Metamorphosen: Der goldene Esel. Apuleius

Ein ziemlich unbekanntes, aber von der Antike über die Renaissance bis heute sehr einflussreiches Werk der Weltliteratur möchte ich dieses Mal empfehlen: Die „Metamorphosen“ von Apuleius – auch bekannt als „Der goldene Esel“ – ist einer der ältesten erhaltenen Romane der Weltliteratur und sicherlich nicht der schlechteste. Flott geschrieben, spannend, amüsant, nicht immer jugendfrei; so ziemlich das genaue Gegenteil von allem, was man häufig mit verstaubter, verquaster, vorgestriger lateinischer Literatur verbindet.

Apuleius lebte im zweiten nachchristlichen Jahrhundert. Er stammt aus dem heutigen Algerien, verbrachte dann einige Zeit unter anderem in Karthago, Athen und Rom, bevor er wieder nach Nordafrika zurückkehrte. Ihn als schillernde Persönlichkeit zu bezeichnen, ist eine deutliche Untertreibung. Neben den Metamorphosen ist von ihm eine Verteidigungsrede in eigener Sache überliefert; er war der Zauberei angeklagt…

Schillernd sind auch die Metamorphosen und umstritten. Das fängt schon bei der ausgesprochen kunstvollen, oft sehr kraftvollen, manchmal poetischen, immer flamboyanten Sprache an. August Rode, der den Roman in den 20er Jahren des letzten Jahrhunderts übersetzt hat, mochte das nicht: „des Apuleius Schreibart ist bei weitem nicht die beste. Er kettet ewig lange Perioden zusammen, ist sehr kostbar und schwülstig in seinem Ausdrucke, gebraucht unerhörte Wortfügungen und veraltete, ja wohl gar selbsterfundene Wörter und Redensarten.“

Schillernd auch, weil Generationen von Klassischen Philologen immer wieder an der Interpretation dieses Romans gescheitert sind, der wie ein Hase die deutungswütigen und Eindeutigkeits-suchenden Literaturwissenschaftler immer wieder durch einen überraschenden Haken hinter sich lässt. Für andere Leser macht gerade das einen erheblichen Teil des Reizes des Buchs aus.

Schillernd zumal wegen des Inhalts, in dem es um Zauberei, Isis-Kult, Verwandlungen, Abenteuer, Liebesgeschichten geht mit einem wenig heroischen Helden. Und dann gibt es noch die in den Roman eingebauten Geschichte von Amor und Psyche, die auch die bildende Kunst inspirierte und für sich alleine Weltliteratur ist. Diese Geschichte ist sogar heute noch vielen bekannt, ohne immer dabei zu wissen, von wem sie stammt und in welchen Zusammenhang sie gehört.

Für Schullateiner ist Apuleius auf Latein nichts, wenn sie nicht gerne ein Wörterbuch verwenden. Hier als eher leichtes Beispiel eine Partie aus der Geschichte von Amor und Psyche – Psyche wird zur vorgeblichen Eheschließung mit einem Drachen auf einen Felsen geführt:
„Itur ad constitutum scopulum montis ardui, cuius in summo cacumine statutam puellam cuncti deserunt taedasque nuptiales, quibus praeluxerunt, ibidem lacrimis suis extinctas relinquentes deiectis capitibus domuitionem parant. Et miseri quidem parentes eius tanta clade defessi, clausae domus abstrusi tenebris, perpetuae nocti sese dedidere. Psychen autem paventem ac trepidam et in ipso scopuli vertice deflentem mitis aura molliter spirantis Zephyri vibratis hinc inde laciniis et reflato sinu sensim levatam suo tranquillo spirito vehens paulatim per devexa rupis excelsae vallis subditae florentis cespitis gremio leniter delapsam reclinat.“

In der guten, wenngleich gelegentlich schwer altertümelnden Übersetzung von Brandt und Ehlers (Artemis & Winkler Verlag) liest sich dies so:
„Man geht zu der bestimmten steilen Bergklippe, stellt das Mädchen auf den höchsten Gipfel, und nun gehen alle hinweg, lassen die Hochzeitsfackeln, die vorangeleuchtet hatten und jetzt in ihren Tränen erloschen, an Ort und Stelle zurück und machen sich gesenkten Hauptes auf den Heimweg. Ihre armen Eltern selbst warf der furchtbare Schlag zu Boden, daß sie das Haus versperrten und in seinem Dunkel untertauchten, um sich beständiger Nacht zu befehlen. Psyche aber, die mit Furcht und Zittern oben auf dem Felsgipfel sich die Augen ausweinte, hebt sanft säuselnd ein linder Zephyrhauch mit flatternden Gewändern und geblähtem Bausch sacht empor, trägt sie in ruhigem Wehen gemächlich über die ragenden Berghänge und lehnt sie, da sie hinabgeglitten, im Tale drunten leise auf einen blühenden Rasenschoß.“

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Gelesen habe ich die bei Iohannes Maire in Leiden erschienene Ausgabe von 1623. Aktuellere Ausgaben auch in Deutsch sind aber problemlos verfügbar…

 

El informe de Brodie. Jorge Luis Borges

Jorge Luis Borges gilt als einer der besten Schriftsteller Argentiniens. Er ist auch in Deutschland recht bekannt und geschätzt. So arbeitet denn auch der Hanser-Verlag an einer zwölfbändigen Werkausgabe (20 Bände als Taschenbuch) von ihm in deutscher Sprache.

Gelesen habe ich eine Sammlung von Erzählungen unter dem deutschen Titel „David Brodies Bericht“, die 1970 erschienen ist.

Sparsam schreibt Borges: lieber ein Wort weniger als ein Wort zu viel. Und von bodenständiger Sorgfalt: die richtigen, unmarinierten Worte an der richtigen Stelle. Und mit Distanz: Emotional aufgeladen oder gar spannend sind die Erzählungen nicht.
Gerne und häufig verwendet er den Topos, dass der Erzähler etwas wiedergibt, was er aus einer anderen Quelle gehört oder gelesen hat. Dabei erwähnt er dann auch gerne, ob diese Quelle vertrauenswürdig ist und ob er selber etwas geändert hat.
Offensichtlich sind seine Erzählungen nicht: Als Leser muss (und kann) man sich seine eigenen Gedanken darüber machen, warum Borges diese Erzählung geschrieben hat oder warum sie relevant ist. Dadurch sind sie durchaus ein wenig  geheimnisvoll.
Und belesen ist Borges. Das merkt man besonders an der namensgebenden Erzählung „El informe de Brodie“, die deutlich von Swifts Gullivers Reisen inspiriert ist, aber sicher auch in der Tradition der „Wahren Geschichten“ von Lukian steht.

Für mich ist Borges ein Autor, den man gut in Übersetzung lesen kann, da seine Sprache so präzise und unprätentiös ist. Gelesen habe ich eine spanisch-sprachige Taschenbuchausgabe von 1980.

Leseprobe aus der Titelerzählung zur Sprache der Yahoos:
„El idioma es complejo. No se asemeja a ningún otro de los que yo tenga noticia. No podemos hablar de partes de la oración, ya que no hay oraciones. Cada palabra monosílaba corresponde a una idea General, que se define por el contexto o por las visajes. La palabra nrz, por ejemplo, sugiere la dispersión o las manchas; puede significar el cielo estrellado, un leopardo, una bandada de aves, la viruela, lo salpicado, el acto de desparramar o la fuga que sigue a la derrota. (…) Pronunciada de otra manera o con otros visajes, cada palabra puede tener un sentido contrario. No nos maravillemos con exceso; en nuestra lengua, el verbo to cleave vale por hendir y adherir.“
In der englischen Übersetzung von Andrew Hurley von 1998:
„Their language is complex, and resembles none other that I know. One cannot speak of „parts of speech“, as there are no sentences. Each monosyllabic word corresponds to a general idea, which is defined by ist context or by facial expressions. The word nrz, for example, suggests a dispersion or spots of one kind or another: it may mean the starry sky, a leopard, a flock of birds, smallpox, something splattered with water and mud, the act of scattering, or the flight that follows defeat. (…) Pronounced in another way, or with other facial expressions, it may mean the opposite. We should not be overly surprised at this: in our own tongue, the verb to cleave means to rend and to adhere.“

Goethe und Frau von Stein: Geschichte einer Liebe. Helmut Koopmann


Da ich sowieso gedanklich schon auf die Zeit um 1800 eingestellt war, fiel meine Wahl des nächsten Buchs auf „Goethe und Frau von Stein“ von Koopmann, erstmals erschienen 2002 – ein etwas leichterer Stoff, fern von Politik und Feldzügen.

Die große Liebe von Goethe und vielleicht die große Liebe von Charlotte von Stein ist Gegenstand von etwa 1700 Briefen, Billets, Notizen…, die Goethe in mehr als zwölf Jahren an sie schrieb. Die Briefe von Charlotte von Stein sind unzählig, da sie sie am Ende ihrer Liebe von Goethe zurückverlangt und Jahre später dann verbrannt hat. Hinzu kommt dieses Buch mit seinen 260 Seiten.

Das Buch, obwohl von einem Professor der Neueren Deutschen Literatur verfasst, ist nicht wissenschaftlich, sondern essayistisch geschrieben. Bei diesem essayistischen Schreiben scheint Koopmann sich strukturell und sogar sprachlich sehr an Goethe und dessen Briefen zu orientieren. Wie Goethe immer wieder auf unterschiedlichste Weise dasselbe an von Stein schreibt, variiert auch Koopmann immer wieder seine Darstellung derselben Beobachtungen, Analysen und Wahrnehmungen. Das hilft sehr, sich in die Beziehung hinein zu fühlen, zumal Koopmann dies mit Sensibilität tut. Es kann aber – wenn man denn nicht gerade wie Koopmann mitliebt – auch gelegentlich redundant wirken. Wissenschaftlich gesehen läuft Koopmann immer wieder Gefahr, zu vieles, was Goethe in seinen Briefen schreibt, prophetisch für spätere Lebensphasen zu halten, und alles, was Goethe sonst geschrieben und getan hat, vor allem aus seiner Liebesbeziehung zu Charlotte von Stein heraus zu interpretieren. Das Gras wächst mitunter recht laut.

Bei allen kritischen Anmerkungen in Summe ein gelungenes Buch, das man mit Gewinn flott lesen kann.

Als Leseprobe eine Partie zu dieser Zeichnung, die Goethe 1777 von Charlotte von Stein anfertigte:

„Das Entscheidende wird naturgemäß nicht sichtbar: ihre Augen, die es Goethe so sehr angetan haben. Man sieht es der Abgebildeten an, daß sie über dreißig Jahre alt ist, wenngleich es ein eigentümlich altersloses Porträt ist – Jugendlichkeit und Heiterkeit fehlen gänzlich, und von Lebenslust ist ebensowenig eine Spur zu erblicken. (…) Ein etwas verhärmtes Hofdamendasein, was sie dem Bild zufolge geführt haben mag, und sieht man sich dieses Porträt genauer an, versteht man, warum Goethes wildes Wesen sie (…) abstoßen mußte (…) Innere Disziplin und Zurückhaltung prägen dieses Antlitz, und man hat Mühe zu verstehen, warum Goethe sich so leidenschaftlich und so lange in sie verliebt hat.“

Sarahs Gesetz. Silvia Bovenschen

Eine Künstlerbiografie und die Geschichte einer Liebe zwischen zwei Frauen und ein bisschen Biografie der Autorin…

„Sarahs Gesetz“ ist ein merkwürdiges Buch. Es ist in wunderbar essayistischem Stil geschrieben, gespickt mit Anekdoten und schönen, kleinen Erzählungen. Bovenschen beschreibt die Lebensgeschichte von Sarah, ihrer Freundin. Sie erzählt aber nur dasjenige, was die andere irgendwann einmal freiwillig erzählt hat oder was die Autorin in der gemeinsamen Zeit direkt mit erleben konnte. Dabei gerät die Erzählung über die Freundin zur Erzählungen über zwei Leben und eine gegenseitige Liebe.

Sarah ist in „Sarahs Gesetz“ die Malerin Sarah Schumann, die Freundin und Titel-Person. Der erzählte Rückblick geht bis zur Flucht in den letzten Kriegsjahren zurück, weilt in der Zeit der späten 1970er Jahre und kommt an in der Gegenwart. Nachhallende Erinnerungen und erinnerte Gefühle, Vergleiche mit der Gegenwart.

Leseprobe: „Warum ist mir nicht aufgefallen, dass meine Mutter so gern von ihrer Mutter, aber nie von ihrem Vater sprach? Warum habe ich sie nie nach ihm gefragt? Warum ist mir die Aussparung nicht aufgefallen? Die Ausrede, dass die Jugend nur Zukunft will und sich in seltensten Fällen für die Vergangenheit Älterer interessiert, greift nicht, denn auch später fragte ich nicht, als ich schon erwachsen war. So konnte es sein, dass ich den Grund, warum sie mir nicht von ihm sprach, erst Jahre nach ihrem Tod erfuhr.“

The Solitary Summer. Elizabeth von Arnim

So kalt und nass und biestig war das Wetter in den letzten Wochen, dass ich durch geschickte Auswahl meines Lesestoffes auf wärmere und positivere Gedanken kommen wollte. Und um auf Nummer Sicher zu gehen, habe ich ein „Buch für trübe Tage“ wieder vorgenommen, dass ich schon zweimal gelesen habe. Da konnte dann nichts schief gehen.

The Solitary Summer – in deutscher Übersetzung wahlweise „Ein Sommer im Garten“, „Sommer ohne Gäste“ oder „Einsamer Sommer“ – ist der zweite, 1899 erschienene Roman von Elizabeth von Arnim, die Mary Ann Beauchamp hieß, bevor sie Henning August von Arnim-Schlagenthin heiratete und anonym ihren ersten Roman mit dem Titel „Elizabeth and Her German Garden“ veröffentlichte. Beides, das „von Arnim“ und „Elizabeth“, blieben haften.

Elizabeth von Arnim ist ein Phänomen: Sie schreibt Unterhaltungsliteratur mit viel Tiefe und nachdenkliche Bücher wie Unterhaltungsliteratur; sie schreibt heitere Bücher mit viel Traurigkeit und umgekehrt traurige Bücher mit viel Heiterkeit. Passend zu ihrem Leben, in dem sehr vieles nicht glatt lief und für das das Motto „Trotzdem“ gut gepasst hätte. Dies, kombiniert mit einem Schreibstil wie ein gelungenes Soufflé, macht ihre Bücher zu einem echten Gewinn.

Das Motto des Romans nimmt von Arnim von Montaigne: „Nature nous a estrenez d‘ une large faculté à nous entretenir à part; et nous y appelle souvent, pour nous apprendre que nous nous debvons en partie à la societé, mais en la meilleure partie à nous.“

Etwas zu Rosamunde Pilcherig oder Hedwig Courths-Mahlerisch der deutsche Klappentext, jedoch auch nicht komplett unangemessen: „Fernab von Störenfrieden und Eindringlingen, ohne Ehemann und Kinder, ohne Gäste und Verpflichtungen, jeden Tag nur für sich die Schönheiten des Gartens und die Wunder der Natur genießen – und dabei die üppige, feuchte Erde umgraben, Rabatten anlegen, Blumen pflanzen, gießen, rechen, jäten und mähen. Wie herrlich erscheint Elizabeth diese Vorstellung! Doch Hindernisse sind selbstredend vorprogrammiert: Nicht nur steht ihr der hauseigene Gärtner im Weg – für die gnädige Dame schickt es sich nun einmal gar nicht, den Garten selbst zu bestellen –, bald schon ist es auch mit der ersehnten Ruhe dahin, die sie wenn schon untätig, dann möglichst ungestört genießen wollte …“

Als Leseprobe das Programm für den Sommer vom Anfang des Buchs:
„Last night after dinner, when we were in the garden, I said, ‚I want to be alone for a whole summer, and get to the very dregs of life. I want to be as idle as I can, so that my soul may have time to grow. Nobody shall be invited to stay with me, and if any one calls they will be told that I am out, or away, or sick. I shall spend the months in the garden, and on the plain, and in the forests.'“

Gelesen habe ich die sehr schön illustrierte englisch-sprachige Ausgabe von Macmillan aus dem Jahr 1929. Wie geschrieben, deutsche Übersetzungen gibt es auch – aber dennoch lieber in Englisch. Schul-Englisch reicht! Gut für alle trüberen Tage – hinterher geht es einem garantiert besser!

Auch empfehlenswert die Biographie von Karen Usborne.

Japanische Literatur: Snow Country. Yasunari Kawabata

Dieser moderne Klassiker der japanischen Literatur ist kalt wie der Schnee und heiß wie die Liebe. Und so wie kalt und heiß nicht zusammenpassen, ist eine Liebesgeschichte, die in dieser Schneelandschaft spielt, zum Scheitern verurteilt. In diesem kurzen Roman beschäftigt sich der reiche Shimamura zu seinem Vergnügen mit dem westlichen, klassischen Ballett. Hierfür ist er ein ausgewiesener Experte; dennoch hat er noch niemals eine Aufführung gesehen. Dies möchte er auch nicht. Komako hatte sich bei ihrer ersten Begegnung in Shimamura verliebt. Während er bei Frau und Kindern war, ist sie zu einer Geisha geworden.

Die Sprache ist knapp und voller Anspielungen. Das Ausgesprochene und das Nicht-Verbalisierte halten sich die Schwebe. Beschreibungen der eisigen Landschaft ersetzen zum großen Teil die Beschreibung von Gefühlen. Nur hin und wieder erfahren die Lesenden etwas von Shimamuras Gedanken. Komako bleibt unerklärt. „It was a stern night landscape. The sound of the freezing snow over the land seemed to roar deep into the earth. There was no moon. The stars, almost too many of them to be true, came forward so brightly that it was as if they were falling with the swiftness of the void.“

Snow Country“ ist von 1956. Die Sprache ist in den Dialogen knapp, beinahe fühlt man sich an Beckett erinnert: „Shimamura put his hand to the woman´s throat. „You´ll catch cold. See how cold it is.“ He tried to pull her back, but she clung to the railing. „I´m going home.“ Her voice was choked. „Go home, then.“ „Let me stay like this a little longer.“ „I´m going down for a bath.“ „No, stay here with me.“ „If you close the window.““

Yasunari Kawabata  war ein japanischer Schriftsteller, geboren 1899, gestorben ist er durch Selbsttötung 1972. Er hat 1968 den Nobelpreis gewonnen. „Snow Country“ war eines der Werke, die die Jury in ihrer Begründung erwähnt hat.

In der Bibliografie von „Kissing the Mask“ von Willam Vollmann – siehe den Beitrag hierzu – habe ich gelesen, dass es ein Buch gibt, das die Geschichte Kawabatas neu erzählt, nämlich aus der Sicht Komakos. Diese Idee finde ich sehr reizend. Für alle, die sich für Japan und japanische Kultur interessieren, ist „Snow Country“ ein schönes, sehr lesenswertes Buch. Gelesen habe ich die Übersetzung aus dem Japanischen von Edward G. Seidensticker. Den Roman gibt es auch in einer deutschen Übersetzung mit dem Titel „Schneeland“.

Old Filth. Jane Gardam

Ein erfreuliches Buch: intelligent, gut geschrieben, präzise, lebensklug, wort-sparsam, leise-humorvoll.  Seit längerer Zeit das erste Mal, dass ich die positiven Zitate aus Rezensionen in englischen Zeitungen, die im Buch mit abgedruckt sind, nicht nur Marketing-Sprech, sondern passend und zutreffend finde. Inhalt: Die Lebensrückschau eines alt gewordenen Richters von seiner Geburt bis zu seinem Lebensende; von Malaysia über Wales und England nach Hongkong und Singapur, zurück nach England und wieder nach Singapur. Auch eine Liebesgeschichte, vielleicht ein wenig auch ein Krimi, jedenfalls ein Buch über das Leben und was es mit einem macht.

Es ist gar nicht so einfach, eine gute Leseprobe zu finden. Alle zu kurz und zu wenig typisch.
„Amazed, as she never ceased to be, about how such a multitude of ideas and images exist alongside one another and how the brain can cope with them, layered like filo pastry in the mind, invisible as data behind the screen, Betty was again in Orange Tree Road, standing with (…) old friends in the warm rain, and all around the leaves falling like painted raindrops. (…) The sense of being part of elastic life, unhurried, timeless, controlled. And in love. (…) Betty’s eyes filled with tears, misting her glasses. Time gone. (…) Trowel in hand, a bit tottery, she turned to look up the garden at Filth.“

Old Filth ist wieder eine Neuerscheinung, die es schon länger gibt. Erschienen in England im Jahr 2004 gibt es das Buch seit August 2015 unter dem piefigen Titel „Ein untadeliger Mann“ auch in deutsch. Aufmerksam geworden bin ich auf das Buch durch eine Rezension in der „Zeit„, in der auch erklärt wird, dass Filth für „failed in London, try Hongkong“ steht. Und dass es sich um den ersten Band einer Trilogie handelt. Und dass man auf die nächsten Bände noch warten müsse. Dem sei hinzugefügt: In englischer Sprache zum Glück nicht.

 

 

 

Dafydd ap Gwilym: A Selection of Poems. Hrsg. von Rachel Bromwich

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Um den Eindruck zu vermeiden, eventuell zu stark auf englische oder zumindest englisch-sprachige Literatur oder gar auf eine Art „Mainstream“ ausgerichtet zu sein, heute ein Beitrag zu einem der vielleicht besten walisischen Dichter: Dafydd ap Gwilym, der im 14. Jahrhundert gelebt hat.

Immer wieder neu aufgelegt wird ein Buch, das zuerst 1982 erschienen ist und dessen immerhin 3. Auflage von 2003 ich gelesen habe. „Immerhin“, denn das Buch macht auf seinen rechten Seiten für die meisten Leser einen eher sperrigen, deutlich konsonantigen, man möchte fast sagen: abschreckenden Eindruck – auf dieser Seite steht jeweils das walisisch-sprachige Original.

Warum erfreut sich Dafydd ap Gwilym also offensichtlich einer wahrnehmbaren Popularität? Und ist seine Lyrik auch etwas für Nicht-Waliser?

Dafydd ap Gwilym ist schon besonders:

  • Ungefähr zeitgleich mit Geoffrey Chaucer lebend, hat er fast im Alleingang eine Verbindung geschaffen zwischen der walisischen bardischen Tradition des frühen Mittelalters und der Troubadour- und Minnelyrik insbesondere des französischsprachigen Raums, die auch dank der Normannen in England und Wales eine Rolle gespielt hat.
  • Außer dieser innovativen Weiterentwicklung hat er – auch wieder quasi im Alleingang – die eigene Person deutlich stärker ins Zentrum seiner Gedichte gerückt als in der walisischen Tradition üblich. Dies macht seine Gedichte recht zugänglich.
  • Ein Innovator ist er auch, da er die walisische Sprache um zahlreiche Worte – auch um Lehnworte vom Kontinent – erweitert hat, die er als Neuschöpfung in seinen Gedichten verwendet.
  • Vor allem aber ist er herausragend aufgrund seiner poetischen Meisterschaft. Die Anforderungen der walisischen Poetik zur Form von Strophe und Vers, Silbenzahl, Reimformen, Alliterationen, anderen Lautharmonien sind so vielfältig, dass es fast ein Wunder ist, hierbei auch noch inhaltlich zu glänzen. Und dies tut Dafydd ap Gwilym.

Für all diejenigen, die mit Walisisch nichts anfangen können, geht aber leider viel verloren. Denn gerade walisische Dichtung beeindruckt (und soll beeindrucken) viel stärker durch ihre akustische Wirkung als durch die Inhalte. Und die akustische Ästhetik lässt sich auch vom besten Übersetzer nicht einmal ansatzweise nachschaffen.

Bromwich als Übersetzerin und Herausgeberin dieses Buchs tut viel, um die Lücke zum Walisischen zu überbrücken. Ihre Einleitung bringt einem den Dichter, die walisische Bardentradition und auch die poetischen Anforderungen näher. Die Anmerkungen zu den Gedichten sind umfassend und erleichtern das Verständnis. Schade vielleicht, dass die Übersetzungen doch eher auf den inhaltlichen Sinn fokussieren, als dass sie hohe poetische Anforderungen erfüllen wollen. Persönlich wäre mir eine andere Balance lieber gewesen.

Das Buch ist sicherlich nichts für jeden Leser. Aber für alle, die sich mit mittelalterlicher Lyrik befassen, ist es ein Gewinn. Und für Freunde keltische oder speziell walisischer  Literatur und Kultur sowieso.

Als Leseprobe der Auszug eines der bekanntesten Gedichte von Dafydd ap Gwilym, in dem er Naturdichtung – über den Wind – mit Liebesdichtung – der Wind als Liebesbote an seine Geliebte Morfudd – miteinander verbindet:

„Yr wybrwynt helynt hylaw
Agwrdd drwst a gerdda draw,
Gŵr eres wyd garw ei sain,
Drud byd heb droed heb adain. „

Bromwich übersetzt:
„Sky wind of impetuous course
who travels yonder with your mighty shout,
you are a strange being, with a blustering voice,
most reckless in the world, though without foot or wing.“

Eine etwas poetischere Übersetzung des Gedichts von Gwyneth Lewis, durchaus dichter hinsichtlich der Klangeffekte am Original,  findet sich hier auf der Website der Poetry Foundation.

Und wer es genau wissen will, kann sich auch den walisischen Originalton anhören (man muss dann noch Gedicht 47 „Y Gwynt“ aussuchen und anschließend auf Audio klicken), da das Welsh Department der University of Swansea eine ganze Website den Gedichten von Dafydd ap Gwilym gewidmet hat.

The Lonely Londoners. Sam Selvon

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Ein weiteres Buch, das ich – inspiriert von den DVDs „In Their Own Words: British Novelists“ – gekauft habe: Ein Roman über westindische Einwanderer nach London in den 50er Jahren.

Von Sam Selvon (1923-1978) hatte ich vorher nichts gelesen und nichts gehört. Damit bin ich anscheinend nicht allein, denn auch zum Beispiel in der deutschen Wikipedia gibt es keinen Eintrag (zum Glück aber in der englischsprachigen). Und in einer Ausgabe des „Oxford Concise Companion to English Literature“ von 1990 taucht weder der Roman noch Selvon selbst auf.

„The Lonely Londoners“ zählt mittlerweile zu den „Modern Classics“. Diesem Anspruch wird der Roman des in Trinidad geborenen Schriftstellers gerecht. Thema sind die Erlebnisse, Gespräche und Gedanken von Menschen aus der britischen Karibik, die in den 50er Jahren nach London ausgewandert sind, rund um den etwas heimweh-kranken und leicht pessimistischen Protagonisten Moses Aloetta. Leicht hatten sie es nicht – nicht nur wegen der gelegentlichen klimatisch-bedingten Nässe und Kälte Englands. Denn obwohl sie als Bürger des Britischen Imperium auch britische Staatsbürger waren, hätten viele weiße Briten diese ihre Mitbürger viel lieber weiter in der Karibik gesehen.

Trotz des schweren Themas und der oft bedrückenden Erlebnisse bei Wohnungs- oder Arbeitssuche („sorry, no vacancy„), die er beschreibt, schreibt Selvon humoristisch und sehr leicht, ohne jemals seicht, platt oder undifferenziert zu werden.

Sehr unmittelbar und authentisch wirkt der Roman, der durchgängig in Dialogen wie im Erzählpart im englischen Dialekt der westindischen Einwanderer geschrieben ist. Dieser Dialekt ist im Übrigen für Leser mit nicht so ausgefeilten Englischkenntnissen sehr gut zu verstehen.

Der Roman macht auch Mut, da sich die westindischen Einwanderer nicht unterkriegen lassen, sondern immer wieder aufstehen und weitermachen. Und weil es irgendwie auch klappt, wenn auch langsam, mit dem Zusammenleben.

Als Leseprobe zwei Passagen:
„When Moses sit down and pay his fare he take out a white handkerchief and blow his nose. The handkerchief turn black and Moses watch it and curse the fog. He wasn’t in a good mood and the fog wasn’t doing anything to help the situation. He had was to get up from a nice warm bed and dress and come out in this nasty weather to go and meet a fellar that he didn’t even know.“

„Things does have a way of fixing themselves, whether you worry or not. If you hustle, it will happen, if you don’t hustle, it will still happen. Everybody living to dead, no matter what they doing while they living, in the end everybody dead.“

Gelesen habe ich eine englischsprachige Ausgabe von 2006. Für  Leser der deutschen Sprache gibt es leider nichts im Angebot…

 

Die Geschichte des Buches in 100 Büchern: 5000 Jahre Wissbegier der Menschheit. Roderick Cave und Sara Ayad

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Als Übersetzung einer Veröffentlichung der British Library gibt es nun auch in deutsch ein wirklich interessantes und auch empfehlenswertes Buch zur Geschichte des Buches.

Exzellent sind zwei Aspekte: die Auswahl der 100 Bücher und die Illustrationen.

Die Auswahl ist ausgesprochen ungewöhnlich, da sehr umfassend. Von der Vorgeschichte (!) bis zur Gegenwart werden alle Erdteile außer der Antarktis nicht nur mit „normalen“ Bücher, sondern auch in Quipus, sulawesischen Lontars und beschrifteten Knochen behandelt. Und auch Randerscheinungen wie die „Roten Bücher“ des Landschaftsgestalters Humphrey Repton mit ihrer eindrucksvollen Darstellung von vor/nach der Umgestaltung der Landschaft oder Playfairs „Commercial and Political Atlas“, in dem erstmals Kuchendiagramme ihre Verwendung finden, tauchen unter den 100 Büchern auf.

Ebenfalls ungewöhnlich und hilfreich ist, dass nicht – wie meist – bevorzugt Spitzenexemplare behandelt werden, sondern eher  Bücher, über die sich vieles zur Geschichte des Buches erschließen lässt. Gute Beispiele hierfür sind

  • das Laborbuch von Chester Carlson mit dem Eindruck zu seiner Erfindung des elektrostatischen Druckverfahrens für Kopierer von Xerox
  • Der Roman „El jardín de senderos que se bifurcan“ von Jorge Luis Borges, anhand dessen nicht nur die Bedeutung von Bibliotheken, sondern auch die des beginnenden Informationszeitalters beleuchtet werden.

Ergänzt wird diese sehr überzeugende Auswahl der 100 Bücher durch viele, qualitativ hochwertige und vor allem aussagekräftige Illustrationen, die das Buch optisch zu einem Vergnügen machen.

Wermutstropfen: Für jedes der 100 Beispielbücher gibt es nur zwei Seiten, von denen viel Platz für die Illustrationen verwendet wird und meist nur eine halbe Seite für Text übrig bleibt. Dies führt dazu, das etliche Aspekte in der Kürze letztlich kryptisch bleiben, auch durch das oft zu oberflächliche Glossar nicht ausreichend erläutert werden und das geweckte Interesse beim Leser immer wieder einmal unbefriedigt bleibt.

Leseprobe zum „Großen Kanon des Ming-Kaisers Yongle“ (Yongle Dadian), einer extrem umfang- und einflußreichen Enzyklopädie aus den Jahren 1403-1408:

„Kurz nach seiner Thronbesteigung gab Kaiser Yongle 1403 eine umfassende Edition sämtlicher Wissensbereiche von Religion über Wissenschaft, Technik, Astronomie, Medizin und Landwirtschaft bis hin zu Theater, Kunst, Geschichte und Literatur in Auftrag. Mehr als 2000 Gelehrte bearbeiteten in fünfjähriger Tätitgkeit über 8000 Texte. Für die Sammlung (…) verwendeten die Schreiber über 370 Millionen Schriftzeichen und füllten damit mehr als 11 000 Bände. (…) es wurden lediglich zwei Handschriften angefertigt. (…) Im Laufe der folgenden (…) Jahre wurden die (…) Handschriften durch Brände, Kriege und Plünderungen auf einen kläglichen Rest von 400 Bänden reduziert, die heute auf Bibliotheken und Museen der ganzen Welt verteilt sind.“

Gelesen habe ich die deutschsprachige erste Auflage von 2015. Die englische Originalausgabe erschien 2014.