The Birth of the West: Rome, Germany, France, and the Creation of Europe in the Tenth Century. Paul Collins

imageEin faszinierendes und inhaltsschweres Buch, in dem – durchaus nachvollziehbar – argumentiert wird, dass das Europa, welches wir heute kennen, ganz wesentlich im 10. Jahrhundert gegründet und geprägt wurde. Neben allem historischen, sozialgeschichtlichen, kulturellen Tiefgang bietet Collins auch immer wieder anregende und überraschende Anekdoten, so zum Beispiel über einen katholischen Heiligen:
“ Another extraordinary story  concerns the relics of Saint Guinefort (…). Though a saint, Guinefort was not a person but a heroic pet greyhound! One day when his owner was absent, a large serpent approached the cradle of the owner’s child. Guinefort attacked and killed the snake but was badly hurt himself. (…) When the parents returned, they found both cradle and dog covered in blood. Assuming Guinefort had attacked the baby, they killed him but later found the baby safe and the snake torn to pieces. Local peasant women began to ‚visit the place and honor the dog as a martyr in quest of help for their sicknesses and other needs,‘ particularly for the greyhound to cure sick babies.“
Und das Buch ist eine beeindruckende Quelle aus der Mode gekommener Vornamen wie Hatheberg, Herimann, Heriger, Hildebert, um nur das H herauszugreifen.
Gelesen habe ich die Ausgabe von 2013.

Murderous Contagion: A Human History of Disease. Mary Dobson

imageDieses Buch bietet einen ausgezeichneten Überblick über die Geschichte wesentlicher Seuchen und Krankheiten der Menschheit von Pest und Cholera über Ebola und HIV/AIDS bis hin zu Krebs und Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Mary Dobson schreibt ein sehr verständliches Englisch und vermeidet schwer verständliches medizinisches Fachvokabular. Dort, wo Fachtermini nicht zu vermeiden sind, hilft wieder das klar geschriebene Glossar.
Obendrein sehr fachkundig (soweit ich das beurteilen kann….), sehr engagiert und sehr anschaulich auch mit Zitaten und einschlägigen Anekdoten zu den einzelnen Krankheiten.
Ein Beispiel zu den Zitaten und Anekdoten, unter Tuberkulose:
In 1908 a health inspector in Massachusetts was shocked to find that spitting on the floor was common in most tailors‘ shops. The shop owners, however, merely responded with: ‚of course they spit on the floor; where do you expect them to spit, in their pockets?‘ (…) Linoleum (…) became popular as a cover for wooden floors to protect people from TB. It was believed that the germs hid in the cracks between the planks (…).
Gelesen habe ich die frisch aktualisierte, noch keimfreie Ausgabe (Ebola!) von 2015.

 

Empire: What ruling the world did to the British. Jeremy Paxman

imagePaxman beschreibt in seinem mitreißenden, journalistisch geschriebenen Buch, welchen Einfluss das „Empire“ auf die Briten und deren Selbstverständnis hatte und hat. „Without understanding how we looked at the rest of the world, we cannot really understand ourselves“, so Paxman zu seinem aufklärerischen Ansatz.

„(…) life in the empire promised freedom of one sort or another – from class, from creditors, from penury, from religious oppression. Living abroad offered a better life, at lower cost.“ Wie sich dies auf die eroberten Gebiete auswirkte, behandelt das Buch chronologisch. Im Fokus stehen die Regionen Karibik, Amerika, China, Indien und Asien sowie Palästina.

Paxman vermittelt sehr klar die wichtigsten Entwicklungen einerseits, ergänzt diese andererseits durch Anekdoten zu den wichtigsten Protagonisten:

„Gordon made his way up the Nile towards Khartoum in a buzz of thoughts, counter-thoughts, flashes of inspiration, second thoughts and fourth thoughts which he fired back to E. Baring in Cairo by telegraph, sometimes at the rate of  twenty or thirty a day (…) Baring soon decided that the only way to deal with Gordon´s dispatches was to let them pile up, and then to settle down in the evening and attempt to make out what was going on in his head.“

Zitiert nach der Ausgabe von 2011.

Bloody Foreigners: The Story of Immigration to Britain. Robert Winder

imageOffensichtlich ein Buch, das gut für die heutige Zeit passt, auch wenn es bereits im Jahr 2004 erschienen ist. Darüber hinaus ein wohltuendes und empfehlenswertes Buch: Winder behandelt Immigration nicht als „Problem“; er versucht konsequent, weder eine xenophobe noch eine xenophile Haltung einzunehmen; er berichtet und erzählt sine ira et studio. Und all dies in bester britischer liberaler Tradition.
Neben den immer wieder hochinteressanten Details, die sich in der Jahrtausende-alten Geschichte der Immigration nach Britannien finden, zeigt Winder vor allem in den ausgezeichneten Acknowledgements und der Einleitung auch große Linien und findet einsichtsvolle Perspektiven:

  • Es gibt keine englische oder britische Kultur ohne Immigration. Das, was wird heute als englische Kultur wahrnehmen, ist durch dauernde Immigration entstanden. Winder zitiert in diesem Zusammenhang ein Gedicht von Daniel Defoe von 1700:
    A true born Englishman’s a Contradiction
    In Speech an Irony, in Fact a Fiction.
  • Identität und Identifizierung ist erstaunlich flexibel: A man or a woman can cheer for England at the World Cup, Britain at the Olympics, Europe at the Ryder Cup, Scotland against Wales, Sussex in the Country Championship, and the West Indies in Test matches. Our loyalties can be fluid and overlapping.
  • Die Perspektive auf Immigranten kann sich deutlich verändern, wenn man sie um 180° dreht und dieselben Personen als Emigranten betrachtet: There is a built-in tendency to to present immigrants as passive or problematic second-tier characters, as guests or mere visitors with certain obligations of deference and gratitude towards their ‚host‘. Emigrants are much more dashing – adventurous, eager, intrepid, fun. (…) Migrants ceased to be the feeble, dependent figures of so much cartoon myth-making, and became plucky explorers on the sharp, often painful edge of social progress.
  • Immigration an sich ist nicht „gut“ oder „schlecht“. Es kommt darauf an. Vor allem kommt es darauf an, was man daraus macht: I now find it pointless even to brood on whether it can be described as a ‚good‘ or a ‚bad‘ thing. It is like wondering whether it is good or bad to grow old. Nor can immigration be conceived of as a single experience. For the man who meets the woman of his dreams, or makes his fortune, it is a happy process; for the boy knifed at a bus stop by a gang of violent bigots, it is a catastrophe.

The Smile Revolution in Eighteenth Century Paris. Colin Jones

Dieses im Jahr 2014 erschienene Buch habe ich zufällig in einem Buchgeschäft entdeckt und fand den Buchtitel sehr einladend.
Dieser Eindruck bestätigt sich: Gut und flüssig zu lesen, immer interessant, sogar gelegentlich spannend – ich habe mich auf jedes weitere Kapitel gefreut. Gute Balance zwischen wissenschaftlichem Anspruch (der Autor ist als Professor in London ausgewiesener Experte für Geschichte, Medizingeschichte und das französische 18. Jahrhundert) und Verständlichkeit auch für den interessierten Laien. Wenn man unbedingt kritteln möchte: Einige wirklich kleinere Wiederholungen hätte ein richtig sorgfältiges Lektorat vielleicht vermeiden können helfen.
Und vor allem der Inhalt:
Im westlichen Europa schon seit der Antike ist Lächeln in den besseren Kreisen nicht gut angesehen. Vordergründig liegt dies am moralischen Verhaltenskodex, der sang froid, stiff upper lip und ähnliches vorsieht. Nicht zuletzt trägt aber auch dazu bei, dass Zähne oft schlecht sind oder gar komplett fehlen und dass die generell eher mäßige Zahnhygiene ebenfalls ein Öffnen des Mundes nicht empfehlenswert macht…: Viele Menschen haben mit Anfang 30 bereits keine Zähne mehr.
Gegen Ende der Regierungszeit von Ludwig XIV. bekommt dann aber das Lächeln eine unerwartete Chance. Rousseau, Voltaire in Frankreich, aber auch Richardson in England und die gesamte Literatur der Empfindsamkeit werten das Lächeln als positives Zeichen des Charakters auf. Die in Paris aufkommende Zahnmedizin mit besserer Zahnbehandlung und ersten akzeptablen Zahnprothesen ermöglichen, beim Lächeln sogar weiße Zähne blitzen zu lassen.
Allerdings lässt die Französische Revolution mit Aufkommen des Terrors das Lächeln doch wieder erstarren. Auch Zahnärzte verlassen lieber das Land und wandern aus. Erst im 20. Jahrhundert erlebt das Lächeln – besonders das mit den weißen Zähnen – eine Renaissance mit Start in den USA, wohin sich auch die Zahnmedizin zurückgezogen hatte.
Diese Geschichte erzählt Colin Jones anhand von zwei Gemälden: einem Porträt Ludwigs XIV.  von Rigaud in Pomp und Ornat, aber offenbar ohne Zähne und ohne Lächeln sowie einem Selbstporträt von Vigée-Le Brun mit ihrer Tochter und einem Lächeln im Gesicht, das damals bei seiner ersten öffentlichen Ausstellung einen Skandal auslöst.
Wer gerne quer auf die Geschichte schaut, hat an diesem Buch bestimmt viel Freude.