Library: An Unquiet History. Matthew Battles

Viele interessante Geschichten und Anekdoten zur Geschichte der Bibliothek und Bedeutung von Büchern, die ich noch nicht kannte – auch durchaus interessant und unterhaltsam geschrieben – dennoch kein enthusiastisches „Das Buch sollte man gelesen haben“.

Zunächst die guten Seiten:
Gleich als Leseprobe eine Partie zu den Büchern, die mittelalterliche Bibliotheken in Europa im Fundus hatten:
„Augustine’s works make up the bulk of the typical medieval library – after the Bible, of course. (…) The preponderance of Augustine’s books (…) strikes the modern reader as fairly preposterous: (…) observes that ‚the library of Lorsch in the tenth century had 98 volumes of Augustine out of a total of 590 (…), and the monastery of St. Maurice at Naumburg at the same period had 98 manuscipts of Augustine out of 184 in the Library.'“

Andere Beispiele faszinierendern Geschichten: Die Bedeutung von Robert Bentley oder auch Melvil Dewey für die Entwicklung der Rolle von Bibliothek und Bibliothekar; die Zerstörung der Bibliothek von Löwen durch die deutsche Armee im ersten und zweiten Weltkrieg; eine Blütezeit der Universitäten während der muslimischen Umayyaden und Abbasiden. Hierzu auch ein kurzes Zitat:
„According to the historian Ibn al-Abar, the catalog of al-Hakim’s library (Anmerkung: in Cordoba) ran to forty-four volumes, and the books themselves numbered between 400,000 and 600,000 – two or three books for every house in the city, and a stunning achievement at a time when even the largest European libraries numbered in the mere hundreds of volumes.“

Und auf der kritischen Seite?

Vielleicht bin ich nicht enthusiastisch, weil manche Geschichte zu lang erzählt wird, wie zum Beispiel die über den „Kampf der Bücher“ bei Jonathan Swift/William Temple. Oder es hat damit zu tun, dass – wie in vielen anderen amerikanischen Büchern – quasi ausschließlich amerikanische Wissenschaftler der heutigen Zeit zu Wort kommen. Oder Battles bleibt zu stark im Anekdotischen zu Lasten der großen Linien und Entwicklungen.

Dennoch, ein guter Schmöker für zwischendurch ist das Buch allemal, auch als Ergänzung zum an anderer Stelle empfohlenen Buch über die Architektur von Bibliotheken. Und Battles ist selbst auch nicht der Meinung, durch dieses Buch für den Literatur-Nobelpreis vorgeschlagen werden zu müssen, wenn er es in die „Z class“ einsortiert, „which holds the following: ‚Books (General). Writing.P aleography. Book industries and trade. Libraries. Bibliography.'“ Und weiter: „The Z class and its neighbors are among those least frequently visited by readers, and the sound of my footfalls on the marble is joined only by the nearly subliminal buzz of the lighting above.“

Gelesen habe ich die Taschenbuchausgabe von 2004. Eine deutsche Übersetzung gibt es nicht.

No-Theater: Kissing the Mask – Beauty, Understatement and Femininity in Japanese Noh Theater. William T. Vollmann

Dieses Buch über das japanische No-Theater ist eine breit angelegte Suche nach der weiblichen Schönheit. So trägt es zunächst unerwartet, jedoch folgerichtig den weiteren Untertitel „With some thoughts on muses (especially Helga Testorf), transgender women, Kabuki goddesses, porn queens, poets, housewives, makeup artists, Geishas, Valkyries and Venus figurines.

Japanisches No-Theater

Vollmann beschreibt die stilisierte Darstellungsform in dieser alten Theater-Tradition, die auf das 14. Jahrhundert zurückgeht. Das abstrakte Niveau der Themen, Gesten, Andeutungen, Masken war eine Unterhaltungsform für den Adel. Heute, so Vollmann, ist es nur Spezialisten ein Genuss und selbst diese sind auf Erklärungen angewiesen. Der Autor charakterisiert No als die mysteriöse Verbindung des Ewigen mit dem Vorübergehenden: „The old man transforming himself into the young female, the stillness that frames passion and delusion and violence, the constant endeavor to neutralize opposites.“

Worin besteht weibliche Schönheit, Grazie?

Im No tragen Schauspieler geschnitzte Masken, alle Frauen-Rollen werden durch männliche Schauspieler dargestellt. Wie kann es sein, dass eine Frauen-Figur auf der Bühne als wunderschön, als weiblich wahrgenommen wird, obwohl ein Mann hinter ihr steckt, der in seiner Männer-Stimme spricht und singt, dessen Hände, Hals und Füße als „männlich“ zu erkennen sind? Die Antwort des Autors, eine seiner Antworten, lautet, Schönheit zu erleben und zu erfahren, ist immer ein andauernder Prozess. Nach der Empfehlung Zeamis, eines No-Theoretikers aus der Entstehungszeit, soll der Zuschauer die Details des Stücks vergessen, damit er das Ganze wahrnehmen kann. Daraufhin soll er das Stück selbst vergessen und sich auf den Schauspieler konzentrieren, dann diesen vergessen und seinen Geist studieren. Zu guter Letzt soll er dessen Geist vergessen und übrig bleibt die Essenz des No. Vollmann überträgt dies in dieser Weise: „I propose to forget face, body and clothes in order to take in the entire impression that the woman makes. Next, forget her impression and consider its maker: her. Now forget her, and perhaps you may find a way to see her soul. At the last, forget even that, and then you will know her grace.“

Ausgehend von der Wirkung des No untersucht der Autor die Wirkung von weiß geschminkten Geisha-Gesichtern, Schminke, Körperhaltung und Kleidung bei transgender Frauen, Transvestiten und biologischen Frauen. Kapitel in diesem erstaunlichen und wunderbaren Buch heißen: Perfect Faces, A  Curtain of Mist, There is no Ugly Lady Face, Snow in a Silver Bowl, The Decay of the Angel, The Moon Maiden goes Home, Behind the Rainbow Curtain…

 Gelesen habe ich die Ausgabe von 2010.

 

Frederick the Great: King of Prussia. Tim Blanning

Friedrich der Große: Ein gelungenes Buch, diese neue Biographie von Tim Blanning, rundum gelungen. Und dieses Lob gehört vollständig dem Autoren, denn das Objekt des Schreibens, den umstrittenen Preußenkönig, haben schon viele andere gewählt und sind damit oft auf tiefer liegenden Stufen des Gelingens oder auf ganz woanders hin führenden Treppen gelandet.

Blanning ist Historiker aus Cambridge, mittlerweile im Teilruhestand, mit dem verdienten Ruf, exzellente Bücher zu schreiben, die neue Perspektiven schaffen. Sehr positiv rezensiert („history writing at its glorious best„, The New York Times) wurde beispielsweise auch „The Pursuit of Glory: Europe 1648-1815“. 2002 erhielt er einen Preis für „the best book in any language  on early modern Europe“. Er hat ein offensichtliches Talent, gut lesbar, spannend, auf hohem intellektuellen Niveau und obendrein amüsant zu schreiben. Darüber hinaus äußert er sich ebenso profund wie ungeschwätzig über Politik wie Militärstrategie, Musik, Literatur, Kultur im breitesten Sinne. Und dies zu können, ist gerade bei Friedrich dem Großen eine entscheidende Voraussetzung.

Beeindruckt hat mich zum Beispiel die Beschreibung der „Rehabilitierung“ Friedrichs nach dem für ihn befreienden Tod seines Vaters. Blannings nennt drei wesentliche Elemente:

  • „Firstly, he deployed the very considerable financial assets inherited from his father to create for himself a comfortable, not to say luxurious, material environment.“ Hierzu gehören der Bau der Oper, die Vergrößerung zweier Paläste, die Anschaffung von Büchern, Bildern, Porzellan…
  • „Secondly, he gathered around him a French-speaking intelligentsia to provide him with intellectual stimulation and to serve as an audience for his wit, philosophical disquisitions, literary creations and musical performances.“
  • Und zuletzt „the third route to repairing the damage inflicted by his father: to do what the latter desired most, but to do it better. (…) It meant the assertion of the rights of the Hohenzollern family against the rival Wettins of Saxony, Wittelsbachs of Bavaria or Habsburgs of Austria, and the elevation of Prussia to great-power status.“

Angenehm ist beim Lesen, dass sich Kapitel über Politik, Kultur, Krieg und Charakter immer wieder abwechseln und wechselseitig beleuchten. Dies verstärkt den Eindruck von Vielschichtigkeit oder Dreidimensionalität. Zugleich vermeidet es Ermüdung.

Eine Leseprobe zur politischen Situation nach dem zweiten Schlesischen Krieg:
„His seizure of Silesia in 1740, and successful defence of his booty in the five years that followed, had alarmed every other major European power.What had been most disturbing? The brutal aggression of the original invasion? The astounding feats of the Prussian army? The speed of decision and execution? The devious diplomacy? The repeated abandoning of allies? The reputation for cynicism and godlessness? Into the staid, slow-moving world of great-power diplomacy (…) there had barged a disruptive intruder, a parvenu upstart with boundless presumption. Louis XV may have thought that the invasion of Silesia was the act of a lunatic, but Frederick had shown that when madness succeeds, it has to be renamed audacity.“

Gelesen habe ich die englischsprachige Erstausgabe von 2015.  Eine deutsche Übersetzung ist noch nicht angekündigt

Als Deutschland noch nicht Deutschland war – Reise in die Goethezeit. Bruno Preisendörfer

Wie haben die Menschen im ausgehenden 18. und frühen 19. Jahrhundert gelebt? Wie sah ihr Alltag aus? Also dasjenige, das oft in der hohen Literatur nicht erzählt wurde? Um es vorweg zu nehmen: Goethe, der Dichterfürst, trug – nach allem, was sich wissen lässt – keine Unterhosen, sondern ein langes Hemd.

Alltag in der Goethezeit

Preisendörfer geht systematisch und gründlich vor. Alle wesentlichen Aspekte des Alltagslebens werden in 10 Kapiteln vorgestellt. So enthält Kapitel 6 „Essen und Trinken“ die folgenden Unterkapitel: Wer isst warum wann was mit wem und womit? – Kurzer Blick in die Küche – Brot und Butter – Die Kartoffel – Fleisch und Geflügel – Gemüse und Obst – Bier, Branntwein, Wein – Etwas über Tabak – Eine Prise Salz – Vom Zucker – Kaffee und Tee – „Colonialwaren“ und ihre Ersatzstoffe – Exkurs über Kochbücher.

In „Vom Zucker“ berichtet uns der Autor, dass Hamburg reich wurde, da dort für die deutschen Kleinstaaten der größte Teil des importierten Zuckerrohrs aus der Karibik in gewaltigen Raffinerien verfeinert wurde. Das habe ich nicht gedacht. Ich bin davon ausgegangen, zumindest Rohzucker wurde an Deutschlands Küste angeliefert.

Medizin in der Goethezeit

„Ein weiteres Ableitungsverfahren war das gezielte Zufügen von Brandwunden. E.T.A. Hoffmann musste die Tortur noch 1822 erleiden (…) „Etwa vier Wochen vor seinem Tode wurde der entsetzliche Versuch gemacht, ob nicht durch das Brennen mit dem glühenden Eisen, an beiden Seiten des Rückgrades herunter, die Lebenskraft wieder zu wecken wäre.““

Das Buch ist eine leicht lesbare Zusammenstellung von wissenswerten Details. Dies ist sein großer Vorteil, wie auch sein Nachteil. Der Stil ist eine Aufzählung des damals vorhandenen, oft kurzweilig und anekdotisch erzählt. Doch neben dem Was wünschte ich mir an vielen Stellen auch eine bessere Einordnung hinsichtlich des Warum und Wodurch.

Goethezeit in Zahlen

Der Anhang verfügt über einen ausgezeichneten Überblick zur Goethezeit in Zahlen: Hier sind Bevölkerungsdaten, Maßeinheiten, Einkommen, Preise usw. detailliert und übersichtlich zusammengestellt.

Occidentalism: The West in the Eyes of Its Enemies. Ian Buruma und Avishai Margalit

Schon im Jahr 2004 erschienen, ist dieses Buch über den sogenannten Okzidentalismus von Buruma und Margalit vor dem Hintergrund von islamistischem Terror, Selbstmordattentätern, populistischen/reaktionären Regierungen in Teilen Europas …. fortgesetzt und zunehmend relevant. Aber nicht nur die Aktualität des Themas, sondern auch die Qualität machen dieses Buch sehr empfehlenswert.

Der Begriff „Okzidentalismus“ ist – anders als Orientalismus – nicht etabliert und sprachlich leider auch nicht glücklich gewählt. Die Autoren definieren ihn so: „The dehumanizing picture of the West painted by ist enemies is what we have called Occidentalism.“  Eigentlich müsste man also wohl von „Anti-Okzidentalismus“ sprechen. Ziel der Autoren ist es, die Vorurteilscluster des Okzidentalismus herauszuarbeiten und seine historischen Wurzeln nachzuzeichnen. Der „Westen“ ist dabei definiert als die liberalen Demokratien weltweit, also auch zum Beispiel Indonesien und die Philippinen.

Frappierend, wie gut es den Autoren gelingt, deutlich zu machen, dass diese Wurzeln nicht im Islam liegen oder in Regionen weit weg von uns. Sie finden die Wurzeln hier in Europa; von hier wurde er exportiert, aufgegriffen und vielfältig entwickelt.

Ebenfalls frappierend die historischen Beispiele. Nicht nur der heutige Islamismus gehört dazu, sondern auch der Nationalsozialismus in Deutschland; Entwicklungen in Russland fallen in die Kategorie; Personen wie Wagner und Marx zeigen deutliche Symptome.

Das Buch ist nach wesentlichen Gruppierungen von Ideen des Okzidentalismus gegliedert: „The Occidental City“, „Heroes and Merchants“, „Mind of the West“, „Wrath of God“ and „Seeds of Revolution“. Hierbei ist es jeweils sehr hilfreich, dass Personen, die die jeweils relevante Erscheinungsform der okzidentalistischen Ideologie stark geprägt haben – für den Islamismus zum Beispiel Osama bin Laden oder Sayyid Qutb, auch in Originalzitaten zu Wort kommen.

Buruma und Margalit schreiben in erster Linie journalistisch, in zweiter als Historiker und Ideengeschichtler. Das macht ihr Buch sehr gut lesbar und gewährleistet – wenn auch gelegentlich etwas zugespitzt und vereinfachend – Substanz.

Eine Leseprobe aus dem Kapitel über „The Occidental City“:
„By the time the Khmer Rouge had done their work and left Phnom Penh a ghost town (…) more than two million people had been murdered or worked to death. (…) Like the Al Qaeda raid on New York’s twin towers, it was an actual as well as a symbolic revenge. Phnom Penh, to the Khmer Rouge, was evil, inauthentic, capitalist, ethnically mixed, Westernized, degenerate, and compromised by colonialism. City people did not have to be treated with humanity, since they had already lost their souls. (…) by smashing the wicked city, the Khmer Rouge would restore purity and virtue to the ancient land.“

Gelesen habe ich die erste Auflage von 2004. Das Buch erschien 2005 auch in deutscher Übersetzung. Der deutsche Klappentext beschreibt es zutreffend als „Ein provokatives Buch, in bester aufklärerischer Tradition.“

The Other Classical Musics: Fifteen Great Traditions. Hrsg. von Michael Church

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Auf ein solches Buch habe ich lange gewartet: weg vom Fokus klassischer Musik immer nur auf den Westen mit Bach, Bartók, Beethoven und Britten – hin zu einem gleichberechtigtem Blick auf klassische Musik aller Kulturräume!

In seiner wunderbar kompakten und nuancierten Einleitung (wenigstens die sollte man lesen, wenn schon vielleicht nicht das gesamte Buch!) nähert sich Church einer Definition von klassischer Musik: „According to our rule-of-thumb, a classical music will have evolved in a political-economic environment with built-in continuity (…) where a wealthy class of connoisseurs has stimulated ist creation by a quasi priesthood of professionals; it will have enjoyed high social esteem. It will also have had the time and space to develop rules of composition and performance, and to allow the evolution of a canon of works, or forms; indeed, the concept of a canon, validated by a system of music theory, is a defining feature of all classical music.“ 

Das eröffnet ein weites Feld. Und so gibt es Kapitel über die klassische Musik Japans, Chinas, Indiens, Andalusiens, Malis… Die europäische klassische Musik wird in Kapitel 10 behandelt als eine unter den anderen klassischen Musiken. Auch der nordamerikanische Jazz erhält nachvollziehbar den „klassischen“ Status.

Jedes Kapitel beginnt mit einer typischen Situation, einem typischen Setting der jeweiligen klassischen Musik. Das soziale Umfeld und die geschichtliche Entwicklung werden beschrieben; Modi, Tonleitern und musiktheoretische Grundlagen erläutert; Instrumente, Formate und ästhetische Ziele dargestellt. Das Buch ist sehr gut lesbar und verständlich, auch wenn sich die musiktheoretischen Abschnitte trotz bestem Bemühen der Autoren wahrscheinlich nicht jedem Leser (und mir) erschließen.

Das Buch ist augenöffnend, faszinierend, lebendig, vieldimensional. Auch für die Ohren ist etwas dabei, wenn man den CD-Empfehlungen folgt.

Es stimmt aber auch etwas melancholisch: „Today the existential threat to the world’s musics is compared to the threat hanging over ist spoken languages, which are dying out so fast that most of the existing six thousand will have gone by the end of this century. And there is indeed a parallel: a music may not be a language, but it will have a grammar, and like spoken languages (…) it needs ist own eco-system to thrive.“

Gelesen habe ich die Erstauflage von 2015. Angeregt wurde ich von einer Rezension im Economist mit dem Fazit: There is a treasure trove of underappreciated music out there; this book will convince many to explore it.“

Centuries of Female Days – Englishwomen´s Private Diaries. Harriet Blodgett

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Frauen schreiben seit Jahrhunderten Tagebuch. Warum? Tagebuchschreiben ist eine kleine, ganz private Zeiteinheit. Zeit für einen selbst. Sich diese Zeit zu gönnen, war für Frauen nicht immer einfach. Es wurde dann weniger schwer, wenn sie sich einen  als „nützlich“ akzeptierten Grund dafür selbst geben konnten: Für die eigenen Kinder zu schreiben, die eigenen Fehler festzuhalten, über das eigene korrekte religiöse Verhalten Buch zu führen. So wurde das Tagebuch-Schreiben vom Vergnügen zu einer Pflicht und – erlaubt.

Das Buch enthält eine Fülle von Zitaten aus den Tagebüchern von Frauen. Frappierend ist die durchgehende Selbstentwertung der Frauen, die dem gesellschaftlichen Druck der Zeit entspricht, Frauen eine rein dienende Rolle für andere zuzuschreiben, für Mann und Familie. Basis hierfür waren laut der Autorin die protestantischen Reformbewegungen Englands, deren religiöse Überzeugungen die völlige Unterschiedlichkeit von Frauen und Männern beinhalteten und hierdurch zur Trennung der Lebensbereiche beitrugen.

Die Reflexion, die Erkundung des eigenen Selbst hat nur langsam Raum in den Tagebüchern von Frauen erhalten. Auch die Benennung eigener Gefühle setzte sich nur langsam durch. Beschreibungen des Alltags standen lange im Vordergrund. Hierfür gab es ab 1800 in England vorgedruckte, gebundene Bücher. Oft führten Frauen ein solches Buch als Haushaltsbuch und ein weiteres als Tagebuch; manchmal diente ein Buch beiden Zwecken.

Ganz sicher waren sich Frauen offenbar nicht, ob sie einen Leser wünschten oder fürchteten. Manchmal wurden Tagebücher von Ehemännern weitergeführt, wenn ihre Frauen zu krank waren, dies selbst zu tun. Viele Tagebücher wurden von Frauen vernichtet. Und  – ein Symptom für das, was schreibbar war – über sexuelle Wünsche und Erfahrungen zum Beispiel der Hochzeitsnacht haben die Tagebuchschreiberinnen so gut wie immer geschwiegen. Diese Themen kommen erst im 20. Jahrhundert vor.

Blodgett analysiert in ihrem Buch die privaten Tagebücher von englischen Frauen aus drei Jahrhunderten, von Margaret Hobys Buch von 1599 bis Virginia Woolfs von 1941. Behandelte Themen sind:

  • The Fact of Things – History and Characteristics of the Diaries
  • Personal Time – Motivations and Justifications for Diary Keeping
  • Accomodation and Defiance – On Woman´s Rights
  • Women´s World – On Marriage and Motherhood
  • A Very Ordinary Woman – On Female Psychology and Daughterhood
  • Afterword: Change and Continuity – On Diaries of the Great War

„This lively and engrossing account of the lost voices of female history is both a valuable resource for historians and an engaging insight into the drama of female lives through the centuries, with every shade of joy and despair“, so der Klappentext.

Gelesen in einer Secondhand-Ausgabe ohne Erscheinungsjahr, vermutlich um 1990.

Film-Tipp: Der wahre Preis der Mode – The True Cost

Arbeiterinnen in einer Textilfabrik bei Dhaka, Bangladesch.

Sie kleiden sich gerne modisch? Sie kaufen gerne günstige Mode? Ob ja oder nein, wir alle, die wir Geld für Kleidung, Mode, Fast Fashion – wie immer wir es nennen wollen – ausgeben, sollten diesen Film von Andrew Morgan gesehen haben: „The True Cost“. (Bildquelle dpa)

Trailer zum Film hier.

„The True Cost“ ist eine Geschichte über Mode und ihren wahren Preis. Über eine Milliardenindustrie, die jeden Style als immer neue Offenbarung inszeniert, an der wir teilhaben dürfen – vorausgesetzt, wir kaufen. Doch diese Geschichte beginnt nicht auf den Laufstegen, sondern hier: in den Textilfabriken Bangladeschs, Indiens und Chinas. (…) Brandneue Trends rund um die Uhr, direkt von der Straße in die Fabriken und in die Stores. Das Konzept nennt sich „Fast Fashion“, eine Strategie für maximale Gewinne und ein Euphemismus für radikale Menschenverachtung.“ Zitiert nach ARD auf dieser Seite zum Film.

Film-Tipp: „The True Cost“
Dokumentarfilm, USA 2015
Regie: Andrew Morgan
Nur auf DVD mit deutschen Untertiteln erhältlich, aktuell vorbestellbar (lieferbar ab März?)

Hintergrundinformationen auch hier unter Zeit online.

Die Geschichte des Buches in 100 Büchern: 5000 Jahre Wissbegier der Menschheit. Roderick Cave und Sara Ayad

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Als Übersetzung einer Veröffentlichung der British Library gibt es nun auch in deutsch ein wirklich interessantes und auch empfehlenswertes Buch zur Geschichte des Buches.

Exzellent sind zwei Aspekte: die Auswahl der 100 Bücher und die Illustrationen.

Die Auswahl ist ausgesprochen ungewöhnlich, da sehr umfassend. Von der Vorgeschichte (!) bis zur Gegenwart werden alle Erdteile außer der Antarktis nicht nur mit „normalen“ Bücher, sondern auch in Quipus, sulawesischen Lontars und beschrifteten Knochen behandelt. Und auch Randerscheinungen wie die „Roten Bücher“ des Landschaftsgestalters Humphrey Repton mit ihrer eindrucksvollen Darstellung von vor/nach der Umgestaltung der Landschaft oder Playfairs „Commercial and Political Atlas“, in dem erstmals Kuchendiagramme ihre Verwendung finden, tauchen unter den 100 Büchern auf.

Ebenfalls ungewöhnlich und hilfreich ist, dass nicht – wie meist – bevorzugt Spitzenexemplare behandelt werden, sondern eher  Bücher, über die sich vieles zur Geschichte des Buches erschließen lässt. Gute Beispiele hierfür sind

  • das Laborbuch von Chester Carlson mit dem Eindruck zu seiner Erfindung des elektrostatischen Druckverfahrens für Kopierer von Xerox
  • Der Roman „El jardín de senderos que se bifurcan“ von Jorge Luis Borges, anhand dessen nicht nur die Bedeutung von Bibliotheken, sondern auch die des beginnenden Informationszeitalters beleuchtet werden.

Ergänzt wird diese sehr überzeugende Auswahl der 100 Bücher durch viele, qualitativ hochwertige und vor allem aussagekräftige Illustrationen, die das Buch optisch zu einem Vergnügen machen.

Wermutstropfen: Für jedes der 100 Beispielbücher gibt es nur zwei Seiten, von denen viel Platz für die Illustrationen verwendet wird und meist nur eine halbe Seite für Text übrig bleibt. Dies führt dazu, das etliche Aspekte in der Kürze letztlich kryptisch bleiben, auch durch das oft zu oberflächliche Glossar nicht ausreichend erläutert werden und das geweckte Interesse beim Leser immer wieder einmal unbefriedigt bleibt.

Leseprobe zum „Großen Kanon des Ming-Kaisers Yongle“ (Yongle Dadian), einer extrem umfang- und einflußreichen Enzyklopädie aus den Jahren 1403-1408:

„Kurz nach seiner Thronbesteigung gab Kaiser Yongle 1403 eine umfassende Edition sämtlicher Wissensbereiche von Religion über Wissenschaft, Technik, Astronomie, Medizin und Landwirtschaft bis hin zu Theater, Kunst, Geschichte und Literatur in Auftrag. Mehr als 2000 Gelehrte bearbeiteten in fünfjähriger Tätitgkeit über 8000 Texte. Für die Sammlung (…) verwendeten die Schreiber über 370 Millionen Schriftzeichen und füllten damit mehr als 11 000 Bände. (…) es wurden lediglich zwei Handschriften angefertigt. (…) Im Laufe der folgenden (…) Jahre wurden die (…) Handschriften durch Brände, Kriege und Plünderungen auf einen kläglichen Rest von 400 Bänden reduziert, die heute auf Bibliotheken und Museen der ganzen Welt verteilt sind.“

Gelesen habe ich die deutschsprachige erste Auflage von 2015. Die englische Originalausgabe erschien 2014.

 

Flüchtlinge: Handbuch Migration in Deutschland – Literaturhinweis

Ein Buch ist neu erschienen, das die Migration in Deutschland und den Umgang mit Flüchtlingen vom 17. Jahrhundert bis heute untersucht: „Handbuch Staat und Migration in Deutschland seit dem 17. Jahrhundert“ von Jochen Oltmer (Hg.), Berlin/Boston: Verlag De Gruyter Oldenbourg 2016, 1058 Seiten, gebunden € 89,85 €.

Zu manchen Zeit haben deutsche Landesfürsten und später Politiker mit viel Mühe versucht, Menschen nach Deutschland zu holen. Zum Beispiel, um die massenhafte Abwanderung der eigenen Bevölkerung auszugleichen oder um Arbeitskräfte zu finden.

Besprechung des Buchs bei WDR 3: „Es gab Zeiten, da versuchten deutsche Landesfürsten verzweifelt, die Abwanderung ihrer Landeskinder zu unterbinden. Je nach wirtschaftlicher und politischer Lage gilt Migration als vorteilhaft bzw. systemgefährdend. Alle, die heute bei uns als Bürokraten oder engagierte Mitglieder der Zivilgesellschaft mit den Asylsuchenden befasst sind, sollten sich unbedingt in das eben erschienene Handbuch Staat und Migration vertiefen, das auf 1.040 Seiten in 30 Beiträgen Deutschlands wechselvolle Geschichte der Migration seit dem 17. Jahrhundert erhellt.“

Der Radio-Beitrag vom 13. Januar 2016 mit Hans-Jörg Modlmayr findet sich ebenfalls auf der WDR-Seite.