phase, in der ich sehr gerne Texte antiker Autoren lese. Nach Lukian, über den ich kürzlich geschrieben habe, ist heute Plutarch an der Reihe: ein absoluter Top-Autor der damaligen Zeit wie auch der frühen Neuzeit.

Was könnte man über Plutarch wissen wollen?

  • Natürlich seine Lebensdaten:
    Geboren ca. 45 unserer Zeitrechnung, gestorben ca. 125 – er ist also sehr alt geworden für damalige Verhältnisse, was für eine robuste Gesundheit und/oder einen umsichtigen Lebenswandel spricht.
  • Ausbildung und Beruf?
    Er hat Philosophie studiert. War einmal Leiter der Baupolizei und des öffentlichen Bauwesens in seinem Geburtsort in Griechenland, danach Priester am Apoll-Tempel in Delphi, Leiter einer Philosophie-Schule, Schriftsteller. Gelebt hat er nicht nur in Griechenland, sondern auch in Rom.
  • Welche Werke hat er geschrieben?
    Abgesehen von einer ganzen Reihe moral-philosophischer Werke, die man natürlich auch lesen könnte, basiert sein ausgezeichneter Ruf auf seinen Biographien, insbesondere auf die insgesamt 23 Paare von Parallelbiographien, in denen er jeweils einen Griechen seiner besten Entsprechung unter den Römern gegenüberstellt. Das ergibt dann Paarungen wie Theseus und Romulus, Demosthenes und Cicero oder auch Perikles und Fabius Maximus (letztgenannte ist die, die ich gerade gelesen habe).

(Das Leben des Romulus in den Parallelbiographien. Handschrift Oxford, Bodleian Library, MS. Canonici Greek 93, fol. 13r, geschrieben im Jahr 1362)

  • Was macht diese Biographien aus?
    Auch wenn sie die biographische Literatur insgesamt sehr  stark geprägt haben, sind die Lebensbeschreibungen anders gedacht und anders gemacht als die meisten der heutigen Zeit. Es geht Plutarch nicht um eine chronologische Abfolge, nicht um eine vollständige Beschreibung aller wichtigen Ereignisse und Erfahrungen der behandelten Person. Ihm geht es um den Charakter, die Persönlichkeit. Er möchte durch positive (wie negative) Beispiele dazu anregen, sich positiv, nützlich für die Gemeinschaft, vorbildlich zu verhalten.
    Seine Biographien sind auch heute sehr gut lesbar, voller Anekdoten und Zitate, sehr anschaulich und anregend. Er ist – anders als zum Beispiel Sueton – kein Klatschautor, sondern recht seriös um verlässliche Quellen bemüht. Spannend ist Plutarch nicht, spröde aber auch nicht. Vielmehr sind seine Werke ein sehr humanes Zeugnis eines überaus humanen Menschen.
  • Wie komme ich dazu, ihn als Top-Autoren zu bezeichnen?
    Fast kein anderer antiker Autor hat ab dem 15. Jahrhundert so viele Ausgaben erlebt wie Plutarch. Im 17. und 18. Jahrhundert war er mit Abstand der meistgelesene antike Autor überhaupt. Shakespeare, Montaigne, Schiller und viele andere haben sehr stark auf ihn zurückgegriffen.

(Plutarch, De virtute et vitio 100B-101B in einer für Kardinal Bessarion 1455 angefertigten Handschrift. Venedig, Biblioteca Nazionale Marciana, Gr. 248, fol. 5r)

Und der Perikles?
Diese Biographie ist allein schon faszinierend wegen ihrer Beschreibung der Baugeschichte und der Architektur der Akropolis in Athen, die während der Regierung Perikles‘ und auf seine Idee hin gebaut wurde. Außerdem ist Perikles (Hochzeit der antiken Demokratie! Peloponnesischer Krieg! Griechische Klassik!) als Person sehr beeindruckend.
Nicht zuletzt bietet Plutarch in diesem Werk Trost für alle diejenigen, die zwar ein Musikinstrument spielen, aber nicht besonders gut – denn für wirklich „große“ Menschen ist es unwürdig, seine Zeit mit Musik-Machen zu vertrödeln:
„Deshalb war es eine schöne Formulierung von Antisthenes, als er hörte, dass Ismenias ein virtuoser Flötist sei: ‚Aber ein wertloser Mensch, denn sonst wäre er kein so virtuoser Flötist.‘ Und Philipp (der Große) sagte einmal zu seinem Sohn (= Alexander der Große), der bei einem Gelage sehr gefällig und technisch versiert in die Saiten griff, ‚ Schämst du dich nicht, so schön zu zupfen?'“ (meine Übersetzung)

Da Plutarch auch im Ruf steht, ausgezeichnetes attisches Griechisch geschrieben zu haben, das Ganze im Original:
„διὸ καλῶς μὲν Ἀντισθένης ἀκούσας ὅτι σπουδαῖός ἐστιν αὐλητὴς Ἰσμηνίας, ‚ἀλλ‘ ἄνθρωπος,‘ ἔφη, ‚μοχθηρός: οὐ γὰρ ἂν οὕτω σπουδαῖος ἦν αὐλητής:‘ ὁ δὲ Φίλιππος πρὸς τὸν υἱὸν ἐπιτερπῶς ἔν τινι πότῳ ψήλαντα καὶ τεχνικῶς εἶπεν: ‚οὐκ αἰσχύνῃ καλῶς οὕτω ψάλλων;'“

Vivienne Westwood. Vivienne Westwood & Ian Kelly

“Vivienne Westwood” ist eine klassische Biografie, die nachzeichnet, wie Vivienne Westwood zu einer der berühmtesten und berüchtigtsten Mode-Designerinnen der Welt wurde. Eigentlich wollte ich das Buch, als es vor vier Jahren erschien, nicht kaufen, weil mir der Preis zu hoch erschien. Eigentlich hatte ich gedacht, dass dies wieder einmal eine jener unerträglichen Ergüsse über eine bekannte Person sein würde. Billig gemacht, flach, vom bekannten Namen zehrend. War alles falsch…

Vivienne Westwood - Vivienne Westwood, Ian Kelly

Das Buch ist gut gemacht, inhaltlich interessant, da es die Hauptakteurin sowie die Modeszene der vergangenen Jahrzehnte darstellt. Kurzweilig lesbar ist es auch. Deshalb bin ich froh, es mit vier Jahren Verspätung nun doch gekauft zu haben.

Die Miterfinderin von Punk

Punk im London der 1970er Jahre entstand durch die Kombination von Kleidung und Musik. Das Zusammenwirken schuf Punk. Und Westwood war DIE Designerin des Punk. Die verschiedenen Namen ihres Ladens in der King’s Road 430 bringen auf den Punkt, worum es ging:

  • Let It Rock
  • Too Fast to Live, Too Young to Die
  • SEX
  • Seditionaries

“”Fashion is alive”, says Vivienne, “because it has to relate to the limited; the limits that are the human body”. (…) But clothes and fashion, even at their angriest and most polemic, were always bound to loop back to pleasure and to sensuality: as Vivienne says, no one enjoys looking crap or looking at crap. The shocking in fashion had to be shocking and attractive to be worn.”

Die Aktivistin

Für mich war es spannend zu erfahren, dass Westwood sich heute mit über 70 Jahren für den Erhalt der Arktis und der Umwelt einsetzt. Zu diesem Zweck verwendet sie große Summen ihres Unternehmenserfolgs, nutzt aber auch das Engagement berühmter Models für ihre Kampagnen. Diesem Thema widmet sich das letzte Buchkapitel.

„Vivienne cares a lot about the planet, but she cares a lot about human rights as well (…) She’s looking to the future.” So Shami Chakrabarti von Liberty.

Biografie und Autobiografie in einem

Das Buch kombiniert biografische und autobiografische Textpassagen: Ian Kelly beschreibt und fasst Wesentliches zusammen, dazwischen kommen Statements von Westwood. Gespickt sind die insgesamt fast 450 Seiten mit vielen Abbildungen und Kommentaren von Freunden sowie Kollegen aus der Modebranche. Ein schönes Buch. Auch für diejenigen, die tot umfallen würden, sollten sie – zwangsweise – zu einem gesellschaftlichen Anlass in einem Vivien Westwood Outfit gehen…

Outsiders – Five women writers who changed the world. Lyndall Gordon

In “Outsiders” von Lyndall Gordon geht es um fünf englischsprachige Autorinnen aus zwei Jahrhunderten, die alle auf höchst individuelle Weise dazu kamen, sich zu äußern. Eine Stimme finden, öffentlich zu sprechen, raus aus dem Privaten: darum geht es.

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Zunächst war ich skeptisch, ob wohl derart unterschiedliche Autorinnen genügend Gemeinsamkeiten haben würden, die ihre Zusammenschau in einem Buch rechtfertigen würde. Die Autorinnen, die Gordon sich vornimmt, sind:

  • Mary Shelley
  • Emily Bronte
  • George Eliot
  • Olive Schreiner
  • Virginia Woolf.

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Raus aus der Privatsphäre

Erstaunlicherweise funktioniert diese Zusammenstellung tatsächlich: Alle fünf Frauen sind unter Rahmenbedingungen aufgewachsen, die es unwahrscheinlich machten, dass diese Mädchen einen anderen Weg gehen würden, als Ehefrauen und Mütter zu werden, die als private Personen ihr Leben verbringen würden. Dass sie in die Öffentlichkeit gehen würden mit Themen, deren Wichtigkeit für sie eigene Gedanken, eine Ausdrucksform für diese, Engagement mit sich bringen würde, war die große Leistung, die die Lebensentwürfe dieser fünf Frauen verbindet.

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„As writers, they made the outsider identity their own and wrote their novels of genius. They came, they saw and left us changed.”

Eine eigene Stimme finden

Die Wohlanständigkeit einer Frau war über die Jahrhunderte wesentlich für ihre Sicherheit innerhalb des gesellschaftlichen Kontexts. Jede der fünf Autorinnen verlor ihren guten Ruf. „Outsiders“ skizziert die unterschiedlichen Wege, wie dies geschah und zu welchem Zweck. Hierbei zeigt Gordon die damit verbundenen Belastungen ebenso auf wie die sich eröffnenden Perspektiven. Auf ihre jeweils ganz unterschiedliche Art, thematisieren sie alle häusliche und System-bedingte Gewalt und sprechen sich vehement gegen diese aus.

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Die Öffentlichkeit ansprechen

Gordon begleitet die Autorinnen dabei, wie sie in den Rollen von Prodigy (Mary Shelley),Visionary (Emily Bronte), Outlaw (Georg Eliot), Orator (Olive Schreiner) und Explorer (Virginia Woolf) ihre Botschaften an die Öffentlichkeit brachten.

„Outsiders“ besteht aus fünf Kapiteln, je eines zu den fünf Autorinnen. Davor leitet ein Vorwort in das Buch ein, einNachwort fasst Lyndall Gordons Analysen unter der Überschrift „The Outsiders Society“ zusammen.

„We have long known the greatness of these five as individual writers, but here we have looked at them collectively. (…) These outsiders do not make terms with our violent world; they do not advance themselves by imitation of the empowered. (…) these voices say no to arms and patriotism. “For”, the outsider will say, “in fact, as a woman, I have no country. As a woman I want no country. As a woman my country is the whole world.””

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Ich kann das Buch allen Interessierten an englischer Literatur sehr empfehlen. Weitere Bücher von Lyndall Gordon, die wir in Buch-und-Sofa bereits besprochen haben.

Jane’s Fame – How Jane Austen Conquered the World. Claire Harman

Jane’s Fame von Claire Harman erzählt, wie es kommen konnte, dass Jane Austen unmittelbar nach ihrem Tod als ausschließlich private Person angesehen wurde und dann doch zu einer der berühmtesten und bewundertsten Autoren in englischer Sprache wurde. Das Buch erzählt die faszinierende Geschichte darüber, wie das passieren konnte.

Die Verwandten zogen einen Schlussstrich

„What is all this about Jane Austen? What is there IN her? What is it all about?“ Joseph Conrad zu H. G. Wells 1901.

„Jane Austen! I LOVE Jane Austen!“ B. B. King.

Als Jane Austen starb, waren drei ihrer Romane veröffentlicht worden: „Pride and Prejudice“, „Sense and Sensibility“ und „Mansfield Park“. Die Veröffentlichungen wurden recht positiv aufgenommen, haben ihrer Autorin einen kleinen Verdienst gebracht. Sie haben sie nicht weltberühmt gemacht und haben sie nicht reich werden lassen. Das Frühwerk, „Northanger Abbey“ und „Persuasion“ waren zur Zeit ihres Todes unveröffentlicht. Nach Austens Tod gingen ihre Verwandten davon aus, dass das milde Interesse an Jane Austen nun abebben würde und sie – ganz angemessen – von der Öffentlichkeit nun vergessen werden würde.

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Die Öffentlichkeit wollte Jane Austen

Das kam anders: Ihre Werke wurden in Billig-Ausgaben wieder veröffentlicht, Biografien gefordert und geschrieben, Stätten ihres Lebens besucht… und vor allem gab es immer wieder einflussreiche Männer, die Jane Austen bewunderten. Sie schrieben Texte über sie, sammelten Erinnerungsstücke, setzen Austen-Werke auf Listen wichtigster englischer Autoren und empfahlen die Werke von Austen Kriegsverletzten zur Lektüre. Die Werke von Jane Austen wurden zu DER Lektüre für den Schützengraben während des 1. Weltkriegs.

Die Großartigkeit, die nicht offensichtlich ist

Harman zeichnet in „Jane’s Fame“ die Rezeptionsgeschichte Jane Austens nach. Zwei unterschiedliche Wertungen ihres Werks stehen sich dabei durch die Jahrzehnte gegenüber: Eine Gruppe von Rezipienten fand das Werk nicht besonders künstlerisch; es handelte ja nur von den üblichen, kleinen Dingen des Alltags; aufgeschrieben, ja nacherzählt von einer unbedeutenden Frau vom Land, unheroisch, uninteressant. Die andere Fraktion begeisterte sich für innovative Erzählformen, subtile Sprache, ausgefeilte Ironie; und las Austen immer wieder. Sie hoben Jane Austen in den literarischen Himmel zu Shakespeare. Ein etwas schwaches Gedicht von Rudyard Kipling – bekennender Janeite – sagt dies so:

Jane went to Paradise:

That was only fair.

Good Sir Walter followed her,

And armed her up the stair.

Henry and Tobias,

And Miguel of Spain

Stood with Shakespeare at the top

To welcome Jane.

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Wir können nicht genug von ihr bekommen

Heute gehört der Name „Jane Austen“ zu den weltweit durch alle Gesellschaftsschichten bekanntesten. Ihre Romane werden gelesen, Filme mit Leidenschaft und unter Tränen immer wieder geschaut. Es werden weitere Filme gefordert; mit Nachthemden á la Austen, Teegeschirr, Postkarten usw. bemüht sich die Vergangenheitsindustrie die Sehnsüchte der Öffentlichkeit zu stillen. Bücher schreiben Austen-Plots fort, Comics erzählen sie nach… „Jane Austen“ ist zum Seelenbalsam geworden.

„The significance of Jane Austen is so personal and so universal, so intimately connected with our sense of ourselves and our whole society, that it is impossible to imagine a time when she or her works could have delighted us long enough.”

Jane Austen – A Life. David Nokes

Das Buch von 1997 ist eine Biografie im klassischen Sinne: Der Autor erzählt das Leben Jane Austens nach von ihrer Geburt bis zu ihrem Tod. Hierbei berücksichtigt er das vorhandene Quellenmaterial und verwebt es passend unauffällig in seine Erzählung.

Austen, eine der wichtigsten englischen Roman-Autorinnen, lebte von 1775 bis 1817. Ihre Familie begann unmittelbar nach ihrem Tod mit der Legendenbildung, tat mit vereinten Kräften das Mögliche, um eine fast heilige, auf jeden Fall aber bescheidene, häusliche, hoch religiöse und selbstverständlich unprätentiöse Jane zu erschaffen. Ein Bild, das weder zu ihrer eigenen Einschätzung – „Pictures of perfection as you know make me sick and wicked“  so Jane Austen in einem Brief an Fanny Knight 1817 – passt, noch zu ihrem letzten überlieferten Text: Wenige Stunden vor ihrem Tod diktierte sie ihrer Schwester noch eine Satire über einen erbosten Heiligen, der die Bevölkerung Winchesters verflucht… Das machen tief religiöse Frauen selbstverständlich niemals. Nie.

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Schlaglichter

An zwei Stellen blitzt das kritische Urteilsvermögen Nokes durch. Die Jahre von 1802 bis 1806 galten in der Austen-Literatur aufgrund mangelnder Briefe und literarischer Produktion immer als Zeit, in welcher die Schaffenskraft Austens versiegte, sie gebrochen durch den ungewollten Umzug nach Bath in tiefer Traurigkeit versank. Nokes fragt ganz spitzbübisch, ob es nicht auch sein könnte, dass Austen begeistert die Amüsements genoss, die ihr nun – endlich – zugänglich waren.

„It would be very pleasant to be near Sidney Gardens! We might go into the labyrinth every day.” Jane Austen in einem Brief an ihre Schwester Cassandra 1801.

Ganz am Ende seines Buchs schildert der Autor eine Episode, die den geistig behinderten Bruder sowie einen Onkel Jane Austens betrifft: Beide kamen in eine Pflegefamilie und wurden entschlossen aus dem Leben, aus dem Sinn der Familien geschafft. Ich selbst hätte mir noch viel mehr solch kluger, nachdenklicher Passagen gewünscht.

Stil

Der Stil dieser Biografie zu Jane Austen ist angelegt an einen historischen Roman. Je nach Inhalt erzählt Nokes aus der Perspektive derjenigen Person, die den besten Einblick in die Geschehnisse hatte oder von welcher die beste Quellenlage überlieferter Dokumente vorhanden ist. Hierdurch wird die Nacherzählung interessant und plausibel.

Eine Biografie als Schmöker

Das Resultat von Nokes´ Erzählweise ist eine außerordentlich gut lesbare Biografie. Nachdem man die Buchdeckel wieder zusammengeklappt hat, kennt man all die wesentlichen Eckpunkte aus dem Leben Jane Austens. Eher selten stellt der Autor Zusammenhänge zu größeren historischen und sozialen Zusammenhängen her. Noch seltener versucht Nokes die Fakten zu interpretieren. Dennoch ist diese Biografie von 1994 ganz zu Recht eines der anerkannten Standard-Werke zu Jane Austen.

„If I am a wild beast, I cannot help it.“ Jane Austen in einem Brief an ihre Schwester Cassandra 1813.

Weitere Literatur in Buch-und-Sofa zu Jane Austen:

Und eine weitere Biographie von David Nokes in diesem Blog über Samuel Johnson

Wie der Hieroglyphencode geknackt wurde: Das revolutionäre Leben des Jean-François Champollion. Andrew Robinson

Diese Biographie über Jean-François Champollion ist ein Zufallsfund aus einem modernen Antiquariat. Ursprünglich im Jahr 2012 erschienen versucht der Verlag Thames & Hudson anscheinend, die Restauflage aus dem Lager zu bekommen.

Der Autor Andrew Robinson kommt vom Fach. Er schreibt offenbar sehr gerne über Sprachen und Schriften, besonders über nicht entzifferte Schriften und verlorene Sprachen. Als ehemaliger Literary Editor beim Times Literary Supplement kann er wahrscheinlich auch schreiben.

Der Titel ist betont reißerisch: „Cracking the Egyptian code: The revolutionary life of Jean-François Champollion“. Als Brite hat man da sofort die Code-Brecher von Bletchley Park während des zweiten Weltkriegs vor Augen oder alternativ den Da Vinci-Code von Dan Brown.  Und revolutionär zieht ja immer.
Zeitlich passt das gut, denn Champollion lebte von 1790 bis 1832, also gerade während der ausgesprochen turbulenten Revolutionsjahrzehnte Frankreichs.

Die unverzichtbaren Lobpreisungen des Rücktitels sind nicht spektakulär und wahrscheinlich alle als Gefälligkeit den Beziehungen des Autors Andrew Robinson zu verdanken – kein Zitat jedenfalls ist einer echten Rezension entnommen: „spirited account of a fascinating subject“, „entertaining, higly readable and authoritative biography“, „at last a definitive biography of Champollion in English!“

Es hilft also nichts. Selber lesen. Selber entziffern.

Ein sehr lesbares Buch. Gut zwischendurch zu genießen. Für eine Biographie ungewohnt spannend. Findet eine ordentliche Balance zwischen zu technisch/detailliert gerade beim Entziffern der Hieroglyphen (nicht jeder möchte schließlich alles über die Eigenheiten des Ägyptischen wissen) und zu oberflächlich (warum es besonders schwierig war, möchte man schließlich schon erfahren). Fachformular setzt Robinson maßvoll ein und macht es auch für Laien einigermaßen nachvollziehbar.

Die definitive Biographie über Champollion ist dies allerdings wahrscheinlich nicht. Dafür tut sich Robinson mit allem Persönlichen und Zwischenmenschlichen zu schwer. Fast nichts erfährt man über die anscheinend nicht so gelingende Ehe von Champollion mit Rosine Blanc. Schemenhaft und etwas rätselhaft bleiben die Feindschaften zwischen Champollion und z.B. seinem ehemaligen Lehrer Silvestre de Sacy oder Joseph Fourier, dem Direktor der französischen Museen (also auch des Louvre). Auch über Champollion selbst, seine Gedanken, seinen Charakter hätte man (also ich zumindest) gerne mehr erfahren. Ein Mensch ist ja nicht nur, was er tut.

Gut immer wieder die Schilderung einzelner Szenen, kurzer Begebenheiten, ausgewählter Zitate. Ein Beispiel: Champollion hat gerade eigene Forschungsergebnisse zu den Hieroglyphen veröffentlicht und dabei alle Beiträge von Thomas Young (auf denen er wahrscheinlich aufgebaut hat) unerwähnt gelassen. Darauf der sehr feinfühlige, zwischenmenschlich kompetente Thomas Young:
„But, however Mr Champollion may have arrived at his conclusions, I admit them, with the greatest pleasure and gratitude, not by any means as superseding my system, but as fully confirming and extending it“.

Oder die Einschätzung Dominique-Vivant Denons, der Napoleon als Wissenschaftler nach Ägypten begleitet hatte und später Direktor des Louvre wurde, zum Tempel von Karnak:
„It is the pomp, then, of the Egyptians that we behold at Karnak, where are piled not only quarries but mountains, fashioned with massive proportions, and where the execution is feeble in outline and rude in the masonry; barbarous reliefs, and hieroglyphs without taste and without colouring, in a state only of coarse sculpture. There is nothing of the sublime, either in the dimensions or the executions of the work (…).”

Zuletzt legt man das Buch dann doch bereichert aus den Händen, erstaunt darüber, wie es die Rivalen Thomas Young und Jean-François Champollion sowie später vor allem Karl Richard Lepsius gelungen ist, tatsächlich die Hieroglyphen wieder lesbar zu machen. Sudoku (Variante: schwer) ist nichts dagegen. Hut ab vor einem Menschen, der sich schon als Teenager neben Griechisch, Latein und Hebräisch auch mit Syrisch, Koptisch, Äthiopisch auseinandergesetzt hat. Was für ein wundersames Wesen ist doch der Mensch.

 

 

Nonna. Thomas de Padova

Thomas de Padova war Eingeweihten bisher nur als Wissenschaftsjournalist beim Tagesspiegel und Verfasser lesbar geschriebener Sachbücher insbesondere über astronomische und andere naturwissenschaftliche Themen bekannt.

Jetzt hat er den Sprung in die Literatur und ins Autobiographische gewagt. Auch hier gelingt ihm das Schwimmen aufs Beste.

Der Klappentext verrät über den Inhalt von „Nonna“:
„Jeden Sommer verbrachte Thomas de Padova in einem Dorf am Meer in Apulien, Geburtsort seines Vaters, Großvaters und Urgroßvaters – drei Männer, die irgendwann aus Italien aufbrachen in die Welt. Seine Großmutter blieb. Jahr für Jahr erwartet sie ihn, still auf einem Stuhl sitzend, im Dunkel ihres Zimmers: eine alte, schwarz gekleidete Frau, die ohne Kühlschrank lebt. Warum hat der Großvater seine Frau immer behandelt, als existierte sie nicht? Was hat die beiden vor mehr als einem halben Jahrhundert aneinandergebunden?“

Mich hat das Buch sehr an das 1945 erschienene, ebenfalls autobiographische  Werk „Christus kam nur bis Eboli“ von Carlo Levi erinnert. Beide Bücher leben vom Kontrast zwischen einerseits dem eher Großstädtischen, Weltläufigen, Modernen, aus dem der Erzähler kommt, und dem Ländlich-Dörflichen, Provinziellen und Archaischem auf der anderen, in das er reist/reisen muss. In beiden Fällen wird weder das eine noch das andere als überlegen dargestellt. Der jeweilige Erzähler versucht das für ihn andere und Fremde zu begreifen und zu verstehen, ohne es sich aneignen zu wollen – höchstens vielleicht als Teil der eigenen Geschichte. Gemeinsam ist beiden Büchern auch die sehr ruhige, unprätentiöse Schreibweise, die den Leser in den Bann ziehen kann und die vielleicht auch gut zu dem Ländlich-Archaischen der Umgebung passt.

Eine Empfehlung meinerseits, besonders für sehr warme Sommertage wie in Apulien.

Colour Bar – A United Kingdom. Susan Williams

„Colour Bar“ von Susan William erzählt von einer großen Liebe, politischen Winkelzügen, Rassentrennung und der Entwicklung Afrikas. Wie der Umschlagtext verrät: „The true story of a love that shook an empire”.

Dieses Buch habe ich richtig gerne gelesen, weil es ganz gegensätzlichen Ansprüchen gerecht wird. Es ist unterhaltsam, in Teilen geradezu spannend und es zeichnet politisches Weltgeschehen mit all seinen widersprüchlichen Zielen im Detail nach. Thematischer Fokus ist die Kolonialgeschichte des südlichen Afrikas in der Zeit von den späten 1940er Jahren bis in die 60er Jahre. Im Auge des Sturm stehen das heutige Botswana und der Prinz einer der Bevölkerungsgruppen.

Die Liebesgeschichte

1947 verlieben sich in London der Erbe eines afrikanischen Reichs und eine Versicherungsangestellte in leitender Position ineinander. Ruth Williams und Seretse Khama heiraten gegen alle Widerstände. Die afrikanische Gruppe der Bangwato akzeptiert schließlich die Frau ihres designierten Königs. Aber Großbritannien sowie die Weißen in Südafrika, dem damaligen Süd-Rhodesien und dem damaligen Südwest-Afrika halten es für fatal, eine gemischte Ehe zu akzeptieren. Das Buch skizziert gut nachvollziehbar an seinen beiden Hauptfiguren die letztlich rassistische Grundhaltung in der westlichen Welt nach dem Ende des 2. Weltkriegs.

„He was the heir to an African Kingdom. She was a white English insurance clerk. When they met and fell in love, it would change the world. This is the inspiring true story of Seretse Khama and Ruth Williams, whose marriage send shockwaves through the establishment, defied an empire – and finally, triumphed over the prejudices of their age”, so der Klappentext.

Botswana

Sehr gut nachvollziehbar schildert „Colour Bar“, wie sich die Kolonial-Politik Großbritanniens stark an den Bedürfnissen Südafrikas orientierte. Auf Druck Südafrikas wurden politische Entscheidungen getroffen, die expliziten Zusagen gegenüber der schwarzen Bevölkerung in diesen Ländern entgegen liefen. Lügen, militärische Gewalt, Exil und Haftstrafen waren hierbei übliche Mittel. Im damaligen Bechuanaland-Protektorat verhinderten die Briten den rechtmäßigen und von der Bevölkerung gewünschten Thronnachfolger Seretse Khama. Wie er uns seine Frau nach England ins Exil gingen, er auf die Nachfolge verzichtete, um zurückkehren zu können, und schließlich erster Präsident des unabhängigen Botswana wurde, erzählt das Buch.

Apartheid versus Unabhängigkeit für afrikanische Länder

Der Autorin Susan Williams gelingt es weiterhin nachzuzeichnen, auf welche Weise sich Wertvorstellungen in der westlichen Welt langsam änderten und dazu führten, dass Südafrika mit seiner Apartheidspolitik zunehmend allein da stand, Kolonial-Mächte bereit waren, afrikanische Länder in die Unabhängigkeit zu entlassen und generell die Aufmerksamkeit geschärft wurde für Ungerechtigkeiten gegenüber einzelnen Bevölkerungsgruppen.

„Colour Bar“ sollte man gelesen haben. Für weitere Anregungen geht es hier zur Buchbesprechung des Guardian.

The Militant Muse – Love, War and the Women of Surrealism. Whitney Chadwick

“The Militant Muse” von Whitney Chadwick zeigt durch biografische Skizzen von acht Frauen, dass Surrealismus keine reine Männerdomäne war. Das ist ein großes Verdienst dieses Buchs.

The Militant Muse: Love, War and the Women of Surrealism

Ohne dieses Buch hätte ich einige dieser Künstlerinnen nicht kennengelernt: Claude Cahun, Suzanne Malherbe, Lee Miller, Valentine Penrose, Leonora Carrington, Leonor Fini, Frida Kahlo, Jacqueline Lamba (siehe Beispiel).

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Ungewöhnliche Frauen – interessante Künstlerinnen

Das Buch bietet einen faszinierenden Ausschnitt der Lebensentwürfe der Künstlerinnen zwischen den 1930er und 1950er Jahren. Das ist interessant und gut zu lesen, gerade auch deshalb, weil fast alles so nicht zum Allgemeinwissen gehört.

Besonders beeindruckt hat mich der biografische Abriss über Lee Miller. Miller sah als Fotografin den 2. Weltkrieg aus unmittelbarer Nähe. Ihre Fotos machten sie berühmt, setzten diese doch in ihrer Klarheit und Unmittelbarkeit neue Standards für die Kriegsberichtserstattung.

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Miller fand es nach Ende des Krieges nicht einfach, mit all dem Grauen, das sie gesehen hatte, zu leben. All ihre Fotos und Negative packte sie in Kisten. Ihr Sohn wuchs auf, ohne zu wissen, dass seine Mutter eine berühmte Fotografin war…

„The Militant Muse documents what it meant to be young, ambitious and female in the context of an avant-garde movement defined by celebrated men whose educational, philosophical and literary backgrounds were often quite different from those of their younger lovers and companions.” (Klappentext)

Erzählform

Die Lebensläufe zweier Frauen jeweils zusammen zu erzählen, ist eine interessante Methode. Noch besser als Chadwick haben dies meiner Auffassung diese Autorinnen getan

  • „Flappers“ über Frauen der 1920er Jahre von Judith Mackrell
  • „Shared Lives“ über junge Frauen, die in den 1950er Jahren in Südafrika aufwachsen von Lyndall Gorden
  • Doppelbiografie „Leni Riefenstahl und Marlene Dietrich“ von Karin Wielands

Surrealismus und…

Der große Rahmen Surrealismus wird von Chadwick als bekannt vorausgesetzt, seine berühmten Protagonisten – z. B. Max Ernst und André Breton – erhalten viele Buchstaben. Von der „Militant Muse“ hätte ich mir außerdem gewünscht, vom rein nacherzählten Biografischen auch einmal eine Zusammenfassung, ein Fazit, eine Conclusio auf abstrakter Ebene zu bekommen. Zum Beispiel hätte das Motiv der „Muse“ in der Geschichte der modernen Malerei und die damit verbundene Rollenerwartung an die Frauen mehr Hintergrund-Information und historische Einordnung vertragen. Ebenso wären die konkreten Gründe, die dafür sorgten, dass eine junge Künstlerin zwischen 1930 und 1950 erfolgreich wurde oder eben nicht, spannend gewesen. War es die Ausbildung, das Elternhaus, der Partner, die Persönlichkeit, der Zufall, das Geld…?

Nachdem ich das Buch beendet hatte, schien es mir, als hätte ich eine Materialzusammenstellung aus Inhalten gelesen, die bei anderen Anlässen irgendwie übrig geblieben waren…

In Search of Mary Shelley – The Girl Who Wrote Frankenstein. Fiona Sampson

Die junge Frau hinter dem Bestseller: Frankenstein, der aus Leichenteilen ein belebtes Wesen erschaffen hat, ist Teil unserer Grusel- und Horror-Geschichten-Kultur. Aber wer kennt heute Mary Shelley?

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Gelebt hat sie von 1797 bis 1851, war die Tochter der Feministin Mary Wollstonecraft und des revolutionären Philosophen William Godwin, zweier Berühmtheiten der intellektuellen Szene im England um 1800. Berühmt berüchtigt waren die Eltern nicht nur für ihre Publikationen, sondern auch für ihr unkonventionelles Leben. Hinter der außerordentlichen Bekanntheit von „Frankenstein“ tritt die Autorin Mary Shelley seltsam weit in den Hintergrund zurück. Die Gründe rekonstruiert Fiona Sampson in ihrer Biografie.

„Mary Shelley was a literary star. But too often she appears as little more than a bright spot being tracked as she moves from one location to another.”

Mit 16 Jahren von Zuhause ausgerissen

Auch vor 200 Jahren kann es kein reines Vergnügen gewesen sein, mit 16 Jahren zusammen mit einem verheirateten Mann, der seine schwangere Frau verlassen hat, auszureißen und dabei auch noch die Stiefschwester mitzunehmen. Mary Shelley, damals noch Mary Godwin, war dabei, ihren literarisch und philosophisch geprägten Traum von einem romantischen Dasein, losgelöst von der Konventionen der Gesellschaft, ins wirkliche Leben umzusetzen. So kam es, dass sie sich mit dem berüchtigten Poeten Percy Bysshe Shelley auf den Weg zum Kontinent machte. Die Motive beschreibt Fiona Sampson klug, einfühlsam und nachvollziehbar.

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Mit 19 Jahren einen Bestseller geschrieben

Sampson, Mitglied der Royal Society for Literature, beschreibt das Leben der jungen Mary Shelley in Europa: Geldmangel, Untreue von Percy Shelley, Tod von drei Kindern… In diesem Kontext schreibt sie einen Bestseller, der heute noch ethische Relevanz hat und mit Erfindung der Figuren des künstlich geschaffenen Menschen sowie des besessenen Wissenschaftlers unzählige Nachahmungen erfahren hat: „One reason the novel´s parable of created life lacks the slickness of later stories about robots (…) is surely that it is written by a woman. Mary cannot avoid knowing both that the creation of life is costly and that the resulting “animal” (contemporary for baby) is autonomous, volatile, the center of his or her own meaning.” 1818 erschien Mary Shelleys Roman “Frankenstein oder Der moderne Prometheus”.

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Mit 19 Jahren geheiratet, mit 25 Jahren Witwe

Mary Shelley lebte 29 Jahre lang als Witwe, nachdem Percy Shelley 1822 ums Leben gekommen war. Sampson geht in ihrer Biografie den Lebensweg der älter werdenden Shelley nach. Versucht nachzuzeichnen, wie Ideale und Realitäten aufeinanderprallen. Sie endet ihr Buch mit dem Bild einer zunehmend kranken Frau, die aufgehört hat zu schreiben.

Die Biografie von Sampson findet große Beachtung. Besprechungen durch Zeitungen finden sich zum Beispiel: