Wie der Hieroglyphencode geknackt wurde: Das revolutionäre Leben des Jean-François Champollion. Andrew Robinson

Diese Biographie über Jean-François Champollion ist ein Zufallsfund aus einem modernen Antiquariat. Ursprünglich im Jahr 2012 erschienen versucht der Verlag Thames & Hudson anscheinend, die Restauflage aus dem Lager zu bekommen.

Der Autor Andrew Robinson kommt vom Fach. Er schreibt offenbar sehr gerne über Sprachen und Schriften, besonders über nicht entzifferte Schriften und verlorene Sprachen. Als ehemaliger Literary Editor beim Times Literary Supplement kann er wahrscheinlich auch schreiben.

Der Titel ist betont reißerisch: „Cracking the Egyptian code: The revolutionary life of Jean-François Champollion“. Als Brite hat man da sofort die Code-Brecher von Bletchley Park während des zweiten Weltkriegs vor Augen oder alternativ den Da Vinci-Code von Dan Brown.  Und revolutionär zieht ja immer.
Zeitlich passt das gut, denn Champollion lebte von 1790 bis 1832, also gerade während der ausgesprochen turbulenten Revolutionsjahrzehnte Frankreichs.

Die unverzichtbaren Lobpreisungen des Rücktitels sind nicht spektakulär und wahrscheinlich alle als Gefälligkeit den Beziehungen des Autors Andrew Robinson zu verdanken – kein Zitat jedenfalls ist einer echten Rezension entnommen: „spirited account of a fascinating subject“, „entertaining, higly readable and authoritative biography“, „at last a definitive biography of Champollion in English!“

Es hilft also nichts. Selber lesen. Selber entziffern.

Ein sehr lesbares Buch. Gut zwischendurch zu genießen. Für eine Biographie ungewohnt spannend. Findet eine ordentliche Balance zwischen zu technisch/detailliert gerade beim Entziffern der Hieroglyphen (nicht jeder möchte schließlich alles über die Eigenheiten des Ägyptischen wissen) und zu oberflächlich (warum es besonders schwierig war, möchte man schließlich schon erfahren). Fachformular setzt Robinson maßvoll ein und macht es auch für Laien einigermaßen nachvollziehbar.

Die definitive Biographie über Champollion ist dies allerdings wahrscheinlich nicht. Dafür tut sich Robinson mit allem Persönlichen und Zwischenmenschlichen zu schwer. Fast nichts erfährt man über die anscheinend nicht so gelingende Ehe von Champollion mit Rosine Blanc. Schemenhaft und etwas rätselhaft bleiben die Feindschaften zwischen Champollion und z.B. seinem ehemaligen Lehrer Silvestre de Sacy oder Joseph Fourier, dem Direktor der französischen Museen (also auch des Louvre). Auch über Champollion selbst, seine Gedanken, seinen Charakter hätte man (also ich zumindest) gerne mehr erfahren. Ein Mensch ist ja nicht nur, was er tut.

Gut immer wieder die Schilderung einzelner Szenen, kurzer Begebenheiten, ausgewählter Zitate. Ein Beispiel: Champollion hat gerade eigene Forschungsergebnisse zu den Hieroglyphen veröffentlicht und dabei alle Beiträge von Thomas Young (auf denen er wahrscheinlich aufgebaut hat) unerwähnt gelassen. Darauf der sehr feinfühlige, zwischenmenschlich kompetente Thomas Young:
„But, however Mr Champollion may have arrived at his conclusions, I admit them, with the greatest pleasure and gratitude, not by any means as superseding my system, but as fully confirming and extending it“.

Oder die Einschätzung Dominique-Vivant Denons, der Napoleon als Wissenschaftler nach Ägypten begleitet hatte und später Direktor des Louvre wurde, zum Tempel von Karnak:
„It is the pomp, then, of the Egyptians that we behold at Karnak, where are piled not only quarries but mountains, fashioned with massive proportions, and where the execution is feeble in outline and rude in the masonry; barbarous reliefs, and hieroglyphs without taste and without colouring, in a state only of coarse sculpture. There is nothing of the sublime, either in the dimensions or the executions of the work (…).”

Zuletzt legt man das Buch dann doch bereichert aus den Händen, erstaunt darüber, wie es die Rivalen Thomas Young und Jean-François Champollion sowie später vor allem Karl Richard Lepsius gelungen ist, tatsächlich die Hieroglyphen wieder lesbar zu machen. Sudoku (Variante: schwer) ist nichts dagegen. Hut ab vor einem Menschen, der sich schon als Teenager neben Griechisch, Latein und Hebräisch auch mit Syrisch, Koptisch, Äthiopisch auseinandergesetzt hat. Was für ein wundersames Wesen ist doch der Mensch.

 

 

Nonna. Thomas de Padova

Thomas de Padova war Eingeweihten bisher nur als Wissenschaftsjournalist beim Tagesspiegel und Verfasser lesbar geschriebener Sachbücher insbesondere über astronomische und andere naturwissenschaftliche Themen bekannt.

Jetzt hat er den Sprung in die Literatur und ins Autobiographische gewagt. Auch hier gelingt ihm das Schwimmen aufs Beste.

Der Klappentext verrät über den Inhalt von „Nonna“:
„Jeden Sommer verbrachte Thomas de Padova in einem Dorf am Meer in Apulien, Geburtsort seines Vaters, Großvaters und Urgroßvaters – drei Männer, die irgendwann aus Italien aufbrachen in die Welt. Seine Großmutter blieb. Jahr für Jahr erwartet sie ihn, still auf einem Stuhl sitzend, im Dunkel ihres Zimmers: eine alte, schwarz gekleidete Frau, die ohne Kühlschrank lebt. Warum hat der Großvater seine Frau immer behandelt, als existierte sie nicht? Was hat die beiden vor mehr als einem halben Jahrhundert aneinandergebunden?“

Mich hat das Buch sehr an das 1945 erschienene, ebenfalls autobiographische  Werk „Christus kam nur bis Eboli“ von Carlo Levi erinnert. Beide Bücher leben vom Kontrast zwischen einerseits dem eher Großstädtischen, Weltläufigen, Modernen, aus dem der Erzähler kommt, und dem Ländlich-Dörflichen, Provinziellen und Archaischem auf der anderen, in das er reist/reisen muss. In beiden Fällen wird weder das eine noch das andere als überlegen dargestellt. Der jeweilige Erzähler versucht das für ihn andere und Fremde zu begreifen und zu verstehen, ohne es sich aneignen zu wollen – höchstens vielleicht als Teil der eigenen Geschichte. Gemeinsam ist beiden Büchern auch die sehr ruhige, unprätentiöse Schreibweise, die den Leser in den Bann ziehen kann und die vielleicht auch gut zu dem Ländlich-Archaischen der Umgebung passt.

Eine Empfehlung meinerseits, besonders für sehr warme Sommertage wie in Apulien.

Colour Bar – A United Kingdom. Susan Williams

„Colour Bar“ von Susan William erzählt von einer großen Liebe, politischen Winkelzügen, Rassentrennung und der Entwicklung Afrikas. Wie der Umschlagtext verrät: „The true story of a love that shook an empire”.

Dieses Buch habe ich richtig gerne gelesen, weil es ganz gegensätzlichen Ansprüchen gerecht wird. Es ist unterhaltsam, in Teilen geradezu spannend und es zeichnet politisches Weltgeschehen mit all seinen widersprüchlichen Zielen im Detail nach. Thematischer Fokus ist die Kolonialgeschichte des südlichen Afrikas in der Zeit von den späten 1940er Jahren bis in die 60er Jahre. Im Auge des Sturm stehen das heutige Botswana und der Prinz einer der Bevölkerungsgruppen.

Die Liebesgeschichte

1947 verlieben sich in London der Erbe eines afrikanischen Reichs und eine Versicherungsangestellte in leitender Position ineinander. Ruth Williams und Seretse Khama heiraten gegen alle Widerstände. Die afrikanische Gruppe der Bangwato akzeptiert schließlich die Frau ihres designierten Königs. Aber Großbritannien sowie die Weißen in Südafrika, dem damaligen Süd-Rhodesien und dem damaligen Südwest-Afrika halten es für fatal, eine gemischte Ehe zu akzeptieren. Das Buch skizziert gut nachvollziehbar an seinen beiden Hauptfiguren die letztlich rassistische Grundhaltung in der westlichen Welt nach dem Ende des 2. Weltkriegs.

„He was the heir to an African Kingdom. She was a white English insurance clerk. When they met and fell in love, it would change the world. This is the inspiring true story of Seretse Khama and Ruth Williams, whose marriage send shockwaves through the establishment, defied an empire – and finally, triumphed over the prejudices of their age”, so der Klappentext.

Botswana

Sehr gut nachvollziehbar schildert „Colour Bar“, wie sich die Kolonial-Politik Großbritanniens stark an den Bedürfnissen Südafrikas orientierte. Auf Druck Südafrikas wurden politische Entscheidungen getroffen, die expliziten Zusagen gegenüber der schwarzen Bevölkerung in diesen Ländern entgegen liefen. Lügen, militärische Gewalt, Exil und Haftstrafen waren hierbei übliche Mittel. Im damaligen Bechuanaland-Protektorat verhinderten die Briten den rechtmäßigen und von der Bevölkerung gewünschten Thronnachfolger Seretse Khama. Wie er uns seine Frau nach England ins Exil gingen, er auf die Nachfolge verzichtete, um zurückkehren zu können, und schließlich erster Präsident des unabhängigen Botswana wurde, erzählt das Buch.

Apartheid versus Unabhängigkeit für afrikanische Länder

Der Autorin Susan Williams gelingt es weiterhin nachzuzeichnen, auf welche Weise sich Wertvorstellungen in der westlichen Welt langsam änderten und dazu führten, dass Südafrika mit seiner Apartheidspolitik zunehmend allein da stand, Kolonial-Mächte bereit waren, afrikanische Länder in die Unabhängigkeit zu entlassen und generell die Aufmerksamkeit geschärft wurde für Ungerechtigkeiten gegenüber einzelnen Bevölkerungsgruppen.

„Colour Bar“ sollte man gelesen haben. Für weitere Anregungen geht es hier zur Buchbesprechung des Guardian.

The Militant Muse – Love, War and the Women of Surrealism. Whitney Chadwick

“The Militant Muse” von Whitney Chadwick zeigt durch biografische Skizzen von acht Frauen, dass Surrealismus keine reine Männerdomäne war. Das ist ein großes Verdienst dieses Buchs.

The Militant Muse: Love, War and the Women of Surrealism

Ohne dieses Buch hätte ich einige dieser Künstlerinnen nicht kennengelernt: Claude Cahun, Suzanne Malherbe, Lee Miller, Valentine Penrose, Leonora Carrington, Leonor Fini, Frida Kahlo, Jacqueline Lamba (siehe Beispiel).

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Ungewöhnliche Frauen – interessante Künstlerinnen

Das Buch bietet einen faszinierenden Ausschnitt der Lebensentwürfe der Künstlerinnen zwischen den 1930er und 1950er Jahren. Das ist interessant und gut zu lesen, gerade auch deshalb, weil fast alles so nicht zum Allgemeinwissen gehört.

Besonders beeindruckt hat mich der biografische Abriss über Lee Miller. Miller sah als Fotografin den 2. Weltkrieg aus unmittelbarer Nähe. Ihre Fotos machten sie berühmt, setzten diese doch in ihrer Klarheit und Unmittelbarkeit neue Standards für die Kriegsberichtserstattung.

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Miller fand es nach Ende des Krieges nicht einfach, mit all dem Grauen, das sie gesehen hatte, zu leben. All ihre Fotos und Negative packte sie in Kisten. Ihr Sohn wuchs auf, ohne zu wissen, dass seine Mutter eine berühmte Fotografin war…

„The Militant Muse documents what it meant to be young, ambitious and female in the context of an avant-garde movement defined by celebrated men whose educational, philosophical and literary backgrounds were often quite different from those of their younger lovers and companions.” (Klappentext)

Erzählform

Die Lebensläufe zweier Frauen jeweils zusammen zu erzählen, ist eine interessante Methode. Noch besser als Chadwick haben dies meiner Auffassung diese Autorinnen getan

  • „Flappers“ über Frauen der 1920er Jahre von Judith Mackrell
  • „Shared Lives“ über junge Frauen, die in den 1950er Jahren in Südafrika aufwachsen von Lyndall Gorden
  • Doppelbiografie „Leni Riefenstahl und Marlene Dietrich“ von Karin Wielands

Surrealismus und…

Der große Rahmen Surrealismus wird von Chadwick als bekannt vorausgesetzt, seine berühmten Protagonisten – z. B. Max Ernst und André Breton – erhalten viele Buchstaben. Von der „Militant Muse“ hätte ich mir außerdem gewünscht, vom rein nacherzählten Biografischen auch einmal eine Zusammenfassung, ein Fazit, eine Conclusio auf abstrakter Ebene zu bekommen. Zum Beispiel hätte das Motiv der „Muse“ in der Geschichte der modernen Malerei und die damit verbundene Rollenerwartung an die Frauen mehr Hintergrund-Information und historische Einordnung vertragen. Ebenso wären die konkreten Gründe, die dafür sorgten, dass eine junge Künstlerin zwischen 1930 und 1950 erfolgreich wurde oder eben nicht, spannend gewesen. War es die Ausbildung, das Elternhaus, der Partner, die Persönlichkeit, der Zufall, das Geld…?

Nachdem ich das Buch beendet hatte, schien es mir, als hätte ich eine Materialzusammenstellung aus Inhalten gelesen, die bei anderen Anlässen irgendwie übrig geblieben waren…

In Search of Mary Shelley – The Girl Who Wrote Frankenstein. Fiona Sampson

Die junge Frau hinter dem Bestseller: Frankenstein, der aus Leichenteilen ein belebtes Wesen erschaffen hat, ist Teil unserer Grusel- und Horror-Geschichten-Kultur. Aber wer kennt heute Mary Shelley?

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Gelebt hat sie von 1797 bis 1851, war die Tochter der Feministin Mary Wollstonecraft und des revolutionären Philosophen William Godwin, zweier Berühmtheiten der intellektuellen Szene im England um 1800. Berühmt berüchtigt waren die Eltern nicht nur für ihre Publikationen, sondern auch für ihr unkonventionelles Leben. Hinter der außerordentlichen Bekanntheit von „Frankenstein“ tritt die Autorin Mary Shelley seltsam weit in den Hintergrund zurück. Die Gründe rekonstruiert Fiona Sampson in ihrer Biografie.

„Mary Shelley was a literary star. But too often she appears as little more than a bright spot being tracked as she moves from one location to another.”

Mit 16 Jahren von Zuhause ausgerissen

Auch vor 200 Jahren kann es kein reines Vergnügen gewesen sein, mit 16 Jahren zusammen mit einem verheirateten Mann, der seine schwangere Frau verlassen hat, auszureißen und dabei auch noch die Stiefschwester mitzunehmen. Mary Shelley, damals noch Mary Godwin, war dabei, ihren literarisch und philosophisch geprägten Traum von einem romantischen Dasein, losgelöst von der Konventionen der Gesellschaft, ins wirkliche Leben umzusetzen. So kam es, dass sie sich mit dem berüchtigten Poeten Percy Bysshe Shelley auf den Weg zum Kontinent machte. Die Motive beschreibt Fiona Sampson klug, einfühlsam und nachvollziehbar.

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Mit 19 Jahren einen Bestseller geschrieben

Sampson, Mitglied der Royal Society for Literature, beschreibt das Leben der jungen Mary Shelley in Europa: Geldmangel, Untreue von Percy Shelley, Tod von drei Kindern… In diesem Kontext schreibt sie einen Bestseller, der heute noch ethische Relevanz hat und mit Erfindung der Figuren des künstlich geschaffenen Menschen sowie des besessenen Wissenschaftlers unzählige Nachahmungen erfahren hat: „One reason the novel´s parable of created life lacks the slickness of later stories about robots (…) is surely that it is written by a woman. Mary cannot avoid knowing both that the creation of life is costly and that the resulting “animal” (contemporary for baby) is autonomous, volatile, the center of his or her own meaning.” 1818 erschien Mary Shelleys Roman “Frankenstein oder Der moderne Prometheus”.

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Mit 19 Jahren geheiratet, mit 25 Jahren Witwe

Mary Shelley lebte 29 Jahre lang als Witwe, nachdem Percy Shelley 1822 ums Leben gekommen war. Sampson geht in ihrer Biografie den Lebensweg der älter werdenden Shelley nach. Versucht nachzuzeichnen, wie Ideale und Realitäten aufeinanderprallen. Sie endet ihr Buch mit dem Bild einer zunehmend kranken Frau, die aufgehört hat zu schreiben.

Die Biografie von Sampson findet große Beachtung. Besprechungen durch Zeitungen finden sich zum Beispiel:

 

 

Samuel Johnson: A life. David Nokes

Der unbekannte Berühmte (neudeutsch: „hidden champion“, oder so ähnlich)
Samuel Johnson ist in Deutschland eher weniger bekannt. Dabei ist er, wie Wikipedia bemerkt, nach William Shakespeare der meistzitierte englische Autor überhaupt.

Schaut man in die deutschen Bücherverzeichnisse, so finden sich zwei Einträge. Von Johnson selbst: „Reisen nach den westlichen Inseln bei Schottland“, passend zur Schottland-Reise-Begeisterung der Deutschen und zu Mendelssohn Bartholdy (3. Symphonie: Die Schottische; Hebriden-Ouvertüre). Und die Biographie über Johnson von James Boswell. Ansonsten Fehlanzeige.

Woran liegt’s?
Vielleicht daran, dass Johnson sich aufs Englische an sich konzentriert hat. Neben seinem erwähnten Werk über die Schottlandreise ist er (in Großbritannien) berühmt für sein Wörterbuch des Englischen und für seine Kurzbiographien über englische Dichter. Das muss einen, wenn man nicht gerade Anglistik zu seinem Fach gemacht hat, nicht hinter dem Ofen vorholen. Und seine Essays für diverse Zeitschriften wie den „Rambler“ oder „Gentleman’s Magazine“ schaffen das dann auch nicht.
Auch reisend hat er nicht viel mit dem europäischen Kontinent zu schaffen gehabt. Nach Frankreich ist er einmal gekommen und war nicht begeistert.

Warum sollte sich das jetzt ändern?
Nein, auch ich finde, man muss das Wörterbuch nicht haben oder gar lesen. Auch lege ich mich nicht für seine Kurzbiographien ins Zeug.

Andererseits ist Johnson nicht zu unrecht vor allem durch Biographien über ihn, wie die von Boswell (siehe oben), berühmt. Und da ist er beeindruckend vielschichtig, selbst-reflektiert, voller Komplexe, völlig unheroisch menschlich, erfrischend exzentrisch, zitierfähig pointiert. Wichtig dabei: Nicht, was er getan hat, zeichnet ihn aus (und er war eher faul; sein Leben nicht sehr ereignisreich), sondern das, was er gedacht und gesagt hat. Ein intellektueller Normalmensch, ein Mensch der Rationalität, der mit seinem Unterbewussten, seinen Gewohnheiten, seinen sozialen Schwächen Probleme hatte und nicht recht klar kam. Jedes Jahr mindestens zweimal (Silvester und Ostern) nahm er sich vor, früh aufzustehen, nicht zu trödeln und ein anständiger Mensch zu werden. Gebracht hat das nichts. Fand er auch.

Und die Biographie von Nokes?
Ist gut, lesenswert, aktuell, da veröffentlicht in 2009. Sehr sensibel für die Nuancen von Johnsons Charakter, nicht zu detailverliebt, genügend zeitgeschichtlicher Hintergrund, eher flott geschrieben, sicherlich nicht reißerisch oder klatschsüchtig. Also sehr anders als Boswell. Und damit eine gute Ergänzung oder eine gute Alternative.
Nokes, der auch im Jahr 2009 starb (sehr lesenswerter Nachruf im Guardian!), war ein sehr einflussreicher Anglist: „his interest in people, in verse forms, in literary friendships and the influence of human forces demonstrated critical tact that was sensitive to historical conditions, in part because he refused to follow fashion. The clarity of his own prose accommodated touches of wit and elegance, but his foremost concern, in his biographies and his numerous lucid reviews, was to do justice to his subject, without egotism.“

David Nokes

Beispiele für den zitierfähigen Johnson?
Johnson war kein Freund der Sklaverei (er hinterließ auch einen Großteil seines Vermögens einem ehemaligen Sklaven) und auch sonst kein Fan von Hierarchien oder Macht insgesamt. Ein sehr britisch-ironisches Zitat von Johnson:
„(…) as we have not only animals for food, but choose some for our diversion, the same privilege may be allowed to some beings above us, who may deceive, torment, or destroy us for the ends only of their own pleasure or utility…. Some of them, perhaps, are virtuosi, and delight in the operations of an asthma, as a human philosopher in the effects of an air pump. To swell a man with a tympany is as good a sport as to blow a frog.“

Oder eine Passage über die sogenannten metaphysischen Dichter, zu denen Dichter wie Donne oder Cowley gezählt wurden:
„The metaphysical poets were men of learning, and to shew their learning was their whole endeavour; but, unluckily resolving to shew it in rhyme, instead of writing poetry, they wrote verses, and very often such verses as stood the trial of the finger better than of the ear; for the modulation was so imperfect, that they were only found to be verses by counting the syllables.
(…) Their thoughts are often new, bat seldom natural; they are not obvious, but neither are they just; and the reader, far from wondering that he missed them, wonders more frequently by what perverseness of industry they were ever found (…) The most heterogeneous ideas are yoked by violence together; nature and art are ransacked for illustrations, comparisons, and allusions; their learning instructs, and their subtility surprises; but the reader commonly thinks his improvement dearly bought, and, though he sometimes admires, is seldom pleased.“

Womit deutlich wird, dass es kein Lebensziel von Johnson war, möglichst viele Freunde zu haben, sondern zu sagen, was er denkt.

Snowdon: the biography. Anne de Courcy

Dieses ist das zweite Buch von de Courcy, das wir in diesem Blog besprechen. Das erste, „The fishing fleet„, kam sehr positiv weg. Das zweite, über den britischen Fotografen, Jetsetter und Prinzessinnen-Gatten Lord Snowdon, früher geschrieben, hat es nicht so gut.

Positive Nachricht: Spätere Bücher von de Courcy sind besser als frühere – da hat sich die Autorin positiv entwickelt.

Snowdon
Lord Snowdon (*1930, †2017), oder auch: Antony Armstrong-Jones, first Earl of Snowdon und später Baron Armstrong-Jones of Nymans war ein bahnbrechender britischer Fotograf, ein versierter Designer, setzte sich insbesondere in den späteren Jahrzehnten seines Lebens sehr für ein besseres Leben von behinderten Menschen ein, förderte als Provost des Royal College of Arts die bildende Kunst, hatte immer großes Interesse an Frauen, war mit allen Größen des britisch-amerikanischen Jetsets bekannt, lebte gerne mal ohne Bad und Zentralheizung, aber auch mal mit allen Extras und Personal, und war mit Princess Margaret, der Schwester von Königin Elizabeth II., bis zur Scheidung verheiratet. Er war sehr mit sich beschäftigt und auf sich fokussiert, tat sich mit dauerhaften engen Beziehungen schwer, setzte sich selbstlos für andere Menschen ein, war – wenn er wollte – Charme in Person.

Was immer er tat, tat er mit voller Überzeugung, voller Energie, vollem Risiko und oft vollem Erfolg.

Einen guten Überblick über die verschiedenen widersprüchlichen Facetten dieses Menschen gibt auch ein Nachruf des BBC.

Die Biographie
Fast immer ein schlechtes Zeichen, wenn Biographie mit einem bestimmten Artikel zu „DIE Biographie“ verbunden wird.
Noch gefährlicher: Wenn in den Acknowledgments ein Satz auftaucht wie „It only remains to add not only my admiration but also my affection“ für die Person, über die geschrieben wird….
… und wenn diese Person noch lebt.

Positiv:
Snowdon ist nicht nur Licht oder nur Schatten in dieser Biographie, sondern eine realistische Kombination aus beidem. Wie der Guardian in seiner wirklich guten Rezension des Buchs schrieb: „(…) it is impossible here to convey the combination of high society and low morals, of frightfully good tase and awful cheese that de Courcy has managed to dish up.“
Auch schreibt de Courcy durchaus lebhaft und wählt die geschilderten Anekdoten und Zitate recht geschickt aus. Beispiel: Snowdon und Prinzessin beim Sonnenbaden auf reflektierender Folie, um möglichst gleichmäßig zu bräunen – Snowdon, der für seine Ehe-Prinzessin eine Liste findbar liegen lässt „things I hate about you“.

Anstrengend dagegen:
Die Biographie bleibt sehr an der Oberfläche, im Anekdotischen. Es gibt letztlich keine Passage, die ähnlich geschrieben nicht auch in eine einschlägige Gesellschafts-Zeitschrift gepasst hätte. Typisch hierfür die gelegentlichen Fußnoten wie „Nephew of the Prime Minister Sir Alec Douglas-Home (later the 14th Earl of Home) and his brother the playwright William Douglas-Home“ mit ihrem Fokus auf Einträge in Burkes Peerage.
Über mehr als 300 Seiten kann das ermüden, wenn man nicht sowieso Abos solcher Zeitschriften hat und sie immer von vorne bis hinten liest (wobei die Zeitschriften ja meist mehr auf Bilder fokussieren….).

In Summe: Wer sich für eine Fallstudie von Eitelkeit interessiert, liegt hier in jeder Hinsicht richtig.

 

 

Wer war Ingeborg Bachmann? Ina Hartwig

Diese Biografie zur berühmten Dichterin und Roman-Autorin ist eine in Bruchstücken. So auch der Untertitel.

Was leistet diese Biografie?

Ausgehend von einem ikonografischen Foto der Bachmann richtet Ina Hartwig ihre Aufmerksamkeit auf verschiedene Aspekte des Lebens von Ingeborg Bachmann explizit ohne Anspruch auf Vollständigkeit oder Konsistenz. Fotos aus unterschiedlichen Jahren bereichern und pointieren die gewählte biografische Form: da gibt es das Mädchen, die Diva, die Dame von Welt, die Scheue, die Selbstbewusste, die Kranke. Bachmann gehört nicht zu meinen erklärten Lieblingsautorinnen, dennoch habe ich diese Biografie außerordentlich genossen.

Biografische Phasen

Hartwig wählt zum Beispiel die Gerüchte um den Tod Bachmanns als historischen Anker, ebenso ihre Liebesgeschichte mit Paul Celan und ihr Leben als Stipendiatin im Berlin der 1960er Jahre:

  • Krieg am Sterbebett
  • Der Mann mit dem Mohn
  • Berlin, Germany

Themen

Politisches Engagement sowie eine Reise in den Orient und das Thema „Vater“ nutzt Hartwig für weitere Schlaglichter auf Ingeborg Bachmann in den Kapiteln

  • Körperwerk der Politik
  • Orgie und Heilung
  • Guter Vater, böser Vater

„Ingeborg Bachmann gilt als weltentrückte „Schmerzensfrau“ der deutschsprachigen Literatur. Auf solches Raunen verlässt sich Ina Hartwig nicht. In ihrer neuen Biografie über die Schriftstellerin wird sie erfrischend konkret – ihr Buch ist ein anekdotenreiches Zeitpanorama. „Wer war Ingeborg Bachmann?“ – mit diesem bodenständigen, äußerst unaufgeregten Titel gibt die Biografin Ina Hartwig die Richtung an: Fern von allem Pathos zeichnet die Publizistin und Kritikerin die Lebensstationen der österreichischen Dichterin nach. Und dieser Blick tut gut bei einer Autorin, bei der es die Mythenbildung leicht hatte: Bachmanns kometenhafter Aufstieg in den Fünfzigerjahren, ihre glamourösen Auftritte, ihre Beziehungen zu Paul Celan und Max Frisch und ihr rätselhafter Tod 1973 waren jahrzehntelang die Grundlage für immer neue Projektionen.“ (Quelle Deutschlandfunk Kultur)

Erinnerungen von Zeitzeugen

Hartwig leistet sich bruchstückhaftes Erzählen, sie nimmt sich selbst interpretatorisch zurück. Das gelingt und ist interessant, da sie Erinnerungen von Zeitzeugen verwendet, deren hohe Subjektivität sie bewusst einsetzt, um so das widerspruchsvolle Bild von „der Bachmann“ zu entwickeln:

  • Ein Kritiker
  • Gespräche mit Zeitzeugen

Methodisch ähnlich, jedoch als Biografie einer Gruppe junger Frauen geht Lyndall Gordon in „Shared Lives“ vor.

NEU: Jane Austen – die besten Bücher über sie

Neu in Buch-und-Sofa

Unter „Die besten Bücher…“, unserer Zusammenstellung von guten Büchern zu bestimmten Themen, gibt es nun auch Empfehlungen von Büchern über Jane Austen.

Jane Austen and Representations of Regency England

Hat Jane Austen nur romantische Liebesgeschichten geschrieben?

Hat sie nicht. Der Wert des Geldes, die Rolle von Krieg, die Wahlmöglichkeiten von Frauen und vieles andere mehr sind ebenfalls ihre Themen. Kluge und nachdenkliche Bücher zu ihrem Werk zeigen, wie komplex, professionell, humorvoll, wie boshaft die Autorin schreib.

War Jane Austen eine weltfremde Dame der höheren Gesellschaft?

War sie nicht. Das Image der zurückgezogenen, feinen, bescheidenen, religiösen und ganz in der weiblichen Rolle aufgehenden Frau war eines, an dem nach Austens Tod ihre Verwandten heftig gefeilt haben.

Weshalb heute noch Jane Austen lesen?

Aus formalen wie aus historischen Gründen. Und aus reinem Vergnügen. Ihre Texte sind von außerordentlicher Qualität, sie hat Erzähl-Methoden erfunden, die wir heute für selbstverständlich halten. Ihre Texte spiegeln eine interessante historische Phase. Jane Austen lesen macht Spaß.

Unsere Buch-Besprechungen zu Jane Austen gibt es hier…

Jane Austen at Home. Lucy Worsley

Diese neue Biografie zu Jane Austen nimmt ihr Alltagsleben in den Fokus.

 

Wie haben Frauen um 1800 gelebt, wenn sie sich zur besseren Gesellschaft zugehörig fühlten, das Geld aber nicht hatten, um einen entsprechenden Lebensstil zu pflegen? Wie war das Leben zu einer Zeit, in der äußere Details ganz genau für alle nachvollziehbar zeigten, wie gut oder schlecht es um die eigenen finanziellen Verhältnisse aussah? Hierbei gelingt es Worsley, Jane Austens Leben über die Distanz von 200 Jahren verständlich zu machen, ohne diese Distanz naiv zu übersehen.

„While I´ll try to put Jane back into her social class and time, I must admit that I also write as a signed-up „Janeite“(…). Jane´s passage through life, so smooth on the surface, seems sharply marked by closed doors, routes she could not take, choices she could not make.”

Unverheiratete Frau ohne eigenes Einkommen

Jane Austen entschied sich, nicht zu heiraten. Warum? Angebote hatte sie. Worsley beschreibt, wie Austen im eigenen unmittelbaren Umfeld immer wieder sah, wie verheiratete Frauen ein Kind nach dem anderen bekamen, viele von ihnen während einer dieser Geburten starben. Heiraten, so deutet Worsley an, war weit davon entfernt, eine glückliche finanzielle Absicherung zu sein: Der Preis konnte extreme körperliche Belastung sein oder der Tod.

Als unverheiratete Frau ohne ausreichendes eigenes Auskommen war Austen Zeit ihres Lebens von Entscheidungen anderer abhängig und davon, dass Verwandte bereit waren, ihren Lebensunterhalt zu bezahlen. Unabhängigkeit war unter diesen Rahmenbedingungen nicht möglich, Spielräume waren klein. Und es musste um sie gerungen werden. Eine Konsequenz bestand für Austen darin, in mehreren Phasen ihres Lebens kein Zuhause zu haben. So wird nachvollziehbar, warum das fehlende Zuhause, Verlust und Sehnsucht nach einem eigenen Zuhause in ihrem Werk an vielen Stellen thematisiert wird.

Alltagsleben – alltägliche Lebensumstände

Die Autorin zeigt die alltäglichen Umstände im Leben von Jane Austen und spürt mit detektivischem Sinn der Frage nach, wie es der Schriftstellerin möglich war, neben all den Pflichten als Tochter, Schwester, Tante überhaupt zu schreiben. Sie malt das Bild einer entschlossenen, oft bissigen Frau, einer ausgezeichneten Beobachterin, die durch ihren Vater stark gefördert wurde. Deren Verwandtschaft sie schätzte, jedoch nicht recht einsehen mochte, eine Schriftstellerin in ihren Reihen zu haben, deren Werke ein außerordentliches Niveau hatten.

„A sad life, a life of struggle, is at odds with the first impressions given by her books: of a country parsonage on a sunny morning, with roses round the door, a spirited heroine about to meet her life-partner, a fresh romance about to unfold…”.

Bildergebnis für Lucy Worsley

Die Historikerin Lucy Worsley veröffentlichte außerdem: “Cavalier – The Story of a Seventeenth Century Playboy”, “Courtiers – The Secret History of Kensington Palace”, “If Walls Could Talk – An Intimate History of Your Home” und “A very British Murder” sowie die Romane “Eliza Rose” und “My Name is Victoria”.

Diese anderen Bücher zu Jane Austen haben wir bereits in Buch und Sofa besprochen…